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Alt 19.08.2010, 09:05   #1
Beverly
Schriftstellerin
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Registriert seit: 04.01.2009
Ort: Berlin
Beiträge: 995
1st Place Winner (TOTF)  
Beitrag "Heute vor 200 Jahren" - müssen wir die Geschichte neu und richtig schreiben?

In den letzten Jahren habe ich oft Dokumentationen gesehen, die die Zeit vor 200 Jahren behandelten - also die Epoche Napoleons, als er und seine Gegner mit ihren Kriegen Europa verwüsteten und unsägliches Leid über die Menschen brachten.

Da war zwar auch viel Schmu bei, wie etwa die offenbar unausrottbare Erbärmlichkeit, Napoloen als den großen Erneuerer Deutschlands zu feiern, aber auch vieles Bedenkenswerte. Ich möchte da vor allem auf eine Dokumentation bei Phoenix über die Schlacht von Leipzig 1813 verweisen, bei der ungefähr 100 000 Menschen umkamen und in der Stadt unsägliches Leid herrschte. Ein Zeitzeuge schrieb damals, möge Gott geben, dass nie wieder so etwas Entsetzliches geschehen würde. Gott hat ihn nicht erhört und die Verklärung des Gemetzels von 1813 zur "Völkerschlacht" hat vergleichbaren und schlimmeren Metzeleien den Boden bereitet.

In den zwei Jahrhunderten nach den so genannten "koalitionskriegen", in denen Wikipedia zufolge in dem Vierteljahrhundert bis 1815 in Europa sechs Millionen Menschen umkamen, haben uns die "Historiker" Glauben gemacht, da kämpften Franzosen und Briten, Deutsche und Russen, da rangen in Frankreich Monarchisten, gemäßigte und radikale Jakobiner um die Macht und in Deutschland sei der Nationalgeist erwacht. Sozusagen Germania wachgeküsst von einem korsischen Abenteurer. Napoleon als der große Erneuerer Deutschlands wäre den Menschen vor 200 Jahren vermutlich nur eine sarkastische Karikatur wert gewesen. Wer das Elend damals nicht mit dem Arsch in der deutschnationalen oder nationalliberalkonservativen Studierstube mit erlebt hatte, sondern dabei gewesen war, mag für die Verklärung späterer Epochen nur Verachtung übrig haben.

Ich war bei Leipzig 1813 nicht dabei, aber ich habe einen Fernseher, der "Phoenix" empfängt, und genug Fantasie, um mich vor dem zu grausen, was in der Doku nicht drin war. Von dem, was die Historiker da jenseits der harten und grausamen Fakten an Märchen über Nation und Ideologie spinnen, kann ich kein Wort mehr glauben. Im Einzelnen:

1. Das Zeitalter der Unvernunft

Im 18. Jahrhundert glaubten vom österreichtischen Thronfolger Joseph II., dem Sohn der gestrengen und fiesen Maria Theresia, bis hinab zum einfachen Bürger viele Menschen an das neue Zeitalter der Vernunft. Ein Habsburgerprinz mag da andere Prioritäten gesetzt haben als ein Mensch nichtadliger Herkunft, aber eines dürfte allen gemeinsam gewesen sein: eine Riesenenttäuschung über das, was aus dem Projekt Aufklärung geworden war! Die Revolutionen von 1776 und 1789 nehmen schon das vorweg, was vielen Zeitgenossen erst nach 1917 in Russland aufgefallen ist: Schindluder mit Idealen und der Aufstieg von Gangstern und Massenmördern zur Macht !
Auch die Wendehälse sind keine Erfindung ostdeutscher Spießbürger. Die Franzosen hatten die schon nach dem Zusammenbruch von Napoleons "Kaiserreich".

2. Die Errichtung von Fassaden

Der Wiener Kongress von 1815 wird immer als Schlüsselereignis der europäischen und deutschen Politik gesehen. Das mag so sein, aber IMHO nicht in der Art, wie es uns die Historiker der letzten 200 Jahre Glauben machen wollen. Die Ideologien und Staaten, durch die und um die in Wien geschachert wurde, waren nur Fassaden, hinter denen die realen Akteure wirkten. "Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen" und 1815 hatte da das Bürgertum die noch vor 1789 tonangebende Aristokratie schon zu großen Teilen entmachtet.
Aber wichtiger als politische Manuskripte und Berge von Erbauungsliteratur über das "Zeitalter der Vernunft" war die Erfindung der Dampfmaschine um 1800 durch James Watt. Hätte es sie und die durch sie ausgelöste Industrielle Revolution nicht gegeben, dann wäre der Spuk von "Bürgergesellschaft" und bla schon längst mit einem Elend so groß wie in Afrika in sich zusammengebrochen.

