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Alt 10.06.2009, 12:19   #1
Beverly
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Ausrufezeichen "Die Ohnmacht der Mächtigen" - vor über 90 Jahren wurde die Zarenfamilie ermordet!

Vor mehr als 90 Jahren, zwischen Sommer 1918 und Anfang 1919 ließen die russischen Bolschewiki den abgesetzten Zaren Nikolaus und seine Familie ermorden. Einzelheiten dazu auf Wikipedia.

Heute will davon keiner mehr was wissen. Den Linken ist die Ermordung der Romanows entweder egal oder peinlich. Egal, weil Zar Nikolaus selbst jene Ereignisse einleitete, die zu seinem Sturz und seiner Ermordung führten. Zudem kamen neben den Romanows noch Millionen einfacher Menschen in Russland ums Leben und warum sollen 18 Adlige wertvoller sein als 18 Bauern, Arbeiter oder Soldaten?
Schließlich gab es noch die Furcht der Bolschewiki vor einer weißen Konterrevolution mit den Romanows an der Spitze. Wobei die "Weißen" im Bürgerkrieg selbst so brutal mordeten, dass sie sich am wenigsten über die Grausamkeit der Bolschewiki beschweren können.

Heutigen Linken mag die Ermordung der Zarenfamilie auch peinlich sein, weil das wieder das Klischee des blutdürstigen und grausamen "Roten" heraufbeschwört. Sich von der Grausamkeit der Bolschewiki zu distanzieren, mag ehrenhaft sein, bringt allein aber nicht viel. Denn bei den Bolschewiki kam meines Erachtens zur Grausamkeit auch die politische Blindgängerei. Dazu später mehr.

Das bürgerliche Lager verklärt die Romanows, teilweise mag es auch Kritik geben. Hat nicht Zar Nikolaus durch sein Festhalten an der Autokratie die Moderniesierung Russlands blockiert und selbst den Boden für seine Absetzung bereitet? Ein sowjetischer Film über die Affäre Rasputin trug den Titel "Agonia" - IMHO unabhängig von der eigenen Ideologie eine treffende Bezeichnung für die letzten Jahre der Zarenherrschaft.
Allerdings darf man nicht vergessen, dass so gut wie alle bürgerlichen Großmächte westlich von Russland mit verantwortlich für den Untergang der Zaren waren. Das Deutsche Reich verfolgte schon im Ersten Weltkrieg gegen Russland Eroberungs- und Kolonisationspläne, die einem Verständigungsfrieden im Wege standen. Und als Zar Nikolaus ungeachtet möglicher Gier des Deutschen Reiches angesichts des katastrophalen Kriegsverlaufs trotzdem Frieden schließen wollte, wurde auf Veranlassung der Entente sein Sturz inszeniert. Sein bürgerlicher Nachfolger Kerensky setzte wie von den Alliierten gewollt, den Krieg gegen Deutschland fort. Bis er auf Veranlassung des Deutschen Reiches gestürzt wurde, das mit den Bolschewiki einen vorteilhaften Frieden schloss.
Irgendwie praktisch, dass man da alle Schuld am Chaos in Russland und der Ermordung der Romanows auf die Bolschewiki abwälzen kann. Und verschweigt, dass ohne das Agieren der bürgerlichen Großmächte Lenin in Zürich geblieben und Vertreter für Herrentoupets geworden wäre.

Dass das jetzige System in Russland - wenn es nicht Stalin wieder hervorkramt - den Zaren rehabilitiert und ihn die orthodoxe Kirche meines Wissens sogar heilig gesprochen hat, ist nur ein Tüpfelchen auf den i der Heuchelei. Schließlich pflegt, wer es sich im liberalfaschistischen Russland unserer Tage leisten kann, einen ebenso ausschweifenden Lebensstil wie die Romanows und eine ebenso große Gleichgültigkeit gegenüber der Not einfacher Menschen. Ohne daran zu denken, wie die Romanows endeten und warum sie so endeten

Wobei meines Erachtens das Ende der Romanows eine Lehre sowohl für ehrliche liberal-bürgerliche als auch linke Menschen sein kann.

