Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der preußische Regierungsagent Karl Marx


Hellmann
21.08.2008, 07:56
Wie der Schwager des preußischen Innenministers Ferdinand von Westphalen der berühmte Theoretiker der Kommunisten wurde.


Man habe abends oft noch beim Wein gesessen, der Chefredakteur und seine Kollegen, und wenn die Reihe der geleerten Flaschen beachtlich lang geworden war, habe Marx mit vor königlichem Vergnügen boshaft funkelnden Augen die Runde abgeschätzt. Jäh fuhr dann ein Finger auf einen der schockierten Freunde: "Dich werde ich vernichten."
Fitz J. Raddatz, Karl Marx - Der Mensch und seine Lehre, Rowohlt TB 1987, Seite 47


Ferdinand von Westphalen war preußischer Innenminister von 1850-58. Sein Netz aus Spionen soll Freund und Feind überwacht haben. Karl Marx hatte 1843 dessen jüngere Halbschwester Jenny von Westphalen geheiratet, deren Vater Ludwig von Westphalen zuvor der Mentor des jungen Karl Marx geworden war.

Falls ich nun der Erste bin, von dem der werte Leser den obigen Verdacht vernimmt, mag er sich nicht darüber wundern: das Leben ist hart. Viele sind sicher schon früher auf den naheliegenden Gedanken gekommen und haben lieber geschwiegen oder wir haben nie mehr davon gehört.
Für alle, die sich auskennen im politischen Geschäft und mit der Arbeit politischer Agenten, ein kurzer Blick in den Lebenslauf des Karl Marx reicht dem kundigen Auge, denn solche Zufälle gibt es nicht in einem gewöhnlichen Leben.

Wer es für history fiction hält, soll es als spannenden Roman :D lesen, um auf diesem Weg irgendwann hoffentlich zu realisieren, dass die vielen Rätsel des Lebens und der Karriere von Karl Marx nur so eine ganz einfache Erklärung finden.


Vorwort

Ein Regierungsagent arbeitet auf der höchsten Ebene der Politik und ist von Beruf Schriftsteller, Journalist, Wissenschaftler, Künstler, Abgeordneter oder lebt von „Zuwendungen von Freunden“ oder gar von „Verlagsvorschüssen“, wie unser Freund Charlie, dessen finanzielle Verhältnisse uns noch beschäftigen werden.
Selbstverständlich hat der Regierungsagent einen hohen Geldbedarf, sollte er doch auf gleicher gesellschaftlicher Ebene mit wichtigen Leuten auch in den Salons von Paris verkehren, in seiner privaten Bibliothek in London Freunde empfangen und vor allem immer wieder den völlig mittellosen politischen Querköpfen seine Hilfe anbieten können für entsprechende Gegenleistungen und politische Unterwerfung. Er hat Reisen zu finanzieren, Übernachtungen in besseren Hotels und darf nicht auch noch wirklich Zeit darauf verwenden müssen, sich das Geld mit Arbeit zu verdienen. Falls so einer nicht reich geerbt oder geheiratet hat, braucht er andere Finanzquellen, als es die üblichen Verlagshonorare für politische Bücher oder Artikel jemals sein könnten.

Im Gegensatz zu einem ordinären Polizeispitzel lauscht der Regierungsagent nicht am Fenster oder an der Tür des Salons, sondern er sitzt selber im Salon als bester Freund seiner Zielperson oder Zielgruppe; er stiehlt und öffnet nicht heimlich Briefe, aus denen er dann seine Informationen bezieht, sondern diese Briefe mit allen wichtigen, von ihm selber gegebenenfalls erbetenen Informationen werden von seinen gutgläubigen Freunden an ihn ganz persönlich adressiert.
Man findet später keine Akten mit Spitzelberichten in einem Polizeiarchiv, keine Verpflichtungserklärung für die Geheimpolizei und es gibt keinen ausgehandelten Agentenlohn mit Pensionsanspruch. Die benötigten Mittel stammen aus geheimen Quellen der Regierung, also in der Regel des Innen- oder Außenministeriums, ohne Belege und ohne geschwätzige Zeugen. Trotzdem sollte es natürlich Verdächtigungen gegeben haben, weil im politischen Geschäft die Regierungsagenten sich üblicherweise die Türklinken reichen und jeder, der selber dazugehört, die anderen Leute entsprechend unter Verdacht hat.

Regierungsagenten müssen möglichst viele und möglichst intensive Kontakte zu einflussreichen politischen Persönlichkeiten unterhalten. Ein normaler Mensch schafft das schon zeitlich nicht, zweitens hätte er kein Interesse an den ja nicht immer besonders angenehmen Zeitgenossen, weiß wohl auch um ihre Bedeutung nicht, sollte er einem davon zufällig begegnen, und schließlich würden ihm Geld und Gelegenheiten fehlen.

Eine professionelle „Freundschaft“ mit einer Zielperson wird angebahnt. Man kann nicht unvorbereitet mit einem Theologen über die Leben-Jesu-Forschung disputieren und danach noch mit dessen weiterer Freundschaft rechnen: da braucht es schon gezielte Einweisung, genaue Kenntnis des Denkens und der Standpunkte und der Vorlieben und persönlichen Umstände etwa eines Bruno Bauer. Eine Zufallsbekanntschaft würde sicher scheitern, aber Empfehlungen mit entsprechendem Hintergrund, irgendetwas für die Hoffnungen und Erwartungen der Zielperson, wichtige Informationen, mit denen ein Charlie gerade dienen kann, scheinbar zufälliges gesellschaftliches Aufeinandertreffen und gemeinsame Bekannte, die auch im Dienst des Ministeriums den jungen Mann ganz überschwänglich dem Bauer preisen und die Kontakte anbahnen…

Man kann auch nicht jeden als Regierungsagenten verwenden. Wut auf erfolgreichere Leute, die man im Auftrag und mit Unterstützung der Regierung politisch vernichten kann, ist ein gutes Motiv. Es war wohl sein Motiv und der preußische Regierungsrat Ludwig von Westphalen dürfte es an dem ehrgeizigen Sohn seines Freundes Heinrich Marx in Trier früh erkannt und noch gepflegt haben. Karl Marx war bestimmt kein angenehmer Charakter und ein Ludwig von Westphalen hat sich ganz sicher nicht aus Knabenliebe für unseren Freund interessiert und sich die Mühe gemacht, ihm die für seine späteren Aufgaben wichtigen geistigen Hintergründe zu vermitteln. Das war aber wichtig, weil einer das Agentenleben eben auch nicht auf der Schule oder im bürgerlichen Elternhaus lernt, höchstens vom Vater eines späteren preußischen Innenministers.

Dass er noch seine Tochter heiratet, war wohl vom Mentor nicht geplant.

Wir werden mit der Familie der Edlen von Westphalen beginnen und den preußischen Verhältnissen in Trier und darauf folgend die „Freundschaften“ betrachten, bei denen Marx sich immer wieder an damals gerade im politischen Fadenkreuz stehende Persönlichkeiten als hilfreicher Freund und Bewunderer herangemacht hat, um alsbald dann die Freundeskreise zu sprengen und diese ehemaligen Freunde noch über Jahre mit seinem Hass und ganzen Büchern zu verfolgen.

Es wird dabei deutlich zu erkennen sein, dass Karl Marx sich in den noch darzustellenden Fällen (Bauer, Ruge, Herwegh, Feuerbach, Weitling…) wie ein professioneller Regierungsagent verhalten hat, dessen Aufgabe es ist, solche regierungsfeindlichen Leute durch engste „freundschaftliche“ Beziehungen zu umgarnen, zu täuschen, zu beeinflussen, gegeneinander aufzubringen und politisch möglichst bald und nachhaltig auszuschalten.

Das sollte als Beweis dann reichen.
Wem seine großen Theorien nützlich waren, wird sich dabei auch noch zeigen.

Sicher wird man sich fragen, warum ich Karl Marx demontieren will.

Erstens aus Prinzip, weil die Sache für jeden politisch wirklich erfahrenen Menschen gar nicht anders gesehen werden kann.
Zweitens um zu verhindern, dass auch in Zukunft kritische Leute auf den Spuren ihres großen Vorbilds und Vordenkers Karl Marx zum Schluss für die Herrschenden arbeiten.
Drittens um den Lesern vorzuführen, wie Politik in dieser Ebene funktioniert, weil damit jeder rechnen und vorgewarnt sein sollte, der sich gegen die herrschenden Verhältnisse engagiert. Da wird heute noch nicht anders vorgegangen mit Regierungsagenten und Spitzeln und Provokateuren; und wer sich auf die Kritik der Verhältnisse und politische Aktivitäten einlässt, sollte zuerst einmal den besten Freunden und den größten Vorbildern nicht trauen.

Dafür, wie die Politik im 19. Jahrhundert, das in jeder Beziehung sehr folgenreich war, tatsächlich gelaufen ist, haben wir in Lebenslauf und Schriften von Karl Marx wichtige Zeugnisse und reiche Quellen. Es soll also auch eine Empfehlung sein, Karl Marx zu studieren, allerdings nicht den gequirlten Käse im Kapital, sondern seine Briefe, Artikel und tagespolitischen Stellungnahmen.

Viele werden sich weigern, ihren Glauben an den großen Revolutionär Karl Marx aufzugeben. Sie werden sich keinen Augenblick darüber wundern, warum Schulen, Universitäten und Massenmedien im Kapitalismus ausgerechnet den angeblich gefährlichsten Feind dieses Systems in der Vorstellung der Leute zum gefährlichsten Feind dieses Systems hochstilisieren sollten.

Die Reaktionen der Leser werden mehrheitlich so ähnlich sein wie bei der Geldpolitik: die Fachleute wissen genau, dass die Notenbanken die Wirtschaftskrisen und die Massenarbeitslosigkeit verursachen, aber das Publikum hält jeden, der das den Leuten verraten möchte, für den größten Spinner. Wie sollte sich eine derartige Verschwörung über so lange Zeit geheim halten lassen, fragen sich die Leute dann und ahnen nicht, wie leicht es für die Herrschenden ist, sie zu täuschen und zu belügen, aber wie schwer, das Publikum über Täuschungen und Lügen aufzuklären: sie selber sind der beste Beweis dafür.

Hellmann
21.08.2008, 08:04
Philipp von Westphalen (1724-1792)

Sein Vater Johann Christian Westphal hatte es bis zum Hofpostmeister in Braunschweig und damit an die Spitze des Postdienstes im Herzogtum Braunschweig gebracht. In der damaligen Zeit war der Chef des Postdienstes eine wichtige Vertrauensperson des Herrscherhauses und hatte in Kriegs- und Friedenszeiten die politischen Korrespondenzen unter seiner Obhut.

Nach einer mehrjährigen Reise durch Süddeutschland, Frankreich und Italien in Begleitung eines jungen Herrn von Spiegel wurde Philipp ab 1751 Sekretär des preußischen Generalleutnants Ferdinand von Braunschweig.

Im Siebenjährigen Krieg ab 1756 erhielt Ferdinand 1757 den Oberbefehl auf dem westlichen Kriegsschauplatz und Philipp Westphal wurde der inoffizielle Generalstabschef und Oberquartiermeister des Herzogs, offiziell seit 1762 sein Geheimsekretär. Das ausgezeichnete Zusammenwirken von Philipp und Ferdinand soll für die militärischen Erfolge maßgeblich gewesen sein. Für seine Verdienste wurde er durch einen kaiserlichen Adelsbrief 1764 als „Edler von Westphalen“ in den Adelsstand erhoben.

Der Marx-Biograph Mehring schreibt dazu: „Bürgerlicher Geheimsekretär des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der im siebenjährigen Kriege an der Spitze eines bunt zusammengewürfelten, von englischem Gelde besoldeten Heeres das westliche Deutschland erfolgreich vor den Eroberungsgelüsten Ludwigs XV. und seiner Pompadour schützte, hatte sich Philipp Westphalen zum tatsächlichen Generalstabschef des Herzogs zu machen verstanden, allen deutschen und englischen Generalen des Heeres zum Trotz."
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_007.htm

Der britische König Georg III. aus dem Hause Hannover hatte ihm den Titel des Generaladjutanten des Heeres verliehen, von dem Philipp allerdings keinen Gebrauch machte, und außerdem eine jährliche Pension von 200 Pfund Sterling. Von der kurhannoverschen Regierung erhielt er eine Jahrespension von 500 Talern.

Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763, auch Dritter Schlesischer Krieg genannt) kämpften mit Preußen, Großbritannien/Kur-Hannover auf der einen Seite und Österreich, Frankreich, Russland auf der anderen Seite alle europäischen Großmächte der Zeit. Viele mittlere und kleine Staaten waren ebenfalls beteiligt. Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten und war damit in gewissem Sinne eigentlich der zweite Weltkrieg nach dem Spanischen Erbfolgekrieg. Für England und Frankreich ging es hierbei um die Herrschaft in Nordamerika und in Indien.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Siebenj%C3%A4hriger_Krieg

Im britischen Feldlager hatte er die Schwägerin des Kommandanten der britischen Truppen kennengelernt, Jeanie Wishart (of Pittarow), Tochter des Stadtpfarrers Dr. George Wishart in Edinburgh und der Anne Campbell mit Vorfahren im schottischen Land- und Hochadel, die 1765 seine Frau wurde. Trotz der schottischen Abstammung waren die Vorfahren nicht katholisch und nicht franzosenfreundlich, sondern, wie Mehring schreibt: „einer ihrer Vorfahren in gerade aufsteigender Linie hatte im Kampfe für die Einführung der Reformation in Schottland den Scheiterhaufen bestiegen, ein anderer, der Earl Archibald Argyle, war als Rebell im Freiheitskampfe gegen Jakob II. auf dem Marktplatze in Edinburgh enthauptet worden“.

Im Gegensatz zu Mehring wollen wir daraus aber nicht den Schluss ziehen, dass die Kinder dieser Ehe folglich dem Junkertum entfremdet worden seien, sondern dass die Kinder protestantisch und franzosenfeindlich aufwachsen mussten, jeglichen politischen Umtrieben und geheimer Diplomatie und sonstigen Machenschaften zugeneigt und mit dem dafür noch nötigen Wissen und den Verbindungen ausgestattet.

Die Berichte des Philipp an Friedrich II. von Preußen flossen später in dessen Werk über den Siebenjährigen Krieg ein. Seine eigenen Berichte aus dem Krieg reichten nur bis zum Jahr 1758 konnten aus Rücksicht auf noch lebende Beteiligte erst von seinem Enkel publiziert werden.


Philipp von Westphalen: Geschichte der Feldzüge Herzog Ferdinands von Braunschweig-Lüneburg, hrsg. von Ferdinand von Westphalen, Berlin 1859-72
online bei Google Books:
http://www.google.de/books?id=agwPAAAAYAAJ&pg=PR11&dq=Geschichte+der+Feldz%C3%BCge+Herzog+Ferdinands+ von+Braunschweig-L%C3%BCneburg&ei=QFiPSLFTp-6MAa2Xzf4E#PPR3,M1

Eintrag in der ADB: http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adb/images/adb042/@ebt-link?target=idmatch(entityref,adb0420230)

Hellmann
21.08.2008, 08:15
Ludwig von Westphalen (1770-1842)


Ludwig war einer der vier Söhne des Philipp, der nach dem Verkauf seines Lehnsgutes für 40.000 Taler eine Besitzung in Mecklenburg erworben hatte und sich geschichtlichen Studien und der Erziehung seiner Söhne widmete. Den Winter verbrachte der Vater in Braunschweig, wo seine vier Söhne das Collegium Carolinum besuchten.

Nach seinem Studium in Göttingen trat Ludwig von Westphalen für kurze Zeit (1794-97) in den braunschweigischen Staatsdienst ein, versuchte sich dann jedoch nach seiner Heirat mit Elisabeth von Veltheim (1778-1807) als Gutsbesitzer, womit er wirtschaftlich scheiterte.

Aus Ludwigs erster Ehe mit Elisabeth von Veltheim stammte Ferdinand Otto von Westphalen (1799-1876), der spätere preußische Innenminister; aus seiner zweiten Ehe mit Caroline Heubel (1776[1779?]-1856) hatte er die Tochter Jenny und den Sohn Edgar.

Hier eine Karte mit dem Königreich Westphalen im Jahr 1807:
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Rheinbund_1807.png

Als 1807 der napoleonische Modellstaat Westphalen gegründet wurde, trat Ludwig in dessen Dienste und wurde im Sommer 1809 zum Unterpräfekten in Salzwedel ernannt, wo er sich nach dem frühen Tod seiner ersten Frau mit seiner zweiten Frau Caroline Heubel verheiratete, einer Bürgerlichen.

Mit dem Königreich Westphalen wollte Kaiser Napoleon nach dem Frieden von Tilsit einen französischen Vasallenstaat unter seinem jüngsten Bruder Jerome und Katharina von Würthemberg als König und Königin schaffen. Westphalen erhielt als erster deutscher Staat eine schriftliche Verfassung und ein Parlament, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, der Code Civil und die Gewerbefreiheit eingeführt.

Das Königreich Westphalen im Jahr 1812:
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Rheinbund_1812.png

Die Finanzen des Königreichs Westphalen wurden schnell durch hohe Zahlungen an Frankreich zerrüttet und die Bevölkerung hatte nach der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht Soldaten zu stellen – in Russland kämpften dann 28.000 und in Spanien 8.000 Westphalen, von denen nur je 1.000 zurück kamen. Mit Polizei und Spitzeln versuchte man den Widerstand der Bürger zu brechen. Vor allem gegen die Konskriptionen richteten sich lokale Aufstände, im Jahr 1809 unter Führung von Wilhelm Freiherr von Dörnberg - der nach dem Frieden von Tilsit als Oberst der Gardejäger in den westphälischen Militärdienst eingetreten war und in geheimem Kontakt und Austausch mit Scharnhorst, Gneisenau, Schill und Katte stand. Im gleichen Jahr baute Friedrich Wilhelm von Braunschweig, der das Herzogtum seines Vaters zurückerobern wollte, aus eigenen Mitteln ein Freikorps auf. Er hatte mit seiner Schwarzen Schar nicht die Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., der zur Beschwichtigung Frankreichs die Aufstellung des Freikorps zu verhindern suchte, sondern die Unterstützung des österreichischen Erzherzogs Karl.

Nach der Niederlage der Österreicher bei Wagram kämpfte sich die Schwarze Schar nach Norddeutschland an die Küste durch, wo sie nach England eingeschifft wurde, um anschließend unter dem Oberbefehl Wellingtons in Spanien und Portugal zu kämpfen. Der „Schwarze Herzog“ Friedrich Wilhelm von Braunschweig fiel zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo 1815 in Belgien.

Wo stand unser Ludwig von Westphalen in diesen unsicheren Zeiten? Als der Sohn seines in Geheimdiplomatie bewanderten Vaters und der britischen Mutter, die am 31. Juli 1811in Salzwedel starb, wo ihr Sohn in französischem Dienst stand, insgeheim auf preußisch-britischer Seite? Ein geheimer Konspirant gegen seine Dienstherren wie der Freiherr von Dörnberg?

Laut Mehring wäre er den französischen Reformen nicht abgeneigt gewesen, jedoch der Fremdherrschaft, „und hatte im Jahre 1813 die harte Hand des Marschalls Davoust zu spüren“.

Einen Hinweis gibt uns die Verwandtschaft seiner Frau Caroline geb. Heubel, deren Vetter der Buchhändler Friedrich Perthes war. Perthes, der nach dem Tod seines Vaters in der Familie der Caroline aufwuchs, heiratete eine Tochter des Dichters Matthias Claudius. Zwar nur eine Bürgerliche, kam die Caroline Heubel doch aus sehr guten Kreisen.

Der Perthes nun beteiligte sich als Buchhändler in Hamburg am patriotischen Widerstand gegen die französische Besetzung und verlor nach der Wiederbesetzung Hamburgs durch den französischen Marschall Davoust seinen gesamten Besitz und musste fliehen. Später eröffnete er einen Buchhandel in Gotha, wir werden unten gleich wieder auf ihn zurückkommen. Es ist also anzunehmen, dass wir es auch hier nicht mit dem Zufall zu tun haben, sondern dass Ludwig von Westphalen seine im April 1812 angetraute Caroline über seine politischen Kontakte gefunden hatte.

Mit der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 löste sich das Königreich Westphalen auf. Es wird von Jubel der Bürger beim Einzug der Kosaken und Ausschreitungen der Bevölkerung gegen die ehemaligen Bürgermeister und die unter der Franzosenherrschaft emanzipierten Juden berichtet.

Der preußische Gebietszuwachs am Rhein änderte noch einmal die Laufbahn des Ludwig. Aus „Salzwedel, wo ihm seine Tochter Jenny am 12. Februar 1814 geboren wurde, war er dann zwei Jahre später als Rat an die Regierung in Trier versetzt worden; im ersten Eifer besaß der preußische Staatskanzler Hardenberg noch die Erkenntnis, dass die tüchtigsten, von junkerlichen Schrullen freiesten Köpfe in die neugewonnenen Rheinland geworfen werden müssten, die mit ihrem Herzen immer noch an Frankreich hingen“, meint Mehring, der damit aus dem Ludwig von Westphalen so etwas wie einen Freigeist machen möchte, nicht bedenkend, dass die preußische Regierung gerade im Rheinland dringend besonders zuverlässige Leute brauchte. Mit 1800 Talern Jahreseinkommen (Monz, Karl Marx, S. 231) der höchstbezahlte „Justizangestellte“ in Trier, was er dafür genau gemacht hat, suche ich noch.

Aus der Website der Stadt Trier:

„Trier wurde nach dem Wiener Kongress von 1815 der Herrschaft des Königreichs Preußen zugeschlagen, was mit geistiger und politischer Unterdrückung sowie wirtschaftlichem Abstieg einherging. Die preußische Zollpolitik unterband den Handel der Weinbauern mit den westlichen Nachbarn und erschwerte den Weinabsatz in Preußen selbst. Dies führte in Verbindung mit hohem Steuerdruck und stetig steigenden Preisen zu großer wirtschaftlicher Not: 1831 lebte fast ein Drittel der Bevölkerung am Rand oder unterhalb des Existenzminimums. Die soziale Lage und die politischen Spannungen mit dem preußischen Staat stürmten auf den jungen Karl Marx ein…“
Quelle: http://cms.trier.de/stadt-trier/Integrale?SID=140F43C9E0E27D5654AB12487A389656&MODULE=Frontend&ACTION=ViewPage&Page.PK=165

Das war also die politische Lage in der Stadt Trier mit ihrer katholischen Tradition und wirtschaftlichen Not und der den Preußen feindlich gesonnenen Bevölkerung, in deren Umgebung preußische Truppen stationiert wurden, mit denen und den Angehörigen der preußischen Verwaltung überhaupt erst so etwas wie eine evangelische Kirchengemeinde in Trier entstand, für die zunächst der Militärgeistliche der preußischen Garnison zuständig gewesen ist.

Nähere Informationen über die politische Lage im Rheinland und besonders in Trier erhalten wir aus einem Brief des Ludwig von Westphalen an den Vetter seiner Frau, den oben schon erwähnten Buchhändler Perthes in Gotha, vom 7. April 1831.

Bei der Interpretation des Briefes des Regierungsrates an seinen Vetter Perthes erleben wir die typische verdrehte Argumentation wie sie uns im Falle Marx noch öfter begegnen wird. Wer dazu Lust hat, kann das dann in dem Artikel „Zur Persönlichkeit von Marx´ Schwiegervater Johann Ludwig von Westphalen“ von Heinz Monz in den „Schriften aus dem Karl-Marx-Haus“, Trier 1973, nachlesen. Man macht da aus einem mit allen Fragen der inneren Sicherheit intim vertrauten preußischen Regierungsrat einen Preußenkritiker, obwohl zeitgenössische Schreiben der Bürgermeister an das Regierungspräsidium diese Fragen ganz ebenso deutlich behandeln und jede andere Denkweise innerhalb der zuständigen Regierungskreise ja auch völlig blödsinnig wäre.

Dass das Schreiben nicht einfach ein Verwandtentratsch war, ergibt sich aus dem ausdrücklichen Hinweis, die Informationen vertraulich zu behandeln:

„Nach diese allgemeinen Äußerung meiner Befürchtungen, Hoffnungen u. Wünsche komme ich auf den Stand der Dinge in unsrer Gegend, von welcher Sie Gefahr befürchten, zurück u. habe darüber Folgendes vertraulich – da ich weiß, daß dann kein öffentlicher Gebrauch gemacht wird – zu bemerken.“

Es ist natürlich unter Pfarrerstöchtern davon auszugehen, dass der bekannte Buchhändler Perthes in Gotha ebenfalls berufsbedingt für die Regierung gearbeitet hat und die erhaltenen Informationen nicht für ein Kaffeekränzchen erbeten und erhalten hatte. Es geht dann in diesem Schreiben über Seiten um die Klagen über die Steuern und die Lage der Wirtschaft und besonders der ärmeren Mittelklasse.

„Der Reg.Bezirk Trier ist wohl der schlechteste in der Monarchie. Er ist ein Gebirgsland; mit Ausnahme der sehr fruchtbaren Mosel- u. Saar Thal Gebiete u. der schmäleren Thäler der kleineren Flüsse, von äußerst steriler Beschaffenheit. Die Cultur im Ganzen auf der niedrigsten Stufe; daher wird selbst in guten Jahren der Bedarf an Brodfrüchten von dem ausgedehnten Flächen Inhalte von 119 Meilen für die schwache Bevölkerung von circa 365.000 Seelen nicht gewonnen.
Die letzten 7 – 8 Jahre sind aber als Fastjahre zu betrachten. Der Handel mit Vieh nach Frankreich, der sonst viel Geld ins Land brachte, hat wegen der hohen Abgaben von eingeführtem Viehe aufgehört; Fabriken, Manufactur u. Handel sind hier von keinem Belang; daher der große Geldmangel, die steigende Verarmung u. der wirklich große Nothstand.“

In dem Stil geht es dann weiter über die mehr Kriegs- als Friedenszeiten angemessene Landwehr und deren wiederkehrende Übungen zu den Zeiten, in denen die Leute für Feldarbeiten gebraucht würden; weiter über die Wirkungen der französischen Presse und die Sympathien für Frankreich in den höheren Klassen der Gesellschaft und unter den Gymnasiasten und Studenten.

Ein Schreiben also, nach dessen Lektüre man den kundigen Verfasser sofort mit der Leitung der lokalen Geheimpolizei betrauen möchte, falls die Stelle nicht schon von seinem Sohn besetzt wäre, statt ihn zu einem Feind der preußischen Regierung zu erklären, der dann den jungen Marx entsprechend zu revolutionären Überzeugungen angeleitet habe.
Verständlich aber, dass die herrschende Geschichtsschreibung, um keinen Verdacht auf Marx fallen zu lassen, zu entsprechend abwegigen Interpretationen der Quellen gezwungen ist.

Die finanziellen Verhältnisse der Familie des Ludwig von Westphalen waren abgesehen vom hohen Jahresgehalt recht bescheiden, also kein Vermögen vorhanden, was vermutlich auch die Heiratsaussichten der Tochter Jenny beeinträchtigt hat. Gute Beziehungen zur preußischen Regierung über den Vater und den älteren Bruder dürften die einzige nennenswerte Mitgift des Mädels gewesen sein. Das wird ihr dann aber auch den Bräutigam zugeführt haben.

Hellmann
21.08.2008, 08:19
Ferdinand Otto von Westphalen (1799-1876)

Preußischer Innenminister von 1850-58


Mehring darf an ihm kein gutes Haar lassen, es ist ja auch gar zu verdächtig:

„In dem ältesten Sohne Ludwig von Westphalens ist die Gesinnung des Vaters nicht lebendig geblieben. Er war ein bürokratischer Streber und schlimmeres als das; in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre hat er als preußischer Minister des Innern die feudalen Ansprüche des verstocktesten Zaunjunkertums sogar gegen den Ministerpräsidenten Manteuffel vertreten, der immerhin ein gewitzter Bürokrat war. Mit seiner Schwester Jenny hat dieser Ferdinand von Westphalen in keiner engeren Beziehungen gestanden, zumal da er fünfzehn Jahre älter als sie und auch nur, als Sohn aus einer ersten Ehe des Vaters, ihr Halbbruder war.“

So leicht wollen wir es uns hier nicht machen, denn ein preußischer Innenminister verfügt für die Zwecke der Geheimpolitik über riesige Fonds, mit denen man seiner kleinen Schwester und dem stets geldbedürftigen Schwager leicht imponieren kann. Auch bei dem kleinen Bruder müssen wir uns fragen, womit er denn seinen unsteten Lebenswandel finanziert hat in Zeiten, in denen selbst mit harter Arbeit nicht viel Geld zu verdienen war, selbst wenn es nicht um Reisen bis nach Amerika ging, sondern nur um das tägliche Brot. Bei Mehring ist der jüngere Bruder natürlich der Beweis für die revolutionäre Erziehung im Hause des Ludwig von Westphalen:

„Ihr echter Bruder war dagegen Edgar von Westphalen, der nach links von den Pfaden des Vaters abwich wie Ferdinand nach rechts. Er hat gelegentlich die kommunistischen Kundgebungen seines Schwagers Marx mitunterzeichnet. Ein steter Gefährte ist er ihm freilich nicht geworden; er ging über das große Wasser, hatte dort wechselnde Schicksale, kehrte zurück, tauchte bald hier, bald dort auf, ein rechter Wildling, wo man von ihm hört. Aber ein treues Herz hat er immer für Jenny und Karl Marx gehabt, und sie haben ihren ersten Sohn nach ihm genannt.“

In den deutschen Emigrantenkreisen über dem großen Wasser hat der preußische Innenminister natürlich verlässliche Zuträger auch gebrauchen können und so war auch für den sicher liebenswerten, aber für harte Arbeit ebenso wie schmutzige Konfrontationen ungeeigneten jüngsten Sohn aus dem Hause der Edlen von Westphalen gesorgt.

Gerade in Zeiten revolutionärer Unruhen muß ein Innenminister nicht nur in Preußen mit den Methoden zur Herstellung der inneren Sicherheit vertraut sein, wozu eben das gesamte Agentenwesen zählt, vom billigen Spitzel der örtlichen Polizei bis zum hochrangigen und hochbezahlten Regierungsagenten in den führenden Kreisen der jeweiligen Gegner.

Um überhaupt Innenminister zu werden, sollte einer das dafür nötige Talent zur Aufstellung des erwünschten Spitzelsystems und Agentennetzes schon über Jahre nachgewiesen haben. Der Leser ahnt jetzt sicher, wie sich gerade Ferdinand von Westphalen für dieses höchstwichtige Regierungsamt qualifizieren konnte.

Der US-amerikanische Historiker Hajo Holborn, im Jahr 1967der erste nicht in den USA geborene Präsident der American Historical Association , schreibt in seinem Buch „A history of Modern Germany“ über den von ihm allerdings fälschlich als „Count Ferdinand“ titulierten Innenminister:

(Es gab auch eine Familie der Grafen von Westphalen, die mit unseren Edlen von Westphalen in keiner Weise verwandt waren, deren Vertreter Clemens August Reichsgraf von Westphalen zu Fürstenberg als Angehöriger des Hochadels eine Stimme beim Westfälischen Provinziallandtag hatte und während der Kölner Wirren Partei für den von der preußischen Regierung inhaftierten Kölner Erzbischof nahm – vielleicht der Grund, dass der Name „von Westphalen“ eher mit der bekannten preußenfeindlichen Grafenfamilie in Zusammenhang gebracht wurde und kein Misstrauen erweckte.)

"Police State Methods

Naturally this system produced not only supervision of the thinking of the people but also the inevitable reaction, faked conformity. In public life the situation was equally bad due to the politics of Count Ferdinand von Westphalen (1799-1876), who held the key position of minister of interior in the Manteuffel cabinet. Strangely enough, although he was the brother-in-law of Karl Marx, he was the chief confidant of the Kamarilla among the ministers. The organization of an intense spy apparatus shadowing both friends and foes was his work. Even Prince William, heir of the throne, came under surveillance after he had criticized Prussian policy during the Crimean war. The police did not hesitate to use forged documents in order to bring opponents of the government to trial, and political as well as press offenses were now withdrawn from jury trial. Even then, however, the Prussian judges stood up well to the methods of the police state. It is unnecessary to describe other corollaries of these methods, such as censorship and suppression of all forms of political association insofar as they went beyond strictly local activities."
Quelle: http://books.google.co.uk/books?id=Y...sult#PPA110,M1

Dieses Zeugnis über die Fähigkeiten des Ferdinand von Westphalen müssen wir in einem weiteren Punkt berichtigen: das „strangely enough“ kann sich nicht sinnvoll auf den „chief confidant of the Kamarilla among the ministers“ beziehen, denn gerade Karl Marx hatte ja ganz ähnliche Talente vorzuweisen. Ein Sinn ergibt sich erst mit dem nächsten Satz des Holborn, dass also „strangely enough“ die Organisation eines wirkungsvollen Spionageapparates sein Werk gewesen ist, von dem Freunde wie Feinde beschattet wurden, sogar der preußische Prinz Wilhelm.

Die uns überlieferten Maßnahmen dieses „intense spy apparatus“ gegen Schwager und Schwesterchen muten da eher ungeschickt und wenig wirkungsvoll an; eher als wären sie nur zur Schau gemacht, wir werden noch darauf kommen.
Einen Überblick über den Werdegang des Ferdinand erhalten wir in der per Internet verfügbaren Allgemeinen Deutschen Biographie ADB.

Im Jahr 1799 in Lübeck als ältester Sohn des Ludwig und seiner ersten Frau geboren, besucht er in Salzwedel das Gymnasium und absolviert danach ein Universitätstriennium von 1816-19 in Halle, Göttingen und Berlin. Ab 1819 als Auscultator beim Stadtgericht in Berlin wechselt er bald zur Verwaltung; von 1826-30 Landrat des Kreises Bitburg bei Trier, von 1830-38 Regierungsrat bei der Erfurter Regierung, 1838-43 als Oberregierungsrath und Dirigent der Abteilung des Inneren der Regierung zu Trier, 1843 Regierungsvizepräsident zu Liegnitz, 1843-49 Regierungsvizepräsident in Stettin und 1849 Regierungspräsident in Liegnitz.

Im Dezember 1850 dann Ernennung zum preußischen Minister des Inneren der Regierung Manteuffel. Der König Wilhelm IV. ist von ihm begeistert, weil er in dessen Sinn die Restauration durchzuführen beginnt.

„In der That hat unter allen Ministern der Reactionszeit keiner in dem Maaße im Geiste des Königs gehandelt als W. Als seine dringendste Aufgabe betrachtete er ganz im Sinne des Königs die Wiederherstellung der ständischen Monarchie.“
Quelle: http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adb/images/adb042/@ebt-link?target=idmatch(entityref,adb0420223)

Verheiratet war Ferdinand von Westphalen mit Louise Mathilde Chassot von Florencourt, deren Vater herzoglich-braunschweigischer Kammersekretär war und noch zwei Söhne hatte.

Ein Bruder der Luise war Franz Chassot von Florencourt und damit ein weiterer Schwager des späteren preußischen Innenministers, der heute noch für seine politischen Umtriebe als Burschenschaftler und später sogar als Katholik bekannt ist.

Franz Chassot von Florencourt (* 4. Juli 1803 in Braunschweig; † 9. September 1886 in Paderborn) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist.
Florencourt gründete in Braunschweig 1822 den später verbotenen Jünglingsbund. Mit dem Kanonisten Friedrich Bernhard Christian Maassen gründete er 1849 die Zeitschrift "Norddeutscher Korrespondent".
Von 1834 an wurde er wegen "Demagogie" sowie "schriftstellerischen Umtrieben" über Jahrzehnte hinweg angeklagt [1]. Als er 1873 den Krieg Preußens gegen Österreich (1866) "als 'Sünde' gegen Demokratie und Recht verurteilt" [2], führte diese Zeitungsnotiz zu verschiedenen Gerichtsprozessen gegen ihn.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Florencourt

Sozusagen „merkwürdigerweise“ entkam Franz Florencourt den Nachstellungen der preußischen Polizei wegen des Jünglingsbundes:

Der Jünglingsbund war eine aus den Burschenschaften auf Veranlassung von Karl Follen entstandene geheime Vereinigung.

Ursprünglich wurde der Bund in Braunschweig durch Franz von Florencourt gegründet. Nachdem die Mitglieder sich an verschiedenen Universitäten einschrieben, gewann der Bund eine größere Ausbreitung. Der Burschenschafter Sprewitz aus Jena begann Mitglieder zu werben. Es fanden sich etwa 120 Burschenschafter, darunter auch Arnold Ruge, die sich daran beteiligten. Ziel des Vereines war die Beseitigung der Regierungen und die deutsche Einheit. Nach Follens Absicht sollten der Jünglingsbund die Aktionen durchführen, die ein parallel entstehender "Männerbund" aus "führenden Demokraten" entwerfen sollte. Ein solcher Männerbund kam nie zustande.

Auf dem Nürnberger Bundestag am 12. Oktober 1822 wurde Robert Wesselhöft zum Vorsitzenden gewählt.
Im August 1823 wurde der Jünglingsbund an die preußische Polizei verraten, bevor es zu irgendeiner Aktion kam. Die Mitglieder wurden verhaftet und besonders in Preußen zu hohen Festungsstrafen verurteilt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCnglingsbund

Der Spitzelapparat der preußischen Polizei muß Köpfe und Namen umfasst haben, die uns heute noch ein Begriff sind. Da lauscht ja nicht das Dienstmädchen an der Tür, sondern wenn ein Dutzend Leute etwas Wichtiges planen, sind schon eine Handvoll Agenten von Polizei und Regierung darunter und haben den Auftrag, das nun zu fördern oder zu verhindern, je nach den Interessen ihrer Auftraggeber und der aktuellen Lage der Politik.

Franz von Florencourt wurde zwar über Jahrzehnte hinweg angeklagt, was ihm unter Dissidenten zu Glaubwürdigkeit verhalf, jedoch nie eingesperrt. Ohne das jetzt vertiefen zu wollen, würde ich einmal annehmen, dass auch dieser Schwager des Ferdinand von Westphalen als Regierungsagent gearbeitet hat.
Weil wir wissen, dass Regierungsagenten im Gegensatz zu gewöhnlichen Bürgern ziemlich umtriebig sind - was sie auch sein müssen, wenn sie als Agenten einen Wert haben sollen - reicht eigentlich schon ein Blick auf seine Biographie:

Florencourt spr. Florangkuhr), Franz Chassot v. F., geb. 1803 in Braunschweig, widmete sich Anfangs der Landwirthschaft, studirte später in Marburg die Rechte u. besuchte noch andere Universitäten, wo er sich an den burschenschaftlichen Verbindungen betheiligte. Er wurde nach dem Frankfurter Attentat, 3. April 1833, in Kiel zur Untersuchung gezogen, jedoch freigesprochen. Bei seinem Aufenthalt in Hamburg von 1837 bis 1839 redigirte er die Literarischen u. kritischen Blätter der Börsenhalle, begab sich 1840 nach Naumburg a. d. Saale, erwarb hier Grundbesitz u. trat in das dortige Stadtverordnetencollegium. Als Publicist vertrat er anfänglich die liberalen Ideen u. die Bestrebungen der Deutschkatholiken u. Lichtfreunde, ging aber später zu der entgegengesetzten Partei über. 1847 übernahm er die Redaction des in Grimma erscheinenden Sächsischen Verfassungsfreundes, im März 1848 die des Volksblattes für Stadt u. Land u. im Jahr 1849 die des in Rostock erscheinenden Norddeutschen Correspondenten. 1849 trat er in Schwerin zur Katholischen Kirche über, hielt sich 1850 in Frankfurt a. M. auf u. wirkte durch Wort u. Schrift für den reactivirten Bundestag, ging von hier nach Wien u. correspondirte für die in Köln erscheinende katholische Volkshalle u. übernahm die Redaction dieses Blattes später selbst, trat jedoch im April 1854 davon zurück. Go wurde 1855 Amtmann in Dringenberg im Kreise Warburg u. 1858 Procurator des Studienfonds in Paderborn.
Quelle: http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Florencourt

Der Übertritt zur katholischen Kirche ist seinerzeit von Marx und Engels süffisant kommentiert worden.

Die Eltern des Franz von Florencourt haben sich in ihrem Testament im Jahr 1832, in dem es um die Erbregelung im Fall ihres Todes ging, über ihren Sohn Franz bitter beklagt. Ihr Sohn Franz habe ihnen soviel Ursache zur Unzufriedenheit gegeben, dass er nur ein Pflichtteil des Erbes erhalte, wovon die Hälfte nicht ausgezahlt, sondern als Leibrente zum Schutz vor vollständiger Armut angelegt werden solle. Der zum Executor ihres letzten Willens ernannte Regierungsrath von Westphalen möge den Franz sogar unter Curatel setzen lassen, falls seine Verhältnisse oder sein Betragen es notwendig erscheinen ließen. (Georg Eckert, Jenny Marx und die Familie von Florencourt, Schriften aus dem Karl Marx Haus, Trier, Heft 9, Seite 121ff).

Sich selbst beschrieb Franz, der anscheinend in seiner Pubertät in schwere Konflikte mit Elternhaus und Schule geraten war, als tiefverschlossenes Kind, das sein „eben so gütiger und kluger Vater“ für „völlig gefühllos und liebeleer hielt“ (ebenda, S. 115/116). Ganz perfekt also für solche Zwecke.

Hellmann
21.08.2008, 08:22
Heinrich Marx (1777-1838), Advokat in Trier


Seine Frau Henriette, geb. Presburg, war über ihre Ururgroßeltern mit Heinrich Heine verwandt. Der Vater nannte sich Marx Levi und war Rabbiner in Trier, der Bruder von Heinrich war dessen Nachfolger Oberrabbiner Samuel Marx in Trier.

Nach dem juristischen Studium in Berlin und Koblenz nahm er 1814 seine Tätigkeit als Anwalt in Trier auf. 1816 oder 1817 ließ er sich von dem evangelischen Divisionsprediger Mühlenhoff taufen. Der König von Preußen hatte im Jahr 1815 die Juden von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen; allerdings sollte man daraus nicht folgern, dass Heinrich Marx der Religionswechsel nun schwer gefallen wäre und er deswegen gar zu einem Gegner preußischer Politik geworden wäre, wie es auch Mehring richtigstellt:

„Jude, Rheinländer, Rechtsgelehrter, so daß er gegen alle Liebreize des ostelbischen Junkertums dreifach hätte gepanzert sein müssen, war Heinrich Marx doch preußischer Patriot, nicht in dem faden Sinne, den dies Wort heute hat, sondern preußischer Patriot etwa von dem Schlage, wie ihn die älteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben: mit bürgerlicher Bildung gesättigt, in gutem Glauben an die altfritzige Aufklärung, ein »Ideologe«, wie sie Napoleon nicht ohne Grund haßte. Was dieser unter »dem tollen Ausdruck von Ideologie« verstand, schürte zumal den Haß des Vaters Marx gegen den Eroberer, der den rheinischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung und den rheinischen Landen den Code Napoléon geschenkt hatte, ihr eifersüchtig behütetes, aber von der altpreußischen Reaktion unablässig angefeindetes Kleinod.
Sein Glaube an den »Genius« der preußischen Monarchie ist auch nicht dadurch erschüttert worden, daß ihn die preußische Regierung gezwungen hätte, um seines Amtes willen seine Religion zu wechseln. Das ist wiederholt behauptet worden und auch von sonst unterrichteter Seite, anscheinend um zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, was weder einer Rechtfertigung noch auch nur einer Entschuldigung bedarf. Selbst |9| vom rein religiösen Standpunkt hatte ein Mann, der mit Locke und Leibniz und Lessing seinen »reinen Glauben an Gott« bekannte, nichts mehr in der Synagoge zu suchen und fand noch am ehesten einen Unterschlupf in der preußischen Landeskirche, in der damals ein duldsamer Rationalismus herrschte, eine sogenannte Vernunftreligion, die selbst auf das preußische Zensuredikt von 1819 abgefärbt hatte.

So ist manches lange Jahrzehnt hindurch der Übertritt zum Christentum für die freien Köpfe des Judentums ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Und nicht anders ist der Religionswechsel zu verstehen, den Heinrich Marx im Jahre 1824 mit seiner Familie vollzog. Möglich, daß auch äußere Umstände nicht die Tat selbst, aber den Zeitpunkt der Tat bestimmt haben. Die jüdische Güterschlächterei, die in der landwirtschaftlichen Krisis der zwanziger Jahre einen heftigen Aufschwung nahm, hatte einen ebenso heftigen Judenhaß auch in den Rheinlanden erregt, und diesen Haß mitzutragen hatte ein Mann von der unantastbaren Redlichkeit des alten Marx weder die Pflicht, noch auch nur - im Hinblick auf seine Kinder - das Recht.“
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_007.htm

Man will manchmal den Vater Heinrich Marx zu einem Opfer preußischer Repression und daher Preußenfeind stilisieren, um die revolutionäre Entwicklung seines Sohnes Karl als konsequente Fortsetzung erscheinen zu lassen.

Dazu sollten wir uns die evangelische Gemeinde in Trier vor Augen führen. Sie bestand aus den Offizieren der preußischen Garnison und den Spitzenkräften der preußischen Verwaltung in Trier, wie eben dem Ludwig von Westphalen und seiner Familie. Der Rest der Bevölkerung war überwiegend katholisch, einige jüdisch.

Einen auch nur heimlichen Gegner Preußens aus der Synagoge in die winzige und damit zugleich elitäre evangelische Gemeinde zu zwingen, in der sich sämtliche Persönlichkeiten befanden, die in Trier die preußischen Interessen vertraten, wäre sicher noch dem verbohrtesten Anhänger preußischer Staatsräson niemals in den Sinn gekommen.

Man hätte ihn in der Gemeinde wohl nicht gut aufgenommen, würden Zweifel an ihm bestanden haben. Aber nachdem die tonangebenden Vertreter der heutigen Forschung ja schon den Ludwig von Westphalen zu einem engagierten und profilierten Preußenkritiker umgedeutet haben, braucht uns dasselbe bei Heinrich Marx nicht mehr zu wundern, höchstens zu amüsieren.
Jedenfalls hätten also die beiden Männer wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der preußischen Politik auch noch enge Freundschaft miteinander geschlossen, will man das Publikum glauben machen.

Heinrich Marx brachte es in Trier zu gutbürgerlichem Wohlstand und war Vorstand der Advokatenschaft.

Hellmann
21.08.2008, 08:26
Karl Marx (1818-83), die Jugendjahre in Trier


Die Familien Marx und Westphalen standen in engem Kontakt und die Kinder waren Spielgefährten. Nach der Biografie von Raddatz sei der alte von Westphalen für den jungen Karl Marx zu einem „Über-Ich und Über-Vater“ geworden(S. 31):

„Der etwa 60jährige Ludwig von Westphalen nahm den ältesten Sohn seines Freundes Heinrich Marx auf lange Wanderungen mit, zitierte Homer oder Shakespeare, begeisterte den jungen Mann für die romantische Literatur und sprach über etwas bislang gänzlich Unbekanntes – den Sozialismus. Durch ihn hörte Karl Marx erstmals von den Lehren Saint-Simons. Ein ganz und gar sonderbares Gespann – des Nobelmanns Neigung richtete sich auf einen Ideal-Sohn, Lehrling; Marx` Bewunderung, ja Zuneigung galt einem jugendstarken Greis, einem männlichen Intellekt. Einem Herrn.“

Ehe wir jetzt an abwegige Neigungen eines Nobelmannes denken, sollten wir spätestens beim Stichwort Sozialismus davon ausgehen, dass wir es bei Ludwig von Westphalen sicher nicht mit einem Sozialisten zu tun haben, aber wohl mit einem Mann, der einem zukünftigen Agenten der Regierung die erforderliche politische Bildung vermitteln kann.

Dazu gehörten die Lehren des in den 1830/40er Jahren zu Einfluss gekommenen Saint-Simon; der „utopische Sozialismus“ – wie diese und alle ähnlichen dann bald unter dem Einfluss von Marx und Engels abwertend bezeichnet werden sollten.

Der Ludwig von Westphalen hat ihn scharf gemacht, den Hund.

Der ist ihm dann dafür ewig dankbar gewesen und hat noch als 23jähriger seine Doktorarbeit „seinem teuren väterlichen Freunde … als ein Zeichen kindlicher Liebe“ gewidmet und nicht etwa seinem Vater.

In der Literatur wird diskutiert, welchen politischen Einfluss auf den jungen Marx das Gymnasium in Trier gehabt haben könnte, welches er vom 12. Lebensjahr an besuchte und wo er mit 17 Jahren 1835 das Abitur bestand. Sein Mitschüler war Edgar von Westphalen, der 1819 geborene jüngste Sohn des Ludwig und Bruder der späteren Frau von Karl Marx, Jenny, die vier Jahre älter war.

Direktor der Schule war Johann Hugo Wyttenbach, der auch die Stadtbibliothek in Trier die ersten 50 Jahre leitete und der einst als junger Lehrer dem Johann Wolfgang von Goethe die antiken Bauwerke Triers zeigen und erklären konnte, als Goethe nach der Kanonade von Valmy vom fehlgeschlagenen Feldzug gegen die französische Revolutionsarmee aus Frankreich zurück kam.

Einige Lehrkräfte des Gymnasiums vertraten politische Ansichten, die zu ihrer heimlichen Überwachung führten. Ein in der Revolutionszeit abgefallener ehemals katholischer Geistlicher wirkte als Deutschlehrer von Marx und die Ideen der französischen Revolution waren unter den Lehrern noch lebendig. Nach dem „Casinozwischenfall“ des Jahres 1834 – die Marseillaise war gesungen worden – wurden beteiligte Lehrer von der Polizei verhört. Ein Oberlehrer für Naturkunde und Physik hat nach seiner Personalakte im Staatsarchiv Koblenz Bibelstellen spöttisch zitiert und die Schüler in ihrem Glauben verunsichert.

Laut einem Schreiben des Regierungspräsidenten in Trier 1833 (Heinz Monz, „Der unbekannte junge Marx“, Mainz 1973, Seite 17) wurde ein Lehrer Schwendler beobachtet, dessen Einfluss auf die Gymnasiasten höchst gefährlich sei. Er war der Französischlehrer von Marx. Wyttenbach und der Französischlehrer Simon werden als Gleichgesinnte genannt. Nach einem weiteren Brief des Regierungspräsidenten vom 11. Juli 1833 bestehe kein Zweifel, dass unter den Gymnasiasten „kein guter Geist herrsche und solcher durch mehrere Lehrer absichtlich unterhalten werde“ (ebenda, S. 18). Nach einem Entwurf des Oberpräsidenten in Koblenz 1834 an das Ministerium in Berlin übe der Lehrer Schwendler, ein Sekretär der Casinogesellschaft, einen schlechten Einfluss auf die Schüler aus; eine Ministerialkommission fordert vom Oberpräsidenten in Koblenz 1834 Abhilfe gegen diese „verderbliche Richtung“ mit Hinweis auf Schwendler und Simon.

Bei einem von der preußischen Regierung zum zweiten Direktor ernannten reaktionären Lehrer Dr. Loers habe Marx nach seinem Abitur keinen Abschiedsbesuch gemacht, was dessen Vater beklagte, weil der Dr. Loers dieses Verhalten sehr übel empfunden habe.

Das wird heute als Beleg für die kritische Gesinnung des jungen Marx genommen, der hier bereits Partei ergriffen habe.

Natürlich soll der junge Marx durch seine Lehrer politisch schon auf den revolutionären Kurs gebracht worden sein, wie ja auch von seinem Vater und dem Geheimen Regierungsrat Ludwig von Westphalen.

Wir wissen allerdings nicht, in welchem Verhältnis Marx zu diesem Dr. Loers stand und was sich da im Verborgenen der Überwachung dieses Gymnasiums abgespielt hat.

Auch mit wenig Phantasie darf man sich vorstellen, dass die Überwachung der Lehrer mit Hilfe von Schülern stattfand, dass bei Karl Marx wie bei Edgar von Westphalen zumindest ein Versuch gemacht wurde, Auskunft über den Unterricht der oben genannten überwachten Lehrer zu bekommen. Ob er es getan hat, gern getan hat - oder etwa sich verweigert hat, können wir nur spekulieren.

Der höchstbezahlte „Justizangestellte“ Ludwig von Westphalen konnte sich ja wohl kaum weigern, mit seinem Sohn Edgar an diesem leidigen Problem der preußischen Regierung mit dem Gymnasium in Trier mitzuwirken, um nicht die Karriere des Ferdinand zu gefährden, falls ihm das überhaupt ein moralisches oder sonstiges Problem gewesen sein sollte, wofür es keine Hinweise gibt, außer dass er nach außen immer selber einen sehr liberalen Eindruck vermitteln konnte, was natürlich die Grundlage erfolgreicher Arbeit ist.

In ihrer Reifeprüfung mussten die nur sieben evangelischen Schüler auch einen Religionsaufsatz über „die Vereinigung der Gläubigen mit Christo“ schreiben.

Der Religionslehrer dieser 7 Schüler war der 1817 zum „Konsistorialrat in der Königlichen Regierung zu Trier“ ernannte evangelische Regierungs- und Schulrat Johann Abraham Küpper, der im Wechsel mit dem Garnisonspfarrer auch die Gottesdienste der kleinen evangelischen Zivilgemeinde in Trier zu halten hatte. 1849 wurde Küpper evangelischer General-Superintendent der Rheinprovinz in Koblenz.

Ohne jetzt näher auf die Abituraufsätze der armen Schüler einzugehen, sei doch der Kern der Beurteilungen des Karl und des Edgar durch Küpper erwähnt (zitiert nach Manfred Henke in „Der unbekannte junge Marx“, S. 140,143).

Marx – „gedankenreiche, blühende, kraftvolle Darstellung, die Lob verdient, wenngleich das Wesen der fraglichen Vereinigung gar nicht angegeben…“
v. Westphalen – „nur theilweise befriedigend gelöst…, so ist doch der letzte Theil gelungen zu nennen, und die Arbeit im Ganzen lobenswerth“

Die Kritik der anderen Schüler durch diesen der Regierung in Trier und Koblenz eng verbundenen Mann war teilweise recht ruppig. Dagegen waren über die Jahre weder Karl noch Edgar anscheinend als angehende Materialisten oder gar Revolutionäre negativ aufgefallen.

Hellmann
21.08.2008, 08:37
Karl Marx als Student im Doktorclub


Es kann schon seit Mehrings Marxbiografie dem aufmerksamen und kundigen Leser nicht entgangen sein, welch merkwürdiges Studentenleben dieser Karl Marx da geführt haben musste.
Die Kunst des Schriftstellers Mehring besteht darin, den Leser einerseits mit allen eindeutigen Hinweisen zu versehen, andererseits aber mit den lächerlichsten Kommentaren die eigentlich völlig klar auf der Hand liegenden Schlüsse zu vermeiden.

Nach seinen Ausschweifungen als Student der Uni Bonn habe der Vater bestimmt, das Studium in Berlin fortzusetzen. Nanu? Was wollte der Vater mit dem Nichtsnutz in Berlin? Das ist doch eine ungewöhnliche Entscheidung, den in Bonn ein ausschweifendes Leben führenden Sohn noch weiter weg zu schicken, wo der Vater gar keine Kontrolle mehr haben konnte.

Aber gut, vielleicht wollte man ihn ja auch von seiner heimlichen Verlobten Jenny fernhalten, könnte man hier noch einwenden. Bonn lag nahe an Trier.

Natürlich war Marx in Berlin mit anderen Aufträgen als einem Studium voll ausgelastet und das dürfte auch der Grund für die Entsendung nach Berlin gewesen sein.

„Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört“, schreibt Mehring über den merkwürdigen Studenten, der es nach neueren Erkenntnissen zwar auf 23 Vorlesungen brachte (Rüdiger Thomas, „Der unbekannte junge Marx“, Mainz 1973, S. 164), in den drei letzten Semestern dann aber nur noch je eine Vorlesung: die letzte juristische im WS 37/38 Rudorff über Erbrecht, danach im SS 1838 Bruno Bauer über Jesaias und im folgenden WS Geppert über Euripides. Vielleicht hat Mehring nur die juristischen Vorlesungen gezählt.

Raddatz weiß in seinem „Karl Marx – Der Mensch und seine Lehre“ Hamburg 1975, S. 26 nur von den zwölf Vorlesungen und wundert sich über eine Erklärung Marxens, er habe die Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie und Geschichte betrieben. Marx hat jedoch schon in Bonn Welcker über die Mythologie der Griechen und Römer, v. Schlegel zu Fragen über Homer, d´Alton zur Neueren Kunstgeschichte und im SS 1836 v. Schlegel über Elegien des Properz belegt.

Seine Hauptbeschäftigung scheint zuerst die Liebes-Dichtkunst gewesen zu sein. Er sammelt sein Werk in Heften, weil es ihm nicht gestattet gewesen sein soll, Briefe mit seiner heimlichen Verlobten Jenny zu wechseln. Von sowas lässt sich unser Genie, dieses rasend verliebte Herz, wenn wir Mehring folgen wollen, hindern? Nach einem Jahr in Berlin habe er den ersten Brief von ihr erhalten, was Mehring dann zusammen mit dem außergewöhnlichen Fleiß des Studenten so kommentiert:

„…zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.“

Seine Leser haben bis heute die feine Ironie nur nicht verstanden und es wird Zeit, den Mehring dahingehend noch einmal zu lesen.

Aus einem Brief des Vaters können wir eine Vorstellung gewinnen, womit der Sohn zuallererst beschäftigt war: „Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben“, heißt es da etwas merkwürdig. Denn welcher Sohn verfügt schon über 700 Taler in einem Jahr seines Studiums, wenn das doch ganz eindeutig die finanziellen Verhältnisse seines Elternhauses übersteigt? Verfügt da nicht eher der Vater über eine bestimmte Summe, sagen wir einmal 70 Taler, mit der sich der Sohn zu begnügen hat?

Verständlich würde es freilich, wenn der Sohn über die 700 Taler als Spesen gegenüber seinen Auftraggebern verfügt haben konnte, die über den Vater für seine diesbezüglichen Auslagen aufkamen, solange die gewünschten Erfolge erreicht wurden, also die Kontakte in oppositionelle Kreise zustande kamen. Dann hat der Vater als Mittelsmann - außer zu Klagen und sein Unverständnis zu äußern - nichts zu melden und vielleicht gibt er mit seinen Klagen auch nur die Klagen des Ludwig von Westphalen weiter, bei dem er die Verfügungen des Sohnes vermutlich einlösen konnte, solange dessen Umtriebe in Berlin das Geld wert waren.

Natürlich bringt es Mehring fertig, auf ein und derselben Seite die hohen Auslagen des Studenten Marx abzuhandeln und sein erfolgreiches Auftreten im Berliner oppositionellen Doktorclub in keiner Weise damit zu verbinden.

