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10.02.2009, 12:43
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#11
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Teil 9: Die rechnende Welt
Unsere bisherigen Erörterungen zielen auf eine Welt ab, die möglicherweise eine Simulation ist. Das setzt voraus, dass es eine »Matrix« in der Art eines Computers gibt, auf dem die Simulation läuft und jemanden, der sie geschaffen hat. Die Welt kann allerdings auch »digital« sein und der Logik von Bits und Bytes folgen und die Dinge in ihr mögen sich ebenso auf Algorithmen zurück führen lassen wie eine Computergrafik, ohne dass sie eine Simulation auf einer Matrix in einer »höheren« Welt ist. Dieser Gedanke ist so alt wie der Computer und er stammt vom Erfinder des Computers. Für Konrad Zuse rechnete nicht nur sein erster, noch sperriger Computer, sondern der Raum selbst. Seine Idee des »rechnenden Raums« entwickelte er in den 1940er Jahren. Ihr zufolge finden wir auf der kleinsten Ebene der Dinge keine Elementarteilchen in der Art von Elektronen, Quarks oder Strings, sondern Rechenpunkte vergleichbar den Bits im Computer. Ich erfuhr von diesem Konzept erst vor wenigen Jahren, doch war sofort von seiner Logik fasziniert. Es macht wenig Sinn, die Welt mit einem »Zoo« von Elementarteilchen zu erklären, die wiederum aus noch kleineren Teilchen bestehen, von denen aber mehr entdeckt werden, als den Physikern lieb ist. Weil der »Zoo« der noch kleineren Teilchen nahe legt, dass sie aus noch kleineren Bestandteilen bestehen. Zuses »rechnender Raum« setzt dieser Zerstückelung ein Ende.
Das Universum funktioniert demzufolge nach vergleichbaren Regeln wie ein Computer. Sei es auf der »untersten« Ebene der Rechenpunkte oder darin, dass sich komplex erscheinende Objekte auf einfache Formeln zurück führen lassen und sich Dinge mittels Algorithmen »komprimieren« lassen. Selbst wenn sich die Struktur und die Eigenschaften der Materie mit der Annahme von Teilchen, Atomen und Molekülen gut erklären lassen, bedeutet das nicht, dass im Universum ständig 10 hoch 80 Teilchen durcheinander wuseln. Wer von uns hat jemals ein Atom gesehen? Wir sehen Dinge, deren Beschaffenheit wir uns damit erklären, dass sie aus Atomen bestehen. Sehen wir ein täuschend echtes Abbild eines Objektes im Computer erklären wir uns dessen Beschaffenheit mit Bits und Bytes. Das legt nahe, uns auch die Struktur der Vorlage mit Bits und Bytes zu erklären. Eine Welt aus Dingen, die auf Algorithemen basieren, ist auch »ressourcensparender« als eine Welt, wo ständig 10 hoch 80 Teilchen miteinander interagieren und aus ihren Wechselwirkungen alles aufbauen. Es ist uns möglich, in groben Zügen das Universum zu simulieren, weil wir darauf verzichten, all seine 10 hoch 80 Teilchen zu berechnen und uns nur auf die Strukturen – Galaxien – beschränken, die für uns von Interesse sind. Was spricht dagegen, dass es unsere Welt ebenso macht?
Nicht weil sie eine Simulation, sondern weil sie digital ist.
Nicht, weil sie in einem Rechner steckt, sondern weil sie rechnet.
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10.02.2009, 13:45
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#12
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Teil 10: »Wie in einem schlechten Film« – Baufehler der Welt
Lässt sich irgendwie überprüfen, ob die Welt simuliert ist oder nicht, ob sie aus Materie oder rechnendem Raum besteht? Handfeste Beweise gibt es nicht, nur Indizien dafür, dass »nicht alles mit rechten Dingen zugeht«.
1. Baufehler der Welt
Unser Universum ist über 13 Milliarden Jahre alt und Kosmologen und Paläontologen haben seine Geschichte gut nachgezeichnet und in sich schlüssig erklärt. Aber schon bei der Frage »was war vor dem Urknall« platzen ihre auf Kausalität und Raumzeit beruhenden Konzepte wie ein Luftballon (mit dem sie gern das Universum vergleichen). Weil sich ihren Theorien zufolge die zeitliche Präposition »vor« vor dem Urknall sinnlos ist, denn Raum und Zeit sind erst mit dem Urknall entstanden. So reformuliere ich die Frage korrekt: »Was ist das, was nicht Raum und Zeit ist?« Die nächste Runde Haareraufen und Köpferauchen ist eingeläutet.
Ist die Welt das, was der Fall, wie es Wittgenstein sagt?
Was ist das für eine Welt, in der selbst ihre klügsten Geister verzweifeln, weil die Sprache nicht zu ihrer korrekten Beschreibung taugt?
