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Alt 21.08.2008, 07:56   #1
Hellmann
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Cool Der preußische Regierungsagent Karl Marx

Wie der Schwager des preußischen Innenministers Ferdinand von Westphalen der berühmte Theoretiker der Kommunisten wurde.


Man habe abends oft noch beim Wein gesessen, der Chefredakteur und seine Kollegen, und wenn die Reihe der geleerten Flaschen beachtlich lang geworden war, habe Marx mit vor königlichem Vergnügen boshaft funkelnden Augen die Runde abgeschätzt. Jäh fuhr dann ein Finger auf einen der schockierten Freunde: "Dich werde ich vernichten."
Fitz J. Raddatz, Karl Marx - Der Mensch und seine Lehre, Rowohlt TB 1987, Seite 47


Ferdinand von Westphalen war preußischer Innenminister von 1850-58. Sein Netz aus Spionen soll Freund und Feind überwacht haben. Karl Marx hatte 1843 dessen jüngere Halbschwester Jenny von Westphalen geheiratet, deren Vater Ludwig von Westphalen zuvor der Mentor des jungen Karl Marx geworden war.

Falls ich nun der Erste bin, von dem der werte Leser den obigen Verdacht vernimmt, mag er sich nicht darüber wundern: das Leben ist hart. Viele sind sicher schon früher auf den naheliegenden Gedanken gekommen und haben lieber geschwiegen oder wir haben nie mehr davon gehört.
Für alle, die sich auskennen im politischen Geschäft und mit der Arbeit politischer Agenten, ein kurzer Blick in den Lebenslauf des Karl Marx reicht dem kundigen Auge, denn solche Zufälle gibt es nicht in einem gewöhnlichen Leben.

Wer es für history fiction hält, soll es als spannenden Roman lesen, um auf diesem Weg irgendwann hoffentlich zu realisieren, dass die vielen Rätsel des Lebens und der Karriere von Karl Marx nur so eine ganz einfache Erklärung finden.


Vorwort

Ein Regierungsagent arbeitet auf der höchsten Ebene der Politik und ist von Beruf Schriftsteller, Journalist, Wissenschaftler, Künstler, Abgeordneter oder lebt von „Zuwendungen von Freunden“ oder gar von „Verlagsvorschüssen“, wie unser Freund Charlie, dessen finanzielle Verhältnisse uns noch beschäftigen werden.
Selbstverständlich hat der Regierungsagent einen hohen Geldbedarf, sollte er doch auf gleicher gesellschaftlicher Ebene mit wichtigen Leuten auch in den Salons von Paris verkehren, in seiner privaten Bibliothek in London Freunde empfangen und vor allem immer wieder den völlig mittellosen politischen Querköpfen seine Hilfe anbieten können für entsprechende Gegenleistungen und politische Unterwerfung. Er hat Reisen zu finanzieren, Übernachtungen in besseren Hotels und darf nicht auch noch wirklich Zeit darauf verwenden müssen, sich das Geld mit Arbeit zu verdienen. Falls so einer nicht reich geerbt oder geheiratet hat, braucht er andere Finanzquellen, als es die üblichen Verlagshonorare für politische Bücher oder Artikel jemals sein könnten.

Im Gegensatz zu einem ordinären Polizeispitzel lauscht der Regierungsagent nicht am Fenster oder an der Tür des Salons, sondern er sitzt selber im Salon als bester Freund seiner Zielperson oder Zielgruppe; er stiehlt und öffnet nicht heimlich Briefe, aus denen er dann seine Informationen bezieht, sondern diese Briefe mit allen wichtigen, von ihm selber gegebenenfalls erbetenen Informationen werden von seinen gutgläubigen Freunden an ihn ganz persönlich adressiert.
Man findet später keine Akten mit Spitzelberichten in einem Polizeiarchiv, keine Verpflichtungserklärung für die Geheimpolizei und es gibt keinen ausgehandelten Agentenlohn mit Pensionsanspruch. Die benötigten Mittel stammen aus geheimen Quellen der Regierung, also in der Regel des Innen- oder Außenministeriums, ohne Belege und ohne geschwätzige Zeugen. Trotzdem sollte es natürlich Verdächtigungen gegeben haben, weil im politischen Geschäft die Regierungsagenten sich üblicherweise die Türklinken reichen und jeder, der selber dazugehört, die anderen Leute entsprechend unter Verdacht hat.

Regierungsagenten müssen möglichst viele und möglichst intensive Kontakte zu einflussreichen politischen Persönlichkeiten unterhalten. Ein normaler Mensch schafft das schon zeitlich nicht, zweitens hätte er kein Interesse an den ja nicht immer besonders angenehmen Zeitgenossen, weiß wohl auch um ihre Bedeutung nicht, sollte er einem davon zufällig begegnen, und schließlich würden ihm Geld und Gelegenheiten fehlen.

Eine professionelle „Freundschaft“ mit einer Zielperson wird angebahnt. Man kann nicht unvorbereitet mit einem Theologen über die Leben-Jesu-Forschung disputieren und danach noch mit dessen weiterer Freundschaft rechnen: da braucht es schon gezielte Einweisung, genaue Kenntnis des Denkens und der Standpunkte und der Vorlieben und persönlichen Umstände etwa eines Bruno Bauer. Eine Zufallsbekanntschaft würde sicher scheitern, aber Empfehlungen mit entsprechendem Hintergrund, irgendetwas für die Hoffnungen und Erwartungen der Zielperson, wichtige Informationen, mit denen ein Charlie gerade dienen kann, scheinbar zufälliges gesellschaftliches Aufeinandertreffen und gemeinsame Bekannte, die auch im Dienst des Ministeriums den jungen Mann ganz überschwänglich dem Bauer preisen und die Kontakte anbahnen…

Man kann auch nicht jeden als Regierungsagenten verwenden. Wut auf erfolgreichere Leute, die man im Auftrag und mit Unterstützung der Regierung politisch vernichten kann, ist ein gutes Motiv. Es war wohl sein Motiv und der preußische Regierungsrat Ludwig von Westphalen dürfte es an dem ehrgeizigen Sohn seines Freundes Heinrich Marx in Trier früh erkannt und noch gepflegt haben. Karl Marx war bestimmt kein angenehmer Charakter und ein Ludwig von Westphalen hat sich ganz sicher nicht aus Knabenliebe für unseren Freund interessiert und sich die Mühe gemacht, ihm die für seine späteren Aufgaben wichtigen geistigen Hintergründe zu vermitteln. Das war aber wichtig, weil einer das Agentenleben eben auch nicht auf der Schule oder im bürgerlichen Elternhaus lernt, höchstens vom Vater eines späteren preußischen Innenministers.

Dass er noch seine Tochter heiratet, war wohl vom Mentor nicht geplant.

Wir werden mit der Familie der Edlen von Westphalen beginnen und den preußischen Verhältnissen in Trier und darauf folgend die „Freundschaften“ betrachten, bei denen Marx sich immer wieder an damals gerade im politischen Fadenkreuz stehende Persönlichkeiten als hilfreicher Freund und Bewunderer herangemacht hat, um alsbald dann die Freundeskreise zu sprengen und diese ehemaligen Freunde noch über Jahre mit seinem Hass und ganzen Büchern zu verfolgen.

Es wird dabei deutlich zu erkennen sein, dass Karl Marx sich in den noch darzustellenden Fällen (Bauer, Ruge, Herwegh, Feuerbach, Weitling…) wie ein professioneller Regierungsagent verhalten hat, dessen Aufgabe es ist, solche regierungsfeindlichen Leute durch engste „freundschaftliche“ Beziehungen zu umgarnen, zu täuschen, zu beeinflussen, gegeneinander aufzubringen und politisch möglichst bald und nachhaltig auszuschalten.

Das sollte als Beweis dann reichen.
Wem seine großen Theorien nützlich waren, wird sich dabei auch noch zeigen.

Sicher wird man sich fragen, warum ich Karl Marx demontieren will.

Erstens aus Prinzip, weil die Sache für jeden politisch wirklich erfahrenen Menschen gar nicht anders gesehen werden kann.
Zweitens um zu verhindern, dass auch in Zukunft kritische Leute auf den Spuren ihres großen Vorbilds und Vordenkers Karl Marx zum Schluss für die Herrschenden arbeiten.
Drittens um den Lesern vorzuführen, wie Politik in dieser Ebene funktioniert, weil damit jeder rechnen und vorgewarnt sein sollte, der sich gegen die herrschenden Verhältnisse engagiert. Da wird heute noch nicht anders vorgegangen mit Regierungsagenten und Spitzeln und Provokateuren; und wer sich auf die Kritik der Verhältnisse und politische Aktivitäten einlässt, sollte zuerst einmal den besten Freunden und den größten Vorbildern nicht trauen.

Dafür, wie die Politik im 19. Jahrhundert, das in jeder Beziehung sehr folgenreich war, tatsächlich gelaufen ist, haben wir in Lebenslauf und Schriften von Karl Marx wichtige Zeugnisse und reiche Quellen. Es soll also auch eine Empfehlung sein, Karl Marx zu studieren, allerdings nicht den gequirlten Käse im Kapital, sondern seine Briefe, Artikel und tagespolitischen Stellungnahmen.

Viele werden sich weigern, ihren Glauben an den großen Revolutionär Karl Marx aufzugeben. Sie werden sich keinen Augenblick darüber wundern, warum Schulen, Universitäten und Massenmedien im Kapitalismus ausgerechnet den angeblich gefährlichsten Feind dieses Systems in der Vorstellung der Leute zum gefährlichsten Feind dieses Systems hochstilisieren sollten.

Die Reaktionen der Leser werden mehrheitlich so ähnlich sein wie bei der Geldpolitik: die Fachleute wissen genau, dass die Notenbanken die Wirtschaftskrisen und die Massenarbeitslosigkeit verursachen, aber das Publikum hält jeden, der das den Leuten verraten möchte, für den größten Spinner. Wie sollte sich eine derartige Verschwörung über so lange Zeit geheim halten lassen, fragen sich die Leute dann und ahnen nicht, wie leicht es für die Herrschenden ist, sie zu täuschen und zu belügen, aber wie schwer, das Publikum über Täuschungen und Lügen aufzuklären: sie selber sind der beste Beweis dafür.
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Alt 21.08.2008, 08:04   #2
Hellmann
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Philipp von Westphalen (1724-1792)

Sein Vater Johann Christian Westphal hatte es bis zum Hofpostmeister in Braunschweig und damit an die Spitze des Postdienstes im Herzogtum Braunschweig gebracht. In der damaligen Zeit war der Chef des Postdienstes eine wichtige Vertrauensperson des Herrscherhauses und hatte in Kriegs- und Friedenszeiten die politischen Korrespondenzen unter seiner Obhut.