3. Das Scheitern der Ideologien

Einen verständigen Menschen, der zum Beispiel 1813 in Leipzig unter der Aufsicht der russischen Besatzer Leichen vergraben musste, wäre klar gewesen, dass er oder sie den ganzen Ideologien seiner Zeit nicht glauben darf. Napoleon und die Befreier von Napoleon haben nur eines hinterlassen: Tote !
Angesichts von sechs Millionen Toten hätte man nicht erst bis zum Holocaust warten sollen, um "Lehren aus der Geschichte" zu ziehen. Die waren schon 1815 überfällig und weil sie in Wien lieber intrigierten und Party machten, als nachzudenken, kam es in den folgenden Jahrhunderten, wie es kam.
Eigentlich braucht sich niemand, der Nationalismus, Konservatismus, Marxismus, Liberalismus, Fortschrittsglauben oder einer anderen nach 1815 reüssierenden Ideologie angehangen hat, darüber wundern, warum sie gescheitert ist. Moderne Ideologien und auch von ihnen dominierte Gemeinwesen waren seitdem stets nur Fassade für Interessengruppen.

4. "Guter Bulle, böser Bulle" - das Team liberal und konservativ

In Krimis und vielleicht auch in der Wirklichkeit gibt folgende Situation: jemand wird von zwei Polizisten verhört. Der eine ist verständnisvoll, der andere ein Ekel. Der verständnisvolle Polizist mag den Sadisten sogar zurückhalten und sich gegenüber dem Verhörten kritisch über seinen Kollen äußern. Der Verhörte vertraut sich dem netten Polizisten dann nur zu gern an - dabei spielen beide Polizisten nur eine Rolle!
So wie es Polizisten in Fantasie und Wirklichkeit im Kleinen tun, haben es "Liberale" und "Konservative" auf der großen Ebene die letzten 200 Jahre getan. Da gab es Zeiten, wo alles unter der Knute tradierter Autoritäten wie Adel und Kirche erstarrt ist. In Spanien brannten noch die Scheiterhaufen, in Frankreich konnten nur Adlige im Militär Karriere machen, in Preußen gab es noch Leibeigenschaft. Die Menschen hatten diese "Konservativen" herzlich satt und wollten Freiheit, Gerechtigkeit und Vernunft.

Sie bekamen den Liberalismus mit gierigen Spießbürgern, die Sonntags Gott und Werktags die Menschen betrügen, Kinderarbeit und Sozialdarwinismus, geistiger, sozialer und seelischer Verarmung selbst bei Befriedigung aller materiellen Bedürfnisse - wobei auch Anno 2010 in vielen Teilen der Welt so ein Elend herrscht wie 1810 in Europa. Nach 200 Jahren Irrsinn sagen unsere Liberalen dann nicht etwa, dass sie Fehler gemacht haben - nein, die Welt ist noch nicht verrückt, pardon, liberal genug.
Was die Menschen davon halten, zeigt der Sturzflug der FDP: von 15 Prozent bei den Bundestagswahlen 2009 binnen 10 Monaten Umfragen zufolge auf 4 Prozent.