„Karl Marx zählte kaum zwanzig Jahre, als er sich dem Doktorklub anschloss, aber wie so oft in seinem späteren Leben, wenn er in einen neuen Kreis eintrat, wurde er der belebende Mittelpunkt. Auch Bauer und Köppen, die ihm um etwa zehn Lebensjahre voraus waren, haben in ihm früh die geistig überlegene Kraft erkannt und sich keinen lieberen Kampfgefährten ersehnt als diesen Jüngling, der doch noch viel von ihnen lernen konnte und auch gelernt hat. »Seinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier« widmete Köppen die ungestüme Kampfschrift, die er im Jahre 1840 zum hundertsten Geburtstage des Königs Friedrich von Preußen veröffentlichte.“

Aber weil wir es doch gelernt haben, allem einfältigen Idealismus und Wunderglauben an so etwas wie eine „geistig überlegene Kraft“ zu entsagen und die Welt materialistisch zu erklären, wollen wir auch hier die Dinge vom Kopf auf die Füße stellen: die Mitglieder des Doktorclubs waren finanziell nicht sehr gut gestellt, besonders die besten Köpfe nicht, wie die Bauers oder der Lehrer Köppen.

Für den, der die Rechnungen noch zahlen konnte, wenn alle anderen schon längst abgebrannt waren, für den also war es nicht schwer, gleich im Mittelpunkt der Freunde zu stehen, nicht wegen der geistig überlegenen Kraft, sondern eben mit Wirkung der „700 Taler“, über die er für solche Zwecke verfügte und von seinen Auftraggebern versehen war; das Mehrfache eines jährlichen Gehalts eines Universitätsdozenten oder eines Lehrers.

„Helmut Kreuzer
Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der ›Freien‹ um Bruno Bauer und Max Stirner, nebst Bemerkungen über Siegfried J. Schmidt und seinen Fiktionalitätsbegriff.
Abschnitt 3

Die »Freien« treffen sich zu Beginn der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts in einigen Lokalen im Zentrum Berlins. Gegen 1842 wird ihr Haupttreffpunkt die Hippelsche Weinstube (in der sich auch schon die Kreise um E.T.A. Hoffmann und Devrient bzw. um Grabbe und Heine getroffen hatten). Im Revolutionsjahr 1848 wird Hippel zum Sammelplatz weiterer oppositioneller Intellektuellenkreise…

Als ›Senior‹ der »Freien« galt Carl Friedrich Koeppen (Historiker, Gymnasiallehrer, Publizist und später auch Autor eines Buches über Buddha). In der wichtigsten Phase ihrer kurzen Geschichte war die dominierende Persönlichkeit der Junghegelianer Bruno Bauer, den das zuständige Ministerium seiner theologischen Dozentur in Bonn beraubte, nachdem er sich als Atheist verdächtig gemacht und die Evangelien der fiktionalen Weltliteratur zugeordnet hatte. Ca. 80 zeitweilige Mitglieder und Gäste sind noch namentlich bekannt. Unter ihnen sind Marx und Engels am Anfang der 40er Jahre (aber nicht zur gleichen Zeit) und Max Stirner (der Engels noch kennen lernte)…

Die übrigen Mitglieder waren zu einem großen Teil Journalisten und Publizisten; doch gab es unter ihnen auch einzelne Lehrer, Wissenschaftler, Offiziere, Maler, Buchhändler, Studenten und nicht zuletzt junge Schriftsteller (so z.B. Wilhelm Jordan, Rudolph Gottschall, Karl Beck, Theodor Mügge, David Kalisch, Julius Leopold Klein, Reinhold Solger, etc.). Die vormärzlichen Berliner Intellektuellenkreise sind nicht strikt voneinander getrennt, sondern vermischen und überlappen sich, so dass zu den »Freien« auch Mitglieder des sogenannten »Doktorclubs« (der aus der Biographie von Marx bekannt ist) gehören…

Ihr Kreis hatte keinen zweckrationalen Charakter. Seine Merkmale waren dagegen: unbedenkliche Inanspruchnahme von Kredit, Tendenz zur gemeinsamen Kasse am Wirtshaustisch; übermütig herausfordernde Einfälle (wie der mehrfach durchgeführte, »Unter den Linden« Geld zu sammeln mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Absicht, es bei Hippel anschließend auszugeben; ein anderes Beispiel ist die Trauung Stirners, bei der weder eine Bibel noch Ringe präsent waren, als der Pfarrer eintraf. Trauzeugen waren Bruno Bauer und der Publizist Ludwig Buhl. Das junge Paar wurde mit Messingringen von der Geldbörse Bruno Bauers getraut.“
Quelle: http://www.sjschmidt.net/konzepte/texte/kreuzer3.htm

Da wurde einer schnell zum Mittelpunkt der Tafelrunde, der noch über genug Geld verfügte, die Runden zu schmeißen und den klammen Freunden Kredite zu gewähren.

Bislang hat man sich nur blöde über die vermeintliche Verschwendungssucht des Studenten Marx gewundert, wir hier aber können erstmals mit unserer materialistischen Methode die für die preußische Regierung sinnvolle Anlage dieser erheblichen Beträge vermuten.

Auch in seinem späteren Leben konnte Karl Marx dank seiner finanziellen Mittel, die uns offiziell als Geldsammlungen von Freunden, Verlagsvorschüsse, Erbschaften und Darlehen von Verwandten deklariert wurden, wie Mehring schreibt „der belebende Mittelpunkt“ werden, denn bedürftig nach Geld waren die oft genug aus ihrem Beruf geworfenen oder gar nicht erst eingestellten und ihrer sonstigen Erwerbsmöglichkeiten beraubten Oppositionellen immer.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Schicksal des Max Stirner, der sogar als Übersetzer des Adam Smith und des Jean Baptiste Say nicht genug Geld machen konnte, um in seinem letzten Lebensjahrzehnt der zweimaligen Schuldhaft zu entgehen, während unser Marx sogar für nie entstandene Bücher horrende Vorschusszahlungen eingestrichen haben soll, die die Verleger später vergeblich zurückgefordert hätten.

„Seine wirtschaftstheoretischen Erfahrungen sammelte er als Übersetzer bedeutender Ökonomen wie Jean Baptiste Say und Adam Smith. Stirner übersetzte deren Werke: „Cours complet d’économie politique pratique“ und „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“. Diese Übersetzungen dienten ihm auch als ein weiterer Versuch des Geldverdienens, was aber nicht den erwarteten Erfolg brachte.
Seine Übersetzungen galten bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein als unübertroffen. Stirners Übersetzungen waren auch Basis für alle späteren Übersetzungen. Erst Horst Recktenwald (1974) und Monika Streissler (1999) übersetzten z.B. Smiths Hauptwerk unabhängig von Stirner. Von Stirners Say-Übersetzung wurde, abgesehen von einem 1852 nachgedruckten Auszug, keine Neuausgabe mehr veranstaltet. Der Verlag K. G. Saur gab ab 1990 in seiner „Bibliothek der deutschen Literatur“ eine Mikrofiche-Reproduktion der Erstausgabe von Stirners Say-Übersetzung heraus.“
Quelle: http://www.msges.de/dokumente/stirner-ausstellung.pdf

Hellmann
31.08.2008, 20:35
Als Bruno Bauer von Berlin nach Bonn versetzt worden war, zunächst mit einer Dozentenstelle und der Hoffnung auf eine Professur, sollte Karl Marx seinem Freund schnell folgen. Allerdings hatte er das Studium noch nicht beendet und da wird es wieder interessant.

Mehring schreibt:

„Als Bruno Bauer im Herbst 1839 auf Marx einsprach, dieser möge doch endlich das »lumpige Examen« abmachen, hatte er insofern einigen Grund zur Ungeduld, als Marx bereits acht Semester hinter sich hatte. Aber eine Examenangst im leidigen Sinne des Wortes hat er bei Marx gleichwohl nicht vorausgesetzt, sonst hätte er ihm nicht zugetraut, die Bonner Philosophieprofessoren gleich beim ersten Anlauf über den Haufen zu rennen.

Das »lumpige Examen« hatte aber auch sonst seine Haken, wenn nicht für Bauer, so doch für Marx. Er hatte sich schon bei Lebzeiten seines Vaters für die akademische Laufbahn entschieden, ohne daß jedoch die Wahl eines praktischen Berufs deshalb völlig im Hintergrunde verschwunden wäre.“

Nach einer längeren Abschweifung über fehlende berufliche Aussichten kommt Mehring auf den springenden Punkt:

„Unter solchen Aussichten hat Marx mit seinen junghegelianischen Anschauungen überhaupt darauf verzichtet, ein preußisches Examen zu machen.“
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_4

Unser Marx fürchtete wohl, sich im Examen endgültig zu blamieren, und hat deshalb auf ein Examen großzügig verzichtet.

Stattdessen hat er gleich einen Doktortitel erworben:

„Wenn es ihn aber nicht gelüstete, sich von den willigen Helfern eines Eichhorn hudeln zu lassen, so wich er deshalb nicht dem Kampfe aus. Im Gegenteil! Er entschloß sich, an einer kleinen Universität den Doktorhut zu erwerben, gleichzeitig seine Dissertation als einen Beweis seiner Fähigkeiten und seines Fleißes mit einem herausfordernd kühnen Vorwort zu veröffentlichen, dann aber sich in Bonn niederzulassen, um mit Bauer die geplante Zeitschrift herauszugeben. Auch die Universität war ihm dann nicht völlig verschlossen; nach ihren Statuten wenigstens brauchte er als Doctor promotus einer »ausländischen« Universität nur noch einige Formalitäten zu erfüllen, um als Privatdozent zugelassen zu werden.“

Promoviert hat er über ein Thema der Philosophie, nicht in Berlin, sondern an der Universität Jena und ohne dort überhaupt vorzusprechen. Seine Dissertation über die „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ hat er am 6. April 1841 eingereicht und er ist gleich am 15. April 1841 in Abwesenheit zum Doktor der Philosophie promoviert worden.

Es hatte wohl Eile, dass er dem Bruno Bauer nach Bonn folgt, und da wird so etwas mit den richtigen Beziehungen möglich, was uns dann wieder die Widmung der Doktorarbeit dem Ludwig von Westphalen erklären dürfte, denn die nicht berechnende Dankbarkeit eines wirklich kindlichen Gemütes wollen wir unserem Marx doch nicht unterstellen und selbst für kindlichen Dank fehlte ein Motiv, wenn Ludwig von Westphalen mit seiner Promotion weiter nichts zu tun gehabt hätte:

„Seinem teuren väterlichen Freunde…als ein Zeichen kindlicher Liebe.“
MEGA a.a.O. S. 6

Dabei war selbst das Begleitschreiben der Dissertation nicht ohne Mängel, was ein Gutachter im wohl absichtlich deutlichen Widerspruch zu seiner Empfehlung gleich vermerkt:

„Das Specimen zeugt von ebensoviel Geist und Scharfsinn als Belesenheit, weshalb ich den Kandidaten für vorzüglich würdig halte. Da derselbe nach seinem deutschen Schreiben nur die Doktorwürde zu erhalten wünscht, so ist es wohl nur ein Irrtum, entsprungen aus der Unbekanntschaft mit den Statuten der Fakultät, daß er in dem lateinischen Schreiben von der Magisterwürde spricht. Wahrscheinlich hat er geglaubt, beides gehöre zusammen.“
MEGA a.a.O. S. 254

Da wird also deutlich gesagt, dass man mit dem Herrn Marx jemanden promovieren soll und muß, der nicht nur keinen Magister erworben hat, also ohne Studienabschluss ist, sondern noch nicht einmal den Vorgang der Promotion verstanden hat.

Nach Raddatz (a.a.O. S. 40) „ist nur ein unvollständiges Exemplar der Dissertation, vermutlich eine Kopie, erhalten; da merkwürdigerweise auch keines im Universitätsarchiv Jena liegt, kann es sich aber auch um das eingereichte und zur Publikation rückverlangte Exemplar handeln.“ Eine Publikation durch Marx fand nicht statt, was ja eigentlich merkwürdig ist und gegen den Brauch. Hätten sich seinerzeit manche Leute gewundert, wenn die Dissertation publiziert worden wäre?

Ob Bruno Bauer nicht gestaunt hat, wie glatt und schnell und gegen alle Gepflogenheiten das mit Marxens Promotion in Jena abging? Vermutlich erlag Bauer der falschen Hoffnung, dass dieser wilde Hund Marx, der es schafft, ohne Studienabschluss und in Abwesenheit an einer fremden Uni einfach so in wenigen Tagen zum Doktor gemacht zu werden, auch ihm in seiner wankenden Zukunft eine Hilfe würde

Hellmann
31.08.2008, 20:40
Die Hegelei in Berlin


Philosophie und Theologie waren in Preußen eine hochpolitische Angelegenheit und die Berufungen auf Lehrstühle davon abhängig, ob sich die vertretenen Ansichten mit den Absichten von König und Regierung im Einklang befanden.

Der Ruhm des Georg Wilhelm Friedrich Hegel war das Werk der preußischen Regierung, deren politischen Zielen die von Schopenhauer so genannte „Hegelei“ entsprach, womit die akademischen Karrieren zukünftiger Dozenten und Professoren davon abhingen, diesen Hegel für den bedeutendsten Vertreter der Philosophie zu halten.

Der vor seiner Universitätskarriere zeitweise als Hauslehrer eines Frankfurter Weingroßhändlers seinen Unterhalt verdienende Hegel hatte als Professor in Jena 1806 den Einzug der „Weltseele zu Pferde“ (Napoleon – womit eigentlich die Hegelsche „Philosophie“ schon ausreichend gekennzeichnet wäre) miterlebt, musste aber 1807 als Zeitungsredakteur nach Bamberg wechseln und noch einige Jahre an seinem opportunistischen Geschwalle feilen.

Erst relativ spät erfolgte durch die Förderung des preußischen Kultusministers Altenstein die Berufung Hegels nach Berlin, wo er von 1818 bis zu seinem Tod 1831 als Regierungsphilosoph nicht nur eine wachsende Zahl von hoffnungsvollen Studenten, sondern sogar Regierungsbeamte und Kollegen, die sich mit dieser von der Regierung in Preußen geförderten und damit für Karrieren förderlichen Lehre vertraut machen wollten, in seinen Vorlesungen versammelte.

Die Philosophie Hegels ist nach der „Weltseele zu Pferde“ auch schön mit diesem Satz (Quelle wiki) charakterisiert:

„Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“ (PG 24)

Alle Hegelei ist hohles Geschwätz, das mit geschwollenen Begriffen tiefe Erkenntnisse vortäuscht, sich damit dem politischen Betrug andient und fast jedem politischen Zweck außer dem wirklichen Fortschritt der menschlichen Gesellschaft das geeignete Mittel wird:

„es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft“ (R 449 Z)

Womit dann auch der barbarischste Krieg seine hegelschen Vernunftgründe gewinnt:

"Zu den am heftigsten kritisierten Teilen in Hegels Werk gehören seine Reflexionen zum „äußeren Staatsrecht“. Hegel geht davon aus, dass es aus ontologischen Gründen notwendig mehrere Staaten geben müsse. Der Staat ist ein für sich seiender „Organismus“ und steht als solcher in einem Verhältnis zu anderen Staaten (R 490f.). Es ergibt sich so notwendig eine Vielheit von Staaten; ihr Verhältnis zueinander kann nach Hegel am besten durch den Begriff des Naturzustands gekennzeichnet werden. Es gibt keine die Staaten übergreifende machthabende und rechtsetzende Instanz. Sie stehen daher auch in keinem Rechtsverhältnis zueinander und können einander auch nicht Unrecht tun. Ihre Streitigkeiten können daher „nur durch Krieg entschieden werden“; die Kantische Idee einer vorausgehenden Schlichtung durch einen Staatenbund hält Hegel für absurd (R 500).

Hegel hält darüber hinaus den Krieg nicht für ein „absolutes Übel“, sondern erkennt darin ein „sittliches Moment“ (R 492). Er gibt den Regierungen den Ratschlag, von Zeit zu Zeit Kriege zu entfachen: Um die isolierten Gemeinwesen innerhalb des Staates nicht „festwerden, hier durch das Ganze auseinanderfallen und den Geist verfliegen zu lassen, hat die Regierung sie in ihrem Innern von Zeit zu Zeit durch die Kriege zu erschüttern, ihre sich zurechtgemachte Ordnung und Recht der Selbständigkeit dadurch zu verletzen und zu verwirren, den Individuen aber, die sich darin vertiefend vom Ganzen losreißen und dem unverletzbaren Fürsichsein und der Sicherheit der Person zustreben, in jener auferlegten Arbeit ihren Herrn, den Tod, zu fühlen zu geben“ ( PG 335)."
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Wilhelm_Friedrich_Hegel

Hellmann
31.08.2008, 20:54
Die Junghegelianer


Begründer und Namensgeber der Junghegelianer war der Theologe David Friedrich Strauß, der im Jahr 1835 mit seiner Schrift „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ großes Aufsehen erregte. Strauß bezeichnete die Anhänger seiner Thesen zum Leben Jesu als Junghegelianer, die Gegner seiner Schrift als Althegelianer, später hieß es dann auch Linkshegelianer und Rechtshegelianer, wobei die Linkshegelianer im Verlauf der Radikalisierung der Positionen sich zuletzt dem Atheismus und Materialismus verschrieben.

Strauß hatte in seinem „Leben Jesu“ geschickt mit der Methode Hegels die Faktizität der Berichte des Neuen und Alten Testaments „aufgehoben“, also diese zugleich mit ihrer historischen Leugnung zu „ewigen Wahrheiten des Glaubens“ geadelt, was unter Hegelianern nicht so leicht anzugreifen war. Er hatte ganz hegelianisch eine historische Person Jesus von der „Menschheitsidee des Christus“ getrennt, womit dann die Berichte in den Evangelien von historischen Ereignissen zu „ewigen Wahrheiten“ aufsteigen und historisch nicht mehr belegt und von den Gläubigen nicht mehr wörtlich angenommen werden müssen.

Die Debatte über diesen hegelianischen Kunstgriff auf dem sensiblen Gebiet der historischen Wahrheit der Heiligen Schriften führte seinerzeit zu einer umfangreichen Flut von Artikeln und Büchern.

Zunächst vom preußischen Kultusminister Altenstein geduldet, dem diese Schwächung der theologischen Positionen wohl bei seiner Absicht half, die Kirche aus den Schulen herauszuhalten, wurden die Junghegelianer nach dessen Tod 1840 aus den Universitäten und Beamtenstellen gedrängt.

Strauß selbst verlor schon 1835 seine Repetentenstelle am Tübinger Stift und wurde nach Ludwigsburg versetzt, wo er bald aus dem Dienst ausschied. Seine Berufung 1839 als Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte an die Universität Zürich führte zu derartigem Widerstand, dass er sofort mit 1000 Franken Pension abgefunden wurde und die Regierung in Zürich darüber stürzte.

Die Junghegelianer zählten viele bis heute bekannte Personen zu ihrem Kreis und Umkreis, wie etwa die Brüder Bauer, Ruge, Herwegh, Hess, Köppen, Bakunin, Stirner, Marx, Engels und den später auf den Spuren von Strauß folgenden Feuerbach. Publiziert wurde in den von Arnold Ruge 1838 gegründeten Hallischen Jahrbüchern.

Einigen gerade genannten Personen werden wir immer wieder regelmäßig an politischen Brennpunkten begegnen; es ist jedoch hier nicht möglich, der Frage nachzugehen, wer außer Marx und seit wann und warum noch als Regierungsagent für welche Regierung tätig war oder etwa wie der Bruder Edgar des Bruno Bauer mit seinen „Konfidentenberichten“ aus London für die dänische Polizei erst weit später dazu kommen sollte (zur Ehrenrettung des Edgar sei darauf hingewiesen, dass Dänemark mit Preußen verfeindet gewesen ist und die Brüder Bauer unter den Maßnahmen der preußischen Regierung viel zu erleiden hatten, speziell Edgar mehrere Jahre Haft).

Der Vater des Ludwig Feuerbach hatte in Bayern 1806 die Folter abgeschafft und 1813 ein modernes Strafgesetzbuch eingeführt. Der zuerst Theologie und dann Philosophie studierende Ludwig konnte 1828 promovieren und habilitieren.
1830 erschien sein sofort verbotenes, religionskritisches Erstlingswerk „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ , in dem er den Glauben an die Unsterblichkeit als lebensfeindlich verwarf; er hatte es zwar anonym publiziert, wurde aber von der Polizei ermittelt und damit endete seine Hoffnung auf einen Ruf auf einen Lehrstuhl. Mit seiner Frau lebte er dann bei Ansbach auf dem Land von einer kleinen Porzellanmanufaktur, an der seine Frau beteiligt war. 1837 wurde Feuerbach von Arnold Ruge zur Mitarbeit an den Hallischen Jahrbüchern eingeladen.

Berühmt wurde Feuerbach mit seinem 1841 bei seinem Leipziger Verleger Otto Wigand erschienenen Buch über „Das Wesen des Christentums“, was ihm zahlreiche Angebote zur Mitarbeit an oppositionellen Zeitungen und Projekten brachte, die er klugerweise nicht angenommen hat. Marx und Engels wollten ihn auch in ihre Kreise ziehen und hatten schon die Federn gespitzt, den Feuerbach gleich den Bauers und vielen anderen in ihren nächsten Publikationen zu demontieren.

In seinem „Wesen des Christentums“ erklärte Feuerbach die religiösen Vorstellungen als Projektion menschlicher Verhältnisse und Interessen:

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Nuremberg_L.A.Feuerbach_Sarcophagus_f_ne.jpg

Die Hegelei ist in seinem Werk noch unverkennbar, obwohl Feuerbach sich von Hegel später abgewandt hatte:

„In dem entwickelten Widerspruch zwischen Glaube und Liebe haben wir den praktischen, handgreiflichen Nötigungsgrund, über das Christentum, über das eigentümliche Wesen der Religion überhaupt uns zu erheben. Wir haben bewiesen, daß der Inhalt und Gegenstand der Religion ein durchaus menschlicher ist, bewiesen, daß das Geheimnis der Theologie die Anthropologie, des göttlichen Wesens das menschliche Wesen ist. Aber die Religion hat nicht das Bewußtsein von der Menschlichkeit ihres Inhalts; sie setzt sich vielmehr dem Menschlichen entgegen, oder wenigstens, sie gesteht nicht ein, daß ihr Inhalt menschlicher ist. Der notwendige Wendepunkt der Geschichte ist daher dieses offne Bekenntnis und Eingeständnis, daß das Bewußtsein Gottes nichts andres ist als das Bewußtsein der Gattung, daß der Mensch sich nur über die Schranken seiner Individualität oder Persönlichkeit erheben kann und soll, aber nicht über die Gesetze, die Wesensbestimmungen seiner Gattung, daß der Mensch kein andres Wesen als absolutes, als göttliches Wesen denken, ahnden, vorstellen, fühlen, glauben, wollen, lieben und verehren kann als das menschliche Wesen.“
Quelle: http://home.rhein-zeitung.de/~ahipler/kritik/feuerb28.htm

Hellmann
31.08.2008, 21:35
Bruno Bauer: das Schoßkind der preußischen Regierung wird ein Dissident


Bruno Bauer stammte aus einfachen Verhältnissen. Der Sohn eines Porzellanmalers sollte studieren und es zu etwas bringen.

„Der junge Mann tat sich zeitig hervor, — wie's in der Zeit lag, wurde er als Student — seit 1827 — ein rasender Hegelianer. Hegel und Marheineke hofften Großes von ihm; seine ersten Aufsätze in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik“ schafften ihm die Beachtung, bald das entschiedene Wohlwollen des Cultusministers von Altenstein zu. Als Theolog und Philosoph auf der Kanzel wie auf“ dem Katheder winkte ihm eine glänzende Zukunft. Er war ein kräftiger Redner und ein markiger Schriftsteller, durch mustergültige Diction allen sonstigen Hegelianern überlegen. Als Anhänger des absoluten Staates und der unionistischen Orthodoxie, die er beide — ganz nach der Hegel'schen Logik — als in Preußen allein berechtigt erklärte, war er der Mann, wie man ihn verlangte, ein Schoßkind der Regierung.“
Quelle: http://www.radikalkritik.de/nekrol.htm

Bauer wurde die Herausgabe einer Neuauflage von Hegels Religionsphilosophie übertragen, die gegenüber der ersten Auflage von Bruno Bauers Förderer Marheineke stark verändert wurde.

„Marheineke wurde 1811 an die Berliner Universität berufen und galt dort als Vertreter der spekulativen Theologie. Seine »Dogmatik« dokumentierte in beiden Auflagen (1819 und 1827) den Fortgang von Schelling zu Hegel. Er war der Ansicht, daß die von ihm vertretene Philosophie mit der Identität des christlichen Glaubens zu verbinden sei. Der Rektor der Universität in den Jahren 1817/18 und 1831/32 strebte Reformen innerhalb der Kirche an und forderte die Freiheit und Unabhängigkeit der akademischen Lehre. Seit 1819 predigte er an der Dreifaltigkeitskirche. Nach seinem Tod wurden in Berlin die Vorlesungen über christliche Dogmatik, Moral, Symbolik und Dogmengeschichte veröffentlicht.“
Quelle: http://www.gesetzlose-gesellschaft.de/m/marheineke.phtml

Im öffentlichen Streit um das „Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß wird Bruno Bauer mit seiner Publikation gegen Strauß im Jahr 1835 zum Hoffnungsträger der von Strauß später als Rechtshegelianer bezeichneten Kreise und der preußischen Regierung.

„Bruno Bauer hielt über dieses Werk von seinem orthodox-scholastischen Standpunkt aus in den „Jahrbüchern“ ein furchtbares Gericht, aber die öffentliche Meinung hebt Strauß auf den Schild, der, trotzdem er die Hegelsche Schule nach obenhin in Misskredit setzt, die Bewunderung der halben Welt auf sich zieht und seine Gegner, soweit er sie nicht zu ignorieren vorzieht, siegreich widerlegt. Auch die bedeutendsten Hegelianer Berlins, wie Gans, Vatke, Benary, Michelet, in der Stille selbst der Minister von Altenstein fallen Strauß zu.“

Der gerade 1834 habilitierte Bruno Bauer hatte damit sehr einflussreiche Förderer, sich andererseits mit seinem ersten Urteil in der Kontroverse um Strauß bei einigen geistig aufmüpfigen Zeitgenossen blamiert.

Bruno Bauer ertrug diese Blamage nicht, sondern änderte seine Meinung zu den Evangelien und suchte den David Friedrich Strauß jetzt noch radikaler zu übertrumpfen.

„Da wirft sich Bruno Bauer auf denselben Stoff, und, die Unhaltbarkeit der orthodoxen Überlieferung erkennend, sucht er in wuchtigen Werken Strauß zu überbieten. Nicht aus Mythen, sondern aus der freien schriftstellerischen Production der einzelnen Evangelisten, auf der des Marcus als des ältesten, dem die anderen mehr oder weniger folgen, läßt er die Evangelien entstehen. Seine Behauptungen, von eminentem Scharfsinn zeugend, erregten durch die unerhörte Dreistigkeit, mit der sie selbst dann vorgetragen wurden, wenn alle Beweise fehlten, und durch die gewaltsame Konstruktion des Stoffes, auf der sie beruhten, nicht nur ungeheures Aufsehen, sondern auch schwere Bedenken, ja selbst höchliche Entrüstung.“
Quelle: http://www.radikalkritik.de/nekrol.htm

Damit war die Karriere des Bruno Bauer eigentlich beendet, aber man konnte diesen kurz zuvor noch hofierten und sehr gefährlichen Kopf nicht einfach so gleich in Berlin auf die Straße werfen. Es würde sich also hinziehen, wie in vielen ähnlichen Fällen dieser Art: der Betreffende wartet auf seinen Lehrstuhl und wartet und wartet. Bruno Bauer wurde in dieser Zeit immer aktiver und produktiver und sammelte in Berlin junge Leute um sich und seine Ideen, man kennt das bei der Regierung, das machen sie noch alle, wenn sie in Ungnade gefallen sind und noch nicht richtig verstanden haben, dass es mit ihrer Karriere nichts mehr werden wird, wenn auch nicht alle so erfolgreich wie dieser Bruno Bauer.

Da Bauer über viele Kontakte aus der Zeit seiner berechtigten Hoffnungen auf eine glänzende Karriere verfügt und um so aktiver und politisch gefährlicher wird, je mehr er realisiert, dass er nichts mehr zu verlieren und zu erwarten hat, sollte die preußische Regierung auch und gerade in diesem Fall die üblichen Maßnahmen eingeleitet haben.

Letzteres heißt: eine zuverlässige Person wird in seiner Umgebung auftauchen und seine Freundschaft gewinnen und die schwere Zeit gemeinsam mit ihm durchstehen und – wie wir noch sehen werden - sich sogar bei der Versetzung des Bruno Bauer von der Universität in Berlin an die Uni Bonn an seine Fersen heften und an seinen letzten Vorlesungen an der Uni Bonn mit seinen letzten Anhängern und Freunden im Hörsaal sitzen, als ihm die Lehrerlaubnis schon entzogen ist und Bruno Bauer gegen die Weisung einige Stunden weiter macht.

„Vergebens suchte der Cultusminister von Altenstein den jungen Privatdocenten, dem er eine Professur zu verleihen im Begriff war, in den Schranken zu erhalten. Bald darauf starb Altenstein, sein Nachfolger Eichhorn war dem jungen Gelehrten gegenüber von ganz anderer Auffassung. … Trotzig bot dieser dem Ministerium, der ganzen Regierung, der gesamten Wissenschaft die Spitze. Er sammelte in Berlin einen großen Kreis von Anhängern, — Männlein und Weiblein — um sich, die bei Hippel in der Dorotheenstraße täglich oder wöchentlich ihre Sitzungen abhielten.“
Quelle: http://www.radikalkritik.de/nekrol.htm

Wir haben hier den „Doktorclub“ der „Linkshegelianer“ und als deren maßgebliche Figur den Bruno Bauer.
Jede Regierung wird auf jemanden wie Bruno Bauer in dieser Situation einen Agenten ansetzen, der zuerst dessen bester und intimster Freund wird und die Regierung auf dem Laufenden hält, später dann und über Jahre mit seinen Kontakten und Kenntnissen die Zielperson anzugreifen und von den noch übrigen Sympathisanten und Unterstützern zu isolieren hat.

Weil Regierungsagenten im Freundeskreis von namhaften und talentierten Oppositionellen immer auftauchen, muss dieser leidigen Angelegenheit die gehörige Aufmerksamkeit geschenkt werden; gerade weil das Problem allen Freigeistern und Revolutionären geläufig sein sollte, weil es sie nämlich nicht selten auch persönlich betrifft; nur wissen es viele halt nicht und laufen dann unbedacht in die Falle, wie seinerzeit Bruno Bauer dem Karl Marx.

Hellmann
02.09.2008, 20:20
Der tiefe Fall des Bruno Bauer und der Aufstieg seines Freundes Karl Marx


Mit seiner Schrift „Herr Dr. Hengstenberg. Kritische Briefe über den Gegensatz des Gesetzes und des Evangeliums.“(Berlin 1839), gerichtet gegen den damaligen Dekan der Theologischen Fakultät der Berliner Universität Ernst Wilhelm Hengstenberg, hatte sich Bruno Bauer weiteren Verdruss zugezogen. Eine Professur in Berlin wurde damit aussichtslos. In seiner bei Deterding im Netz zugänglichen Bauer-Biografie meint Prof. Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga dazu:

Im Herbst 1839 mußte Altenstein Bauer nach Bonn versetzen, um ihn in Sicherheit zu bringen. Vielleicht hat der Minister der noch Hegellosen dortigen Universität auch etwas vom Hegelschen Geist beibringen wollen. Die dortige theologische Fakultät war Schleiermacherianisch, vermittlungstheologisch. Sie begrüßte den neuen Privatdozenten mit lebhaftem Mißtrauen wie eine fremde Ente im Tümpel. Man wußte ja, daß Altenstein große Stücke auf ihn hielt. Bauer hatte von Marheineke schon erfahren, die Fakultät in Bonn wäre eine der störrigsten.
Quelle: http://www.radikalkritik.de/BiogrBBauer.pdf

Aber es ging wohl eher darum, Bruno Bauer endlich aus Berlin zu entfernen und von seinem dortigen Freundeskreis zu trennen, um seiner Karriere dann im fernen Bonn nach einer kurzen, letzten Zeit als Dozent den längst beschlossenen Schlussstrich anzufügen. Denn dass aus seiner Professur nichts mehr werden würde, war sicher schon den meisten klar, die mit den Gepflogenheiten der Zeit vertraut waren. Nur Bruno Bauers bester Freund Karl Marx soll nach dessen Biographen noch auf die Berufung von Bruno Bauer in Bonn vertraut haben und wollte dann sich selbst bei diesem an seinem Lehrstuhl habilitieren, wie man halt so die auffällige Anhänglichkeit des Karl Marx an diesen von seinem Schicksal schon gezeichneten Bruno Bauer heute den Kinderchen erklärt.

In Bonn lehrte auch der Schwager des späteren preußischen Kultusministers Eichhorn, der schon ganz grundsätzlich mit Hegel nichts anfangen konnte, was ja verständlich ist, aber ganz verhängnisvoll für die von Bauer auf Hegel gestützten theologischen Standpunkte.

Sack war aber wohl der schlimmste. Gelegentlich brach er „mit Elias-Eifer“ über Bauer her und sagte mit rotglühendem Gesicht: es sei ihm ein Bedürfnis seinen ganzen Abscheu von der gottlosen Hegelschen Philosophie auszusprechen.
Eysinga,a.a.O. S.331

Zunächst hielt sich Bruno Bauer zurück und hoffte wohl noch auf seine Habilitation in Bonn.

Man hatte in Bonn erwartet, Bauer würde draufgängerisch auftreten. Auf Augusti machte er aber sogleich den Eindruck von Einfachheit und Unbefangenheit. Nitzsch, der ihn sich auch ganz anders gedacht hatte als er jetzt herauskam, fragte, ob er auch predigen würde; auf seine verneinende Antwort zählte er ihm die Formalitäten auf, die zu seiner Habilitation zu erfüllen waren. Er sah seine Lage als im höchsten Grade prekär und versuchte die Schwierigkeiten durch Arbeiten zu vergessen. Am Markt, Nr 171, hatte er beim Kaufmann Eschbaum eine hübsche Wohnung mit einer weiten Aussicht gefunden. Sogleich am Morgen nach seinem Einzüge nahm er die Bearbeitung der Hegeischen Papiere, d.h. der geplanten zweiten Ausgabe der Religionsphilosophie, die Marheineke ihm anvertraut hatte, wieder auf.
Eysinga ebenda.

Bruno Bauer hatte immer noch Beziehungen in seine alten Kreise in Berlin und bekam nach Eysinga über seinen Bruder Edgar Ratschläge von Marheineke und auch weitere Unterstützung.

Durch Empfehlung Marheineke's wurden ihm vom Minister hundert Thaler bewilligt. „Jetzt“,schreibt er an seinen Freund Marx, „unterhält man sich in der Stadt nur noch darüber: wieviel ich vom Ministerium Gehalt bekäme, ob 600 Mark oder mehr? 600 Mark, ist die allgemeine Übereinkunft der Leute, müsse das Wenigste sein! Die Schafköpfe!“
Eysinga ebenda.

Wie sehr war ein Bruno Bauer auf einen freigiebigen „Freund Marx“ angewiesen, der als Student schon einmal siebenmal hundert Taler im Jahr aufzuwenden verstand.

Da werden schon in der Korrespondenz alle Regeln der Vorsicht missachtet, wie viel mehr noch im persönlichen Gespräch. Bauer war es sicher nicht klar, dass er als Dissident längst unter Beobachtung und unter Beeinflussung stand, noch weniger aber, was man in Berlin wieder mit scheinbar harmlosen, privaten Informationen zu seinem Schaden anrichten konnte.

Sein Bruder Edgar hatte zu der Zeit schon seinen Entschluss gefasst, von der Theologie zur Geschichte zu wechseln. Er war wie Marx noch in Berlin.

Als Abiturient des Berliner Friedrich Wilhelm Gymnasiums fängt er im Jahre 1838 das theologische Studium in Berlin an. Mit Stundengeben sorgte er für seine Lebensbedürfnisse. Das Kneipenleben seiner Kommilitonen war ihm unerschwinglich; so arbeitete er still für sich, besorgte nebenbei auch die Korrektur des Daub und Hegel. Die Theologie wurde ihm aber alsbald eine Enttäuschung. Bereits am 29. Dezember 1839 schreibt er an Bruno in Bonn über seine Erfahrungen mit Marheineke: „Für mich selber war es gut, daß ich einmal eine ächt theologische Vorlesung hörte. Es hat in mir den Entschluß zu wege gebracht, die Theologie aufzugeben und zur Geschichte überzugehen. Hier ist noch viel zu thun“
Eysinga, S. 333

Edgar Bauer bleibt die nächsten Jahre an der Seite seines Bruders und publiziert dabei vieles, was verboten wird und ihm sogar drei Jahre Festungshaft ab 1846 in Magdeburg einbringt, wo er sich mit geschichtlichen Arbeiten beschäftigen durfte.

Während der Untersuchung beim Polizeipräsidium … erklärt Edgar, dreiundhalb Jahr Theologie studiert, sich zum Examen aber bis dahin nicht gemeldet zu haben. Er habe sich nach seiner Exmatrikulation literarisch beschäftigt und seit Februar 1842 Abhandlungen geschrieben für Blätter, u.A. die deutschen Jahrbücher und die Rheinische Zeitung, und daneben selbständige Broschüren. Unter den letzteren nennt er seine im Oktober 1842 erschienene Schrift: Bruno Bauer und seine Gegner, die polizeilich verboten wurde, wie mit mancher seiner Veröffentlichungen der Fall gewesen. Er sei nicht verheiratet und besitze kein eigenes Vermögen.
Eysinga, S. 333

Bruno Bauer hat in Bonn noch seine Arbeit an der zweiten Auflage der von Marheineke herausgegebenen Hegelschen Religionsphilosophie beendet.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Vorlesungen über die Philosophie der Religion nebst einer Schrift über die Beweise vom Daseyn Gottes. Herausgegeben von D. Philipp Marheineke. 2 Theile. Zweite verbesserte Auflage. Berlin, Verlag von Duncker und Humblot, 1840 (11. und 12. Band der Werke).

Das Mitwirken von Bauer wurde im Vorwort von Marheineke gewürdigt:

Marheineke hatte die erste Ausgabe besorgt; die zweite, verbesserte, steht zwar auch auf seinen Namen; im Vorwort teilt er aber selbst mit, daß er wegen mancherlei Geschäfte nicht vermocht hatte diese Arbeit zu verrichten ohne die „rühmliche Theilnahme und Unterstützung eines jüngeren Freundes, des Herrn Lic. Bauer zu Bonn ..., auf dessen treffliche, durch eigene Werke längst bewährte Einsicht und Gelehrsamkeit, speculatives Talent und feinen Tact“er bei dieser Arbeit vorzüglich rechnen durfte.
Eysinga, S. 339

Zusätzlich die Vorlesungen:

Im Wintersemester 1839-40 liest er nur „per accidens“, d.h. wohl „gelegentlich“, hat aber sehr aufmerksame Zuhörer; über sein Verhältnis zu den Studenten kann er noch nicht urteilen, das Sommersemester muß entscheiden. In diesem Sommersemester liest er dann Erklärung des Jesaias (Sack hat dasselbe Thema), Erklärung der Komposition und Geschichtserzählung des Johannesschen Evangeliums, Mosaisches Recht und die Verfassung der Theokratie und das Leben Jesu. Im Wintersemester 1840 behandelt er Genesis, das Leben Jesu, Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu und Geschichte der neueren Dogmatik.
Eysinga, ebenda.

Hellmann
02.09.2008, 20:38
Warum ich ausgerechnet den Eysinga zu Bauer so ausführlich zitiere? Es soll eine Empfehlung sein, den auch ganz zu lesen, damit man eine Vorstellung erhält, dass es bei Bruno Bauer um Fragen der Theologie ging und es völlig unerfindlich ist, was einen Marx mit der Thematik und der Person des Bruno Bauer verbunden haben sollte, wenn er nicht im Auftrag der Regierung dafür engagiert wurde. Die Seiten 342-349 mit ihren theologischen Inhalten seien jedem empfohlen, der das Interesse des Karl Marx an Bruno Bauer noch für ehrlich und ernstgemeint erklären möchte.

Bruno Bauer veröffentlicht anonym:

Im September 1840 erscheint anonym Bauers Schrift: Die evangelische Landeskirche Preußens und die Wissenschaft; eine zweite Auflage folgte auf Namen im nächsten Jahre. Hier setzt er auseinander, daß die Kirche, indem sie durch die Union zwischen Lutheranern und Reformierten (seit 1817) wichtige Lehrdifferenzen für unerheblich erklärt hatte, das Recht verloren hat, der Kritik entgegenzutreten.
Eysinga, S.349

Aber eben genau für den zu erwartenden Ärger mit solchen Aktivitäten pflegt man im Freundeskreis der Betreffenden rechtzeitig einen königlich-preußischen Polizei- und Regierungsagenten zu platzieren und weil die Betreffenden langsam aber sicher von allen wirklichen Freunden verlassen und gemieden werden, wird der ausgesuchte Spitzel leicht zum besten Freund in den schwersten Tagen, der noch bis ganz zuletzt die Hoffnung nicht aufgibt und den letzten Rückhalt bietet, vermeintlich...

Stufenartig, aber in schnellem Tempo geht's von jetzt an weiter mit Bauers immer radikaler werdenden Evangelienkritik. In August 1840 ist er schon mit den Vorarbeiten zu einer Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker beschäftigt. Den 10. März des nächsten Jahres schreibt er an Edgar, das Manuskript des ersten Teiles sei an Wigand abgeschickt worden. Mitte Juli wird dieser dann erschienen sein; am Ende desselben Monats ist er mit dem zweiten Band fertig. Eine Insertion in den Deutschen Jahrbüchern weist aus, daß der Verleger die zwei Bände zusammen anzeigt als „soeben erschienen“. Der dritte Band wird dann erst Ende Oktober 1842 erscheinen.
Eysinga, S. 355

Die Arbeitsleistung des Bruno Bauer war enorm, aber sie brachte die Geduld der preußischen Regierung schnell zum absehbaren Ende.

Neben diesen gewaltigen schriftstellerischen Leistungen las der Privatdozent im Sommer 1841 noch Synoptische Erklärung der drei ersten Evangelien; Charakteristik und Geschichte der apokryphen Evangelien; Geschichte der Wissenschaft und kirchliche Theologie des Mittelalters. Im Winter desselben Jahres: Jesaia, die Leidensgeschichte Jesu nach den vier Evangelien. In April 1842 wird bekannt gegeben: „Lic. Bauer wird seine Vorlesungen später anzeigen“. So weit ist es nicht mehr gekommen.
Minister Altenstein hatte auf dem Sterbelager der Reaktion keinen Widerstand mehr leisten können.
Eysinga, S. 362

Der Minister Altenstein hatte zu den frühen Förderern des Bruno Bauer gehört und hätte ihm vielleicht noch irgendeinen anderen Posten als einen Lehrstuhl für die Theologie verschafft. Man muß so einen Mann ja nicht gleich in die Gosse stoßen, wie es dann geschehen ist. Aber ob Bruno Bauer darauf eingegangen wäre?

Nach dem Erscheinen seiner Landeskirche und seines Johannesbuchs hatte Bauers Lage in Bonn sich selbstverständlich ungeheuer verschlimmert. Das Ministerium machte ihm den Vorschlag, er solle sich zunächst privatim mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigen, wozu ihm eine Jahresunterstützung angewiesen werden sollte. Er ging hierauf aber nicht ein und um der Sache der akademischen Freiheit zu dienen begab er sich wieder nach Bonn. Beim Ministerium ließ er den Antrag machen, es möge die Bonner Fakultät zur Abgabe eines Gutachtens auffordern, ob seine Schriften wie seine Richtung etwas enthielten was ihn notwendig von einer näheren Verbindung mit der Fakultät ausschließen müße. Von dieser war für ihn nichts Gutes zu erwarten.
Eysinga, S. 363

Bei Mehring finden wir die Entscheidung so dargestellt:

Nach Altensteins Tode im Mai 1840 verwaltete der Ministerialdirektor Ladenberg einige Monate das Kultusministerium, und er besaß Pietät genug für das Andenken seines alten Vorgesetzten, um dessen Versprechen einzulösen und Bauers »Fixierung« in Bonn zu versuchen. Aber sobald Eichhorn zum Kultusminister ernannt worden war, lehnte die theologische Fakultät in Bonn die Ernennung Bauers zum Professor ab, angeblich, weil er ihre Einigkeit stören würde, tatsächlich mit jenem Heldenmut, den der deutsche Professor stets bewährt, wenn er der heimlichen Zustimmung seiner hohen Oberen sicher sein darf.

Bauer erhielt die Entscheidung, als er eben aus den Herbstferien, die er in Berlin verlebt hatte, nach Bonn zurückkehren wollte. Im Kreise seiner Freunde wurde nun überlegt, ob nicht schon ein unheilbarer Bruch zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Richtung bestehe, ob ein Anhänger dieser Richtung es noch mit seinem Gewissen vereinbaren könne, der theologischen Fakultät anzugehören. Aber Bauer selbst beharrte bei seiner optimistischen Auffassung des preußischen Staatswesens und lehnte auch den offiziösen Vorschlag ab, sich mit schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen, wobei er aus staatlichen Mitteln unterstützt werden sollte. Er kehrte voll Kampfeslust nach Bonn zurück, wo er gemeinsam mit Marx, der ihm bald nachfolgen sollte, die Krisis in ihren wichtigsten Momenten herbeizuführen hoffte.
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Man möchte dem Bruno Bauer hier nachträglich einen wirklichen klugen Freund wünschen, der ihn dazu gebracht hätte, auf diesen Vorschlag des Ministeriums einzugehen und in Zukunft vom Schreiben zu leben, was zwar ohne heimliche Förderer nicht geht, aber die hätte er wohl gefunden. Karl Marx war sicher nicht der Freund, von dem ein Bruno Bauer einen klugen Rat zu erwarten hatte. Trotzig schickt Bauer dem neuen Minister den ersten Band seiner Synoptikerkritik.

Wenige Wochen nach dem Erscheinen des ersten Bandes der Kritik der Synoptiker erhielt die Bonner Evangelisch-Theologische Fakultät von Eichhorn den Befehl, sich über dieses Buch, die sich darin kundgebenden Stellung des Verfassers zum Christentum und seine Qualifikation zum öffentlichen Lehrer für die evangelische Theologie zu äußern. Die Verfügung ist datiert den 20. August 1841.
Eysinga, S. 364

Bruno Bauer landet einen neuen anonymen Streich:

…haben wir noch eine Ende Oktober oder Anfang November 1841 erschienene Schrift zu erwähnen, nämlich Die Posaune des jüngsten Gerichtes über Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum378. In dieser anonymen Schrift suchte er, unter der Maske eines strenggläubigen Pietisten zu zeigen, daß Hegel konsequenterweise zum Atheismus führe. Der Titel des Buches ist vom Propheten Joel entlehnt: „Stoßt in die Posaune auf dem Zion und schlagt Lärm auf meinem heiligen Berge, es erzittern alle Bewohner des Landes. Denn es kommt der Tag Jahwes, ja er steht nahe bevor“. Mit feiner Ironie, mit gelungener priestlichen Salbung sucht er die Althegelianer zum Bekenntnis zu zwingen, entweder daß sie getäuscht worden seien, oder daß sie getäuscht hätten. Denn Hegel stimmt ja, wie er mit einer Unmenge von Zitaten nachweist, mit den Atheisten des 18. Jahrhunderts überein und Bruno Bauer erscheint als der unverfälschte Hegelianer. Hegels Lehre und Tendenz ist mit den Lehren und Tendenzen der Junghegelianer Eins und die von Althegelianischer Seite geäusserte Behauptung wesentlicher Differenz Nichts als Lug und Trug. Ganz in der Bibelsprache verfaßt regt es die christlichen Regierungen an, den Hegelianismus als religions- und staatsgefährlich auszurotten. Hegels Gegner haben bis jetzt dessen Atheismus nicht erkannt, während die neuesten Hegelianer sie irreführen durch die kecke Behauptung, daß ihr ungläubiges Prinzip von demjenigen des Meisters verschieden ist.
Eysinga, S, 374

Es gibt Spekulationen, dass Karl Marx an diesem Buch von Bauer mitgewirkt habe, die allerdings nicht sehr begründet scheinen. Marx scheint Zusagen zur Mitarbeit vor allem an dem geplanten zweiten Band gemacht zu haben.

Die Vermutung Rjazanovs, Marx sei bei der Verfassung dieses Buches beteiligt gewesen, kommt mir höchst unwahrscheinlich vor; obwohl bei der Erscheinung bereits G. Jung Gewährsmann dieser Ansicht gewesen ist. In der Vorrede zu der Fortsetzung der Posaune heißt es: „Wir dieß wir ist aber wörtlich zu verstehen - ... haben uns in die Arbeit getheilt, so daß jeder einen der beiden Abschnitte aus denen unser Werk besteht, ausarbeitete... Wir haben uns nicht genannt, damit das Werk desto reiner für sich spreche“. Es wird nicht klar, welche Abschnitte gemeint sind. Die Bemerkung gehört wohl zu dem ursprünglich umfangreicher geplanten Buch, woran Marx seine Mitarbeit versprochen, schließlich aber nicht verliehen hat. Bauer selbst schreibt an Ruge, daß die Fortsetzung der Posaune seine eigene Arbeit ist, aber in demselben Brief sagt er, daß Marx immer noch an der Posaune arbeitet. Damit ist der zweite Teil gemeint, der bei der Erscheinung einen anderen Titel bekommen hat, denn die Posaune selbst war damals nicht nur erschienen, sondern auch schon konfisziert. Bauer nimmt sich vor unter dem Titel des zweiten Teils die Buchstaben b.m. als Autorname drucken zu lassen, was offenbar Bauer-Marx bedeuten soll, aber auf dem erschienenen Buch fehlen diese Buchstaben. Am 26. Januar 1842 bittet Bauer Marx das Manuskript nach Wigand zu schicken; dieser ist dann schwer krank, hofft aber bald fertig zu sein. Am 5. März schreibt Marx an Ruge: „Bei der plötzlichen Wiedergeburt der sächsischen Zensur wird wohl von vornherein der Druck meiner „Abhandlung über christliche Kunst „, die als zweiter Teil der Posaune erscheinen sollte, ganz unmöglich sein. Wie wäre es, wenn sie in einer modifizierten Redaktion den Anekdotis inseriert würde „. Noch einmal kommt Marx auf diese Arbeit zurück, wenn er an Ruge am 9. Juli schreibt, daß er durch unangenehme Äusserlichkeiten von der Einsendung seiner Beiträge für die Anekdota verhindert worden ist, aber nichts mehr anrühren wird, bis er sie beendigt hat.

Die Arbeit von Marx scheint nie erschienen zu sein. Bauer war wirklich Manns genug die Posaune und ihre Fortsetzung selbständig zu produzieren und Marx wohl nicht so theologisch bibelfest wie er, daß er über eine so große Menge gewählter Bibelworte zu verfügen hatte. Hätte Marx auch nur das mindeste Autorenrecht auf diese Schriften gehabt, wie könnte es dann passieren, daß nach Aufhebung der Anonymität die Bücher ohne weiteres dem Bauer allein zugeschrieben wurden?
In der von Marx gelobten Verteidigungsschrift Bauers, wovon noch die Rede sein wird, spricht dieser wiederholt über die Posaune als über seine eigene Arbeit. Würde Marx damals und a fortiori später, als die Freundschaftsbande zwischen den beiden Großen sich gelockert hatten und Marx Bauer in seiner Spottschrift Die heilige Familie bekämpfte, nie den Vorwurf gemacht haben, Bauer hätte sich die Autorschaft der Posaune und derselben Fortsetzung wiederrechtlich zugeschrieben?
Eysinga, S. 376

Wenn er noch etwas weiter geschlossen hätte, wäre Eysinga unweigerlich dahinter gekommen, dass dieser Marx mit seinen mangelnden theologischen Kenntnissen und Interessen doch ein ganz auffälliger Fremdkörper im Umkreis des Bruno Bauer ist, dessen Talente höchstens dafür reichten, den anonymen Autor und seine Verleger und Mitstreiter zu verraten und ihnen Fallen zu stellen.

Mit dem Entzug der Lehrerlaubnis waren schließlich alle evangelischen theologischen Fakultäten als Gutachter befasst.

Das Interimministerium vor Eichhorn hatte Bauer zur Beförderung vorgeschlagen, um Altensteins Vermächtnis auszuführen. Eichhorn wünschte ihn nicht anzustellen, weil Bauers kritische Richtung Bedenken erregte. Die Fakultät bat um Aufschub bis zum Anfang des folgenden Semesters. Nachher verzögerte sich die Einsendung des erwünschten Gutachtens durch die Erscheinung des zweiten Bandes der Bauerschen Schrift, welchen die Fakultät glaubte mit berücksichtigen zu müssen. Inzwischen war die gleiche Aufforderung von Seiten des Ministers auch an die übrigen preußischen Evangelischtheologischen Fakultäten ergangen. Die Allgemeine Preußische Staatszeitung vom 7. April 1842 machte schließlich das Resultat dieser Enquete bekannt. Die dem Licentiaten Bauer verliehene licentia docendi war zurückgenommen, weil sein „Prinzip, Anschauungsweise und ganze Richtung mit dem Christenthume, mit dem Wesentlichen des christlichen Glaubens und dem Eigenthümlichen der christlichen Gesinnung im innersten Grunde einen entschiedenen Gegensatz bilde“.
Eysinga, S. 365

Marheineke hatte sich noch in seinem abweichenden Minderheitsvotum für Bruno Bauer eingesetzt:

Der Dekan der Fakultät, Marheineke war mit diesem Urteil nicht einverstanden und gab deshalb seine abweichende Meinung in einem Separatvotum bekannt. Nach, seiner Ansicht war die Anklage des Bauer ohne Zweifel von Nichttheologen ausgegangen und er freute sich darüber, daß die Regierung diese Angelegenheit auf den Boden der Wissenschaft versetzt hat. Mit Bauers kritischen Unternehmungen ist er nicht einig oder auch nur zufrieden, hofft aber es werde ihm an gediegener, gründlicher Widerlegung seiner zum Teil aus der Luft gegriffenen Hypothesen nicht fehlen; überdies mißfällt ihm der spöttische, höhnische Ton gegen berühmte Theologen, die Bauer angestimmt hat. Niemals hat er aber Ursache gefunden Bauers Sinn für die Wahrheit, seine Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit zu bezweifeln. Auch rechtgläubige Theologen wie Bengel, Knapp u.A. haben Kritik geübt, und Griesbach, Eichhorn, Lachmann und Schleiermacher haben sich in ihren kritischen Operationen durch dogmatische Rücksichten nicht aufhalten oder hemmen lassen. Die Behauptung, daß die erste Christengemeinde nicht ohne allen Anteil an der Entstehung ihrer Evangelien gewesen sei, enthält nach Marheineke nichts Unchristliches.
Eysinga, S. 366

Am 29. März 1842 wurde Bruno Bauer abgesetzt, las aber noch einige Stunden weiter.

Noch zur Zeit seiner Suspension liest er, weil ihm nichts Offizielles gemeldet ist, und hat ein ziemlich großes Auditorium, das gespannt seinem Vortrage zuhört. Als einmal einige Burschen zu murren wagten, ließ er sich nicht stören im ruhigen Fortgang der Entwicklung; schließlich erschüttert er Alle, daß sie wie gefangen dasitzen. Auch M. (das heißt wohl Marx) ist Zeuge; er hat mit Hess aus Köln hospitiert, wie Adolf (Rutenberg).
Eysinga, S. 380

Moses Hess und Adolf Rutenberg sind aus der Redaktion der Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe, die am 1. Januar 1842 in Köln erschienen ist und an der Karl Marx mit seinem ersten Artikel am 5. Mai mitgearbeitet hat und bald am 15. Oktober dieses Jahres 1842 die Redaktionsleitung bekam. Dies alles allerdings anonym und mit einem stattlichen Jahresgehalt von 600 Talern. Marx hat seine Artikel nicht mit seinem Namen gezeichnet und wurde auch als "eigentlicher Redakteur" im Impressum nicht genannt.

Nicht um Marx vor der Regierung zu verbergen, die für solche Geheimnisse einer Zeitungsredaktion allemal genug Polizeispitzel hatte: es würden sich wohl andere Leute so ihre Gedanken gemacht haben über die erstaunliche Karriere eines Mannes, dessen einzige intellektuelle Leistung bis dahin seine aufwändige Freundschaft mit dem gerade 1842 von der preußischen Regierung erledigten Bruno Bauer gewesen war.

Hier wird verständlich, was Fritz J. Raddatz in seinem "Karl Marx - Der Mensch und seine Lehre" (Rowohlt, 1987, Seite 47) zitiert:

Karl Heinzen, der später in die USA emigrierte, erinnert sich der gemeinsamen Zeit an der "Rheinischen Zeitung" weniger schonungsvoll. Er berichtet von den allabendlichen Kneiptouren mit seinem Chef, der zwar verblüffend scharfsinnig, aber auch extrem egoistisch, lügnerisch und intrigant gewesen sei, mehr noch als vom eigenen Ehrgeiz aufgefressen vom Neid auf fremde Leistungen...

Man habe abends oft noch beim Wein gesessen, der Chefredakteur und seine Kollegen, und wenn die Reihe der geleerten Flaschen beachtlich lang geworden war, habe Marx mit vor königlichem Vergnügen boshaft funkelnden Augen die Runde abgeschätzt. Jäh fuhr dann ein Finger auf einen der schockierten Freunde: "Dich werde ich vernichten."
Fritz J. Raddatz, Karl Marx, Seite 47

Es dürfte nicht nur Angeberei gewesen sein.

Hellmann
02.09.2008, 20:48
Bruno Bauer und andere durften in der Rheinischen Zeitung publizieren, bis Marx persönlich die Chefredaktion übernahm und Bruno Bauer in seiner Zeitung auf persönlicher Ebene angreifen ließ: Bruno Bauer war gleich 1842 wieder in Berlin und hatte dort einen sehr regen Freundeskreis um sich geschart. Diesem Freundeskreis wurden nun von Marx "Skandale in Bordellen und Prügeleien in Kneipen" zum Vorwurf gemacht. (Raddatz a.a.O. S. 44/45)

Noch 1842 kehrte Bauer nach Berlin zurück. »Hier spricht alles von der jüngeren Rotte«, schrieb er am 5. Juni an Marx, »von Atheismus, Aufhebung der Religion und anderer schöner Dinge, sey es pro, sey es mit den Bedenken des Philisters oder mit der klugen Bemerkung man solle langsamer, vorsichtiger vorschreiten.« Bauer schloß sich den in der Stadt verbliebenen Junghegelianern an, die als »die Freien« einen Klub bildeten, der sowohl durch seine Ansichten als auch durch das öffentliche Auftreten seiner Mitglieder ständig für Aufsehen sorgte. Manches Treiben in den Stammlokalen in der Poststraße (heute Münzstraße) und am Gendarmenmarkt, aber auch die eine oder andere anarchische Aktion erinnert an heutige Verhaltensweisen autonomer Gruppen.