Für Kopfzerbrechen sorgt unsere Welt auch, wenn man das innere Sonnensystem mit Erde, Venus und Merkur 40 Millionen Jahre weiter laufen lässt. Dann kann niemand voraussagen, was geschieht. Vielleicht stößt der Merkur mit der Erde zusammen und alles fängt wieder von vorne an. Nur besteht das Sonnensystem seit über 4000 Millionen Jahren. Wobei niemand erklären kann, warum die Planeten des inneren Sonnensystems nicht schon vor Urzeiten zusammengekracht sind, wenn ihre Bahnen nur für wenige Millionen Jahre stabil zu sein scheinen.
Wen wundert es da, wenn sich Wissenschaftler auf die Suche nach Ungereimtheiten im Kosmos begeben, um Indizien dafür zu finden, dass unsere Welt eine Simulation ist? Sogar die kleinsten Einheiten von Raum und Zeit erscheinen in einem neuen Licht. Die kleinstmögliche Einheit unseres Raums gibt nur den Raum an, den ein Bit in dem Computer benötigt, in dem das Universum läuft. Die kleinstmögliche Einheit der Zeit gibt die Taktrate (Rechenoperationen pro Sekunden an). Die kleinste Raumeinheit (Planck-Länge) beträgt 1,61624 mal 10-35 Meter, die kleinste Zeiteinheit (Planck-Zeit Zeit) 5,39121 mal 10-44 Sekunden. Demzufolge hat der Computer, der unsere Welt simuliert, eine extrem hohe Taktrate. Aber es ist nur ein Computer und Naturkonstanten, über die Planck und Heisenberg gegrübelt haben, finden eine neue Erklärung.
Die Messungenauigkeiten der Unschärferelation sind demnach die Grenzen der Rechengenauigkeit. Diese Erklärung ist möglich, wenn das Universum sich in einem Rechner befindet. Sie trifft aber auch zu, wenn der Raum selbst rechnet und es dabei ebenso Grenzen der Genauigkeit, Ungereimtheiten und Fehler gibt, wie in unseren eigenen Berechnungen.
Zu Baufehlern der Welt kommt der Wahn in der Gesellschaft:
2. Wie in einem schlechten Film
Hat außer mir schon jemand anders das Gefühl gehabt, er oder sie sitzt allein oder im Kreis der Freunde und jetzt wird gedreht. Irgendwo ist die unsichtbare Kamera und der Kameramann oder die Kamerafrau. Dann ertönt ein »Schnitt«, das man selbst nicht hört und alles ist im Kasten. Eine neue Folge zu einer Serie, wo die Darsteller glauben, das sei das wirkliche Leben. Ich spiele definitiv in »Queer as folk« im Reality-Format mit und das ist vergleichsweise harmlos und manchmal sogar lustig.
Einige andere »Serien« überschreiten allerdings die Grenze des Harmlosen. Sie zeichnen sich durch eine Kombination von Bösartigkeit und Absurdität aus. Da bin ich bestrebt, ihren großen Darstellern in der Politik und den Kleindarstellern in der Bürokratie aus dem Wege zu gehen, was nicht immer gelingt.
Damit wären wir bei
3. »Die Mitte hat ein Loch« - Verlust der Realität
In der Erkenntnistheorie kommt man nicht um die Erkenntnis herum, dass Wirklichkeit auf Konsens und Übereinkünften beruht. Sie ist nie »absolut« und für alle gleich, sondern relativ und je nach Perspektive verschieden. Instanzen, welche einen Konsens über die Wirklichkeit herstellen wollen, tragen Namen wie »der gesunde Menschenverstand« und sie werden gewöhnlich im Mainstream einer Gesellschaft verortet. Auch der gesunde Menschenverstand kann Trugschlüssen erliegen, aber solange er gesund ist, erkennt er seine eigenen Täuschungen.
Und da sieht es »in der Mitte« und bei den »Realisten« ganz böse aus. Auf meinen Frust über all das Chaos in Berlin kam aus einer Talkshow als Antwort »Berlin ist im EU-Innovationsindex mittlerweile auf Platz 2«. So geht im Gesellschaftlichen jede konsensfähige Wirklichkeit verloren. Der Mainstream zieht sich in sein Traumschloss der Realität zurück. Ist nur das Universum ein großer Luftballon? Seit der Finanzkrise von 2008 wissen wir, dass auch die Wirtschaft nach dem Prinzip des Luftballons funktioniert. Und die nächste Blase kommt bestimmt!
An den »Rändern« verzweifeln sie ob des Irrsinns dieser Realität. Aber sie stellen wenigstens ab und zu die richtigen Fragen. Vielleicht ohne großes eigenes Verdienst sind da manche unempfänglich für
4. Realität, welche die Satire überholt hat
Stellt euch folgendes vor: Ihr seid in einem kleinen Laden und in ihn kommen Menschen, die auf Anordnung des Arbeitsamtes die Türrahmen vermessen sollen. Die tun das dann mit einiger Geschäftigkeit und Wichtigtuerei und gehen wieder.