Nach einer mehrjährigen Reise durch Süddeutschland, Frankreich und Italien in Begleitung eines jungen Herrn von Spiegel wurde Philipp ab 1751 Sekretär des preußischen Generalleutnants Ferdinand von Braunschweig.

Im Siebenjährigen Krieg ab 1756 erhielt Ferdinand 1757 den Oberbefehl auf dem westlichen Kriegsschauplatz und Philipp Westphal wurde der inoffizielle Generalstabschef und Oberquartiermeister des Herzogs, offiziell seit 1762 sein Geheimsekretär. Das ausgezeichnete Zusammenwirken von Philipp und Ferdinand soll für die militärischen Erfolge maßgeblich gewesen sein. Für seine Verdienste wurde er durch einen kaiserlichen Adelsbrief 1764 als „Edler von Westphalen“ in den Adelsstand erhoben.

Der Marx-Biograph Mehring schreibt dazu: „Bürgerlicher Geheimsekretär des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der im siebenjährigen Kriege an der Spitze eines bunt zusammengewürfelten, von englischem Gelde besoldeten Heeres das westliche Deutschland erfolgreich vor den Eroberungsgelüsten Ludwigs XV. und seiner Pompadour schützte, hatte sich Philipp Westphalen zum tatsächlichen Generalstabschef des Herzogs zu machen verstanden, allen deutschen und englischen Generalen des Heeres zum Trotz."
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_007.htm

Der britische König Georg III. aus dem Hause Hannover hatte ihm den Titel des Generaladjutanten des Heeres verliehen, von dem Philipp allerdings keinen Gebrauch machte, und außerdem eine jährliche Pension von 200 Pfund Sterling. Von der kurhannoverschen Regierung erhielt er eine Jahrespension von 500 Talern.

Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763, auch Dritter Schlesischer Krieg genannt) kämpften mit Preußen, Großbritannien/Kur-Hannover auf der einen Seite und Österreich, Frankreich, Russland auf der anderen Seite alle europäischen Großmächte der Zeit. Viele mittlere und kleine Staaten waren ebenfalls beteiligt. Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten und war damit in gewissem Sinne eigentlich der zweite Weltkrieg nach dem Spanischen Erbfolgekrieg. Für England und Frankreich ging es hierbei um die Herrschaft in Nordamerika und in Indien.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Siebenj%C3%A4hriger_Krieg

Im britischen Feldlager hatte er die Schwägerin des Kommandanten der britischen Truppen kennengelernt, Jeanie Wishart (of Pittarow), Tochter des Stadtpfarrers Dr. George Wishart in Edinburgh und der Anne Campbell mit Vorfahren im schottischen Land- und Hochadel, die 1765 seine Frau wurde. Trotz der schottischen Abstammung waren die Vorfahren nicht katholisch und nicht franzosenfreundlich, sondern, wie Mehring schreibt: „einer ihrer Vorfahren in gerade aufsteigender Linie hatte im Kampfe für die Einführung der Reformation in Schottland den Scheiterhaufen bestiegen, ein anderer, der Earl Archibald Argyle, war als Rebell im Freiheitskampfe gegen Jakob II. auf dem Marktplatze in Edinburgh enthauptet worden“.

Im Gegensatz zu Mehring wollen wir daraus aber nicht den Schluss ziehen, dass die Kinder dieser Ehe folglich dem Junkertum entfremdet worden seien, sondern dass die Kinder protestantisch und franzosenfeindlich aufwachsen mussten, jeglichen politischen Umtrieben und geheimer Diplomatie und sonstigen Machenschaften zugeneigt und mit dem dafür noch nötigen Wissen und den Verbindungen ausgestattet.

Die Berichte des Philipp an Friedrich II. von Preußen flossen später in dessen Werk über den Siebenjährigen Krieg ein. Seine eigenen Berichte aus dem Krieg reichten nur bis zum Jahr 1758 konnten aus Rücksicht auf noch lebende Beteiligte erst von seinem Enkel publiziert werden.


Philipp von Westphalen: Geschichte der Feldzüge Herzog Ferdinands von Braunschweig-Lüneburg, hrsg. von Ferdinand von Westphalen, Berlin 1859-72
online bei Google Books:
http://www.google.de/books?id=agwPAA...2Xzf4E#PPR3,M1

Eintrag in der ADB: http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/...ref,adb0420230)
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Alt 21.08.2008, 08:15   #3
Hellmann
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Ludwig von Westphalen (1770-1842)


Ludwig war einer der vier Söhne des Philipp, der nach dem Verkauf seines Lehnsgutes für 40.000 Taler eine Besitzung in Mecklenburg erworben hatte und sich geschichtlichen Studien und der Erziehung seiner Söhne widmete. Den Winter verbrachte der Vater in Braunschweig, wo seine vier Söhne das Collegium Carolinum besuchten.

Nach seinem Studium in Göttingen trat Ludwig von Westphalen für kurze Zeit (1794-97) in den braunschweigischen Staatsdienst ein, versuchte sich dann jedoch nach seiner Heirat mit Elisabeth von Veltheim (1778-1807) als Gutsbesitzer, womit er wirtschaftlich scheiterte.

Aus Ludwigs erster Ehe mit Elisabeth von Veltheim stammte Ferdinand Otto von Westphalen (1799-1876), der spätere preußische Innenminister; aus seiner zweiten Ehe mit Caroline Heubel (1776[1779?]-1856) hatte er die Tochter Jenny und den Sohn Edgar.

Hier eine Karte mit dem Königreich Westphalen im Jahr 1807:
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Rheinbund_1807.png

Als 1807 der napoleonische Modellstaat Westphalen gegründet wurde, trat Ludwig in dessen Dienste und wurde im Sommer 1809 zum Unterpräfekten in Salzwedel ernannt, wo er sich nach dem frühen Tod seiner ersten Frau mit seiner zweiten Frau Caroline Heubel verheiratete, einer Bürgerlichen.

Mit dem Königreich Westphalen wollte Kaiser Napoleon nach dem Frieden von Tilsit einen französischen Vasallenstaat unter seinem jüngsten Bruder Jerome und Katharina von Würthemberg als König und Königin schaffen. Westphalen erhielt als erster deutscher Staat eine schriftliche Verfassung und ein Parlament, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, der Code Civil und die Gewerbefreiheit eingeführt.

Das Königreich Westphalen im Jahr 1812:
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Rheinbund_1812.png

Die Finanzen des Königreichs Westphalen wurden schnell durch hohe Zahlungen an Frankreich zerrüttet und die Bevölkerung hatte nach der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht Soldaten zu stellen – in Russland kämpften dann 28.000 und in Spanien 8.000 Westphalen, von denen nur je 1.000 zurück kamen. Mit Polizei und Spitzeln versuchte man den Widerstand der Bürger zu brechen. Vor allem gegen die Konskriptionen richteten sich lokale Aufstände, im Jahr 1809 unter Führung von Wilhelm Freiherr von Dörnberg - der nach dem Frieden von Tilsit als Oberst der Gardejäger in den westphälischen Militärdienst eingetreten war und in geheimem Kontakt und Austausch mit Scharnhorst, Gneisenau, Schill und Katte stand. Im gleichen Jahr baute Friedrich Wilhelm von Braunschweig, der das Herzogtum seines Vaters zurückerobern wollte, aus eigenen Mitteln ein Freikorps auf. Er hatte mit seiner Schwarzen Schar nicht die Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., der zur Beschwichtigung Frankreichs die Aufstellung des Freikorps zu verhindern suchte, sondern die Unterstützung des österreichischen Erzherzogs Karl.

Nach der Niederlage der Österreicher bei Wagram kämpfte sich die Schwarze Schar nach Norddeutschland an die Küste durch, wo sie nach England eingeschifft wurde, um anschließend unter dem Oberbefehl Wellingtons in Spanien und Portugal zu kämpfen. Der „Schwarze Herzog“ Friedrich Wilhelm von Braunschweig fiel zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo 1815 in Belgien.

Wo stand unser Ludwig von Westphalen in diesen unsicheren Zeiten? Als der Sohn seines in Geheimdiplomatie bewanderten Vaters und der britischen Mutter, die am 31. Juli 1811in Salzwedel starb, wo ihr Sohn in französischem Dienst stand, insgeheim auf preußisch-britischer Seite? Ein geheimer Konspirant gegen seine Dienstherren wie der Freiherr von Dörnberg?

Laut Mehring wäre er den französischen Reformen nicht abgeneigt gewesen, jedoch der Fremdherrschaft, „und hatte im Jahre 1813 die harte Hand des Marschalls Davoust zu spüren“.

Einen Hinweis gibt uns die Verwandtschaft seiner Frau Caroline geb. Heubel, deren Vetter der Buchhändler Friedrich Perthes war. Perthes, der nach dem Tod seines Vaters in der Familie der Caroline aufwuchs, heiratete eine Tochter des Dichters Matthias Claudius. Zwar nur eine Bürgerliche, kam die Caroline Heubel doch aus sehr guten Kreisen.

Der Perthes nun beteiligte sich als Buchhändler in Hamburg am patriotischen Widerstand gegen die französische Besetzung und verlor nach der Wiederbesetzung Hamburgs durch den französischen Marschall Davoust seinen gesamten Besitz und musste fliehen. Später eröffnete er einen Buchhandel in Gotha, wir werden unten gleich wieder auf ihn zurückkommen. Es ist also anzunehmen, dass wir es auch hier nicht mit dem Zufall zu tun haben, sondern dass Ludwig von Westphalen seine im April 1812 angetraute Caroline über seine politischen Kontakte gefunden hatte.

Mit der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 löste sich das Königreich Westphalen auf. Es wird von Jubel der Bürger beim Einzug der Kosaken und Ausschreitungen der Bevölkerung gegen die ehemaligen Bürgermeister und die unter der Franzosenherrschaft emanzipierten Juden berichtet.