Sind wir zu liberal?. fragen sich kritische Zeitgenossen. Schließlich leben wir in einer Realversion von Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" und das ist jene Art von Totalitarismus und Elend, die im materiellen Reichtum ihr Unwesen treibt.
Ja, wir sind zu liberal, wir müssen konservativ werden!, heißt es dann. Aber was da als "konservativ" daherkommt, lässt mich daran zweifeln, dass dieses Wort jemals einen Sinn hatte. Wir hatten da Ratzigers Hetze gegen sexuelle Minderheiten und die Pius Brüder, den Jörg Haider mit dem Charisma einer südländischen Klemmschwester, eine NPD, die alles tut, um keinen Erfolg zu haben, die Taliban und den Ayatollah Chomeini, Sarah Palin und die zionistische "Siedlerbewegung". In Jerusalem waren sich Christen, Moslems und Juden nur in ihrem Hass gegen Homosexuelle enig. Schließlich stört der CSD in der heiligen Stadt dabei, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Die Konservativen unserer Tage sind sich darin einig, dass unser Kühlschrank zu voll, unsere Lebenserwartung zu hoch und unsere Freiheit zu groß ist.
IMHO ist ihr Blödsinn abe nicht "selbstgemacht" - Konservative und Liberale sind zwei Seiten ein und derselben Münze. Wird die Gesellschaft "zu liberal", werden reaktionäre Menschenschinder auf sie losgelassen. Deren Tyrannei bereitet den Boden für eine "Demokratiebewegung" und den Wiederaufstieg des von ihnen exterminierten Liberalismus. Der wiederum im Chaos und "ruch nach Rechts" endet.


5. "Wir leben in einer Endzeit"

Von den Siebenten-Tags-Adventisten bis zu den Kommunisten haben mir Leute mit solchen Schmu die Ohren vollgeplärrt. Er ist typisch für das ahistorische Denken, das mit der Aufklärung um sich gegriffen hat. Wahlweise kommt dann Jesus Christus, die Weltrevolution, der Untergang des Abendlandes oder der Ökokollaps. Dabei ist nicht einmal die Dampfmaschin von James Watt gänzlich neu - mit Dampfkraft haben sie schon in der Antike experimentiert. Mit dem Endzeit-Geschwalle erwecken die Untergangspropheten unserer Tage den Eindruck, die Menschen können ihr Schickal nicht beeinflussen, sondern müssten sich blind waltenden und menschenfeindlichen Kräften unterwerfen. Denn das Jesus Christus oder die Weltrevolution uns in eine bessere Welt führen, glaubt so richtig keiner mehr.

6. Das Ende einer Epoche

Vor einiger Zeit kam der Diskurs vom "Ende der Geschichte" auf. IMHO zeigt er, dass nach 250 Jahren nicht die Geschichte endet, sondern eine Epoche an ihr Ende gelangt ist. Die Luft ist raus, da macht eine Plutokratie Totentanz und hofft, die Menschen weiter so belügen zu können, wie es in den letzten Jahrhunderten getan haben. Logisch, dass sie den Menschen Angst vor der Zukunft machen und sie gern in düsteren Farben malen lassen. Doch es ist ihre eigene Angst vor der Zukunft, die sie uns suggerieren.
Die Geschichtsschreibung zu hinterfragen und Dinge neu zu interpretieren, ist da eigentlich logisch. Das findet immer statt, wenn eine Epoche endet, weil die neue Epoche neue Frage und Einsichten hat und verschüttete Wahrheiten wieder ausgräbt.
Beverly ist offline   Mit Zitat antworten


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Alt 27.08.2010, 18:42   #2
georg.forster
Kesselschmied
 
Registriert seit: 16.02.2009
Ort: Zürich CH
Beiträge: 15
  
Standard

Zitat:
Zitat von Beverly Beitrag anzeigen
In den letzten Jahren habe ich oft Dokumentationen gesehen, die die Zeit vor 200 Jahren behandelten - also die Epoche Napoleons, als er und seine Gegner mit ihren Kriegen Europa verwüsteten und unsägliches Leid über die Menschen brachten.

Da war zwar auch viel Schmu bei, wie etwa die offenbar unausrottbare Erbärmlichkeit, Napoloen als den großen Erneuerer Deutschlands zu feiern, aber auch vieles Bedenkenswerte. Ich möchte da vor allem auf eine Dokumentation bei Phoenix über die Schlacht von Leipzig 1813 verweisen, bei der ungefähr 100 000 Menschen umkamen und in der Stadt unsägliches Leid herrschte. Ein Zeitzeuge schrieb damals, möge Gott geben, dass nie wieder so etwas Entsetzliches geschehen würde. Gott hat ihn nicht erhört und die Verklärung des Gemetzels von 1813 zur "Völkerschlacht" hat vergleichbaren und schlimmeren Metzeleien den Boden bereitet.