In den 1970er Jahren wäre so etwas nur als Satire denkbar gewesen. Der Westdeutsche hätte geglaubt, das könne es nur in der DDR geben. Aber nicht bei ihm, wo es Freiheit und Vollbeschäftigung gibt. Genau das habe ich selbst erlebt. Nicht zum ersten Mal sind Dinge, die in den 1970ern als Satire gegolten haben, zur Realität geworden. Was zu
5. Satire als einzigem Widerstandsmittel
führt. In den 1970ern konnten die Menschen noch auf eine Vielzahl von Wegen Widerstand, »dagegen« und »außerhalb« artikulieren. Vom friedlichem Protest über die demonstrative Selbstanklage oder die Flucht (aus der DDR). Heute leben wir in einer Welt, wo sich Michael Moore und ein Fernsehmoderator darüber streiten, ob US-amerikanische Banken sofort oder erst nach einem Tag Gewehr und Munition als Werbegeschenke vergeben haben. Wo die Realität die Satire überholt hat und sich besonders die Eliten darin übertreffen, Dinge von sich zu geben, die man früher im politischen Kabarett verortet hätte.
All die Ungereimtheiten eines »materialistischen« Weltbildes, die im »digitalem Zeitalter« zu seiner Verwerfung und der Suche nach einer besseren Welterklärung führen müssen, haben ihr Gegenstück in unserem Bild von unserer Gesellschaft.
Nicht nur die Welt, auch die Gesellschaft hat »Baufehler«, die der Mainstream der Gesellschaftswissenschaften ignoriert oder weg erklärt. Die Naturwissenschaften beweisen ihre Authentizität nicht dadurch, dass sie uns eine fertige Welt hinsetzen, sondern dass sie diese Welt immer wieder hinterfragen. Mit simulierten Welten und digitalen Universen sind wir ein einem Punkt angelangt, der mich an »einstürzende Neubauten« denken lässt.
Wobei ich die stille Hoffnung habe, dass die einstürzenden Türme in Physik und Chemie in den Fakultäten der Historiker, Gesellschaftswissenschaftler und Ökonomen einschlagen und da keinen Stein mehr auf dem anderen lassen.
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17.02.2009, 13:46
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Teil 11: Vom Deutschen Reich zum Wirtschaftswunder
Ich bin 1962 zur Welt gekommen und konnte folglich nicht miterleben, was zuvor geschah und Auswirkungen auf mein Leben hatte. Von der Geschichte »vor meiner Zeit« waren die Nazi-Zeit, der Krieg und die ersten Jahre danach in den Erzählungen von Zeitzeugen am wichtigsten. Von jüdischen Überlebenden des Holocausts bis zu rechtskonservativen Veteranen der Wehrmacht hat mir jeder seine Sicht der Dinge nahe gebracht. Geschwiegen haben die wenigsten, aber viele mögen sorgfältig ausgewählt haben, was sie mir und anderen meiner Generation erzählt haben. Seltsamerweise spielten weder die Weimarer Republik noch die ersten zwanzig Jahre der BRD in den Erzählungen eine wichtige Rolle. Die Weimarer Republik mag selbst für die Älteren zu lange zurück liegen. Aber wieso wurde mir mehr über Hitler und die Nazi-Zeit berichtet als über Adenauer und das »Wirtschaftswunder«? Meine Lehrer und Lehrerinnen deckten vom Alter und der Ideologie alles ab, doch über »den Krieg« bekamen ich und meine Mitschüler mehr zu hören als über »1968«.
Das Grauen der Nazi-Zeit, die Ermordung der Juden und auch die Leiden der Zivilbevölkerung im Krieg und durch Flucht aus den zerstörten deutschen Ostgebieten waren für mich feste historische Größen. Es war auch die Zeit, wo mit dem Film »Holocaust« Entrechtung und Ermordung der Juden thematisiert wurden und der japanische Film »Barfuß durch die Hölle« den Horror des Zweiten Weltkrieges in Fernost aufzeigte.
Wer Leid und Entbehrungen durchmachte, möchte die gern vergessen und neu anfangen. Es besser machen und endlich einmal gut leben. Entweder müssen die Menschen in meiner Kindheit und Jugend den Wohlstand nach 1949 und die gesellschaftliche Emanzipation nach 1968 als selbsterklärend und nicht der Rede wert betrachtet haben. Oder es war auch damals nicht so rosig wie man uns glauben machte und die Menschen schwiegen, weil sie nicht begriffen, was vor sich ging. War es schon damals absehbar, dass der Glaube ein krisenhaftes Wirtschaftssystem, staatliche Bevormundung und eine bigotte Gesellschaft überwunden zu haben, mehr auf Hoffnungen als auf Tatsachen beruhte?