Der preußische Gebietszuwachs am Rhein änderte noch einmal die Laufbahn des Ludwig. Aus „Salzwedel, wo ihm seine Tochter Jenny am 12. Februar 1814 geboren wurde, war er dann zwei Jahre später als Rat an die Regierung in Trier versetzt worden; im ersten Eifer besaß der preußische Staatskanzler Hardenberg noch die Erkenntnis, dass die tüchtigsten, von junkerlichen Schrullen freiesten Köpfe in die neugewonnenen Rheinland geworfen werden müssten, die mit ihrem Herzen immer noch an Frankreich hingen“, meint Mehring, der damit aus dem Ludwig von Westphalen so etwas wie einen Freigeist machen möchte, nicht bedenkend, dass die preußische Regierung gerade im Rheinland dringend besonders zuverlässige Leute brauchte. Mit 1800 Talern Jahreseinkommen (Monz, Karl Marx, S. 231) der höchstbezahlte „Justizangestellte“ in Trier, was er dafür genau gemacht hat, suche ich noch.

Aus der Website der Stadt Trier:

„Trier wurde nach dem Wiener Kongress von 1815 der Herrschaft des Königreichs Preußen zugeschlagen, was mit geistiger und politischer Unterdrückung sowie wirtschaftlichem Abstieg einherging. Die preußische Zollpolitik unterband den Handel der Weinbauern mit den westlichen Nachbarn und erschwerte den Weinabsatz in Preußen selbst. Dies führte in Verbindung mit hohem Steuerdruck und stetig steigenden Preisen zu großer wirtschaftlicher Not: 1831 lebte fast ein Drittel der Bevölkerung am Rand oder unterhalb des Existenzminimums. Die soziale Lage und die politischen Spannungen mit dem preußischen Staat stürmten auf den jungen Karl Marx ein…“
Quelle: http://cms.trier.de/stadt-trier/Inte...ge&Page.PK=165

Das war also die politische Lage in der Stadt Trier mit ihrer katholischen Tradition und wirtschaftlichen Not und der den Preußen feindlich gesonnenen Bevölkerung, in deren Umgebung preußische Truppen stationiert wurden, mit denen und den Angehörigen der preußischen Verwaltung überhaupt erst so etwas wie eine evangelische Kirchengemeinde in Trier entstand, für die zunächst der Militärgeistliche der preußischen Garnison zuständig gewesen ist.

Nähere Informationen über die politische Lage im Rheinland und besonders in Trier erhalten wir aus einem Brief des Ludwig von Westphalen an den Vetter seiner Frau, den oben schon erwähnten Buchhändler Perthes in Gotha, vom 7. April 1831.

Bei der Interpretation des Briefes des Regierungsrates an seinen Vetter Perthes erleben wir die typische verdrehte Argumentation wie sie uns im Falle Marx noch öfter begegnen wird. Wer dazu Lust hat, kann das dann in dem Artikel „Zur Persönlichkeit von Marx´ Schwiegervater Johann Ludwig von Westphalen“ von Heinz Monz in den „Schriften aus dem Karl-Marx-Haus“, Trier 1973, nachlesen. Man macht da aus einem mit allen Fragen der inneren Sicherheit intim vertrauten preußischen Regierungsrat einen Preußenkritiker, obwohl zeitgenössische Schreiben der Bürgermeister an das Regierungspräsidium diese Fragen ganz ebenso deutlich behandeln und jede andere Denkweise innerhalb der zuständigen Regierungskreise ja auch völlig blödsinnig wäre.

Dass das Schreiben nicht einfach ein Verwandtentratsch war, ergibt sich aus dem ausdrücklichen Hinweis, die Informationen vertraulich zu behandeln:

„Nach diese allgemeinen Äußerung meiner Befürchtungen, Hoffnungen u. Wünsche komme ich auf den Stand der Dinge in unsrer Gegend, von welcher Sie Gefahr befürchten, zurück u. habe darüber Folgendes vertraulich – da ich weiß, daß dann kein öffentlicher Gebrauch gemacht wird – zu bemerken.“

Es ist natürlich unter Pfarrerstöchtern davon auszugehen, dass der bekannte Buchhändler Perthes in Gotha ebenfalls berufsbedingt für die Regierung gearbeitet hat und die erhaltenen Informationen nicht für ein Kaffeekränzchen erbeten und erhalten hatte. Es geht dann in diesem Schreiben über Seiten um die Klagen über die Steuern und die Lage der Wirtschaft und besonders der ärmeren Mittelklasse.

„Der Reg.Bezirk Trier ist wohl der schlechteste in der Monarchie. Er ist ein Gebirgsland; mit Ausnahme der sehr fruchtbaren Mosel- u. Saar Thal Gebiete u. der schmäleren Thäler der kleineren Flüsse, von äußerst steriler Beschaffenheit. Die Cultur im Ganzen auf der niedrigsten Stufe; daher wird selbst in guten Jahren der Bedarf an Brodfrüchten von dem ausgedehnten Flächen Inhalte von 119 Meilen für die schwache Bevölkerung von circa 365.000 Seelen nicht gewonnen.
Die letzten 7 – 8 Jahre sind aber als Fastjahre zu betrachten. Der Handel mit Vieh nach Frankreich, der sonst viel Geld ins Land brachte, hat wegen der hohen Abgaben von eingeführtem Viehe aufgehört; Fabriken, Manufactur u. Handel sind hier von keinem Belang; daher der große Geldmangel, die steigende Verarmung u. der wirklich große Nothstand.“


In dem Stil geht es dann weiter über die mehr Kriegs- als Friedenszeiten angemessene Landwehr und deren wiederkehrende Übungen zu den Zeiten, in denen die Leute für Feldarbeiten gebraucht würden; weiter über die Wirkungen der französischen Presse und die Sympathien für Frankreich in den höheren Klassen der Gesellschaft und unter den Gymnasiasten und Studenten.

Ein Schreiben also, nach dessen Lektüre man den kundigen Verfasser sofort mit der Leitung der lokalen Geheimpolizei betrauen möchte, falls die Stelle nicht schon von seinem Sohn besetzt wäre, statt ihn zu einem Feind der preußischen Regierung zu erklären, der dann den jungen Marx entsprechend zu revolutionären Überzeugungen angeleitet habe.
Verständlich aber, dass die herrschende Geschichtsschreibung, um keinen Verdacht auf Marx fallen zu lassen, zu entsprechend abwegigen Interpretationen der Quellen gezwungen ist.

Die finanziellen Verhältnisse der Familie des Ludwig von Westphalen waren abgesehen vom hohen Jahresgehalt recht bescheiden, also kein Vermögen vorhanden, was vermutlich auch die Heiratsaussichten der Tochter Jenny beeinträchtigt hat. Gute Beziehungen zur preußischen Regierung über den Vater und den älteren Bruder dürften die einzige nennenswerte Mitgift des Mädels gewesen sein. Das wird ihr dann aber auch den Bräutigam zugeführt haben.
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Alt 21.08.2008, 08:19   #4
Hellmann
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Ferdinand Otto von Westphalen (1799-1876)

Preußischer Innenminister von 1850-58



Mehring darf an ihm kein gutes Haar lassen, es ist ja auch gar zu verdächtig:

„In dem ältesten Sohne Ludwig von Westphalens ist die Gesinnung des Vaters nicht lebendig geblieben. Er war ein bürokratischer Streber und schlimmeres als das; in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre hat er als preußischer Minister des Innern die feudalen Ansprüche des verstocktesten Zaunjunkertums sogar gegen den Ministerpräsidenten Manteuffel vertreten, der immerhin ein gewitzter Bürokrat war. Mit seiner Schwester Jenny hat dieser Ferdinand von Westphalen in keiner engeren Beziehungen gestanden, zumal da er fünfzehn Jahre älter als sie und auch nur, als Sohn aus einer ersten Ehe des Vaters, ihr Halbbruder war.“

So leicht wollen wir es uns hier nicht machen, denn ein preußischer Innenminister verfügt für die Zwecke der Geheimpolitik über riesige Fonds, mit denen man seiner kleinen Schwester und dem stets geldbedürftigen Schwager leicht imponieren kann. Auch bei dem kleinen Bruder müssen wir uns fragen, womit er denn seinen unsteten Lebenswandel finanziert hat in Zeiten, in denen selbst mit harter Arbeit nicht viel Geld zu verdienen war, selbst wenn es nicht um Reisen bis nach Amerika ging, sondern nur um das tägliche Brot. Bei Mehring ist der jüngere Bruder natürlich der Beweis für die revolutionäre Erziehung im Hause des Ludwig von Westphalen:

„Ihr echter Bruder war dagegen Edgar von Westphalen, der nach links von den Pfaden des Vaters abwich wie Ferdinand nach rechts. Er hat gelegentlich die kommunistischen Kundgebungen seines Schwagers Marx mitunterzeichnet. Ein steter Gefährte ist er ihm freilich nicht geworden; er ging über das große Wasser, hatte dort wechselnde Schicksale, kehrte zurück, tauchte bald hier, bald dort auf, ein rechter Wildling, wo man von ihm hört. Aber ein treues Herz hat er immer für Jenny und Karl Marx gehabt, und sie haben ihren ersten Sohn nach ihm genannt.“

In den deutschen Emigrantenkreisen über dem großen Wasser hat der preußische Innenminister natürlich verlässliche Zuträger auch gebrauchen können und so war auch für den sicher liebenswerten, aber für harte Arbeit ebenso wie schmutzige Konfrontationen ungeeigneten jüngsten Sohn aus dem Hause der Edlen von Westphalen gesorgt.

Gerade in Zeiten revolutionärer Unruhen muß ein Innenminister nicht nur in Preußen mit den Methoden zur Herstellung der inneren Sicherheit vertraut sein, wozu eben das gesamte Agentenwesen zählt, vom billigen Spitzel der örtlichen Polizei bis zum hochrangigen und hochbezahlten Regierungsagenten in den führenden Kreisen der jeweiligen Gegner.

Um überhaupt Innenminister zu werden, sollte einer das dafür nötige Talent zur Aufstellung des erwünschten Spitzelsystems und Agentennetzes schon über Jahre nachgewiesen haben. Der Leser ahnt jetzt sicher, wie sich gerade Ferdinand von Westphalen für dieses höchstwichtige Regierungsamt qualifizieren konnte.