In den zwei Jahrhunderten nach den so genannten "koalitionskriegen", in denen Wikipedia zufolge in dem Vierteljahrhundert bis 1815 in Europa sechs Millionen Menschen umkamen, haben uns die "Historiker" Glauben gemacht, da kämpften Franzosen und Briten, Deutsche und Russen, da rangen in Frankreich Monarchisten, gemäßigte und radikale Jakobiner um die Macht und in Deutschland sei der Nationalgeist erwacht. Sozusagen Germania wachgeküsst von einem korsischen Abenteurer. Napoleon als der große Erneuerer Deutschlands wäre den Menschen vor 200 Jahren vermutlich nur eine sarkastische Karikatur wert gewesen. Wer das Elend damals nicht mit dem Arsch in der deutschnationalen oder nationalliberalkonservativen Studierstube mit erlebt hatte, sondern dabei gewesen war, mag für die Verklärung späterer Epochen nur Verachtung übrig haben.

Ich war bei Leipzig 1813 nicht dabei, aber ich habe einen Fernseher, der "Phoenix" empfängt, und genug Fantasie, um mich vor dem zu grausen, was in der Doku nicht drin war. Von dem, was die Historiker da jenseits der harten und grausamen Fakten an Märchen über Nation und Ideologie spinnen, kann ich kein Wort mehr glauben. Im Einzelnen:

1. Das Zeitalter der Unvernunft

Im 18. Jahrhundert glaubten vom österreichtischen Thronfolger Joseph II., dem Sohn der gestrengen und fiesen Maria Theresia, bis hinab zum einfachen Bürger viele Menschen an das neue Zeitalter der Vernunft. Ein Habsburgerprinz mag da andere Prioritäten gesetzt haben als ein Mensch nichtadliger Herkunft, aber eines dürfte allen gemeinsam gewesen sein: eine Riesenenttäuschung über das, was aus dem Projekt Aufklärung geworden war! Die Revolutionen von 1776 und 1789 nehmen schon das vorweg, was vielen Zeitgenossen erst nach 1917 in Russland aufgefallen ist: Schindluder mit Idealen und der Aufstieg von Gangstern und Massenmördern zur Macht !
Auch die Wendehälse sind keine Erfindung ostdeutscher Spießbürger. Die Franzosen hatten die schon nach dem Zusammenbruch von Napoleons "Kaiserreich".

2. Die Errichtung von Fassaden

Der Wiener Kongress von 1815 wird immer als Schlüsselereignis der europäischen und deutschen Politik gesehen. Das mag so sein, aber IMHO nicht in der Art, wie es uns die Historiker der letzten 200 Jahre Glauben machen wollen. Die Ideologien und Staaten, durch die und um die in Wien geschachert wurde, waren nur Fassaden, hinter denen die realen Akteure wirkten. "Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen" und 1815 hatte da das Bürgertum die noch vor 1789 tonangebende Aristokratie schon zu großen Teilen entmachtet.
Aber wichtiger als politische Manuskripte und Berge von Erbauungsliteratur über das "Zeitalter der Vernunft" war die Erfindung der Dampfmaschine um 1800 durch James Watt. Hätte es sie und die durch sie ausgelöste Industrielle Revolution nicht gegeben, dann wäre der Spuk von "Bürgergesellschaft" und bla schon längst mit einem Elend so groß wie in Afrika in sich zusammengebrochen.

3. Das Scheitern der Ideologien

Einen verständigen Menschen, der zum Beispiel 1813 in Leipzig unter der Aufsicht der russischen Besatzer Leichen vergraben musste, wäre klar gewesen, dass er oder sie den ganzen Ideologien seiner Zeit nicht glauben darf. Napoleon und die Befreier von Napoleon haben nur eines hinterlassen: Tote !
Angesichts von sechs Millionen Toten hätte man nicht erst bis zum Holocaust warten sollen, um "Lehren aus der Geschichte" zu ziehen. Die waren schon 1815 überfällig und weil sie in Wien lieber intrigierten und Party machten, als nachzudenken, kam es in den folgenden Jahrhunderten, wie es kam.
Eigentlich braucht sich niemand, der Nationalismus, Konservatismus, Marxismus, Liberalismus, Fortschrittsglauben oder einer anderen nach 1815 reüssierenden Ideologie angehangen hat, darüber wundern, warum sie gescheitert ist. Moderne Ideologien und auch von ihnen dominierte Gemeinwesen waren seitdem stets nur Fassade für Interessengruppen.