1. Die Ohnmacht der Mächtigen

In Berichten über die Zarenfamilie und auch besagtem Spielfilm "Agonia" sehe ich immer Menschen, die sich für reich und mächtig halten und so auch von Freunden und Feinden gesehen werden. Da gibt es eine Karikatur, auf der die russische Gesellschaft als Pyramide dargestellt wird. Ganz oben - wie kann es anders sein - sind da der Zar und seine Sippschaft!
Dass viele zu Lebzeiten der Romanows auf diese Selbsttäuschung und Illusion hereingefallen sind, ist nur zu natürlich. Schließlich lebten die meisten Menschen in Russland in elenden Verhältnissen und der zaristische Repressionsapparat ließ wohl kaum jemanden auf den Gedanken kommen, dass "ganz oben" nur noch arme Irre hilflos ruderten.

In der Rückschau sieht das alles ganz anders aus. Man weiß ja, was aus denen geworden ist, die auf alten Fotos oder den ersten Filmen noch gut genährt und schön gekleidet posierten und sich schöne Titel gaben

2. "Das falsche Schwein geschlachtet"

Seinerzeit werden die Bolschewiki die Liquidierung der Zarenfamilie damit gerechtfertigt haben, dass da die Protagonisten einer Dynastie exterminiert wurden, die Russland 300 Jahre auf übelste Weise tyrannisiert haben. Am Zarenhof mag stets Party und kulitiviertes Leben geherrscht haben - einfache Menschen wurden noch gnadenloser drangsaliert als in anderen Teilen Europas. Noch heute fällt an Russland eine pathologische Missachtung der Würde einfacher Menschen auf. Die Folge einer unter den Romanows weiter geführten Herrschaftstradition. Kein Wunder, dass so ein drangsaliertes Volk irgendwann Amok läuft und seine Peiniger abschlachtet.

Nur waren die Romanows noch damals die mächtigen Herrscher, für die sie sich hielten und für die sie gehalten wurden? Oder waren sie selbst schon längst Spielfiguren der wirklich Mächtigen? Die auf viel raffinierte Weise herrschten und herrschen als die geistig in der feudalen Vergangenheit stehen gebliebenen Zaren.

3. "An der Spitze ..."

Seinerzeit sahen die Menschen in Russland das System als eine Pyramide: je weiter oben man stand, desto angesehener, reicher und mächtiger war man. Mir scheint aber, an der Spitze solcher Pyramiden stehen oft die, die sich für mächtig halten, es aber nicht sind. Eben die Galionsfiguren, Marionetten oder Schachfiguren.
Wirkliche Macht konzentriert sich nicht an der Spitze in einer Person, sondern ist verteilt. Die Machthaber zeigen sich nicht offen und in Prunk und Pomp, sondern agieren verdeckt, aus dem Hintergrund.
"Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste", sagt der Nazi-Opportunist Hannsgeorg Lautensack in "Die Brüder Lautensack" und lehnt das Amt ab, um sich mit der wirklichen Macht zu begnügen. Diskretion und Arbeitsteilung sind Trumpf und schaffen ein Machtsystem, das viel wirksamer und menschenverachtender ist als der Zaren-Schmu von Nikolaus.

Wir haben da
- die ideologische Macht in Gestalt all der gekauften Intellektuellen und ihrer "Diskurse"
- die ökonomische Macht derjenigen, die das Geldsystem kontrollieren
- die politische Macht von "Bewegungen" und Parteien
- die Macht der organisierten Religion, der "großen Kirchen"
- die Macht der Bürokratie (staatlicher und privater)
- die formale Macht der Staaten, von Amtsinhabern aller Art
- die Macht der Besitzer von Produktionsmitteln ("Unternehmer")
Da ist alles austariert, ungreifbar und um so wirksamer. Das System ist so unangreifbar und so bösartig, weil es eben keinen gibt, der allein an der Spitze steht. Weder einen Zaren noch einen Präsidenten, weder einen reichen Unternehmer noch eine mächtige Partei.
Im Gegenteil: an der Spitze ist ein Kommen und Gehen, alldiweil die Machtverhältnisse im Hintergrund sich kaum wandeln.

