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Alt 08.08.2008, 23:51   #1
Iphigenie
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Die Schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie die Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

~ Heinrich Heine (1797-1853) deutscher Schriftsteller

Geändert von Iphigenie (09.08.2008 um 00:01 Uhr).
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Alt 09.08.2008, 00:00   #2
Iphigenie
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Das letzte Kapitel

Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte,
völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.

~Erich Kästner (1899-1974) deutscher Schriftsteller
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Alt 09.08.2008, 00:02   #3
Iphigenie
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Leicht ist Vieles

Leicht ist Vieles,
doch nichts leichter als die Zeit
in der wir leben,
in der wir streben,
Leichtes in uns einzuweben.

Leicht schmiert leichte Frühstücksbutter
sich von selbst ins leichte Brot
und ’ne federleichte Oma freut sich:
„Bald schon 63Jahre
ohne Krieg und Hungersnot!“.

Leicht fliegt eine Segeljacht
Durch des Meeres weite Pracht
obenauf da liegen Modelmädchen,
leicht wie deutsche Wattebrötchen
und der schnieke Käptn, der honette
raucht ’ne superleichte Zigarette.

Leichte Margarine, leichte Vitamine
und auch leicht die Kehrmaschine
Leichte Präser für den Herrn
Leichte Binden für die Dern
daunenleichte Federbetten
Leicht sogar die Schlaftabletten.

Leicht fließt aller Medienbrei ungehindert eins zwei drei
flott in unsere Köpfe
Leicht und ohne Widerstand
Zieh’n Reformen durch das Land
Leicht ist das Entrechten, leicht ist auch das Knechten
Leicht ist stark die Herrscherhand.

Leicht ist Vieles,
doch nichts leichter als die Zeit
in der wir leben,
in der wir streben,
Seichtes in uns einzuweben.

~Iphigenie
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Alt 10.08.2008, 09:13   #4
Iphigenie
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Frankfurter Stadtansichten

Es war ein Tag, so schön wie heute
die ganze Stadt war sexbeflaggt
Am Straßenrand da gafften Leute
- das Weib lag tot und unten nackt.

Der schicke Benz war seitlich eingedellt
er sah wohl nicht den Zebrastreifen
Des Fahrers Hirn war eingestellt
auf einen plötzlich steifen Steifen.

Ein Penner legte seine Schmusedecke
auf diesen wunderschönen toten Po
Tatüüü-tataaa kam rasend um die Ecke
und noch mehr Gaffer sowieso

Ein Krankenwagen fuhr gleich weiter
weil der ’ne Leiche niemals transportiert
Der Fahrer, so geschockt - da weint er
als er so sieht, was er da massakriert

An allen Straßenrändern der Stadt
wirbt ein Bikiniweib mit lüsterndem Blick
Keiner, der’s nicht schon gesehen hat
Keiner, der nicht träumt von einem Fick

„Autofahrer, bitte nicht hingucken!“
-Ein lustiger stilvoller Werbegag
Der Pöbel muß seitwärts rucken
ein Leichenwagen fährt die Leiche weg

Vier Hände öffnen die Zinkwanne
ein wenig Blut auf einer hohen Stirn
…….Blicke fallen rein ins schöne Mädelgesicht
Und ein Gedanke zuckt durch beider Hirn:
„Kenne ich die nicht?1…Kenne ich die nicht?!….Kenne ich die nicht?!“
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Alt 10.08.2008, 09:14   #5
Iphigenie
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Artikel 3 (3)

1
niemand darf wegen
seines geschlechtes
seiner abstammung
seiner rasse
seiner sprache
seiner heimat und herkunft
seines glaubens
seiner religiösen oder
politischen
anschauungen
benachteiligt oder
bevorzugt werden.

2
ein volk von
ex nazis
und ihren
mitläufern
betreibt schon wieder
seinen lieblingssport
die hetzjagd auf
kommunisten
sozialisten
humanisten
dissidenten
linke.