Bauer und einige andere schrieben zu dieser Zeit noch Beiträge für die »Rheinische Zeitung«, deren Redaktion Karl Marx im Oktober 1842 übernommen hatte. Doch schon bald kam es zu Unstimmigkeiten. Marx veröffentlichte in der »Rheinischen Zeitung« einen Brief von Georg Herwegh (1817–1875), in dem dieser über die »Freien« schrieb: »Wenn ich die Gesellschaft der Freien, die einzeln meistens treffliche Leute sind, nicht besucht habe, so geschah es nicht, weil ich etwa eine andere Sache verfechte, sondern es geschah lediglich darum, weil ich diese Frivolität, diese Berlinerei in der Art ihres Auftretens, weil ich diese platte Nachäfferei der französischen Clubbs ...
hasse und lächerlich finde.« (MEGA III/1, Berlin 1975, S. 379) Auch Arnold Ruge hatte in einem Brief vom 4. Dezember 1842 an Marx einen solchen Eindruck vermittelt: »Trinken, Schreien, ja, ich sage es, selbst Prügeleien könnte man Leuten hingehen lassen, die das alles trieben abgesehen von einem ernsten Inhalt und ohne ihn zu besudeln. Ich werde Bauers Wesen nie in einem solchen Exzess suchen: aber diese Exzesse mit den Dogmen und Sprichwörtern der Philosophie und Freiheit auszufüllen oder vielmehr die Freiheit zu einer Dogmatik dieses Treibens zu machen – nun, das geht nicht und wer darauf besteht, es zu tun, ruiniert sich.«

Bauer verteidigte die »Freien« in einem letzten Brief an Marx vom 13. Dezember 1842 gegen den Vorwurf der Clique und stellte kategorisch fest: »Lieber Marx, das Recht Berlins ist so groß, die Berliner haben so wenig durch falsche Schritte die Uebereilungen Anderer hervorgerufen, daß ich über diese Sache gar nicht weiter sprechen mag, da ich zu viel Unangenehmes, woran hier Niemand schuldig ist, berühren müßte.« (ebenda, S. 386)

Quelle: http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt97/9704deua.htm

So endete die "Freundschaft" zwischen Marx und Bruno Bauer, indem Karl Marx die Rheinische Zeitung zu einer Waffe gegen die Freunde des Bruno Bauer in Berlin gemacht hat. Wie weit Ruge und Herwegh dabei gegen ihre Absicht benutzt wurden, sei dahingestellt. Gerade Ruge hat sich später darüber beschwert, dass Marx wieder einmal „die Bauern bekriegen“ wolle, statt sinnvolle politische Arbeit zu leisten.

Bruno Bauer verlor damit die bisherige Unterstützung aus dem Umfeld der Leser und Mitarbeiter dieser Rheinischen Zeitung und wurde gerade unter anderen Dissidenten mit Hilfe der Rheinischen Zeitung in Verruf gebracht.

Da hat Karl Marx die Rheinische Zeitung und weiß nichts Besseres zu tun, als Artikel gegen seinen ehemaligen Freund Bruno Bauer zu richten? Wegen Cliquenbildung und Exzessen? War das nicht eigentlich eine Spezialität des Karl Marx?
Es bliebe unerklärlich, wenn es nicht die eine Erklärung dafür gäbe.

An dieser Stelle möchte ich schon einmal den im April 1882 von Engels verfassten Nachruf auf Bruno Bauer zur Lektüre empfehlen.

Friedrich Engels - Bruno Bauer und das Urchristentum (http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_297.htm)

Auch im Vorgriff auf die folgenden Attacken der beiden Kumpane Marx und Engels gegen Bruno Bauer und seine Anhänger, die sich über Jahre fortsetzen sollten.

Zu Engels vielleicht hier noch aus einem Artikel vom Juni 1842:

Man braucht aber nicht eben bewandert im Hegel zu sein, um zu wissen, daß er einen weit höhern Standpunkt in Anspruch nimmt, den der Versöhnung des Subjekts mit den objektiven Gewalten, daß er einen ungeheuren Respekt vor der Objektivität hatte, die Wirklichkeit, das Bestehende weit höher stellte, als die subjektive Vernunft des einzelnen, und gerade von diesem verlangte, die objektive Wirklichkeit als vernünftig anzuerkennen. Hegel ist nicht der Prophet der subjektiven Autonomie, wie Herr Jung meint und wie sie als Willkür im jungen Deutschland zutage kommt, Hegels Prinzip ist auch Heteronomie, Unterwerfung des Subjekts unter die allgemeine Vernunft. Zuweilen sogar, z.B. in der Religionsphilosophie, unter die allgemeine Unvernunft. Das, was Hegel am meisten verachtete, war der Verstand, und was ist dieser andres, als die in ihrer Subjektivität und Vereinzelung fixierte Vernunft?

Quelle: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_433.htm

Jeder frage sich selbst, ob das die Gedanken eines Revolutionärs sein können, oder ob ein Hegelianer dieser Schule nicht die objektive Wirklichkeit, das Bestehende, den preußischen Staat als vernünftig anzuerkennen hat.

Engels war ein begnadeter Autor und stets klar und logisch und damit verständlich. Der konnte selbst den Hegel noch einem breiten Publikum darlegen.

Der Karl Marx dieser Zeit liest sich so:

Karl Marx: Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion (http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_003.htm)

Hellmann
05.09.2008, 20:54
Chefredakteur der Rheinischen Zeitung


Politisch wird die Rheinische Zeitung von Franz Mehring richtig zugeordnet:

Die »Rheinische Zeitung« erschien seit dem 1. Januar 1842 in Köln. In ihrem Ursprunge war sie kein Oppositions-, eher ein Regierungsblatt. Seit den Kölner Bischofswirren der dreißiger Jahre vertrat die »Kölnische Zeitung« mit achttausend Abonnenten die Ansprüche der ultramontanen Partei, die am Rhein übermächtig war und der Gendarmenpolitik der Regierung viel zu schaffen machte. Es geschah nicht aus heiliger Begeisterung für die katholische Sache, sondern aus geschäftlicher Rücksicht auf die Leser, die nun einmal von den Segnungen der Berliner Vorsehung nichts wissen wollten. Das Monopol der »Kölnischen Zeitung« war so stark, daß es ihrem Besitzer regelmäßig gelang, alle auftauchenden Konkurrenzblätter durch Ankauf zu beseitigen, auch wenn sie von Berlin her gefördert wurden. Dasselbe Schicksal drohte der »Rheinischen Allgemeinen Zeitung«, die im Dezember 1839 von den Zensurministern die damals notwendige Konzession erhalten hatte, eben um die Alleinherrschaft der Kölnischen Zeitung« zu brechen. Jedoch im letzten Augenblick tat sich eine Gesellschaft wohlhabender Bürger zusammen, um ein Kapital auf Aktien zur gründlichen Umgestaltung des Blattes aufzubringen. Die Regierung begünstigte das Vorhaben und ließ provisorisch für die nunmehrige »Rheinische Zeitung« die Konzession gelten, die sie ihrer Vorläuferin erteilt hatte.“

Mehring: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Sehen wir uns die Gründer und Geldgeber der Rheinischen Zeitung einmal näher an. Die folgenden Ausführungen des Franz Mehring zu diesem Thema lesen sich etwas kryptisch – was will er dem Leser nun genau damit sagen?

In der Tat war die Kölner Bourgeoisie weit davon entfernt, der preußischen Herrschaft, die in den Massen der rheinischen Bevölkerung immer noch als Fremdherrschaft betrachtet wurde, irgendwelche Unbequemlichkeiten zu bereiten. Da die Geschäfte gut gingen, hatte sie ihre französischen Sympathien aufgegeben, und nach Gründung des Zollvereins verlangte sie geradezu die preußische Vorherrschaft über Deutschland. Ihre politischen Ansprüche waren äußerst gemäßigt und standen hinter ihren wirtschaftlichen Forderungen zurück, die auf eine Erleichterung der am Rhein schon hoch entwickelten, kapitalistischen Produktionsweise abzielten: sparsame Verwaltung der Staatsfinanzen, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Ermäßigung der Gerichtssporteln und Postgebühren, eine gemeinsame Flagge und gemeinsame Konsuln für den Zollverein und was sonst auf solchen Wunschzetteln der Bourgeoisie zu stehen pflegt.

Die propreußische Minderheit der Kölner Bourgeoisie stand also hinter der Rheinischen Zeitung und wollte mit der und unterstützt von der preußischen Regierung ein Gegengewicht zur Kölnischen Zeitung schaffen.

Es zeigte sich nun aber, daß zwei ihrer jungen Leute, denen sie die Einrichtung der Redaktion überlassen hatte, der Referendar Georg Jung und der Assessor Dagobert Oppenheim, begeisterte Junghegelianer waren und namentlich unter dem Einfluß von Moses Heß standen, ebenfalls eines rheinischen Kaufmannssohnes, der sich neben der Hegelschen Philosophie bereits mit dem französischen Sozialismus vertraut gemacht hatte. Sie warben unter ihren Gesinnungsgenossen die Mitarbeiter des Blattes, und namentlich auch unter den Berliner Junghegelianern, von denen Rutenberg sogar die Redaktion des deutschen Artikels übernahm: auf Empfehlung von Marx, der damit keine besondere Ehre einlegen sollte.

Na komisch, zufällig sind die maßgeblichen Redakteure „Junghegelianer“, also eigentlich wohl Anhänger von David Friedrich Strauß und Bruno Bauer und Ruge, Herwegh, Feuerbach. Aber gerade die führenden Köpfe dieser Junghegelianer , von denen nicht nur Bruno Bauer und sein Bruder Edgar eine besoldete Anstellung als Journalist dringend gebraucht hätten tauchen dann im eigentlichen Redaktionsteam nicht auf, dürfen aber einige Beiträge liefern, gerade die Bauers aber nicht mehr lange.

Da sollen also preußenfreundliche, reiche Geschäftsleute in Köln versehentlich die Redaktion ihrer subventionierten Zeitung irgendwelchen „Junghegelianern“ überlassen haben?

Und dann soll ausgerechnet der engste Freund des Bruno Bauer, unser zukünftiger Kommunist Karl Marx, noch großen Einfluss auf die Zeitung gewinnen.

Nur der feste Glaube an das Menschheitsgenie Karl Marx kann einen bei der folgenden Darstellung nicht ins Grübeln bringen:

Marx selbst muß dem Unternehmen von früh an nahegestanden haben. Er wollte Ende März von Trier nach Köln übersiedeln, aber das Leben war ihm dort zu geräuschvoll; er schlug seine Stätte einstweilen in Bonn auf, von wo Bruno Bauer inzwischen verschwunden war; »es wäre auch schade, wenn niemand hier bliebe, an dem die Heiligen ein Ärgernis nehmen«. Von hier aus begann er seine Beiträge für die »Rheinische Zeitung« zu schreiben, durch die er bald alle anderen Mitarbeiter überflügeln sollte.

Von der fragwürdigen Qualität dieser Beiträge kann sich dank Internet heute jeder selber schnell eine Vorstellung verschaffen. Bitte sehr:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_028.htm

Da fragt man sich ja, wer das Gefasel überhaupt lesen sollte. Natürlich unter Pseudonym geschrieben. Vor wessen Augen sollte die Mitarbeit des Karl Marx an der Rheinischen Zeitung verborgen bleiben? Vor den Spitzeln der preußischen Regierung hätte das Pseudonym wenig geholfen, abgesehen davon, dass die ganze Redaktion vermutlich aus den Spitzeln der preußischen Regierung bestand.

Das ist nämlich die einzige vernünftige Erklärung dafür, dass da angeblich zufällig die ganze Redaktion von „Junghegelianern“ übernommen worden sei. Agenten haben wenig wert, wenn sie den ganzen Tag ihren Lebensunterhalt mit irgendeinem festen Job verdienen müssen. Umgekehrt ist der Journalistenberuf die ideale Anstellung für Regierungsagenten, die ja als Journalisten bevorzugt einfach und für alle, die nicht vom Fach sind, ganz unverdächtig Kontakte in politische und besonders regimefeindliche Kreise aufbauen und pflegen können.

Alles nur für die Zeitung, Recherchen für einen Artikel, versteht sich doch. Mehring hat das sicher auch gewusst: Zeitungsredaktionen sind der ganz unvermeidbare Ort für alle bezahlten Politakteure aller beteiligten Kräfte.

Vermutlich wird das berüchtigte Agentennetz des dafür berühmten österreichischen Außenministers Metternich im Rheinland in der Kölnischen Zeitung eine Filiale gehabt haben, wo auch sonst.

Bei der Rheinischen Zeitung haben wir dann die „Junghegelianer“ des preußischen Kultusministers Eichhorn, wie uns Mehring hier ganz ungerührt versichert; und gewiss waren das einfach die fähigsten Geistesarbeiter, die gerade zu finden waren.

Wenngleich die persönlichen Beziehungen Jungs und Oppenheims den ersten Anstoß dazu gegeben haben mögen, das Blatt zum Tummelplatz der Junghegelianer zu machen, so ist doch schwer anzunehmen, daß diese Wendung sich ohne Billigung oder gar wider Wissen der eigentlichen Aktionäre vollzogen haben sollte. Sie werden pfiffig genug gewesen sein, zu erkennen, daß sie fähigere Geistesarbeiter in dem damaligen Deutschland nicht finden konnten. Preußenfreundlich waren die Junghegelianer selbst bis zum Überschwange, und was der Kölner Bourgeoisie sonst an deren Treiben unverständlich oder verdächtig sein mochte, wird sie als unschädliche Schrullen betrachtet haben. Jedenfalls schritt sie nicht ein, als schon in den ersten Wochen aus Berlin Klagen über die »subversive Tendenz« des Blattes einliefen und sein Verbot für das Ende des ersten Quartals drohte. Namentlich durch die Berufung Rutenbergs war die Berliner Vorsehung erschreckt worden; er galt als fürchterlicher Revolutionär und stand unter strenger politischer Aufsicht; noch in den Märztagen von 1848 hat Friedrich Wilhelm IV. vor ihm als dem eigentlichen Anstifter der Revolution gezittert. Wenn der tötende Blitzstrahl einstweilen von dem Blatte abgelenkt wurde, so war es in erster Reihe dem Kultusminister geschuldet; bei aller reaktionären Gesinnung vertrat Eichhorn die Notwendigkeit, der ultramontanen Tendenz der »Kölnischen Zeitung« entgegenzuwirken; möge die Richtung der »Rheinischen Zeitung« »fast noch bedenklicher« sein, so spiele sie doch nur mit Ideen, die für keinen, der irgend festen Fuß im Leben habe, verlockend sein könnten.

Man sieht da bei der Lektüre fast den verschmitzten Blick und das Augenzwinkern des Franz Mehring vor sich, der sich bei seiner Marx-Biographie immer wieder ganz erstaunliche Freiheiten erlaubt hat, brauchte er doch bis heute kaum die Intelligenz der Leser zu fürchten: wer das richtig verstand, der wusste es eh schon.

Es war also der Kultusminister Eichhorn mit der Zeitung befasst, der dem Bruno Bauer das Lehrverbot ausgesprochen hatte, dessen „Freund“ Karl Marx nun mit dieser Zeitung seine nächste Aufgabe erhalten sollte.

Karl Marx wollte schon Ende März von Trier nach Köln übersiedeln, wie uns Mehring oben informiert, aber das wäre ja doch zu auffällig gewesen und hätte Verdacht hinsichtlich der von Mehring erwähnten „Berliner Vorsehung“ erweckt.
Also musste Marx seine ersten Artikelchen (er hatte vor der Rheinischen Zeitung außer zwei Gedichten in einer kurzlebigen Literaturgazette noch buchstäblich überhaupt nichts veröffentlicht, nicht einmal seine Dissertation, und konnte so nicht gleich zum Chefredakteur gemacht werden) noch von Bonn aus einreichen.

Wer will, kann sich hier noch einmal die Artikel durchlesen, mit denen sich Marx plötzlich zum Chefredakteur qualifiziert haben soll:

http://www.mlwerke.de/me/me_ak42.htm

Mehring muß die erstaunliche Karriere auch begründen:

…die praktische Art, womit er die Dinge angriff, wird die Aktionäre des Blattes gründlicher mit dem Junghegelianismus versöhnt haben als etwa die Beiträge Bruno Bauers oder Max Stirners. Sonst wäre es nicht zu begreifen, daß sie ihn wenige Monate, nachdem er seinen ersten Beitrag eingesandt hatte, im Oktober 1842 bereits an die Spitze des Blattes stellten.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Ja, fast wäre es wirklich nicht zu begreifen.

Der Marx-Biograph Raddatz hat die wichtigsten Informationen zu diesem Thema in einen kleinen Absatz hineingepresst:

Georg Jung war schon seit 1841 mit Marx recht eng befreundet, war – anfangs wohl ohne Marx´ Wissen – eines der führenden Mitglieder des „Kölner Kreises“, mit dem einflussreiche Persönlichkeiten wie Camphausen und Hansemann sowie eine Gruppe gebildeter Liberaler sympathisierten. Camphausen, einer der beiden Aufsichtsratsvorsitzenden der „Rheinischen Zeitung“, dann preußischer Ministerpräsident, hatte Marx auch im Frühjahr 1848 wissen lassen, er würde ihn gern als Mitarbeiter in Berlin sehen. Marx nannte das eine „Insinuation“.
Raddatz, a.a.O. S. 42/43

Diese “Insinuation” werden wir besser eine Entlarvung nennen.

Hellmann
05.09.2008, 21:10
Gottfried Ludolf Camphausen war von 1838 bis 1848 Präsident der Kölner Handelskammer, sein Bankhaus gehörte zu den vier größten Kölner Banken und er finanzierte Eisenbahnen und moderne Dampfschiffe, Bergbau und Großindustrie. Während der Märzrevolution wurde Camphausen am 29. März 1848 von Wilhelm IV. mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt, trat allerdings schon am 20. Juni 1848 wieder zurück. Karl Marx hat also mit dem Verzicht auf seine Mitwirkung an der Regierung Camphausen nicht viel verloren.

Der Bruder Otto von Camphausen wurde 1844 Regierungsrat in Trier, 1845 ins preußische Finanzministerium berufen und war 1869-78 preußischer Finanzminister.

Zurück zum Chefredakteur der Rheinischen Zeitung. Offiziell war der Titel nicht, dazu wieder Raddatz:

Die Zeitung, vom „Kölner Kreis“ finanziell aufs beste abgesichert – die „Rheinische Zeitungsgesellschaft KG“ verfügte über 30.000 Taler – nannte ihn in ihrem Funktionsplan „eigentlichen Redakteur“; Marx erhielt das ansehnliche Jahresgehalt von 600 Talern. Im Impressum des Blattes ist er nicht genannt.
Raddatz, a.a.O. S. 43

Vor der Regierung brauchte man ihn nicht zu verbergen, wie schon gesagt, aber andere Leute hätten sich wohl zu sehr gewundert.

Die Artikel von Marx zu den Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz sind sozusagen der Höhepunkt seiner journalistischen Arbeit für die Rheinische Zeitung; hier zum Nachlesen:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_109.htm

Wieder sind die Artikel mit „Von einem Rheinländer“ gezeichnet.

Der Höhepunkt seiner politischen Arbeit war allerdings der Bruch mit den Bauers und der mit Hilfe der Rheinischen Zeitung hochgezogene Streit unter den ehemaligen Mitgliedern des Berliner Doctorclubs.

Mit denen war gar kein Staat mehr zu machen, seitdem die gemilderte Zensurinstruktion den Doktorklub, durch den doch immer »ein geistiges Interesse ging«, in eine Gesellschaft der sogenannten Freien gewandelt hatte, in der sich so ziemlich alle vormärzlichen Literaten der preußischen Hauptstadt zusammenfanden, um die politischen und sozialen Revolutionäre in der Gestalt wild gewordener Philister zu spielen.
Mehring: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Anscheinend war Rutenberg für den Kampf gegen den Berliner Freundeskreis nicht recht gewillt gewesen und deshalb durch Marx ersetzt worden. Der ist sogleich besorgt wegen des Treibens und um den Ruf der guten Sache, wie uns Mehring versichern will:

Ihre Bettelaufzüge in den Straßen, ihre Skandalszenen in Bordellen und Kneipen, ihr abgeschmacktes Hänseln eines wehrlosen Geistlichen, dem Bruno Bauer bei Stirners Trauung die messingenen Ringe seiner gehäkelten Geldbörse mit dem Bemerken überreichte, als Trauringe seien sie gut genug - alles das machte die Freien zum Gegenstande halb der Bewunderung und halb des Grauens für alle zahmen Philister, stellte aber unheilbar die Sache bloß, die sie angeblich vertraten.

Natürlich wirkte dies gassenjungenhafte Treiben auch verheerend auf die geistige Produktion der Freien, und Marx hatte mit ihren Beiträgen für die »Rheinische Zeitung« seine liebe Not. Viele davon verfielen dem Rotstifte des Zensors, aber - so schrieb Marx an Ruge - »ebensoviel wie der Zensor erlaubte ich mir selbst zu annullieren, indem Meyen und Konsorten weltumwälzungsschwangre und gedankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herrn nie studiert haben) versetzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs gänzlichem Mangel an Kritik, Selbständigkeit und Fähigkeit sich gewöhnt hatten, die ›Rh[einische] Z[eitung]‹ als ihr willenloses Organ zu betrachten, ich aber nicht weiter dies Wasserabschlagen in alter Weise gestatten zu dürfen glaubte«. Dies war der erste Grund zur »Verfinsterung des Berliner Himmels«, wie Marx sagte.

Schon im November 1842 bietet sich die Gelegenheit, die Rheinische Zeitung gegen die ehemaligen Freunde in Berlin in Stellung zu bringen. Herwegh war 1842 nach Deutschland gekommen, um Mitarbeiter und Förderer für seine geplante Zeitung zu bekommen, hatte in Berlin sogar eine Audienz bei Wilhelm IV. erhalten, der nach der Audienz Herweghs Zeitschrift noch vor ihrem Erscheinen verbieten ließ.

Nach einem offenen Brief Herweghs über die politischen Verhältnisse wurde Herwegh im Dezember aus Preußen ausgewiesen. Bei seinem Aufenthalt in Berlin hatte sich Herwegh noch im November mit einem jungen Mädchen aus vermögendem Hause verlobt, die ihm bald nachreisen und seine Frau werden sollte.

Zum Bruche kam es, als im November 1842 Herwegh und Ruge einen Besuch in Berlin machten. Herwegh befand sich damals auf seiner berühmten Triumphfahrt durch Deutschland, auf der er auch mit Marx in Köln schnelle Freundschaft geschlossen hatte; in Dresden war er mit Ruge zusammengetroffen und mit ihm zusammen nach Berlin gereist. Hier vermochten sie begreiflicherweise dem Unfug der Freien keinen Geschmack abzugewinnen; Ruge kam hart mit seinem Mitarbeiter Bruno Bauer aneinander, weil ihm dieser »die lächerlichsten Dinge auf die Nase binden« wollte, so die Behauptung, daß Staat, Eigentum und Familie im Begriff aufgelöst werden müßten, ohne daß man sich um die positive Seite der Sache weiter zu bekümmern habe. Ebenso geringes Wohlgefallen fand Herwegh an den Freien, die sich für diese Mißachtung dafür rächten, daß sie die bekannte Audienz des Dichters beim König und seine Verlobung mit einem reichen Mädchen in ihrer Weise durchhechelten.

Die streitenden Teile wandten sich beide an die »Rheinische Zeitung«. Herwegh, im Einverständnis mit Ruge, bat um die Aufnahme einer Notiz, worin den Freien zwar zugestanden war, daß sie einzeln meistens treffliche Leute seien, aber hinzugefügt wurde, daß sie, wie Herwegh und Ruge ihnen offen erklärt hätten, durch ihre politische Romantik, Geniesucht und Renommage die Sache und die Partei der Freiheit kompromittierten. Marx veröffentlichte diese Notiz wurde nun aber mit groben Briefen von Meyen überfallen, der sich zum Sprachrohr der Freien machte.
Mehring, ebenda.

Nun hatte man mit diesem durch die Publikationen aufgebauschten Streit die Bauers und ihre Berliner Anhänger von Herwegh und Ruge getrennt, was deshalb besonders wichtig wurde, weil sowohl Ruge als auch bald Herwegh mit seiner vermögenden Frau in der Lage waren, oppositionelle Kreise und Zeitungsprojekte zu finanzieren.

Das Ende der „Junghegelianer“ in Preußen war daher abzusehen, die Hallischen Jahrbücher und später die Deutschen Jahrbücher des Arnold Ruge waren ihr Publikationsorgan gewesen.

Die Rheinische Zeitung hatte wohl weiter keine Aufgabe gefunden, außer unter Marx diesen Streit noch etwas zuzuspitzen.

Einen vernünftigen Grund für das Verbot der Rheinischen Zeitung hat man anscheinend nicht gehabt. Mehring schildert das Verbot der Zeitung:

Um die Jahreswende hatte eine Reihe von Vorkommnissen den Zorn des Königs gereizt: ein sentimental-trotziger Brief, den Herwegh aus Königsberg an ihn gerichtet und den die »Leipziger Allgemeine Zeitung« ohne Wissen und wider Willen des Verfassers veröffentlicht hatte, die Freisprechung Johann Jacobys von der Anklage des Hochverrats und der Majestätsbeleidigung durch den obersten Gerichtshof, endlich auch das Neujahrsbekenntnis der »Deutschen Jahrbücher« »zur Demokratie mit ihren praktischen Problemen«. Sie wurden daraufhin sofort verboten, und so auch - für Preußen - die »Leipziger Allgemeine Zeitung«; nun sollte in einem Aufwaschen auch die Hurenschwester vom Rhein« daran, zumal da sie die Unterdrückung der beiden Blätter scharf gegeißelt hatte.

Zur formellen Handhabe des Verbots diente der angebliche Mangel einer Konzession - »als wenn in Preußen, wo kein Hund leben darf ohne seine Polizeimarke, die ›Rh[einische Zeitung]‹ auch nur einen Tag ohne die offiziellen Lebensbedingungen hätte erscheinen können«, wie Marx meinte - und als »sachlicher Grund« wurde der alt- wie neupreußische Schwatz von der ruchlosen Tendenz angegeben - »der alte Larifari von schlechter Gesinnung, hohler Theorie, Dideldumdey usw.«, wie Marx spottete. Aus Rücksicht auf die Aktionäre wurde das Erscheinen der Zeitung bis zum Ablauf des Vierteljahrs gestattet. »Während dieser Galgenfrist hat sie Doppelzensur. Unser Zensor, ein ehrenwerter Mann, ist unter die Zensur des hiesigen Regierungspräsidenten von Gerlach, eines passiv gehorsamen Dummkopfs, gestellt, und zwar muß unser fertiges Blatt der Polizeinase zum Riechen präsentiert werden, und wenn sie was Unchristliches, Unpreußisches riecht, darf die Zeitung nicht erscheinen.« So Marx an Ruge.

Nach Raddatz angeblich um die Zeitung zu retten, naheliegender aber, um sich selbst zum großen Oppositionellen aufzubauen, will Marx der Öffentlichkeit eine selbstverfasste Geschichte andrehen, nach der die Rheinische Zeitung seinetwegen verboten worden wäre.

Er bittet seinen Stellvertreter Heinzen - um das Blatt zu retten-, einen Artikel in irgendeiner Zeitschrift unterzubringen, der ihn allein, Karl Marx, als den Hauptschuldigen ausweist. Der Artikel ist sogar schon fertig, Heinzen braucht ihn gar nicht mehr zu schreiben - Marx hat ihn bereits verfasst:
Raddatz, a.a.O. S. 46

Heinzen will sich selber zwar nicht dafür hergeben, findet aber den Karl Grün, der den Artikel in die „Mannheimer Abendzeitung“ bringt.

Am 28. Februar 1843 erscheint der Artikel von Marx über Marx. Er erinnert die Leser des >scharfen incisiven Verstandes, der wahrhaft bewunderungswürdigen Dialektik, womit der Verfasser sich in die hohlen Äußerungen der Abgeordneten gleichsam hineinfraß, und sie dann von innen heraus vernichtete; nicht oft war der kritische Verstand in solcher zerstörungslustigen Virtuosität gesehen, nie hat er glänzender seinen Haß gegen das sogenannte Positive gezeigt, dasselbe so in seinen eigenen Netzen gefangen und erdrückt. ...eine merkwürdige Begabung und seine seltene Vielseitigkeit des Talentes.<
Raddatz, a.a.O. Seite 46/47

Da hat er seinen Stil mit seiner Selbstbeweihräucherung noch einmal übertroffen.

Wenn man es nicht wüsste und die Geschichte ausgedacht wäre, müssten wir in der nächsten Folge Karl Marx eng an der Seite von Arnold Ruge und Georg Herwegh irgendwo im Ausland finden, wo sich die beiden Letztgenannten bei erneuten politischen Aktivitäten versuchen, unterstützt von unserem und ihrem Freund Karl Marx – versteht sich.

Marx selbst aber schrieb schon am 25. Januar an Ruge, demselben Tage, an dem das Verbot der »Rheinischen Zeitung« nach Köln gelangt war: »Mich hat nichts überrascht. Sie wissen, was ich gleich von der Zensurinstruktion hielt. Ich sehe hier nur eine Konsequenz, ich sehe in der Unterdrückung der ›Rh[einischen] Z[eitung]‹ einen Fortschritt des politischen Bewußtseins und resigniere daher. Außerdem war mir die Atmosphäre so schwül geworden. Es ist schlimm, Knechtsdienste, selbst für die Freiheit zu verrichten und mit Nadeln statt mit Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde gewesen. Also die Regierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt ... In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst.«

Er fragte schon am 25. Januar bei Ruge an, ob er am »Deutschen Boten«, den Herwegh damals in Zürich. erscheinen lassen wollte, eine Tätigkeit finden würde, doch wurde die Absicht Herweghs, noch ehe sie ausgeführt werden konnte, durch seine Ausweisung aus Zürich zerstört. Ruge machte nun andere Vorschläge eines gemeinsamen Wirkens, unter anderem die gemeinsame Redaktion der umgestalteten und umgetauften Jahrbücher; Marx möge nach Schluß seiner Kölner »Redaktionsqual« zur mündlichen Verhandlung über den »Ort unserer Wiedergeburt« nach Leipzig kommen.
Mehring, ebenda.

Arnold Ruge plant die Herausgabe einer neuen Zeitschrift in Frankreich, die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“. Er ist vermögend, zum Leidwesen der preußischen Regierung, und kann auch finanziell so ein Projekt realisieren. Er fällt aber auf Marx herein und wir ahnen schon: es wird nicht viel damit werden:

Nicht ohne Mühe, aber doch verhältnismäßig schnell, und auch ohne daß Marx sich nach Leipzig begab, ist das Erscheinen der neuen Zeitschrift gesichert worden. Fröbel entschloß sich, den Verlag zu übernehmen, nachdem der wohlhabende Ruge sich bereit erklärt hatte, als Kommanditär mit 6.000 Talern in das Literarische Kontor einzutreten. Als Redaktionsgehalt für Marx wurden 500 Taler ausgeworfen. Auf diese Aussicht hin heiratete er seine Jenny am 19. Juni 1843.
Mehring: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Fast hätten wir jetzt die heißgeliebte Braut Jenny vergessen und übersprungen:

Er schrieb an Ruge, sobald der Plan feste Gestalt angenommen habe, wolle er nach Kreuznach reisen, wo die Mutter seiner Braut seit dem Tode ihres Gatten lebte, und dort heiraten, dann aber einige Zeit bei seiner Schwiegermutter bleiben, »da wir doch jedenfalls, ehe wir ans Werk gehn, einige Arbeiten fertig haben müßten ... Ich kann Ihnen ohne alle Romantik versichern, daß ich von Kopf bis zu Fuß und zwar allen Ernstes liebe. Ich bin schon über sieben Jahre verlobt, und meine Braut hat die härtesten, ihre Gesundheit fast untergrabenden Kämpfe für mich gekämpft, teils mit ihren pietistisch-aristokratischen Verwandten, denen der ›Herr im Himmel‹ und der ›Herr in Berlin‹ gleiche Kultusobjekte sind, teils mit meiner eigenen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde von mir sich eingenistet haben. Ich und meine Braut haben daher mehr unnötige und angreifende Konflikte jahrelang durchgekämpft, als manche andre, die dreimal älter sind und beständig von ihrer ›Lebenserfahrung‹ sprechen.« Außer dieser kargen Andeutung ist auch über die Kämpfe der Brautzeit nichts überliefert worden.
Mehring, ebenda.

Die Arbeit an den Deutsch-Französischen Jahrbüchern würde sich also erst einmal bis einige Monate nach der Hochzeit verzögern. Im November 1843 wird der Hausstand dann nach Paris verlegt. Im Oktober hatte Marx noch den Feuerbach zur Mitarbeit locken wollen, was dieser zu seinem Glück abgelehnt hat.

Hellmann
23.09.2008, 14:37
Marx mit Ruge und Herwegh in Paris

Der 1802 geboren Arnold Ruge, Sohn eines Gutsverwalters, hatte in Halle, Jena und Heidelberg Philosophie studiert. In Heidelberg wurde er im Frühjahr 1824 als führendes Mitglied des „Jünglingsbunds“ verhaftet, der im August 1823 an die preußische Polizei verraten worden war.

Anders als im Fall des Franz von Florencourt, gegen den die Ermittlungen eingestellt wurden, weil er sich inzwischen von den Zielen des Jünglingsbundes wieder losgesagt hatte, musste Arnold Ruge im Alter von 21 Jahren die nächsten sechs Jahre seines jungen Lebens in preußischer Haft verbringen.
Nach einjähriger Untersuchungshaft in Köpenick wurde Ruge zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, die er bis zu seiner Begnadigung durch den König Friedrich Wilhelm III. im Frühjahr 1830 in der Festung Kolberg mit klassischen Studien verbrachte.

Nach seiner Freilassung gab man ihm eine Anstellung am Königlichen Paedagogicum der Franckeschen Stiftungen mit Waisenhaus, Schule, Druckerei, Buchhandlung, Apotheke und Zeitung in Halle:

Getragen von pietistischer Frömmigkeit setzte Francke mit seinen Stiftungen, die aus einem mehrgliedrigen Schulsystem, aus Wirtschaftsbetrieben und wissenschaftlichen Institutionen bestanden, den sozialen Problemen seiner Zeit ein Beispiel praktischer Nächstenliebe entgegen. Die pädagogischen Anstrengungen und die religiöse Erziehung begründeten den Ruf des halleschen Waisenhauses als Neues Jerusalem in ganz Europa. Die Reformpläne des Halleschen Pietismus wurden durch Lehrer, Ärzte und Missionare in die Welt getragen. Ihre Spuren findet man heute noch in vielen europäischen Ländern, aber auch in Indien und den USA. Die erste protestantische Mission, die Diakonie, die Realschule in Deutschland, Millionen deutschsprachige Volksbibeln und eine Vielzahl der gängigen evangelischen Kirchenlieder haben ihren Ausgangspunkt in den Franckeschen Stiftungen.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franckesche_Stiftungen

Dort konnte sich Ruge schon im folgenden Jahr habilitieren und bis 1836 als Privatdozent lehren.

Ab Januar 1838 gab Ruge zusammen mit dem ebenfalls am Paedagogicum lehrenden Ernst Theodor Echtermeyer die Hallischen Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst heraus, die bald zur wichtigsten Publikation und Diskussionsplattform der Junghegelianer wurden.

Als im Frühjahr 1841 die preußische Regierung die „Jahrbücher“ wegen deren liberaler Richtung zensierte und verbot, verlegte Ruge die Redaktion von Halle nach Dresden und änderte der Titel in „Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst“. Innenminister Dr. Johann Paul von Falkenstein entzog jedoch auch dieser Zeitschrift die Konzession. Ruge ließ sich daraufhin in der Schweiz nieder und ließ seine „Jahrbücher“ dort erscheinen.Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Ruge

Echtermeyer, der 1840 mit Ruge noch den „Deutschen Musenalmanach“ herausgegeben hatte, musste seinen Wohnsitz 1841 ebenfalls nach Dresden verlegen, wo er schon 1844 verstarb.

Den Lebenslauf des 1817 geborenen Georg Herwegh sollte man etwas kritischer studieren, wenn man nicht zu den Einfältigen gehört, die sich mit der Geschichte vom berühmt und reich gewordenen edlen Dichter abspeisen lassen. Allerdings kann ich das hier nur andeutungsweise machen.

Der Sohn eines Gastwirts flog 1836 als Freigeist vom Tübinger Stift, wo er auf Staatskosten Theologie studierte, wechselte dann auf Jura und brach aus finanziellen Gründen das Studium nach einem halben Jahr ab.

Ab 1837 arbeitet er an der Zeitschrift „Europa“ des August Lewald und am „Telegraph für Deutschland“ des Karl Gutzkow.
Mit August Lewald kommen wir den Hintergründen solcher Künstlerkarrieren etwas näher:

Lewald sollte nach Willen seiner Eltern Kaufmann werden. Mit 21 Jahren kam Lewald als Sekretär ins zaristische Hauptquartier und war während der Befreiungskriege 1813 bis 1815 dort im Stab tätig. Ab 1818 wirkte er an den Bühnen von Brünn und München als Schauspieler. 1824 engagierte man Lewald als Intendant an das Nürnberger Theater. Weitere Stationen waren Hamburg, Paris und München. Von dort aus holte man Lewald 1834 nach Stuttgart, wo er sich niederließ und 1835 die Zeitschrift "Europa" gründete. Er gab die Zeitschrift bis 1846 heraus. Mit Heinrich Heine verband ihn seit 1827 eine Freundschaft, ebenso mit Karl von Holtei und Karl Schall, die er nach 1815 in Breslau kennengelernt hatte.
In Stuttgart verkehrte er viel mit den beiden Schauspielern Moritz Rott und Karl Seydelmann und mit Karl Gutzkow, der später Mitarbeiter der "Europa" wurde.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Lewald

Wir werden ja später noch mehr „marxistische“ Klagen über zaristische Agenten vernehmen und wollen es hier etwas kurz machen. Vermutlich war Lewald kein Agent des Zaren, sondern schon als junger Mann im zaristischen Stab mit speziellen Fragen der Lenkung von Finanzen und Versorgung befasst. Derartige Dinge waren dann mit dem Sieg über Napoleon vom Tisch und es galt, die Salons zu erobern.

Die Kunst bringt die Leute in Kontakt mit den einflussreichsten gesellschaftlichen Kreisen, falls der Künstler sich politisch einspannen lässt und ausreichend anpassungsfähig ist, sobald sich die politischen Verhältnisse ändern.

Weil das heute noch so üblich ist, liest man wenig davon.
Von 1849 bis 1862 war er Regisseur am Stuttgarter Hoftheater. 1851 konvertierte er in München zur katholischen Kirche.

Seine letzten Werke sind stark vom Ultramontanismus geprägt, sein "Theaterroman" (1841) trägt autobiographische Züge.
Quelle wie oben.

Jedenfalls war Lewald einflussreich genug, seinem Schützling Herwegh den Militärdienst zu erleichtern:

Dank seines Herausgebers ist es ihm möglich, trotz Militärdienst seine Arbeit bei der Zeitschrift fortzuführen. Mit Erfolg. Er erhält den Auftrag, französische Werke zu übersetzen und hat damit ein gesichertes Auskommen. Herwegh verkehrt in den literarischen Salons, hat sogar Einfluß in der Theaterszene.…
Ende Juni 1839 begeht er jedoch einen fatalen Fehler. Er beleidigt auf einem Maskenball einen Offizier. Zur Strafe soll er zu einem Regiment nach Ulm versetzt werden. Herwegh entzieht sich der Strafe, indem er in die Schweiz flieht.
Quelle: http://www.herwegh-gymnasium.de/fachbereiche/deutsch/herwegh.php

Herwegh arbeitet 1839 an Johann Georg August Wirths „Deutscher Volkshalle“ in Emmishofen als Literaturkritiker, zieht aber schon 1840 nach Zürich, wo er sich mit dem uns bereits bekannten Adolf Ludwig Follen anfreundet.

Der oben als Herausgeber des „Telegraph für Deutschland“ schon genannte Karl Gutzkow war der Sohn eines Stallmeisters des Prinzen Wilhelm von Preußen.

Friedrich Wilhelm Karl Prinz von Preußen (* 3. Juli 1783 in Berlin; † 28. September 1851 ebenda) war preußischer General der Kavallerie, Generalgouverneur der Rheinprovinzen und Gouverneur der Bundesfestung Mainz.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Preu%C3%9Fen_(1783%E2%80%931851)

Wir dürfen also davon ausgehen, dass er auch nicht mit der gedichteten Buchstabensuppe angeschwommen kam, sondern entsprechend in die politischen Netzwerke eingebunden war.

Sein Vater Karl August, ein gelernter Maurer, arbeitete bei Prinz Wilhelm von Preußen (1783–1851) als Stallmeister. Von 1821 bis 1829 besuchte er das Friedrich-Werdersche-Gymnasium. Zum Sommersemester 1829 immatrikulierte sich Gutzkow an der Universität in Berlin in den Fächern Philologie, Theologie und Rechtswissenschaft. Vorlesungen hörte er unter anderem bei Hegel und Schleiermacher. Später wechselte er an die Universität Heidelberg und dann nach München. 1830 erhielt Gutzkow für eine Arbeit (De diis fatalibus) von der Berliner Universität einen Preis, der ihm von Hegel persönlich überreicht wurde. Die französische Julirevolution lenkte sein Interesse den Fragen und Forderungen seiner Zeit zu.

Noch als Student begann Gutzkow 1831 mit der Herausgabe der Zeitschrift Forum der Journal-Literatur. Ende des Jahres verließ er Berlin und reiste zu dem Literaturkritiker Wolfgang Menzel nach Stuttgart. 1832 wurde er von der Universität Jena promoviert; in Abwesenheit.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Gutzkow

Noch ein ohne Abschluss an der Universität Jena in Abwesenheit promovierter Kandidat. Dass die Leute auch immer keine Zeit für ihre Promotionen haben; oder war es besser, sich nicht näher zum Thema befragen zu lassen? So ein Fachgespräch hat seine Tücken.

Hellmann
23.09.2008, 14:47
In Zürich war nicht nur der durch seine Heirat mit einer vermögenden Schweizerin zum Mitglied des Großen Rats und Druckereibesitzer aufgestiegene ehemalige Burschenschaftler Adolf Ludwig Follen. Es gab vor allem einen Verlag, das Literarische Comptoir, das die Schriften der deutschen „Zensurflüchtlinge“ und Emigranten verlegte, bis es 1843 selbst politische Probleme bekam.

Ein Überblick der Veröffentlichungen und ihrer Autoren zwischen 1841 bis 1843:

1841: Lieder eines Lebendigen, Gedichte von Georg Herwegh.

1842: Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit, Streitschrift von Bruno Bauer.

1842-43: Der Schweizer Republikaner, Zeitschrift redigiert von Julius Fröbel.

1843: Zensurflüchtlinge. 12 Freiheitslieder, von Rudolf Gottschall.

1843: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Programmschrift von Ludwig Feuerbach.

1843: Der Tod des Pfarrers Dr. Friedrich Ludwig Weidig. Ein aktenmäßiger und urkundlich belegter Beitrag zur Beurteilung des geheimen Strafprozesses und der politischen Zustände Deutschlands, Dokumentation von Friedrich Wilhelm Schulz.

1843: Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publizistik, zwei Sammelbände hrsg. von Arnold Ruge, als Fortsetzung seiner in Preussen und Sachsen verbotenen Jahrbücher.

1843: Das entdeckte Christentum. Eine Erinnerung an das 18. Jahrhundert und ein Beitrag zur Krisis des 19., Streitschrift von Bruno Bauer.

1843: Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz, Sammelband hrsg. von Georg Herwegh als Ersatz für die bereits im Planungsstadium verbotene Zeitschrift Der Deutsche Bote aus der Schweiz, die Herwegh redigieren sollte, was an seiner Ausweisung aus Zürich scheiterte; mit Beiträgen von Bruno Bauer, David Friedrich Strauß, Friedrich Engels, Friedrich Hecker, Moses Heß, Reinhold Jachmann, Johann Jacoby, Karl Nauwerck, Ludwig Seeger.
http://de.wikipedia.org/wiki/Literarisches_Comptoir_Z%C3%BCrich_und_Winterthur

Der Titel „Einundzwanzig Bogen“ des Sammelbands von Herwegh rührte daher, dass nur Bücher bis zum Umfang von 20 Druckbogen oder 320 Seiten der Zensur nach den Karlsbader Beschlüssen vorgelegt werden mussten.

Mit seiner Gedichtsammlung „Lieder eines Lebendigen“ war Herwegh weithin bekannt geworden und trat 1842 eine Reise durch Deutschland an um Mitarbeiter und Unterstützung für seine geplante Zeitschrift „Der Deutsche Bote aus der Schweiz“ zu sammeln. Dabei traf Herwegh in Köln erstmals Karl Marx, für dessen „Rheinische Zeitung“ er geschrieben hatte, und kam schließlich nach Berlin, wo er eine Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. erhielt, der die geplante Zeitung allerdings im Anschluss an die Audienz verbieten ließ.

In Berlin hatte Herwegh als in den Salons gefeierter junger Mann die Liebe einer Hoflieferantentochter erweckt, der Emma Siegmund, die sich sofort mit ihm verlobte und später seine Frau wurde. Im Dezember 1842 wurde Herwegh aus Preußen ausgewiesen, weil er sich in einem offenen Brief über die politischen Verhältnisse beschwert hatte. Auf der Rückreise lernte Herwegh in Leipzig den Anarchisten Michael Bakunin kennen.

In Zürich kam es dann auch bald nach der Veröffentlichung der „Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz“ zu Repressionen:

Der konservativen Staatsrechtler Johann Caspar Bluntschli, seit 1839 Mitglied der Zürcher Regierung, bewirkte 1843 die Ausweisung Herweghs, die Verhaftung und Verurteilung des frühsozialistischen Agitators Wilhelm Weitling, mit dem Fröbel in Verbindung stand, sowie die Konfiskation des Entdeckten Christentums und der Einundzwanzig Bogen. Fröbel und sein Drucker Hegner wurden im folgenden Jahr wegen Religionsstörung zu hohen Geldbußen und zwei bzw. drei Monaten Haft verurteilt. Der Verlag verlor Vermögenswerte in Höhe von mehreren tausend Franken.
http://de.wikipedia.org/wiki/Literarisches_Comptoir_Z%C3%BCrich_und_Winterthur

Die Hoffnung von Herwegh und Ruge richtete sich nun auf Frankreich, wo Ruge in Zukunft seine „Französisch Deutschen Jahrbücher“ herauszugeben gedachte. Ein später im einzig erschienenen Heft der Jahrbücher abgedruckter Briefwechsel von Marx an Ruge soll die Stimmung zeigen - ansonsten war es natürlich ein abgeschmackter Unsinn von Marx, dem Leser dieser Jahrbücher solche Briefe zuzumuten.

M. an R.
Kreuznach, im September 1843

Es freut mich, daß Sie entschlossen sind und von den Rückblicken auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unternehmen vorwärts wenden. Also in Paris, der alten Hochschule der Philosophie, absit omen |möge es nichts Schlimmes bedeuten|! und der neuen Hauptstadt der neuen Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher nicht, daß sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht verkenne, beseitigen lassen.

Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht; jedenfalls werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die hiesige Luft leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum für eine freie Tätigkeit sehe.

In Deutschland wird alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anarchie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist hereingebrochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird daher immer klarer, daß ein neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden muß…

Ich bin daher nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzuhelfen suchen, daß sie ihre Sätze sich klarmachen. So ist namentlich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dézamy, Weitling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andre sozialistische Lehren, wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern notwendig sich gegenüber entstehn sehn, weil er selbst nur eine besondre, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine Seite, welche die Realität des wahren menschlichen Wesens betrifft. Wir haben uns ebensowohl um die andre Seite, um die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion, Wissenschaft etc. zum Gegenstande unserer Kritik zu machen. Außerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken und zwar auf unsre deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das anzustellen? Zweierlei Fakta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa die »Voyage en Icarie« ihnen fertig entgegenzusetzen…
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_337.htm

Den Rest von dem Geschmarre kann man sich unter obigem Link auch noch durchlesen. Kein Wunder, dass Ruge nach dem ersten Heft verzweifelt von dem Vorhaben abließ.


Im November 1843 erhält Marx eine Postsendung von Julius Fröbel aus Zürich, die er wie folgt quittiert:

Dear Friend,

Your letter has just arrived, but with some very strange symptoms.

1) Everything which you say you enclosed is missing with the exception of Engels' article. This, however, is all in pieces and is therefore useless. It begins with No. 5.

2) The letters for Mäurer and myself were wrapped up in the enclosed envelope which is postmarked St. Louis. The few pages of Engels' article were in the same wrapper.

3) Mäurer's letter, which, like mine, I found open in the enclosed envelope, is also superscribed in a strange hand. I enclose the page with the writing.

Hence there are only two possibilities.

Either the French Government opened and seized your letters your packet. In which case return the enclosed addresses. We will then not only initiate proceedings against the French Post-Office but, at the same time, publicise this fact in all the opposition papers. In any event it would be better if you addressed all packets to a French bookshop. However, we do not believe that the French Government has perpetrated the kind of infamy which so far only the Austrian Government has permitted itself.

There thus remains the second possibility, that your Bluntschli and associates have played this police-spy trick. If this is so, then (1) You must bring proceedings against the Swiss and (2) Mäurer as a French citizen will protest to the Ministry.

As far as the business itself is concerned, it is now necessary:

a) To ask Schuller not to issue the aforesaid document for the time being, as this must be the principal ornament of our first number.

b) Send the whole of the contents to Louis Blanc's address. No. 2 or 3, rue Taitbout.

c) Ruge is not yet here. I cannot very well begin printing until he has arrived. I have had to reject the articles so far sent to me by the local people (Hess, Weill, etc.) after many protracted discussions. But Ruge is probably coming at the end of this month, and if at that time we also have the document you promised, we can begin with the printing. I have written to Feuerbach, Kapp and Hagen. Feuerbach has already replied.

d) Holland seems to me to be the most suitable place providing that your police spies have not already been in direct touch with the government.

If your Swiss people have perpetrated the infamy I will not only attack them in the Réforme, the National, the Démocratie pacifique, the Siecle, Courrier, La Presse, Charivari, Commerce and the Revue indépendante, but in the Times as well, and, if you wish, in a pamphlet written in French.

These pseudo-Republicans will have to learn that they are not dealing with young cowhands, or tailors' apprentices.
As to the office, I will try to acquire one along with the new lodging into which I intend moving. This will be convenient from the business and financial viewpoint.

Please excuse this scraggy letter. I can't write for indignation.

Yours, Marx

In any case, whether the Paris doctrinaires or the Swiss peasant lads were responsible for the trick, we will get Arago and Lamartine to make an intervention in the Chamber. If these gentlemen want to make a scandal, ut scandalum fiat. Reply quickly for the matter is pressing. Since Mäurer is a French citizen, the plot on the part of the Zurichers would be a violation of international law, with which the cowhands shall not get away.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1844/df-jahrbucher/frobel.htm

Ob man Marx die Geschichte mit dem fehlenden Inhalt überhaupt glauben darf?

Der Fröbel soll wegen der Sache eine große Beschwerdeaktion vom Zaun brechen und Marx selber will die Schweizer Regierung in allen möglichen bekannten Zeitungen angreifen, falls diese verantwortlich wäre. Sollten es die Franzosen gewesen sein, würde Marx den Fall in den Zeitungen der Opposition veröffentlichen.

Lächerliche Großmäulerei!

Natürlich würde alle Welt diese ungeheuerliche Verletzung des Postgeheimnisses unseres berühmten Karl Marx empört registrieren und der arme Fröbel hätte sich damit nicht nur lächerlich gemacht und seine Zeit vergeudet, sondern sich auch noch zusätzliche Feinde geschaffen.

Hellmann
23.09.2008, 15:08
Sogar Mehring lässt keinen Zweifel, wer für den Inhalt dieses Heftes der Jahrbücher verantwortlich war:

Schon der »Briefwechsel« zeigte, daß Marx der Treiber war, Ruge aber nur der Getriebene. Es kam hinzu, daß Ruge nach seiner Ankunft in Paris erkrankte und sich wenig an der Redaktion beteiligen konnte. Er war dadurch in seiner wesentlichsten Fähigkeit lahmgelegt, für die ihm Marx »zu umständlich« erschien. Er konnte der Zeitschrift nicht die Form und Haltung geben, die er für die passendste hielt, und selbst nicht einmal eine eigene Arbeit in ihr veröffentlichen. Gleichwohl stand er der ersten Lieferung noch nicht völlig ablehnend gegenüber. Er fand »ganz merkwürdige Sachen darin, die in Deutschland viel Aufsehen machen würden«, wenn er auch tadelte, daß »einige ungehobelte Sachen mit aufgetischt« seien, die er gebessert haben würde, aber die nun so in der Eile mitgegangen seien. Es wäre wohl noch zu einer Fortsetzung |68|* des Unternehmens gekommen, wenn es nicht an äußeren Hindernissen gescheitert wäre.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Es scheiterte dann aus merkwürdigen Umständen der ganze Vertrieb nach Deutschland, weil die ganze gedruckte Auflage von nur wenigen Exemplaren in die Hände der Polizei fiel, was uns allerdings nicht zu wundern braucht.

Zunächst versiegten sehr schnell die Mittel des Literarischen Kontors, und Fröbel erklärte, das Unternehmen nicht fortführen zu können. Dann aber machte die preußische Regierung schon auf die erste Kunde vom Erscheinen der »Deutsch-Französischen Jahrbücher« gegen sie mobil.

Sie fand damit allerdings nicht einmal bei Metternich, geschweige denn bei Guizot besondere Gegenliebe; sie mußte sich begnügen, am 18. April 1844 die Oberpräsidenten aller Provinzen zu benachrichtigen, daß die »Jahrbücher« den Tatbestand des versuchten Hochverrats und Majestätsverbrechens darstellten; die Oberpräsidenten sollten, ohne dadurch Aufsehen zu erregen, die Polizeibehörden anweisen, Ruge, Marx, Heine und Bernays, sobald sie preußischen Boden beträten, unter Beschlagnahme ihrer Papiere zu verhaften. Das war auch noch recht harmlos, sintemalen die Nürnberger keinen henken, sie hätten ihn denn zuvor. Aber gefährlich wurde das böse Gewissen des preußischen Königs dadurch, daß es mit boshafter Angst die Grenzen zu bewachen verstand. Auf einem Rheindampfer wurden 100, bei Bergzabern an der französisch-pfälzischen Grenze weit über 200 Exemplare aufgefangen; das waren sehr empfindliche Nackenschläge bei der verhältnismäßig geringen Zahl der Auflage, mit der überhaupt gerechnet werden konnte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Die Österreicher und Franzosen dürften schon gewusst haben, warum sie sich jede Mühe mit diesem Werk von Karl Marx sparen konnten.

Was die preußische Regierung nun an der Auseinandersetzung zwischen Karl Marx und Bruno Bauer auszusetzen hatte oder gar für ein Majestätsverbrechen hielt, ist noch mehr unerfindlich. Marx hatte natürlich die Jahrbücher für kein wichtigeres Thema zu nutzen gewusst, als seinen Streit mit seinem ehemaligen „Freund“ Bruno Bauer über dessen letzte Schriften zu vertiefen.

I
Bruno Bauer: »Die Judenfrage«. Braunschweig 1843

Die deutschen Juden begehren die Emanzipation. Welche Emanzipation begehren sie? Die staatsbürgerliche, die politische Emanzipation.
Bruno Bauer antwortet ihnen: Niemand in Deutschland ist politisch emanzipiert. Wir selbst sind unfrei. Wie sollen wir euch befreien? Ihr Juden seid Egoisten, wenn ihr eine besondere Emanzipation für euch als Juden verlangt. Ihr müßtet als Deutsche an der politischen Emanzipation Deutschlands, als Menschen an der menschlichen Emanzipation arbeiten und die besondere Art eures Drucks und eurer Schmach nicht als Ausnahme von der Regel, sondern vielmehr als Bestätigung der Regel empfinden...

II
»Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden«. Von Bruno Bauer. (»Einundzwanzig Bogen«, pag. 56-71.)

Unter dieser Form behandelt Bauer das Verhältnis der jüdischen und christlichen Religion, wie das Verhältnis derselben zur Kritik. Ihr Verhältnis zur Kritik ist ihr Verhältnis »zur Fähigkeit, frei zu werden«.
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm

Da will ich jetzt nicht auf den Inhalt eingehen; es ist ja klar, dass eine derartige Publikation die Leser mit anderen Themen zu fesseln hätte, als der Frage, was Karl Marx an seinem noch vor wenigen Monaten bewunderten Freund Bruno Bauer plötzlich so sehr zu kritisieren findet. Was das die Welt nun interessieren sollte? Einzig die preußische Regierung konnte ein wirkliches Interesse daran haben, dass sich die Linkshegelianer untereinander zerstreiten und gegeneinander publizieren und mit sich selbst beschäftigt sind. Die Zeitschriften des Ruge waren bisher das Zentrum der Linkshegelianer gewesen und Bruno Bauer war einer ihrer aktivsten und gleichzeitig bedrängtesten Autoren. Marx sollte da wohl einen Keil hineintreiben, anders macht ein Text gegen Bauer in den „Jahrbüchern" keinen Sinn, um von den Ansichten des Marx „Zur Judenfrage" im Detail einmal ganz abzusehen. Die entscheidende Frage ist einfach: was soll der Quatsch? Wie später bei der „Werttheorie" im dreibändigen „Kapital“.

Wenigstens ein Beitrag von Friedrich Engels ist gelungen:

Friedrich Engels
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie

»Deutsch-Französischen Jahrbüchern«, Paris 1844.