Der US-amerikanische Historiker Hajo Holborn, im Jahr 1967der erste nicht in den USA geborene Präsident der American Historical Association , schreibt in seinem Buch „A history of Modern Germany“ über den von ihm allerdings fälschlich als „Count Ferdinand“ titulierten Innenminister:

(Es gab auch eine Familie der Grafen von Westphalen, die mit unseren Edlen von Westphalen in keiner Weise verwandt waren, deren Vertreter Clemens August Reichsgraf von Westphalen zu Fürstenberg als Angehöriger des Hochadels eine Stimme beim Westfälischen Provinziallandtag hatte und während der Kölner Wirren Partei für den von der preußischen Regierung inhaftierten Kölner Erzbischof nahm – vielleicht der Grund, dass der Name „von Westphalen“ eher mit der bekannten preußenfeindlichen Grafenfamilie in Zusammenhang gebracht wurde und kein Misstrauen erweckte.)

"Police State Methods

Naturally this system produced not only supervision of the thinking of the people but also the inevitable reaction, faked conformity. In public life the situation was equally bad due to the politics of Count Ferdinand von Westphalen (1799-1876), who held the key position of minister of interior in the Manteuffel cabinet. Strangely enough, although he was the brother-in-law of Karl Marx, he was the chief confidant of the Kamarilla among the ministers. The organization of an intense spy apparatus shadowing both friends and foes was his work. Even Prince William, heir of the throne, came under surveillance after he had criticized Prussian policy during the Crimean war. The police did not hesitate to use forged documents in order to bring opponents of the government to trial, and political as well as press offenses were now withdrawn from jury trial. Even then, however, the Prussian judges stood up well to the methods of the police state. It is unnecessary to describe other corollaries of these methods, such as censorship and suppression of all forms of political association insofar as they went beyond strictly local activities."

Quelle: http://books.google.co.uk/books?id=Y...sult#PPA110,M1

Dieses Zeugnis über die Fähigkeiten des Ferdinand von Westphalen müssen wir in einem weiteren Punkt berichtigen: das „strangely enough“ kann sich nicht sinnvoll auf den „chief confidant of the Kamarilla among the ministers“ beziehen, denn gerade Karl Marx hatte ja ganz ähnliche Talente vorzuweisen. Ein Sinn ergibt sich erst mit dem nächsten Satz des Holborn, dass also „strangely enough“ die Organisation eines wirkungsvollen Spionageapparates sein Werk gewesen ist, von dem Freunde wie Feinde beschattet wurden, sogar der preußische Prinz Wilhelm.

Die uns überlieferten Maßnahmen dieses „intense spy apparatus“ gegen Schwager und Schwesterchen muten da eher ungeschickt und wenig wirkungsvoll an; eher als wären sie nur zur Schau gemacht, wir werden noch darauf kommen.
Einen Überblick über den Werdegang des Ferdinand erhalten wir in der per Internet verfügbaren Allgemeinen Deutschen Biographie ADB.

Im Jahr 1799 in Lübeck als ältester Sohn des Ludwig und seiner ersten Frau geboren, besucht er in Salzwedel das Gymnasium und absolviert danach ein Universitätstriennium von 1816-19 in Halle, Göttingen und Berlin. Ab 1819 als Auscultator beim Stadtgericht in Berlin wechselt er bald zur Verwaltung; von 1826-30 Landrat des Kreises Bitburg bei Trier, von 1830-38 Regierungsrat bei der Erfurter Regierung, 1838-43 als Oberregierungsrath und Dirigent der Abteilung des Inneren der Regierung zu Trier, 1843 Regierungsvizepräsident zu Liegnitz, 1843-49 Regierungsvizepräsident in Stettin und 1849 Regierungspräsident in Liegnitz.

Im Dezember 1850 dann Ernennung zum preußischen Minister des Inneren der Regierung Manteuffel. Der König Wilhelm IV. ist von ihm begeistert, weil er in dessen Sinn die Restauration durchzuführen beginnt.

„In der That hat unter allen Ministern der Reactionszeit keiner in dem Maaße im Geiste des Königs gehandelt als W. Als seine dringendste Aufgabe betrachtete er ganz im Sinne des Königs die Wiederherstellung der ständischen Monarchie.“
Quelle: http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/...ref,adb0420223)

Verheiratet war Ferdinand von Westphalen mit Louise Mathilde Chassot von Florencourt, deren Vater herzoglich-braunschweigischer Kammersekretär war und noch zwei Söhne hatte.

Ein Bruder der Luise war Franz Chassot von Florencourt und damit ein weiterer Schwager des späteren preußischen Innenministers, der heute noch für seine politischen Umtriebe als Burschenschaftler und später sogar als Katholik bekannt ist.

Franz Chassot von Florencourt (* 4. Juli 1803 in Braunschweig; † 9. September 1886 in Paderborn) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist.
Florencourt gründete in Braunschweig 1822 den später verbotenen Jünglingsbund. Mit dem Kanonisten Friedrich Bernhard Christian Maassen gründete er 1849 die Zeitschrift "Norddeutscher Korrespondent".
Von 1834 an wurde er wegen "Demagogie" sowie "schriftstellerischen Umtrieben" über Jahrzehnte hinweg angeklagt [1]. Als er 1873 den Krieg Preußens gegen Österreich (1866) "als 'Sünde' gegen Demokratie und Recht verurteilt" [2], führte diese Zeitungsnotiz zu verschiedenen Gerichtsprozessen gegen ihn.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Florencourt

Sozusagen „merkwürdigerweise“ entkam Franz Florencourt den Nachstellungen der preußischen Polizei wegen des Jünglingsbundes:

Der Jünglingsbund war eine aus den Burschenschaften auf Veranlassung von Karl Follen entstandene geheime Vereinigung.

Ursprünglich wurde der Bund in Braunschweig durch Franz von Florencourt gegründet. Nachdem die Mitglieder sich an verschiedenen Universitäten einschrieben, gewann der Bund eine größere Ausbreitung. Der Burschenschafter Sprewitz aus Jena begann Mitglieder zu werben. Es fanden sich etwa 120 Burschenschafter, darunter auch Arnold Ruge, die sich daran beteiligten. Ziel des Vereines war die Beseitigung der Regierungen und die deutsche Einheit. Nach Follens Absicht sollten der Jünglingsbund die Aktionen durchführen, die ein parallel entstehender "Männerbund" aus "führenden Demokraten" entwerfen sollte. Ein solcher Männerbund kam nie zustande.

Auf dem Nürnberger Bundestag am 12. Oktober 1822 wurde Robert Wesselhöft zum Vorsitzenden gewählt.
Im August 1823 wurde der Jünglingsbund an die preußische Polizei verraten, bevor es zu irgendeiner Aktion kam. Die Mitglieder wurden verhaftet und besonders in Preußen zu hohen Festungsstrafen verurteilt.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCnglingsbund

Der Spitzelapparat der preußischen Polizei muß Köpfe und Namen umfasst haben, die uns heute noch ein Begriff sind. Da lauscht ja nicht das Dienstmädchen an der Tür, sondern wenn ein Dutzend Leute etwas Wichtiges planen, sind schon eine Handvoll Agenten von Polizei und Regierung darunter und haben den Auftrag, das nun zu fördern oder zu verhindern, je nach den Interessen ihrer Auftraggeber und der aktuellen Lage der Politik.

Franz von Florencourt wurde zwar über Jahrzehnte hinweg angeklagt, was ihm unter Dissidenten zu Glaubwürdigkeit verhalf, jedoch nie eingesperrt. Ohne das jetzt vertiefen zu wollen, würde ich einmal annehmen, dass auch dieser Schwager des Ferdinand von Westphalen als Regierungsagent gearbeitet hat.
Weil wir wissen, dass Regierungsagenten im Gegensatz zu gewöhnlichen Bürgern ziemlich umtriebig sind - was sie auch sein müssen, wenn sie als Agenten einen Wert haben sollen - reicht eigentlich schon ein Blick auf seine Biographie:

Florencourt spr. Florangkuhr), Franz Chassot v. F., geb. 1803 in Braunschweig, widmete sich Anfangs der Landwirthschaft, studirte später in Marburg die Rechte u. besuchte noch andere Universitäten, wo er sich an den burschenschaftlichen Verbindungen betheiligte. Er wurde nach dem Frankfurter Attentat, 3. April 1833, in Kiel zur Untersuchung gezogen, jedoch freigesprochen. Bei seinem Aufenthalt in Hamburg von 1837 bis 1839 redigirte er die Literarischen u. kritischen Blätter der Börsenhalle, begab sich 1840 nach Naumburg a. d. Saale, erwarb hier Grundbesitz u. trat in das dortige Stadtverordnetencollegium. Als Publicist vertrat er anfänglich die liberalen Ideen u. die Bestrebungen der Deutschkatholiken u. Lichtfreunde, ging aber später zu der entgegengesetzten Partei über. 1847 übernahm er die Redaction des in Grimma erscheinenden Sächsischen Verfassungsfreundes, im März 1848 die des Volksblattes für Stadt u. Land u. im Jahr 1849 die des in Rostock erscheinenden Norddeutschen Correspondenten. 1849 trat er in Schwerin zur Katholischen Kirche über, hielt sich 1850 in Frankfurt a. M. auf u. wirkte durch Wort u. Schrift für den reactivirten Bundestag, ging von hier nach Wien u. correspondirte für die in Köln erscheinende katholische Volkshalle u. übernahm die Redaction dieses Blattes später selbst, trat jedoch im April 1854 davon zurück. Go wurde 1855 Amtmann in Dringenberg im Kreise Warburg u. 1858 Procurator des Studienfonds in Paderborn.
Quelle: http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Florencourt

Der Übertritt zur katholischen Kirche ist seinerzeit von Marx und Engels süffisant kommentiert worden.

Die Eltern des Franz von Florencourt haben sich in ihrem Testament im Jahr 1832, in dem es um die Erbregelung im Fall ihres Todes ging, über ihren Sohn Franz bitter beklagt. Ihr Sohn Franz habe ihnen soviel Ursache zur Unzufriedenheit gegeben, dass er nur ein Pflichtteil des Erbes erhalte, wovon die Hälfte nicht ausgezahlt, sondern als Leibrente zum Schutz vor vollständiger Armut angelegt werden solle. Der zum Executor ihres letzten Willens ernannte Regierungsrath von Westphalen möge den Franz sogar unter Curatel setzen lassen, falls seine Verhältnisse oder sein Betragen es notwendig erscheinen ließen. (Georg Eckert, Jenny Marx und die Familie von Florencourt, Schriften aus dem Karl Marx Haus, Trier, Heft 9, Seite 121ff).

