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Alt 18.03.2010, 12:59   #1
Beverly
Schriftstellerin
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Registriert seit: 04.01.2009
Ort: Berlin
Beiträge: 1.006
  
Daumen runter "In den Tod getrieben" - Selbstmorde nicht nur bei France Telekom

Dass sich Menschen aus Verzweiflung über ihre Erwerbsarbeit resp. die Arbeitsbedingungen umbringen, kannte ich schon von Hörensagen.

Bei der France Telekom waren es Meldungen in den Meiden zufolge gleich 32 Mitarbeiter - so viele, dass es sich nicht mehr unter den Teppich kehren ließ.

Zitat:
Erstmals Ermittlungsverfahren zu France-Télécom-Selbstmord
(AFP)

Paris — In Frankreich hat die Justiz erstmals im Zusammenhang mit der Selbstmordserie bei France Télécom ein Ermittlungsverfahren wegen "fahrlässiger Tötung" eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft im ostfranzösischen Besançon bestätigte am Mittwoch ein Verfahren gegen den Telefonkonzern und einen ehemaligen Manager der Firmenniederlassung für die Regionen Bourgogne und Franche-Comté. Dabei geht es um den Selbstmord eines Technikers im August 2009.

Seit 2008 haben sich mehr als 40 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen. Die Gewerkschaften machen dafür den rasanten Konzernumbau mitverantwortlich, durch den viele Beschäftigte versetzt und Arbeitsabläufe verändert würden.(...)
der vollständige Artikel auf http://www.google.com/hostednews/afp...6fJGI9u2aZ0DEQ

IMHO sind Dinge wie bei der France Telekom nur die Spitze eines Eisbergs. Ursachen für ein burn out-Syndrom, dass zu Arbeitsunfähigkeit oder gar Selbstmord führen kann:

1. Schlechte Organisation

Dinge werden einfach zu komplex, zu kompliziert und damit störanfällig.

Aus der Programmierpraxis kannte ich das Prinzip des "Sicherungskasten": Wie bei den Sicherungen im Haushalt sollte eine Projekt - Web-Anwendung oder auch Anderes - so organisiert sein, dass seine Komponenten möglichst voneinander unabhängig sind.
Bei den Sicherungen im Haus ist das so: wenn die Sicherung für Raum 1 durchbrennt, hat zwar Raum 1 keinen Strom mehr, aber in den anderen Räumen funktioniert alles. Idealerweise kann man das Problem in Raum 1 beheben, ohne den Rest der Wohnung mit hinein zu ziehen.

Soweit die Theorie

In der Praxis scheinen immer mehr Sicherungen durchzubrennen ...

2. Reizüberflutung

"Sind Sie belastbar?" Wer hat diesen Spruch nicht schon im Vorstellungsgespräch gehört und gelogen, wenn er oder sie den Job haben wollte. Denn die Belastung geht oft über das hinaus, was Menschen mit Fug und Recht ertragen können. Die eierlegende Wollmilchsau, die auch noch fliegen und tauchen kann, ist gefragt.
Immer mehr Reize dringen auf einen ein, man soll sich auf x Situationen einstellen und als kleiner Dödel im Job den "Sofortumschalter" geben.

3. Sinnlosigkeit

Außer "über die Runden kommen" mag beim Arbeiten kein Sinn mehr vorhanden sein. Da gibt es den Begriff der "inneren Kündigung" - Leute machen ihren Job nur noch, weil sie "müssen", nicht mehr, weil sie "wollen".

4. Existenzängste

Die Angst, den Job zu verlieren.
Die Angst, die Familie nicht mehr ernähren zu können.
Die Angst, aus die Wohnung nicht mehr halten zu können.

5. Psychoterror als Herrschaftspraxis

Mobbing ist seit langem Thema und seit langem Praxis der "lieben Kollegen" und so mancher Unternehmensführung.