Malthus, der Urheber dieser Doktrin, behauptet, daß die Bevölkerung stets auf die Subsistenzmittel drückt, daß, sowie die Produktion gesteigert wird, die Bevölkerung sich in demselben Verhältnis vermehrt und daß die der Bevölkerung inhärente Tendenz, sich über die disponiblen Subsistenzmittel hinaus zu vermehren, die Ursache alles Elends, alles Lasters ist. Denn wenn zuviel Menschen da sind, so müssen sie auf die eine oder die andre Weise aus dem Weg geschafft, entweder gewaltsam getötet werden oder verhungern. Wenn dies aber geschehen ist, so ist wieder eine Lücke da, die sogleich wieder durch andre Vermehrer der Bevölkerung aufgefüllt wird, und so fängt das alte Elend wieder an. Ja, dies ist unter allen Verhältnissen so, nicht nur im zivilisierten, sondern auch im Naturzustande; die Wilden Neuhollands, deren EINER auf die Quadratmeile kommt, laborieren ebensosehr an Überbevölkerung wie England. Kurz, wenn wir konsequent sein wollen, so müssen wir gestehen, DASS DIE ERDE SCHON ÜBERVÖLKERT WAR, ALS NUR EIN MENSCH EXISTIERTE. Die Folgen dieser Entwicklung sind nun, daß, da die Armen gerade die Überzähligen sind, man nichts für sie tun soll, als ihnen das Verhungern so leicht als möglich zu machen, sie zu überzeugen, daß es sich nicht ändern läßt und daß für ihre ganze Klasse keine Rettung da ist als in einer möglichst geringen Fortpflanzung, oder wenn dies nicht geht, so ist es immer noch besser, daß eine Staatsanstalt zur schmerzlosen Tötung der Kinder der Armen, wie sie »Marcus« vorgeschlagen hat, eingerichtet wird - wonach auf jede Arbeiterfamilie zweiundeinhalbes Kind kommen dürfen; was aber mehr kommt, schmerzlos getötet wird. Almosengeben wäre ein Verbrechen, da es den Zuwuchs der überzähligen Bevölkerung unterstützt; aber sehr vorteilhaft wird es sein, wenn man die Armut zu einem Verbrechen und die Armenhäuser zu Strafanstalten macht, wie dies bereits in England durch das »liberale« neue Armengesetz geschehen ist. Es ist zwar wahr, diese Theorie stimmt sehr schlecht mit der Lehre der Bibel von der Vollkommenheit Gottes und seiner Schöpfung, aber »es ist eine schlechte Widerlegung, wenn man die Bibel gegen Tatsachen ins Feld führt«!

Soll ich diese infame, niederträchtige Doktrin, diese scheußliche Blasphemie gegen die Natur und Menschheit noch mehr ausführen, noch weiter in ihre Konsequenzen verfolgen? Hier haben wir endlich die Unsittlichkeit des Ökonomen auf ihre höchste Spitze gebracht. Was sind alle Kriege und Schrecken des Monopolsystems gegen diese Theorie? Und gerade sie ist der Schlußstein des liberalen Systems der Handelsfreiheit, dessen Sturz den des ganzen Gebäudes nach sich zieht. Denn ist die Konkurrenz hier als Ursache des Elends, der Armut, des Verbrechens nachgewiesen, wer will ihr dann noch das Wort zu reden wagen?

Kommen wir indes, um der allgemeinen Übervölkerungsfurcht alle Basis zu nehmen, noch einmal auf das Verhältnis der Produktionskraft zur Bevölkerung zurück. Malthus stellt eine Berechnung auf, worauf er sein ganzes System basiert. Die Bevölkerung vermehre sich in geometrischer Progression: 1 + 2 + 4 + 8 + 16 + 32 usw., die Produktionskraft des Bodens in arithmetischer: 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6. Die Differenz ist augenscheinlich, ist schreckenerregend; aber ist sie richtig? Wo steht erwiesen, daß die Ertragsfähigkeit des Bodens sich in arithmetischer Progression vermehre? Die Ausdehnung des Bodens ist beschränkt, gut. Die auf diese Fläche zu verwendende Arbeitskraft steigt mit der Bevölkerung; nehmen wir selbst an, daß die Vermehrung des Ertrages durch Vermehrung der Arbeit nicht immer im Verhältnis der Arbeit steigt; so bleibt noch ein drittes Element, das dem Ökonomen freilich nie etwas gilt, die Wissenschaft, und deren Fortschritt ist so unendlich und wenigstens ebenso rasch als der der Bevölkerung. Welchen Fortschritt verdankt die Agrikultur dieses Jahrhunderts allein der Chemie, ja allein zwei Männern - Sir Humphrey Davy und Justus Liebig? Die Wissenschaft aber vermehrt sich mindestens wie die Bevölkerung; diese vermehrt sich im Verhältnis zur Anzahl der letzten Generation; die Wissenschaft schreitet fort im Verhältnis zu der Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden Generation hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten Verhältnissen auch in geometrischer Progression - und was ist der Wissenschaft unmöglich? Es ist aber lächerlich, von Übervölkerung zu reden, solange »das Tal des Mississippi wüsten Boden genug besitzt, um die ganze Bevölkerung von Europa dorthin verpflanzen zu können« (Alison, »The Principles of Population«, Bd. 1, p. 548, London 1840), solange überhaupt erst ein Drittel der Erde für bebaut angesehen werden und die Produktion dieses Drittels selbst durch die Anwendung jetzt schon bekannter Verbesserungen um das Sechsfache und mehr gesteigert werden kann.

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_499.htm

Wenn man den Text jetzt liest: schade, dass die preußische Polizei so gut informiert war, wann und wo die wenigen Exemplare die Grenze passieren würden.

Nun wurde auch Ruge gegenüber Marx unangenehm und weigerte sich, die Fortsetzung der Jahrbücher aus seinen Mitteln zu finanzieren. Mehr noch: er zahlte dem für den Misserfolg verantwortlichen Karl Marx sein ausgehandeltes Gehalt nicht in bar aus, sondern „in Jahrbüchern“.

Wo aber einmal innere Reibungen vorhanden sind, pflegen sie durch äußere Schwierigkeiten leicht verbittert und verschärft zu werden. Nach Angabe Ruges haben sie auch seinen Bruch mit Marx beschleunigt oder gar hervorgerufen, woran insoweit etwas Wahres sein mag, als Marx in Geldsachen von einer souveränen Gleichgültigkeit, Ruge aber von krämerhaftem Argwohn war. Er scheute sich nicht, das Gehalt, das Marx zu beanspruchen hatte, nach dem Muster des Trucksystems in Exemplaren der »Jahrbücher« auszuzahlen, geriet aber in große Aufregung über die angebliche Zumutung, sein Vermögen an die Fortsetzung der Zeitschrift zu wagen, da er doch ohne alle Kenntnis des Buchhandels sei.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Man kann Ruges Rückzug aus dem Projekt erst richtig verstehen, wenn man die Intrige betrachtet, mit der es Marx das persönliche Verhältnis zwischen Ruge und Herwegh zu zerstören gelang, indem er Ruges Kritik an dem aufwendigen, verschwendungssüchtigen Lebensstil des durch seine Heirat in vermögende Kreise gelangten Dichters diesem umgehend zutrug.

Ruge graust es vor der abgeschmackten Verschwendung von Herweghs Mätresse, einer Gräfin d´Agoult, den >Röcken zu 100 Thaler, alle Tage frische Handschuh´, einzelne Blumen zu drei Lousdor< ...
Raddatz, a.a.O. Seite 62, Zitat aus Ruge an seine Mutter.

Eine kritische Äußerung von Ruge über Herwegh zu Marx in einem Gespräch beim Wein nahm Marx dann zum Anlass seines Bruchs mit Ruge, verteidigte theatralisch den Herwegh und eröffnete seine Feindschaft mit Ruge.

Damit war das wichtigste Ziel in solchen Fällen erreicht: der finanziell unabhängige Herwegh von einem potenziellen Mitstreiter Ruge getrennt, mit dessen Erfahrung bei der Zeitschriftenpublikation das Talent und die Mittel des Herwegh der preußischen Regierung hätten gefährlich werden können.

Karl Marx würde sich bald in einen neuen Kreis stürzen, dessen führende Leute es zunächst zu umgarnen und später durch diverse Streitereien zu zersprengen galt.

Der mitdenkende Leser wird sich nun fragen, wie Marx denn sein Problem zu lösen vermochte, nicht auf Kosten des Ruge von 600 Talern im Jahr in Paris leben zu können. Vor allem der „Lebensgenuss mit Georg Herwegh“ (Raddatz, S. 62) musste sehr teuer für Marx werden, „sein späterer Satz, die russischen Adligen hätten ihn in Paris auf Händen getragen, ist gewisslich nicht nur auf den mittellosen Bakunin gemünzt“ ( Raddatz,a.a.O.). Offensichtlich konnte Marx sich das Leben an der Seite des Herwegh in den Salons von Paris leisten, was er ja auch sollte, um Einfluss auf dessen politische Kontakte nehmen zu können.

Ruges Bemerkung, Marx lebe nun mehr als früher mit Herwegh und, obgleich er ihn verachte, nicht ohne jugendliche Abenteuer, lässt vermuten, dass Marx nicht nur den Dichter Herwegh schätzte, sondern auch die Freuden des Pariser Lebens durchaus mit ihm teilte. Er verteidigte ihn gegenüber Heines Spottsucht; er ließ es auch wegen Herwegh zum endgültigen Bruch mit Ruge kommen. Ohnehin war Marx tief verärgert, daß Ruge nicht weiteres Geld in den Zeitschriftenplan investierte…
Raddatz, S. 62

Die Bemerkung „obgleich er ihn verachte“ lässt selbstverständlich vermuten, dass Marx hinten herum den Herwegh überall diskreditiert hat, nicht zuletzt bei dem in Pariser politischen Kreisen einflussreichen Heinrich Heine, dessen so genährten Spott über Herwegh Marx dann nicht das Kriegsbeil erheben ließ; Heine wurde von der französischen Regierung finanziert.

Über das persönliche Leben, das Marx in seinem Pariser Exil geführt hat, liegen nicht allzu viele Nachrichten vor. Seine Gattin schenkte ihm das erste Töchterchen und reiste dann in die Heimat, um es den Verwandten vorzustellen. Mit den Freunden in Köln dauerte der alte Verkehr fort; durch eine Spende von tausend Talern haben sie wesentlich dazu beigetragen, daß dies Jahr für Marx so fruchtbar werden konnte.

In nahem Verkehr stand Marx mit Heinrich Heine, und er hatte seinen Anteil daran, wenn das Jahr 1844 einen Höhepunkt in diesem Dichterleben bezeichnete. Das »Wintermärchen« und das »Weberlied«, so auch die unsterblichen Satiren auf die deutschen Despoten hat Marx aus der Taufe heben helfen. Er hat nur wenige Monde mit dem Dichter verkehrt, aber auch ihm die Treue gehalten, selbst als das Geschrei der Philister noch ärger über Heine erscholl als über Herwegh; Marx hat selbst großmütig geschwiegen, als Heine auf seinem Krankenlager ihn wider die Wahrheit als Zeugen aufrief für die Unverfänglichkeit der Jahrespension, die der Dichter vom Ministerium Guizot bezogen hatte.
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Paris durfte sich damals mit Recht rühmen, an der Spitze der bürgerlichen Zivilisation zu marschieren. In der Julirevolution von 1830 hatte die französische Bourgeoisie nach einer Reihe weltgeschichtlicher Illusionen und Katastrophen endlich gesichert, was sie in der großen Revolution von 1789 begonnen hatte. Ihre Talente reckten sich behaglich aus, aber wenn der Widerstand der alten Mächte noch längst nicht gebrochen war, so meldeten sich neue Mächte an, und in unablässigem Hin und Her wogte ein Kampf der Geister, wie nirgends sonst in Europa, und am wenigsten in dem grabesstillen Deutschland.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Unbenannte „Freunde“ hätten Marx mit den nötigen Mitteln versehen, erklären uns die Marx-Biographen:

Marx lebt vorerst frei von materiellen Sorgen. Freunde in Deutschland haben Geld für ihn gesammelt, über 1000 Taler, kurz darauf kamen nochmals 800 Franc, alles in allem weit über 6000 Franc, Geld für mehrere Jahre.
Raddatz, a.a.O. S. 61.

Das ist doch angenehm, so ein Kommunistenleben finanziert von Freunden in Pariser Salons, mit Heine und Herwegh oder unter russischen Adligen, während ein Bakunin ärmlich in einem kleinen Zimmer mit einem Brett als Schreibtisch haust. Wo blieben dessen „Freunde“?

Auch für die von Ruge anstelle eines Honorars erhaltenen Exemplare der Jahrbücher konnte Marx noch einen „Käufer“ finden:

Dabei hatte er in Paris hinreichende Einnahmen. In den knapp 14 Monaten seines Aufenthalts hatte er 7000 Franc eingenommen; offenbar war es Marx außerdem gelungen, sein Honorar für die Deutsch-Französischen Jahrbücher durch Verkauf der Belegexemplare einzutreiben - noch einmal fast 2000 Franc. Das war ein Gesamtbetrag, der für mehrere Jahre hätte reichen können.
Raddatz, a.a.O. Seite 76.

Wer der irrsinnige oder für die interessierte Kreise arbeitende Käufer gewesen sein soll, erfahren wir leider nicht.

Jedenfalls folgt nach dem Bruch mit Arnold Ruge die Anbiederung an die nächste Zielgruppe im typisch geschwollenen Stil:

„Wo hätte die Bourgeoisie – ihre Philosophen und Schriftgelehrten eingerechnet – ein ähnliches Werk wie Weitlings >Garantien der Harmonie und Freiheit< in bezug auf die Emanzipation der Bourgeoisie – die politische Emanzipation – aufzuweisen? Vergleicht man die nüchterne kleinlaute Mittelmäßigkeit der deutschen politischen Literatur mit diesem maßlosen und brillanten literarischen Debut der deutschen Arbeiter; vergleicht man diese riesenhaften Kinderschuhe des Proletariats mit der Zwerghaftigkeit der ausgetretenben politischen Schuhe der deutschen Bourgeoisie, so muß man dem deutschen Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeihen.“
Raddatz, S. 65

Es wird also bald dem Wilhelm Weitling an den Kragen gehen, der so schön gedichtet hatte:

Die Namen Republik und Konstitution,
So schön sie sind, genügen nicht allein;
Das arme Volk hat nichts im Magen,
Nichts auf dem Leib und muß sich immer plagen;
Drum muß die nächste Revolution,
Soll sie verbessern, eine soziale sein.
http://www.marxists.org/deutsch/referenz/weitling/1838/mensch/01-kap1.htm

Hellmann
25.09.2008, 10:09
Der „Vorwärts!“ und weitere Streitereien in Paris


Ludwig Börne war von 1811 bis 1815 ein „Polizeiaktuar“ in Frankfurt gewesen, ehe er dann die Religion und vom Polizeiarchiv zum Dichter und Denker im Mittelpunkt der Emigrantenszene in Paris wechselte. Auch er ein protegierter Promovierter ohne Studienabschluss, der sogar die Arbeit der Geheimpolizei aus eigener Anschauung kannte und vermutlich für die mühsame Arbeit in den Polizeiarchiven so wenig taugte wie vorher für ein richtiges Studium.

Zunächst war er als Student in Streit mit seinem Vater geraten und musste wegen Schulden zweimal die Universität wechseln.

1808 schrieb er sich in Gießen ein. Er wurde durch seinen früheren Internatslehrer Prof. Crome gefördert, in dessen Zeitschrift Germanien er unter anderem Aphorismen veröffentlichte. Schon nach 3 Monaten ließ er Börne zum Dr. phil. promovieren, ohne auf einem Examen zu bestehen.

Börne wurde am 19. Juli 1808 in der Loge Zur aufgehenden Morgenröthe in Frankfurt/Main als Freimaurer aufgenommen. Er schrieb 1811 einen Vortrag Über Freimaurerei, aus dem manche Sätze in neuere Freimaurer-Rituale Einzug gehalten haben.

1811 wurde er durch Vermittlung seines Vaters Polizeiaktuar in Frankfurt am Main, jedoch aufgrund seines Judentums 1815 entlassen. 1818 ließ er sich evangelisch taufen. Seinen Namen änderte er kurz vor der Taufe in Ludwig Börne, mit der Begründung, dass sein Name zu eindeutig seine Religionszugehörigkeit zeige und ihm bei seiner Herausgebertätigkeit schaden könnte.http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne

Potzblitz, das waren noch Zeiten zum Promovieren in drei Monaten und ohne Abschluss. Nur anwesend bei seiner Promotion ist er dann im Gegensatz zu Marx wohl doch gewesen und wird mit seinem Prof. Crome über germanische Dichtung Conversation gehalten haben.

Als Publizist und Journalist unternahm er zahlreiche Reisen und ließ sich 1830 in Paris nieder. Er engagierte sich schriftstellerisch mit Leidenschaft für die Bewegung Junges Deutschland, mit dem Ziel der Verbreitung der Demokratie als Voraussetzung der Freiheit. Seine 1830 bis 1834 in der Korrespondenz mit Jeanette Wohl entstandenen Briefe aus Paris leiteten aus der Pariser Julirevolution die Notwendigkeit einer Revolution in Deutschland ab. Diese Schriften, wie auch seine Metternich-kritische Zeitschrift Die Wage wurden verboten. Auch gegen Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Menzel und Heinrich Heine (mit dem er zunächst befreundet war) verfasste er kritische Schriften. Er bemühte sich um eine deutsch-französische Freundschaft.

Ludwig Börne starb im Februar 1837 in Paris…
(ebenda)

Die sich ab 1830 in Frankreich bildende Emigrantenszene war gespalten und der Streit zwischen den Lagern Heine und Börne auch nach dessen Tod noch aktuell. Marx ergriff trotz aller Seelenverwandtschaft mit Börne die Partei Heines, was Mehring zu einem tiefsinnigen Begründung veranlasst.

In Heine sah Marx aber zudem nicht nur den Dichter, sondern auch den Kämpfer. In dem Streit zwischen Börne und Heine, der in jener Zeit sich zu einer Art Prüfstein der Geister ausgebildet hatte, trat er mit aller Entschiedenheit für Heine ein. ... Durch den Lärm über Heines angeblichen Verrat, durch den sich selbst Engels und Lassalle, beide freilich in sehr jungen Jahren, anfechten ließen, ist Marx niemals beirrt worden. »Wir brauchen ja wenige Zeichen, uns zu verstehen«, schrieb Heine einmal an ihn, um das »verworrene Gekritzel« seiner Handschrift zu entschuldigen, aber das Wort hatte einen tieferen Sinn als den äußerlichen, worin es gemeint war.

So abgeschmackt, fade und kleinlich habe er sich Börne doch nicht vorgestellt, meinte Marx gegenüber den heimlichen Klatschereien, die Börne schon gegen Heine verbreitet hatte, als beide noch Schulter an Schulter standen, und die Börnes literarische Erben unklug genug waren, aus dessen Nachlaß zu veröffentlichen. An dem unbestreitbar ehrlichen Charakter des Klätschers würde Marx deshalb doch nicht gezweifelt haben, wenn er über den Streit geschrieben hätte, wie es seine Absicht war. Es gibt im öffentlichen Leben nicht leicht ärgere Jesuiten als die beschränkten und buchstabengläubigen Radikalen, die im fadenscheinigen Mantel ihrer Tugendhaftigkeit vor keinen Verdächtigungen der feineren und freieren Geister zurückscheuen, denen es gegeben ist, die tieferen Zusammenhänge des geschichtlichen Lebens zu erkennen. Marx hat es immer mit diesen gehalten, niemals mit jenen, zumal da er die tugendsame Rasse aus eigener Erfahrung gründlich kannte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm#Kap_5

Nun ja, wir beschäftigen uns hier auch gerade mit den Verdächtigungen dieser „feineren und freieren Geister“ und wollen uns da nicht beirren lassen, gerade wenn uns das Material dazu so reichlich vor Augen kommt und wir doch auch in der Lage sein wollen, diese „tieferen Zusammenhänge des geschichtlichen Lebens zu erkennen“.

Neben der deutschen Emigrantenszene in Paris gab es noch die jungen russischen Aristokraten, die überwiegend keine Revolution planten, aber im Hinblick auf ihre zukünftige Position im Zarenreich für Agenten aller westeuropäischen Regierungen interessant sein mussten.

In späteren Jahren hat Marx von »russischen Aristokraten« gesprochen, die ihn in seinem Pariser Exil auf Händen getragen hätten, freilich mit dem Hinzufügen, das sei nicht hoch anzuschlagen gewesen. Die russische Aristokratie werde auf deutschen Universitäten erzogen und verlebe in Paris ihre Jünglingszeit. Sie hasche immer nach dem Extremsten, was der Westen liefere; das hindere aber dieselben Russen nicht, Halunken zu werden, sobald sie in den Staatsdienst getreten seien. Marx scheint dabei an einen Grafen Tolstoi, einen heimlichen Agenten der russischen Regierung, oder sonst wen gedacht zu haben; nicht jedoch hat er dabei ein Auge gehabt oder konnte ein Auge haben auf den russischen Aristokraten, auf dessen geistige Entwicklung er in jenen Tagen großen Einfluß gehabt hat: nämlich Michail Bakunin. Dieser hat sich dazu noch in einer Zeit bekannt, wo sich die Wege beider Männer weit getrennt hatten; auch in dem Streit zwischen Marx und Ruge nahm Bakunin sehr entschieden Partei, für Marx und gegen Ruge, der bis dahin sein Beschützer gewesen war.
(Mehring, ebenda)

Sonst mag Marx eine Pfeife gewesen sein, aber die hohe Kunst der Täuschung seiner Freunde, wie hier nun des Bakunin, der dabei die Unterstützung durch Ruge verlor, war sein wahres Genie. Natürlich dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Marx über genug Finanzen für solche Zwecke verfügte. Bakunin lebte zeitweise ziemlich in Not und Elend und da macht die Hoffnung auf einen finanziell gut gestellten Freund schnell unvorsichtig.

Beim „heimlichen Agenten der russischen Regierung“, dem Leo Tolstoi, hatte Marx im September 1844 den gerade nach Paris gekommenen Friedrich Engels eingeführt:

Er trifft sich häufig mit Bakunin und verkehrt in den eleganten Salons der liberalen russischen Adligen. Er nimmt an einem „demokratischen Bankett“ teil, gemeinsam mit Ruge und Louis Blanc, Bakunin und dem russischen Gutsbesitzer Grigorij Michailowitsch Tolstoi, bei dem er Anfang September Engels einführt; der Graf Tolstoi führte ein großes Haus, besaß außer seiner Wohnung noch ein >Hotel de Ville< in der Rue Mathurin, in dem er glanzvolle Empfänge für die Diplomatie gab – einmal mehr zeigt sich Marx` Hang, in gesellschaftlichen Kreisen, in Salons zu verkehren. Aber er besucht auch die kommunistischen Geheimbünde, ohne sich zu ihnen zu zählen.
Raddatz, a.a.O. S. 69/70

Hellmann
25.09.2008, 10:26
Im Streit zwischen den politischen Lagern spielte nun der in Paris seit Januar 1844 erscheinende „Vorwärts!“ eine wichtige Rolle, über dessen Hintergründe wir durch Mehring gleich gehörig aufgeklärt werden:

In Paris erschien seit Neujahr 1844, zweimal in der Woche, der »Vorwärts!«, der nicht eben den feinsten Ursprung hatte. Ein gewisser Heinrich Börnstein, der in Theater- und sonstigen Reklamegeschäften machte, hatte ihn für die Zwecke seines Geschäftsbetriebs gegründet, und zwar mit einem reichlichen Trinkgelde, das ihm der Komponist Meyerbeer gespendet hatte; man weiß ja aus Heine, wie sehr dieser königlich-preußische Generalmusikdirektor, der mit Vorliebe in Paris lebte, auf eine weitverzweigte Reklame versessen und auch wohl angewiesen war. Als geriebener Geschäftsmann hing Börnstein dem »Vorwärts!« aber ein patriotisches Mäntelchen um und ließ das Blatt von Adalbert von Bornstedt redigieren, einem ehemals preußischen Offizier und nunmehrigen Allerweltsspitzel, der sowohl »Konfident« Metternichs war als auch von der Berliner Regierung bezahlt wurde. In der Tat wurden die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« sofort nach ihrem Erscheinen vom »Vorwärts!« mit einer Schimpfsalve begrüßt, von der schwer zu sagen ist, ob sie alberner oder pöbelhafter war.

Bei alledem aber wollte das Geschäft nicht glücken. Im Interesse einer fingerfertigen Übersetzungsfabrik, die Börnstein eingerichtet hatte, um neue Stücke der Pariser Bühne mit unglaublicher Fixigkeit an die deutschen Theaterdirektionen zu vertreiben, mußte er die jungdeutschen Dramatiker auszustechen suchen, und wieder, um diesen Zweck bei den nun einmal rebellisch gewordenen Spießern zu erreichen, mußte er einiges vom »gemäßigten Fortschritt« faseln und dem »Ultrawesen« nicht nur nach links, sondern auch nach rechts absagen. In derselben Notwendigkeit befand sich Bornstedt, wenn er die Flüchtlingskreise nicht kopfscheu machen wollte, in denen unverdächtig zu verkehren ja die Vorbedingung seines Sündensoldes war. Allein die preußische Regierung war so verblendet, daß sie ihre eigenen staatsretterischen Notwendigkeiten nicht begriff und den »Vorwärts!« in ihren Staaten verbot, worauf andere deutsche Regierungen das gleiche taten.
(Mehring, ebenda)

Man kann sicher annehmen, Mehring hat alles gewusst. Sobald es nicht direkt Marx betrifft, geht Mehring ohne Scheu und deutlichst zur Sache. Bei Marx pflegt er aber fast immer so tun, als wäre er von diesem „großen Revolutionär“ noch selber schwer beeindruckt gewesen.

An einigen Stellen müssen wir aber zwischen den Zeilen lesen, wie am Beispiel des oben zuletzt zitierten Satzes.

Allein die preußische Regierung war so verblendet, daß sie ihre eigenen staatsretterischen Notwendigkeiten nicht begriff und den »Vorwärts!« in ihren Staaten verbot, worauf andere deutsche Regierungen das gleiche taten.

Das Verbot des „Vorwärts!“ durch die preußische Regierung sollte nämlich eine wichtige Veränderung in Redaktion und Haltung des Blattes auslösen und ich kann nicht glauben, dass Mehring den Zusammenhang so schön dokumentiert, aber selber nicht begriffen habe. Die angeblich verblendete Entscheidung der preußischen Regierung führte zu folgenden Konsequenzen (wieder Mehring):

Bornstedt gab nun das Spiel im Anfang Mai als hoffnungslos auf, aber nicht so Börnstein. Er wollte seine Geschäfte machen, so oder so, und sagte sich mit der Kaltblütigkeit eines geriebenen Spekulanten, daß der »Vorwärts!«, wenn er nun einmal in Preußen verboten bleiben solle, auch alle Würze eines verbotenen Blattes erhalten müsse, so daß es dem preußischen Spießbürger lohne, ihn auf Schleichwegen zu beziehen. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als ihm der jugendliche Heißsporn Bernays einen gepfefferten Artikel für den »Vorwärts!« anbot, und nach einigem Geplänkel erhielt Bernays die redaktionelle Leitung des Blatts an der Stelle Bornstedts. Nunmehr beteiligten sich auch andere Flüchtlinge am »Vorwärts!«, aus jeglichem Mangel an einem andern Organ, unabhängig von der Redaktion und jeder auf eigene Verantwortung.

Es kam natürlich wieder zu Streit zwischen Marx und Ruge, der angeblich durch Ruge veranlasst worden sei.

Unter den ersten befand sich Ruge. Auch er plänkelte erst unter seinem Namen mit Börnstein, wobei er sogar, als wäre er noch völlig einverstanden mit Marx, dessen Aufsätze in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« er verteidigte. Ein paar Monate darauf veröffentlichte er zwei neue Artikel, ein paar kurze Bemerkungen über die preußische Politik und einen langen Klatschartikel über die preußische Dynastie, worin vom »trinkenden König« und der »hinkenden Königin«, von ihrer »rein spirituellen« Ehe usw. gesprochen wurde, beide aber nicht mehr unter seinem Namen, sondern mit der Unterschrift: Ein Preuße, was auf Marx als Verfasser hindeutete.
(Mehring, ebenda)

Was mich nicht überzeugt, denn Rheinländer sind keine Preußen und den auf Rügen geborenen Ruge nach einem seiner letzten Aufenthalte als Sachsen zu bezeichnen, ist an den Haaren herbei gezogen. Aber der nun von Marx folgende Angriff gegen Ruge im „Vorwärts!“ soll damit begründet sein.

In der Sache handelte es sich um den schlesischen Weberaufstand von 1844, den Ruge als eine gleichgültige Sache behandelt hatte; ihm habe die politische Seele gefehlt und ohne eine politische Seele sei eine soziale Revolution unmöglich. Was Marx dagegen einwandte, hatte er im Grunde schon im Aufsatze zur Judenfrage gesagt. Die politische Gewalt kann keine sozialen Übel heilen, weil der Staat nicht Zustände aufheben kann, deren Produkt er ist.

Was im letzten Satz so tief philosophisch daherkommt, ist ein für die praktischen Interessen der Arbeiter ganz heimtückische Fallgrube von Marx. Behauptet er damit doch allen Ernstes, dass der Staat zur Besserung der sozialen Zustände grundsätzlich nicht fähig wäre.

Das ist die Linie, auf der später Ferdinand Lassalle mit seinem „ehernen Lohngesetz“ dem Publikum einreden wird, dass Gewerkschaften zur Hebung der Löhne nicht imstande seien, weil die Löhne immer nach seinem „ehernen Lohngesetz“ um das Existenzminimum schwanken müssten.

Marx wandte sich scharf gegen den Utopismus, indem er sagte, daß sich der Sozialismus nicht ohne Revolution ausführen lasse, aber er wandte sich nicht minder scharf gegen den Blanquismus, indem er ausführte, daß der politische Verstand den sozialen Instinkt betrüge, wenn er durch kleine nutzlose Putsche vorwärts zu kommen suche. Mit epigrammatischer Schärfe erklärte Marx das Wesen der Revolution: »jede Revolution löst die alte Gesellschaft auf; insofern ist sie sozial. Jede Revolution stürzt die alte Gewalt; insofern ist sie politisch.« Die soziale Revolution mit einer politischen Seele, die Ruge verlange, sei sinnlos, dagegen vernünftig sei eine politische Revolution mit einer sozialen Seele.

Das bekannte Geschwalle, das letztlich nur die Leute spalten und jeden abwerten soll, der irgendwo etwas gegen die herrschenden Verhältnisse zu unternehmen beabsichtigt, jeweils zur Not pseudophilosophisch begründet.

Die allseitige Teilnahme für die Weber machte Marx gegen die Unterschätzung des Aufstandes durch Ruge geltend, »aber der geringe Widerstand der Bourgeoisie gegen soziale Tendenzen und Ideen« täuschte ihn nun doch nicht. Er sah voraus, daß die Arbeiterbewegung die politischen Antipathien und Gegensätze innerhalb der herrschenden Klassen ersticken und die ganze Feindschaft der Politik gegen sich lenken werde, sobald sie eine entschiedene Macht erlangt habe. Marx deckte den tiefsten Unterschied zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Emanzipation auf, indem er jene als ein Produkt gesellschaftlichen Wohlbefindens, diese als ein Produkt gesellschaftlicher Not nachwies.
(Mehring, ebenda)

Hirnerweichend, aber Ruge ist Marx wichtiger als alle Weber.

Die Isolierung vom politischen Gemein-, vom Staatswesen sei die Ursache der bürgerlichen, die Isolierung vom menschlichen Wesen, vom wahren Gemeinwesen des Menschen, sei die Ursache der proletarischen Revolution. Wie die Isolierung von diesem Wesen unverhältnismäßig allseitiger, unerträglicher, fürchterlicher, widerspruchsvoller sei als die Isolierung vom politischen Gemeinwesen, so sei ihre Aufhebung, selbst als partielle Erscheinung wie in dem schlesischen Weberaufstande, um so viel unendlicher, wie der Mensch unendlicher sei als der Staatsbürger und das menschliche Leben als das politische Leben.

Wer so formuliert, ist der richtige Mann als großer Vordenker der politischen Organisation der Arbeiterklasse – für Regierung und Polizei im Kapitalismus. Wer noch nicht durch die herrschenden Verhältnisse um den Verstand gebracht wurde, wird es mit solchem hegelianischen Geschwurbel zuletzt doch noch.

In Auszügen:

Hieraus ergibt sich, daß Marx über diesen Aufstand ganz anders urteilte als Ruge…

Im Anschluß daran erinnerte Marx an die genialen Schriften Weitlings…

Womit wir bei den auf Ruge, Herwegh und Bakunin folgenden Opfern des frühen „Marxismus“ wären:

Die »anderthalb Handwerksburschen«, auf die Ruge verächtlich herabsah, während Marx sie eifrig studierte, waren im Bunde der Gerechten organisiert, der sich während der dreißiger Jahre im Anschluß an die französischen Geheimbünde entwickelt hatte und in deren letzte Niederlage im Jahre 1839 verwickelt worden war. Es war ihm insofern zum Heil gewesen, als sich seine versprengten Elemente nicht nur in dem alten Mittelpunkte Paris wieder gesammelt, sondern auch den Bund nach England und der Schweiz verbreitet hatten, wo ihm die Vereins- und Versammlungsfreiheit breiteren Spielraum bot, so daß diese Absenker sich kräftiger entwickelten als der alte Stamm. Die Pariser Organisation stand unter der Leitung des Danzigers Hermann Ewerbeck, der, wie er Cabets Utopie ins Deutsche übersetzte, auch noch in Cabets moralisierendem Utopismus befangen war. Ihm geistig überlegen erwies sich Weitling, der die Agitation in der Schweiz leitete, und mindestens an revolutionärer Entschlossenheit wurde Ewerbeck auch durch die Londoner Führer des Bundes übertroffen, den Uhrmacher Josef Moll, den Schuhmacher Heinrich Bauer und Karl Schapper, einen ehemaligen Studenten der Forstwissenschaft, der sich bald als Schriftsetzer, bald als Sprachlehrer durchs Leben schlug.
(Mehring, ebenda)

Die Genannten werden bald alle selbst den Hass des Karl Marx und seine Zerstörungswut gegenüber ihrer erfolgreichen Organisation zu spüren bekommen. Mit der Kritik an Hermann Ewerbeck in Paris ging es ja schon los, als Weitling von Marx noch über den grünen Klee gelobt wurde.

Hellmann
25.09.2008, 10:47
Vorher musste aber noch einmal ein neuer Streit gegen Bruno Bauer geführt werden, der eine eigene Zeitung auf die Beine gebracht hatte.

Von dem »imponierenden Eindruck« dieser »drei wirklichen Männer« wird Marx zuerst durch Friedrich Engels gehört haben, der ihn im September 1844 bei einer Durchreise in Paris aufsuchte und zehn Tage mit ihm verkehrte. Sie fanden nun vollauf die weitgehende Übereinstimmung ihrer Gedanken bestätigt, die schon ihre Beiträge zu den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« verraten hatten. Gegen diese Auffassung hatte sich inzwischen ihr alter Freund Bruno Bauer in einer von ihm gegründeten »Literaturzeitung« gekehrt, und seine Kritik kam just während ihres Zusammenseins zu ihrer Kenntnis. Sie entschlossen sich kurzer Hand, ihm zu antworten, und Engels schrieb sofort nieder, was er zu sagen hatte. Marx aber ging nach seiner Weise tiefer auf die Sache ein, als ursprünglich beabsichtigt war, und stellte in angestrengter Arbeit während der nächsten Monate zwanzig Druckbogen her, mit deren Abschluß im Januar 1845 zugleich sein Aufenthalt in Paris abschloß.

Ein ganzes Buch noch einmal gegen den alten Freund Bruno Bauer; es war wohl nur der Hass auf ehemalige „Freunde“, der Marx so zum Schreiben motivieren konnte.

Oder wie Raddatz schreibt:

Marx war ablenkbar – durch Personen, durch vermeintliche Intrigen, durch Attacken. Und indem er denen begegnete, entwickelte er die eigenen Positionen; wenn er einen Gegner >aufs Korn nahm< präzisierte er sich.
Raddatz, S. 71

Der Vernichtung talentierter, erfolgreicher, von Marx getäuschter und betrogener ehemaliger „Freunde“ galt seine ganze Energie.

Friedrich Engels, ein anderer Charakter und beeindruckender Kopf, der hier aber nicht das Thema werden soll, hatte im „Vorwärts!“ vom 31. August 1844 seinen Artikel über „Die Lage Englands, Teil I“ veröffentlicht, der hier nachzulesen ist:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_550.htm

Zwischen dem 18. September und dem 19. Oktober 1844 folgte auf sieben Ausgaben aufgeteilt „Die Lage Englands, Teil II“:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_569.htm

Unter gleichem Titel hatte Engels schon in den Jahrbüchern eine Besprechung des Buches „Past and Present“ von Thomas Carlyle (1843) über die soziale Lage Englands veröffentlicht:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_525.htm

Zum gleichen Thema hat Friedrich Engels dann 1845 in Leipzig sein Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ publiziert.

http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_225.htm

Durchaus lesenswert als Kontrast zu Marx.

Wir verdanken Friedrich Engels auch eine Schilderung der erfolgreichen Arbeit der Sozialisten in England und der breiten Diskussion kommunistischer Vorstellungen unter den Arbeitern:

Während die englische Hochkirche praßte, haben die Sozialisten für die Bildung der arbeitenden Klassen in England unglaublich viel getan; man kann sich anfänglich nicht genug wundern, wenn man die gemeinsten Arbeiter in der Hall of Science über den politischen, den religiösen und sozialen Zustand mit klarem Bewußtsein sprechen hört; aber wenn man die merkwürdigen Volksschriften aufspürt, wenn man die Lektürers der Sozialisten, z.B. den Watts in Manchester hört, so nimmt es einen nicht mehr wunder. Die Arbeiter besitzen gegenwärtig in sauberen wohlfeilen Ausgaben die Übersetzungen der französischen Philosophie des verflossenen Jahrhunderts, am meisten den »Contrat social« von Rousseau, das »Système de la Nature« und verschiedene Werke von Voltaire, außerdem in Pfennig- und Zweipfennigbroschüren und Journalen die Auseinandersetzung der kommunistischen Grundsätze; ebenso sind die Ausgaben von Thomas Paine und Shelleys Schriften zu billigem Preise in den Händen der Arbeiter. Dazu kommen noch die sonntäglichen Vorlesungen, welche sehr fleißig besucht werden; so sah ich bei meiner Anwesenheit in Manchester die Kommunisten-Hall, welche etwa 3.000 Menschen faßt, jeden Sonntag gedrängt voll und hörte da Reden, welche unmittelbare Wirkung haben, in welchen dem Volke auf den Leib geredet wird, auch Witze gegen die Geistlichen vorkommen.
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_468.htm

Das würde dann mit dem Marxismus bald der Vergangenheit angehören; statt klarem Bewusstsein der politischen Zusammenhänge und Verhältnisse die sinnlose Werttheorie und geschraubte Dialektik.

Wie kommt es, daß man diesen ganzen Kram duldet? Aber einmal haben die Kommunisten sich unter dem Whigministerium eine Parlamentsakte verschafft und sich überhaupt damals so festgesetzt, daß man ihnen jetzt als Korporation nichts mehr tun kann. Zweitens würde man den hervorragenden Einzelnen sehr gerne zu Leib gehen, aber man weiß, daß dies nur zum Vorteil der Sozialisten ausschlüge, indem es die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie lenkt, wonach sie streben. Gäbe es Märtyrer für ihre Sache (und wie viele wären alle Augenblicke dazu bereit), so entstände Agitation; Agitation aber ist das Mittel, ihre Sache noch mehr zu verbreiten, während jetzt ein großer Teil des Volkes sie übersieht, indem es sie für eine Sekte wie eine andere hält; Gegenmaßregeln, wußten die Whigs sehr wohl, wirken kräftiger für eine Sache als Selbstagitation, daher gaben sie ihnen Existenz und eine Form; jede Form aber ist bindend. Die Tories schlagen hingegen etwa los, wenn die atheistischen Schriften zu arg ausfallen; aber jedesmal zum Nutzen der Kommunisten; im Dezember 1840 wurden Southwell und andere wegen Blasphemie gestraft; gleich erschienen drei neue Zeitschriften, eine »Der Atheist«, die andere »Der Atheist und der Republikaner«, die dritte, von dem Lektürer Watts herausgegeben: »Der Gotteslästerer«. Einige Nummern des »Gotteslästerers« haben großes Aufsehen erregt, und man studierte umsonst darauf, wie man diese Richtung unterdrücken könnte. Man ließ sie gehen, und siehe da, alle drei Blätter gingen wieder ein!

Drittens retten sich die Sozialisten wie alle die andern Parteien durch Gesetzumgehen und Wortklauben, was hier an der Tagesordnung ist.

So ist hier alles Leben und Zusammenhang, fester Boden und Tat, so nimmt hier alles äußere Gestalt an: während wir glauben etwas zu wissen, wenn wir die matte Elendigkeit des Steinschen Buches verschlucken, oder etwas zu sein, wenn wir da oder dort eine Meinung mit Rosenöl verduftet aussprechen.

In den Sozialisten sieht man recht deutlich die englische Energie; was mich aber mehr in Erstaunen setzte, war das gutmütige Wesen dieser, fast hätte ich gesagt Kerls, das aber so weit von Schwäche entfernt ist, daß sie über die bloßen Republikaner lachen, da die Republik ebenso heuchlerisch, ebenso theologisch, ebenso gesetzlich ungerecht sein würde als die Monarchie; für die soziale Reform aber wollen sie, samt Weib und Kindern, Gut und Blut einsetzen.
(Engels, ebenda)

Irgendwie scheint Engels nicht so ganz von Herzen begeistert vom Erfolg der Sozialisten und Kommunisten zu sein und bald würden die regen Aktivitäten der einfachen Arbeiter unter dem marxistischen Dogmengebäude mit seinen abstrusesten Thesen erstickt sein.

In der Zeitung „The New Moral World“ der von Robert Owen (http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Owen) in England geführten politischen Bewegung hatte Friedrich Engels übrigens noch im November 1843 einen Artikel über die politischen Verhältnisse in Deutschland und der Schweiz veröffentlicht, dem wir in einem Absatz entnehmen können, wie die staatsgefährdende Entwicklung der Linkshegelianer und der ersten kommunistischen Vereine des Weitling hätte weitergehen können, wenn – ja wenn sie sich nicht unter dem maßgeblichen Einfluss von Karl Marx alle miteinander systematisch zerstritten hätten. Wo Engels im folgenden Text für seine englischen Leser von einer „Partei“ schreibt, ist natürlich der Freundeskreis der Junghegelianer um die genannten Köpfe gemeint.

Bereits im August 1842 verfochten einige wenige in der Partei die Ansicht, daß politische Veränderungen unzureichend seien, und erklärten, daß ihrer Meinung nach eine soziale Revolution auf der Grundlage des Gemeineigentums der einzige gesellschaftliche Zustand sei, der sich mit ihren abstrakten Grundsätzen vertrüge. Doch sogar die Führer der Partei, wie zum Beispiel Dr. Bruno Bauer, Dr. Feuerbach und Dr. Ruge, waren damals nicht zu diesem entschiedenen Schritt bereit. Das politische Organ der Partei, die »Rheinische Zeitung«, veröffentlichte einige Abhandlungen, die den Kommunismus vertraten, jedoch ohne den erwünschten Erfolg. Indessen war der Kommunismus eine so notwendige Konsequenz der neuhegelianischen Philosophie, daß keine Opposition ihn niederhalten konnte; und im Verlauf dieses Jahres hatten seine Begründer die Genugtuung, einen Republikaner nach dem anderen sich ihren Reihen anschließen zu sehen. Außer Dr. Heß, einem Redakteur der jetzt verbotenen »Rheinischen Zeitung«, der in der Tat der erste Kommunist in der Partei war, gibt es jetzt noch viele andere, wie Dr. Ruge, Herausgeber der »Deutschen Jahrbücher«, der wissenschaftlichen Zeitschrift der Junghegelianer, die durch Beschluß des deutschen Reichstages verboten wurde, Dr. Marx, ebenfalls ein Redakteur der »Rheinischen Zeitung«, Georg Herwegh, der Dichter, dessen Brief an den König von Preußen im vergangenen Winter von den meisten englischen Zeitungen übersetzt wurde, und andere mehr, und wir hoffen, daß der Rest der republikanischen Partei nach und nach auch zu uns übergehen wird.
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_480.htm

Nun endet die Zeit in Paris mit einer weiteren „Abrechnung mit Bruno Bauer“ (Raddatz, s. 71) für die Friedrich Engels dem Autor Marx zur Publikation die »Literarische Anstalt Frankfurt am Main« mit ihrem Verleger J. Rütten besorgt, der auch noch 1000 Franc Honorar für das unverkäufliche Machwerk hinlegt.

Georg Jung findet >das Aufzählen der Unwichtigkeiten entsetzlich ermüdend<; Ruge spricht von einer >gehässigen und gemeinen Brühe< und belustigt sich über den >Tropf Engels, dem Bruno Bauer vor wenigen Monaten noch das Orakel war<, das plötzlich verlegt sei, dafür die Bauers dumme Jungen geworden sind. Sogar der eigene Verleger schrieb aus Frankfurt (Ruge hatte seinem Schweizer Associé Fröbel verboten, Bücher von Marx weiter zu drucken), das Buch sei … vielmehr >ohne fesselndes Interesse<. Das >zu große Ding< … fand so gut wie keine Beachtung.
Raddatz, a.a.O. S. 72

Wer sich das Machwerk selber anschauen will, kann das unter diesem Link tun:

Karl Marx-Friedrich Engels
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik
gegen Bruno Bauer und Konsorten

Geschrieben September bis November 1844.
Erstmals erschienen Ende Februar 1845.

http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_003.htm

Den Friedrich Engels hat Marx gegen dessen Sträuben für seinen eineinhalb Druckbögen umfassenden Beitrag mit auf den Titel gesetzt.

Auch Mehring lässt in seinem Urteil keinen Zweifel:

Das ist ihrer ersten gemeinsamen Schrift nicht förderlich gewesen, der »Kritik der kritischen Kritik«, wie sie selbst sie tauften, oder der »Heiligen Familie«, dem Namen, den sie ihr nach einem Vorschlage des Verlegers gaben. Die Gegner spotteten sofort, sie renne offene Türen ein, und auch Engels meinte, als er das fertige Buch erhielt, das Ding sei ganz famos, aber bei alledem zu groß; die souveräne Verachtung, womit die kritische Kritik behandelt werde, stehe zu den zweiundzwanzig Bogen der Schrift im argen Gegensatze; das meiste werde dem größeren Publikum unverständlich sein und auch nicht allgemein interessieren.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_095.htm

Der französische Außenminister Guizot, der dem Heinrich Heine beträchtliche Summen zahlte, hatte gegen den „Vorwärts!“ nach einem anstößigen Artikel über das Attentat des Bürgermeisters Tschech auf Friedrich Wilhelm IV. einschreiten müssen. Der verantwortliche Redakteur Bernays wurde wegen einer versäumten Kautionsstellung und „Aufforderung zum Königsmord“ zu zwei Monaten Haft und 300 Franc Geldstrafe verurteilt.

Die preußische Regierung beharrte aber auf der Ausweisung der Redakteure und Mitarbeiter der Zeitung.

Nach längeren Verhandlungen ließ sich der französische Minister endlich breitschlagen: wie man damals annahm und wie Engels noch in seiner Grabrede auf Frau Marx betont hat, durch die unschöne Vermittlung Alexander von Humboldts, der mit dem preußischen Minister des Auswärtigen verschwägert war. Neuerdings ist Humboldts Andenken von dieser Beschuldigung zu entlasten versucht worden durch die Angabe, daß die preußischen Archive nichts darüber enthielten. Das ist aber kein Gegenbeweis, denn erstens sind die Akten über die traurige Affäre nur unvollständig erhalten, und zweitens werden solche Dinge nie schriftlich abgemacht. Was wirklich Neues aus den Archiven beigebracht worden ist, beweist vielmehr nur, daß sich ein entscheidender Akt hinter den Kulissen abgespielt hat. In Berlin war man am wütendsten auf Heine, der elf seiner schärfsten Satiren auf die preußische Wirtschaft und namentlich auch auf den König im »Vorwärts!« veröffentlicht hatte. Aber auf der andern Seite war Heine für Guizot der kitzlichste Punkt der kitzlichen Sache.
(Mehring, ebenda)

Was Mehring hier zu der Regel schreibt, dass „solche Dinge nie schriftlich abgemacht“ werden, gilt natürlich nicht nur für einen Schwager des preußischen Außenministers Alexander von Humboldt. Sondern selbstverständlich wird jeder Minister brauchbare Mitglieder seiner Familie für besonders delikate Angelegenheiten einspannen, gerade weil es darüber und die dazu fließenden Gelder später keine Unterlagen in den Archiven geben soll.

Heine blieb unbehelligt, dagegen erging gegen eine Reihe anderer deutscher Flüchtlinge, die für den »Vorwärts!« geschrieben hatten oder im Verdacht standen, es getan zu haben, am 11. Januar 1845 der Ausweisungsbefehl; unter ihnen Marx, Ruge, Bakunin, Börnstein und Bernays. Ein Teil von ihnen rettete sich: Börnstein, indem er sich verpflichtete, auf die Herausgabe des »Vorwärts!« zu verzichten, Ruge, indem er sich beim sächsischen Gesandten und bei französischen Deputierten die Stiefel ablief, um zu versichern, ein wie loyaler Staatsbürger er sei. Für dergleichen war Marx natürlich nicht zu haben; er siedelte nach Brüssel über.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Hellmann
25.09.2008, 16:13
Brüssel und neuer Streit gegen alte Freunde


Einzig Marx war der französischen Ausweisungsordre gefolgt und ging nach Brüssel. Dabei hatte er offiziell mit dem Artikel, in dem der „Vorwärts!“ bedauert hatte, dass bei dem Attentat auf den preußischen König kein besserer Schütze war, nichts und außer einem namentlich gezeichneten Artikel und wenig beachteten anonymen Beiträgen überhaupt wenig mit dieser Zeitung zu tun gehabt.

Marx hat die Versammlungen von Handwerksburschen besucht und wird in einem Bericht an die preußische Geheimpolizei, den Raddatz zitiert, sogar an erster Stelle dieser gefährlichen Kommunisten genannt; ob Marx den Spitzelbericht selber verfasst hat?

Es ist ein wirklich bejammernswerter Zustand, … wenn man hier sieht, auf welche Weise einige Intriganten die armen deutschen Handwerker irreführen, nicht bloß die Arbeiter, sondern auch junge Kaufleute, Kommis usw. in den Kommunismus zu ziehen suchen. Alle Sonntage versammeln sich die deutschen Kommunisten vor der Barrière du Trone in einem Saal eines Weinhändlers auf der Chaussée, wenn man aus dem Tore kommt, rechts das zweite oder dritte Haus, Avenue de Vincennes.

Das klingt schon etwas komisch für einen professionellen Polizeispitzel, erst fast philosophische Betrachtungen anzustellen, den Namen des Weinhändlers nicht ermittelt zu haben, selbst wenn es keine Hausnummern gab und man sich streiten konnte, ob es sich bei den durcheinander oder ineinander gebauten Häusern um das zweite oder dritte Haus handelt, eine derartige Beschreibung der Lokalität an seine Auftraggeber zu senden.

Hier kommen oft 30, oft 100, 200 deutsche Kommunisten zusammen; sie haben den Saal gemietet. Es werden Reden gehalten, offen Königsmord, Abschaffung allen Besitzes, herunter mit den Reichen usw. gepredigt; dabei keine Religion mehr, kurz, der krasseste abscheulichste Unsinn.

Allein die Interpunktion - ein Polizeispitzel oder gar nur ein besorgter einfacher Bürger, dessen Schreiben an die Polizei so in die Geheimakten kommt, der seine Sätze auch mal mit „;“ trennt, ist gelinde gesagt: sehr ungewöhnlich – wenn uns nicht Auguste Cornu, aus dessen Buch „Karl Marx und Friedrich Engels“ der Text von Raddatz zitiert wurde, hiermit einen Bären aufgebunden hat.

Ganz dreist kommt es aber zuletzt.

Ich könnte junge Deutsche nennen, die von achtbaren Eltern dort Sonntags hingeführt und verdorben werden. Die Polizei muß wissen, daß so viele Deutsche sich dort jeden Sonntag versammeln; sie weiß aber vielleicht nicht, welches der politische Zweck ist. Ich schreibe Ihnen dies in aller Eile, damit die Marx, Hess, Herwegh, A. Weil, Börnstein nicht fortfahren, also junge Leute ins Unglück zu stürzen.
(zitiert nach Raddatz, a.a.O. S. 76)

Das erinnert an den ehemals von Marx geschriebenen Artikel, in dem Marx allein für das Verbot der „Rheinischen Zeitung“ verantwortlich gemacht wurde.

Jedenfalls sei also ein Polizeikommissar in Paris bei Marx mit dem Ausweisungsbefehl erschienen, nach dem der Paris binnen 24 Stunden zu verlassen hatte, während seine Frau Jenny noch Zeit hatte, die Möbel und Wäsche zu verkaufen.

In Brüssel wird gleich ein Haus gemietet, im Mai zieht die Familie Marx schon in ein noch besseres. Geld ist genug vorhanden:

Jung schickt aus Köln 750 Franc (schon in der Pariser Zeit hatte Marx über 4000 Franc aus Köln bekommen). Bis auf die 1500 Franc von Leske, Vorschuß für ein Buch, das nie geschrieben wurde, verdiente Marx in den drei Brüsseler Jahren, in denen die Familie auf sieben Köpfe anwachsen sollte, keinen Centime eigenes Geld. Der erste Brief an Engels, der überhaupt erhalten ist, fleht um Unterstützung…
(Raddatz, S. 79)

Anscheinend floss also genug Geld, man bemüht dafür nur nicht mehr „Freunde“ in Köln oder geschäftswidrig mit Geld um sich werfende Verleger wie diesen Leske, der ungeschriebene Bücher eines völlig unbekannten Autors mit Höchsthonoraren finanziert. In Zukunft wird meist Engels als Geldgeber genannt, der verglichen mit Marx selber aber eher sparsam lebte und ein merkwürdiges Verständnis für die Verschwendungssucht seines Freundes gehabt haben müsste.

Anfang April 1845 war auch Engels nach Brüssel übersiedelt und beide treten zuerst einmal eine größere Reise nach England an.

Im Frühjahr 1845 kam auch Engels nach Brüssel, und die Freunde machten eine gemeinsame Studienreise nach England, die sich auf sechs Wochen ausdehnte. Auf ihr gewann Marx, der schon in Paris begonnen hatte, sich mit MacCulloch und Ricardo zu beschäftigen, tiefere Einblicke in die ökonomische Literatur des Inselreichs, wenn er nur auch erst »die in Manchester aufzutreibenden Bücher« einsehen konnte, neben den Auszügen und Schriften, die Engels besaß. Engels, der schon bei seinem ersten Aufenthalt in England sowohl für die »New Moral World«, das Organ Owens, wie für den »Northern Star«, das Organ der Chartisten, gearbeitet hatte, frischte die alten Beziehungen auf, und so wurden auch von beiden Freunden neue Verbindungen angeknüpft, mit den Chartisten sowohl wie mit den Sozialisten.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Es würde hier zu weit führen, die britische Industrie- und Handelspolitik im Zusammenhang mit dem deutsch-britischen Textilunternehmen der Familie Engels zu erörtern.

Allerdings zum tieferen Verständnis kurz wenige Sätze zu dem berüchtigten Ökonomen Jean Baptiste Say, von dem das bekannte Saysche Theorem stammt, wonach es keine Absatzkrisen geben könne, was anlässlich geldpolitisch verursachter Wirtschaftskrisen immer wieder gern dem Publikum versichert wird:

Die Vorfahren Says waren Hugenotten aus Nîmes und mussten nach Genf fliehen, von wo sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts nach Lyon zurückkehrten. Jean-Baptistes Vater war im Textilgewerbe tätig. Die Erziehung der Kinder (Jean-Baptiste hatte mehrere Geschwister) erfolgte im Sinn der Aufklärung...

Nachdem Say im elterlichen Geschäft erste berufliche Erfahrungen sammeln konnte, ging er gemeinsam mit seinem Bruder Horace im Jahr 1785 nach England. Die beiden erlebten dort die industrielle Revolution, die bei Say einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Nicht zuletzt war es ihm durch die erworbenen Englischkenntnisse später auch möglich das Werk Wohlstand der Nationen (1776) von Adam Smith zu lesen.
Trotz Vorliebe für die Literatur, nahm Say nach der Rückkehr nach Frankreich eine Stelle bei einer Versicherung an. Im Jahr 1789 veröffentlichte er Texte über die Pressefreiheit.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Say

Die Hugenotten haben Frankreich gehasst und waren in Preußen und England genau darum gern geduldet, viele dürften politisch in Frankreich für die Interessen Englands tätig gewesen sein, wie gerade unser Say. Das Textilgewerbe war eine britische Spezialität, fast wie das „Enlightenment“ und wir finden beides gern zusammen bei den einschlägigen Leuten.
Say wurde zeitweise von Mirabeau beschäftigt und war Anhänger der französischen Revolution…

Nach einer Anstellung als Chefredakteur wurde er 1799 zum Mitglied des Tribunats im Finanzausschuss im Konsulat Napoléons ernannt.

Während die Wissenschaft zunächst Nebentätigkeit war, wurde Say durch Erscheinen des Traité d’économie politique (1803) auch über Frankreich hinaus berühmt. Es enthielt auch erstmals das berühmte Saysche Theorem. Mit seiner marktliberalen Position stand Say fortan in Opposition zu Napoléon, der aus kriegspolitischen Gründen den Handel einschränkte. Say verlor 1806 sein Amt als Tribun und wurde Opfer der Zensur.

Say ging nach Auchy les Hesdin (Pas-de-Calais), um sich eine Baumwollfabrik aufzubauen. Er beschäftigte mehrere hundert Mitarbeiter.
(ebenda)

Er soll die modernsten Maschinen aus England gehabt und die Armee Napoleons beliefert haben, was viele Kontakte und Informationen einbringt, für welche die Briten wieder Verwendung hatten.

Das erklärt vielleicht etwas, warum der Sohn eines erfolgreichen englisch-preußischen Textilfabrikanten ein Jahr vor dem Abitur vom Vater aus dem Gymnasium genommen wird und noch vor jeder politischen Idee für verschiedene Zeitungen zu schreiben beginnt, wie das „Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Leser“, die „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ und den „Telegraph“, um daraufhin ganz zielstrebig in politische Kreise einzudringen, in England wie in Deutschland. Im Normalfall haben Textilfabrikanten und deren Söhne für sowas keine Zeit, wenn es die „Geschäftsbeziehungen“ nach England nicht fordern.

Hellmann
25.09.2008, 16:28
Im Anschluss an die Reise nach England sollte es wieder einigen ehemaligen Freunden mit einem weiteren Buch an den Kragen gehen. Es geriet noch länger und trotz der Mitarbeit des Friedrich Engels noch ungenießbarer. Der Verlag in Westfalen hat es gar nicht erst in den Druck gehen lassen.