Das System ist für die, die zu ihm gehören, sehr nützlich. Aber es hat für alle einen entscheidenden Nachteil:

4. Jeder ist ersetzbar!

Das Schicksal der Romanows hat gezeigt, wie ersetzbar selbst die scheinbar Mächtigen für das Gesamtsystem sind. Gestern noch Zar, heute tot und verscharrt wie ein räudiger Hund! So kann es auf die eine oder andere Art jedem ergehen! Nach den Romanows mussten die Bolschewiki selbst bei Stalins Säuberungen erleben, wie ersetzbar und austauschbar sie sind! Stalin kam ohne seine Mitkämpfer besser zurecht - also weg mit ihnen! Auch das kapitalistische System funktioniert ohne die Romanows wohl besser! Haben die nicht Russlands Modernisierung behindert?

5. Wem nützt es?

Wenn vom Zaren bis zum Bolschewiki jeder ersetzbar ist, jeder für das System lästig und zur Exterminierung vorgemerkt werden kann, fragt sich, wem es überhaupt nützt.

6. "Die müssen totgemacht werden"

Im Wikipedia-Artikel wurde die Ansicht der Bolschewiki über die Romanows sinngemäß so wiedergegeben: "Die müssen totgemacht werden." Meine Kritik daran ist, dass die Romanows längst nicht mehr die wahren Mächtigen waren. Was mit denen passiert, zeigen allerdingst die fiktiven "Meister der Insel" in "Perry Rhodan": Einstmals waren es 13 Arschlöcher, die gleich eine ganze Galaxis terrorisierten. Schön aus dem Hintergrund heraus, so dass sie keiner kannte Von den 13 "MdI" sind aber nur noch 2 übrig und auch deren Ende ist absehbar
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Alt 10.06.2009, 12:57   #2
Britta
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Zitat:
Zitat von Beverly Beitrag anzeigen
Nur waren die Romanows noch damals die mächtigen Herrscher, für die sie sich hielten und für die sie gehalten wurden? Oder waren sie selbst schon längst Spielfiguren der wirklich Mächtigen? Die auf viel raffinierte Weise herrschten und herrschen als die geistig in der feudalen Vergangenheit stehen gebliebenen Zaren.
Sie waren mächtig und sie waren reich. Sie wurden eines der ersten Opfer des globalen Monopoly.

Bei diesem Spiel wird oftmals ein Plan umgesetzt, der Jahrzehnte vorher schon beginnt und erst am Ende zeigt sich, gegen wen dieser Plan geschmiedet war und wem er nutzte.
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Alt 10.06.2009, 13:29   #3
Randle P. McMurphy
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Ich sag´s mal provokativ: Tyrannenmord halte ich für legitim.
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Alt 10.06.2009, 14:22   #4
otix_
Lind Gren
 