Ein Blick zurück vor 1933 legt nahe, dass »alles« schon da gewesen war. 1929 sagte angesichts rasanter technischer Entwicklung und eines Wirtschaftsbooms der damalige Präsident der USA, Hoover, dass die USA dicht davor ständen, die Armut zu überwinden. Wenige Monate später brach die Weltwirtschaftskrise aus und Lager von Obdachlosen in den USA wurden als »Hoover-Towns« bezeichnet.
Emanzipationsbestrebungen der Homosexuellen lassen sich bis in die Kaiserzeit zurück verfolgen und die Frauenbewegung machte schon um 1900 auf sich aufmerksam. Untersuchungen zu Transvestismus und Transsexualität reichen bis 1910 zurück. Die Sexualwissenschaft hat Magnus Hirschfeld vor einem Jahrhundert begründet. Ideen zur Eroberung des Weltraums und die Science Fiction blühten schon damals. Schnellzüge gab es seit der Kaiserzeit, aber noch in den 1980er Jahren benötigte ein Zug für die Fahrt von Hameln nach Berlin (ca. 350 Kilometer) viele Stunden. Raketen und Computer, Fernseher und Düsenflugzeuge wurden vor 1945 in Deutschland entwickelt. Kaum war der Film erfunden, boomte in Deutschland das Kino und Farbfilme gab es schon in der Nazi-Zeit.
Mit all den Ideen, Konzepten und Visionen, die im Deutschen Reich von 1871 bis 1945 entwickelt wurden, geschah Folgendes: Was nicht ins Weltbild der bigotten und reaktionären Eliten und ihres Anhangs passte, wurde nach 1933 von den Nazis zunichte gemacht und von der BRD unter Adenauer nicht wieder aufgegriffen.
Die Nazis entwickelten zumindest in Teilbereichen der Wissenschaft und Technik sowie der Kultur noch Ehrgeiz. Deutschland sollte mit überlegenen Waffen zur Weltmacht werden und mit Innovationen wie dem Fernsehen Eindruck schinden. Die UFA war das reichsdeutsche Gegenstück zu Hollywood mit vergleichbaren Filmen. Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches profitierten nur die Sieger von seinen Innovationen. Die BRD unter Adenauer unternahm keine Bestrebungen, geistig, kulturell und wissenschaftlich an das Deutsche Reich zu seiner besseren Zeit vor 1933 anzuknüpfen. In der Nachkriegszeit wurden noch einige gute Filme gedreht, dann fiel die Klappe. Hochwertige Massenware kam aus Hollywood, mit dem die deutsche Filmindustrie nicht mehr konkurrieren wollte.
Große Leistungen in Wissenschaft und Technik, kulturelle Blüte und Emanzipationsbestrebungen hat es schon vor meiner Zeit gegeben. Und schon vor meiner Zeit wurde nach vielen anderen Epochen und Kulturen auch uns Deutschen nicht Fortschritt, sondern Rückschritt verordnet. Die Nazis wollten für ihr Mordreich nicht freie und seelisch gesunde Menschen, sondern hohlwangige Kampfmaschinen mit blondem Scheitel. Und Konrad Adenauer gebührt das traurige Verdienst, unter seinem Regime ein politisches System entwickelt und eingeführt zu haben, für dass ich die Bezeichnung »Wohlstandstotalitarismus« geprägt habe. Weil es ein Totalitarismus ist, der nicht aus dem Mangel entsteht und sich in extremen Etatismus und radikaler Zentralisierung der Macht ausdrückt. Es ist ein Totalitarismus, der im Massenwohlstand funktioniert. Er braucht keine Zentralisierung der Macht, sondern arbeitet auch bei politischer Konkurrenz und dem Anschein von Freiheit. In der BRD hat er bis in die 1960er Jahre so gut funktioniert, dass wie unter den Nazis wieder Kommunisten und Homosexuelle verfolgt wurden. Der Paragraph 175 führte bis 1969 zu 10 000 Verurteilungen von Homosexuellen und 50 000 vernichteten Existenzen.
Freiheit sieht anders aus.
Als ich die Welt um mich herum wahrnahm, war Hitler schon lange tot und auch von Adenauers System hatten viele Menschen die Schnauze voll. War nicht »1968« soeben vorbei gewesen und regierte nicht seit 1969 die SPD unter Willy Brandt?
Fassbinder drehte bemerkenswerte Filme und eine deutsche Raumsonde (»Helios«) flog zur Sonne. Hoimar von Dithfurt präsentierte im deutschen Fernsehen in der Wissenschaftssendung »Querschnitte« das Modell eines Raumschiffes, mit dem Menschen schon in naher Zukunft bis zum Mars fliegen sollten. Eine meiner frühesten und schönsten Erinnerungen!