Doch man muss nicht gleich Selbstmord begehen

6. Arbeit lohnt sich NICHT

Die Partei, die mit der Parole angetreten ist, dass sich "Leistung" wieder lohnen muss, ist auch die Partei, die meines Wissens gegen einen Mindeslohn ist. Ein Beleg dafür, dass gerade die Leute, die so tun als ob sie das Arbeiten erfunden hätten, auch oft diejenigen sind, welche die Menschen zu der Einsicht treiben: Wer unter unmenschlichen Bedingungen noch arbeitet, ist selbst schuld.
Im Falle der BRD hat IMHO auch das dazu geführt, dass von 80 Millionen Einwohnern 20 Millionen Rentner sind. Was ja nicht heißt, dass sie alle nichts tun - viele Rentner betreuen Angehörige, passen auf Enkel auf oder gehen ehrenamtlichen Tätigkeiten nach.
Jemand, der in Deutschland so terrorisiert wird, wie die Beschäftigten bei France Telekom, hat noch immer die Möglichkeit, anstatt sich umzubringen, seinen Rentenantrag wegen Erwerbsminderung bei der Deutschen Rentenversicherung einzureichen. Das mag zwar mit Rechtsstreit verbunden sein und auch im Erfolgsfall nur zu einen bescheidenen Einkommen führen, aber besser als "Friedhof" als neue Adresse ist es allemal.
Und das System bekommt, was es verdient
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Alt 18.03.2010, 17:26   #2
Elfer
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Ja, aber das System sind erst einmal wir.

Ich denke, dass die Gründe für einen Suizid vielfältig sind.

Da schließt eine Firma eine Niederlassung und schon bleibt den Mitarbietern nur die Kündigung oder weite Anfahrten. Da werden Strukturen zerbrochen. Da wird der Arbeitsdruck erhöht.

Haben wir Mobbing eigentlich erst erfunden oder ist es ein alter Hut? Wie sind die Leute früher damit umgegangen oder ist es wirklich eine neue Ausprägung?

Ich glaube aber auch, dass unsere Statussymbole viel zur steigenden "Beanspruchung" beitragen. Wir hetzen ihnen wie wild hinterher. Jeder versucht seinen Nebenmann zu toppen und zerbricht schließlich daran.

Wir erziehen unsere Kinder zu Menschen, die immer weniger leisten, um immer mehr zu bekommen. Wir haben ein ungesundes Anspruchsdenken und -verhalten entwickelt.

Derartige Tendenzen sind schlimm und müssen kritisch betrachtet und an die Öffentlichkeit gezerrt werden.
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Alt 18.03.2010, 17:53   #3
jovi
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Beiträge: 478
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@Beverly
Die Welt ist kompliziert geworden. Wir alle leben miteinander verzahnt. Die Spezialisierung lässt uns Sachen effizienter machen (weniger Kraftaufwand für mehr Output), dafür brauchen wir aber uns gegenseitig. Für manche Positionen ist Verantwortungsbewustsein gefragt - aber man denkt, man verdiene mehr als der Andere weil eigene Arbeit wichtiger, schwehrer, ...usw.... ist. Wenn wir die Spezialisierung aufgeben, dann hätten wir den "Sicherungskasten" ... ob das gut ist ist eine andere Geschichte.

@Elfer
"Haben wir Mobbing eigentlich erst erfunden oder ist es ein alter Hut?"
Den gab es schon immer, nur jetzt haben wir die Technick professionell vebessert, professionellisiert
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Alt 18.03.2010, 20:16   #4
Elfer
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Zitat:
Zitat von jovi Beitrag anzeigen
"Haben wir Mobbing eigentlich erst erfunden oder ist es ein alter Hut?"
Den gab es schon immer, nur jetzt haben wir die Technick professionell vebessert, professionellisiert
Ja, das ist mal sicher...Aber es ist auch wie mit allem, wir geben dem Kind einen Namen und schon will es jeder haben.
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Alt 19.03.2010, 09:05   #5
Britta
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Zitat:
Zitat von jovi Beitrag anzeigen
"Haben wir Mobbing eigentlich erst erfunden oder ist es ein alter Hut?"
Den gab es schon immer, nur jetzt haben wir die Technick professionell vebessert, professionellisiert
Früher geschah Mobbing am Arbeitsplatz aufgrund der Charakterschwächen der Leute und aus Langeweile. Heute gibt es das aus Angst um den Arbeitsplatz, weil man nicht derjenige sein will, der als nächstes der 'Fix Cost Reduction' zum Opfer fällt, aber auch auf Anweisung von 'Oben', damit die Leute 'freiwillig' gehen.
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Alt 19.03.2010, 11:33   #6
jovi
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Zitat:
Zitat von Britta Beitrag anzeigen
Früher geschah Mobbing am Arbeitsplatz aufgrund der Charakterschwächen der Leute und aus Langeweile. Heute gibt es das aus Angst um den Arbeitsplatz, weil man nicht derjenige sein will, der als nächstes der 'Fix Cost Reduction' zum Opfer fällt, aber auch auf Anweisung von 'Oben', damit die Leute 'freiwillig' gehen.
was mir bekannt ist, dass die leiharbeiter deutlich günstiger sind. um leute ordnungsgemäß zu kündigen muss man mehr geld bezahlen als wenn sie freiwillig gehen. aber mobben ist nur eine technik. es gibt auch arbeitgeber, die meinen ein unausgebildeter bzw. untrainierter leiharbeiter muss genausoviel leisten wie normale arbeitskraft. und zur normalen arbeitskraft wird gesagt: "du kostest mich doppelt so viel wie ein leiharbeiter, deshalb musst du doppelt so viel leisten".