4. "Guter Bulle, böser Bulle" - das Team liberal und konservativ

In Krimis und vielleicht auch in der Wirklichkeit gibt folgende Situation: jemand wird von zwei Polizisten verhört. Der eine ist verständnisvoll, der andere ein Ekel. Der verständnisvolle Polizist mag den Sadisten sogar zurückhalten und sich gegenüber dem Verhörten kritisch über seinen Kollen äußern. Der Verhörte vertraut sich dem netten Polizisten dann nur zu gern an - dabei spielen beide Polizisten nur eine Rolle!
So wie es Polizisten in Fantasie und Wirklichkeit im Kleinen tun, haben es "Liberale" und "Konservative" auf der großen Ebene die letzten 200 Jahre getan. Da gab es Zeiten, wo alles unter der Knute tradierter Autoritäten wie Adel und Kirche erstarrt ist. In Spanien brannten noch die Scheiterhaufen, in Frankreich konnten nur Adlige im Militär Karriere machen, in Preußen gab es noch Leibeigenschaft. Die Menschen hatten diese "Konservativen" herzlich satt und wollten Freiheit, Gerechtigkeit und Vernunft.

Sie bekamen den Liberalismus mit gierigen Spießbürgern, die Sonntags Gott und Werktags die Menschen betrügen, Kinderarbeit und Sozialdarwinismus, geistiger, sozialer und seelischer Verarmung selbst bei Befriedigung aller materiellen Bedürfnisse - wobei auch Anno 2010 in vielen Teilen der Welt so ein Elend herrscht wie 1810 in Europa. Nach 200 Jahren Irrsinn sagen unsere Liberalen dann nicht etwa, dass sie Fehler gemacht haben - nein, die Welt ist noch nicht verrückt, pardon, liberal genug.
Was die Menschen davon halten, zeigt der Sturzflug der FDP: von 15 Prozent bei den Bundestagswahlen 2009 binnen 10 Monaten Umfragen zufolge auf 4 Prozent.

Sind wir zu liberal?. fragen sich kritische Zeitgenossen. Schließlich leben wir in einer Realversion von Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" und das ist jene Art von Totalitarismus und Elend, die im materiellen Reichtum ihr Unwesen treibt.
Ja, wir sind zu liberal, wir müssen konservativ werden!, heißt es dann. Aber was da als "konservativ" daherkommt, lässt mich daran zweifeln, dass dieses Wort jemals einen Sinn hatte. Wir hatten da Ratzigers Hetze gegen sexuelle Minderheiten und die Pius Brüder, den Jörg Haider mit dem Charisma einer südländischen Klemmschwester, eine NPD, die alles tut, um keinen Erfolg zu haben, die Taliban und den Ayatollah Chomeini, Sarah Palin und die zionistische "Siedlerbewegung". In Jerusalem waren sich Christen, Moslems und Juden nur in ihrem Hass gegen Homosexuelle enig. Schließlich stört der CSD in der heiligen Stadt dabei, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Die Konservativen unserer Tage sind sich darin einig, dass unser Kühlschrank zu voll, unsere Lebenserwartung zu hoch und unsere Freiheit zu groß ist.
IMHO ist ihr Blödsinn abe nicht "selbstgemacht" - Konservative und Liberale sind zwei Seiten ein und derselben Münze. Wird die Gesellschaft "zu liberal", werden reaktionäre Menschenschinder auf sie losgelassen. Deren Tyrannei bereitet den Boden für eine "Demokratiebewegung" und den Wiederaufstieg des von ihnen exterminierten Liberalismus. Der wiederum im Chaos und "ruch nach Rechts" endet.


