Wir zahlen nicht für eure Krise
Wenn es nach mir ginge, gäbe es überhaupt keine Demonstrationen
mehr, sondern nur noch Einzelkämpfer, also Menschen, die etwas in
der Umgebung tun, in der sie eingebettet sind; in der sie, um ein
Beispiel zu nennen, Flugblätter erstellen und diese in Hausbriefkästen
werfen, oder an Orten, an denen man es nicht erwartet
(Lebensmittelregale). Es wird dem System nicht möglich sein, hinter
jedem Bürger einen schwerbewaffneten Polizeibüttel in Position zu
bringen. Auch wird es schwer sein, hinter jedem Bürger einen
Reporter zu stellen.
So eine Massendemonstration erfordert viel zu hohe Energien,
die schlussendlich in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen -
zumindest nicht vom Blickwinkel eines Demonstranten her gesehen.
Am meisten nützt sie dem herrschenden Regime, das mal wieder
zeigen kann, wie dumm Demonstranten sind und wie wichtig es ist,
die Polizei-und Militärkräfte weiter auszubauen.
Andererseits kann das Regime damit stets seine ungeheuere
Stärke demonstrieren, kann zeigen, dass das Volk absolut keine
Chance hat, wie auch immer an ihrer Macht zu rütteln. – Und es kann
auch zeigen, wie verschwindend gering die Anzahl seiner Gegner ist….
Denn was sind schon Zwanzigtausend, Vierzigtausend
oder Vierhunderttausend Demonstranten gegen ein 82 Millionen-Volk?
Dieses Zahlenmythos habe ich eh noch nie so richtig kapiert...es ist
doch aus der Sicht des Regimes normal, daß es Teilnehmerzahlen
runterspielt, würde ich auch machen, wenn ich das Regime wäre.
Wer wäre auch so naiv, von den Herrschenden Aufrichtigkeit zu erwarten?
Die meisten Demonstranten tun übrigens wenig oder fast gar
nichts Politisches in ihrem tagtäglichen Lebenskreis, sind von allen
anderen politisch-Nichtstuenden mithin kaum zu unterscheiden. Sie
glauben, wenn sie auf Demonstrationen gehen oder eine
politische Veranstaltung besuchen, oder im Internet schreiben, hätten
sie das Wichtigste getan. Das Wichtigste aber ist und bleibt das
persönliche Gespräch mit Leuten seines sozialen Umfeldes.
Als ich kurz vor 11Uhr an der Bockenheimer Warte, der alten Frankfurter
Uni, eintrudele, regnet es.
Viele Leute sind zu sehn, viel Gewerkschaftsvolk, viele Fahnen aller
möglichen Organisationen. Sehr viele haben die 50 Jahre Lebensstufe
schon überschritten. Zwischen 28 und 38 scheint es kaum Leute zu
geben. Alle wuseln durcheinander und warten auf was auch
immer. Passanten oder Zuschauer gibt es nicht, alle Demonstranten
sind unter sich. Aus einem Lautsprecherwagen erklingen schrille Rocktöne.
Um 12 Uhr, als eigentlich schon die Kundgebung auf dem Römer-
berg stattfinden soll, laufen die Leute hier immer noch ziellos herum.
In der Bockenheimer Landstraße aber hat sich schon seit seit
etlichen Minuten ein schwarzer Zug formiert (Die Autonomen).
Eng stehen alle dort zusammen. Überall sind uniformierte Polizeibüttel
in ihren martialischen Uniformen zu sehen. Dann auf einmal entscheidet
sich der schwarze Zug, loszumarschieren. Und er wird nicht von
den Polizeikräften aufgehalten, von denen es unter den Demonstranten
hieß, dass sie den Befehl zum Abmarsch geben würden. Dieser
schwarze Zug wird die Demonstration bis zum Römerberg anführen.
Die Bockenheimer Landstraße geht es hinunter bis zum
Opernplatz. Nirgendwo auf dem ganzen Weg, kann ich
irgendwelche Beifallskundgebungen aus Wohnhäusern erkennen
(die aber im Stadtinneren eh nicht zahlreich gesät sind) Dort sind
starke Polizeikräfte in Stellung gebracht, die den Zugang zur
Fressgasse abschirmen ebenso den Zugang zum Bankenviertel.
Überhaupt schirmen diese Staatsbüttel auf dem gesamten Weg
alle Straßenzugänge hermetisch ab, die nicht betreten werden
sollen. Bestimmt dreißig Staatsbüttel sind mit Videokameras
beschäftigt, die sie auf jedes erreichbare Gesicht richten. Auf der
Strecke sind nur wenige Passanten zu sehen, - die kaufen alle auf
der Zeil ein.
Kurz vor dem Eingang zum Römerberg erklärt
ein Polizeilautsprecherwagen, dass der Römerberg nicht betreten
werden dürfe, da er bereits von dem ersten Demonstrationszug, der
aus Richtung Hauptbahnhof kam, zu überfüllt sei (dass hätte
übrigens bedeutet, dass sich 20.000 Menschen darauf befunden hätten
---wo doch später die Polizei behauptete, es wären nur 15 000
Teilnehmer insgesamt gewesen), alle Teilnehmer sollten nach links
auf den Paulsplatz ausweichen. Das kann man aber mit Autonomen
nicht machen.
Ganz eng zusammenstehend gehen sie langsam gegen die
abschirmende Polizeikette vor, die sich zwischen schwarzem Block und
den bereits auf dem Römerberg stehenden Teilnehmern befindet.
Die Polizeiführung erkennt sogleich diesen taktischen Fehler und zieht
die Kette schnell zurück. Der schwarze Block und alle weiteren
Anhängsel strömen auf den Römergerg….
Der Regen hörte übrigens bald nach dem Abmarsch auf und setzte erst
wieder gegen 16 Uhr ein.
Es gab eine sehr gute Rednerin, die die augenblickliche Lage und auch
die Funktion des herrschenden Staatsapparates gut auf den Punkt
brachte; hab aber ihren Namen und Organisationszugehörigkeit
vergessen (vielleicht „Interventionistische Linke“?...oder so ähnlich).
La Fontaine, den ich zum ersten mal sah und hörte, ist ein ganz übler
Demagoge und Populist. Vorsicht vor diesem Mann, kann ich nur sagen….
grüße
Iphi