halt arschlöcher vom fach. klar, dass die menschen damit nicht zurechtkommen. ob man es unbedingt mobbing nennt ... diese "motivation" ... potential hat sie die selbstmordrate zu erhöhen.
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Alt 19.03.2010, 12:03   #7
Britta
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Zitat:
Zitat von jovi Beitrag anzeigen
was mir bekannt ist, dass die leiharbeiter deutlich günstiger sind. um leute ordnungsgemäß zu kündigen muss man mehr geld bezahlen als wenn sie freiwillig gehen. aber mobben ist nur eine technik. es gibt auch arbeitgeber, die meinen ein unausgebildeter bzw. untrainierter leiharbeiter muss genausoviel leisten wie normale arbeitskraft. und zur normalen arbeitskraft wird gesagt: "du kostest mich doppelt so viel wie ein leiharbeiter, deshalb musst du doppelt so viel leisten".
Das nennt man dann Lohndumping.

Die Rechnung geht aber nicht auf, da die Motivation bei Leiharbeitern und fest angestellten in den Keller geht, mit dem Resultat dass die Qualität deutlich nachlässt.
Zitat:
Zitat von jovi Beitrag anzeigen
halt arschlöcher vom fach. klar, dass die menschen damit nicht zurechtkommen. ob man es unbedingt mobbing nennt ... diese "motivation" ... potential hat sie die selbstmordrate zu erhöhen.
Der Gemobbte muß sich erstmal darüber klar werden können, dass er gemobbt wird. Die suchen ja die Fehler erstmal tatsächlich bei sich selbst. Die Rate derer, die gemobbt werden und ihren Job verlieren liegt glaube ich bei 99%.
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Alt 19.03.2010, 14:59   #8
Elfer
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Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass Arschlöcher aus einem niedrigen Bedürfnis heraus mobben. Viele brauchen dazu keine Ansage vom Chef. Es ist der einzige Weg, mal eine gewisse "Befriedigung" zu erlangen.
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Alt 19.03.2010, 16:17   #9
Britta
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Zitat:
Zitat von Elfer Beitrag anzeigen
Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass Arschlöcher aus einem niedrigen Bedürfnis heraus mobben. Viele brauchen dazu keine Ansage vom Chef. Es ist der einzige Weg, mal eine gewisse "Befriedigung" zu erlangen.
Ohne Frage. Das dürfte die häufigste Motivation für Mobbing sein.
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Alt 19.03.2010, 18:11   #10
jovi
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Zitat:
Zitat von Elfer Beitrag anzeigen
Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass Arschlöcher aus einem niedrigen Bedürfnis heraus mobben. Viele brauchen dazu keine Ansage vom Chef. Es ist der einzige Weg, mal eine gewisse "Befriedigung" zu erlangen.
da muss aber eine lange mobbertradition im betrieb herrschen, damit die technik über die zeit reift. an sonsten ja "wenn es mir übel geht ... ist gleich weniger über wenn ich sehe, dass einem anderen übeler geht. oder wenn andere etwas machen, dann kann ich es auch tun. rache muss natürlich auch sein-viel stärker, versteht sich."

vielleicht werden wir alle langsam evil. oder so kombiniert mit
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france, in den tod getrieben, selbstmorde, telekom

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