Nach dieser Reise machten sie sich zunächst wieder an eine gemeinsame Arbeit. »Wir beschlossen«, wie Marx später lakonisch genug gesagt hat, »den Gegensatz unsrer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen. Der Vorsatz ward ausgeführt in der Form einer Kritik der nachhegelschen Philosophie. Das Manuskript, zwei starke Oktavbände, war längst an seinem Verlagsort in Westfalen angelangt, als wir die Nachricht erhielten, daß veränderte Umstände den Druck nicht erlaubten. Wir überließen das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten - Selbstverständigung.«
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Mehring hat sich, weil das Werk so eindeutig missraten war, in seiner Kritik einmal kaum gezügelt:

War ihre gründliche und selbst allzu gründliche Abrechnung mit den Bauers schon eine harte Nuß für die Leser, so, wären diese zwei starken Bände von zusammen fünfzig Druckbogen noch eine viel härtere Nuß für sie gewesen. Der Titel des Werkes lautete »Die deutsche Ideologie, Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten«. Engels hat später aus der Erinnerung gesagt, die Kritik Stirners allein sei nicht weniger umfangreich gewesen als das Buch Stirners selbst, und die Proben, die inzwischen davon veröffentlicht worden sind, lassen diese Erinnerung als durchaus glaubhaft erscheinen. Es ist eine noch weitläufigere Überpolemik, als schon die »Heilige Familie« in ihren dürrsten Kapiteln aufzeigt, dafür sind die Oasen in der Wüste viel spärlicher gesäet, wenn sie auch keineswegs völlig fehlen. Und wo immer sich dialektische Schärfe zeigt, artet sie alsbald in Haarspaltereien und Wortklaubereien mitunter recht kleinlicher Art aus.

… eine Redewendung totzuhetzen, der Rede des Gegners durch buchstäbliche oder mißverständliche Deutung einen möglichst törichten Sinn unterzustellen, die Neigung zum Gesteigerten und Grenzenlosen im Ausdruck…
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Wer das so entstandene und erst vom Marx-Engels-Lenin-Institut, Moskau, 1932 veröffentlichte Werk selber beurteilen möchte:

Karl Marx

Die deutsche Ideologie

Kritik der neuesten deutschen Philosophie
in ihren Repräsentanten
Feuerbach, B. Bauer und Stirner
und des deutschen Sozialismus
in seinen verschiedenen Propheten

Geschrieben 1845-1846.

http://www.ml-werke.de/marxengels/me03_009.htm

Den Feuerbach hat man übrigens zur gleichen Zeit noch nach Brüssel locken wollen:

In seiner kecken Art hatte Engels schon von Barmen aus an Feuerbach geschrieben, um ihn für den Kommunismus zu werben. Feuerbach hatte freundlich, aber - wenigstens vorläufig - ablehnend geantwortet. Womöglich wolle er im Sommer an den Rhein kommen und dann wollte Engels ihm schon »beibringen«, daß er auch nach Brüssel müsse. Einstweilen schickte er Hermann Kriege, einen Schüler Feuerbachs, als »famosen Agitator« an Marx.
(Mehring, ebenda)

Nach Feuerbach, Bauer und Stirner sollte auch der ehemalige Gefährte und Sozialist Karl Grün im II. Band der „Deutschen Ideologie“ sein Fett abbekommen.

Der zweite Teil des geplanten Werks sollte sich mit dem deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten befassen, die »gesamte fade und geschmacklose Literatur des deutschen Sozialismus« kritisch auflösen.

Es waren damit Männer wie Moses Heß, Karl Grün, Otto Lüning, Hermann Püttmann und andere gemeint, die sich eine ganz ansehnliche, namentlich auch an Zeitschriften reiche Literatur geschaffen hatten: den »Gesellschaftsspiegel«, der vom Sommer 1845 bis zum Sommer 1846 als Monatsschrift erschien, dann die »Rheinischen Jahrbücher« und das »Deutsche Bürgerbuch«, von denen 1845 und 1846 je zwei Jahrgänge herauskamen, weiter »Das Westphälische Dampfboot«, eine Monatsschrift, die auch im Jahre 1845 begann, aber ihr Leben bis in die deutsche Revolution erstreckte, endlich einzelne Tagesblätter wie die »Trier'sche Zeitung«.
(Mehring, ebenda)

Wir erleben hier immer wieder das gleiche Phänomen, dass die beiden Figuren sich in die Kreise eindrängen und bald für Streit sorgen, natürlich immer unter dem Vorwand, die falschen Anschauungen der (ehemaligen) Freunde und Mitstreiter korrigieren und widerlegen zu müssen. Mit dem Ergebnis, dass all diese Unternehmungen sehr "kurzlebig" waren, wie es der Franz Mehring nennt:

Engels gab mit Moses Heß gemeinsam den »Gesellschaftsspiegel« heraus, in den auch Marx einen Beitrag stiftete. Mit Heß haben beide in der Brüsseler Zeit mannigfach zusammengearbeitet, und es hatte fast den Anschein, als habe er sich ganz in ihre Anschauungen eingelebt. Für die »Rheinischen Jahrbücher« hat Marx wiederholt um Heines Mitarbeit geworben, und wenn nicht von ihm, so hat diese Zeitschrift, ebenso wie das »Deutsche Bürgerbuch«, die beide von Püttmann herausgegeben wurden, Aufsätze von Engels veröffentlicht.
Im »Westphälischen Dampfboot« haben Marx wie Engels mitgearbeitet; Marx hat hier das einzige Stück aus dem zweiten Teile der »Deutschen Ideologie« veröffentlicht, das bisher ans Tageslicht gekommen ist: eine gründlich scharfe Kritik einer feuilletonistischen Schrift, die Karl Grün über die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien veröffentlicht hatte.
(Mehring, ebenda)

So schaut das eigentlich immer aus, wenn Regierungsagenten eine oppositionelle Bewegung zersetzen. Die haben Geld, die haben Zeit, die sind immer zur Stelle bei jeder Zeitschrift und jedem sonstigen Vorhaben und bald gibt es Streit, wird von denen mal der Eine, dann der Andere angegriffen, abwechselnd in den verschiedenen Zeitschriften und Gruppierungen, bis alles auseinanderfällt.

In ihrem pädagogischen Bemühen um den »wahren« Sozialismus haben es Engels und Marx weder an Nachsicht noch an Strenge fehlen lassen. Im »Gesellschaftsspiegel« von 1845 hat Engels als Mitherausgeber dem guten Heß noch manches durchgehen lassen, was ihm selbst sehr gegen den Strich laufen mußte; im »Deutschen Bürgerbuch« von 1846 aber machte er den »wahren« Sozialisten doch schon die Hölle heiß… Die Rücksicht auf das Proletariat und die Massen bestimmte in erster Reihe die Stellung, die Marx und Engels zu dem »wahren« Sozialismus genommen haben. Wenn sie von all seinen Vertretern Karl Grün am heftigsten bekämpften, so nicht nur weil er in der Tat die meisten Blößen bot, sondern auch, weil er, in Paris lebend, unter den dortigen Arbeitern heillose Verwirrung anrichtete und auf Proudhon einen verhängnisvollen Einfluß gewann. Und wenn sie im »Kommunistischen Manifest« mit äußerster Schärfe und selbst mit deutlicher Anspielung auf ihren bisherigen Freund Heß vom »wahren« Sozialismus abrückten, so aus dem Grunde, weil sie damit eine praktische Agitation des internationalen Proletariats einleiteten.

Der Franz Mehring muß sich natürlich besonders dämlich stellen und Marx und Engels hier verteidigen, obwohl sie ganz offensichtlich mit System und Routine als Spalter und Saboteure und Streithansl in der politischen Szene unterwegs waren.

Die immer einmal wieder in diesem Zusammenhang erwähnten, im gleichen Jahr 1845 verfassten „Thesen über Feuerbach“ sind das schon bei anderen Gelegenheiten strapazierte hegelsche Geschwurbel; um nur die erste „These“ zu zitieren:

Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus - der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt - entwickelt.

Feuerbach will sinnliche - von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im "Wesen des Christenthums" nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der "revolutionären", "der praktisch-kritischen" Tätigkeit.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me03_005.htm

Leider hat Marx es dann doch nicht verstanden, seine Leser über die genaue Bedeutung der praktisch-kritischen Tätigkeit in der Dialektik des Verhältnisses von Subjekt und Objekt an sich und für sich in der subjektiven Praxis aufzuklären, um einmal zu zeigen, wie beliebig man derartigen Unsinn weiter zu spinnen vermag.

Das sind also die beiden Leuchten, an die geschäftstüchtige Verleger ihr Geld verschwendet haben sollten, in ihrer ganzen sinnlich-menschlichen Tätigkeit in der Form leerer Worte und aufbauschenden Geschwafels. Vielleicht fehlte den beiden ja auch ganz subjektiv jede persönliche Erfahrung mit der menschlich-sinnlichen Tätigkeit der wirklichen Arbeit in der Praxis.

Andererseits ist es unübersehbar, wie wirkungsvoll Marx und Engels mit ihren ausgeklügelten dogmatischen Streitereien die oppositionellen Gruppierungen und Freundeskreise verwirrt und lahmgelegt und auseinandergetrieben, den vielfältigen regierungskritischen Publikationen ein jähes Ende bereitet haben. Etwas dem Vergleichbares war durch die üblichen Maßnahmen von Zensur und Polizeiapparat nicht zu erreichen.

Hellmann
29.09.2008, 14:56
Der Bruch mit Weitling und Proudhon


Die Bedeutung der Handwerksgesellen für die Entstehung und Verbreitung der ersten sozialistischen Ideen hängt mit der alten Tradition der Wanderjahre zusammen.

Seit dem Spätmittelalter war die Zeit der Wanderschaft für deutsche Handwerker eine wichtige Voraussetzung für die spätere Meisterprüfung. Die Gesellen lernten bei ihren abwechselnden Meistern die verschiedenen Techniken ihres Handwerks und dessen unterschiedliche Traditionen in den verschiedenen Ländern, da auch der Aufenthalt im Ausland ein wichtiger Teil der Wanderzeit und der damit verbundenen Kenntnisse von fremden Ländern und allgemeiner Lebenserfahrung war.

Auf der Walz kamen die Gesellen in Kontakt mit politischen Emigranten, deren Ideen über die Wandergesellen wieder zurück nach Deutschland neue Anhänger fanden. Dem kam noch der Umstand zugute, dass die Gesellen überall organisiert waren, so dass die Neuankömmlinge durch die bereits länger Anwesenden Hilfen und Informationen bekamen und dabei eine gewisse Tradition schon bestand, sich insgeheim zu organisieren und auch Informationen auszutauschen, von denen etwa die Meister nichts erfahren sollten; der beste Nährboden für die frühen sozialistischen Ideen und erste sozialistische Geheimbünde.

Wilhelm Weitling(1808-1871) war ein Schneidergeselle auf der Walz und schloß sich 1836 in Paris dem „Bund der Geächteten“ an. Diese 1834 entstandene frühsozialistische Organisation hatte ihren Namen daher, dass der 1832 von deutschen Emigranten und Handwerkern gegründete „Deutsche Volksverein“ 1834 in Frankreich verboten wurde. Der Bund mit etwa 500 Mitgliedern forderte soziale und politische Befreiung:

„Befreiung Deutschlands vom Joch schimpflicher Knechtschaft und Begründung eines Zustandes, der, soviel als menschliche Voraussicht vermag, den Rückfall in Knechtschaft verhindert. Die Erreichung dieses Hauptzweckes ist nur möglich bei Begründung und Erhaltung der sozialen und politischen Gleichheit, Freiheit, Bürgertugend und Volkseinheit, zunächst in den der deutschen Sprache und Sitte angehörenden Landesgebieten, sodann aber auch bei allen übrigen Völkern des Erdbodens"
http://de.wikipedia.org/wiki/Bund_der_Ge%C3%A4chteten

Unter dem Einfluss von Wilhelm Weitling spalteten sich 1836 etwa 400 Mitglieder in einen neuen „Bund der Gerechten“ ab, der weniger konspirativ, dafür stärker programmatisch und agitatorisch ausgerichtet war.

Mit seiner stark an christlichen Gerechtigkeitsvorstellungen orientierten Schrift „Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein sollte“ wurde Wilhelm Weitling der weithin bekannte und gerühmte Wortführer dieser Organisation.

Online hier nachzulesen: http://www.marxists.org/deutsch/referenz/weitling/1838/mensch/index.htm

Wegen seiner Beteiligung an dem von Auguste Blanqui 1839 geführten Aufstand gegen den „Bürgerkönig“ – „Roi Bourgeois“, also „König der Bourgeoisie“ trifft seinen bekannten Spruch „Enrichissez-vous“ eher - Louis-Philippe, der erst 1848 gestürzt wurde, musste 1839 die Zentrale des Bundes nach London verlegt werden.

Weitling vertrat im Gegensatz zur Genossenschaftsbewegung und den Franzosen Saint-Simon und Fourier einen eher klassenkämpferischen Standpunkt, nach dem die Interessen der Arbeiter und des Bürgertums unvereinbar seien und die politische Aufklärung der Arbeiter die Basis für die Durchsetzung ihrer Interessen sein würde.

Das klingt nach Marx und Engels, aber eben nicht nach weltfremd sinnlosen und hirnerweichend endlosen Theoriegeschwülsten wie „Dialektischer Materialismus“ und „Wertformanalyse“, womit die politische Aufklärung der Arbeiter wirkungsvoll sabotiert werden konnte.

Drei Jahre als Agitator und Organisator in der Schweiz waren die erfolgreichste Zeit Weitlings, bis mit dem Jahr 1844 die Repressionen gegen ihn und seinen Arbeiterbund einsetzen.

Die Ankündigung seiner nächsten Schrift brachte Weitling dann nicht nur die Verfolgung durch die Zürcher Polizei und die Verurteilung zu fast einem Jahr Gefängnis im ersten Kommunistenprozeß der Geschichte ein – sie fand und findet auch fast durchgängig die Mißbilligung der marxistischen Historiker. Die nehmen ihm übel, daß er unter dem Titel "Das Evangelium der armen Sünder" ans religiöse Gefühl appellierte und die Bibel kommunistisch interpretierte. Sie entdecken darin ein Abgleiten in den Irrationalismus, einen Wirklichkeitsverlust, der sich in den folgenden Jahren verstärkte. Manche Historiker sehen in Weitling gar einen Fall für die Psychiatrie. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, war jedenfalls nichts mehr mit ihm anzufangen, und das war im wesentlichen seine Schuld – so, pointiert formuliert, das immer noch vorherrschende Bild.
Tatsächlich dürfte Weitling nach seiner Haftentlassung zunächst Schwierigkeiten gehabt haben, mit der veränderten Situation zurechtzukommen. Zwar wurde er auf einem Meeting in London am 22. September 1844 als "Führer der deutschen Kommunisten" herzlich begrüßt. Doch die Diskussionen, die er bald darauf im Londoner Arbeiterbildungsverein führte, zeigten, daß seine Führungsrolle längst nicht mehr so unangefochten war, wie noch zwei Jahre zuvor…
http://www.hamarsiske.de/Artikel/Weitling-soz.html

Wir werden gleich an einigen Aussagen Weitlings zeigen, wie klar seine Sicht der Dinge im Gegensatz zu allen marxistischen Verleumdungen war.

Dass die Arbeiterbewegung an die sozialen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Menschenliebe der Heiligen Schriften anknüpft, musste das Besitzbürgertum wirklich fürchten, wie das Vorgehen gegen Weitling in der Schweiz beweist. Der marxistische Materialismus, der den Menschen als eine verbesserte Art von Maschine auffassen will, war dem Volk kaum zu vermitteln. Das Besitzbürgertum kannte genau die Leute, die ihm und seinen Interessen gefährlich werden konnten:

Weitling und Proudhon waren in den Tiefen der Arbeiterklasse geboren, gesunde und kräftige Naturen, reich begabt und von den Umständen so begünstigt, daß es ihnen wohl möglich gewesen wäre, zu jenen seltenen Ausnahmen zu gehören, von denen sich die Spießbürgerweisheit nährt, daß jedem Talent der arbeitenden Klasse der Aufstieg in die Reihen der besitzenden Klasse eröffnet sei. Beide haben diesen Weg verschmäht und freiwillig die Armut erwählt, um für ihre Klassen- und Leidensgenossen zu kämpfen.
Stattliche Männer, voll markiger Kraft, wie geschaffen für jeden Genuß des Lebens, legten sie sich die härtesten Entbehrungen auf, um ihren Zielen zu folgen. »Ein schmales Nachtlager, oft zu dreien im engen Zimmer, ein Stück Brett als Schreibtisch und mitunter eine Tasse schwarzen Kaffees« - so lebte Weitling, als sein Name bereits die Großen der Erde schreckte, und ähnlich hauste Proudhon, als sein Name schon europäischen Ruf hatte, »gekleidet in ein gestricktes wollenes Wams und an den Füßen die klappernden Holzschuhe«, in seinem Pariser Kämmerchen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Die warteten auch vergebens auf hohe „Spenden“ freigiebiger Freunde und hohe Verlegervorschüsse, obwohl sie im Gegensatz zu Marx die bevorschussten Bücher dann wohl abgeliefert hätten. Solche Männer waren eine klar erkannte Gefahr.

Gemeinsam war ihnen vor allem ihr Ruhm und ihr Verhängnis. Sie waren die ersten modernen Proletarier, die den historischen Beweis des Geistes und der Kraft lieferten, den historischen Beweis, daß die moderne Arbeiterklasse sich selbst befreien könne, die zuerst den fehlerhaften Kreis zerbrachen, worin sich Arbeiterbewegung und Sozialismus bewegten. Insoweit haben sie Epoche gemacht, insoweit ist ihr Schaffen und Wirken vorbildlich gewesen, hat es befruchtend auf die Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus gewirkt. Niemand hat die Anfänge Weitlings und Proudhons mit reicherem Lobe überschüttet als Marx.(Mehring, ebenda)

Anfangs 1846 hatten Marx und Engels das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ in Brüssel, London und Paris gegründet, mit dem sie Verbindung zum „Bund der Gerechten“ und dessen Wortführern wie Weitling und Schapper aufnehmen konnten.

Das Brüsseler Komitee bildete gewissermaßen die Zentrale der Korrespondenz-Komitees, in ihm waren zum Beispiel Karl Marx, Wilhelm Wolff und Joseph Weydemeyer tätig. Zwischen Mai und Juni 1846 entstand ein weiteres Komitee in London, gebildet unter anderem von Joseph Maximilian Moll und Karl Schapper. Im August 1846 begab sich Engels nach Paris und bildete dort das Pariser Komitee, um im Auftrag des Brüsseler Komitees die Vorstellungen der Komitees unter dem „Bund der Gerechten“ zu verbreiten.

Auf den Londoner Konferenzen 1847, auf der sich der „Bund der Kommunisten“ formierte, für den Marx später das „Kommunistische Manifest“ verfasste, waren alle Komitees anwesend, für Paris Engels und für Brüssel Wolff.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistisches_Korrespondenz-Komitee

Kaum gegründet, dient das sogenannte Korrespondenz-Komitee von Marx und Engels gleich dem wichtigsten Ziel der Spaltung der Bewegung:

Ende März 1846 üben Marx und Engels in einer Sitzung des Brüsseler Komitees Kritik am „wahren Sozialismus“ Karl Grüns und am „Handwerks-Kommunismus“ von Wilhelm Weitling, der an der Sitzung teilnimmt, und mit dem es daraufhin zum Bruch kommt. Ebenso distanziert sich Moses Hess von ihnen, neben Marx und Engels ein Mitautor der Schrift „Die deutsche Ideologie“.
(wiki, ebenda)

Ein Brief von Weitling an Moses Hess vom 31. März 1844 dokumentiert den Ablauf der Sitzung und die Hintergründe und kann im Internet (wenn auch in englischer Übersetzung, Link folgt unten) nachgelesen werden.

Franz Mehring muß die Ereignisse hier gewaltig entstellen:

Seine Übersiedelung nach Brüssel war immerhin das Gescheiteste, was er tun konnte, denn wenn er geistig noch zu retten war, so war Marx der Mann, ihn zu heilen. Daß Marx ihn in gastlichster Weise willkommen geheißen hat, ist nicht nur von Engels bezeugt, sondern auch von Weitling selbst anerkannt worden. Aber eine geistige Verständigung erwies sich als unmöglich; in einer Versammlung Brüsseler Kommunisten, die am 30. März 1846 stattfand, stießen Marx und Weitling heftig aufeinander; daß Marx von Weitling aufs empfindlichste gereizt worden war, berichtet Weitling selbst in einem Brief an Heß.
(Mehring, ebenda)

Tatsache war, dass Marx den Wilhelm Weitling, dessen Schriften er ja gut genug kannte und bisher zur Täuschung und Umgarnung Weitlings und dessen Anhängerschaft zuhöchst gelobt hatte, jetzt mit einem Beschluss zur „richtigen“ Propaganda kommunistischer Vorstellungen gegen seine eigenen Positionen einschwören wollte.

Ich zitiere hier mal aus der englischen Übersetzung (Weitling an Hess):

1. An examination must be made of the Communist party.

2. This can be achieved by criticizing the incompetent and separating them from the sources of money.

3. This examination is now the most important thing that can be done in the interest of communism.

4. He who has the power to carry authority with the moneyed men also has the means to displace the others and would probably apply it.

5. “Handicraft communism” and “philosophical communism” must be opposed, human feeling must be derided, these are merely obfuscations. No oral propaganda, no provision for secret propaganda, in general the word propaganda not to be used in the future.

6. The realization of communism in the near future is out of the question; the bourgeoisie must first be at the helm.

7. Marx and Engels argued vehemently against me.
Weydemeyer spoke quietly. Gigot and Edgar did not say a word. Heilberg opposed Marx from an impartial viewpoint, at the very end Seiler did the same, bitterly but with admirable calm. I became vehement, Marx surpassed me, particularly at the end when everything was in an uproar, he jumping up and down in his office. Marx was especially furious at my resume. I had said: The only thing that came out of our discussion was he who finds the money may write what he pleases....

That Marx and Engels will vehemently criticize my principles is now certain. Whether or not I will be able to defend myself as I would like to do, I don’t know. Without money Marx cannot criticize and I cannot defend myself; nevertheless, in an emergency it may not matter that I have no money.
http://marx.org/archive/marx/works/1847/communist-league/1846let1.htm

Auf der Sitzung waren außer Marx und Engels noch dessen Schwager Edgar, der Bruder der Jenny Marx, anwesend, Pavel Annenkov, ein schweigsamer Russe, Joseph Weydemeyer, dessen gutmütige Unterstützung für die Publikation und Finanzierung des oben schon besprochenen, missratenen Werkes von Marx und Engels ihm bald besonders von Engels mit bösen Bemerkungen gedankt wurde, und drei weitere Personen, von denen einer, Sebastian Seiler, anscheinend von Marx und Engels vorgeschoben worden war, um die Streitfrage dieses Abends auf den Tisch zu bringen.

Wenn man den Brief Weitlings liest, kann man über seine klare Sicht der Machenschaften von Marx und Engels nur staunen angesichts seiner schwierigen persönlichen Lage – er war nämlich finanziell auf Zuwendungen von Marx selber angewiesen und es ging ja eben darum, dass eine Absage an jeglichen „Handwerkerkommunismus“ die Bedingung weiterer finanzieller Unterstützung sein sollte, was aber eben dieser Sebastian Seiler vorbringen musste.

Außerdem wurde die Unterstützung der Bourgeoisie gefordert, weil eine Revolution durch das Proletariat derzeit noch nicht zu erwarten sei.

Weitling war nicht bereit, seine Überzeugungen für Geld zu verraten:

In Marx’s brain, I see nothing more than a good encyclopaedia, but no genius. His influence is felt through other personalities. Rich men made him editor, voila tout. Indeed, rich men who make sacrifices have a right to see or have investigations made into what they want to support.
(ebenda)


Kurz darauf sollte Weitling von Marx und Konsorten dazu gebracht werden, ein „Zirkular“ gegen Hermann Kriege zu unterschreiben, der einst von Engels an Marx empfohlen worden war, als der sich vergebens um Feuerbach bemüht hatte, dem ja nur dieselben Fallen gestellt werden sollten.

… Einstweilen schickte er Hermann Kriege, einen Schüler Feuerbachs, als »famosen Agitator« an Marx.
(Mehring, ebenda)

Dieser „famose Agitator“ war inzwischen in den USA aktiv geworden und man wollte ihm die Möglichkeit nehmen, sich dort auf Gesinnungsfreunde in Europa zu berufen, man wollte ihn also diskreditieren.

Mehring stellt diese neuerliche Sauerei von Marx und Engels gegen einen ehemaligen Mitstreiter, in die man Wilhelm Weitling hinein zu ziehen beabsichtigte, als einen von Weitling betriebenen Bruch dar:

Wenige Tage darauf trieb es Weitling aber zum unheilbaren Bruch. Die amerikanische Propaganda Krieges hatte nicht die Hoffnungen erfüllt, die auch von Marx und Engels auf sie gesetzt worden waren. Der »Volks-Tribun«, eine Wochenschrift, die Kriege in New York herausgab, trieb in kindisch-pomphafter Weise eine phantastische Gefühlsschwärmerei, die mit kommunistischen Grundsätzen nichts zu tun hatte und die Arbeiter im höchsten Grade demoralisieren mußte. Noch schlimmer war, daß Kriege in grotesken Bettelbriefen von amerikanischen Millionären einige Dollars für sein Blatt zu schnappen suchte. Dabei gebärdete er sich als literarischer Vertreter des deutschen Kommunismus in Amerika, so daß für dessen wirkliche Vertreter aller Anlaß vorlag, gegen diese kompromittierende Gemeinschaft zu protestieren.

Einen solchen Protest unter eingehender Begründung in einem Rundschreiben an ihre Gesinnungsgenossen zu erheben und zunächst an Krieges Blatt zur Veröffentlichung einzusenden, beschlossen am 16. Mai Marx, Engels und ihre Freunde. Einzig und allein Weitling schloß sich aus unter nichtssagenden Vorwänden: »Der Volks-Tribun« sei ein kommunistisches Organ, das den amerikanischen Verhältnissen vollkommen entspreche; die kommunistische Partei habe in Europa so mächtige und zahlreiche Feinde, daß sie ihre Waffen nicht nach Amerika zu richten brauche, und am wenigsten gegen sich selbst. Daran ließ sich Weitling aber nicht genügen, sondern richtete noch einen Brief an Kriege, um ihn vor den Protestierenden als »ausgefeimte Intriganten« zu warnen. »Im Kopfe der ungeheuren geldbeschwerten Ligue von vielleicht zwölf oder zwanzig Mann spukt nichts als Kampf gegen mich Reaktionär. Ich kriege zuerst den Kopf heruntergeschlagen, dann die andern und zuletzt ihre Freunde und ganz zuletzt schneiden sie sich selbst den Hals ab ... Und diesem Treiben öffnen sich jetzt ungeheure Summen, für mich aber kein Verleger. Ich stehe von dieser Seite ganz allein mit Heß, aber Heß ist wie ich in die Acht erklärt.« Nunmehr gab auch Heß den verblendeten Mann auf.

Kriege druckte den Protest der Brüsseler Kommunisten ab, der danach auch von Weydemeyer im »Westphälischen Dampfboot« wiedergegeben wurde, fügte aber den Brief Weitlings oder doch dessen ärgste Stellen als Gegengift bei und veranlaßte die Sozialreform-Assoziation, eine deutsche Arbeiterorganisation, die seine Wochenschrift zu ihrem Organ erkoren hatte, Weitling als Redakteur zu berufen und ihm das nötige Reisegeld zu senden. So verschwand Weitling aus Europa.
(Mehring, ebenda)

Dass Hess den angeblich „verblendeten Mann“ aufgegeben habe, muß nicht viel besagen, weil Moses Hess von Marx gleich weiter bekämpft wurde, aber vielleicht eine Verständigung auf Kosten des in die USA emigrierten Weitling erhofft hatte.

Nach einem von Raddatz zitierten Bericht des oben erwähnten schweigsamen Russen Pavel Annenkow gab es im Hause der Familie Marx noch eine weitere Sitzung mit Angriffen auf Weitling:

Engels hatte seine Rede noch nicht beendet, als Marx den Kopf hob und sich direkt an Weitling mit der Frage wandte: >Sagen Sie uns doch, Weitling, der Sie mit Ihren kommunistischen Predigten in Deutschland so viel Lärm gemacht und der Sie so viele Arbeiter gewonnen haben, die dadurch Arbeit und Brot verloren, mit welchen Gründen rechtfertigen Sie ihre revolutionäre und soziale Tätigkeit, und worauf denken Sie dieselbe in Zukunft zu gründen?< Ich erinnere mich sehr genau an eben diese Form der schroffen Frage, weil mit ihr in dem kleinen Kreise eine heftige Diskussion begann, die übrigens, wie sich gleich zeigen wird, nicht lange andauerte…
...
Röte stieg in den bleichen Wangen Weitlings auf, und seine Sprache wurde lebhaft und frei. Mit vor Erregung zitternder Stimme begann er zu beweisen…daß er, Weitling, sich den heutigen Angriffen gegenüber mit der Erinnerung an jene Hunderte von Briefen und Erklärungen der Dankbarkeit tröste, die er aus allen Teilen seines Vaterlandes erhalten habe, und daß vielleicht seine bescheidene Vorbereitungsarbeit wichtiger für die gemeinsame Sache sei als die Kritik und die Kabinettsanalysen von Lehren, die von der leidenden Welt und den Drangsalen des Volkes weit entfernt seien. Bei den letzten Worten schlug Marx, nun vollends wütend geworden, mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Lampe darauf klirrte und ins Schwanken geriet, und aufspringend rief er >Niemals noch hat die Unwissenheit jemandem genützt!<
Raddatz, a.a.O. S. 96/97

Hellmann
29.09.2008, 15:05
Nach dem gleichen Schema musste gleich noch der ebenfalls wie Weitling berühmte und gefährliche Pierre Joseph Proudhon bekämpft werden, der daran aber auch selber die Schuld hatte, wie uns Mehring versichert.

In denselben Maitagen bahnte sich auch der Bruch zwischen Marx und Proudhon an. Um dem Mangel eines eigenen Organs zu steuern, halfen sich Marx und seine Freunde mit gedruckten oder lithographierten Rundschreiben wie im Falle Krieges; daneben aber bemühten sie sich, ständige Korrespondenzverbindungen zwischen den Hauptorten herzustellen, wo Kommunisten saßen. Solche Korrespondenzbüros gab es in Brüssel und in London, und auch in Paris sollte eins eingerichtet werden. Marx hatte an Proudhon geschrieben und um dessen Beteiligung ersucht. Proudhon sagte zwar zu, in einem aus Lyon vom 17. Mai 1846 datierten Briefe, wenn er auch weder oft noch viel zu schreiben versprechen konnte. Aber er benutzte zugleich die Gelegenheit, eine große Moralpauke an Marx zu richten, die diesem die Kluft offenbaren mußte, die sich zwischen beiden aufgetan hatte.

Proudhon bekannte sich jetzt zu einem fast absoluten »Anti-Dogmatismus« in ökonomischen Fragen. Marx solle nicht in den Widerspruch seines Landsmanns Martin Luther fallen, der nach dem Umsturz der katholischen Theologie sich sogleich unter großem Aufwand von Anathemen und Exkommunikationen darangemacht habe, eine protestantische Theologie zu gründen. »Schaffen wir dem menschlichen Geschlechte nicht neue Arbeit durch neuen Wirrwarr, geben wir der Welt das Beispiel einer weisen und weitsichtigen Duldung, spielen wir uns nicht als die Apostel einer neuen Religion auf, und sei es selbst die Religion der Logik und der Vernunft.« Proudhon wollte also, ganz ähnlich wie die »wahren« Sozialisten, die gemütliche Konfusion erhalten, deren Beseitigung für Marx die erste Vorbedingung einer kommunistischen Propaganda war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Da hatte also der guten Marx mit seiner „Wertformanalyse“ noch gar nicht begonnen, als Leute wie Proudhon schon den Braten rochen und vor unsinnigem Dogmatismus und theoretischem Wirrwarr in den Reihen der Sozialisten warnten, was Mehring auf das Schärfste verurteilte.

Jedenfalls waren die Umstände für die marxistische Kontraagitation so schwierig geworden, dass Friedrich Engels im August 1844 selber nach Paris umsiedeln musste, um für die „richtigen Informationen“ zu sorgen, wie Mehring meint:

Das Treiben Grüns mußte um so schlimmeren Argwohn erwecken, und es hing damit zusammen, wenn auch noch andere Beweggründe dazukamen, daß sich Engels im August 1846 entschloß, zeitweise nach Paris zu übersiedeln und die Berichterstattung aus dieser Stadt zu übernehmen, die für die kommunistische Propaganda immer noch der wichtigste Ort war. Über den Bruch mit Weitling, über die westfälische Verlagsgeschichte und was sonst noch diesen oder jenen Staub aufgewirbelt haben mochte, mußten die Pariser Kommunisten unterrichtet werden, zumal da sie an Ewerbeck keinen festen Halt hatten und noch viel weniger an Bernays.

Anfangs lauteten die Berichte, die Engels teils an das Brüsseler Korrespondenzbüro, teils an Marx persönlich erstattete, noch ganz hoffnungsvoll, aber nach und nach ergab sich doch, daß Grün die Sache gründlich »versaut« hatte. Und als Proudhons im Herbst erscheinende Schrift in der Tat nur den Weg in die Sümpfe verfolgte, die sein Brief bereits angedeutet hatte, so ließ Marx die Geißel darauf fallen, gemäß dem Wunsche Proudhons, aber ohne daß dieser sein Versprechen einer Revanche anders eingelöst hätte als durch einige grobe Schimpfworte.
(Mehring, ebenda)

Bei der „westfälischen Verlagsgeschichte“ hatten sich die zuerst von Weydemeyer zur Zahlung von Vorschüssen an Marx bequatschten zwei mit kommunistischen Vorstellungen sympathisierenden Kapitalisten schließlich geweigert, die Marxschen Streitereien noch länger zu finanzieren.

Davon unbeeindruckt wird Karl Marx sein nächstes großes Buch gegen Proudhon und dessen Ideen schreiben und man kann es hier lesen:

Karl Marx

Das Elend der Philosophie
Antwort auf Proudhons "Philosophie des Elends"

Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky
Mit Vorwort und Noten
von
Friedrich Engels

http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_063.htm

Es wurde von Dezember 1844 bis April 1847 geschrieben, dann allerdings erst 1885 erstmalig veröffentlicht. Es hätte Proudhon aber auch schon vorher nicht groß schaden können. Man kann das ja selber leicht beurteilen.

Pierre Joseph Proudhon stammte aus armen Verhältnissen und war einer der ersten Anarchisten.

Er war Sohn eines Küfers und einer Küchenmagd und arbeitete bis zu seinem zwölften Geburtstag als Ochsenhirt. Durch ein Stipendium wurde ihm der Schulbesuch ermöglicht, er musste diesen aufgrund Geldmangels aber trotzdem frühzeitig beenden. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers und bildete sich als Autodidakt weiter. Als er nach Paris ging, wurde er zum Verfasser vieler Schriften auf den Gebieten des Sozialismus und der Politischen Ökonomie, wobei er u.a. mit Karl Grün, Arnold Ruge und dem Sohn von Fichte und in Paris mit den Mitgliedern der Sociéte´d'Économie Politique (Sekretär: Garnier) verkehrte. Sein späterer Verleger Guillaumin hatte 1841 die Zeitschrift Journal des Économistes gegründet.
http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Joseph_Proudhon

Sein „Eigentum ist Diebstahl“ wurde zum geflügelten Wort.

Qu'est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (1840)

In dieser Schrift zieht Proudhon den Schluss: Eigentum ist Diebstahl (gemeint ist Privateigentum als Privileg oder Monopol, im Sinn von: „Solange Eigentum Privilegien birgt, solange bedeutet privilegiertes - also erpresserisches - Eigentum Diebstahl“). Man dürfe außer den persönlichen Arbeitsmitteln lediglich diejenigen Güter besitzen, die man durch eigene oder kollektive Arbeit hergestellt oder im Tausch dafür erworben hat. Ausbeutung der Arbeitskraft anderer gehöre unterbunden, um die daraus resultierende Kapitalanhäufung und Machtkonzentration zu verhindern. Die Gesellschaft soll sich auf dem freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten („fédéralisme“), also einem herrschaftsfreien System ('Anarchie'), ohne Staat und Kirche, gründen.

Proudhon war einer der ersten, den Begriff Anarchie positiv zu wenden. „Anarchie“ definiert Proudhon ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes als „Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns“; „das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern (…) wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in der Anarchie.“
(ebenda)

Konnten Marx und Engels der Wirkung von Proudhon zu dessen Lebzeiten noch wenig anhaben, so gelang es doch den späteren Marxisten, das geistige Erbe der frühen Sozialisten und Anarchisten zu unterdrücken und zu verdrängen.

Hellmann
30.09.2008, 21:39
Der Bund der Kommunisten


Nachdem mit Wilhelm Weitling der führende Kopf und Ideengeber des Handwerker-Kommunismus ausgeschaltet und in die USA vertrieben werden konnte, war das nächste Ziel von Marx und Engels, die gesamte Organisation dieser Handwerker unter ihre Kontrolle zu bringen, also den einst von Weitling gegründeten Bund der Gerechten zu übernehmen.
Den historischen Darstellungen heute sieht man die wirklichen Vorgänge kaum mehr an; man muss es schon zwischen den Zeilen lesen und sich denken können.

Der Bund der Kommunisten war eine 1847 in London unter wesentlichem Einfluss von Karl Marx und Friedrich Engels als Geheimbund gegründete revolutionär-sozialistische Vereinigung mit internationalem Anspruch…

Der zuvor existierende Bund der Gerechten war bereits 1836 in Paris auf Initiative des nach Frankreich emigrierten Schneidergesellen Wilhelm Weitling aus dem seit 1834 bestehenden Geheimbund Bund der Geächteten hervorgegangen. Unter Weitlings Führung hatte der bis dahin eher von kleinbürgerlichen Intellektuellen geprägte Bund eine frühe revolutionär-sozialistische und proletarische Ausrichtung erhalten.

Die Umbenennung des Bundes der Gerechten in Bund der Kommunisten war das Ergebnis zweier Kongresse im Jahr 1847, bei denen die im selben Jahr dem Bund beigetretenen Karl Marx und Friedrich Engels zusammen mit Wilhelm Wolff ihre Erkenntnisse einbrachten, und damit eine inhaltliche Neuausrichtung des Bundes einleiteten.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bund_der_Kommunisten

Jedenfalls kamen die beiden Intriganten Marx und Engels durch die Unterwanderung und Übernahme von Weitlings Handwerkerorganisation plötzlich zu so etwas wie einer politischen Basis unter den Arbeitern.

Die meisten der etwa 500 Mitglieder des Bundes der Kommunisten waren aus den deutschen Staaten emigrierte beziehungsweise wegen ihrer politischen Haltung ausgewiesene Handwerkergesellen, die sich aufgrund der repressiven politischen Verhältnisse während der Zeit der Restauration zwischen 1815 und 1848 ins Ausland abgesetzt hatten. Die in den deutschen Fürstentümern verbliebenen oder zurückgekehrten Bundesmitglieder versuchten, verschiedene regionale Arbeitervereine aufzubauen.
(wiki, ebenda)

Ganz so einfach hat sich die Übernahme und Umfirmierung des über die Jahre schon traditionsreichen und bekannten Handwerkerbundes mit der Verdrängung volksnaher und pragmatischer Agitation für sozialistische Ideen durch hegelsche Dogmatik und ökonomische Hirnweberei um die Arbeitswerttheorie allerdings nicht abgespielt.

Die Maßnahmen gegen Weitling und Kriege hatten 1846 in London das Misstrauen geweckt:

Das Londoner „Kommunistische Korrespondenzbüro“, das sich unter Schappers und Molls Leitung aus dem „Bund der Gerechten“ entwickelt hatte, beargwöhnte, „daß Ihr [im] Sinne hättet, eine Art Gelehrten-Aristokratie zu gründen und das Volk von Eurem neuen Göttersitz herab zu regieren“. Und einen Monat später heißt es noch energischer: „…Ihr Brüsseler Proletarier besitzt diese verdammte Gelehrten-Arroganz noch in einem hohen Grade; das zeigt Euer Auftreten gegen Kriege…“

Engels warnte vor einem offiziellen Bruch mit den Londonern, weil ihre eigene winzige Gruppe kaum den Kampf gegen diese mehrere hundert Mann aufnehmen könnte, die in der deutschen Presse als keineswegs ohnmächtige kommunistische Gesellschaft notiert würde.
Raddatz, a.a.O. S. 98

Raddatz entblödet sich natürlich nicht, gleich darauf folgend die „politische Begabung“ von Marx zu rühmen, mit der dieser nun die endgültige Übernahme des Bundes betreibt.

Dessen Londoner Mitglieder ahnten zudem nicht, womit sie es hier zu tun haben, sondern halten den Marx und seinen Engels für überdrehte Gelehrte, von deren Weltfremdheit dann ja nicht viel zu fürchten wäre, statt für zielgerichtet operierende feindliche Agenten, die ihren Bund aufrollen sollen.

Die Darstellung von Raddatz ist in einem weiteren wichtigen Punkt irreführend: das Korrespondenzbüro in London hatte sich natürlich nicht aus dem „Bund der Gerechten“ in London „entwickelt“, sondern war wie das gleichnamige Korrespondenzbüro in Brüssel und der weitere Ableger in Paris von Marx und Konsorten gegründet worden, um den „Bund der Gerechten“ damit ein- und zuletzt abzuwickeln.

Marx gebrauchte für sein Vorhaben nicht nur seine „politische Begabung“, sondern auch einige Mitstreiter, ohne die das nicht geklappt hätte.

Der Karl Schapper in London war kein Handwerker, sondern ein schon am Frankfurter Wachensturm beteiligter Burschenschaftler, der später bei Guiseppe Mazzinis Savoyenfeldzug mitgemacht hatte und ebenso bei Mazzinis Gruppe des „Jungen Deutschland“. Auf Mazzini werden wir später noch eingehender kommen, wenn es um die Agitation des Marx gegen den Lord Palmerston und seinen Agentenführer Mazzini geht.

Vermutlich hatte Karl Schapper in London auch für die Probleme gesorgt, die den nach seiner Haftzeit in der Schweiz nach London gekommenen Weitling nach Brüssel in die Arme von Marx getrieben hatten. Bis auf eine kurze Ausnahme blieb Karl Schapper dem Karl Marx ein treuer Gehilfe:

Schapper zeigte sich vom Scheitern der Revolution massiv enttäuscht und zog sich wieder nach London zurück. Hier verdingte er sich beinahe mittellos als Sprachlehrer und zerstritt sich aufgrund unterschiedlicher Ansichten mit Karl Marx. Nach einer Versöhnung im Jahre 1856 arbeitete Schapper im Londoner Arbeiterbildungsverein und wurde 1865 zum 1. Generalrat der Zentrale der ersten Sozialistischen Internationale gewählt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schapper_(Arbeiterf%C3%BChrer)

Der von Raddatz als Leiter des Londoner Korrespondenzbüros genannte Joseph Maximilian Moll war auch ein zuverlässiger Mitstreiter von Marx.

Nach dem Abschluss einer Uhrmacherlehre wanderte Moll durch verschiedene europäische Staaten. Auf diesen Reisen traf er auf zahlreiche deutsche Arbeitervereine. So trat er 1834 dem in der Schweiz beheimateten Geheimbund Junges Deutschland bei. 1836 wurde er in Paris Mitglied des Bundes der Gerechten, bevor er 1839 nach England ging, wo er 1840 zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Arbeiterbildungsvereins gehörte. 1846 wurde er dann zum Mitglied der Zentralbehörde des Bundes der Gerechten und 1847 wählte man ihn in London in die zentrale Leitung des Bundes der Kommunisten.

Wie zahlreiche andere Mitstreiter kehrte Moll in den Revolutionswirren der Jahre 1848 und 1849 nach Deutschland zurück. In Köln wirkte er 1848 als Nachfolger von Andreas Gottschalk als Präsident des Kölner Arbeiterverein und trieb die marxistische Ausrichtung des Vereins voran.
http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Maximilian_Moll

Der „Geheimbund Junges Deutschland“ war die oben erwähnte Organisation des Mazzini, der auch Schapper angehört hatte. Die Übernahme des „Kölner Arbeitervereins“ des Kölner Armenarztes Andreas Gottschalk nach dessen Verhaftung durch Schapper und Moll und im Oktober 1848 durch Karl Marx selbst wird später noch behandelt. Moll fiel im Juni 1849 im Badisch-Pfälzischen Aufstand.

In Brüssel hatte Marx ab Januar 1847 noch die „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ zu seiner Verfügung.

Das Blatt wurde seit Beginn des Jahres zweimal wöchentlich von jenem Adalbert von Bornstedt herausgegeben, der ehedem den »Vorwärts!« Börnsteins redigiert und im Solde der österreichischen wie preußischen Regierung gestanden hatte. Diese Tatsache ist heute aus den Berliner wie Wiener Archiven bekannt geworden und kann keinem Zweifel unterliegen; es fragt sich höchstens, ob Bornstedt sein Spitzeln noch in Brüssel fortgesetzt hat.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Franz Mehring erledigt seine Aufgabe wirklich mit Humor. Wenn Adelbert von Bornstedt kein Regierungsagent mehr gewesen wäre, wovon sollte er dann die "Deutsche-Brüsseler-Zeitung" finanziert haben? Wenn ich die Marx-Biographie so lese, dann hat der Autor Mehring uns zwischen den Zeilen alle nötigen Informationen geliefert, jedoch selber in seinen Kommentaren immer den Einfältigsten aller Esel geheuchelt.

Verdacht hat damals auch gegen ihn bestanden, aber er wurde niedergeschlagen durch die Denunziationen, mit denen die preußische Gesandtschaft in Brüssel das Blatt Bornstedts bei den belgischen Behörden verfolgte. Das konnte freilich auch nur ein Augenverblenden sein, um Bornstedt bei den revolutionären Elementen zu beglaubigen, die sich in Brüssel gesammelt hatten; in der Wahl der Mittel für ihre erhabenen Zwecke sind die Verteidiger von Thron und Altar ohne alle Bedenken.
(Mehring, ebenda)

Das gleiche Spiel hat die preußische Regierung ja auch in der Angelegenheit Karl Marx betrieben und immer wieder von den belgischen Behörden seine Ausweisung gefordert. Das muss zur Täuschung der Zielgruppe geschehen.

Marx hat jedenfalls an eine Judasrolle Bornstedts nicht geglaubt. Er meinte, dessen Blatt habe trotz seiner vielen Schwächen immer einiges Verdienstliche; finde man es nicht genügend, so solle man es genügend machen, statt des bequemen Vorwandes, an dem Namen Bornstedt Anstoß zu nehmen. Bitter genug schrieb Marx am 8. August an Herwegh: »Das eine Mal taugt der Mann nichts, das andere Mal die Frau, ein andermal die Tendenz, ein andermal der Stil, ein andermal das Format oder auch die Verbreitung ist mit mehr oder weniger Gefahr verbunden ... Unsere Deutschen haben immer tausend Weisheitssprüche in petto, um zu zeigen, warum sie die Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen müssen. Eine Gelegenheit, etwas zu tun, bringt sie nur in Verlegenheit.« Es folgte noch der Stoßseufzer, daß es mit seinen Manuskripten ähnlich gehe, wie mit der Brüsseler Zeitung und ein kräftiger Fluch über die Esel, die ihm vorwürfen, lieber französisch als gar nichts geschrieben zu haben.

Sollte man danach annehmen, daß Marx die Bedenken gegen Bornstedt ein wenig auf die leichte Achsel genommen habe, um »die Gelegenheit nicht ungenützt« vorübergehen zu lassen, so würde ihm deshalb gleichwohl kein Vorwurf zu machen sein. Denn die Gelegenheit war sehr günstig, und es wäre töricht gewesen, sie sich um eines bloßen Verdachts willen entschlüpfen zu lassen.
Mehring, ebenda

Um die Fäden in der Pariser Gruppe des „Bundes der Gerechten“ in die Hand zu bekommen, übersiedelte Friedrich Engels im August 1846 nach Paris. Die Erfolge zeigen sich im Juni 1847 beim ersten Kongress des Bundes in England, zu dem Marx angeblich „aus Geldmangel“ (Raddatz) nicht kommen kann:

…der ihm ergebene Wilhelm Wolff ist sein Stellvertreter. Aber Engels tritt bereits als französischer Delegierter auf, die Übersiedlung nach Paris hat sich gelohnt. Die Wahl dort war knapp verlaufen – nur drei von fünf Gemeinden hatten für Engels, die beiden restlichen für einen Sonderdelegierten gestimmt; wofür sie aus dem Bund ausgeschlossen wurden.
(Raddatz, S. 100)

Die Nicht-Teilnahme von Marx – ich kann das nur vermuten – hatte wohl den Sinn, das Misstrauen der anderen Teilnehmer zuerst zu besänftigen, um dann die weitreichenden Beschlüsse leichter durchziehen zu können. Dass ausgerechnet ihm das Reisegeld gefehlt habe, ist natürlich lächerlich.

Das Ergebnis des Kongresses: der „Bund der Gerechten“ beschließt eine völlige Reorganisation, nennt sich von nun an „Bund der Kommunisten“ (wogegen die Hamburger Gemeinde zum Beispiel protestierte). Die Anhänger Weitlings werden ausgestoßen; und, das Wichtigste: ein kommunistisches Glaubensbekenntnis soll für den nächsten Kongreß vorbereitet werden.
(Raddatz, ebenda)

Hellmann
30.09.2008, 21:54
Marx und Engels hatten sich übrigens bis Januar 1847 taktisch geschickt geziert, selber Mitglieder des Bundes zu werden. Mehring stellt das gleich noch so dar, als hätten Marx und Engels erst mühsam mit Zugeständnissen überredet werden müssen, dabei war Engels ja schon seit Monaten zu keinem anderen Zweck in Paris, als die Einflussnahme auf den „Bund“ auch über seine Pariser Gemeinden zu ermöglichen.

Die von Schappers Hand geschriebene und vom 20. Januar 1847 datierte Vollmacht, womit Moll in Brüssel bei Marx und danach bei Engels in Paris erschien, ist noch sehr vorsichtig abgefaßt; sie ermächtigt den Überbringer, über die Lage des Bundes zu berichten und genaue Auskunft über alle Gegenstände von Wichtigkeit zu geben. Mündlich ging Moll freier aus sich heraus. Er forderte Marx auf, in den Bund einzutreten und schlug dessen anfängliche Bedenken durch die Eröffnung nieder, daß die Zentralbehörde einen Bundeskongreß nach London zu berufen beabsichtige, um die von Marx und Engels geltend gemachten kritischen Ansichten in einem öffentlichen Manifest als Bundeslehre aufzustellen, jedoch müßten Marx und Engels den veralteten und widerstrebenden Elementen gegenüber mitwirken, und zu diesem Zwecke müßten sie in den Bund eintreten.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#ZT20

Sie hatten sich von dem damals in Brüssel „mit diplomatischen Vollmachten zu Verhandlungen“ (Raddatz) erschienen Spießgesellen Moll dafür zusichern lassen:

…keine andern Autoritäten! Es geht um Sieg oder Niederlage, um die Anerkennung oder Verwerfung der Marxschen Theorie des „kritischen Kommunismus“. Keineswegs waren die Würfel schon gefallen, noch im September 1847 wird beispielsweise auf dem Brüsseler Ökonomischen Kongreß Marx nicht einmal das Wort erteilt.
(Raddatz, ebenda)

Die letzte Angabe von Raddatz ist etwas missverständlich, weil dieser Kongress nichts mit dem „Bund“ und mit dem Einfluss von Karl Marx auf diesen zu tun hatte, sondern es war ein Kongress von Ökonomen zum Thema Freihandel.

Wie vor Karl Marx sich dort der Dichter und Handlungsreisende Georg Weert – der nebenbei als „Kurier“ für Marx und Engels tätig war - zu Wort gemeldet und seine Sache mit Erfolg vorgetragen hatte, lässt sich aus dem diesbezüglichen Artikel des Friedrich Engels entnehmen. Protokoll der Rede des Weert:

"Denken Sie nicht, meine Herren, daß dies nur meine persönlichen Ansichten sind, es sind auch die Anschauungen der englischen Arbeiter, einer Klasse, die ich unterstütze und respektiere, weil es in der Tat intelligente und energische Menschen sind. (Beifall 'aus Höflichkeit'.) Ich werde das an einigen Beispielen beweisen. Sechs volle Jahre buhlten die Herren der League, die wir hier sehen, vergeblich um Unterstützung bei der Arbeiterklasse. Die Arbeiter vergaßen niemals, daß die Kapitalisten ihre natürlichen Feinde waren. Sie erinnerten sich der League-Unruhen von 1842 und des Widerstandes der Fabrikanten gegen die Zehnstundenbill. Lediglich gegen Ende des Jahres 1845 verbündeten sich die Chartisten, die Elite der Arbeiterklasse, vorübergehend mit der League, um den gemeinsamen Feind, den Landadel, zu schlagen. Doch das geschah nur für eine kurze Zeit, und sie ließen sich niemals durch trügerische Verheißungen von Cobden, Bright und Co. irreleiten, noch erhofften sie von den Bourgeois billiges Brot, hohe Löhne und Arbeit in Fülle. Nein, nicht einen Augenblick hörten sie auf, allein ihrer eigenen Kraft zu vertrauen und eine besondere Partei zu schaffen, welche von hervorragenden Führern, dem unermüdlichen Duncombe und Feargus O'Connor, geleitet wird, die trotz aller Verleumdungen - (hier blickte Herr Weerth Dr. Bowring an, der eine schnelle krampfhafte Bewegung machte) -, die trotz aller Verleumdung in ein paar Wochen neben Ihnen auf derselben Bank im Unterhaus sitzen werden. Im Namen dieser Millionen nun, die nicht daran glauben, daß der Freihandel für sie Wunder tun wird, fordere ich Sie auf, noch an andere Mittel zu denken, wenn Sie die Lage der Arbeiter wirklich verbessern wollen. Meine Herren, ich rufe Sie in Ihrem eigenen Interesse dazu auf. Sie brauchen nicht mehr den Zaren aller Reußen zu fürchten oder einen Einfall der Kosaken, aber wenn Sie sich nicht in acht nehmen, werden Sie den Aufstand Ihrer eigenen Arbeiter zu fürchten haben, und diese werden Sie viel schrecklicher behandeln als alle Kosaken der Welt. Meine Herren, die Arbeiter wollen nicht mehr Worte von Ihnen, sondern Taten, und Sie haben keinen Grund, darüber erstaunt zu sein. Die Arbeiter erinnern sich sehr genau der Jahre 1830 und 1831, als sie in London für Sie die Reformbill durchfochten und für Sie in den Straßen von Paris und Brüssel kämpften, wie man sie damals umwarb, ihnen die Hände schüttelte und ihr Lob in höchsten Tönen sang, wie man sie aber, als sie einige Jahre danach Brot forderten. mit Kartätschen und Bajonetten empfing. ("Oh! Nein, nein!", "Ja, ja! Buzançais, Lyon!") Ich wiederhole deshalb, bringen Sie Ihren Freihandel durch, es wird gut sein, aber überlegen Sie gleichzeitig andere Maßnahmen zugunsten der arbeitenden Klassen, oder Sie werden es bereuen." (Lauter Beifall.)
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_299.htm

Wegen dieser gelungenen Rede habe man dann den Karl Marx, der sich ebenfalls zu Wort gemeldet und eine lange Rede ausgearbeitet hatte, gar nicht mehr zu Wort kommen lassen, behauptet nun Engels. Den ungehaltenen Vortrag des Marx kann man in Engels Artikel nachlesen.

Marx vertrat darin sogar noch den Malthus und grundsätzlich natürlich die Theorie, wonach der Lohn im Durchschnitt um das Existenzminimum des Arbeiters (die „Reproduktionskosten der Arbeitskraft“) schwanken müsse, so dass die Arbeiter dann auch vom Freihandel nichts zu erhoffen hätten:

Man nehme zum Beispiel eine Autorität wie Ricardo, eine Autorität, die unübertroffen ist. Was ist, ökonomisch gesprochen, der natürliche, der normale Preis der Arbeit eines Arbeiters? Ricardo antwortet: "Der auf ein Minimum reduzierte Arbeitslohn - seine unterste Grenze." Arbeit ist eine Ware, so gut wie jede andere. Der Preis einer Ware wird aber von der zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit bestimmt. Was ist also notwendig, um die Ware Arbeit zu produzieren? Genau das, was notwendig ist, um die Summe der für die Erhaltung des Arbeiters und für den Ersatz seines Kräfteverbrauchs unentbehrlichen Waren zu produzieren, damit er leben und irgendwie seine race fortpflanzen kann. Wir brauchen jedoch nicht anzunehmen, daß die Arbeiter niemals über diese unterste Grenze emporgehoben oder unter dieselbe hinabgedrückt werden. Durchaus nicht; nach diesem Gesetz wird es der Arbeiterklasse zeitweise besser gehen. Zeitweise werden sie mehr als das Existenzminimum haben, aber dieses Mehr wird nur der Zusatzbetrag sein, der ihnen zu anderer Zeit - in der Zeit der industriellen Stagnation - wieder am Existenzminimum fehlt.

Dieses Gesetz, daß der niedrigste Lohnsatz der natürliche Preis der Ware Arbeit ist, wird sich in demselben Maße durchsetzen wie Ricardos Voraussage, daß der Freihandel eine Realität werden wird. Wir akzeptieren alles, was über die Vorteile des Freihandels gesagt wurde. Die Produktivkräfte werden anwachsen, die Steuern, die dem Land durch die Schutzzölle auferlegt worden sind, werden verschwinden, und alle Waren werden zu einem niedrigeren Preis verkauft werden. Was wiederum sagt Ricardo? "Daß Arbeit, eine Ware gleich anderen, ebenfalls zum niedrigeren Preis verkauft werden wird", daß man sie tatsächlich für sehr wenig Geld haben kann, genauso wie Pfeffer und Salz. Und weiter: Ebenso wie alle anderen Gesetze der politischen Ökonomie eine gesteigerte Bedeutung, ein Mehr an Wahrheit durch die Verwirklichung des Freihandels erhalten werden - ebenso wird auch das von Malthus aufgestellte Bevölkerungsgesetz sich unter der Herrschaft des Freihandels in so großartigen Ausmaßen entwickeln, wie es nur gewünscht werden kann. So hat man zu wählen: Entweder muß man die gesamte politische Ökonomie, wie sie gegenwärtig besteht, ablehnen, oder man muß zulassen, daß unter der Handelsfreiheit die ganze Schärfe der Gesetze der politischen Ökonomie gegen die arbeitende Klasse angewandt wird. Bedeutet das, daß wir gegen den Freihandel sind? Nein, wir sind für den Freihandel, weil durch den Freihandel alle ökonomischen Gesetze mit ihren höchst verblüffenden Widersprüchen in einem größerem Maßstabe und auf einem größeren Gebiet, auf der ganzen Erde wirksam werden, und weil aus der Vereinigung aller dieser Widersprüche zu einer Gruppe sich unmittelbar gegenüberstehender Widersprüche der Kampf hervorgehen wird, der mit der Emanzipation des Proletariats endet.

Irgendwie soll dann das ganze Elend, wenn man es nur gemäß Ricardo und Malthus eingesehen hat und seine Zwangsläufigkeit nach den Gesetzen der Ökonomie sich ungehindert auswirken lässt, zuletzt in der „Emanzipation des Proletariats“ enden. Originell und witzig ist das nicht.