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Zitat:
Zitat von Randle P. McMurphy Beitrag anzeigen
Ich sag´s mal provokativ: Tyrannenmord halte ich für legitim.
Ist doch immer die Frage für wen jemand wann ein Tyrann ist. Oder auf welcher Seite man steht. Nutzt einem die Tyrannei sieht man das alles ganz anders.
Ist wie mit einen "Neoliberalismus". : )
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Alt 10.06.2009, 16:10   #5
Beverly
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Zitat:
Zitat von Britta Beitrag anzeigen
Sie waren mächtig und sie waren reich. Sie wurden eines der ersten Opfer des globalen Monopoly.
Die dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Irak-Kuwait-Krieg 1991 warnte ich in einer Parteizeitung der Grünen vor einer "globalen Oligarchie". Genau die haben wir heute. Es stellt sich nur die Frage, ob sie erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entstanden ist oder schon vorher existierte.
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Alt 10.06.2009, 16:11   #6
Beverly
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Zitat:
Zitat von Randle P. McMurphy Beitrag anzeigen
Ich sag´s mal provokativ: Tyrannenmord halte ich für legitim.
man muss aber die richtigen erwischen
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Alt 10.06.2009, 16:13   #7
Beverly
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Zitat:
Zitat von otix_ Beitrag anzeigen
Ist doch immer die Frage für wen jemand wann ein Tyrann ist. Oder auf welcher Seite man steht. Nutzt einem die Tyrannei sieht man das alles ganz anders.
Ich habe mich schon gefragt, ob manche Formen offener Diktatur über die Menschheit nicht besser wären als das, was wir jetzt haben.
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Alt 10.06.2009, 16:17   #8
Britta
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Zitat:
Zitat von Beverly Beitrag anzeigen
Die dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Irak-Kuwait-Krieg 1991 warnte ich in einer Parteizeitung der Grünen vor einer "globalen Oligarchie". Genau die haben wir heute. Es stellt sich nur die Frage, ob sie erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entstanden ist oder schon vorher existierte.
Ich denke, die hatten wir schon lange vorher. Die Beseitigung der Zarenfamilie war ein großer Schritt dahin. Weitere kamen danach.

Auch der Ostblock war kein Sozialismus oder Kommunismus. Er wurde nur so genannt. Im Endeffekt liessen sich die Menschen da aber noch besser und billiger ausbeuten und tyrannisieren wie im damaligen Westen.

Für mich sieht es so aus, als würde die jetzige Krise einen weiteren, großen Schritt zur Vollendung der Geschichte bedeuten.
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Alt 10.06.2009, 17:45   #9
deserd
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Zitat:
Zitat von Beverly Beitrag anzeigen
Ich habe mich schon gefragt, ob manche Formen offener Diktatur über die Menschheit nicht besser wären als das, was wir jetzt haben.
(Echt wieder ein sehr interessanter Beitrag, Beverly.)

Ich meine, dass, was mensch (ich z. B. ) sich unter offener Diktatur vorstellt, das willdoch keiner mehr. - Nicht mal die Diktatoren - glaube ich zumindest.

Eine funktionierende Diktatur wird immer auch Elemente anderer Ideologien Religionen und politischer Utopien integrieren, von denen der Diktator denkt oder glaubt, dass sie seiner Diktatur (Herrschaft) dienlich sind.

Meiner Ansicht nach hat die schnöde, einfach autoritäre, gewaltausübende Herrschaft im Großen und Ganzen ausgedient - so sehe und hoffe ich es zumindest.

Und klar, will die Diktatur lange funktionieren, muss sie sich einfach gut verstecken !?

In eine andere Richtung gehen natürlich die Warlords. - Aber, ist das wirklich so viel anders?


gruss, deserd
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Alt 10.06.2009, 17:49   #10
deserd
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Beiträge: 729
  
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Zitat:
Zitat von Britta Beitrag anzeigen
Ich denke, die hatten wir schon lange vorher. Die Beseitigung der Zarenfamilie war ein großer Schritt dahin. Weitere kamen danach.

Auch der Ostblock war kein Sozialismus oder Kommunismus. Er wurde nur so genannt. Im Endeffekt liessen sich die Menschen da aber noch besser und billiger ausbeuten und tyrannisieren wie im damaligen Westen.

Für mich sieht es so aus, als würde die jetzige Krise einen weiteren, großen Schritt zur Vollendung der Geschichte bedeuten.

Ja, ALDI-Mentalität.

Den Ökofaschos eher kommunistischer Prägung werfe ich ich vor allem vor, dass sie noch viel schlimmer sind als ALDI.

(Auch gerade deshalb wurde der Neoliberalismus so erfolgreich)

gruss, deserd
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ermordet, jahren, zarenfamilie

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