Sich selbst beschrieb Franz, der anscheinend in seiner Pubertät in schwere Konflikte mit Elternhaus und Schule geraten war, als tiefverschlossenes Kind, das sein „eben so gütiger und kluger Vater“ für „völlig gefühllos und liebeleer hielt“ (ebenda, S. 115/116). Ganz perfekt also für solche Zwecke.

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Alt 21.08.2008, 08:22   #5
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Heinrich Marx (1777-1838), Advokat in Trier


Seine Frau Henriette, geb. Presburg, war über ihre Ururgroßeltern mit Heinrich Heine verwandt. Der Vater nannte sich Marx Levi und war Rabbiner in Trier, der Bruder von Heinrich war dessen Nachfolger Oberrabbiner Samuel Marx in Trier.

Nach dem juristischen Studium in Berlin und Koblenz nahm er 1814 seine Tätigkeit als Anwalt in Trier auf. 1816 oder 1817 ließ er sich von dem evangelischen Divisionsprediger Mühlenhoff taufen. Der König von Preußen hatte im Jahr 1815 die Juden von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen; allerdings sollte man daraus nicht folgern, dass Heinrich Marx der Religionswechsel nun schwer gefallen wäre und er deswegen gar zu einem Gegner preußischer Politik geworden wäre, wie es auch Mehring richtigstellt:

„Jude, Rheinländer, Rechtsgelehrter, so daß er gegen alle Liebreize des ostelbischen Junkertums dreifach hätte gepanzert sein müssen, war Heinrich Marx doch preußischer Patriot, nicht in dem faden Sinne, den dies Wort heute hat, sondern preußischer Patriot etwa von dem Schlage, wie ihn die älteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben: mit bürgerlicher Bildung gesättigt, in gutem Glauben an die altfritzige Aufklärung, ein »Ideologe«, wie sie Napoleon nicht ohne Grund haßte. Was dieser unter »dem tollen Ausdruck von Ideologie« verstand, schürte zumal den Haß des Vaters Marx gegen den Eroberer, der den rheinischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung und den rheinischen Landen den Code Napoléon geschenkt hatte, ihr eifersüchtig behütetes, aber von der altpreußischen Reaktion unablässig angefeindetes Kleinod.
Sein Glaube an den »Genius« der preußischen Monarchie ist auch nicht dadurch erschüttert worden, daß ihn die preußische Regierung gezwungen hätte, um seines Amtes willen seine Religion zu wechseln. Das ist wiederholt behauptet worden und auch von sonst unterrichteter Seite, anscheinend um zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, was weder einer Rechtfertigung noch auch nur einer Entschuldigung bedarf. Selbst |9| vom rein religiösen Standpunkt hatte ein Mann, der mit Locke und Leibniz und Lessing seinen »reinen Glauben an Gott« bekannte, nichts mehr in der Synagoge zu suchen und fand noch am ehesten einen Unterschlupf in der preußischen Landeskirche, in der damals ein duldsamer Rationalismus herrschte, eine sogenannte Vernunftreligion, die selbst auf das preußische Zensuredikt von 1819 abgefärbt hatte.

So ist manches lange Jahrzehnt hindurch der Übertritt zum Christentum für die freien Köpfe des Judentums ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Und nicht anders ist der Religionswechsel zu verstehen, den Heinrich Marx im Jahre 1824 mit seiner Familie vollzog. Möglich, daß auch äußere Umstände nicht die Tat selbst, aber den Zeitpunkt der Tat bestimmt haben. Die jüdische Güterschlächterei, die in der landwirtschaftlichen Krisis der zwanziger Jahre einen heftigen Aufschwung nahm, hatte einen ebenso heftigen Judenhaß auch in den Rheinlanden erregt, und diesen Haß mitzutragen hatte ein Mann von der unantastbaren Redlichkeit des alten Marx weder die Pflicht, noch auch nur - im Hinblick auf seine Kinder - das Recht.“

Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_007.htm

Man will manchmal den Vater Heinrich Marx zu einem Opfer preußischer Repression und daher Preußenfeind stilisieren, um die revolutionäre Entwicklung seines Sohnes Karl als konsequente Fortsetzung erscheinen zu lassen.

Dazu sollten wir uns die evangelische Gemeinde in Trier vor Augen führen. Sie bestand aus den Offizieren der preußischen Garnison und den Spitzenkräften der preußischen Verwaltung in Trier, wie eben dem Ludwig von Westphalen und seiner Familie. Der Rest der Bevölkerung war überwiegend katholisch, einige jüdisch.

Einen auch nur heimlichen Gegner Preußens aus der Synagoge in die winzige und damit zugleich elitäre evangelische Gemeinde zu zwingen, in der sich sämtliche Persönlichkeiten befanden, die in Trier die preußischen Interessen vertraten, wäre sicher noch dem verbohrtesten Anhänger preußischer Staatsräson niemals in den Sinn gekommen.

Man hätte ihn in der Gemeinde wohl nicht gut aufgenommen, würden Zweifel an ihm bestanden haben. Aber nachdem die tonangebenden Vertreter der heutigen Forschung ja schon den Ludwig von Westphalen zu einem engagierten und profilierten Preußenkritiker umgedeutet haben, braucht uns dasselbe bei Heinrich Marx nicht mehr zu wundern, höchstens zu amüsieren.
Jedenfalls hätten also die beiden Männer wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der preußischen Politik auch noch enge Freundschaft miteinander geschlossen, will man das Publikum glauben machen.

Heinrich Marx brachte es in Trier zu gutbürgerlichem Wohlstand und war Vorstand der Advokatenschaft.
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Alt 21.08.2008, 08:26   #6
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Karl Marx (1818-83), die Jugendjahre in Trier


Die Familien Marx und Westphalen standen in engem Kontakt und die Kinder waren Spielgefährten. Nach der Biografie von Raddatz sei der alte von Westphalen für den jungen Karl Marx zu einem „Über-Ich und Über-Vater“ geworden(S. 31):

„Der etwa 60jährige Ludwig von Westphalen nahm den ältesten Sohn seines Freundes Heinrich Marx auf lange Wanderungen mit, zitierte Homer oder Shakespeare, begeisterte den jungen Mann für die romantische Literatur und sprach über etwas bislang gänzlich Unbekanntes – den Sozialismus. Durch ihn hörte Karl Marx erstmals von den Lehren Saint-Simons. Ein ganz und gar sonderbares Gespann – des Nobelmanns Neigung richtete sich auf einen Ideal-Sohn, Lehrling; Marx` Bewunderung, ja Zuneigung galt einem jugendstarken Greis, einem männlichen Intellekt. Einem Herrn.“

Ehe wir jetzt an abwegige Neigungen eines Nobelmannes denken, sollten wir spätestens beim Stichwort Sozialismus davon ausgehen, dass wir es bei Ludwig von Westphalen sicher nicht mit einem Sozialisten zu tun haben, aber wohl mit einem Mann, der einem zukünftigen Agenten der Regierung die erforderliche politische Bildung vermitteln kann.

Dazu gehörten die Lehren des in den 1830/40er Jahren zu Einfluss gekommenen Saint-Simon; der „utopische Sozialismus“ – wie diese und alle ähnlichen dann bald unter dem Einfluss von Marx und Engels abwertend bezeichnet werden sollten.

Der Ludwig von Westphalen hat ihn scharf gemacht, den Hund.

Der ist ihm dann dafür ewig dankbar gewesen und hat noch als 23jähriger seine Doktorarbeit „seinem teuren väterlichen Freunde … als ein Zeichen kindlicher Liebe“ gewidmet und nicht etwa seinem Vater.

In der Literatur wird diskutiert, welchen politischen Einfluss auf den jungen Marx das Gymnasium in Trier gehabt haben könnte, welches er vom 12. Lebensjahr an besuchte und wo er mit 17 Jahren 1835 das Abitur bestand. Sein Mitschüler war Edgar von Westphalen, der 1819 geborene jüngste Sohn des Ludwig und Bruder der späteren Frau von Karl Marx, Jenny, die vier Jahre älter war.

Direktor der Schule war Johann Hugo Wyttenbach, der auch die Stadtbibliothek in Trier die ersten 50 Jahre leitete und der einst als junger Lehrer dem Johann Wolfgang von Goethe die antiken Bauwerke Triers zeigen und erklären konnte, als Goethe nach der Kanonade von Valmy vom fehlgeschlagenen Feldzug gegen die französische Revolutionsarmee aus Frankreich zurück kam.

Einige Lehrkräfte des Gymnasiums vertraten politische Ansichten, die zu ihrer heimlichen Überwachung führten. Ein in der Revolutionszeit abgefallener ehemals katholischer Geistlicher wirkte als Deutschlehrer von Marx und die Ideen der französischen Revolution waren unter den Lehrern noch lebendig. Nach dem „Casinozwischenfall“ des Jahres 1834 – die Marseillaise war gesungen worden – wurden beteiligte Lehrer von der Polizei verhört. Ein Oberlehrer für Naturkunde und Physik hat nach seiner Personalakte im Staatsarchiv Koblenz Bibelstellen spöttisch zitiert und die Schüler in ihrem Glauben verunsichert.

Laut einem Schreiben des Regierungspräsidenten in Trier 1833 (Heinz Monz, „Der unbekannte junge Marx“, Mainz 1973, Seite 17) wurde ein Lehrer Schwendler beobachtet, dessen Einfluss auf die Gymnasiasten höchst gefährlich sei. Er war der Französischlehrer von Marx. Wyttenbach und der Französischlehrer Simon werden als Gleichgesinnte genannt. Nach einem weiteren Brief des Regierungspräsidenten vom 11. Juli 1833 bestehe kein Zweifel, dass unter den Gymnasiasten „kein guter Geist herrsche und solcher durch mehrere Lehrer absichtlich unterhalten werde“ (ebenda, S. 18). Nach einem Entwurf des Oberpräsidenten in Koblenz 1834 an das Ministerium in Berlin übe der Lehrer Schwendler, ein Sekretär der Casinogesellschaft, einen schlechten Einfluss auf die Schüler aus; eine Ministerialkommission fordert vom Oberpräsidenten in Koblenz 1834 Abhilfe gegen diese „verderbliche Richtung“ mit Hinweis auf Schwendler und Simon.

Bei einem von der preußischen Regierung zum zweiten Direktor ernannten reaktionären Lehrer Dr. Loers habe Marx nach seinem Abitur keinen Abschiedsbesuch gemacht, was dessen Vater beklagte, weil der Dr. Loers dieses Verhalten sehr übel empfunden habe.