Der Leser vergleiche das dann mit dem Aufruf des Georg Weert, „noch an andere Mittel zu denken, wenn sie die Lage der Arbeiter wirklich verbessern wollen“. Das war dann im Sinne von Marx und Engels „unwissenschaftlich“, ein Fall von „Handwerker-Kommunismus“, wie sie ihn im „Bund der Kommunisten“ gerade bekämpfen wollten.

In der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ hatte Engels auch als Befürworter von Schutzzöllen argumentiert:

An die Debatten des Vereinigten Landtags über Freihandel und Schutzzoll knüpfte ein Artikel an, der zwar anonym erschien, aber nach Inhalt und Sprache augenscheinlich von Engels verfaßt ist. Er war damals von der Überzeugung durchdrungen, daß die deutsche Bourgeoisie hoher Schutzzölle bedürfe, um nicht von der ausländischen Industrie zerquetscht zu werden, sondern vielmehr die nötige Kraft zur Überwindung des Absolutismus und des Feudalismus zu gewinnen. Aus diesem Grunde empfahl Engels dem Proletariat, die schutzzöllnerische Agitation zu unterstützen, wenn auch nur aus diesem Grunde. Er meinte zwar, List, die Autorität der Schutzzöllner, habe immer noch das Beste der deutschen bürgerlich-ökonomischen Literatur produziert, aber er fügte hinzu, dessen ganzes glorioses Werk sei von dem Franzosen Ferrier abgeschrieben, dem theoretischen Urheber des Kontinentalsystems, und er warnte die Arbeiter, sich durch die Redensart vom »Wohl der arbeitenden Klasse« narren zu lassen, das die Freihändler wie die Schutzzöllner als prunkendes Aushängeschild ihrer eigennützigen Agitation vor sich hertrügen. Der Lohn der Arbeiterklasse bleibe derselbe, unter dem Freihandels- wie dem Schutzzollsystem.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#ZT20

Die preußische Regierung war inzwischen nicht untätig geblieben und hatte in Köln eine Zeitung für die Arbeiter gründen lassen.

Gemeinsam von Marx und Engels verfaßt ist ein längerer Aufsatz, der einen Vorstoß des christlich-feudalen Sozialismus zurückwies. Dieser Vorstoß erfolgte in dem »Rheinischen Beobachter«, einem Organ, das die Regierung neuerdings in Köln gegründet hatte, um die rheinischen Arbeiter gegen die rheinische Bourgeoisie aufzuhetzen. In seinen Spalten verdiente sich der junge Hermann Wagener die Sporen, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten berichtet. Marx und Engels müssen bei ihren nahen Beziehungen zu Köln davon gewußt haben, da der Spott über den »glattgescheitelten Konsistorialrat« sozusagen der Kehrreim ihrer Antwort ist. Wagener war damals Konsistorialassessor in Magdeburg.

Für dieses Mal hatte sich der »Rheinische Beobachter« das Scheitern des Vereinigten Landtags zum Vorwurfe genommen, um die Arbeiter zu ködern. Indem die Bourgeoisie alle Geldforderungen der Regierung abgelehnt habe, habe sie gezeigt, daß es ihr nur darum zu tun sei, die Staatsgewalt an sich zu reißen; das Volkswohl sei ihr gleichgültig; sie schiebe das Volk nur vor, um die Regierung einzuschüchtern; das Volk sei ihr nur Kanonenfutter in dem großen Sturm gegen die Regierungsgewalt. Was Marx und Engels darauf erwiderten, liegt heute auf der Hand. Das Proletariat täusche sich über die Bourgeoisie so wenig wie über die Regierung; es frage sich nur, was seinen eigenen Zwecken diene, die Herrschaft der Bourgeoisie oder die Herrschaft der Regierung, und diese Frage zu beantworten, genüge ein einfacher Vergleich zwischen der Lage der deutschen und der Lage der englischen wie französischen Arbeiter.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#ZT20

Hoffentlich verliert der Leser in dem Verwirrspiel mit diversen Regierungskommunisten nicht den Überblick, aber das Aufwiegeln der Arbeiter gegen das Besitzbürgertum war natürlich eine naheliegende Antwort der Regierungen zur Einschüchterung ihrer Bourgeoisie. Sollte das Bürgertum mit Unruhen an den Universitäten und auf den öffentlichen Plätzen drohen, konnte die Regierung mal die Arbeiter in den Fabriken streiken lassen.

Am 12. September 1847 brachte die „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ einen Artikel von Marx mit dem Titel:

Der Kommunismus des "Rheinischen Beobachters"



Mag diese Bemerkung ironisch gemeint sein oder nicht, die Kommunisten müssen dagegen protestieren, daß der "Rheinische Beobachter" "Kommunismus" predigen könne, speziell dagegen, daß der in Nr. 70 der "D[eutschen] B[rüsseler]-Z[eitung]" mitgeteilte Artikel kommunistisch sei.
Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die niemandem Vorteil brachte als den deutschen Regierungen, wenn jetzt Regierungsblätter wie der "Rh[einische] Beobachter", auf die Phrasen dieser Leute gestützt, behaupten, nicht die liberale Bourgeoisie, sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats, so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren etwas gemein.

Man hat den deutschen Kommunisten allerdings die Verantwortlichkeit hierfür zuschieben wollen, man hat sie der Allianz mit der Regierung beschuldigt.

Diese Anschuldigung ist lächerlich…
http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_191.htm

Hellmann
03.10.2008, 09:33
Das Kommunistische Manifest


Die Ideen für das Kommunistische Manifest waren wenig das Verdienst von Marx, der eher schwerfällig alles ausgewälzt hat, was ihm der geniale Friedrich Engels an Einfällen bot, der in seiner Schrift über den „Bund der Kommunisten“ etwas Einblick in die Entwicklung der Ideen gibt:

Inzwischen hatte sich neben dem Kommunismus des Bundes und Weitlings ein zweiter, wesentlich verschiedner herausgebildet. Ich war in Manchester mit der Nase darauf gestoßen worden, daß die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht sind; daß sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heutigen Klassengegensätze; daß diese Klassengegensätze in den Ländern, wo sie vermöge der großen Industrie sich voll entwickelt haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der politischen Parteibildung, der Parteikampfe und damit der gesamten politischen Geschichte sind. Marx war nicht nur zu derselben Ansicht gekommen…
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Wie der Zufall halt so spielt, solange man noch an seine Wahrscheinlichkeit glauben mag.

Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten heraus, und von da an datiert unsre gemeinsame Arbeit. Als wir im Frühjahr 1845 in Brüssel wieder zusammenkamen, hatte Marx aus den obigen Grundlagen schon seine materialistische Geschichtstheorie in den Hauptzügen fertig herausentwickelt, und wir setzten uns nun daran, die neugewonnene Anschauungsweise nach den verschiedensten Richtungen hin im einzelnen auszuarbeiten.
(ebenda)

Wir müssen natürlich die gemeinsame Arbeit schon auf das gemeinsame Vorgehen gegen Bruno Bauer datieren, als Marx und Engels zufällig beide dessen große Bewunderer wurden.
Engels gibt hier gerade noch einen kleinen Überblick zur Einflussnahme auf den alten „Bund der Gerechten“, der von Interesse ist und das professionelle und zielgerichtete Vorgehen noch einmal zeigt:

Mit dem Bund der Gerechten standen wir folgendermaßen. Die Existenz des Bundes war uns natürlich bekannt; 1843 hatte mir Schapper den Eintritt angetragen, den ich damals selbstredend ablehnte. Wir blieben aber nicht nur mit den Londonern in fortwährender Korrespondenz, sondern in noch engerm Verkehr mit Dr. Ewerbeck, dem jetzigen Leiter der Pariser Gemeinden. Ohne uns um die innern Bundesangelegenheiten zu kümmern, erfuhren wir doch von jedem wichtigen Vorgang. Andrerseits wirkten wir mündlich, brieflich und durch die Presse auf die theoretischen Ansichten der bedeutendsten Bundesmitglieder ein. Hierzu dienten auch verschiedne lithographierte Zirkulare, die wir bei besondern Gelegenheiten, wo es sich um Interna der sich bildenden kommunistischen Partei handelte, an unsre Freunde und Korrespondenten in die Welt sandten. Bei diesen kam der Bund zuweilen selbst ins Spiel. So war ein junger westfälischer Studiosus, Hermann Kriege, der nach Amerika ging, dort als Bundesemissär aufgetreten... Hiergegen fuhren wir los in einem Zirkular, das seine Wirkung nicht verfehlte. Kriege verschwand von der Bundesbühne.

Das ging dann mit Weitling so weiter, der besonders die Geduld von Marx und seiner Frau strapaziert habe, bis er nach Amerika ging, „um es dort“ so Engels „mit dem Prophetentum zu versuchen“.

Jedenfalls sei so besonders der Londoner Leitung die Unzulänglichkeit ihrer bisherigen Auffassungen zunehmend klar geworden.

Die von Weitling eingeleitete Zurückführung des Kommunismus auf das Urchristentum - so geniale Einzelheiten sich in seinem "Evangelium des armen Sünders" finden - hatte in der Schweiz dahin geführt, die Bewegung großenteils in die Hände zuerst von Narren wie Albrecht und dann von ausbeutenden Schwindelpropheten wie Kuhlmann zu liefern. Der von einigen Belletristen vertriebne "wahre Sozialismus", eine Übersetzung französischer sozialistischer Wendungen in verdorbenes Hegeldeutsch und sentimentale Liebesduselei (siehe den Abschnitt über den deutschen oder "wahren" Sozialismus im "Kommunistischen Manifest"), den Kriege und die Lektüre der betreffenden Schriften in den Bund eingeführt, mußte schon seiner speichelfließenden Kraftlosigkeit wegen den alten Revolutionären des Bundes zum Ekel werden. Gegenüber der Unhaltbarkeit der bisherigen theoretischen Vorstellungen, gegenüber den daraus sich herleitenden praktischen Abirrungen sah man in London mehr und mehr ein, daß Marx und ich mit unsrer neuen Theorie recht hatten. Diese Einsicht wurde unzweifelhaft dadurch befördert, daß sich unter den Londoner Führern jetzt zwei Männer befanden, die den Genannten an Befähigung zu theoretischer Erkenntnis bedeutend überlegen waren: der Miniaturmaler Karl Pfänder aus Heilbronn und der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen.
(ebenda)

Man hatte also in London noch Verstärkung erhalten, um die Bundesbrüder dort auf die neue Linie zu bringen und wir brauchen uns da keine Illusionen zu machen: wäre man ihnen mit Argumenten gekommen, würden die heute noch darüber diskutieren oder hätten die, die ihnen nur mit Argumenten kommen wollten, gleich davongejagt.

Aber mit dringend benötigtem Geld war unter Handwerksgesellen, die wie einst Weitling von früh bis spät und am Sonntag noch bis mittags jede Woche für Hungerlöhne zu arbeiten hatten, leicht eine Mehrheit für alles zu gewinnen, wie Weitling es wohl geahnt hatte, als er mit seiner Abreise nach Amerika den Kampf um seinen „Bund“ aufgab.

Genug, im Frühjahr 1847 erschien Moll in Brüssel bei Marx und gleich darauf in Paris bei mir, um uns im Namen seiner Genossen mehrmals zum Eintritt in den Bund aufzufordern. Sie seien von der allgemeinen Richtigkeit unserer Auffassungsweise ebensosehr überzeugt wie von der Notwendigkeit, den Bund von den alten konspiratorischen Traditionen und Formen zu befreien. Wollten wir eintreten, so sollte uns Gelegenheit gegeben werden, auf einem Bundeskongreß unsren kritischen Kommunismus in einem Manifest zu entwickeln, das sodann als Manifest des Bundes veröffentlicht würde; und ebenso würden wir das Unsrige beitragen können, daß die veraltete Organisation des Bundes durch eine neue zeit- und zweckgemäße ersetzt werde.
(Engels, ebenda)

Allerdings verschweigt hier Engels seinen Lesern, dass das neue Ding noch als „Entwurf des Kommunistischen Glaubensbekenntnisses“ vom ersten Kongress verabschiedet und versandt worden war.

Auch andere waren bereits am Werke, neue Ideen in den Entwurf einfließen zu lassen; zum Schrecken für Engels der Moses Hess:

In letzter Minute konnte er auf einer Sitzung der Kreisbehörde vom 22. Oktober diesen Entwurf des „von einer Mücke gestochenen Hess“ torpedieren. Schon in der Geburtsstunde der Kommunistischen Partei wurden die Fraktionskämpfe „etwas außerhalb der Legalität“ ausgetragen, wurde „der Apparat“ eingesetzt, um hinter dem Rücken vermeintlicher Gegner Beschlüsse durchzusetzen…

„Dem Mosi hab` ich, ganz unter uns, einen höllischen Streich gespielt. Er hatte richtig ein gottvoll verbessertes Glaubensbekenntnis durchgesetzt. Vorigen Freitag nun nahm ich dies im Kreise vor,…und war noch nicht an der Hälfte angekommen, als die Leute sich für satisfaits erklärten. Ohne alle Opposition ließ ich mich beauftragen, ein neues zu entwerfen, was nun nächsten Freitag im Kreis wird diskutiert und hinter dem Rücken der Gemeinden nach London geschickt werden. Das darf aber natürlich kein Teufel merken, sonst werden wir alle abgesetzt, und es gibt einen Mordsskandal.“
(Raddatz, a.a.O. S. 101)

Nach Raddatz hat Engels zwischen den beiden Kongressen die “Grundsätze des Kommunismus“ entworfen: „knapper, einleuchtender und gemeinverständlicher als später die Form des Manifests.

Aber er ist unsicher. Marx hat sich offenbar um die Sache gar nicht gekümmert. Anders ist der merkwürdige Satz in Engels´ Brief an ihn vom 24. November, „überleg´ Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas“, nicht zu erklären. Etwas! Im selben Brief schlägt Engels dann vor, eben die Katechismusform über Bord zu werfen und ein Manifest zu formulieren.
(Raddatz, S. 102)

Vermutlich hat Marx auf dem zweiten Kongress in London die Ausarbeitungen des Friedrich Engels vorgetragen.

Der zweite Kongreß fand statt Ende November und Anfang Dezember desselben Jahres. Hier war auch Marx anwesend und vertrat in längerer Debatte - der Kongreß dauerte mindestens zehn Tage - die neue Theorie. Aller Widerspruch und Zweifel wurde endlich erledigt, die neuen Grundsätze einstimmig angenommen und Marx und ich beauftragt, das Manifest auszuarbeiten. Dies geschah unmittelbar nachher. Wenige Wochen vor der Februarrevolution wurde es nach London zum Druck geschickt.
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Schon merkwürdig, was Engels da als neue Ideen zu verkaufen sucht: statt eingängiger Parolen erklärungsbedürftige – was ist ein „Proletarier“ - und geschraubte Formulierungen.

An die Stelle des alten Bundesmottos: "Alle Menschen sind Brüder", trat der neue Schlachtruf: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!", der den internationalen Charakter des Kampfes offen proklamierte.
(Engels, ebenda)

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Hellmann
03.10.2008, 09:46
Das mit „I. Bourgeois und Proletarier“ überschrieben Kapitel des Kommunistischen Manifestes ist unbestritten das Meisterwerk von Marx und Engels, auch wenn Mehring Kritiker erwähnt, „die durch Herausreißen einzelner Sätze haben beweisen wollen, daß die Verfasser des »Manifestes« Carlyle oder Gibbon oder Sismondi oder wen sonst bestohlen hätten“.

Manifest der Kommunistischen Partei
...
I. Bourgeois und Proletarier

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen wieder besondere Abstufungen. Die aus dem Untergange der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.

Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.

Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst.

Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus. Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.

Quelle: http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/volltext/Marx-Engels_1848--90~Das_Kommunistische_Manifest.html

Was uns noch heute dieses Kapitel so aktuell erscheinen lässt, war die für damalige Verhältnisse übertrieben dargestellten Erfolge der kapitalistischen Entwicklung.

Bei Abfassung des »Manifestes« sahen sie die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise auf einer Höhe, die sie heute kaum erreicht hat. Schärfer noch als das »Manifest« selbst sprach es Engels in seinem Entwurfe aus, wo es heißt, daß in den zivilisierten Ländern fast alle Arbeitszweige fabrikmäßig betrieben würden, daß fast in allen Arbeitszweigen das Handwerk und die Manufaktur durch die große Industrie verdrängt worden seien.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#Kap_8

Das Manifest war also so etwas wie „Jules Verne“ in richtiger Vorherahnung der industriellen Entwicklung.

In eigentümlichem Gegensatze dazu standen die verhältnismäßig dürftigen Ansätze von Arbeiterparteien, die das »Kommunistische Manifest« erst zu verzeichnen wußte. Selbst die bedeutendste, der englische Chartismus, war noch stark von kleinbürgerlichen Elementen durchsetzt, geschweige denn die sozialistisch-demokratische Partei Frankreichs. Die Radikalen in der Schweiz und diejenigen polnischen Revolutionäre, denen die bäuerliche Emanzipation als Vorbedingung der nationalen Befreiung galt, waren doch erst nur Schattenbilder an der Wand.
(ebenda)

Mehring weist hier richtig darauf hin, dass die von bürgerlichen Autoren vielkritisierte angebliche „Verelendungstheorie“ des Manifestes seinerzeit in vielen Schriften und nicht zuletzt mit dem sogenannten „Bevölkerungsgesetz von Malthus“ von bürgerlichen Ökonomen vertreten wurde.

Natürlich hatten auch die bürgerlichen „Verelendungstheorien“ keinen anderen Zweck als die „wissenschaftliche“ Apologie der herrschenden Verhältnisse zu liefern und Forderungen sowie politische Anstrengungen zur Änderung dieser Verhältnisse zu entmutigen.

Genau diesen Stiefel haben sich, wie Mehring mutig betont, auch Marx und Engels hier angezogen.

Es stand noch auf dem Standpunkt des Lohngesetzes, wie es Ricardo an der Hand der Malthusischen Bevölkerungstheorie entwickelt hatte; es urteilte deshalb zu geringschätzig über die Lohnkämpfe und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter, in denen es wesentlich nur die Exerzierplätze und Manöverfelder des politischen Klassenkampfes sah. In der englischen Zehnstundenbill erkannten Marx und Engels damals noch nicht wie später den »Sieg eines Prinzips«; unter kapitalistischen Voraussetzungen war sie in ihren Augen nur eine reaktionäre Fessel der großen Industrie. Genug, das »Manifest« kannte noch nicht Fabrikgesetze und Gewerkschaftsorganisationen als Etappen des proletarischen Emanzipationskampfs, der die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umwälzen und bis an sein letztes Ziel durchgekämpft werden muß, wenn nicht auch die ersten, mühsam eroberten Erfolge verlorengehen sollen.
(ebenda)

Man kann dem Kommunistischen Manifest ablesen, wie das Herz der Autoren für die Fortschritte der Bourgeoisie schwärmt, den Kampf um die Interessen der Arbeiter dagegen als aussichtslose, ja reaktionäre und vor allem natürlich unwissenschaftliche Standwpunkte denunziert.

Mit voller Klarheit trat die Ansicht der Verfasser in den Sätzen hervor, die von den Aufgaben der kommunistischen Partei in Deutschland handeln. Das »Manifest« befürwortete hier den gemeinsamen Kampf des Proletariats mit der Bourgeoisie, sobald diese revolutionär auftrete, gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei, wobei jedoch keinen Augenblick unterlassen werden dürfe, bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten.
(ebenda)

Das stand natürlich im Widerspruch zu den reaktionären preußischen Kräften, die ja die Arbeiter gegen die Bourgeoisie mobilisierten. Aber Politik ist manchmal etwas verworren, sogar für die unmittelbar Beteiligten, und häufig sorgen die Ereignisse für neue Konsequenzen.

Die bürgerliche Revolution in Deutschland folgte dem »Manifest« nun zwar auf dem Fuße, aber die Bedingungen, unter denen sie sich vollzog, hatten gerade die umgekehrte Wirkung: sie ließen die bürgerliche Revolution auf halbem Wege stehen, bis wenige Monate später die Pariser Junischlacht der Bourgeoisie und namentlich der deutschen Bourgeoisie alle revolutionären Gelüste austrieb.
(ebenda)

In diesem ersten Kapitel finden wir bereits die absurde Hoffnung, dass die brutalen Handels- oder besser Wirtschaftskrisen das Vorzeichen der großen und endgültigen Revolution wären.

Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert…
http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/volltext/Marx-Engels_1848--90~Das_Kommunistische_Manifest.html

Ob Marx und Engels damals schon die monetären Ursachen der Krisen bekannt waren, kann ich nicht belegen. Spätestens zum Thema Peelsche Bankakte im Kapital wussten auch Marx und Engels um die geldpolitische Verursachung dieser Krisen. Im Gegensatz zu anderen Themen aus dem Kapital wird die Geldpolitik der Bank von England mit den daraus folgenden Krisen von den Marxisten bis heute tabuisiert, obwohl sie dazu aus dem Kapital zitieren könnten.

Es war also nicht allgemeine Überproduktion die Ursache der Krisen, sie kamen auch nicht unerwartet und unvermeidbar, sie waren allenfalls ein Resultat der bestehenden Geldordnung und des Bankensystems. Oft genug waren die Krisen für die Durchsetzung von ökonomischen wie politischen Interessen eingesetzt, nicht zuletzt auch zur Lohnsenkung und Schaffung einer „industriellen Reservearmee“ – wie Marx das nennen sollte – von Arbeitslosen zur Disziplinierung der Arbeiter.

Dem brutalen Werk dieser Krisen und der Verelendung der betroffenen Arbeiter haben die Marxisten dann bis heute blöde grinsend zugeschaut, in der Illusion, ein Vorspiel ihrer Weltrevolution erleben zu können.

Wer mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik die Krisen beenden wollte, geriet in den Verdacht, ein Reaktionär zu sein, der den Kapitalismus vor seinem unvermeidbaren Zusammenbruch zu bewahren suche.

Hellmann
03.10.2008, 10:01
Das Kapitel „II. Proletarier und Kommunisten“ ist ein Stilbruch und geht auf die ursprünglich gedachte Form eines Katechismus mit Fragen und Antworten zurück. Stellenweise kann man die Sätze noch heute zitieren:

Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt.

Ihr werft uns mit einem Wort vor, daß wir euer Eigentum aufheben wollen. Allerdings, das wollen wir.
(ebenda)

Allerdings war damals, angesichts des elenden Lebens der lohnabhängigen Arbeiter, eine solche Zurückweisung der uns bis heute bekannten bürgerlichen Entrüstung über die Aufhebung des Privateigentums auch kein großer Gedankensprung.

Eure Ideen selbst sind Erzeugnisse der bürgerlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse, wie euer Recht nur der zum Gesetz erhobene Wille eurer Klasse ist, ein Wille, dessen Inhalt gegeben ist in den materiellen Lebensbedingungen eurer Klasse.
(ebenda)

Manche Stellen im Manifest wären immer noch lehrreich für die Massen, aber spätestens mit dem Kapital hat die marxistische Lehre dann von den besten Stellen des alten Manifestes „abstrahiert“ und sich nur mehr der hirnrissigen „Wertkritik“ gewidmet.

Im Kapitel „III. Sozialistische und kommunistische Literatur“ beginnt dann doch wieder der so beliebte wie bekannte und eigentlich zentrale Kampf gegen die Genossen.

Denn lieber sollten die Arbeiter sich doch mit der Bourgeoisie verbünden, wo diese „revolutionär“ war, als zum Beispiel mit den Vertretern des alten Feudalsystems, die angesichts der vom Besitzbürgertum geschaffenen bestialischen Lebensverhältnisse der Arbeiter Klagen erhoben hatten.

Die französische und englische Aristokratie war ihrer geschichtlichen Stellung nach dazu berufen, Pamphlete gegen die moderne bürgerliche Gesellschaft zu schreiben. In der französischen Julirevolution von 1830, in der englischen Reformbewegung war sie noch einmal dem verhaßten Emporkömmling erlegen. Von einem ernsten politischen Kampfe konnte nicht mehr die Rede sein. Nur der literarische Kampf blieb ihr übrig…

Den proletarischen Bettelsack schwenkten sie als Fahne in der Hand, um das Volk hinter sich her zu versammeln. Sooft es ihnen aber folgte, erblickte es auf ihrem Hintern die alten feudalen Wappen und verlief sich mit lautem und unehrerbietigem Gelächter…

Übrigens verheimlichen sie den reaktionären Charakter ihrer Kritik so wenig, daß ihre Hauptanklage gegen die Bourgeoisie eben darin besteht, unter ihrem Regime entwickle sich eine Klasse, welche die ganze alte Gesellschaftsordnung in die Luft sprengen werde.

Sie werfen der Bourgeoisie mehr noch vor, daß sie ein revolutionäres Proletariat, als daß sie überhaupt ein Proletariat erzeugt.
(ebenda)

Auch der kleinbürgerliche Sozialismus wolle nur die unvermeidbare Entwicklung aufhalten und sei reaktionär:

In Ländern wie in Frankreich, wo die Bauernklasse weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, war es natürlich, daß Schriftsteller, die für das Proletariat gegen die Bourgeoisie auftraten, an ihre Kritik des Bourgeoisregimes den kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Maßstab anlegten und die Partei der Arbeiter vom Standpunkt des Kleinbürgertums ergriffen. Es bildete sich so der kleinbürgerliche Sozialismus. Sismondi ist das Haupt dieser Literatur nicht nur für Frankreich, sondern auch für England…

Seinem positiven Gehalte nach will jedoch dieser Sozialismus entweder die alten Produktions- und Verkehrsmittel wiederherstellen und mit ihnen die alten Eigentumsverhältnisse und die alte Gesellschaft, oder er will die modernen Produktions- und Verkehrsmittel in den Rahmen der alten Eigentumsverhältnisse, die von ihnen gesprengt wurden, gesprengt werden mußten, gewaltsam wieder einsperren. In beiden Fällen ist er reaktionär und utopistisch zugleich.
(ebenda)

Die naheliegende Frage, was denn die moderne Industrie in der Gewalt des Besitzbürgertums dem Menschen wirklich gebracht hat, diese Frage wurde von Marx und Engels nie gestellt. Ohne die englische Textilindustrie wären die Kinder nicht in dreckigen Lumpen Tag und Nacht in der Fabrik um ihr Leben gebracht worden.

Die von Marx und Engels gepriesenen Produktionssteigerungen kamen bei den Arbeitern nicht an, hatte die englische Kolonialherrschaft doch die Textilproduktion in Indien zerstört, wohin jetzt der Ausstoß der englischen Fabriken geliefert wurde. Es war absurd und widersinnig und alles andere als eine notwendige Entwicklung von Ökonomie und Gesellschaft, gegen die sich nur Reaktionäre stemmen.

Der „deutsche oder der wahre Sozialismus“ sei eine Sache von Schöngeistern.

Die sozialistische und kommunistische Literatur Frankreichs, die unter dem Druck einer herrschenden Bourgeoisie entstand und der literarische Ausdruck des Kampfs gegen diese Herrschaft ist, wurde nach Deutschland eingeführt zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie soeben ihren Kampf gegen den feudalen Absolutismus begann.

Deutsche Philosophen, Halbphilosophen und Schöngeister bemächtigten sich gierig dieser Literatur und vergaßen nur, daß bei der Einwanderung jener Schriften aus Frankreich die französischen Lebensverhältnisse nicht gleichzeitig nach Deutschland eingewandert waren. Den deutschen Verhältnissen gegenüber verlor die französische Literatur alle unmittelbar praktische Bedeutung und nahm ein rein literarisches Aussehen an. Als müßige Spekulation über die Verwirklichung des menschlichen Wesens mußte sie erscheinen.
(ebenda)

Die muss man natürlich alle vor den Kopf stoßen, weil es sicher realistisch ist anzunehmen, dass ein Industrieproletariat , vom Besitzbürgertum gezwungen jenseits menschlicher Würde und Gestalt zu leben, eines Tages die Fähigkeit besitzen würde, diese Verhältnisse der Unterdrückung und Ausbeutung endgültig umzustürzen.

Über diese Prognose des Marxismus hat die Bourgeoisie gelacht.

Dieser deutsche Sozialismus, der seine unbeholfenen Schulübungen so ernst und feierlich nahm und so marktschreierisch ausposaunte, verlor indes nach und nach seine pedantische Unschuld.

Der Kampf der deutschen, namentlich der preußischen Bourgeoisie gegen die Feudalen und das absolute Königtum, mit einem Wort, die liberale Bewegung wurde ernsthafter.
Dem »wahren« Sozialismus war so erwünschte Gelegenheit geboten, der politischen Bewegung die sozialistischen Forderungen gegenüberzustellen, die überlieferten Anatheme gegen den Liberalismus, gegen den Repräsentativstaat, gegen die bürgerliche Konkurrenz, bürgerliche Preßfreiheit, bürgerliches Recht, bürgerliche Freiheit und Gleichheit zu schleudern und der Volksmasse vorzupredigen, wie sie bei dieser bürgerlichen Bewegung nichts zu gewinnen, vielmehr alles zu verlieren habe.
(ebenda)

Ja nun, wir kennen die bürgerliche „Pressfreiheit“ als die Freiheit der Klasse der Besitzbürger, ihre Interessen jeden Tag in den Massenmedien zu verbreiten; um vom bürgerlichen Recht oder gar von Freiheit und Gleichheit gar nicht zu reden.

Der deutsche Sozialismus vergaß rechtzeitig, daß die französische Kritik, deren geistloses Echo er war, die moderne bürgerliche Gesellschaft mit den entsprechenden materiellen Lebensbedingungen und der angemessenen politischen Konstitution vorausgesetzt, lauter Voraussetzungen, um deren Erkämpfung es sich erst in Deutschland handelte.

Er diente den deutschen absoluten Regierungen mit ihrem Gefolge von Pfaffen, Schulmeistern, Krautjunkern und Bürokraten als erwünschte Vogelscheuche gegen die drohend aufstrebende Bourgeoisie.

Er bildete die süßliche Ergänzung zu den bittern Peitschenhieben und Flintenkugeln, womit dieselben Regierungen die deutschen Arbeiteraufstände bearbeiteten.
Ward der »wahre« Sozialismus dergestalt eine Waffe in der Hand der Regierungen gegen die deutsche Bourgeoisie, so vertrat er auch unmittelbar ein reaktionäres Interesse, das Interesse der deutschen Pfahlbürgerschaft. In Deutschland bildet das vom 16. Jahrhundert her überlieferte und seit der Zeit in verschiedener Form hier immer neu wieder auftauchende Kleinbürgertum die eigentliche gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände.

Seine Erhaltung ist die Erhaltung der bestehenden deutschen Zustande. Von der industriellen und politischen Herrschaft der Bourgeoisie fürchtet es den sichern Untergang, einerseits infolge der Konzentration des Kapitals, anderseits durch das Aufkommen eines revolutionären Proletariats. Der »wahre« Sozialismus schien ihm beide Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er verbreitete sich wie eine Epidemie.
(ebenda)

Sogar ein Teil der Bourgeoisie – Vertreter des „konservativen oder Bourgeoissozialismus“ - hat sich angesichts der zum Himmel schreienden Verhältnisse dazu entschlossen, den Kampf gegen die von Marx und Engels für unabwendbar und fortschrittlich erklärten Zustände aufzunehmen.

Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern.

Es gehören hierher: Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeoissozialismus ausgearbeitet worden. Als Beispiel führen wir Proudhons »Philosophie de la misère« an. Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervorgehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente. Sie wollen die Bourgeoisie ohne das Proletariat…

Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.
(ebenda)

Nur würde es halt bis zur Weltrevolution selbst im besten Fall etwas dauern; sollte man da jede Verbesserung und Milderung der Verhältnisse zum Wohle der Arbeiter als reaktionär denunzieren?

Enden wir hier mit dem sogenannten „kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus“, der nicht auf die Entfaltung der revolutionären Klasse des Proletariats durch das ungehemmte Elend hoffen möchte.

Wir reden hier nicht von der Literatur, die in allen großen modernen Revolutionen die Forderungen des Proletariats aussprach. (Schriften Babeufs usw.)

Die ersten Versuche des Proletariats, in einer Zeit allgemeiner Aufregung, in der Periode des Umsturzes der feudalen Gesellschaft direkt sein eignes Klasseninteresse durchzusetzen, scheiterten notwendig an der unentwickelten Gestalt des Proletariats selbst wie an dem Mangel der materiellen Bedingungen seiner Befreiung, die eben erst das Produkt der bürgerlichen Epoche sind. Die revolutionäre Literatur, welche diese ersten Bewegungen des Proletariats begleitete, ist dem Inhalt nach notwendig reaktionär. Sie lehrt einen allgemeinen Asketismus und eine rohe Gleichmacherei.

Die eigentlich sozialistischen und kommunistischen Systeme, die Systeme St-Simons, Fouriers, Owens usw. tauchen auf in der ersten, unentwickelten Periode des Kampfs zwischen Proletariat und Bourgeoisie, die wir oben dargestellt haben. (S[iehe] Bourgeoisie und Proletariat.)

Die Erfinder dieser Systeme sehen zwar den Gegensatz der Klassen wie die Wirksamkeit der auflösenden Elemente in der herrschenden Gesellschaft selbst. Aber sie erblicken auf der Seite des Proletariats keine geschichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politische Bewegung.

Da die Entwicklung des Klassengegensatzes gleichen Schritt hält mit der Entwicklung der Industrie, finden sie ebensowenig die materiellen Bedingungen zur Befreiung des Proletariats vor und suchen nach einer sozialen Wissenschaft, nach sozialen Gesetzen, um diese Bedingungen zu schaffen.
(ebenda)

Nun, wo der Leser erwarten sollte, gute Gründe für die Entfaltung der revolutionären Kräfte des Industrieproletariats unter der ungehemmten Herrschaft der Bourgeoisie genannt zu erhalten, endet das Kommunistische Manifest.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Wie wir heute nach 150 Jahren wissen, ist vom Proletariat noch immer keine Revolution mit der Überwindung des ganzen Elends zu erhoffen.

Jedem Bourgeois war das schon klar.

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Hellmann
09.10.2008, 17:14
Die europäische Wirtschaftskrise von 1847


Häufig werden die Missernten der Jahre 1845 und 1846 für die folgende Krise verantwortlich gemacht. 1845 hatte die Kartoffelfäule die Ernte dezimiert und 1846 dann ein Kälteeinbruch im Sommer die schlechteste Getreideernte seit 100 Jahren verursacht. Nach zeitgenössischen Berichten verhungerten 2 Millionen Menschen in Europa, während die schlechte Ernte für steigende Preise und für Spekulationen mit diesen steigenden Preisen sorgte. 1846 wurde in England der Einfuhrzoll auf Weizen aufgehoben und so der Preisanstieg etwas gedämpft; als im Jahr 1847 aber die beste Ernte seit 100 Jahren eingebracht werden konnte, sanken die Preise schnell und viele Spekulanten verloren ihr Geld.

Gleichzeitig war auch überall die Spekulation mit Eisenbahnpapieren zusammengebrochen, die im Frühjahr 1847 ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Die dritte und wohl wichtigere Ursache der europäischen Krise von 1847, die wohl von England ausging oder dort zumindest ihr Zentrum hatte, wird häufig ausgeblendet: die Geldpolitik!

In England war im Jahr 1844 mit Sir Robert Peels „Bank Charter Act“ eine künstliche gesetzliche Vorschrift zur Verknappung der Geldversorgung der britischen Wirtschaft vom Parlament beschlossen worden, die sich verschärfend auf jede deflationäre Rezession auswirken musste.

Weil unter Marxisten von Geldpolitik so selten die Rede ist, will ich zu diesem Thema Marx zitieren, der die monetären Ursachen der Krisen natürlich spätestens mit diesem Text aus dem Jahr 1857 kannte – als gerade die zweite Krise nach dem Vorbild des Jahres 1847 in England die Aufhebung dieser Peelschen Bankakte erzwang.

Karl Marx

Der Bankakt von 1844 und die Geldkrise in England

Geschrieben am 6. November 1857.
Aus dem Englischen.

("New-York Daily Tribune" Nr. 5176 vom 21. November 1857, Leitartikel)


Was die Notenreserve angeht und die maßgebliche Rolle, die sie auf dem Londoner Geldmarkt spielt, so muß man kurz auf Sir Robert Peels Bankakt von 1844 hinweisen, der nicht nur England, sondern auch die Vereinigten Staaten und den gesamten Weltmarkt beeinflußt. Unterstützt von dem Bankier Loyd, dem jetzigen Lord Overstone, und einer Anzahl weiterer einflußreicher Männer, beabsichtigte Sir Robert Peel mit seinem Act, ein selbsttätiges Prinzip für die Papiergeldzirkulation einzuführen, wodurch sich diese genau wie nach den Gesetzen einer reinen Metallgeldzirkulation ausdehnen und zusammenziehen müßte; und alle Geldkrisen würden somit, wie er und seine Anhänger behaupteten, für alle kommenden Zeiten abgewendet werden.
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_314.htm

Natürlich war die Behauptung der Currency-Schule, Bankenpaniken wie 1825 würden durch die Bankakte verhindert, dummes Geschwätz. Richtig ist, dass es sich bei der Bankakte um eine automatische Verschärfung von Deflationskrisen handelt, weil die Ausgabe von Banknoten nicht der aktuellen Entscheidung überlassen bleibt, sondern eben per Gesetz eingeschränkt wird. Andererseits war es sinnvoll, die Geldpolitik in Zukunft durch die Bank von England politisch und zentral zu steuern und nicht dem „freien Spiel der Kräfte“ irgendwelcher Privatbanken zu überlassen, wie es die Vertreter der Bankfreiheits-Schule forderten.

Eine so knappe wie treffende Darstellung finden wir hier:

Die nach Robert Peel, Premierminister von England, benannte Peelsche Bankakte (engl. Peel´s Act) von 1844 ist ein Gesetz, das vordergründig die Organisationsstruktur der Bank of England reformierte und zur Grundlage des Goldstandards sowie zum Vorbild der Währungsgesetzgebung des 19. Jh.s wurde. Das Gesetz beendete mit der Wiedereinführung der Goldwährung eine einmalige Experimentier- und Reformphase in der englischen Währungspolitik und richtete sich an den Forderungen der Currency-Theorie aus.

Kern des Gesetzes ist die Teilung der Bank of England in zwei Abteilungen: eine von den Direktoren geleitete Bank-Abteilung, die weiterhin frei von staatlichen Restriktionen ihre Bankgeschäfte abwickeln konnte, und eine Notengeld-Abteilung, deren fiduziäre (nicht durch Metall gedeckte) Notenemission kontingentiert wurde. Ziel war eine Geldmengenbewegung nach den Regeln einer reinen Metallwährung, sodass die Ausgabe von Banknoten nur entsprechend dem Metallbestand der Noten-Abteilung verändert werden konnte. Mit dieser restriktiven Gesetzgebung glaubte man das Ideal einer "liberalen Währungspolitik" zu verwirklichen, indem man die Währungspolitik nun automatisch auf die scheinbar natürlichen Erfordernisse des Zahlungsbilanzausgleichs ausrichtete.

Das Ausbleiben eines Zusammenbruchs der Zahlungsmittel- und Kreditversorgung Großbritanniens wurde im Wesentlichen durch zwei Umstände verhindert: zum einen durch den Pragmatismus der Regierung, Bestimmungen (vor allem die Deckungsvorschriften) der Peelschen Bankakte in den folgenden Geldkrisen aufzuheben, zum anderen durch das "Versehen", das Buchgeld - gemäß der Currency-Theorie - nicht als Geld zu betrachten, was es erlaubte, das knappe Notengeld durch Schecks und Wechsel zu ersetzen.
http://www.muenzen-lexikon.de/lexikon/p/pp056.html

An den Sorgen der „Liberalen“ um die Wertbeständigkeit ihres Geldes hat sich ja bis heute nichts geändert, so dass wir das Motiv zum Beschluss derartig restriktiver Bankgesetze nicht erst erforschen müssen.

Die Liberalen waren nach dem Ende des Krieges gegen Napoleon daran interessiert, dass die mit einem derartigen Krieg oder auch nur mit einer florierenden Konjunktur verbundene Inflation möglichst brutal rückgängig gemacht wird. Das geht nur über geldpolitisch verursachte Wirtschaftskrisen, Massenerwerbslosigkeit und dadurch sinkende Löhne und Preise.

Für die Deflationskrisen sollte die Peelsche Bankakte automatisch sorgen, also auch der Bank von England per Gesetz jede Maßnahme zur Verhinderung oder wenigstens Linderung der Krisen verbieten.

Die Peelsche Bankakte war so eine Art „Geldmengenregel“ nach dem heute für die weltweite Rezession der 1980er Jahre (ausgelöst durch die Hochzinspolitik des Paul Volcker in der US-Notenbank) berüchtigten Milton Friedman und seinen „Monetaristen“, die ja auch nur mit Wirtschaftskrisen die Inflation verhindern wollen und natürlich ebenfalls behaupten, dass es mit ihrer monetaristischen Geldpolitik keine Wirtschaftskrisen mehr geben würde, wenn man sich vorher genau an ihre Ideen halte.

Eine derartige „Geldmengenregel“ ist natürlich dumm und passt sich nicht den gerade wichtigen ökonomischen Verhältnissen an, wozu es eben ehrenwerte Notenbanker bräuchte, die es im Kapitalismus selbstverständlich auch nicht gibt. Man steht also vor der Wahl, mit einem durch Gesetze erzwungenen Automatismus die Ökonomie in Krisen zu treiben, die es eigentlich nicht bräuchte, oder die Auslösung von Deflationskrisen den Notenbankern zu überlassen, die dabei vielleicht ganz eigennützige und absonderliche – auch politische – Ziele verfolgen.

Robert Peel war der Sohn eines der reichsten Textilfabrikanten der frühen industriellen Revolution; als Innenminister hatte er 1823 mit seinem ersten Bankgesetz die Goldeinlösepflicht durch die Bank von England wieder eingeführt, die aus Anlass des Krieges gegen Napoleon im Jahr 1797 abgeschafft worden war; von 1841bis1846 war er britischer Premierminister, so dass die Bankakte von 1844 nach ihm benannt wurde.

Peels persönlicher Hintergrund war also die Tragödie der einfachen englischen Bürger. Man hatte einst das Agrarland der britischen Bevölkerung weggenommen und in Schafweiden verwandelt, die Menschen dadurch zu hungernden, „freien“ Proleten gemacht, die sich ihren Lebensunterhalt unter heute unvorstellbaren Bedingungen in Bergwerken und Fabriken verdienen mussten und von dem Lohn schlechter leben konnten und in schlimmeren Lumpen herumliefen, als vorher - ohne industrielle Revolution und britische Textilindustrie - in ihren Dörfern mit den zum Anbau von Nahrung genutzten Wiesen und Äckern und selbstgefertigter Kleidung.

Das war die industrielle Revolution und der ganze Gewinn für die Kapitalisten beruhte darauf, die um diesen Preis an menschlichem Elend in England erzeugten Textilien nicht an die eigene Bevölkerung gegen vorher gezahlten Lohn verkaufen zu müssen, sondern ins Ausland zu exportieren. Dafür durfte das Lohn- und Preisniveau im Inland nicht sehr steigen, um immer konkurrenzfähig zu bleiben, weshalb die Liberalen auch den Zoll auf Kornimporte aufheben wollten, würden damit doch die Arbeiter von noch weniger Lohn leben und die Agrarflächen in England noch mehr der Wollerzeugung dienen können.
Jedenfalls sind seit diesen Zeiten Liberalismus und Deflationismus wie siamesische Zwillinge untrennbar miteinander verwachsen.

Die aus diesen Exportinteressen entstandenen Gesetze mussten vorhersehbar für die lohnabhängigen Arbeiter grauenhafte Krisen erzwingen, was Marx bekannt war, auch wenn die Marxisten solche Textstellen bis heute ungern diskutieren und noch in keiner aktuellen Wirtschaftskrise erst einmal die Zinsen senken und eine expansive Geldpolitik betreiben möchten.

In normalen Zeiten wird der Höchstsatz der Noten, die die Bank legal ausgeben darf, niemals von der tatsächlichen Zirkulation absorbiert - eine Tatsache, die hinreichend durch die fortlaufende Existenz einer Notenreserve in der Kasse des Bank-Departments während solcher Perioden bewiesen ist. Man kann diese Wahrheit bestätigt finden, indem man die Berichte der Bank von England von 1847 bis 1857 vergleicht, oder sogar, indem man den Betrag der Noten, die von 1819 bis 1847 tatsächlich zirkulierten, mit dem vergleicht, der nach dem legal festgelegten Höchstsatz eigentlich hätte umlaufen können. In schwierigen Zeiten, wie 1847 und jetzt, werden die Auswirkungen eines Abflusses von Edelmetallen durch die willkürliche und absolute Trennung zwischen den beiden Departments desselben Unternehmens künstlich verschlimmert, wird das Ansteigen der Zinsen künstlich beschleunigt, droht die Aussicht auf Zahlungsunfähigkeit nicht als Folge der wirklichen Zahlungsunfähigkeit der Bank, sondern der fiktiven Zahlungsunfähigkeit eines ihrer Departments.
(Marx, ebenda)

Die Krise verschärft sich also sehr schnell, was der Zweck solcher Gesetze war; dumm nur, dass man die Krise dann nur noch beenden kann, indem diese Gesetze schließlich außer Kraft gesetzt werden. Man wollte ja nicht wirklich den britischen Kapitalismus ruinieren, sondern mit den Krisen regelmäßig die Löhne und Preise senken, um sich den für den ganzen Profit entscheidenden Exportüberschuss zu erhalten.

Die Ereignisse nehmen dann ihren vorhersehbaren Lauf:

Wenn die wirkliche Geldnot somit durch eine künstliche Panik verschärft worden ist und in ihrem Gefolge eine genügende Anzahl Opfer gefallen sind, dann wird der Druck der Öffentlichkeit auf die Regierung zu stark, und das Gesetz wird gerade in der Periode aufgehoben, zu deren Überwindung es geschaffen worden ist und in deren Verlauf es überhaupt nur irgendeine Wirkung hervorbringen kann. So begaben sich am 23. Oktober 1847 die führenden Bankiers aus London zur Downing Street, um dort Abhilfe durch Aufhebung des Peelschen Akts zu verlangen. Lord John Russell und Sir Charles Wood richteten daraufhin an den Gouverneur und an den Stellvertretenden Gouverneur der Bank von England einen Brief, in dem sie ihnen empfahlen, die Ausgabe der Noten zu erhöhen und somit das legale Zirkulationsmaximum zu überschreiten, während sie selbst die Verantwortung für die Verletzung des Gesetzes von 1844 auf sich nahmen und sich bereit erklärten, beim Zusammentreten des Parlaments eine Indemnitäts-Bill einzureichen. Dieselbe Farce wird diesmal wieder aufgeführt werden, nachdem die Verhältnisse dasselbe Niveau erreicht haben, auf dem sie in der am 23. Oktober 1847 endenden Woche standen, als eine gänzliche Einstellung jeglicher Geschäftstätigkeit und aller Zahlungen unmittelbar bevorzustehen schien.
(Marx, ebenda)

Nachdem Marx schon die Krisen von 1847 und 1857 bereits im Jahr 1857 völlig zutreffend analysiert hat, muss man sich gerade wundern, warum davon so wenig die Rede ist und wie sogar Marxisten die monetären Zusammenhänge hinter den wiederkehrenden Absatzkrisen nicht zu kennen scheinen, obwohl Marx daraus kein Geheimnis gemacht und sie schon 1857 in einem Leitartikel der „New-York Daily Tribune“ deutlich beschrieben hat.

Im Jahr 1866, noch einmal fast ein Jahrzehnt später, kam es zur dritten Suspendierung des Peelschen Bankakts, worüber wir uns wieder bei Marx informieren können, der darüber im Zusammenhang mit seiner später noch zu behandelnden Agitation gegen Russland geschrieben hat.

("The Diplomatic Review" vom 2. Dezember 1868)

Herrn Gladstones Brief vom 11. Mai 1866 suspendierte den Bankakt von 1844 unter folgenden Bedingungen:

1. Der Mindestdiskontsatz sollte auf 10 Prozent erhöht werden.

2. Wenn die Bank die gesetzlich festgelegte Beschränkung ihrer Notenemission überschreitet, sollte der Gewinn aus einer solchen Mehremission von der Bank an die Regierung überwiesen werden.

Demzufolge erhöhte die Bank ihren Mindestdiskontsatz auf 10 Prozent (d.h. auf 15 bis 20 Prozent für die gewöhnlichen Kaufleute und Fabrikanten) und verletzte nicht den Buchstaben des Gesetzes von 1844, soweit es die Notenemission anbelangt.

Herrn Gladstones Brief suspendierte daher den Peelschen Bankakt in solcher Weise, daß dessen schlimmste Folgen beibehalten, ja sogar künstlich verstärkt wurden. Ähnliches kann man weder dem Brief von Sir G. C. Lewis aus dem Jahre 1857 noch dem Brief Lord John Russells von 1847 nachsagen.

Nachdem also der Mindestdiskontsatz von 10 Prozent mehr als drei Monate gehalten worden war, folgte die unvermeidliche Reaktion. Von 10 Prozent ging der Mindestsatz rapide auf 2 Prozent zurück, und dies ist auch vor wenigen Tagen noch der offizielle Banksatz gewesen. Unterdes waren alle englischen Wertpapiere, Eisenbahnaktien, Bankaktien, Bergwerksaktien, alle Arten inländischer Investments außerordentlich im Wert gesunken und wurden sorgsam gemieden. Sogar die Konsols fielen. (Einmal, während der Panik, verweigerte die Bank die Zahlung von Darlehen auf Konsols.) Da war die Stunde für Auslandsinvestments gekommen. Auf dem Londoner Markt wurden ausländische Regierungsanleihen zu den günstigsten Bedingungen abgeschlossen. An erster Stelle stand eine russische Anleihe von 6 Millionen Pfund Sterling. Diese russische Anleihe, die einige Monate zuvor an der Pariser Börse jämmerlich gescheitert war, wurde jetzt an der Londoner Börse als Gottesgabe begrüßt. Vergangene Woche erst hat Rußland eine neue Anleihe von 4 Millionen Pfund Sterling aufgelegt. Im Jahre 1866 brach Rußland, genau wie jetzt (9. November 1868), fast unter der Last finanzieller Schwierigkeiten zusammen, die infolge der Agrarrevolution, welche es jetzt durchmacht, einen höchst erschreckenden Charakter angenommen haben.

Daß Rußland auf dem englischen Geldmarkt Tür und Tor geöffnet werden, ist noch das wenigste, was der Peelsche Bankakt für Rußland tut. Dieses Gesetz liefert England, das reichste Land der Welt, buchstäblich der Gnade der Moskowiter Regierung aus, der zahlungsunfähigsten Regierung Europas.
http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_334.htm

Die Geldpolitik und ihre Auswirkungen für Konjunktur und Beschäftigung sollten also für Marxisten eigentlich kein Rätsel mit unlösbaren Siegeln sein.

Hellmann
09.10.2008, 17:31
In Frankreich, wo im Februar 1848 die erste Revolution ausbrechen sollte, hatte es ebenfalls 1847 eine Finanzkrise gegeben.

The crisis which burst in 18 47 exposed that difficult adaption of financial structures to the needs of the new industrial economy. A series of bankruptcies struck private banks and companies. The Bank of France, whose gold reserves diminished by two-thirds in a few months, could only meet its liabilities by borrowing from English banks and raising its discount rate from 4% to 5%. The immediate effect of that credit crisis that gripped the heavy sector weighted down on the mass of investments in plants and borrowing, then those of the associated industries, and finally halting construction. The government of Louis Philippe postponed spending a billion francs of public works, the equivalent of five hundred million days of work. Between 1847 and the beginning of 1848 the value of the production of heavy metals diminished by a third and then by a half. In its wake, mining receded by 20%. And as the value of product was reduced, some fixed costs remained. Despite the lower turn over and profit, certain element s of the cost of production, rents, taxes, interest on invested capital persisted.
http://www.ohiou.edu/~Chastain/dh/feco.htm

Öffentliche Arbeiten im Umfang von 2 Millionen Mannjahren und eine antizyklische Finanzpolitik zur Linderung der Krisen waren also längst vor der „Entdeckung“ des Keynesianismus dem französischen König Louis Philippe eingefallen.

Die Marxisten freilich wollen bis heute davon nichts wissen, denn seit dieser Zeit hält sich die Hoffnung, dass eine Depression der Ökonomie die beste Ausgangslage für revolutionäre Erfolge wäre. Man übersieht dabei allerdings, dass sowohl die Krise das Werk des „Liberalismus“ war, als auch die Revolutionen dessen Ziele verfolgten. Die Krisen wie die Revolutionen dienten den Zielen der Liberalen. Und warum kam es gerade in England mit all seinem Massenelend zu keiner Revolution?

Anders in Frankreich mit der Februarrevolution:

The wave of bankruptcies worried the bourgeoisie. The most wealthy certainly attributed the difficulties to the government's lack of foresight, obstinately refusing any reform. Workers and peasants all felt the effects of the rise in the price of bread, the decrease in wages (up to 30% in northern textile factories), and persistence of unemployment. The uprising of February 24 broke out in "victimized" France.

Revolution was welcomed with hope and fervor by workers, peasants, and the modest layers of the bourgeoisie. But, because it worried the possessors, it interrupted the timid economic recovery. The financial elite wanted to demonstrate that social agitation and proclamation of a republic impeded the business climate. A panic took hold of the bourgeoisie. Between February 24 and 27, prices collapsed on the stock exchange. Suddenly, from a fear of the future, the French hoarded gold. Clients rushed to the Bank of France to exchange their notes for gold; the balance fell from 226 million to 70 by March 4. It was necessary to suspend free exchange of bank notes and to raise the ceiling on emissions from 250 to 350 million. This led to a new cascade of private bank bankruptcies. Clients of savings banks could only withdraw a hundred francs in specie; the remainder was payable half in treasury notes and the balance converted to a permanent and non-refundable annuity.

In the climate of quasi-bankruptcy, the provisional government had to face the deficit left it by the July Monarchy (20% of the normal budget). It solicited voluntary contributions and launched a national loan, but without much success. On March 16 it was forced to increase direct taxes 45%. This did not assu re the indispensable immediate collection, but provoked immense popular resistance.
(ebenda)

Auch die deutsche Märzrevolution wird häufig im Zusammenhang mit der Krise von 1847 gesehen:

Ein unmittelbarer Vorbote der Märzrevolutionen im damaligen Zentraleuropa war das Krisenjahr 1847, dem eine schwere Missernte 1846 vorausging. In den deutschen Staaten bedeutete dies eine Verteuerung der Lebensmittel, daraus folgend Hungersnöte und Hungerrevolten in fast allen deutschen Staaten und Regionen. Viele auch ärmere, vom Pauperismus (vorindustrielle Massenarmut) betroffene Bevölkerungsschichten wie Arbeiter, verarmte Handwerker, Landarbeiter usw. schlossen sich, bedingt durch ihre soziale Not, daraufhin zunehmend den Forderungen demokratisch und liberal gesinnter Kreise an.
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Revolution_1848/49

In Preußen war es schließlich der hohe Finanzbedarf des staatlichen Engagements im Eisenbahnbau, wodurch der König Wilhelm IV. im Jahr 1847 gezwungen war, den Vereinigten Landtag, eine Versammlung aller preußischer Provinzialstände einzuberufen, weil nach dem Staatsschuldengesetz aus dem Januar 1820 neue Staatsschulden nur mit einer „Garantie“ der Reichsstände aufgenommen werden konnten.

Als der Vereinigte Landtag regelmäßige Sitzungsperioden für seine Zustimmung zu den Krediten forderte, wurde er aufgelöst und kam danach nur noch einmal zusammen, um die Einberufung der Nationalversammlung zu beschließen.

Mit der Einberufung der Generalstände hatte einst die französische Revolution begonnen. :D

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Hellmann
17.10.2008, 16:35
Hintergründe der Februarrevolution in Frankreich


Das Revolutionsjahr 1848 begann mit der Februarrevolution in Frankreich, die zum auslösenden Ereignis für die Märzrevolution vor allem in den Ländern des Deutschen Bundes wurde.

Mit der Niederlage Napoleons war es in Frankreich zu einer Restauration der Monarchie der Bourbonen mit Ludwig XVIII. als König gekommen. Die überwiegenden und wesentlichen Teile der aus der Revolution stammenden Verfassung, Verwaltungsordnung und Eigentumsverhältnisse wurden dabei allerdings übernommen. Den „Weißen Terror“ der Royalisten gegen Revolutionsanhänger und Protestanten konnte der König aber nicht verhindern.

Nach Ludwigs Tod im Jahr 1824 folgte Karl X. auf dem Thron, der als letzter Bourbone durch die Julirevolution 1830 gestürzt wurde. Unter seiner Herrschaft, er war vorher der Führer der Ultraroyalisten gewesen, kam es zu einem wachsenden Einfluss von Jesuiten und Ultramontanen in Frankreich, absehbar sollte die Macht des Adels wiederhergestellt werden. Angesichts einer wachsenden liberalen Opposition bildete Karl X. eine „Regierung aus Priestern, durch Priester, für Priester“ (wiki), löste die protestierenden Kammern auf und setzte die Konstitution außer Kraft, weil in Neuwahlen vorhersehbar die Opposition gewonnen hätte.

Der von der Bourgeoisie angestiftete Aufstand von Handwerkern, Arbeitern und Studenten im Juli 1830 traf Karl X. völlig unvorbereitet und als Louis-Philippe, Herzog von Orléans, die französische Krone annahm, zog Karl X. sich ins Exil nach England zurück.

Damals hätte eine Ausrufung der Republik in Frankreich ein Eingreifen der Heiligen Allianz ausgelöst, so dass sich unter einer konstitutionellen Monarchie eines „Bürgerkönigs“ das Großbürgertum mit seinen Politikern wie Thiers und Guizot durchsetzte.

Francois Guizot war ein Schriftsteller, dem nicht nur das zynische Motto „bereichert Euch“ unter Louis-Philippe zugeschrieben wird, sondern zusammen mit dem Historiker Augustin Thierry auch die Idee, dass die Geschichte durch Klassenkämpfe bestimmt sei.

Augustin Thierry vertrat mit Francois Guizot die Auffassung, die Geschichte beruhe auf einer Abfolge von Klassenkämpfen. Karl Marx berief sich audrücklich auf beide. In der Thierryschen Version des Klassenkampfes kämpfte das Bürgertum, die Nachfahren der vor der germanischen Einwanderung nach Frankreich freien Kelten, gegen den Adel, die Nachfahren der fränkischen Eroberer. In der Französischen Revolution von 1789, so Thierry (und andere)befreiten sich die Bürger/Gallier von den Adeligen/Franken. Diese merkwüdige Verbindung des soziologischen Gedankens des Klassenkampfes mit älteren mythischen Vorstellungen über eine französische, eben gallische Urzeit, zu deren Verhältnissen man mit der Revolution und der Wiedergewinnung der keltischen Freiheit zurückkehrte, beherrschte die französische Geschichtsschreibung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
http://de.wikipedia.org/wiki/Augustin_Thierry

Der Bürgerkönig war der Sohn jenes „Philippe Égalité“, der vor der Revolution in Frankreich ein intimer Freund des Georg IV. von England und ein Feind des französischen Königs und vor allem der Königin geworden war, englischen Einfluss nach Frankreich gebracht hatte und im Juni 1789 jene 47 Adlige anführte, die sich vom Adel abspalteten und dem Dritten Stand anschlossen. Durch seine Heirat war „Philippe Égalité“ zum reichsten Mann Frankreichs geworden und der Hof sah das „Gold von Orléans“ als die treibende Kraft hinter den revolutionären Erhebungen in Frankreich; es soll allerdings Rivalitäten mit dem Führer der Freimaurer und auch sehr vermögenden Marquis de La Fayette gegeben haben.