3
wer rechts ist
grinst.

4
beispielsweise
wird eine partei zugelassen
damit man
die existenz
ihrer mitglieder
zerstören kann
eigentlich waren
die nazis ehrlicher

zugegeben
die neue methode ist
cleverer


5
dreißig jahre später
gibt es wieder
sagen wir
zehntausend
die verhören
die neue gestapo

wehrt euch
vielleicht gibt es zeitungen
die eine rubrik einrichten
jeden tag in einem kasten
eine visage
die fotografie einer fresse
die verhört
mit namen
beruf
adresse
sowie
in den meisten fällen
mitgliedsnummer der
nsdap

dann selbstverständlich
keine gewalt
sondern geht hin
und zeichnet
die wohnungstüre
das haus
des folterers
mit hakenkreuzen

ich garantiere euch
der wird es sich
überlegen
ob er noch einmal
verhört

der läuft zu
seinem boss
und sagt
sorry boss
die machen mich
dingfest
der wird mir
zu gefährlich
dem geht der
A**** im grundeis

hört auf zu winseln
wehrt euch
die beste verteidigung ist
der angriff (clausewitz)

6
als die nazis
während des krieges
in dänemark
den judenstern einführen wollten

trug der könig von dänemark
bei seinem nächsten ausritt
den gelben stern
auf seiner uniform

warum legen
der scheel
der schmidt
der willibrandt
der genscher
der maihofer
nicht den
judenstern an
wenn sie
beim frühstück lesen
daß man schon wieder
eine lehrerin
gefoltert hat

ah ich vergesse
daß sie eine solche meldung
mit der lupe
suchen müßten

wie wär’s denn
bundesdeutsche zeitungen
wenn ihr
den deutschen dissidenten
wenigstens ein zehntel des raums
einräumen würdet
den ihr
den russischen widmet
doch zieht ihr es vor
aus dem glashaus
mit steinen zu schmeißen

die splitter im fremden
anstatt den balken im eigenen
auge zu sehn

7
das neue kz
ist schon errichtet

die radikalen sind ausgeschlossen
vom öffentlichen dienst
also eingeschlossen
ins lager
das errichtet wird
für den gedanken an
die veränderung
öffentlichen dienstes

die gesellschaft ist wieder geteilt
in wächter
und bewachte
wie gehabt

ein geruch breitet sich aus
der geruch einer maschine
die gas erzeugt.

~ Alfred Andersch (1914-1980) deutscher zeitkritischer Erzähler
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Alt 10.08.2008, 09:15   #6
Iphigenie
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Der Tantenmörder

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten Kasten nach

Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, daß sie sich noch härme-
Nacht war es rings um mich her-
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich fasste sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch.-

Ich hab meine Tante geschlachtet
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

~ Frank Wedekind (1864- 1918) deutscher Dichter, Dramaturg, Schauspieler, Schriftsteller
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Alt 10.08.2008, 09:16   #7
Iphigenie
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THIS LAND IS YOUR LAND
words and music by Woody Guthrie

Chorus:
This land is your land, this land is my land
From California, to the New York Island
From the redwood forest, to the gulf stream waters
This land was made for you and me

As I was walking a ribbon of highway
I saw above me an endless skyway
I saw below me a golden valley
This land was made for you and me

Chorus

I've roamed and rambled and I've followed my footsteps
To the sparkling sands of her diamond deserts
And all around me a voice was sounding
This land was made for you and me

Chorus

The sun comes shining as I was strolling
The wheat fields waving and the dust clouds rolling
The fog was lifting a voice come chanting
This land was made for you and me

Chorus

As I was walkin' - I saw a sign there
And that sign said - no tress passin'
But on the other side .... it didn't say nothin!
Now that side was made for you and me!