Das wird heute als Beleg für die kritische Gesinnung des jungen Marx genommen, der hier bereits Partei ergriffen habe.

Natürlich soll der junge Marx durch seine Lehrer politisch schon auf den revolutionären Kurs gebracht worden sein, wie ja auch von seinem Vater und dem Geheimen Regierungsrat Ludwig von Westphalen.

Wir wissen allerdings nicht, in welchem Verhältnis Marx zu diesem Dr. Loers stand und was sich da im Verborgenen der Überwachung dieses Gymnasiums abgespielt hat.

Auch mit wenig Phantasie darf man sich vorstellen, dass die Überwachung der Lehrer mit Hilfe von Schülern stattfand, dass bei Karl Marx wie bei Edgar von Westphalen zumindest ein Versuch gemacht wurde, Auskunft über den Unterricht der oben genannten überwachten Lehrer zu bekommen. Ob er es getan hat, gern getan hat - oder etwa sich verweigert hat, können wir nur spekulieren.

Der höchstbezahlte „Justizangestellte“ Ludwig von Westphalen konnte sich ja wohl kaum weigern, mit seinem Sohn Edgar an diesem leidigen Problem der preußischen Regierung mit dem Gymnasium in Trier mitzuwirken, um nicht die Karriere des Ferdinand zu gefährden, falls ihm das überhaupt ein moralisches oder sonstiges Problem gewesen sein sollte, wofür es keine Hinweise gibt, außer dass er nach außen immer selber einen sehr liberalen Eindruck vermitteln konnte, was natürlich die Grundlage erfolgreicher Arbeit ist.

In ihrer Reifeprüfung mussten die nur sieben evangelischen Schüler auch einen Religionsaufsatz über „die Vereinigung der Gläubigen mit Christo“ schreiben.

Der Religionslehrer dieser 7 Schüler war der 1817 zum „Konsistorialrat in der Königlichen Regierung zu Trier“ ernannte evangelische Regierungs- und Schulrat Johann Abraham Küpper, der im Wechsel mit dem Garnisonspfarrer auch die Gottesdienste der kleinen evangelischen Zivilgemeinde in Trier zu halten hatte. 1849 wurde Küpper evangelischer General-Superintendent der Rheinprovinz in Koblenz.

Ohne jetzt näher auf die Abituraufsätze der armen Schüler einzugehen, sei doch der Kern der Beurteilungen des Karl und des Edgar durch Küpper erwähnt (zitiert nach Manfred Henke in „Der unbekannte junge Marx“, S. 140,143).

Marx – „gedankenreiche, blühende, kraftvolle Darstellung, die Lob verdient, wenngleich das Wesen der fraglichen Vereinigung gar nicht angegeben…“
v. Westphalen – „nur theilweise befriedigend gelöst…, so ist doch der letzte Theil gelungen zu nennen, und die Arbeit im Ganzen lobenswerth“


Die Kritik der anderen Schüler durch diesen der Regierung in Trier und Koblenz eng verbundenen Mann war teilweise recht ruppig. Dagegen waren über die Jahre weder Karl noch Edgar anscheinend als angehende Materialisten oder gar Revolutionäre negativ aufgefallen.
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Alt 21.08.2008, 08:37   #7
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Karl Marx als Student im Doktorclub


Es kann schon seit Mehrings Marxbiografie dem aufmerksamen und kundigen Leser nicht entgangen sein, welch merkwürdiges Studentenleben dieser Karl Marx da geführt haben musste.
Die Kunst des Schriftstellers Mehring besteht darin, den Leser einerseits mit allen eindeutigen Hinweisen zu versehen, andererseits aber mit den lächerlichsten Kommentaren die eigentlich völlig klar auf der Hand liegenden Schlüsse zu vermeiden.

Nach seinen Ausschweifungen als Student der Uni Bonn habe der Vater bestimmt, das Studium in Berlin fortzusetzen. Nanu? Was wollte der Vater mit dem Nichtsnutz in Berlin? Das ist doch eine ungewöhnliche Entscheidung, den in Bonn ein ausschweifendes Leben führenden Sohn noch weiter weg zu schicken, wo der Vater gar keine Kontrolle mehr haben konnte.

Aber gut, vielleicht wollte man ihn ja auch von seiner heimlichen Verlobten Jenny fernhalten, könnte man hier noch einwenden. Bonn lag nahe an Trier.

Natürlich war Marx in Berlin mit anderen Aufträgen als einem Studium voll ausgelastet und das dürfte auch der Grund für die Entsendung nach Berlin gewesen sein.

„Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört“, schreibt Mehring über den merkwürdigen Studenten, der es nach neueren Erkenntnissen zwar auf 23 Vorlesungen brachte (Rüdiger Thomas, „Der unbekannte junge Marx“, Mainz 1973, S. 164), in den drei letzten Semestern dann aber nur noch je eine Vorlesung: die letzte juristische im WS 37/38 Rudorff über Erbrecht, danach im SS 1838 Bruno Bauer über Jesaias und im folgenden WS Geppert über Euripides. Vielleicht hat Mehring nur die juristischen Vorlesungen gezählt.

Raddatz weiß in seinem „Karl Marx – Der Mensch und seine Lehre“ Hamburg 1975, S. 26 nur von den zwölf Vorlesungen und wundert sich über eine Erklärung Marxens, er habe die Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie und Geschichte betrieben. Marx hat jedoch schon in Bonn Welcker über die Mythologie der Griechen und Römer, v. Schlegel zu Fragen über Homer, d´Alton zur Neueren Kunstgeschichte und im SS 1836 v. Schlegel über Elegien des Properz belegt.

Seine Hauptbeschäftigung scheint zuerst die Liebes-Dichtkunst gewesen zu sein. Er sammelt sein Werk in Heften, weil es ihm nicht gestattet gewesen sein soll, Briefe mit seiner heimlichen Verlobten Jenny zu wechseln. Von sowas lässt sich unser Genie, dieses rasend verliebte Herz, wenn wir Mehring folgen wollen, hindern? Nach einem Jahr in Berlin habe er den ersten Brief von ihr erhalten, was Mehring dann zusammen mit dem außergewöhnlichen Fleiß des Studenten so kommentiert:

„…zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.“

Seine Leser haben bis heute die feine Ironie nur nicht verstanden und es wird Zeit, den Mehring dahingehend noch einmal zu lesen.

Aus einem Brief des Vaters können wir eine Vorstellung gewinnen, womit der Sohn zuallererst beschäftigt war: „Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben“, heißt es da etwas merkwürdig. Denn welcher Sohn verfügt schon über 700 Taler in einem Jahr seines Studiums, wenn das doch ganz eindeutig die finanziellen Verhältnisse seines Elternhauses übersteigt? Verfügt da nicht eher der Vater über eine bestimmte Summe, sagen wir einmal 70 Taler, mit der sich der Sohn zu begnügen hat?

Verständlich würde es freilich, wenn der Sohn über die 700 Taler als Spesen gegenüber seinen Auftraggebern verfügt haben konnte, die über den Vater für seine diesbezüglichen Auslagen aufkamen, solange die gewünschten Erfolge erreicht wurden, also die Kontakte in oppositionelle Kreise zustande kamen. Dann hat der Vater als Mittelsmann - außer zu Klagen und sein Unverständnis zu äußern - nichts zu melden und vielleicht gibt er mit seinen Klagen auch nur die Klagen des Ludwig von Westphalen weiter, bei dem er die Verfügungen des Sohnes vermutlich einlösen konnte, solange dessen Umtriebe in Berlin das Geld wert waren.

Natürlich bringt es Mehring fertig, auf ein und derselben Seite die hohen Auslagen des Studenten Marx abzuhandeln und sein erfolgreiches Auftreten im Berliner oppositionellen Doktorclub in keiner Weise damit zu verbinden.

„Karl Marx zählte kaum zwanzig Jahre, als er sich dem Doktorklub anschloss, aber wie so oft in seinem späteren Leben, wenn er in einen neuen Kreis eintrat, wurde er der belebende Mittelpunkt. Auch Bauer und Köppen, die ihm um etwa zehn Lebensjahre voraus waren, haben in ihm früh die geistig überlegene Kraft erkannt und sich keinen lieberen Kampfgefährten ersehnt als diesen Jüngling, der doch noch viel von ihnen lernen konnte und auch gelernt hat. »Seinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier« widmete Köppen die ungestüme Kampfschrift, die er im Jahre 1840 zum hundertsten Geburtstage des Königs Friedrich von Preußen veröffentlichte.“

Aber weil wir es doch gelernt haben, allem einfältigen Idealismus und Wunderglauben an so etwas wie eine „geistig überlegene Kraft“ zu entsagen und die Welt materialistisch zu erklären, wollen wir auch hier die Dinge vom Kopf auf die Füße stellen: die Mitglieder des Doktorclubs waren finanziell nicht sehr gut gestellt, besonders die besten Köpfe nicht, wie die Bauers oder der Lehrer Köppen.

Für den, der die Rechnungen noch zahlen konnte, wenn alle anderen schon längst abgebrannt waren, für den also war es nicht schwer, gleich im Mittelpunkt der Freunde zu stehen, nicht wegen der geistig überlegenen Kraft, sondern eben mit Wirkung der „700 Taler“, über die er für solche Zwecke verfügte und von seinen Auftraggebern versehen war; das Mehrfache eines jährlichen Gehalts eines Universitätsdozenten oder eines Lehrers.