Die BRD gehörte zu den reichsten Industrienationen und die Gewerkschaften pressten den Arbeitgeber zehnprozentige Lohnerhöhungen ab. Mit dem Umzug von einer Bruchbude mit Ofenheizung ins zentralgeheizte Eigenheim mit fließend Warmwasser 1967 war auch meine Familie in der Moderne angekommen. Willy Brand wollte »mehr Demokratie wagen« und als Reaktion auf dem Bildungsnotstand der Nachkriegszeit wurden Gymnasien und Universitäten für die Kinder aus den unteren Schichten geöffnet. Das Scheidungsrecht wurde reformiert und die Gesellschaft verabschiedete sich vom patriarchalen Rollenbild. Die Fresswelle rollte, die Sexwelle rollte auch und an Westerwelle dachte man nicht einmal in den schlimmsten Alpträumen.
Schon der Satz »in der Nachkriegszeit wurde jeder genommen« erscheint mir damals wie eine Legende ohne Bezug auf mein Leben. Denn meine Heimatregion, das Weserbergland, gehörte in den 1970ern zusammen mit Ostfriesland zu den Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Einem Bericht über den zu zwei Dritteln von der innerdeutschen Grenze umgebenen Landkreis Lüchow-Dannenberg entnahm ich, dass es da mit Infrastruktur und Perspektiven katastrophal aussah. Die Regel von der Vollbeschäftigung im Wirtschaftswunder hatte viele Ausnahmen. Dem Buch »Armut in der Bundesrepublik« von Jürgen Rot zufolge waren in der BRD bei einer Bevölkerung von sechzig Millionen sechs Millionen, also jeder Zehnte, arm und vom Wohlstand weitgehend ausgeschlossen. Reportagen von Günter Wallraff zeichnen das Bild eines Landes, wo sich in vielen Ecken und Winkeln eine Rückständigkeit hielt, die man eher im Feudalismus oder Frühkapitalismus vermutet hätte.
Die 15 Jahre nach »1968«, dass uns von Liberalen und Konservativen gleichermaßen als der große Umsturz verkauft wird, waren nicht nur von allzu vielen Überbleibsel überwunden geglaubter schlechter Zustände geprägt. Sie waren auch die Zeit, wo überall auf der Welt und auch in Deutschland eifrig mit der Restauration dieser schlechten Zustände begonnen wurde.
Das hatte es in der deutschen Geschichte kurz zuvor gegeben. In den ersten Jahren nach 1945 waren mit dem Deutschen Reich auch die alten Herrschaftsstrukturen zusammengebrochen. Alles lag in Trümmer und alles hatte sich als falsch und Irrweg erwiesen. Da machten inmitten von Trümmern und schierer Not die Schwulen da weiter, wo sie 1933 aufgehört hatten. Viele Schwangerschaften endeten mit einer Abtreibung, weil die Frauen ein Kind nicht ernähren konnten. Regisseure drehten die Filme, die unter den Nazis nicht möglich gewesen wären.
Von der rechtsextremen »Sozialistischen Reichspartei« bis zur linken KPD war in der Politik wieder Vielfalt angesagt. Die CDU gab sich mit dem »Ahlener Programm« sozial, die SPD war unter Kurt Schumacher links. Wer gerade erst einen katastrophal verlorenen Krieg hinter sich hatte, wollte nie wieder Soldat. Ein Land, das durch einem Millionenheer unter dem »Größten Feldherrn aller Zeiten« in die schlimmste Katastrophe seiner Geschichte geführt wurde, wollte keine Armee mehr haben.
Die Rückkehr der Nazi-Kader in hohe Funktionen und das Regime von Konrad Adenauer setzten allen Bestrebungen auf »etwas Neues« ein Ende. Schwule wurden wieder verfolgt und der Paragraph 218 führte zum »Abtreibungstourismus« in die Niederlande. Repression und 5-Prozent-Hürde sorgten dafür, dass bald nur noch CDU/CSU, SPD und FDP im Bundestag vertreten waren. Auf »nie wieder Krieg!« folgte die Wiederbewaffnung und auf Hitlers Führerbunker der für einen Atomkrieg vorgesehene Bunker der Bundesregierung.
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17.02.2009, 18:09
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Teil 12: »Am Bildschirm« – Nachrichten aus aller Welt
Eine meiner ersten bewusst wahrgenommenen Nachrichten im Fernsehen lautete: »Nasser ist tot.« Der erste Präsident der ägyptischen Republik starb 1970. Er war schon zu Lebzeiten umstritten, galt aber auch als Hoffnungsträger der arabischen Welt. Sein Nachfolger Sadat versuchte, durch einen Frieden mit Israel den Konflikt zwischen Israel und den Arabern zu lösen. Sadats Bestrebungen verfolgte auch eine Lehrerin von mir mit großem Interesse und informierte uns im Schulunterricht darüber. Sadats Friedensprojekt scheiterte am ungelösten Palästina-Problem und anstatt als würdiger Nachfolger Nassers in die Geschichte einzugehen, wurde er 1981 ermordet. Nach Nassers Tod wurde es in Ägypten anders, aber nicht besser. Krieg und Gewalt im Nahen Osten setzen sich fort.