5. "Wir leben in einer Endzeit"

Von den Siebenten-Tags-Adventisten bis zu den Kommunisten haben mir Leute mit solchen Schmu die Ohren vollgeplärrt. Er ist typisch für das ahistorische Denken, das mit der Aufklärung um sich gegriffen hat. Wahlweise kommt dann Jesus Christus, die Weltrevolution, der Untergang des Abendlandes oder der Ökokollaps. Dabei ist nicht einmal die Dampfmaschin von James Watt gänzlich neu - mit Dampfkraft haben sie schon in der Antike experimentiert. Mit dem Endzeit-Geschwalle erwecken die Untergangspropheten unserer Tage den Eindruck, die Menschen können ihr Schickal nicht beeinflussen, sondern müssten sich blind waltenden und menschenfeindlichen Kräften unterwerfen. Denn das Jesus Christus oder die Weltrevolution uns in eine bessere Welt führen, glaubt so richtig keiner mehr.

6. Das Ende einer Epoche

Vor einiger Zeit kam der Diskurs vom "Ende der Geschichte" auf. IMHO zeigt er, dass nach 250 Jahren nicht die Geschichte endet, sondern eine Epoche an ihr Ende gelangt ist. Die Luft ist raus, da macht eine Plutokratie Totentanz und hofft, die Menschen weiter so belügen zu können, wie es in den letzten Jahrhunderten getan haben. Logisch, dass sie den Menschen Angst vor der Zukunft machen und sie gern in düsteren Farben malen lassen. Doch es ist ihre eigene Angst vor der Zukunft, die sie uns suggerieren.


Die Geschichtsschreibung zu hinterfragen und Dinge neu zu interpretieren, ist da eigentlich logisch. Das findet immer statt, wenn eine Epoche endet, weil die neue Epoche neue Frage und Einsichten hat und verschüttete Wahrheiten wieder ausgräbt.

Gut gebrüllt Löwe: Verschüttete Wahrheiten ausgraben, dürfte gerade in der BRD, wie in Austerikki, gefährlich werden. Gruss Georg
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Alt 27.08.2010, 21:12   #3
deserd
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Tja, diese Anmerkung auf die Erfindung der Dampfmaschine in der Antike erinnert mich an eine Art "Fantasy"-Geschichte aus einem meiner 4 alten Heyne-SF&Fantasy-Jahresbände, - echte Juwelen drin - , die heisst "Der Sondergesandte", ach ist die lustig.
Die Story spielt in der Antike, in derer Zeit der Sondergesandte um eine Aufwartung beim römischen Imperator erbat.
Es geht arum, dass der römische Imperor Probleme hat, sein aufgeblasenes Reich unter Kontrolle und Sicherhit zu walten.
Der "Sondergesandte" - eigener Auskunft nach, war früher Bibliothekar der Alexendrinischen Bibliothek, er hatte sich allerdings inzwischen zum Erfinder geläutet, und zwei Erfindungen mochte er dem römischen Imperor anbieten.
Die eine war ein Dampfdrucktopf, und die größere, eine Maschine, die seine Schiffe antreiben könnte .....
Diese entspannend lustige Story ist von jenem Autor, der auch das bekannte Buch "Herr der Fliegen" geschrieben hat.
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Alt 28.08.2010, 09:37   #4
Beverly
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Beiträge: 995
  
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@deserd,

ich kenne die Geschichte auch. In der realen Welt hat die Zwangsvereinigung des gesamten Mittelmeerraums unter dem Römischen Reich meines Erachtens viel dazu beigetragen, dass ab dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt das rege geistige Leben der Antike erstickte. Das Christentum resp. die Kirche hat dem den Rest gegeben.
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Alt 28.08.2010, 12:19   #5
Sebastian Hauk
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Hallo Beverly,

im römischen Reich gab es zu Zeiten von Cicero auch ein reges geistiges Leben. Die Germanen und die Einführung von Hartz 4, laut Westerwelle natürlich nur, hat dann dem römischen Reich ein Ende beschert.

Zitat:
Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr.
http://de.wikipedia.org/wiki/Marcus_Tullius_Cicero

Zitat:
Von "sozialistischen Zügen" und "spätrömischer Dekadenz"
http://www.tagesschau.de/inland/hartzvier118.html

Wobei dieses natürlich eine Erfindung von Westerwelle ist. Wobei es natürlich eine spätrömische Dekadenz gab. Aber da hat er was missverstanden.