„Helmut Kreuzer
Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der ›Freien‹ um Bruno Bauer und Max Stirner, nebst Bemerkungen über Siegfried J. Schmidt und seinen Fiktionalitätsbegriff.
Abschnitt 3

Die »Freien« treffen sich zu Beginn der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts in einigen Lokalen im Zentrum Berlins. Gegen 1842 wird ihr Haupttreffpunkt die Hippelsche Weinstube (in der sich auch schon die Kreise um E.T.A. Hoffmann und Devrient bzw. um Grabbe und Heine getroffen hatten). Im Revolutionsjahr 1848 wird Hippel zum Sammelplatz weiterer oppositioneller Intellektuellenkreise…

Als ›Senior‹ der »Freien« galt Carl Friedrich Koeppen (Historiker, Gymnasiallehrer, Publizist und später auch Autor eines Buches über Buddha). In der wichtigsten Phase ihrer kurzen Geschichte war die dominierende Persönlichkeit der Junghegelianer Bruno Bauer, den das zuständige Ministerium seiner theologischen Dozentur in Bonn beraubte, nachdem er sich als Atheist verdächtig gemacht und die Evangelien der fiktionalen Weltliteratur zugeordnet hatte. Ca. 80 zeitweilige Mitglieder und Gäste sind noch namentlich bekannt. Unter ihnen sind Marx und Engels am Anfang der 40er Jahre (aber nicht zur gleichen Zeit) und Max Stirner (der Engels noch kennen lernte)…

Die übrigen Mitglieder waren zu einem großen Teil Journalisten und Publizisten; doch gab es unter ihnen auch einzelne Lehrer, Wissenschaftler, Offiziere, Maler, Buchhändler, Studenten und nicht zuletzt junge Schriftsteller (so z.B. Wilhelm Jordan, Rudolph Gottschall, Karl Beck, Theodor Mügge, David Kalisch, Julius Leopold Klein, Reinhold Solger, etc.). Die vormärzlichen Berliner Intellektuellenkreise sind nicht strikt voneinander getrennt, sondern vermischen und überlappen sich, so dass zu den »Freien« auch Mitglieder des sogenannten »Doktorclubs« (der aus der Biographie von Marx bekannt ist) gehören…

Ihr Kreis hatte keinen zweckrationalen Charakter. Seine Merkmale waren dagegen: unbedenkliche Inanspruchnahme von Kredit, Tendenz zur gemeinsamen Kasse am Wirtshaustisch; übermütig herausfordernde Einfälle (wie der mehrfach durchgeführte, »Unter den Linden« Geld zu sammeln mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Absicht, es bei Hippel anschließend auszugeben; ein anderes Beispiel ist die Trauung Stirners, bei der weder eine Bibel noch Ringe präsent waren, als der Pfarrer eintraf. Trauzeugen waren Bruno Bauer und der Publizist Ludwig Buhl. Das junge Paar wurde mit Messingringen von der Geldbörse Bruno Bauers getraut.“

Quelle: http://www.sjschmidt.net/konzepte/texte/kreuzer3.htm

Da wurde einer schnell zum Mittelpunkt der Tafelrunde, der noch über genug Geld verfügte, die Runden zu schmeißen und den klammen Freunden Kredite zu gewähren.

Bislang hat man sich nur blöde über die vermeintliche Verschwendungssucht des Studenten Marx gewundert, wir hier aber können erstmals mit unserer materialistischen Methode die für die preußische Regierung sinnvolle Anlage dieser erheblichen Beträge vermuten.

Auch in seinem späteren Leben konnte Karl Marx dank seiner finanziellen Mittel, die uns offiziell als Geldsammlungen von Freunden, Verlagsvorschüsse, Erbschaften und Darlehen von Verwandten deklariert wurden, wie Mehring schreibt „der belebende Mittelpunkt“ werden, denn bedürftig nach Geld waren die oft genug aus ihrem Beruf geworfenen oder gar nicht erst eingestellten und ihrer sonstigen Erwerbsmöglichkeiten beraubten Oppositionellen immer.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Schicksal des Max Stirner, der sogar als Übersetzer des Adam Smith und des Jean Baptiste Say nicht genug Geld machen konnte, um in seinem letzten Lebensjahrzehnt der zweimaligen Schuldhaft zu entgehen, während unser Marx sogar für nie entstandene Bücher horrende Vorschusszahlungen eingestrichen haben soll, die die Verleger später vergeblich zurückgefordert hätten.

„Seine wirtschaftstheoretischen Erfahrungen sammelte er als Übersetzer bedeutender Ökonomen wie Jean Baptiste Say und Adam Smith. Stirner übersetzte deren Werke: „Cours complet d’économie politique pratique“ und „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“. Diese Übersetzungen dienten ihm auch als ein weiterer Versuch des Geldverdienens, was aber nicht den erwarteten Erfolg brachte.
Seine Übersetzungen galten bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein als unübertroffen. Stirners Übersetzungen waren auch Basis für alle späteren Übersetzungen. Erst Horst Recktenwald (1974) und Monika Streissler (1999) übersetzten z.B. Smiths Hauptwerk unabhängig von Stirner. Von Stirners Say-Übersetzung wurde, abgesehen von einem 1852 nachgedruckten Auszug, keine Neuausgabe mehr veranstaltet. Der Verlag K. G. Saur gab ab 1990 in seiner „Bibliothek der deutschen Literatur“ eine Mikrofiche-Reproduktion der Erstausgabe von Stirners Say-Übersetzung heraus.“

Quelle: http://www.msges.de/dokumente/stirner-ausstellung.pdf

Geändert von Hellmann (31.08.2008 um 20:29 Uhr).
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Alt 31.08.2008, 20:35   #8
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Als Bruno Bauer von Berlin nach Bonn versetzt worden war, zunächst mit einer Dozentenstelle und der Hoffnung auf eine Professur, sollte Karl Marx seinem Freund schnell folgen. Allerdings hatte er das Studium noch nicht beendet und da wird es wieder interessant.

Mehring schreibt:

„Als Bruno Bauer im Herbst 1839 auf Marx einsprach, dieser möge doch endlich das »lumpige Examen« abmachen, hatte er insofern einigen Grund zur Ungeduld, als Marx bereits acht Semester hinter sich hatte. Aber eine Examenangst im leidigen Sinne des Wortes hat er bei Marx gleichwohl nicht vorausgesetzt, sonst hätte er ihm nicht zugetraut, die Bonner Philosophieprofessoren gleich beim ersten Anlauf über den Haufen zu rennen.

Das »lumpige Examen« hatte aber auch sonst seine Haken, wenn nicht für Bauer, so doch für Marx. Er hatte sich schon bei Lebzeiten seines Vaters für die akademische Laufbahn entschieden, ohne daß jedoch die Wahl eines praktischen Berufs deshalb völlig im Hintergrunde verschwunden wäre.“


Nach einer längeren Abschweifung über fehlende berufliche Aussichten kommt Mehring auf den springenden Punkt:

„Unter solchen Aussichten hat Marx mit seinen junghegelianischen Anschauungen überhaupt darauf verzichtet, ein preußisches Examen zu machen.“
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_4

Unser Marx fürchtete wohl, sich im Examen endgültig zu blamieren, und hat deshalb auf ein Examen großzügig verzichtet.

Stattdessen hat er gleich einen Doktortitel erworben:

„Wenn es ihn aber nicht gelüstete, sich von den willigen Helfern eines Eichhorn hudeln zu lassen, so wich er deshalb nicht dem Kampfe aus. Im Gegenteil! Er entschloß sich, an einer kleinen Universität den Doktorhut zu erwerben, gleichzeitig seine Dissertation als einen Beweis seiner Fähigkeiten und seines Fleißes mit einem herausfordernd kühnen Vorwort zu veröffentlichen, dann aber sich in Bonn niederzulassen, um mit Bauer die geplante Zeitschrift herauszugeben. Auch die Universität war ihm dann nicht völlig verschlossen; nach ihren Statuten wenigstens brauchte er als Doctor promotus einer »ausländischen« Universität nur noch einige Formalitäten zu erfüllen, um als Privatdozent zugelassen zu werden.“

Promoviert hat er über ein Thema der Philosophie, nicht in Berlin, sondern an der Universität Jena und ohne dort überhaupt vorzusprechen. Seine Dissertation über die „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ hat er am 6. April 1841 eingereicht und er ist gleich am 15. April 1841 in Abwesenheit zum Doktor der Philosophie promoviert worden.

Es hatte wohl Eile, dass er dem Bruno Bauer nach Bonn folgt, und da wird so etwas mit den richtigen Beziehungen möglich, was uns dann wieder die Widmung der Doktorarbeit dem Ludwig von Westphalen erklären dürfte, denn die nicht berechnende Dankbarkeit eines wirklich kindlichen Gemütes wollen wir unserem Marx doch nicht unterstellen und selbst für kindlichen Dank fehlte ein Motiv, wenn Ludwig von Westphalen mit seiner Promotion weiter nichts zu tun gehabt hätte:

Seinem teuren väterlichen Freunde…als ein Zeichen kindlicher Liebe.“
MEGA a.a.O. S. 6

Dabei war selbst das Begleitschreiben der Dissertation nicht ohne Mängel, was ein Gutachter im wohl absichtlich deutlichen Widerspruch zu seiner Empfehlung gleich vermerkt:

„Das Specimen zeugt von ebensoviel Geist und Scharfsinn als Belesenheit, weshalb ich den Kandidaten für vorzüglich würdig halte. Da derselbe nach seinem deutschen Schreiben nur die Doktorwürde zu erhalten wünscht, so ist es wohl nur ein Irrtum, entsprungen aus der Unbekanntschaft mit den Statuten der Fakultät, daß er in dem lateinischen Schreiben von der Magisterwürde spricht. Wahrscheinlich hat er geglaubt, beides gehöre zusammen.“
MEGA a.a.O. S. 254

Da wird also deutlich gesagt, dass man mit dem Herrn Marx jemanden promovieren soll und muß, der nicht nur keinen Magister erworben hat, also ohne Studienabschluss ist, sondern noch nicht einmal den Vorgang der Promotion verstanden hat.

Nach Raddatz (a.a.O. S. 40) „ist nur ein unvollständiges Exemplar der Dissertation, vermutlich eine Kopie, erhalten; da merkwürdigerweise auch keines im Universitätsarchiv Jena liegt, kann es sich aber auch um das eingereichte und zur Publikation rückverlangte Exemplar handeln.“ Eine Publikation durch Marx fand nicht statt, was ja eigentlich merkwürdig ist und gegen den Brauch. Hätten sich seinerzeit manche Leute gewundert, wenn die Dissertation publiziert worden wäre?

Ob Bruno Bauer nicht gestaunt hat, wie glatt und schnell und gegen alle Gepflogenheiten das mit Marxens Promotion in Jena abging? Vermutlich erlag Bauer der falschen Hoffnung, dass dieser wilde Hund Marx, der es schafft, ohne Studienabschluss und in Abwesenheit an einer fremden Uni einfach so in wenigen Tagen zum Doktor gemacht zu werden, auch ihm in seiner wankenden Zukunft eine Hilfe würde
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Alt 31.08.2008, 20:40   #9
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Die Hegelei in Berlin


Philosophie und Theologie waren in Preußen eine hochpolitische Angelegenheit und die Berufungen auf Lehrstühle davon abhängig, ob sich die vertretenen Ansichten mit den Absichten von König und Regierung im Einklang befanden.