Als Citoyen Égalité hatte er im Konvent für die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt, zur Zeit der Terrorherrschaft führte die Flucht seines Sohnes, des späteren Bürgerkönigs, zusammen mit dem General Dumouriez zu den Österreichern zur Verhaftung und Hinrichtung des Vaters im November 1793.
Maßgeblich für die Entscheidungen im Juli 1830 war neben dem schon erwähnten Thiers der Bankier Jacques Laffitte.

Laffitte war eines von zehn Kindern eines Zimmermanns. Er wurde Angestellter im Bankhaus von Perregaux in Paris. 1800 wurde er dort Partner, 1804 folgte er Perregeux als Leiter des Hauses. Perregaux, Laffitte et Cie. wurde eines der größten Geldinstitute in Europa. Laffitte wurde 1809 Mitglied des Aufsichtsrates, 1814 dann Präsident der Bank von Frankreich und Präsident der Handelskammer. Er stellte 1814 große Geldmengen für die Übergangsregierung zur Verfügung und für König Ludwig XVIII. während der „Hundert Tage“. Bei ihm hinterlegte Napoléon Bonaparte fünf Millionen Francs, bevor er Frankreich zum letzten Mal verließ.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Laffitte

In seinem Pariser Haus trafen sich die Anhänger der revolutionären Partei und als Präsident des Abgeordnetenhauses vereidigte er den Louis-Philippe. Die Revolutionen wurden von den großen Bankiers betrieben, die demonstrierenden Arbeiter waren nur ihr Werkzeug, was man unbedingt beachten sollte, ehe man mit Marx die Revolution von den Arbeitern erwartet.

Der Ruf des Mob in Paris nach dem Tod der gefangenen Minister von Charles X. fand seinen Höhepunkt in den Oktober-Unruhen, an denen auch moderatere Mitglieder der Regierung teilnahmen - einschließlich François Guizot, dem Duc de Broglie und Casimir Pierre Périer — um eine Regierungsübergabe an Minister zu verlangen, die das Vertrauen der revolutionären Partisanen hatten. Am 5. November wurde Jacques Laffitte Ministerpräsident ... Die angeklagten Minister wurden durch den Mut des Oberhauses und durch die National Guarde gerettet; aber ihre Sicherheit ging auf Kosten von Laffittes Popularität.
(ebenda)

Im März 1831 erfolgte der Rücktritt von Laffitte, der politisch diskreditiert und finanziell ruiniert war.

Das Großbürgertum erlebte einen Aufschwung unter Louis-Philippe, das Proletariat und die Bauernschaft zählten zu den Verlierern, soziale Probleme wurden ignoriert, was zu einer wachsenden Popularität des Charles-Louis-Napoléon Bonaparte, des späteren Napoleon III. - eines Neffen Napoleons, führte, der seiner Politik einen sozialen Anspruch gab.

Für die Verhältnisse in Frankreich unter Louis-Philippe ist der Dichter Heinrich Heine eine gute Quelle. Gegen die Presse wurde von der Justiz kaum eingeschritten - auch Karl Marx hätte wegen des „Vorwärts!“ Frankreich nicht verlassen müssen, alle anderen Verantwortlichen und Beteiligten blieben dort - und die Zeitungen konnten publizieren, wofür sie von ihren Geldgebern bezahlt wurden, ganz nach den Grundsätzen bürgerlicher Pressefreiheit.

Die preußische Pressezensur lobte Heinrich Heine im Vergleich zur Situation in Frankreich, waren die Zensoren doch hoch gebildete Leute, an deren Einsicht und Vernunft sich appellieren ließ, während die Presse in Frankreich allein dem Geschäftsinteresse der Geldgeber ausgeliefert war. Der Komponist und Bankierssohn Meyerbeer hatte die Gründung des „Vorwärts!“ finanziert, dessen Redakteur Börnstein noch als Pariser Korrespondent der Wiener „Allgemeine Theaterzeitung“ und anderer Blätter etwa in Frankfurt und vielen anderen deutschsprachigen Städten arbeitete, womit die Kompositionen gebührend gelobt wurden.

Heinrich Heine hat dies alles gut beschrieben:

Die französische Tagespresse ist gewissermaßen eine Oligarchie, keine Demokratie; denn die Begründung eines französischen Journals ist mit so vielen Kosten und Schwierigkeiten verbunden, daß nur Personen, die imstande sind, die größten Summen aufs Spiel zu setzen, ein Journal errichten können. Es sind daher gewöhnlich Kapitalisten oder sonstige Industrielle, die das Geld herschießen zur Stiftung eines Journals; sie spekulieren dabei auf den Absatz, den das Blatt finden werde, wenn es sich als Organ einer bestimmten Partei geltend zu machen verstanden, oder sie hegen gar den Hintergedanken, des Journal späterhin, sobald es eine hinlängliche Anzahl Abonnenten gewonnen, mit noch größerem Profit an die Regierung zu verkaufen. Auf diese Weise, angewiesen auf die Ausbeutung der vorhandenen Parteien oder des Ministeriums, geraten die Journale in eine beschränkende Abhängigkeit und, was noch schlimmer ist, in eine Exklusivität, eine Ausschließlichkeit bei allen Mitteilungen, wogegen die Hemmnisse der deutschen Zensur nur wie heitere Rosenketten erscheinen dürften. Der Redakteur en chef eines französischen Journals ist ein Kondottiere, der durch seine Kolonnen die Interessen und Passionen der Partei, die ihn durch Absatz oder Subvention gedungen hat, verficht und verteidigt. Seine Unterredakteure, seine Lieutenants und Soldaten, gehorchen mit militärischer Subordination, und sie geben ihren Artikeln die verlangte Richtung und Farbe, und das Journal erhält dadurch jene Einheit und Präzision, die wir in der Ferne nicht genug bewundern können. Hier herrscht die strengste Disziplin des Gedankens und sogar des Ausdrucks.
http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/lutetia11.shtml

Heine kannte sich in den Verhältnissen aus, war er doch selber auf die Zuwendungen seines Onkels Salomon, eines Bankiers in Hamburg, angewiesen, trotz der von der französischen Regierung - deren Ministerium Guizot – angewiesenen Unterstützung. Auch der Dichter kann nur erfolgreich sein, wenn er in den Salons verkehrt, was sich nicht unbedingt von selber bezahlt macht. Sogar der regelmäßige Besuch im Hause Rothschild in Paris scheint dem Heine kein Geld gebracht zu haben, obwohl es politisch und gesellschaftlich sich wichtig war, die Zeit und noch mehr die benötigten Mittel für den Umgang in diesen Kreisen aufzuwenden.

Die Familie Rothschild verdankte ihren ungeheuren Aufstieg dem Krieg Englands gegen Napoleon, der Finanzierung und Transaktion der gewaltigen Zahlungen Englands an die Truppen des Wellington in Spanien und vor allem an die englischen Verbündeten. Die Gelder sollten die zuletzt schnell gegen Napoleon vorrückenden Truppen schon erwarten, so dass die preußischen, russischen und österreichischen Truppen ständig gut versorgt waren und nicht auf Beschlagnahme und gar Plünderungen zu ihrer Versorgung angewiesen waren, was dem Napoleon zusätzliche Sympathien und Unterstützung eingebracht hätte.

Dank der Agenten Rothschilds flossen die englischen Hilfsgelder sogar direkt über Paris, wo sich James Rothschild befand, nach Spanien, wobei sie in die jeweils lokal benötigten Währungen umgewechselt wurden. Ebenso die englischen Gelder, die über die Niederlande nach Preußen und Österreich verbracht wurden. Das englische Gold wurde also nicht nur mitten durch das französische Herrschaftsgebiet geleitet, sondern ganz nach dem momentanen Bedarf der englischen und verbündeten Truppen umgemünzt und den vorrückenden Verbänden ausgehändigt oder gleich in die benötigten Waren umgesetzt.

Der umfangreiche Transfer von Gold und Gütern war der französischen Polizei nicht verborgen zu halten. Sogar Napoleon selber wurde von seinem Marschall Davout gewarnt, hat das Problem aber anscheinend für nicht weiter wichtig gehalten. Die Rothschilds hatten anscheinend Rückhalt durch den französischen Finanzminister Graf von Mollien, dem sie entweder erfolgreich einreden konnten, sie würden zum Schaden Englands Gold von der Insel abziehen, oder aber, falls er dafür zu intelligent war, eine entsprechende Summe Bestechungsgelder für den Schutz vor massiven Nachforschungen der Polizei zukommen ließen, falls das überhaupt erforderlich war, weil man es womöglich ohne Bemühungen von James Rothschild längst mit einem britischen Agenten zu tun hatte .

The events of the French Revolution threatened at times to overwhelm Mollien. In 1794 he was brought before the revolutionary tribunal of Évreux as a suspect, and narrowly escaped the fate that befell many of the former farmers-general. He retired to England, where he observed the financial measures adopted at the crisis of 1796-1797.

After the coup d'état of 18 Brumaire (November 1799) he re-entered the ministry of finance, then under Gaudin, who entrusted to him important duties as director of the new caisse d'amortissement. Napoleon, hearing of his abilities, frequently consulted him on financial matters, and after the Proclamation of the Empire (May 1804) made him a councillor of state. The severe financial crisis of December 1805 to January 1806 served to reveal once more his sound sense.
Napoleon, returning in haste not long after the Battle of Austerlitz, dismissed Barbé-Marbois from the ministry of the treasury and confided to Mollien those important duties.

He soon succeeded in freeing the treasury from the interference of great banking houses. In other respects, however, he did something towards curbing Napoleon's desire for a precise regulation of the money market. The conversations between them on this subject, as reported in Mollien's Mémoirs, are of high interest, and show that the ministry had a far truer judgement on financial matters than the emperor, who often twitted him with being an ideologue.
http://en.wikipedia.org/wiki/Nicolas_Fran%C3%A7ois,_Count_Mollien

Immer wieder verwunderlich, mit welchem Vertrauen man Leute bis in höchste Positionen Karriere machen ließ, die sich in wichtigen Lebensabschnitten in England aufgehalten hatten und da Kontakte in maßgeblichen Kreisen gewonnen haben mussten.

Man muss sich überhaupt über manche Naivität wundern:

In the final years of the Napoleonic Wars, Napoleon allowed English smugglers entry into the French ports of Dunkirk and Gravelines, encouraging them to run contraband back and forth across the Channel. Gravelines catered for up to 300 English smugglers, housed in a specially constructed compound known as the ‘city of smugglers’. Napoleon used the smugglers in the war against Britain. The smugglers arrived on the French coast with escaped French prisoners of war, gold guineas, and English newspapers; and returned to England laden with French textiles, brandy, and gin. Smuggling remains a neglected historical subject, and this episode in particular – the relationship between English smugglers and the Napoleonic state between 1810 and 1814 – has attracted little scholarly interest. Yet it provides a rich historical source, illuminating not only the history of Anglo-French Channel smuggling during the early nineteenth century, but offering insights into the economic, social, and maritime history of the Napoleonic Wars.
http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract;jsessionid=79D1640792E8D18DA19775F DBA379D9F.tomcat1?fromPage=online&aid=1008272

Zu Rothschild und den britischen Hilfsgeldern lese man Baron Egon Caesar Corti „Der Aufstieg des Hauses Rothschild“.

http://books.google.co.uk/books?id=BBG5PI6EcFsC&pg=PA117&lpg=PA117&dq=%22John+Charles+Herries%22+rothschild&source=web&ots=nxV9zBDsJD&sig=3MqQ8gsujHR4UVvxc-2q9FbvjPA&hl=en&sa=X&oi=book_result&resnum=6&ct=result

Hellmann
17.10.2008, 16:38
Jedenfalls waren die Rothschilds nach der Niederlage Napoleons mit Geld und europaweiten Agentennetzen politisch sehr einflussreich, auch weiterhin wohl für britische Politik tätig. In Frankreich unter dem Bürgerkönig hatten sich allerdings zuletzt eher antisemitische Kräfte durchgesetzt, wie Heine hier noch zeigt:

Vorstehende Andeutungen befördern vielleicht das Verständnis mancher unbegreiflichen Erscheinungen, und ich überlasse es dem deutschen Leser, allerlei nützliche Belehrung daraus zu schöpfen. Zunächst aber mögen sie zur Aufklärung dienen, weshalb die französische Presse in betreff der Juden von Damaskus nicht so unbedingt sich zugunsten derselben aussprach, wie man gewiß in Deutschland erwartete. Ja, der Berichterstatter der »Leipziger Zeitung« und der kleineren norddeutschen Blätter hat sich keine direkte Unwahrheit zuschulden kommen lassen, wenn er frohlockend referierte, daß die französische Presse bei dieser Gelegenheit keine sonderliche Sympathie für Israel an den Tag legte. Aber die ehrliche Seele hütete sich wohlweislich, den Grund dieser Erscheinung aufzudecken, der ganz einfach darin besteht, daß der Präsident des Ministerkonseils, Herr Thiers, von Anfang an für den Grafen Ratti-Menton, den französischen Konsul von Damaskus, Partei genommen und den Redakteuren aller Blätter, die jetzt unter seiner Botmäßigkeit stehen, in dieser Angelegenheit seine Ansicht kundgegeben. Es sind gewiß viele honette und sehr honette Leute unter diesen Journalisten, aber sie gehorchen jetzt mit militärischer Disziplin dem Kommando jenes Generalissimus der öffentlichen Meinung, in dessen Vorkabinett sie sich jeden Morgen zum Empfang der Ordre du jour zusammen befinden und gewiß ohne Lachen sich einander nicht ansehen können; französische Haruspices können ihre Lachmuskeln nicht so gut beherrschen wie die römischen, von denen Cicero spricht. In seinen Morgenaudienzen versichert Herr Thiers mit der Miene der höchsten Überzeugung, es sei eine ausgemachte Sache, daß die Juden Christenblut am Paschafeste söffen, chacun à son goût, alle Zeugenaussagen hätten bestätigt, daß der Rabbiner von Damaskus den Pater Thomas abgeschlachtet und sein Blut getrunken – das Fleisch sei wahrscheinlich von geringern Synagogenbeamten verschmaust worden; – da sähen wir einen traurigen Aberglauben, einen religiösen Fanatismus, der noch im Oriente herrschend sei, während die Juden des Okzidentes viel humaner und aufgeklärter geworden und mancher unter ihnen sich durch Vorurteilslosigkeit und einen gebildeten Geschmack auszeichne, z.B. Herr von Rothschild, der zwar nicht zur christlichen Kirche, aber desto eifriger zur christlichen Küche übergegangen und den größten Koch der Christenheit, den Liebling Talleyrands, ehemaligen Bischofs von Autun, in Dienst genommen.
http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/lutetia11.shtml

Als sich Louis-Philippe zuletzt noch der Heiligen Allianz annäherte, die ja vorrevolutionäre Verhältnisse wieder herstellen wollte, wurden vom Großbürgertum die üblichen Maßnahmen für seinen Sturz getroffen.

Man forderte zunächst eine Reform des Wahlrechts, das in Frankreich ein Zensuswahlrecht war. Das Zensuswahlrecht begünstigt zwar die Reichen in einer Gesellschaft, aber ein allgemeines und gleiches Wahlrecht ist im Interesse jener winzigen Gruppe von Superreichen, die sich die vom einfachen Volk gewählten Parteien und Politiker um so leichter kaufen können, je ahnungsloser die von der Presse getäuschten Massen sind.

Bei einem Zensuswahlrecht dagegen hat man es doch eher mit einer gut informierten Schicht von Wählern und finanziell unabhängigen und womöglich unbestechlichen Politikern zu tun, weshalb also das wirklich mächtige Finanzkapital das allgemeine Wahlrecht bevorzugt, bei dem das eher gutinformierte und organisierte kleine und mittlere Bürgertum marginalisiert wird.

Als Louis-Philippe am 21. Februar ein Bankett zum Wahlrecht verbot, kam es zu Unruhen von Arbeitern und Studenten mit heftigen Straßen- und Barrikadenkämpfen. Schon am 24. Februar musste der Ministerpräsident Guizot zurücktreten und wenig später floh Louis-Philippe nach seiner Abdankung als König ins Exil nach England.

An der ersten Revolutionsregierung mussten zur Beruhigung der Straße auch linke Exponenten wie Luis Blanc beteiligt werden und jener Ferdinand Flocon, von dem Marx am 3. März eine Einladung nach Paris erhielt, nachdem eine Brüsseler „Association Démocratique“ unter dem Einfluss von Marx ein Grußschreiben an die neue provisorische Regierung in Paris verfasst hatte.

Wie sehr die politischen Verhältnisse von der geldpolitisch verursachten Absatzkrise beeinflusst waren, kann man an der Einrichtung von sogenannten „Nationalwerkstätten“ für die vielen Arbeitslosen gleich nach der Februarrevolution ersehen. Dabei wurden allerdings nicht die linken Ideen eines Louis Blanc verwirklicht, sondern das Großbürgertum suchte mit Arbeitsdisziplin die Aufrührer wieder von der Straße zu bekommen. Später wurde von der Reaktion auch in anderen Ländern behauptet, in den Nationalwerkstätten wären die Ideen des Luis Blanc und vieler anderer fortschrittlicher Kräfte zur Arbeitsbeschaffung in Krisenzeiten gescheitert, aber es war von vornherein nicht vorgesehen gewesen, mit den Nationalwerkstätten auf dem Markt konkurrenzfähige, produktive Betriebe aufzubauen.

Die Schließung der Nationalwerkstätten schon im Juni führte zu einem von Nationalgarde und Armee blutig niedergeschlagenen Aufstand der Arbeiter in Paris. Das Großkapital hatte in Frankreich vorerst gesiegt und brauchte die Arbeiter und Studenten nicht mehr.

Allerdings kam schon bei der Wahl im Dezember 1848 Luis Napoléon mit überwältigender Mehrheit ins Amt des Staatspräsidenten, weil er auch von den Arbeitern aus Rache am Bürgertum die Stimmen erhielt. Er sollte die Zweite Republik drei Jahre später im Dezember 1851mit einem Staatsstreich beseitigen und sich zum Kaiser Napoléon III. erklären lassen.

Hellmann
05.11.2008, 13:39
Revolutionsjahr 1848


Friedrich Engels ist eine brauchbare Quelle für die nun fast europaweit ausbrechenden revolutionären Aufstände und ihre Hintergründe in den einzelnen Ländern.

Für Belgien dokumentiert Engels die gewaltigen Ausmaße der Absatzkrise der Wirtschaft und der Einbrüche an den Börsen:

Die braven Bürger von Brüssel, die sich noch vor wenigen Tagen nicht scharf genug gegen jegliche Absicht verwahren konnten, dem Beispiel der Französischen Republik zu folgen, haben den Rückschlag der Pariser Finanzkrise zu spüren bekommen. Während sie noch gegen die politische Nachahmung zeterten, erlitten sie schon die finanzielle Nachahmung. Während sie noch Hymnen auf die belgische Unabhängigkeit und Neutralität sangen, fanden sie die Brüsseler Börse in vollkommenster und demütigendster Abhängigkeit von der Börse in Paris. Der Kordon von Truppen, der die Südgrenze besetzt hält, hat keineswegs die Baisse der Börsenpapiere daran gehindert, mit Paukenschlägen in das garantiert neutrale Gebiet Belgiens einzufallen.

Die Bestürzung, die auf dem Brüsseler Markt herrscht, hat in der Tat restlos alles erfaßt. Der Bankrott dezimiert den mittleren und den Kleinhandel, die Börsenpapiere finden keine Käufer mehr, die Notierungen sind rein nominell, das Geld verschwindet schneller noch als in Paris, der Handel stagniert völlig, und die meisten Fabrikanten haben bereits ihre Arbeiter entlassen. Hier einige Beispiele für die allgemeine Entwertung: Vor einigen Tagen bot ein Kaufmann 150 Aktien der Dendre-Eisenbahngesellschaft - Effekten, die vor der Februarrevolution an der Londoner Börse über pari gestanden hatten - je Aktie zu 100 Francs -, zum Verkauf an. Am ersten Tag lehnte er 45 Francs ab, am zweiten 35 Francs; am dritten verkaufte er sie zu 10 Francs pro Aktie! Grundstücke, die vor zwei Jahren für sechstausend Francs gekauft wurden, finden für ein Drittel dieser Summe keinen Käufer mehr.

Und in diesem Augenblick allgemeiner Panik fordert die Regierung zuerst einen Vorschuß von zwei Dritteln der direkten Steuern und dann eine Zwangsanleihe von fünfzig bis sechzig Millionen und jagt so den wegen des ständig wachsenden Budgets ohnehin unzufriedenen Steuerzahlern Angst und Schrecken ein.

Engels, Brüssel, 18. März http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_541.htm

Der Leser möge es mir nachsehen, dass ich das Auge nicht auf die Worte und Gesänge der Dichter von Freiheit und Demokratie richte, sondern auf die tiefere Ursache des Geschehens, die heute fast vergessen ist, aber damals natürlich kaum zu übersehen war.

Und in diesem Augenblick allgemeiner Panik fordert die Regierung zuerst einen Vorschuß von zwei Dritteln der direkten Steuern und dann eine Zwangsanleihe von fünfzig bis sechzig Millionen und jagt so den wegen des ständig wachsenden Budgets ohnehin unzufriedenen Steuerzahlern Angst und Schrecken ein.

Zustände dieser Art haben unsere braven Bürger dann doch davon überzeugt, daß ihre Begeisterung für die Monarchie ihnen weiter nichts eingebracht hat, als in die Unannehmlichkeiten, hervorgerufen durch die Lage in Frankreich, voll und ganz hineingezogen zu werden, ohne Nutzen aus den dort erkämpften Vorteilen ziehen zu können. Das ist der treibende Grund ihres erwachenden Republikanertums.

Mittlerweile sind die Arbeiter keineswegs ruhig. In Gent gab es mehrere Tage lang Unruhen; hier ist es vorgestern nach zahlreichen Ansammlungen von Arbeitern zu einer Petition an den König gekommen, die Leopold persönlich aus den schwieligen Händen, die sie ihm überreichten, entgegenzunehmen geruhte. Demonstrationen ernsteren Charakters werden nicht auf sich warten lassen. Mit jedem Tag werden zahlreiche Gruppen von Arbeitern aus dem Arbeitsprozeß ausgestoßen. Die Entwicklung der industriellen Krise braucht nur anzudauern, und die Geister in der Arbeiterklasse brauchen sich nur um ein weniges mehr zu erhitzen, dann wird die belgische Bourgeoisie, ganz wie die von Paris, schon ihre "Vernunftehe" mit der Republik eingehen.
(Engels, ebenda)

In der „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ vom 23. Januar 1848 hatte Engels einen Überblick der europäischen Geschehnisse im Jahr 1847 geliefert und die zu erwartenden Ereignisse mit erstaunlicher Präzision angekündigt.

Gewiß, 1847 war das bewegteste Jahr, das wir seit langer Zeit gehabt haben. In Preußen eine Konstitution und ein Vereinigter Landtag, in Italien ein unerwartet schnelles Erwachen des politischen Lebens und allgemeine Bewaffnung gegenüber Östreich, in der Schweiz ein Bürgerkrieg, in England ein neues Parlament mit entschieden radikaler Färbung, in Frankreich Skandale und Reformbanketts, in Amerika Eroberung Mexikos durch die Vereinigten Staaten - das ist eine Reihe Veränderungen und Bewegungen, wie keins der letzten Jahre sie aufzuweisen hat.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_494.htm

Wegen eines verbotenen Wahlreformbanketts sollte es dann fast genau einen Monat später in Paris zu den großen Protesten und zum Sturz des Königs kommen.

Von den Bewegungen und Veränderungen des Jahres 1847 waren die bedeutendsten die in Preußen, in Italien und in der Schweiz.

In Preußen wurde Friedrich Wilhelm IV. endlich zu einer Konstitution gezwungen. Der unfruchtbare Don Quijote von Sanssouci kam nach langen Kämpfen und Wehen mit einer Verfassung nieder, die den Sieg der feudalistisch-patriarchalisch-absolutistisch-bürokratisch-pfäffischen Reaktion auf ewig sicherstellen sollte. Aber er hatte sich verrechnet. Die Bourgeoisie war schon mächtig genug geworden, um selbst in dieser Verfassung eine Waffe gegen ihn und sämtliche reaktionäre Klassen der Gesellschaft zu finden. Wie überall, fing sie auch in Preußen damit an, ihm die Gelder zu verweigern. Der König war in Verzweiflung. Man kann sagen, daß in den ersten Tagen nach den Geldverweigerungen Preußen gar keinen König hatte; es war in voller Revolution, ohne es zu wissen. Da kamen zum Glück die fünfzehn russischen Millionen und Friedrich Wilhelm wurde wieder König, die Bourgeois des Landtags knickten erschrocken zusammen, und die revolutionären Gewitterwolken verzogen sich.
(ebenda)

Die Krise zwang die Regierungen und Fürsten, um Kredite zu betteln; für Preußen sollten die Hoffnungen von Engels aber nicht eintreffen.

Die Frage, wer in Preußen herrschen soll, ob die Allianz zwischen Adel, Bürokraten, Pfaffen mit dem König an ihrer Spitze, oder die Bourgeoisie, ist jetzt so gestellt, daß sie für die eine oder die andere Seite entschieden werden muß. Auf dem Vereinigten Landtag war noch ein Vergleich beider Parteien möglich; jetzt ist er's nicht mehr. Es gilt jetzt einen Kampf auf Tod und Leben zwischen beiden...

Wir können also mit der größten Ruhe diese preußische Revolution abwarten. 1849 wird der Vereinigte Landtag wieder berufen werden müssen, der König mag wollen oder nicht. Bis dahin geben wir Sr. Majestät Frist, nicht länger. Dann wird er sein Zepter und seine berühmte "Ungeschwächte" an die christlichen und jüdischen Bourgeois seines Reichs abtreten müssen.
(Engels, ebenda)

Für England erwartet Engels sogar einen Sieg des Industriekapitals über das Finanzkapital und dessen Fassade, den britischen Hochadel:

In England herrschen einzelne Fraktionen der Bourgeoisie seit 1688; aber um sich die Eroberung der Herrschaft zu erleichtern, haben sie ihren von ihnen abhängigen Schuldnern, den Aristokraten, die nominelle Herrschaft gelassen. Während so der Kampf in England in Wirklichkeit ein Kampf zwischen einzelnen Fraktionen der Bourgeoisie selbst, zwischen Rentiers und Fabrikanten ist, können die Fabrikanten ihn für einen Kampf zwischen Aristokratie und Bourgeoisie, ja im Notfall für einen Kampf zwischen Aristokratie und Volk ausgeben. Die Fabrikanten haben kein Interesse, den Schein der Herrschaft der Aristokratie aufrechtzuerhalten, denn ihnen sind die Lords, Baronets und Squires keinen Heller schuldig. Aber sie haben ein großes Interesse, diesen Schein zu stürzen, weil mit diesem Schein den Rentiers der letzte Notanker verlorengeht. Das jetzige Bourgeois- oder Fabrikantenparlament wird dies tun. Es wird das alte, feudalistisch aussehende England in ein mehr oder weniger modernes, bürgerlich organisiertes Land verwandeln. Es wird die englische Verfassung der französischen und belgischen Verfassung annähern. Es wird den Sieg der englischen industriellen Bourgeoisie vollenden.
(ebenda)

Hellmann
05.11.2008, 13:53
Revolutionäre und Agenten brauchen Geld, wenn sie etwas bewirken sollen. Überall in den oben erwähnten Ländern waren jetzt unter verschiedensten Vorwänden Gelder zu den Leuten unterwegs und wie es der Zufall so trifft, traf zur richtigen Zeit auch bei Karl Marx eine große Summe ein:

Anfang Februar hatte er von seiner Mutter als Vorauszahlung auf sein Erbe 6000 Franc erhalten, eine immerhin so erstaunliche Summe, dass sie für die belgische Polizei Anlass war, über die Trierer Behörden seine alte Mutter einvernehmen zu lassen; deren artige Beteuerung, dies sei lediglich ein Betrag, um den der Sohn seit langem für den Unterhalt der Familie gebeten habe, konnte den Verdacht nicht ganz zerstreuen, dass das Geld für revolutionäre Umtriebe benutzt würde.
(Raddatz, a.a.O. Seite 107)

Marx zog mit dem Geld umgehend aus seiner Wohnung ins „Bois Sauvage“ und verteilte unter seinen Anhängern einige Summen zur Anschaffung von Waffen, was ganz im Gegensatz zu den späteren Bemühungen seiner Biographen steht, ihn als besonders besonnen und vernünftig in diesen unruhigen Zeiten darzustellen.

Von Engels haben wir eine knappe Beschreibung, wie der umfirmierte „Bund der Kommunisten“ jetzt endgültig unter das Diktat von Marx kam:

Die Februarrevolution brach aus. Sofort übertrug die bisherige Londoner Zentralbehörde ihre Befugnisse an den leitenden Kreis Brüssel. Aber dieser Beschluß traf ein zu einer Zeit, wo in Brüssel schon ein tatsächlicher Belagerungszustand herrschte und namentlich die Deutschen sich nirgends mehr versammeln konnten. Wir waren eben alle auf dem Sprung nach Paris, und so beschloß die neue Zentralbehörde, sich ebenfalls aufzulösen, ihre sämtlichen Vollmachten an Marx zu übertragen und ihn zu bevollmächtigen, in Paris sofort eine neue Zentralbehörde zu konstituieren. Kaum waren die fünf Leute, die diesen Beschluß (3. März 1848) gefaßt, auseinandergegangen, als die Polizei in Marx' Wohnung drang, ihn verhaftete und am nächsten Tage nach Frankreich abzureisen zwang, wohin er grade gehn wollte.
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Marx und seine Frau Jenny wurden für wenige Stunden festgenommen und es gibt von den Ereignissen solche theatralischen und wahrheitswidrigen Schilderungen, dass ein Historiker nicht zu beneiden wäre, der aus dem Zeugnis der Beteiligten nun herausfinden sollte, was wirklich vorgefallen war.

Belgien war 1815 auf dem Wiener Kongress den Niederlanden zugeschlagen worden. Erst 1830 wurde das Land durch die belgische Revolution unabhängig und gab sich eine parlamentarische Monarchie. Mit Leopold von Sachsen-Coburg war der Bruder der Mutter der britischen Königin Victoria vom belgischen Nationalparlament zum König vereidigt worden. Zwei Wochen später überfielen niederländische Truppen das Land und es kam zu einem achtjährigen Krieg bis im Jahr 1839 die belgische Unabhängigkeit von den Niederlanden zugestanden wurde.

Aus all diesen Gründen war Brüssel nach London die zweite Adresse für Revolutionäre in schwierigen Zeiten, wenn sogar in Paris Verhaftung drohte.

Der belgische König Leopold I. hatte 1848 geschickt reagiert, einerseits gleich dem Parlament seinen Rücktritt angeboten und die Revolutionäre aus dem Land getrieben. Vielleicht hatte sich auch die britische Königin Victoria bei ihren Leuten für den Bruder ihrer Mutter aus dem Hause Coburg eingesetzt. Jedenfalls blieb Leopold I. von den Revolutionären verschont.
Lassen wir hier noch einmal Mehring zu Wort kommen:

Am 24. Februar 1848 hatte die Revolution das französische Bürgerkönigtum gestürzt. Sie übte ihren Rückschlag auch auf Brüssel, doch wußte sich der König Leopold, ein mit allen Hunden gehetzter Coburger, geschickter aus der Klemme zu ziehen als sein Schwiegervater in Paris. Er versprach seinen liberalen Ministern, Abgeordneten und Bürgermeistern, die Krone niederzulegen, wenn die Nation es wünsche, und rührte dadurch die gemütvollen Staatsmänner der Bourgeoisie so sehr, daß sie auf alle rebellischen Gedanken verzichteten.

Danach ließ der König die Volksversammlungen auf den öffentlichen Plätzen durch seine Soldaten auseinandertreiben und eine polizeiliche Hetze gegen die fremden Flüchtlinge eröffnen. Gegen Marx wurde dabei mit besonderer Roheit verfahren; man verhaftete nicht nur ihn, sondern auch seine Frau, die man für eine Nacht mit öffentlichen Dirnen zusammensperrte. Der Polizeikommissar, der die Infamie verschuldet hatte, wurde später abgesetzt, und die Haft mußte sofort aufgehoben werden, doch blieb es bei der Ausweisung, die im übrigen eine überflüssige Mißhandlung war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_1

Nach Raddatz (S.109) hat Madame Jenny Marx dem Gefängniswärter aber sogar ein „reichliches Trinkgeld“ für ihre bevorzugte Behandlung gegeben und der oben erwähnte Polizeikommissar ist wohl ein Opfer der politisch gebotenen Darstellung in der Presse der „Misshandlung“ der Familie Marx durch die belgische Polizei geworden.

Bei Marx liest sich das in einem Brief an die Pariser Zeitung „La Réforme“ dann so:

Unter dem Vorwand der Landstreicherei wird meine Frau ins Gefängnis des Rathauses abgeführt und mit Straßenmädchen zusammen in einen dunklen Saal gesperrt. Um elf Uhr morgens wird sie am hellichten Tage in Begleitung einer ganzen Eskorte von Gendarmen in das Amtszimmer des Untersuchungsrichters geführt. Zwei Stunden lang wird sie trotz schärfsten Einspruchs von allen Seiten in Einzelverwahrung gehalten. Dort verbleibt sie, ausgesetzt der ganzen Unbill der Jahreszeit und den schamlosesten Reden der Gendarmen.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_536.htm

Nach Raddatz (S. 109) konnte der Concierge des Gefängnisses dem Wunsch der Madame Marx nach einer Einzelzelle nicht sofort entsprechen, so dass sie für 15 Minuten in einer Gemeinschaftszelle warten musste, bis ihr eine Schlafstatt in einer Doppelzelle für sie allein hergerichtet war.

Marx reist also nach Paris, seine Familie kommt nach, Raddatz wundert sich über eine Anschrift:

Die nächste Adresse allerdings, nachdem Mitte März die Familie angekommen ist, liest sich seltsam, das Hotel Manchester, 1. Rue Gramont. Dort aber logierte ein Polizeirevier. Ein Hotel lässt sich nicht nachweisen. Hatte Freund Caussiedière eine Deckadresse besorgt?
(Raddatz, S. 110)

Wir wollen das aber im Trubel revolutionärer Ereignisse nicht überbewerten.

In Paris hatte sich bisher Engels aufgehalten und zu den politischen Kreisen von Heine über Luis Blanc und Ledru-Rollin bis zu Flocon und die Zeitschrift „La Réforme“ Kontakte geknüpft. Er erteilte von hier aus noch im Januar 1848 Ratschläge für den Regierungsagenten Bornstedt.

Tell Bornstedt: 1) In the matter of his subscriptions [to the Deutsche-Brüsseler-Zeitung], his attitude towards the workers here should not be so rigorously commercial, otherwise he'll lose them all; 2) the agent procured for him by Moses is a feeble Jeremiah and very conceited, but the only one who still will and can attend to the thing, so he had better not rub him up the wrong way…
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_01_14.htm

Engels geht nun zuerst nach Brüssel, wo er einige von Marx vergebene Hilfsgelder wieder einsammeln und verwenden soll.

Dear Engels,

Get Breyer to pay you the 100 francs which he solemnly promised me to repay within a week, get 30 from Gigot, 10 from Hess. I hope that, as things are now, Breyer will keep his promise.

Maynz will cash the bill for 114 fr. at Cassel’s and give you the money. Collect these various sums and use them.
They spoke kindly of you at the Réforme. Flocon is ill and I haven’t yet seen him…
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_03_12.htm

Wegen der wirtschaftlichen Lage waren einige politisch engagierte Leute unerwartet in Not geraten und Marx war mit seinen rechtzeitig erhaltenen 6000 Franc in der Lage, solche Leute als Bittsteller zu empfangen.

In Paris endete die Beziehung von Marx zu Bornstedt, der sich dem Republikanischen Komitee und der Deutschen Demokratischen Legion um den Dichter Herwegh anschloss, der dann mit seinen 900 Mann aus Frankreich der Badischen Revolution zu Hilfe eilt, aber am 27. April 1848 bei Dossenbach von Regierungstruppen besiegt wird und in die Schweiz fliehen muss.

Bornstedt and Herwegh are behaving like scoundrels. They have founded a black, red and gold association in opposition to us. The former is to be expelled from the [Communist] League today.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_03_16.htm

Mehring gibt in seiner Darstellung dem Bornstedt die ganze Schuld; wir müssen aber wohl besser annehmen, dass es das Interesse der französischen Regierung war, die vielen Ausländer loszuwerden.

Bereits am 6. März konnte Marx hier seine überlegene Einsicht bewähren, indem er sich in einer großen Versammlung der in Paris lebenden Deutschen dem abenteuerlichen Plan widersetzte, mit bewaffneter Hand nach Deutschland einzubrechen, um es zu revolutionieren. Ausgeheckt war der Plan durch den zweideutigen Bornstedt, dem es leider gelang, Herwegh dafür zu gewinnen. Auch Bakunin, der es später bereut hat, war damals dafür. Die provisorische Regierung unterstützte den Plan, nicht aus revolutionärer Begeisterung, sondern mit dem Hintergedanken, bei der herrschenden Arbeitslosigkeit die fremden Arbeiter loszuwerden; sie bewilligte ihnen Marschquartiere und eine Marschzulage von täglich 50 Centimes bis zur Grenze. Herwegh täuschte sich selbst nicht über ihr »egoistisches Motiv, viele tausend Handwerker, die den Franzosen Konkurrenz machen, loszuwerden«, aber bei seinem Mangel an politischem Blick trieb er das Abenteuer bis zum kläglichen Ende bei Niederdossenbach.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_1

Es war wohl weniger die „überlegene Einsicht“ als vielmehr alte Rivalität, die Marx und Engels dazu brachte, der französischen Regierung in Konkurrenz mit Herwegh zu Diensten zu stehen.

Unter diesen Umständen stifteten Marx und Engels in Paris einen deutschen kommunistischen Klub, worin sie den Arbeitern rieten, sich von dem Zuge Herweghs fernzuhalten, dagegen einzeln in die Heimat zurückzukehren und für die revolutionäre Bewegung zu wirken. So beförderten sie einige hundert Arbeiter nach Deutschland, für die sie durch Vermittlung Flocons dieselben Vergünstigungen erhielten, die der Freischar Herweghs von der provisorischen Regierung gewährt worden waren.

Auf diese Weise gelangte auch die große Mehrzahl der Bundesglieder nach Deutschland, und durch sie bewährte sich der Bund als eine treffliche Vorschule der Revolution. Wo die Bewegung irgendeinen kräftigen Aufschwung nahm, waren Bundesglieder ihre treibenden Kräfte: Schapper in Nassau, Wolff in Breslau, Stephan Born in Berlin, andere anderswo. Treffend schrieb Born an Marx: »Der Bund ist aufgelöst - überall und nirgends.«
(Mehring, ebenda)

Der Bund der Kommunisten war also praktisch erledigt, die Mitglieder zerstreut, das Ganze von der französischen Regierung finanziert.

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Hellmann
06.11.2008, 19:37
Der Kölner Arbeiterverein


In Paris blieb nichts mehr zu tun, aber in Köln hatten sich die Ereignisse zugespitzt.

Marx und seine näheren Freunde warfen sich ins Rheinland als den fortgeschrittensten Teil Deutschlands, wo ihnen der Code Napoléon obendrein ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit sicherte als das preußische Landrecht in Berlin. Es gelang ihnen, sich der Vorbereitungen zu bemächtigen, die in Köln von demokratischer und teilweise kommunistischer Seite für ein großes Blatt getroffen worden waren.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_1

Wenn man den Mehring etwas zwischen den Zeilen liest, ergibt das alles seinen Sinn.

In Köln hatte sich am 3. März, als der Gemeinderat eine Petition an den König richten wollte, eine große Menschenmenge auf dem Rathausplatz versammelt, deren Mehrheit aus Handwerkern und einfachem Volk bestand. Der Armenarzt Andreas Gottschalk überreichte dem Rat eine Liste mit den „Forderungen des Volkes“.

Das Kölner Bürgertum wurde am 3. März unerwartet mit Forderungen der Unterschicht konfrontiert, die nicht mit liberalen Interessen und Vorstellungen zu vereinbaren waren. Auch innerhalb des Bürgertums kam es zu einer Abspaltung eines demokratischen Lagers von den großbürgerlichen Liberalen, die bisher die Initiative hatten.

Angesichts der sozialen Lage und der Proteste des Volkes beschloss der Kölner Rat noch im März Notstandsarbeiten und eine Anleihe von 50.000 Thalern zur Beschäftigung der Arbeitslosen (Gisela Mettele, Bürgertum in Köln 1775-1870, Seite 298). Die großen Industriellen und Bankiers befürchteten eigentlich, dass soziale Unruhen und Forderungen der Unterschichten eine Hinwendung des Besitzbürgertums zum Absolutismus statt zu liberalen Reformen zur Folge haben würden.

Die rheinischen Banken waren durch die Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten. Abraham Oppenheim ersuchte über den Bankier und Industriellen Gustav Mevissen, der 1842 zusammen mit Ludolf Camphausen die Rheinische Zeitung gegründet hatte und jetzt in Berlin die Kölner Interessen verhandelte, um eine großzügige Kreditgewährung der Regierung an die Banken. Die rheinischen Bankiers und Industriellen drohten in Berlin mit einem Losreißen der Rheinprovinzen von Preußen, falls es nicht zu ausreichenden Maßnahmen der Regierung gegen die Finanzkrise kommen sollte(Mettele, S. 299).

http://books.google.de/books?id=mZBMrq5PFssC&pg=PA309&lpg=PA309&dq=%22Demokratische+Gesellschaft%22+Marx&source=web&ots=PoAXeGzLTc&sig=eQn0CpsJXUgMn5wAjPl6eOYM41s&hl=de#PPA299,M1

Am 29. März wurde Ludolf Camphausen zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Er ließ dann auch gleich Karl Marx wissen, dass er „ihn gern als Mitarbeiter in Berlin sehen“ würde (Raddatz, S. 43). Das Kabinett Camphausen war allerdings offensichtlich nur eine Übergangsregierung und Marx hat das Angebot bekanntlich als „Insinuation“ abgelehnt.

Genau an diesem 29. März erklärte sich das Kölner Bankhaus Schaaffhausen für zahlungsunfähig. Dabei kann spekuliert werden, ob die Insolvenz der Bank absichtlich zu diesem günstigen Zeitpunkt inszeniert wurde (siehe Mettele, S. 299), waren doch mit Camphausen und seinem Finanzminister David Hansemann genau die richtigen Leute an der Regierung, um sofort zur Abwendung der in Berlin in schwärzesten Farben geschilderten ökonomischen Folgen dieses Bankzusammenbruchs Staatsgarantien und eine vom Kölner Magistrat geforderte Liquiditätssoforthilfe in Höhe von 2 Millionen Talern zu geben und schließlich erstmals eine Bank in Form einer Aktiengesellschaft zu genehmigen, was die rheinischen Kapitalisten seit 1830 vergeblich von der preußischen Regierung gefordert hatten.

Die 1791 gegründete Privatbank von Abraham Schaaffhausen war eine der ersten Finanzquellen für die wachsende rheinisch-westfälische Schwerindustrie. In den 1840er-Jahren gehörte die Bank zu den wichtigsten Financiers der Industrie. Sie finanzierte zu dieser Zeit etwa 170 Fabriken, darunter Unternehmen wie Krupp, Hoesch, die Gutehoffnungshütte oder den Eschweiler Bergwerks-Verein. Ebenso war sie in Infrastrukturprojekten engagiert, beispielsweise in die Finanzierung der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft 1843.

Die Bank geriet jedoch 1848 in Liquiditätsnöte und musste am 29. März 1848 die Zahlungen einstellen. Unter Staatsgarantien, die auf Anraten des preußischen Finanzministers und späteren Gründers der Disconto-Gesellschaft, David Hansemann, gewährt wurden, wurde die Bank von anderen Bankiers unter Führung von Gustav Mevissen gerettet. Zu diesem Zweck genehmigte die preußische Regierung erstmals eine Bank in Form einer Aktiengesellschaft – den A. Schaaffhausen’schen Bankverein.
http://de.wikipedia.org/wiki/A._Schaaffhausen%27scher_Bankverein

Der oben erwähnte und zu dem Zeitpunkt gerade in Berlin weilende Gustav Mevissen war von 1848 bis 1857 Vorstand des Bankvereins. Er war erst 1841 nach Köln gezogen.

Zu den ersten Geschäften, an denen er sich beteiligte, gehörte 1842 die Gründung der Rheinischen Zeitung zusammen mit Ludolf Camphausen und anderen. Dabei mischten sich wirtschaftliches Streben und politische Ziele. Mevissen veröffentlichte in dem von Karl Marx als Redakteur geprägten Blatt selbst einige Artikel…

… Bereits in den 1830er Jahren sprach sich Mevissen für die Gründung von Aktiengesellschaften etwa zur Finanzierung von mechanisierten Flachsgarnspinnereien, in den frühen 1840er Jahren auch für Bergbauunternehmen und Banken aus. Er stieß damit allerdings noch auf den Widerstand der preußischen Bürokratie.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_von_Mevissen

Man kann den hier vor unseren Augen entstehenden „Marxismus“ nur vor dem Hintergrund von Persönlichkeiten wie Gustav Mevissen verstehen, weshalb ich dazu etwas ausführlicher werde.

Das Drängen nach einer Liberalisierung des politischen Systems ging dabei einher mit der Furcht vor einer Revolution der Unterschichten. Im Jahr 1845 schrieb Mevissen: „[…] dass die Zahl der Proletarier in allen Staaten der Gegenwart in einer höchst beunruhigenden Progression steigt: Die drohende Woge der rächenden Zukunft [wälzt sich] näher und näher auf das lebende Geschlecht.“

(ebenda)

Die „Forderungen des Volkes“ fanden bei Leuten wie Mevissen wenig Verständnis.

Die Nachrichten über Unruhen während der ersten Tage der Märzrevolution haben Mevissen stark beunruhigt. Auch in Köln wurden die führenden Liberalen von den Ereignissen überrascht. Am 3. März 1848 kam es zu einer Demonstration vor dem Kölner Rathaus, dabei wurden politische Reformen im demokratischen Sinne laut. Mevissen machte darin „Spuren einer communistischen Bewegung (aus, die sich) sehr drohend und unverhüllt gezeigt“ hätte. Noch sei diese nicht gefährlich, sie könne dies aber werden, wenn nicht rasch der Weg von Reformen eingeschlagen würde. Mevissen und andere Abgeordnete äußerten zwar ihren Abscheu über die Unruhen, verlangten aber auch die sofortige Widereinberufung des Vereinigten Landtages, um das Verfassungswerk zu vollenden.

(ebenda)

Man sorgte sich, dass das Besitzbürgertum im Angesicht der sozialen Unruhen wieder dem Absolutismus zuneigen könnte und die Liberalen ihre Unterstützung verlieren.

Auch zur Heidelberger Versammlung war Mevissen eingeladen worden, ist dieser aber aus Furcht vor weiteren Unruhen nicht gefolgt. Stattdessen lud er die rheinischen Abgeordneten zur Beratung der Lage nach Bonn ein. Die dortigen Beratungen zeigten zwar erhebliche Differenzen zwischen Hansemann und Mevissen, die einen entschiedeneren Weg einschlagen wollten auf der einen Seite und Camphausen auf den anderen Seite, aber der von diesem durchgesetzte Beschluss hatte keine praktische Wirkung, weil der Siebenerausschuss mit der Einberufung des Vorparlaments bereits neue Fakten geschaffen hatte und auch die Revolution auf den Straßen von Wien und Berlin ihn obsolet gemacht hatte. Die führenden rheinischen Liberalen reisten nach Berlin ab. Vor allem Mevissen und Beckerath setzten alles daran, den kurz zuvor ernannten Ministerpräsidenten Adolf Heinrich von Arnim-Boitzenburg zum Rücktritt zu bewegen und ein liberales Ministerium zu etablieren. Nur einen Tag nach seiner Ankunft schrieb Mevissen an seine Frau: „Nach sechsstündiger schwerer Geburt ist soeben ein Ministerium Camphausen ins Leben getreten.“

(wiki, ebenda)

Die Unruhen auf den Straßen hatten die Bildung der Regierung Camphausen beschleunigt.

Es war nicht zuletzt Mevissen zu verdanken, dass auch die radikaleren Liberalen diesen Kurs zunächst mittrugen. In die Konstituierungsphase der neuen Regierung platze die Nachricht vom Zusammenbruch der Schaaffhausener Bank. Mevissen befürchtete eine Gefahr für die Kreditfähigkeit des gesamten Staates und drängte Finanzminister Hansemann und Camphausen mit Erfolg zu staatlichen Interventionen. Abgesehen von Hilfen für die Bank, der er im Anschluss als Staatskommissar vorstand, setzte Mevissen direkte Hilfen für von der Wirtschaftskrise betroffene Unternehmen durch.

(wiki, ebenda)

Gustav Mevissen hat als echter Liberaler sofort reichlich Geld aus dem vermutlich nicht zufälligen Unglück der Schaaffhausener Bank geschlagen und Politik und Wirtschaft und den eigenen Beutel gleich im März 1848 unentwirrbar miteinander verstrickt.

An dieser Stelle, um das Thema danach wieder abzuschließen, etwas zu den Unterschieden in der Gesinnung der beiden Mäzene unseres Karl Marx.

So griffen die rheinischen Liberalen die obrigkeitsstaatliche Gängelung der Wirtschaft scharf an. Auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen sahen sie deutlicher als die süddeutschen Liberalen, die von einer klassenlosen Gesellschaft mittlerer Existenzen auf einer vorindustriellen Basis träumten, dass die Entwicklung in Richtung von Industrialisierung und sozialer Veränderung verlaufen würde. Während die süddeutschen Liberalen nicht selten die drohende Alleinherrschaft des Geldes befürchteten und für den Schutz des alten Gewerbes eintraten, sah Camphausen den Verfall der alten Handarbeit zu Gunsten der Industrie als unvermeidlich an. Dabei seien Pauperismus und Verarmung der Heimindustrie schmerzlich, aber für eine Übergangszeit unvermeidlich.

In Hinblick auf den politischen Einfluss der unteren Schichten gab es unterschiedliche Vorstellungen. Während etwa Mevissen sozialpolitisch orientiert war und sich für gleiche politische Rechte aussprach, setzten Camphausen und andere rheinische Liberale auf eine Begrenzung politischer Rechte. Im Jahr 1844 empörte sich Camphausen darüber, dass „den arbeitenden Klassen das Gefühl ihrer Rechte und der Gleichheit ihrer Stellung mit uns“ von demokratischen Intellektuellen „beizubringen“ versucht werde. Der starke demokratische und sozialistische Einfluss veranlasste Camphausen sich wieder von der Gründung eines lokalen Ablegers des Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen zurückzuziehen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf_Camphausen

Nach dem schlesischen Weberaufstand 1844 hatten Berliner Intellektuelle einen Hilfsverein ins Leben gerufen.

Die Vereinsgründung war eine direkte Reaktion auf den schlesischen Weberaufstand von 1844. Vor allem Lehrer aus Berlin, darunter der Armenschullehrer Ferdinand Schmidt und der Seminardirektor Adolph Diesterweg, gründeten vor dem Hintergrund der Zustände in den schlesischen Heimgewerbegebieten einen „Verein für die Hebung der unteren Klassen“. Die Ereignisse in Schlesien hätten nach Ansicht der Gründer gezeigt, dass die zunehmende Unruhe im Proletariat eine Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft darstelle…

Von Anfang an stießen die Bestrebungen des Vereins auf das Misstrauen der Obrigkeit. Aus der Perspektive der Polizeibehörden war die Beteiligung bekannter linker Junghegelianer wie Eduard Meyen und Adolf Rutenburg verdächtig. Da die Behörden eine Einwirkung im „kommunistischen Geist“ befürchteten, wurde dem Verein keine offizielle Zulassung erteilt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Centralverein_f%C3%BCr_das_Wohl_der_arbeitenden_Kl assen

Leute wie Mevissen haben dann im Gegensatz zu Camphausen eingesehen, dass den sozialen Unruhen mit sozialpolitischen Initiativen begegnet werden müsse. Das Großbürgertum hat sich dann der Sache angenommen.

An Stelle der Berliner Gründung erfolgte nunmehr die Gründung des Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen. Die Träger waren zum einen Mitglieder der hohen bildungsbürgerlichen Bürokratie, wie Georg Wilhelm von Viebahn, insbesondere aus dem preußischen Finanzministerium wie Robert von Patow und Wirtschaftsbürger und Unternehmer aus den preußischen Westprovinzen Rheinland und Westfalen. Für die Initiatoren war insbesondere der Widerspruch zwischen dem wirtschaftlichen Aufschwung, wie er sich gerade in der ersten Gewerbeausstellung des Zollvereins manifestiert hatte, und der Not und dem Elend in weiten Teilen der unteren Bevölkerungsschichten eine Motivation sich zu beteiligen. Der Centralverein war in Berlin angesiedelt. Darüber hinaus entstanden rasch in einigen Städten die ersten Lokalvereine. Zu diesen gehörten Elberfeld, Köln und Berlin.

Dennoch blieb die Sache umstritten.

Die Tätigkeiten des Vereins stießen in der Öffentlichkeit auf eine breite Resonanz. Selbst König Friedrich-Wilhelm IV. sprach der Organisation seine Anerkennung aus und stellte ihm für seine Projekte 15.000 Taler zur Verfügung.

Das preußische Innenministerium unter Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburg sah aber auch in dieser großbürgerlichen Gründung eine Gefahr für die staatliche Ordnung. Tatsächlich gab es in manchen Lokalvereinen radikaldemokratische Strömungen. In Köln etwa war Friedrich Engels begeistert, dass die Hälfte des lokalen Komitees aus den „Unsrigen“ bestehe. Dennoch dominierte bei der Mehrzahl der etwa 30 Lokalvereine und dem Centralverein das gemäßigt liberale Besitz- und Bildungsbürgertum, das keineswegs die gesellschaftliche oder politische Ordnung als Ganzes in Frage stellte. Die Folge der Polizeibereichte war, dass der König seine Haltung änderte. Außerdem haben die Behörden die Genehmigung der Statuten immer wieder verschleppt, so dass eine offizielle Anerkennung auch 1848 noch nicht erfolgt war.

Dies änderte sich im Verlauf des Revolutionsjahres. Der Verein nahm unmittelbar nach dem Beginn der Märzrevolution seine Tätigkeit wieder auf.
(wiki, ebenda)

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Hellmann
06.11.2008, 19:48
Zurück nach Köln.

Am 13. April 1848 war dann der „Kölner Arbeiterverein“ gegründet und der Kölner Armenarzt Andreas Gottschalk von rund 300 Delegierten zu dessen Präsidenten gewählt worden.

Bereits zehn Tage nach der Gründungsversammlung gab der Kölner Arbeiterverein eine eigene Vereinszeitung, die Zeitung des Arbeitervereins zu Köln, die später in Freiheit, Brüderlichkeit, Arbeit umbenannt wurde, heraus. In ihr formulierte der Vorstand seine Forderungen nach mehr Beteiligung an betrieblichen Entscheidungsprozessen, einer gerechten sozialen Absicherung und der Etablierung wirksamer Arbeitsschutzgesetze. Neben der Vereinszeitung verfasste der Verein zahlreiche Petitionen, die zur Unterstützung des Ziels einer spürbaren Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter dienen sollten. Darüber hinaus artikulierte der Verein Forderungen nach der Einrichtung von Schiedsgerichten zur paritätischen Mitbestimmung in Betrieben und beschloss einen Boykott der seiner Meinung nach unfairen, weil indirekten Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung. Diese Forderungen und Veröffentlichungen brachten dem Verein viele Sympathien ein, sodass die Mitgliederzahl unterschiedlichen Quellen zur Folge auf bis zu 7000 Personen anstieg.
http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Arbeiterverein

Karl Marx, der seit dem 11. April in Köln war, und Friedrich Engels hatten sich nicht dem Verein der Arbeiter angeschlossen, sondern waren in die sogenannte „Demokratische Gesellschaft“ eingetreten, wo sie zusammen mit ihrem Anhang Heinrich Bürgers, Hermann Heinrich Becker und Wilhelm Wolff sogar dem Leitungsgremium der Demokratischen Gesellschaft angehörten.

Ursprünglich hatte das Kölner Bürgertum anlässlich der bevorstehenden Maiwahlen des Jahres 1848 ein „Zentrales Wahlkomitee“ gegründet, in dem sich liberale und demokratische Kräfte auf ein gemeinsames Programm einigten.

Dabei wurde ein 17-Punkte-Programm erarbeitet, das deutlich liberale Züge trug und keine Aussagen zu republikanischen Reformen traf. Dieses liberale Wahlprogramm führte dazu, dass sich die demokratischen Kräfte Kölns, die eine demokratische Staatsordnung anstrebten, nicht mehr vom Zentralen Wahlkomitee repräsentiert fühlten. In der Folge traten die demokratischen Mitglieder des Wahlkomitees am 18. April 1848 zurück und formierten sich zusammen mit anderen Mitgliedern am 25. April 1848 zur Demokratischen Gesellschaft.
http://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Gesellschaft

Die Demokratische Gesellschaft unterstützte zwar revolutionäre Forderungen nach vollständiger Volkssouveränität, jedoch keine Forderungen zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter, weil dies wieder den Interessen der beteiligten Bürger widersprochen hätte. Aus diesem Grund wurde ein vom Arbeiterverein angestrebtes Zusammengehen mit der Demokratischen Gesellschaft abgelehnt.

Man fragt sich nun, was Marx und Engels ausgerechnet in dieser Gesellschaft zu suchen hatten. Im Kölner Arbeiterverein war aber der Einfluss Gottschalks bis zu seiner Verhaftung im Juli zu groß, als dass Marx eine Chance für sich gesehen hätte. Allerdings waren Joseph Maximilian Moll, der 1847 in London in die Leitung des Bundes der Kommunisten gewählt worden war, und der schon mehrfach erwähnte Karl Schapper, in London der Vorsitzende des Kommunistischen Korrespondenzkomitees, Mitglied im Arbeiterverein geworden.

Durch sein Engagement geriet Gottschalk bald in Konflikt mit der durch Bildungs- und Wirtschaftsbürger dominierten protestantischen Gemeinde, die ihm vorwarfen durch seine materialistische Haltung den Armen die Hoffnung auf das Jenseits nehmen zu wollen.