Der Nahost-Konflikt wurde sogar auf einem Landesparteitag der niedersächsischen Grünen 1982 zum Thema. Damals begingen libanesische Verbündete Israels in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ein Massaker und damals hörte ich zum ersten Mal den Namen Ariel Scharon. Scharon war als israelischer Verteidigungsminister für das Massaker politisch mit verantwortlich und wurde deswegen zum Rücktritt gezwungen. Was ihn nicht daran hinderte, weiter Karriere zu machen und in »führender« Position sein Land und den gesamten Nahen Osten immer tiefer in eine ausweglose Lage zu führen. Scharon hat es auch wie keine anderer israelischer Politiker geschafft, dem Ansehen Israels bei den Deutschen zu schaden.
Die Bundesrepublik Deutschland war in der Nachkriegszeit so etwas wie ein großer Fanclub für das junge Israel. Die israelische Sängerin Daliah Lavi kannten wir alle und ebenso die Satiren von Ephraim Kishon. Schließlich reicht der Blaumilchkanal bis nach Berlin und ehe die platzende IT-Blase und die Lehmann-Brothers die Anleger zittern ließen, brachten Investitionen in Elefanten ein israelisches Mietshaus zum Einsturz. Israel, das war »Eis am Stil« und Kibbuz. Die Palästinenser wurden ignoriert oder wegen Anschlägen wie dem auf die Olympischen Spiele in München 1972 als Terroristen wahrgenommen.
Mit Ariel Scharon als Verantwortlichen für den Einmarsch Israels in den Libanon war Israel für mich als Delegierte auf einem Parteitag in der norddeutschen Provinz plötzlich Gegenstand einer peinliche Diskussion darüber, ob man Massaker in palästinensischen Flüchtlingslagern mit der »fabrikmäßigen« Ermordung von Menschen durch die Nazis vergleichen dürfe.
Scharon ist nur einer der Totengräber einer lebenswerten Zukunft, die in der Zeit meine politischen Bewusstwerdung die Bühne betraten. Es gab sie weit weg und vor Ort, groß und klein. Als erster erschien der chilenische General Augusto Pinochet im Bewusstsein der damaligen Öffentlichkeit. Er putschte 1973 gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Danach inhaftierte und ermordete sein Regime Tausende Menschen und seine von vom »Monetarismus« Milton Friedmans inspirierte Wirtschafts- und Sozialpolitik stürzte das Land ins Elend.
Im Nachbarland Argentinien putschte das Militär unter General Videla 1976 und verhaftete, folterte und ermordete Tausende. Unter Videlas Nachfolger Gaitieri besetzte Argentinien im April 1982 die zu Großbritannien gehörenden Falkland-Inseln. Was als außenpolitische Ablenkung von inneren Problemen gedacht war, geriet für die Militärdiktatur zum Fiasko. Die Briten eroberten die Falkland-Inseln zurück und die Niederlage Argentiniens im Krieg besiegelte das Ende der Militärdiktatur. Danach folgte die Rückkehr zur Demokratie, aber auch ein Vierteljahrhundert politischer und wirtschaftlicher Agonie.
Wie nahe uns Lateinamerika war, zeigt der Besuch des CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß beim chilenischen Diktator Pinochet im Jahre 1977. Das wurde damals als grundsätzliche Zustimmung zum Putsch und zur Politik Pinochets gewertet.
Den Reigen der reaktionären Putschisten, deren »Wirken« ich als Zeitzeuge mit verfolgte, schließt der türkische General Kenan Evren ab. Er putschte 1980 in der Türkei und verfuhr nach bekannten Schema: Oppositionelle einsperren, foltern und ermorden lassen.
Man darf aber nicht glauben, dass derartige Militärdiktaturen auf Dauer angelegt sind und es den Putschisten darum ging, eine von ihnen als untauglich betrachtete Demokratie durch eine dauerhafte Ordnung zu ersetzen. Solche Ideen mochte noch Nasser gehabt haben. Die von mir genannten Putschisten und insbesondere die sie tragenden Kreise im eigenen Land und dem Ausland agierten perfider als der Diktator am Nil.