Der Ruhm des Georg Wilhelm Friedrich Hegel war das Werk der preußischen Regierung, deren politischen Zielen die von Schopenhauer so genannte „Hegelei“ entsprach, womit die akademischen Karrieren zukünftiger Dozenten und Professoren davon abhingen, diesen Hegel für den bedeutendsten Vertreter der Philosophie zu halten.

Der vor seiner Universitätskarriere zeitweise als Hauslehrer eines Frankfurter Weingroßhändlers seinen Unterhalt verdienende Hegel hatte als Professor in Jena 1806 den Einzug der „Weltseele zu Pferde“ (Napoleon – womit eigentlich die Hegelsche „Philosophie“ schon ausreichend gekennzeichnet wäre) miterlebt, musste aber 1807 als Zeitungsredakteur nach Bamberg wechseln und noch einige Jahre an seinem opportunistischen Geschwalle feilen.

Erst relativ spät erfolgte durch die Förderung des preußischen Kultusministers Altenstein die Berufung Hegels nach Berlin, wo er von 1818 bis zu seinem Tod 1831 als Regierungsphilosoph nicht nur eine wachsende Zahl von hoffnungsvollen Studenten, sondern sogar Regierungsbeamte und Kollegen, die sich mit dieser von der Regierung in Preußen geförderten und damit für Karrieren förderlichen Lehre vertraut machen wollten, in seinen Vorlesungen versammelte.

Die Philosophie Hegels ist nach der „Weltseele zu Pferde“ auch schön mit diesem Satz (Quelle wiki) charakterisiert:

„Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“ (PG 24)

Alle Hegelei ist hohles Geschwätz, das mit geschwollenen Begriffen tiefe Erkenntnisse vortäuscht, sich damit dem politischen Betrug andient und fast jedem politischen Zweck außer dem wirklichen Fortschritt der menschlichen Gesellschaft das geeignete Mittel wird:

„es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft“ (R 449 Z)

Womit dann auch der barbarischste Krieg seine hegelschen Vernunftgründe gewinnt:

"Zu den am heftigsten kritisierten Teilen in Hegels Werk gehören seine Reflexionen zum „äußeren Staatsrecht“. Hegel geht davon aus, dass es aus ontologischen Gründen notwendig mehrere Staaten geben müsse. Der Staat ist ein für sich seiender „Organismus“ und steht als solcher in einem Verhältnis zu anderen Staaten (R 490f.). Es ergibt sich so notwendig eine Vielheit von Staaten; ihr Verhältnis zueinander kann nach Hegel am besten durch den Begriff des Naturzustands gekennzeichnet werden. Es gibt keine die Staaten übergreifende machthabende und rechtsetzende Instanz. Sie stehen daher auch in keinem Rechtsverhältnis zueinander und können einander auch nicht Unrecht tun. Ihre Streitigkeiten können daher „nur durch Krieg entschieden werden“; die Kantische Idee einer vorausgehenden Schlichtung durch einen Staatenbund hält Hegel für absurd (R 500).

Hegel hält darüber hinaus den Krieg nicht für ein „absolutes Übel“, sondern erkennt darin ein „sittliches Moment“ (R 492). Er gibt den Regierungen den Ratschlag, von Zeit zu Zeit Kriege zu entfachen: Um die isolierten Gemeinwesen innerhalb des Staates nicht „festwerden, hier durch das Ganze auseinanderfallen und den Geist verfliegen zu lassen, hat die Regierung sie in ihrem Innern von Zeit zu Zeit durch die Kriege zu erschüttern, ihre sich zurechtgemachte Ordnung und Recht der Selbständigkeit dadurch zu verletzen und zu verwirren, den Individuen aber, die sich darin vertiefend vom Ganzen losreißen und dem unverletzbaren Fürsichsein und der Sicherheit der Person zustreben, in jener auferlegten Arbeit ihren Herrn, den Tod, zu fühlen zu geben“ ( PG 335)."

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_W...riedrich_Hegel
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Alt 31.08.2008, 20:54   #10
Hellmann
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Die Junghegelianer


Begründer und Namensgeber der Junghegelianer war der Theologe David Friedrich Strauß, der im Jahr 1835 mit seiner Schrift „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ großes Aufsehen erregte. Strauß bezeichnete die Anhänger seiner Thesen zum Leben Jesu als Junghegelianer, die Gegner seiner Schrift als Althegelianer, später hieß es dann auch Linkshegelianer und Rechtshegelianer, wobei die Linkshegelianer im Verlauf der Radikalisierung der Positionen sich zuletzt dem Atheismus und Materialismus verschrieben.

Strauß hatte in seinem „Leben Jesu“ geschickt mit der Methode Hegels die Faktizität der Berichte des Neuen und Alten Testaments „aufgehoben“, also diese zugleich mit ihrer historischen Leugnung zu „ewigen Wahrheiten des Glaubens“ geadelt, was unter Hegelianern nicht so leicht anzugreifen war. Er hatte ganz hegelianisch eine historische Person Jesus von der „Menschheitsidee des Christus“ getrennt, womit dann die Berichte in den Evangelien von historischen Ereignissen zu „ewigen Wahrheiten“ aufsteigen und historisch nicht mehr belegt und von den Gläubigen nicht mehr wörtlich angenommen werden müssen.

Die Debatte über diesen hegelianischen Kunstgriff auf dem sensiblen Gebiet der historischen Wahrheit der Heiligen Schriften führte seinerzeit zu einer umfangreichen Flut von Artikeln und Büchern.

Zunächst vom preußischen Kultusminister Altenstein geduldet, dem diese Schwächung der theologischen Positionen wohl bei seiner Absicht half, die Kirche aus den Schulen herauszuhalten, wurden die Junghegelianer nach dessen Tod 1840 aus den Universitäten und Beamtenstellen gedrängt.

Strauß selbst verlor schon 1835 seine Repetentenstelle am Tübinger Stift und wurde nach Ludwigsburg versetzt, wo er bald aus dem Dienst ausschied. Seine Berufung 1839 als Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte an die Universität Zürich führte zu derartigem Widerstand, dass er sofort mit 1000 Franken Pension abgefunden wurde und die Regierung in Zürich darüber stürzte.

Die Junghegelianer zählten viele bis heute bekannte Personen zu ihrem Kreis und Umkreis, wie etwa die Brüder Bauer, Ruge, Herwegh, Hess, Köppen, Bakunin, Stirner, Marx, Engels und den später auf den Spuren von Strauß folgenden Feuerbach. Publiziert wurde in den von Arnold Ruge 1838 gegründeten Hallischen Jahrbüchern.

Einigen gerade genannten Personen werden wir immer wieder regelmäßig an politischen Brennpunkten begegnen; es ist jedoch hier nicht möglich, der Frage nachzugehen, wer außer Marx und seit wann und warum noch als Regierungsagent für welche Regierung tätig war oder etwa wie der Bruder Edgar des Bruno Bauer mit seinen „Konfidentenberichten“ aus London für die dänische Polizei erst weit später dazu kommen sollte (zur Ehrenrettung des Edgar sei darauf hingewiesen, dass Dänemark mit Preußen verfeindet gewesen ist und die Brüder Bauer unter den Maßnahmen der preußischen Regierung viel zu erleiden hatten, speziell Edgar mehrere Jahre Haft).

Der Vater des Ludwig Feuerbach hatte in Bayern 1806 die Folter abgeschafft und 1813 ein modernes Strafgesetzbuch eingeführt. Der zuerst Theologie und dann Philosophie studierende Ludwig konnte 1828 promovieren und habilitieren.
1830 erschien sein sofort verbotenes, religionskritisches Erstlingswerk „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ , in dem er den Glauben an die Unsterblichkeit als lebensfeindlich verwarf; er hatte es zwar anonym publiziert, wurde aber von der Polizei ermittelt und damit endete seine Hoffnung auf einen Ruf auf einen Lehrstuhl. Mit seiner Frau lebte er dann bei Ansbach auf dem Land von einer kleinen Porzellanmanufaktur, an der seine Frau beteiligt war. 1837 wurde Feuerbach von Arnold Ruge zur Mitarbeit an den Hallischen Jahrbüchern eingeladen.

Berühmt wurde Feuerbach mit seinem 1841 bei seinem Leipziger Verleger Otto Wigand erschienenen Buch über „Das Wesen des Christentums“, was ihm zahlreiche Angebote zur Mitarbeit an oppositionellen Zeitungen und Projekten brachte, die er klugerweise nicht angenommen hat. Marx und Engels wollten ihn auch in ihre Kreise ziehen und hatten schon die Federn gespitzt, den Feuerbach gleich den Bauers und vielen anderen in ihren nächsten Publikationen zu demontieren.

In seinem „Wesen des Christentums“ erklärte Feuerbach die religiösen Vorstellungen als Projektion menschlicher Verhältnisse und Interessen:

Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Nu...hagus_f_ne.jpg

Die Hegelei ist in seinem Werk noch unverkennbar, obwohl Feuerbach sich von Hegel später abgewandt hatte:

„In dem entwickelten Widerspruch zwischen Glaube und Liebe haben wir den praktischen, handgreiflichen Nötigungsgrund, über das Christentum, über das eigentümliche Wesen der Religion überhaupt uns zu erheben. Wir haben bewiesen, daß der Inhalt und Gegenstand der Religion ein durchaus menschlicher ist, bewiesen, daß das Geheimnis der Theologie die Anthropologie, des göttlichen Wesens das menschliche Wesen ist. Aber die Religion hat nicht das Bewußtsein von der Menschlichkeit ihres Inhalts; sie setzt sich vielmehr dem Menschlichen entgegen, oder wenigstens, sie gesteht nicht ein, daß ihr Inhalt menschlicher ist. Der notwendige Wendepunkt der Geschichte ist daher dieses offne Bekenntnis und Eingeständnis, daß das Bewußtsein Gottes nichts andres ist als das Bewußtsein der Gattung, daß der Mensch sich nur über die Schranken seiner Individualität oder Persönlichkeit erheben kann und soll, aber nicht über die Gesetze, die Wesensbestimmungen seiner Gattung, daß der Mensch kein andres Wesen als absolutes, als göttliches Wesen denken, ahnden, vorstellen, fühlen, glauben, wollen, lieben und verehren kann als das menschliche Wesen.“
Quelle: http://home.rhein-zeitung.de/~ahiple...k/feuerb28.htm
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