Chorus

In the squares of the city - In the shadow of the steeple
Near the relief office - I see my people
And some are grumblin' and some are wonderin'
If this land's still made for you and me.
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Alt 10.08.2008, 09:16   #8
Iphigenie
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Hymnus auf die Bankiers

Der kann sich freuen, der die nicht kennt!
Ihr frag noch immer: Wen?
Sie borgen sich Geld für fünf Prozent
und leihen es weiter zu zehn.
Sie haben noch nie mit der Wimper gezuckt,
Ihr Herz stand noch niemals still.
Die Differenzen sind ihr Produkt.
(Das kann man verstehn, wie man will.)
Ihr Appetit ist bodenlos.
Sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Und schwängern ihr eignes Geld.
Sie sind die Hexer in Person
und zaubern aus hohler Hand.
Sie machen Gold am Telefon
und Petroleum aus Sand.
Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den andern die Hälse ab.
Papier ist manchmal scharf.
Sie glauben den Regeln der Regeldetrie
und glauben nicht recht an Gott.
Sie haben nur eine Sympathie.
Sie lieben das Geld. Und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

~Erich Kästner (1899-1974) deutscher Schriftsteller
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Alt 10.08.2008, 09:17   #9
Iphigenie
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Solidaritätslied

Auf, ihr Völker dieser Erde!
Einigt euch in diesem Sinn:
Daß sie jetzt die eure werde
Und die große Nährerin.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber!
Endet ihre Schlächterein
Reden erst die Völker selber,
Werden sie schnell einig sein.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Wollen wir es schnell erreichen
Brauchen wir noch dich und dich
Wer im Stich läßt seinesgleichen
Läßt ja nur sich selbst im Stich.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Unsre Herrn, wer sie auch seien
Sehen unsre Zwietracht gern
Denn so lang sie uns entzweien
Bleiben sie doch unsre Herrn.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Proletarier aller Länder
Einigt euch und ihr seid frei.
Eure großen Regimenter
Brechen jede Tyrannei!
Vorwärts und nie vergessen
Und die Frage konkret gestellt
Beim Hungern und beim Essen:
Wessen Morgen ist der Morgen?
Wessen Welt ist die Welt?

~ Bertholt Brecht (1898 – 1956) deutscher Schriftsteller und Dichter
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Alt 10.08.2008, 09:20   #10
Iphigenie
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Es riecht nach Leben....


Sie lesen
Sie hören
Die Zeichen von früh bis spät
Es riecht nach Leben
Es ist ein freies Land
Mit freien Bürgern
Erzogen in dem Bewusstsein
Zwischen unzähligen Buchtiteln
Unzähligen Filmen
Unzähligen Zeitschriften
Unzähligen Tageszeitungen
Unzähligen Links
Unzähligen Bildern
Unzähligen Fernsehprogrammen
Unzähligen Musikstücken
Unzähligen Computerspielen
Unzähligen Schauspielen
Unzähligen Playstationen
Unzähligen Unzähligem
Frei zu wählen

Erzogen
Frei zu wählen
Was ihre Seele streichelt
Es riecht nach Leben
Sie lesen
Sie hören
Die Zeichen von früh bis spät
Die Zeichen der Zeit
Die Zeichen der Zeichen
Die Zeichen der Reichen
In einem freien Land

Sie pusten Geistessamen digital
Oder in Druckerschwärze gegossen
In den Elektronenwind der weiten Welt
- Fruchtbar der Boden, auf den das fällt ?
Sie pusten
Sie pusten


Es riecht nach Leben im Heim der
Alten und Jungen
Frei wählen
Zwischen unzähligen Kreuzworträtseln
Zwischen unzähligen Abstellkammern
Zwischen unzähligen Worten.
Sie lesen
Sie hören
Sie schreiben
Sie lösen
In einem fremden Land
In einer fremden Zeit

Sie lesen
Sie hören
Sie schreiben
Sie lösen
Es riecht nach Leben
In den Särgen der Welt

Und keiner weiß warum
…………..Und keiner weiß warum.

~Iphigenie
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