Die christliche Kirche hat es dann in der Tat geschafft, dass manche Historiker sogar der Ansicht sind, dass es manche Jahrhundert gar nicht gab.

http://de.wikipedia.org/wiki/Erfundenes_Mittelalter

Zitat:
Die Theorie des Erfundenen Mittelalters (auch Phantomzeit-Theorie) besagt, dass etwa 300 Jahre, beginnend mit dem 7. Jahrhundert, erfunden wurden. So soll auf das Jahr 614 das Jahr 911 gefolgt sein
Es gibt aus diesen Jahrhunderten einfach zu wenig geschichtliche Funde. Die christliche Kirche hat hier voll zugeschlagen.

Gruß

Sebastian

Geändert von Sebastian Hauk (28.08.2010 um 12:33 Uhr).
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Alt 29.08.2010, 08:21   #6
Beverly
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Zitat:
Zitat von Sebastian Hauk Beitrag anzeigen
Hallo Beverly,



im römischen Reich gab es zu Zeiten von Cicero auch ein reges geistiges Leben. Die Germanen und die Einführung von Hartz 4, laut Westerwelle natürlich nur, hat dann dem römischen Reich ein Ende beschert.



http://de.wikipedia.org/wiki/Marcus_Tullius_Cicero



http://www.tagesschau.de/inland/hartzvier118.html

Wobei dieses natürlich eine Erfindung von Westerwelle ist. Wobei es natürlich eine spätrömische Dekadenz gab. Aber da hat er was missverstanden.

Die christliche Kirche hat es dann in der Tat geschafft, dass manche Historiker sogar der Ansicht sind, dass es manche Jahrhundert gar nicht gab.

http://de.wikipedia.org/wiki/Erfundenes_Mittelalter



Es gibt aus diesen Jahrhunderten einfach zu wenig geschichtliche Funde. Die christliche Kirche hat hier voll zugeschlagen.

Gruß

Sebastian
Hallo Sebastian,

dass es zur Zeit von Cicero ein reges geistiges Leben gab, will ich nicht bestreiten. Aber der lebte im 1. Jahrhundert vor Christi Geburt und ich bin der Meinung dass der schleichende Niedergang im 2. Jahrhundert nach Christi Geburt einsetzte, also 200 Jahre später.
Die "spätrömische Dekadenz", die zum Niedergang führte, bestand auch nicht im Hedonismus, den es bei den Eliten des römischen Reiches mal mehr, mal weniger während der ganzen Zeit seiner Existenz gab. Für mich ist die spätrömische Dekadenz in der Verarmung des geistigen Lebens zu suchen und darin, dass sich die römischen Eliten keine neuen Ziele mehr setzten. Ihr Projekt Welteroberung stieß an Parthern und Germanen im Wortsinne an Grenzen. Zu einer halbwegs friedlichen Erkundung der Welt, etwa dauerhafter Kontakt und Austausch mit China, konnten sich die Römer nicht aufraffen. Sie schafften es nicht einmal, die Parther / Sassaniden entweder dauerhaft platt zu machen oder mit ihnen dauerhaften Frieden mit für kulturellen Austausch offenen Grenzen zu schließen. Mal fielen die Römer in Mesopotamien ein, mal griffen Parther bzw. Sassaniden die nahöstlichen Provinzen des Imperiums an.
Das politische Leben verlief nach dem Schema: Kaiser kam an die Macht. Kaiser arrangierte sich mit dem Senat und den Eliten, soweit Kaiser Senatoren und Eliten nicht abmurksen. Kaiser regelte die Nachfolgefrage oder Kaiser wurde vom nächsten Kaiser gestürzt. Das Christentum gab dem Ganzen dann den Rest, wobei das eine Truppe war, deren Kader selbst zu jenen Heuchlern und Pharisäern geworden sind, gegen die ihr Gründer noch eiferte !
Ich lasse mich darüber so ausführlich aus, weil wir heute jene Dekandenz im Sinne einer Mischung aus geistiger Verarmung und religiöser Bigotterie wieder haben, die meines Erachtens die Spätphase des romischen Reiches prägte und zu seinem Untergang führte. Wobei es um Rom nicht schade gewesen sein mag, aber das, was dann in Europa für Jahrhunderte folgte, war meines Erachtens noch viel schlimmer.
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geschichte, geschichtsschreibung, heute vor 200 jahren, historiker, moderne, napoloen, neu, richtig, wiener kongress

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