War das Ziel des Putsches erreicht, konnte man »zur Demokratie zurückkehren«. Mörder in Uniform ohne Charisma und Visionen wurden irgendwann zur Belastung. Die Welt sah in ihnen das Klischee des Tyrannen und dem eigenen Volk hatten sie außer Mord und Totschlag nichts zu bieten. Um die Massen ruhig zu halten, war es besser, sie mit der »Rückkehr zur Demokratie« zu ködern. Allerdings war es eine Demokratie, wo Wähler und Parteien nichts an den Machtverhältnissen und politischen Grundsatzentscheidungen ändern konnten. Auch weil zuvor die Diktatoren jene Menschen und Bewegungen liquidiert hatten, die eine andere Ordnung wollten. So eine Demokratie bekamen die Argentinier ab 1983 und die Chilenen ab 1990. Ein Chilene sagte darüber sinngemäß: »Was haben wir von einer Demokratie, wenn wir uns nicht bewegen können?«
Jene Art von »Rückkehr zur Demokratie« verfolgte ich schon in den 1970er Jahren. Da starb 1975 Francisco Franco, der Spanien vierzig Jahre als Diktator regiert hatte. Als letzte Ereignisse seiner Amtszeit sind mir Pläne in Erinnerung, inhaftierte Terroristen mittels der Garotte hinzurichten. Meines Wissens fand die Exekution nicht mehr statt, aber bis 1974 wurden in Spanien Menschen auf diese barbarische Weise hingerichtet. Nach Francos Tod hofften die Spanier und das Ausland gleichermaßen auf die Rückkehr zur Demokratie. So geschah es unter König Juan Carlos. Allerdings war es jene Art von Demokratie, wo Wahlen nicht allzu viel entscheiden. 1982 wählten die Spanier die Sozialisten an die Macht. Aber die betrieben unter Felipe Gonzalez keine sozialistische, sondern eine neoliberale Politik. Die vor allem im Süden des Landes und bei Jugendlichen hohe Arbeitslosigkeit wurde nicht überwunden. In Andalusien hockten viele junge Menschen auf den Dörfern und hatten keine Perspektive, sich ein eigenes Leben aufzubauen.
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23.02.2009, 01:22
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Teil 13: »Der lange Abschied« – die SPD und ich
Ich bin nie in die Verlegenheit gekommen, die SPD zu wählen oder sogar ihr Mitglied zu werden. Denn als ich 1980 zum ersten Mal wählen konnte, war die SPD nicht mehr die Partei, die junge und links eingestellte Menschen aus einfachen Verhältnissen wie mich hätte begeistern können. Wenige Jahre zuvor war das noch anders. Ich glaube sogar, dass mich im Alter von kaum mehr als zehn Jahren eine zufällig aufgelesene Wahlbroschüre der SPD unter Willy Brandt nachhaltig geprägt hat.
Links. Idealistisch. SPD.
Bundeskanzler Willy Brandt
Die Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Willy Brandt von 1969 bis 1974 markiert einen Höhepunkt in der Geschichte der SPD und der Linken und ihr Ende durch die Guillaume-Affäre für SPD und Linke gleichermaßen einen Wendepunkt.
Willy Brandt war als Kanzler zugleich charismatisch und umstritten. Großer Hoffnungsträger und Lebemann mit Hand zu Frauen und Alkohol. Den harten Linken war er nicht links genug. Für die Rechten und Konservativen war er vor allem wegen der Annäherung an den Ostblock ein »Verräter«. Verraten wurde er aber ausgerechnet von dem Land, mit dem er halbwegs normale Beziehungen erreichte: der DDR, deren Geheimdienstchef Markus Wolf jenen Spion im Kanzleramt platzierte, über den Brandt stürzte.
Davor hatte Brandt die SPD nach zwanzig Jahren endlich an die Macht geführt. 1969 gewannen SPD und FDP denkbar knapp die Bundestagswahlen. Da die rechte NPD mit vier Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, hatten Sozialdemokraten und Liberale trotz gegenüber Union und NPD geringerer Stimmenzahl eine Mehrheit der Mandate im Bundestag. Die Union konnte den Verlust der Macht nicht verwinden und betrieb den Sturz Willy Brandts. Von 1969 bis 1972 traten so viele Abgeordnete der sozialliberalen Koalition zur Union über, dass SPD und FDP die Mehrheit im Bundestag verloren. Die Union wollte nun durch ein »konstruktives Misstrauensvotum« Rainer Barzel zum neuen Bundeskanzler wählen lassen. Das scheiterte aber daran, dass ihr auf einmal zwei Abgeordnete die Unterstützung versagten. Das schmutzige Spiel mit Überläufern kehrte sich gegen die Union selbst. Bei den wegen des Patts notwendig gewordenen Neuwahlen 1972 wurde die SPD mit über 45 Prozent zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik vor der Union stärkste Partei.
Es war der größte Triumph für Willy Brandt, die Sozialdemokraten und die demokratische Linke in der Nachkriegsgeschichte. Und der Anfang vom Ende! Denn 1974 wurde Brandts Mitarbeiter Günter Guillaume als Spion der DDR enttarnt und Brandt trat zurück. In nur zwei Jahren war aus Triumph Agonie geworden.
Warum?
Für Brandts Sturz nur zwei Jahre nach seinem größten Triumph gibt es viele Erklärungen. Das Wirken seines Nachfolgers Helmut Schmidt legt allerdings nahe, dass einflussreichen Kreisen die politische Grundorientierung unter Brandt nicht passte. Zu links, zu sozial, zu liberal. SPD, Arbeiterbewegung und demokratische Linke hatten zu viel Einfluss und der Mann, der das verkörperte, musste weg!
Helmut Schmidt und die Folgen
Brandts Nachfolger Helmut Schmidt schaffte es, den Flurschaden durch die Guillaume-Affäre so weit zu beheben, dass SPD und FDP bei den Bundestagwahlen 1976 trotz Verlusten ihre Mehrheit verteidigten. Schmidts immer mehr nach rechts abdriftende Politik leitete aber den bis heute anhaltenden Niedergang der SPD ein. Auseinandersetzungen um die Nutzung der »Atomkraft« und um Fragen der Rüstungspolitik führten dazu, dass sich immer mehr Menschen von der SPD abwandten. Wollte Willy Brandt noch »mehr Demokratie wagen«, fiel die sozialliberale Koalition unter Schmidt dadurch auf, dass sie die endgültige Abschaffung des zur Verfolgung von Homosexuellen dienenden Paragraphen 175 nicht zustande brachte. Dem Magazin »Konkret« zufolge waren Helmut Schmidt und rechte Gewerkschafter gegen die Abschaffung des § 175.
Schmidt wurde vorgeworfen, sich immer weiter von der sozialpolitischen Orientierung der SPD zu entfernen. In seine Amtszeit als Bundeskanzler fiel nicht nur die Einführung der Rezeptgebühr für Arzneimittel. Ihm wurden auch Pläne zur Abschaffung des BAFÖGs nachgesagt, die der Bildungsminister nur durch eine Rücktrittsdrohung vereitelt hätte. Zum ersten Mal seit 1959 waren unter Kanzler Schmidt 1975 wieder mehr als eine Million Menschen arbeitslos. Die Grünen prangerten auf einem ihrer ersten Wahlplakate eine Million Arbeitslose als sozialpolitischen Skandal an. Es kam noch schlimmer: Ende 1982 waren zwei Millionen Menschen ohne Arbeit und in den letzten Jahren schwankte ihre Zahl in der Statistik um vier Millionen. Die Zahl der Menschen, die keine Arbeit haben oder von ihrer Arbeit nicht leben können, wird insgesamt auf sieben bis acht Millionen geschätzt.
Die »Ära Schmidt« leitete nicht nur den Anfang vom Ende des »sozialen Deutschlands« ein, sondern auch den Anfang vom Ende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Von den 1950er Jahren bis 1977 hatte sich die Mitgliederzahl der SPD von einer halben auf eine Million gesteigert. Seit 1977 ging sie wieder zurück und liegt heute wieder bei einer halben Million. Unter Willy Brandt war die SPD mit 45 Prozent stärkste Partei geworden. Seit 1982 liegen ihre Wahlergebnisse – außer 1998 – unter 40 Prozent und für die Wahlen 2009 geht man von einem Ergebnis von weniger als 30 Prozent aus.
Schon in den 1970er Jahre wurde angesichts von Schmidts Politik bei engagierten Sozialdemokraten bzw. Linken in der SPD von Resignation und Rückzug ins Private gesprochen. Oder man erwog einem Wechsel zu einer anderen politischen Kraft. Zugleich schaffte es eine unter Schmidt »rechts« gewordene Sozialdemokratie nicht einmal, am rechten Rand ihrer Klientel Menschen zu binden. Die gingen zur Union, weil sie das Original der Kopie vorzogen.
Nach dem Ausscheiden Helmut Schmidts aus der aktiven Politik 1982 unternahmen die Sozialdemokraten zaghafte Versuche zu einer Neuorientierung. Ein Zurück zur klassischen Arbeiterpartei war nicht möglich. Die Fortsetzung »rechtssozialdemokratischer« Politik wie unter Schmidt schien aber auch nicht ratsam. Letztendlich scheiterten alle Bemühungen.
Die Sozialdemokratie und die von ihr geprägte Arbeiterbewegung verfielen Stück für Stück in Agonie. Abzulesen an den Biografien von Menschen, die sich von ihnen abwandten. Mache verließen sie schon in den 1970ern. Ein Freund wartete bis 1990, ehe er austrat. Andere kehrten ihr nach der neoliberalen Kehrtwende unter Gerhard Schröder seit 2003 den Rücken.
Den Menschen, die wie ich aus einfachen Verhältnissen und sozialdemokratisch eingestellten Familien stammen oder sich sogar selbst in der SPD engagiert hatten, bleibt da oft nur der Blick zurück im Zorn. Ein Blick zurück auf die Hackfressen korrupter Funktionäre und reaktionärer kleinbürgerlicher Spießer. Schon vor dreißig Jahren sagte ein linker Polit-Aktivist bei einem Glas Bier zu mir: »Das sind gestandene Arbeiterverräter.«
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Geändert von Beverly (23.02.2009 um 01:27 Uhr).
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