Im Juni 1848 gehörte Gottschalk zu den Mitbegründern des Centralmärzvereins, dem Zusammenschluss demokratischer Vereine auf nationaler Ebene. Im Juli 1848 wurde er zusammen mit Fritz Anneke und Christian Joseph Esser erneut verhaftet. Aber erst im Oktober desselben Jahres kam es zu einem Prozess wegen Anstiftung zur gewaltsamen Änderung der Staatsordnung. Für die Staatsanwaltschaft völlig überraschend war, dass die Geschworene auf nicht schuldig plädierten. Unmittelbar darauf wurde Gottschalk freigelassen. Zunächst ging er nach Paris und Brüssel, kehrte aber bald nach Köln zurück. Dort hatte inzwischen Karl Marx die Führung im Arbeiterverein übernommen. Diesen nannte Gottschalk einen "gelehrten Sonnengott" und warf ihm vor "das Elend des Arbeiters, der Hunger des Armen hat für Sie nur wissenschaftliches, doktrinäres Interesse."
http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Gottschalk

Diesen Karl Marx muss die preußische Justiz ständig irgendwie übersehen haben in dieser von Verfolgungen und Verhaftungen so erfüllten Zeit.

Den erzwungenen Abschied von Andreas Gottschalk nutzten Karl Marx und seine Mitstreiter aus der Demokratischen Gesellschaft, um mehr Einfluss im KAV zu gewinnen. Bereits kurz nach Gottschalks Verhaftung wurde Joseph Maximilian Moll neuer Präsident des KAV und Karl Schapper sein neuer Stellvertreter. Mit dieser neuen Vereinsführung hielten die Ideen der Marx'schen Kommunisten Oberhand und es war eine deutliche Radikalisierung der Vereinsarbeit zu verzeichnen. Unter anderem bedingt durch diese Tatsache zeigte der KAV bei den Septemberunruhen des Jahres 1848 große Kampfesbereitschaft und beteiligte sich an der Errichtung von Barrikaden und der Vorbereitung eines bewaffneten Kampfes in Köln, zu dem es allerdings nie kam. In der Folge wurde Schapper inhaftiert und Moll floh nach London.
http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Arbeiterverein

Nun konnte kein anderer als Karl Marx selbst die Führung des Kölner Arbeitervereins übernehmen, selbstredend ohne von der preußischen Polizei belästigt zu werden, war er doch der Radikalste aller Arbeiterführer und damit für die politische Isolation des Kölner Arbeitervereins aktiv.

Um ein Zerfallen des Vereins zu vermeiden, versuchten die Mitglieder schnell einen neuen, reputablen Vorsitzenden zu finden. Im Oktober 1848 suchte eine Delegation des KAV Karl Marx auf und bot ihm den Vorsitz des Vereins an. Am 22. Oktober wurde Marx dann durch eine Generalversammlung des Vereins zum neuen Präsidenten ernannt. Unter strikter Beachtung des von ihm selbst entworfenen Weges zu einer kommunistischen Revolution entschloss sich Karl Marx alle marxistisch orientierten Vereine und Verbände, so auch den Kölner Arbeiterverein, nicht an den Zusammenschlüssen zur Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung teilnehmen zu lassen. Er befürchtete, dass dieser eher gemäßigt agierende Zusammenschluss dem Umsturzwillen in der Arbeiterschaft entgegen stehen könnte.

(wiki, ebenda)

Allerdings gab es schon auch Widerstand gegen die Machenschaften von Marx mit seinen Phrasen von wegen Kampfbereitschaft und Barrikadenbau.

Trotz weiterhin bestehender Kampfbereitschaft der Mitglieder kam im Verlauf des Jahres 1849 Kritik an der Vereinsführung auf. Immer mehr Arbeiter forderten eine Rückbesinnung auf die Interessen der Arbeiterschaft und eine Abkehr von den kommunistischen Umsturzideen. Diesem Wunsch folgend beschloss der Vereinsvorstand eine Anschließung an die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung, zu der es wegen des Scheiterns der Revolution nicht mehr kam.

(wiki, ebenda)

Marx hatte das Präsidentenamt im Februar 1849 an Karl Schapper – der nach den Septemberunruhen nur kurzzeitig inhaftiert und wieder auf freien Fuß gesetzt worden war - übergeben, der es drei Monate ausübte, danach folgte ein weiterer „Marxist“ als letzter Präsident des KAV. Unter dem Druck der repressiven Gesetze entstand im Oktober 1849 aus dem KAV ein Arbeiterbildungsverein, der sich schon 1850 auflösen sollte.

Wieder eine ursprünglich kraftvolle Vereinigung der Arbeiter und der armen Leute zur Vertretung ganz konkreter sozialer Forderungen gescheitert.

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Hellmann
09.11.2008, 15:22
Köln und die Rheinprovinz

und welchen Handel Camphausen und Mevissen in Berlin abgewickelt haben.

Um was es für Preußen im Jahr 1848 ging, kann man bei einem kurzen Blick auf eine Karte des Deutschen Bundes erkennen. Das war gefährlicher als kommunistische Ideen und davon durfte in der Presse kein Wort zu finden sein.

Jeder sehe selbst:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6c/Deutscher_Bund.png

Es war in Berlin von den Kreisen um Camphausen und Mevissen gedroht worden, die Rheinprovinzen von Preußen abzuspalten. Jeder Blick auf die Karte lässt den Betrachter mit der drängenden Frage zurück (die selbstverständlich kein bürgerlicher Historiker kennt), warum es zu dieser Abspaltung 1848 eigentlich nicht gekommen ist.

Es hätte nicht viel gefehlt und die zukünftige deutsche Hauptstadt wäre im wichtigsten Industriegebiet Deutschlands gelegen und würde Köln und nicht Berlin geheißen haben.

Camphausen und Mevissen und die Kreise um diese Männer haben ihren persönlichen Schnitt damit gemacht, dass sie genau das verhindert haben. Der preußische König war realistisch genug, die preußische Regierung in Berlin in die Hände des Kölner Klüngels zu legen, damit der sich persönlich dabei bereichert und es nicht zu einem Abfall der Rheinprovinz von Preußen kommt, der sich 1848 kaum hätte verhindern lassen.

Auf den kritischen Kritiker Karl Marx war Verlass: kein Wort würde man darüber in der Neuen Rheinischen Zeitung finden; er würde den Lesern höchstens die Werttheorie nahe bringen.

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Hellmann
12.11.2008, 12:35
„Neue Rheinische Zeitung“


Carl d'Ester war ein Armenarzt in Köln, der sich 1842 als Aktionär an der Gründung der „Rheinischen Zeitung“ beteiligt und an den „Montagskränzchen“ politischer Oppositioneller in Köln teilgenommen hatte, zusammen mit dem schon erwähnten Gustav Mevissen, Moses Hess und natürlich Karl Marx.

Trotz oder wegen der politischen Repressalien, die er sich mit seinem politischen Engagement 1846 zugezogen hatte, war Carl d´Ester in den Kölner Gemeinderat gewählt worden und gehörte zu der Delegation, die König Friedrich Wilhelm IV. am 18. März die Petitionen der Kölner überreichte.

Zu Beginn der Revolution von 1848 beteiligte sich d’Ester an der Mitgründung der demokratischen Gesellschaft in Köln. Im Frühjahr 1848 bereitete er zusammen mit Fritz Anneke, Heinrich Bürgers, Roland Daniels und Moses Hess die Herausgabe der Neuen rheinischen Zeitung vor.
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_d'Ester

Hier finden wir Marx noch nicht erwähnt, als dessen Kind die „Neue Rheinische Zeitung“ gewöhnlich immer dargestellt wird. Mehring, der es offenbar besser wusste, sei hier noch einmal zitiert:

Marx und seine näheren Freunde warfen sich ins Rheinland als den fortgeschrittensten Teil Deutschlands, wo ihnen der Code Napoléon obendrein ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit sicherte als das preußische Landrecht in Berlin. Es gelang ihnen, sich der Vorbereitungen zu bemächtigen, die in Köln von demokratischer und teilweise kommunistischer Seite für ein großes Blatt getroffen worden waren.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Z3

Mit „kommunistischer Seite“ ist wohl Fritz Anneke gemeint, bald erster Sekretär des Kölner Arbeitervereins, der zusammen mit Gottschalk verhaftet und so für das zweite Halbjahr 1848 politisch ausgeschaltet wurde.

Im April 1848 war Anneke Mitbegründer des Kölner Arbeitervereins und wurde dessen erster Sekretär. Als solcher wurde er gleichzeitig auch Mitglied des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten. In seiner politischen Arbeit stand Anneke zwischen Andreas Gottschalk und Karl Marx. Durch seine Tätigkeit als Sekretär fiel Anneke der Obrigkeit auf, und wurde am 3. Juli 1848 als staatsgefährdendes Element verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Doch nach einem aufsehenerregenden Prozess sprachen die Geschworenen Anneke am 23. Dezember 1848 frei.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Anneke

Schon erstaunlich, wegen was die Leute außer Marx so alle verhaftet und angeklagt und anders als Schapper nicht nach wenigen Tagen wieder freigelassen wurden.

Auf jeden Fall müssen die von Mehring erwähnten „Vorbereitungen … für ein großes Blatt“ in erster Linie dessen Finanzierung beinhaltet haben. Das nun wiederum heißt, dass die maßgeblichen Geldgeber der „Rheinischen Zeitung“ wohl auch mit ihrem Geld und Einfluss hinter der „Neuen Rheinischen Zeitung“ standen, auch wenn die beiden persönlich sicher keine Zeit mehr für das zweite Projekt hatten, weil der eine, Gustav Mevissen, gerade die Regierung Camphausen durchgesetzt hatte und der zweite, Ludolf Camphausen, damit preußischer Ministerpräsident geworden war.

Es sollte eigentlich keinen Zweifel geben, dass diese beiden mit ihrem Geld nun auch die “Neue Rheinische Zeitung“ möglich machten und ebenfalls dafür verantwortlich sind, dass kein anderer als Karl Marx der leitende Redakteur wurde und die Redaktion mit seinen Leuten besetzen konnte. Nach Raddatz (S. 115) „lehnte er jenes Angebot Camphausens ab, nach Berlin zu kommen“; wir dürfen vermuten, dass Marx dafür das Angebot annahm, als leitender Redakteur die geplante NRZ zu machen.

Von Mehring wird die Frage nach der eigentlichen Finanzierung der NRZ geschickt umgangen. Er schildert wahrheitsgemäß die blanke Unmöglichkeit, das Projekt mit dem Verkauf von Aktienanteilen an irgendwelche betuchten Bürger zu finanzieren.

Freilich blieben noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden; namentlich Engels erlebte jetzt die Enttäuschung, daß der Wuppertaler Kommunismus noch lange keine Wirklichkeit, geschweige denn eine Macht, sondern seitdem die Revolution sich leibhaftig gezeigt hatte, nur noch ein Gespenst von vorgestern war. Am 25. April schrieb er aus Barmen an Marx in Köln: »Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen ... Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei ... Aus meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt 1.000 Talern schickt er uns lieber 1.000 Kartätschkugeln auf den Hals.« Immerhin brachte auch Engels noch vierzehn Aktien auf, und vom 1. Juni ab konnte die »Neue Rheinische Zeitung« erscheinen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Z3

Mit den vierzehn Aktien von Engels wäre eine Tageszeitung mit einer für die damaligen Verhältnisse derart hohen Auflage von bis zu 6000 Exemplaren so wenig zu finanzieren gewesen, wie mit dem väterlichen Erbe des Karl Marx, auf das ihm angeblich eine Vorauszahlung von 6000 Franc im Februar zugeflossen war.

Flocon hatte Marx im Februar in Paris Geld für eine Zeitung angeboten, schreibt Raddatz (a.a.O. S. 111); Marx habe es abgelehnt, um unabhängig zu bleiben, meint Raddatz, aber ohne Zeitung kein Geld und Bornstedt, der die „Brüsseler-Deutsche-Zeitung“ organisiert hatte, war ja zu Herwegh übergelaufen oder hatte sich vielmehr wohl im Auftrag von Wien oder Berlin bei Herwegh eingeschlichen. Von der französischen Regierung dürfte Marx das benötigte Geld für die NRZ also auch nicht erhalten haben.

Vor allem aber hatten Marx und Engels sich mit den gerade verabschiedeten „17-Punkten“

http://www.mlwerke.de/me/me05/me05_003.htm

und schon vorher mit dem „Kommunistischen Manifest“ für bürgerliche Vorstellungen um jeden Kredit gebracht – falls die Bürger in Barmen, Elberfeld oder gar in Köln je davon erfahren sollten:

If even a single copy of our 17 points [Demands of the Communist Party in Germany] were to circulate here, all would be lost for us. The mood of the bourgeoisie is really ugly. The workers are beginning to bestir themselves a little, still in a very crude way, but as a mass. They at once formed coalitions. But to us that can only be a hindrance.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_04_25.htm

Ohne die Duldung der preußischen Regierung und ihrer Polizei hätte Marx niemals in der „Kölner Demokratischen Gesellschaft“ auftreten und sich sogar in deren Vorstand wählen lassen können, da hätte auch nur „eine einzige Kopie“ ihrer „Forderungen der kommunistischen Partei in Deutschland“ oder des kurz vorher in Umlauf gebrachten Kommunistischen Manifests gereicht, das Spiel der Täuschungen und Verstellungen zu beenden.

Da Marx und Engels also ohnehin nur durch Duldung der mit Kopien ihrer einschlägigen Schriften sicher versehenen preußischen Regierung und Polizei in Köln, getarnt als „Demokraten“, die „Neue Rheinische Zeitung“ herausgeben konnten, ist es einfach naheliegend und kaum anders vorstellbar, als dass sie es auch im Auftrag von Regierung und Geheimpolizei getan haben und finanziert durch den Ministerpräsidenten Camphausen und Gustav Mevissen.

Von Seiten des Armenarztes Gottschalk, der ein eigenes Blatt seines Arbeitervereins herausgab, dem mangels Mitteln kein großer Erfolg möglich war, scheint es Verdächtigungen gegeben zu haben.

Die unterstellte Ehe mit der Geldaristokratie war mit so hoher Mitgift tatsächlich nicht versehen – von den benötigten 30 000 Talern kamen nur 13 000 zusammen. Und schon die erste Ausgabe mit Engels´ Angriff auf die Frankfurter Nationalversammlung verjagte die Hälfte der Aktionäre. Marx finanzierte das Blatt, das ihm nach kurzer Zeit auch juristisch gehörte, aus eigenen Mitteln.
(Raddatz, S. 113)

Aber wenn das so einfach wäre, dann könnte ja jeder etwas vermögende Bürger eine große Zeitung finanzieren und die NRZ als Tageszeitung mit einer Auflage von 6000 – die „Kölnische Zeitung“ des Verlegers DuMont brachte es im Februar 1848 auf 9500 und bis April auf 17400 Abonnenten - war seinerzeit schon ein beachtliches Blatt. Die preußische Regierung hätte also nicht auf die Idee gekommen sein sollen, in Köln eine „kritische Zeitung“ - natürlich nicht offen als Regierungsblatt, das wäre ja dumm und kontraproduktiv, sondern natürlich mit Hilfe willfähriger Agenten und ausgestattet mit reichlichen Mitteln aus schwarzer Kasse - zu betreiben; aber der Karl Marx aus Trier habe die Kosten einer Zeitung mit seinem kleinbürgerlichen Erbe bestritten und ganz selbstlos als edler Kommunist.

Vor allem aber waren die Finanzen der Zeitung völlig zerrüttet. Nach dem Abfall ihrer Aktionäre hatte sie sich Dank ihrer wachsenden Verbreitung mühsam durchgefristet; nach diesem neuen Schlage aber war sie nur dadurch zu halten, daß Marx sie als »persönliches Eigentum« übernahm, das will sagen, ihr das bißchen Vermögen opferte, das er von seinem Vater geerbt hatte, oder auf sein künftiges Erbteil flüssig zu machen verstand. Er selbst hat nie ein Wort darüber verloren, aber durch briefliche Äußerungen seiner Frau ist die Tatsache festgestellt und auch durch öffentliche Erklärungen seiner Freunde, in denen auf etwa 7.000 Taler beziffert wird, was Marx in dem Revolutionsjahre der Agitation und dem Blatte geopfert hat. Doch kommt es natürlich nicht auf die Höhe der Summe an, sondern darauf an, ob er die Festung bis auf die letzte Munition zu halten versuchte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm

Das ist selbstverständlich lächerlich, aber was sollte Mehring schon darüber schreiben. Nun könnte man vermuten, dass Marx als der verantwortliche Kopf einer Zeitung, die finanziell schwer um ihr Überleben zu kämpfen hat und in der sein väterliches Erbe investiert war, ausschließlich für sein Blatt zu arbeiten pflegt und alle anderen Verpflichtungen meidet.

Umgekehrt hätte der Agent in einer heimlich von der Regierung finanzierten Zeitung die Aufgabe, mit der Reputation seiner Stellung zu wuchern und gesellschaftlich vielfältig in wichtigen Positionen aktiv zu werden und eine Vielzahl von Leuten kennen zu lernen. Der darf dann nicht nur im Büro sitzen und Artikel schreiben und sich um die Finanzen kümmern.

Hellmann
12.11.2008, 12:53
Die Kölner Demokratie gliederte sich in drei große Vereine, deren jeder mehrere tausend Mitglieder zählte: die Demokratische Gesellschaft, die von Marx und dem Advokaten Schneider geleitet wurde, den Arbeiter-Verein, an dessen Spitze Moll und Schapper standen, und den Verein für Arbeitgeber und Arbeiter, den namentlich der Referendar Hermann Becker vertrat. Diese Vereine taten sich, als Köln von dem Frankfurter Kongresse zum Vorort für Rheinland und Westfalen gewählt worden war, zu einem Zentralausschuß zusammen, der Mitte August einen Kongreß der rheinischen und westfälischen Vereine von demokratischer Tendenz nach Köln einberief. Es kamen 40 Abgeordnete, die 17 Vereine vertraten und den Zentralausschuß der drei Kölner Vereine als Kreisausschuß für Rheinland und Westfalen bestätigten.

Die Seele dieser Organisation war Marx, wie er die Seele der »Neuen Rheinischen Zeitung« war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm

Wahrlich ein rastloses Genie, dessen Resourcen nur zu erklären sind, wenn die Finanzierung der Zeitung und aller sonstigen Aktivitäten kein Problem war. Er ist dazu auch noch viel auf Reisen:

Marx schreibt, hält Reden, organisiert. Er reist nach Berlin und Wien; für diese Reise hatte der „Ausländer“ sich die Zustimmung der „Legation de France à Berlin“ besorgen müssen, damit er das Visum der k.k.-Gesandtschaft ergielt. In Berlin trifft er sich mit dem alten Freund Köppen und mit Bakunin. In Wien, wo er 14 Tage bleibt, hält er Vorträge über „Lohnarbeit und Kapital“; dasselbe Exerzitium wie im Brüsseler „Arbeiterbildungsverein“. Das ist im August… Am 23. August 1848 tritt in Berlin ein Arbeiterkongress zusammen – Marx reist aber erst am 25. August nach Berlin…
(Raddatz, S. 117)

Wenn man das liest, kann man fast die Bewunderung seiner Anhänger verstehen: falls er kein Regierungsagent gewesen wäre, müsste er sich wirklich auf die Hexerei verstanden haben bei den ganzen Umtrieben und mit den großen Sorgen um die unbezahlbaren Rechnungen der Zeitung und um die Reisespesen...

Der von Russland, Frankreich und Großbritannien erzwungene Waffenstillstand von Malmö zwischen Preußen und Dänemark im Schleswig-Holsteinischen-Krieg war am 16. September doch noch von der Frankfurter Nationalversammlung ratifiziert worden, was großen Unmut unter den Bürgern hervorrief.

Vor der Paulskirche kam es zu blutigen Unruhen. Die „Neue Rheinische Zeitung“ zusammen mit der „Demokratischen Gesellschaft“ und dem inzwischen ebenso unter dem Einfluss von Marx stehenden „Kölner Arbeiterverein“ ruft am 13. September 1848 eine Volksversammlung in Köln zusammen und am 17. September treten Marx, Engels und Lassalle, der die Düsseldorfer Demokraten anführt, gemeinsam auf einer 10 000 Teilnehmer umfassenden Massenkundgebung auf der Rheinwiese in Worringen auf.

Bei dieser Veranstaltung trifft Karl Marx vermutlich Albert Brisbane und Charles Dana, die von der „New-York Tribune“ nach Europa gesandt worden waren, um über die Revolution zu berichten. Ab 1851 würden Marx und Engels (unter dem Namen von Marx) für die NYT und ab 1857 für eine von Dana und George Ripley herausgegebene „New American Cyclopaedia“ schreiben.

Wir werden auf die Erklärung der bürgerlichen Historiker noch lange warten müssen, was nun so berühmte Avantgardisten des Proletariats zu einem gemeinsamen Protest gegen den Waffenstillstand von Malmö am 17. September 1848 nach Worringen führen konnte.

Die „Neue Rheinische Zeitung“ publiziert am 20. September 1848 einen Artikel von Friedrich Engels:

Köln, 19. September. Die deutsche Nationalversammlung hat den Waffenstillstand ratifiziert. Wir hatten uns nicht getäuscht : "Die Ehre Deutschlands liegt in schlechten Händen."

Unter dem Zudrange von Fremden, Diplomaten etc. zu den Bänken der Abgeordneten, im Tumult und bei gänzlicher Dunkelheit ging die Abstimmung vor sich. Eine Majorität von Zweien zwang die Versammlung, über zwei ganz verschiedene Punkte zugleich abzustimmen. Mit einer Majorität von 21 Stimmen wurde der Waffenstillstand angenommen, Schleswig-Holstein geopfert, die "Ehre Deutschlands" mit Füßen getreten und das Aufgehen Deutschlands in Preußen beschlossen…
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_408.htm

Wegen der Unruhen gibt es Haftbefehle ohne große Folgen für die betroffenen Redakteure, Engels nutzte die Zeit für eine Fußwanderung durch Frankreich. Marx bleibt überhaupt unbehelligt.

Dennoch kam es zu einem kleinen Tumulte, als am 25. September Becker, Moll, Schapper und Wilhelm Wolff verhaftet werden sollten. Es wurden sogar einige Barrikaden gebaut, auf die Nachricht, daß Militär anrücke, um eine Volksversammlung zu sprengen, die auf dem Alten Markte stattfand, aber das Militär kam nicht, und erst als danach wieder völlige Ruhe hergestellt war, hatte der Kommandant den Mut, den Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Dadurch wurde die »Neue Rheinische Zeitung« unterdrückt; am 27. September hörte sie auf zu erscheinen. Sie tödlich zu treffen, war wohl der eigentliche Zweck des sinnlosen Gewaltstreiches, den das Ministerium Pfuel schon nach wenigen Tagen aufhob. Und sie wurde auch schwer genug getroffen, so daß sie erst am 12. Oktober wieder auf dem Kampfplatz erscheinen konnte.

Ihre Redaktion wurde gesprengt, da die meisten Redakteure, um Verhaftsbefehlen zu entgehen, über die Grenze gingen, nach Belgien wie Dronke und Engels oder nach der Pfalz wie Wilhelm Wolff, und erst allmählich wieder zurückkehren konnten; Engels war noch Anfang Januar 1849 in Bern, wohin er durch Frankreich meist zu Fuß gewandert war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm

Vom 27. September bis 12. Oktober sind es nur einige Tage Pause, was die NRZ kaum schwer getroffen haben kann. Der Haftbefehl gegen Wilhelm Wolff wurde anscheinend nicht aufgehoben und der arme Mann musste sich nach der Rückkehr von seiner Flucht versteckt in den Räumen der Zeitung aufhalten, um seine Arbeit zu machen; angeblich hat die Polizei nichts bemerkt oder ein Auge zugedrückt – Marx war ein Halunke und gewann so einen ständig verfügbaren Mitarbeiter.

Raddatz vermeldet nach den Septemberunruhen in Köln den Zufluss weiterer Gelder an Marx, ohne wirklich nach dem „Woher?“ zu fragen:

Die Zeitung musste bis Oktober ihr Erscheinen einstellen, die letzten Aktionäre sprangen ab. Aber Marx wurde kein Haar gekrümmt.Und da er auf der Rückreise von Wien noch einmal in Berlin Station gemacht hatte, um etwa 5 000 Taler für die „Neue Rheinische Zeitung“ in Empfang zu nehmen, gelingt es ihm auch, das Blatt erneut ins Leben zu rufen…

2 000 Taler allein hatte Wladyslaw Koscielsky, der Führer der polnischen demokratischen Emigranten, gezahlt – als Dank für Marx´ und seiner Zeitung Eintreten für die polnische Sache.
(Raddatz, S. 118)

Von den 2000 Talern der Polen hatte Marx allein 100 Taler für Reisespesen benötigt. Aus einem Brief an Engels, gegen den im September ein Haftbefehl ausgestellt worden war, dem sich Engels zuerst nach Brüssel und dann über Frankreich in die Schweiz entzogen hatte:

Dear Engels,

I am truly amazed that you should still not have received any money from me. I (not the dispatch department) sent you 61 talers ages ago, 11 in notes, 50 as a bill, to Geneva, enclosed in a letter to the address you gave. So make inquiries and write immediately. I have a postal receipt and can reclaim the money.

I had further sent 20 talers to Gigot and, later, 50 to Dronke for all of you, each time out of my cashbox. A total of some 130 talers.

Tomorrow I shall send you some more. But inquire about the money. The bill included a note recommending you to one of Lausanne’s financial philistines.

I am short of money. I returned from my journey with 1,850 talers; I received 1,950 from the Poles. I spent 100 while still on my journey. I advanced 1,000 to the newspaper (and also to yourself and other refugees). This week there are still 500 to be paid for the machine. Balance 350. And withal I haven’t received a cent from the paper.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_11_07.htm

Da mussten Leute auf der Flucht und im Ausland noch unterstützt werden, wenn auch vielleicht manchmal nur zum Schein, damit die gegenüber anderen politischen Flüchtlingen glaubwürdig blieben, die ja ständig Probleme hatten, wenn das Geld ausblieb oder gar in fremden Taschen verschwand.

Your old man’s a swine and we shall write him a damned rude letter.

Vermutlich brauchte Engels eine überzeugende Geschichte und einen Brief zum Herumzeigen, warum es ihn als wichtigen Mitarbeiter der NRZ und Sohn eines reichen Fabrikbesitzers gerade so unter die armen Flüchtlinge verschlagen hatte, was dann die rüde Formulierung von Marx, dass sein Vater ein Schwein sei, zur Komödie für die getäuschten Leser macht. Mit 130 Talern in der Tasche hätte Friedrich Engels sich in der Schweiz ganz unbesorgt und luxuriös einige Monate Urlaub gönnen können. Es ging aber wohl darum, dass abgebrannte politische Flüchtlinge redselig wurden, wenn sich unter ihnen jemand aufhielt, der solche Summen zu erwarten hatte, ohne dass Engels ihnen finanziell zu helfen brauchte, weil das Geld ja – siehe den Brief von Marx – leider bisher irgendwie verbummelt war.

Marx und Engels hatten schon 1847 in London an einer Feier zum Jahrestag des polnischen Aufstands von 1830 teilgenommen, worüber Engels in der französischen „Réforme“ vom 5. Dezember 1847 berichtet:

Die erste Rede wurde von Herrn Ernest Jones, Redakteur des "Northern Star", gehalten, der sich gegen das Verhalten der polnischen Aristokratie beim Aufstand von 1830 wandte und zugleich für die Bemühungen Polens, das Joch seiner Unterdrücker abzuschütteln, Worte wärmster Anerkennung fand. Lebhafter Applaus lohnte seine glänzende und kraftvolle Rede.

Nach ihm hielt Herr Michelot eine Rede in französischer Sprache.

Ihm folgte ein Deutscher, Herr Schapper. Er teilte der Versammlung mit, daß die Brüsseler Demokratische Gesellschaft Herrn Marx, deutscher Demokrat und einer ihrer Vizepräsidenten, nach London delegiert habe, um Korrespondenzbeziehungen zwischen der Brüsseler Gesellschaft und der Londoner Gesellschaft der Brüderlichen Demokraten herzustellen und ferner, um die Einberufung eines demokratischen Kongresses der verschiedenen Nationen Europas vorzubereiten.

Als Herr Marx sich vorstellte, begrüßte ihn die Versammlung mit lang anhaltendem Beifall.

Nach einigen Worten von Herrn Charles Keen antwortete Oberst Oborski im Namen der Polen.

Als letzter sprach jener englische Arbeiter, Herr Wilson, der durch eine flammende Oppositionsrede erst vor kurzem beinahe die Auflösung eines Meetings der Internationalen Liga verursacht hätte.

Auf Vorschlag der Herren Harney und Engels wurden den drei großen demokratischen Zeitungen Europas - der "Réforme", dem "Northern Star" und der "Deutschen-Brüsseler-Zeitung" - drei Beifalls-Salven zuerkannt; auf Vorschlag von Herrn Schapper wurde die Mißbilligung der Versammlung für die drei antidemokratischen Blätter - "Journal des Débats", "Times" und "Augsburger Zeitung" - durch dreimaliges Grunzen zum Ausdruck gebracht.

Das Meeting endete mit dem Gesang der Marseillaise, in die alle stehend und entblößten Hauptes einstimmten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_413.htm

Noch am 22. Februar 1848 waren Marx und Engels in Brüssel als Redner bei der Gedenkfeier des Krakauer Aufstands von 1846:

http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_519.htm

Scharf wendet sich Engels im Juni gegen die Teilung Polens:

Köln, 8. Juni. Siebente Teilung Polens. Die neue Demarkationslinie des Herrn v. Pfuel in Posen ist ein neuer Raub an Polen. Sie beschränkt den zu "reorganisierenden" Teil auf weniger als ein Drittel des ganzen Großherzogtums und schlägt den bei weitem größten Teil von Großpolen zum Deutschen Bunde. Nur in einem schmalen Streifen längs der russischen Grenze soll die polnische Sprache und Nationalität anerkannt werden.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_055.htm

In der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zwischen dem 9. August bis zum 7. September finden wir eine längere Artikelserie von Engels über die Behandlung der Polen durch die Frankfurter Nationalversammlung.

Köln, 7. August. Die Frankfurter Versammlung, deren Debatten selbst in den erregtesten Momenten nie den Charakter einer echt deutschen Gemütlichkeit verloren, hat sich endlich bei der Posener Frage emporgerafft. Hier, wo preußische Schrapnells und gehorsame Bundestagsbeschlüsse ihr vorgearbeitet hatten, hier mußte sie einen entscheidenden Beschluß fassen; hier war keine Vermittlung möglich; sie mußte Deutschlands Ehre retten oder sie abermals beflecken. Die Versammlung hat unsern Erwartungen entsprochen; sie hat die sieben Teilungen Polens sanktioniert, sie hat die Schmach von 1772, 1794 und 1815 von den Schultern der deutschen Fürsten auf ihre eigenen Schultern gewälzt.

Noch mehr! Die Frankfurter Versammlung hat die sieben Teilungen Polens für ebenso viele an die Polen verschwendete Wohltaten erklärt. Hat nicht das gewaltsame Eindringen der jüdisch-germanischen Race Polen zu einer Höhe der Kultur, zu einer Stufe der Wissenschaft emporgeschwungen, von der das Land früher keine Ahnung hatte? Verblendete, undankbare Polen! Hätte man euch nicht geteilt, ihr selbst müßtet bei der Frankfurter Versammlung um die Gnade nachsuchen, geteilt zu werden!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_319.htm

Friedrich Engels schrieb in der NRZ die außenpolitischen und historisch-ökonomischen Artikel. Im Gegensatz zu Marx sind seine Ausarbeitungen meist logisch und lehrreich.

Marx war im Gegensatz zu Engels der geborene Journalist der bürgerlichen Presse, die ihre manchmal doch nach Information und Zusammenhängen suchenden Leser mit jeder Zeitungsausgabe noch mehr um jeglichen Zusammenhang und jede brauchbare Information bringen soll – Marx musste man das nicht eigens erklären, anders als weitschweifig und verwirrend konnte er gar nicht schreiben.

.

Hellmann
12.11.2008, 13:53
Hier mag jeder die Artikel von Marx und Engels in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ querlesen, um selber zu urteilen, welchen Nutzen die Leser der NRZ wohl davon haben mochten:

http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_000.htm

Der erste Artikel, den ich als Beispiel herausgreife, ist von Karl Marx und behandelt die Aufhebung oder vielmehr Ablösung der Feudalrechte in Preußen:

Der Gesetzentwurf über die Aufhebung der Feudallasten

Köln, 29. Juli. Wenn hier und da ein Rheinländer vergessen haben sollte, was er der "Fremdherrschaft", der "Unterdrückung des korsischen Tyrannen" verdankt, so möge er den Gesetzentwurf über die unentgeltliche Aufhebung verschiedener Lasten und Abgaben lesen, den Herr Hansemann im Jahre der Gnade 1848 seinen Vereinbarern "zur Erklärung" zugehen läßt. Lehnsherrlichkeit, Allodifikationszins, Sterbefall, Besthaupt, Kurmede, Schutzgeld, Jurisdiktionszins, Dreidinggelder, Zuchtgelder, Siegelgelder, Blutzehnt, Bienenzehnt usw. - wie fremd, wie barbarisch klingen diese widersinnigen Namen unseren durch die französisch-revolutionäre Zertrümmerung der Feudalität, durch den Code Napoléon zivilisierten Ohren! Wie unverständlich ist uns dieser ganze Wust mittelaltriger Leistungen und Abgaben, dies Naturalienkabinett des modrigsten Plunders der vorsündflutlichen Zeit!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_278.htm

Er ist jetzt immerhin irgendwie vom „korsischen Tyrannen“ über den Herrn Hansemann zu einer Aufzählung der auf den Bauern lastenden Zustände, Forderungen und Steuern gekommen.

Jetzt fehlt nur noch ein Gedicht von Heinrich Heine:

Und doch, ziehe deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden, deutscher Patriot! Diese Barbareien, sie sind die Trümmer der christlich-germanischen Glorie, sie sind die letzten Ringe einer Kette, die sich durch die Geschichte hinzieht und dich verbindet mit der Herrlichkeit deiner Väter bis hinauf zu den cheruskischen Wäldern! Diese Moderluft, dieser Feudalschlamm, die wir hier in klassischer Unverfälschtheit wiederfinden, sind unseres Vaterlandes ureigenste Produkte, und wer ein echter Deutscher ist, der muß mit dem Dichter ausrufen:
Das ist ja meine Heimatluft!
Die glühende Wange empfand es!
Und dieser Landstraßenkot, er ist
Der Dreck meines Vaterlandes
<H. Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput VIII.>
(ebenda)

Und so geht das weiter bei Marx in allen seinen Schriften. Er will ja nicht dem Leser etwas erklären, sondern sich selber produzieren und uns aus dem großen Fundus seiner Weisheit beglücken, wenn er nicht gerade an einem begabteren Kopf seine Rache nehmen muss und die Leser dann noch mühsam und unentwegt auf seinen Kleinkrieg mitnimmt.

Anstatt den Leser aufzuklären, wie die preußische Regierung mit ihrer Gesetzgebung gar nicht die Feudallasten der Bauern aufhebt, sondern vielmehr die Bauern mit einer Abgeltung dieser Feudalrechte durch Schuldforderungen neuerlich ausplündert und dabei die Situation der Bauern sogar noch verschlechtert, weil die eingesetzten Instanzen und Gerichte bei der Entscheidung über die Höhe der Abgeltungsforderungen an die Bauern natürlich die Interessen des preußischen Landadels vertreten… - anstatt den Leser darüber möglichst drastisch aufzuklären, führt Marx einen kleinlichen Disput gegen den für diese Gesetzgebung zuständigen Herrn Gierke:

Wir können es nicht leugnen: So unbedeutend die aufgehobenen Lasten sind, Herr Gierke verschafft durch ihre Aufhebung "den Verpflichteten Vorteile auf einem den Rechtsgrundsätzen aller Zeiten widersprechenden Wege", dem "das formelle Recht und Gesetz direkt entgegensteht"; er "zerrüttet den ganzen Rechtszustand des Grundbesitzes", er greift die "unzweifelhaftesten" Rechte in ihrer Wurzel an.
In der Tat, Herr Gierke, so schwere Sünden begehen, um so pauvre <ärmliche> Resultate zu erreichen, war das der Mühe wert?

Allerdings, Herr Gierke greift das Eigentum an - das ist unleugbar -, aber nicht das moderne, bürgerliche Eigentum, sondern das feudale. Das bürgerliche Eigentum, das sich auf den Ruinen des feudalen erhebt, stärkt er durch diese Zerstörungen des feudalen Eigentums. Und er will bloß deshalb die Ablösungsverträge nicht revidieren, weil durch diese Verträge die feudalen Eigentumsverhältnisse in bürgerliche verwandelt worden sind, weil er sie also nicht revidieren kann, ohne zugleich formell das bürgerliche Eigentum zu verletzen. Und das bürgerliche Eigentum ist natürlich ebenso heilig und unverletzlich, wie das feudale angreifbar und, je nach Bedürfnis und Courage der Herren Minister, verletzlich ist.

Hat der Leser der NRZ das jetzt verstanden? Und selbst wenn, was hilft dieses Räsonnieren über den Eigentumsbegriff den Bauern?

Nur ein Karl Marx lehnt sich nach diesem Artikel zufrieden zurück: er hat es dem Herrn Gierke jetzt gegeben! Der Herr Gierke wird sich auch gefreut haben, denn von so einer Kritik hatte er nichts zu befürchten.

Was hätte die NRZ stattdessen schreiben müssen, damit der Herr Marx als wirklich kluger Kopf und aufrichtiger politischer Denker damit vor der Geschichte bestehen könnte?

Die Leser hätten sicher gern gewusst, welche Klassen und ökonomische Interessen hinter den politischen Fraktionen des Jahres 1848 stehen. Wie stark sie sind, wer sich mit wem verbünden kann und welchen Einfluss die Großmächte dabei nehmen. Nur in einem einzigen Fall haben Marx und Engels hier sinnvolle Aussagen gemacht, nämlich zu Russland und über das Eingreifen des Zaren.

Von den Lesern kam wohl deutliche Kritik:

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 264 vom 5. April 1849]

Köln, 4. April. Von verschiedenen Seiten warf man uns vor, daß wir nicht die ökonomischen Verhältnisse dargestellt haben, welche die materielle Grundlage der jetzigen Klassenkämpfe und Nationalkämpfe bilden. Wir haben planmäßig diese Verhältnisse nur da berührt, wo sie sich in politischen Kollisionen unmittelbar aufdrangen.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Allerdings glaube ich kaum, dass die Leser ausgerechnet die Darstellung vermisst haben, die ihnen von Marx und Engels nach dieser Einleitung geboten wurde:

Lohnarbeit und Kapital

Jetzt, nachdem unsere Leser den Klassenkampf im Jahre 1848 in kolossalen politischen Formen sich entwickeln sahen, ist es an der Zeit, näher einzugehen auf die ökonomischen Verhältnisse selbst, worauf die Existenz der Bourgeoisie und ihre Klassenherrschaft (4) sich gründet wie die Sklaverei der Arbeiter.

Wir werden in drei großen Abteilungen darstellen: 1. das Verhältnis der Lohnarbeit zum Kapital, die Sklaverei des Arbeiters, die Herrschaft des Kapitalisten, 2. den unvermeidlichen Untergang der mittleren Bürgerklassen und des Bauernstandes (5) unter dem jetzigen Systeme, 3. die kommerzielle Unterjochung und Ausbeutung der Bourgeoisklassen der verschiedenen europäischen Nationen durch den Despoten des Weltmarkts - England.

Wir werden möglichst einfach und populär darzustellen suchen und selbst die elementarischsten Begriffe der politischen Ökonomie nicht voraussetzen. Wir wollen den Arbeitern verständlich sein. Und zudem herrscht in Deutschland die merkwürdigste Unwissenheit und Begriffsverwirrung über die einfachsten ökonomischen Verhältnisse, von den patentierten Verteidigern der bestehenden Zustände bis hinab zu den sozialistischen Wunderschäfern und den verkannten politischen Genies, an denen das zersplitterte Deutschland noch reicher ist als an Landesvätern.

Zunächst also zur ersten Frage: Was ist der Arbeitslohn? Wie wird er bestimmt?
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Da ging es im April 1849 los mit der Werttheorie, der ebenso umständlichen wie unbrauchbaren Suche nach einem Wertgesetz, das die kapitalistischen Märkte und ihre Entwicklung bestimmen würde. Hier deutet Marx die Krisen als unvermeidbare Erscheinungen der kapitalistischen Ökonomie:

In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktionsmittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen, in demselben Maße vermehren sich die Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausgedehnten Märkten wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusammenzieht, immer weniger Märkte zur Exploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bisher uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt dem Welthandel unterworfen hat.

Das Kapital lebt aber nicht nur von der Arbeit. Ein zugleich vornehmer und barbarischer Herr, zieht es mit sich in die Gruft die Leichen seiner Sklaven, ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehen.

Wir sehen also: Wächst das Kapital rasch, so wächst ungleich rascher die Konkurrenz unter den Arbeitern, d.h., desto mehr nehmen verhältnismäßig die Beschäftigungsmittel, die Lebensmittel für die Arbeiterklasse ab, und nichtsdestoweniger ist das rasche Wachsen des Kapitals die günstigste Bedingung für die Lohnarbeit.

(Fortsetzung folgt.)

Karl Marx
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Die Fortsetzung ist den Lesern der NRZ dann erspart geblieben.

Wäre Marx ein anderer Charakter gewesen, „ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehen“, wäre für ihn keine befriedigende Analyse der Krisen geblieben, er würde eine bessere Erklärung und Analyse des Kapitalismus ausgearbeitet haben. Aber so war er nun einmal und so war seine Theorie für die Kapitalisten dann ganz nützlich.

Es gab auch lesenswerte Artikel in der NRZ von Friedrich Engels und meist über militärische Begebenheiten, wofür er Talent hatte:

Die neueste Heldentat des Hauses Bourbon

http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_019.htm

Der Krieg in Italien und Ungarn

http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_381.htm

Zuletzt werden die Artikel in der NRZ rüde, da ist von Mördern und Verbrechern die Rede, was sicher den Sachverhalt genau beschreibt, uns aber vor ein anderes Rätsel stellt: warum die Autoren nicht sofort verhaftet werden?

Der preußische König legt es auf Konfrontation an, vermutlich soll es auch zu Unruhen und Aufständen kommen, weil das Militär inzwischen für die Niederschlagung der Revolution gerüstet ist.

Am 3. April 1849 hatte Wilhelm IV. die Deputation der Frankfurter Nationalversammlung unhöflich empfangen und die angebotene Kaiserkrone abgelehnt.

Der preußische Fußtritt für die Frankfurter

Köln, 1. Mai. Wieder ein neues Stück in der Geschichte der preußischen Kontrerevolution. Der König gibt der Frankfurter Versammlung einen definitiven Fußtritt und wirft ihr die dargebotene goldpapierne Krone eines imaginären Kaisertums mit Verachtung ins Gesicht.

Wenn die Frankfurter Versammlung sich zur rechten Zeit energisch benommen hätte, sie könnte jetzt diesen übermutberauschten Hohenzollern arretieren lassen und wegen "Beleidigung der Nationalversammlung" (Gesetz vom September 1848, das auch in Preußen publiziert ist) vor die Geschwornen stellen. Bis jetzt existiert kein "Reichs"-Gesetz, das die einzelnen Herren Fürsten auch dem "Reich" gegenüber unverantwortlich erklärt; und die kaiserliche Unverantwortlichkeit stößt der Hohenzollern ja von sich.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_459.htm

Am 27. April löste der König die zweite Kammer auf. Per Notverordnung wurde am 30. Mai 1849 das Dreiklassenwahlrecht für die zweite Kammer eingeführt, die bisher nach allgemeinem und gleichen Wahlrecht gewählt worden war.

Köln, 1. Mai. Gestern hier angekommene Abgeordnete von Berlin erzählen, daß auch in Dresden die Kammern aufgelöst sind.

Hannover, Berlin, Dresden - in München hat man bis jetzt bloß vertagt - biedrer, deutscher Bürger, merkst du jetzt, wie man dir aufzuspielen gedenkt?

Voriges Jahr, als die Frankfurter Versammlung einberufen wurde, befahl Preußen den Raubstaaten, alle Kammern einzuberufen. Jetzt, gerade ein Jahr später, befiehlt Preußen, alle Kammern aufzulösen. Damals Camphausen, jetzt Manteuffel. Beide Male derselbe Zweck, dieselbe Absicht. Camphausen und Manteuffel gehen trotz aller Redensarten Arm in Arm.

Und es gibt noch Leute in Deutschland, die die Fürsten verteidigen!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_461.htm

Es geht jetzt Schlag auf Schlag:

Köln, 2. Mai. Wir teilen unseren Lesern zu unserer speziellen Befriedigung mit, daß die von dem hiesigen wohllöblichen Gemeinderat ausgeschriebene Versammlung von Gemeinderat-Deputierten der Rheinprovinz durch simpeln Regierungsbefehl verboten worden ist. Die "guten Bürger", welche sich im September bei dem Verbot der Demokratenversammlungen so "behaglich" fühlten, mögen sich jetzt bei ihren Herren und Meistern bedanken. Im September 1848 wurde das Vereinsrecht der Demokraten wenigstens durch die honette Gewalt des Belagerungszustandes vernichtet; das Vereinsrecht des Kölner Gemeinderates ist dagegen mitten in schönster Rechtsbodenblüte an einem Fußtritt gestorben.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_467.htm

Das Militär wartet auf einen Anlass zum Losschlagen:

Köln, 5. Mai. Das Gerücht erhält sich, daß man am Sonntag bei Gelegenheit der Kreiskongresse der verschiedenen Parteien der guten Stadt Köln abermals den Belagerungszustand oktroyieren will.

Aus allerhand kleinen Vorbereitungen der Militärbehörde sieht man, daß sie sich allerdings auf alle Eventualitäten vorbereitet. Noch mehr. Es werden Maßregeln getroffen, die geradezu den Anschein haben, als wolle man Unruhen provozieren.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_471.htm

Engels ruft in dem Artikel zu Ruhe auf, die Arbeiter und Bürger sollen sich nicht provozieren lassen.

Wer zunächst durch die letzten kontrerevolutionären Streiche gefährdet ist, das ist die Bourgeoisie. Die Bourgeoisie hat den Städtekongreß berufen. Man lasse der Bourgeoisie die Ehre des ersten Worts. Man warte ab, was diese Herren am Dienstag beschließen werden. Wir sind überzeugt, daß mancher demokratische Biedermann sehr enttäuscht werden wird durch die Resultate dieses pomphaften "Städtetags".

Es ist eine Tatsache: Kommt der Belagerungszustand vor Dienstag zustande, so findet der Städtekongreß nicht statt, und niemand ist froher darüber als gerade die Herren, die ihn berufen haben.

Lassen die Arbeiter sich morgen zu Tumulten verleiten, so holen sie nur für die Bourgeoisie und zugleich für die Regierung die Kastanien aus dem Feuer. Es fragt sich, ob sie sich dazu wollen gebrauchen lassen, zu einer Zeit, wo der Bürgerkrieg in ganz Deutschland vor der Türe steht und wo ihnen vielleicht bald Gelegenheit gegeben wird, mit ihren eigenen Forderungen hervorzutreten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_471.htm

Es kommt zu den ersten Aufständen:

Köln, 7. Mai. Die gärenden Elemente in Deutschland sondern sich täglich mehr; die Dinge erhalten festere Umrisse.

Während das eine Zentrum der deutschen Kontrerevolution, Östreich, von den Ungarn mehr als beschäftigt wird, sendet das andere, Preußen, seine bewaffneten Horden in allen Richtungen gegen die revolutionäre Volkserhebung.

In Dresden, der langmütigen Kunst- und Luxusstadt Dresden, greift das Volk zu den Waffen und antwortet mit Barrikaden und Flintenschüssen auf die hochverräterischen Proklamationen der königlichen Regierung. Das Militär tritt zum größten Teil über auf die Seite des Volks; der Kampf ist so gut wie entschieden; da kommen preußische Bataillone und stellen sich auf die Seite des Königlichen Verräters, gegen das Volk.

In der Pfalz tritt das Volk ebenfalls unter die Waffen gegen die täglich frechere bayrische Kontrerevolution; auch hier stehen preußische Bataillone bereit, um zum geeigneten Moment einzubrechen und mit der Frankfurter Versammlung auch den pfälzischen Aufstand auseinanderzusprengen.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_473.htm

Hellmann
12.11.2008, 14:15
Am 9. Mai ist Marx nach Köln zurückgekehrt. Er hatte sich wegen der weiteren Finanzierung seiner Zeitung in Berlin aufgehalten:

…Er reist vielmehr, nachdem er wegen seiner Leberbeschwerden eine Badekur erwogen hat, über Bremen und Hamburg nach Berlin. Keineswegs, um sich der Organisation kommunistischer Zellen zu widmen; Bundesmitglieder trifft er nur zwei oder drei. Vielmehr führt er, wie ein gutsituierter Geschäftsmann in den ersten Häusern der Stadt residierend, Verhandlungen mit potentiellen Geldgebern für seine Zeitung; ausnahmslos Demokraten. Das Ergebnis ist mager, das Blatt ruiniert.
(Raddatz, S. 129)

Das Ende seiner Zeitung mangels weiterer Finanzierung aus Berlin muss Marx schwer getroffen haben. Er beginnt zwar in der NRZ wieder mit einem Gedicht:

Köln, 9. Mai, Die Regierung des Herrn von Hohenzollern scheint in den letzten Tagen ihrer Existenz und der Existenz des preußischen Staats den alten Ruf des preußischen und Hohenzollernschen Namens noch einmal aufs vollste bewähren zu wollen.

Wer kennt nicht die Charakteristik aus Heines Gedicht:

Ein Kind mit großem Kürbiskopf,
Mit langem Schnurrbart, greisem Zopf,
Mit spinnig langen, doch starken Ärmchen,
Mit Riesenmagen, doch kurzen Gedärmchen,
Ein Wechselbalg ...
<H. Heine, "Der Wechselbalg">

Wer kennt nicht die Treubrüche, die Perfidien, die Erbschleichereien, durch die jene Familie von Korporälen groß geworden ist, die den Namen Hohenzollern trägt?

Man weiß, wie der sogenannte "große Kurfürst" (als ob ein "Kurfürst" je "groß" sein könnte!) den ersten Verrat an Polen beging, indem er, der Alliierte Polens gegen Schweden, plötzlich zu den Schweden überging, um Polen im Frieden von Oliva desto besser plündern zu können.

Man kennt die abgeschmackte Figur Friedrichs I., die brutale Roheit Friedrich Wilhelms I.

Man weiß, wie Friedrich II., der Erfinder des patriarchalischen Despotismus, der Freund der Aufklärung vermittelst der Stockprügel, sein Land an französische Entrepreneurs <Unternehmer> meistbietend versteigerte; man weiß, wie er sich mit Rußland und Östreich verband, um einen Raub an Polen zu begehen, der noch jetzt, nach der Revolution von 1848, als ein unabgewaschener Schandfleck auf der deutschen Geschichte sitzt…

Ich muss seine Rache am Hause Hohenzollern hier etwas abkürzen:

Sollen wir auch noch auf den Hohenzoller zu sprechen kommen, der nach dem Mönch von Lehnin "der letzte seines Stammes sein wird"? Sollen wir sprechen von der Wiedergeburt der christlich-germanischen Herrlichkeit und von der Auferstehung der blassen Finanznot, vom Schwanenorden und vom Oberzensurgericht, vom Vereinigten Landtag und von der Generalsynode, vom "Stück Papier" und von den vergeblichen Versuchen, Geld zu borgen, und all den übrigen Errungenschaften der glorreichen Epoche von 1840-1848? Sollen wir aus Hegel nachweisen, warum es gerade ein Komiker sein muß, der die Reihe der Hohenzollern schließt?

Es wird nicht nötig sein. Die aufgeführten Data reichen hin, um den hohenzollerisch-preußischen Namen vollständig zu charakterisieren. Es ist wahr, der Glanz dieses Namens war einen Augenblick geschwächt; aber seit das Siebengestirn Manteuffel u. Kons[orten] die Krone umgibt, ist die alte Herrlichkeit wieder eingezogen. Wieder ist Preußen, wie ehedem, ein Vizekönigreich unter russischer Hoheit; wieder ist der Hohenzoller ein Unterknäs des Selbstherrschers aller Reußen und Oberknäs über alle die kleinen Bojaren von Sachsen, Bayern, Hessen-Homburg, Waldeck usw.; wieder ist der beschränkte Untertanenverstand in sein altes Recht des Ordre-Parierens eingesetzt. "Mein herrliches Kriegsheer", solange der Prawoslawny-Zar selbst es nicht gebraucht, darf in Sachsen, Baden, Hessen und der Pfalz die seit 18 Jahren zu Warschau herrschende Ordnung herstellen, darf im eigenen Lande und in Östreich die geborstenen Kronen mit Untertanenblut leimen. Das früher in der Angst und Not des Herzens gegebene Wort schert uns ebensowenig als unsere in Gott ruhenden Ahnen; und sind wir erst zu Hause fertig, so ziehen wir mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen gen Frankreich und erobern das Land, wo der Champagner wächst, und zerstören das große Babel, das die Mutter aller Sünde ist!

Das sind die Pläne unsrer hohen Regierenden; das ist der sichere Hafen, auf den unser edler Hohenzoller hinsteuert. Daher die sich häufenden Oktroyierungen und Gewaltstreiche, daher die wiederholten Fußtritte für die feige Frankfurter Versammlung; daher die Belagerungszustände, die Verhaftungen und Verfolgungen; daher das Einschreiten der preußischen Soldateska in Dresden und in Süddeutschland.

Aber es gibt noch eine Macht, die von den Herren in Sanssouci freilich gering geachtet wird, die aber dennoch ein donnerndes Wort dazwischen sprechen wird. Das Volk - das Volk, das in Paris wie am Rhein, in Schlesien wie in Österreich wutknirschend auf den Moment der Erhebung wartet und das, wer weiß wie bald, allen Hohenzollern und allen Ober- und Unterknäsen geben wird, was ihnen gebührt.

Geschrieben von Karl Marx.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_477.htm

Ganz andere Leute sind damals für geringere Ausfälligkeiten in preußischen Gefängnissen verschwunden. Aber es kommt gleich noch besser.

Köln, 12. Mai. Das Potsdamer Mitglied der gott- wie standrechtlich begnadeten Dreifaltigkeit oktroyierte im November v. J. nach Auseinandersprengung der Volksvertreter eine Verfassung, die von den bald zusammentretenden Kammern revidiert werden sollte. Bekanntlich ereilte die neuen Volksvertreter ein ähnliches Schicksal wie die alten; die einen verjagte man mit Wrangelschen Bajonetten, die andren hieß ein einfaches Manteuffelsches Auflösungsbillettchen nach Hause gehen. Mit der Revision war's demnach ebenfalls zu Ende.

So hatte nun der christlich-germanische Landesvater und seine Spießgesellen, das ganze Heer der ahnenreichen wie ahnenlosen, besternten und unbesternten Herumlagerer, Umsonstfresser und Volksvampyre freien Boden gewonnen, um eine Frucht nach ihrem Herzen darauf zu pflanzen.

Im November v. J. war das Königs-, Beamten- und Junkertum noch zu vielfachen, heuchlerischen Redensarten und anscheinend sehr liberalen Verfassungsparagraphen genötigt. Die Novemberverfassung mußte so gehalten sein, daß der zahlreich vertretene stupide Teil des sogenannten "Preußenvolkes" sich damit allenfalls ködern ließe.
Jetzt sind solche feine diplomatische Rücksichten überflüssig geworden. Ist nicht Schwager Nikolaus bereits mit 20.000 Mann auf deutschem Boden? Ist nicht Dresden zusammengeschossen? Besteht nicht der intimste Bund mit dem feigen Flüchtlinge auf dem Königstein, mit dem Reichsmax in München, mit dem Bulldog Ernst August von Hannover, mit der ganzen Kontrerevolutionsbande in- und außerhalb Deutschlands?

Nun wohl, dieser Moment ist von dem Hohenzollern bestens benutzt worden. Er hat für seine "geliebten" Untertanen eine neue Konstitution ausarbeiten lassen und sie unterm 10. Mai in Charlottenburg sanktioniert und oktroyiert.

Die neueste, allein ehrlich gemeinte, königlich-preußische Verfassung, die vor der Novemberverfassung auch den Vorzug hat, bloß aus 17 Paragraphen zu bestehen, lautet wie folgt:
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_483.htm

Marx und Engels müssen einen sehr mächtigen und gnädigen Schutzengel in Berlin gehabt haben:

Das Blutgesetz in Düsseldorf

Köln, 12. Mai. Die "neue Konstitution" , die Aufhebung der gewöhnlichen Gesetze und Gerichtshöfe mit Verkündigung landesväterlicher Mordprivilegien an "Mein herrliches Kriegsheer" ist bereits gestern in Düsseldorf in Kraft getreten.
Der Kommandeur hatte nach Besiegung und Abschlachtung des Volkes alsbald in Berlin um Instruktionen angefragt. Von den Spießgesellen des Herrn von Hohenzollern, Brandenburg-Manteuffel, kam darauf durch den Telegraphen der Befehl zur Proklamation des Blutgesetzes und Einsetzung militärischer Mordgerichtshöfe.

Nach Art. 2 und 6 der Militärverfügung ist das Vereinsrecht aufgehoben und Art. 5, 6, 7, 24, 25, 26, 27 und 28 der oktroyierten Schnaps-Charte außer Kraft gesetzt.

Im vorigen Jahre, unter dem Bürger und Kommunisten Drigalski, wurde die Düsseldorfer Presse bei Verkündigung des Belagerungszustandes unter Zensur gestellt, eine Maßregel, welche selbst bei der Majorität der schlappen Vereinbarungsgesellschaft Geschrei und Entrüstung erregte; heute, nach den neuen Hohenzollernschen Errungenschaften, wo dem Potsdamer Unterknäs keine Kammern, sondern die stammverwandten Stülpnasen der Kosaken zur Seite stehen, heute begnügt man sich nicht mit der Zensur, man schreitet einfach zur Unterdrückung der Presse.

Nach Art. 7 sind die Düsseldorfer Blätter, wie auch die "Neue Rheinische Zeitung" in dem Düsseldorfer Rayon verboten; nach Art. 8 dürfen keine anderen als amtliche "Bekanntmachungen" veröffentlicht werden.

Unter der Säbelherrschaft des Bürgers und Kommunisten Drigalski wurden die willkürlich Verhafteten wenigstens dem gewöhnlichen Gesetz und ihrem ordentlichen Richter nicht entzogen. Heute sind Gesetz und Gerichte suspendiert und außergewöhnliche Militärmordhöfe eingesetzt:

Art. 9. Wer durch Wort, Schrift, Druck oder bildliche Darstellung zum Widerstand gegen die gesetzlichen (!) Anordnungen der Behörden reizt, soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Art. 10. Wer in offenem oder bewaffnetem Widerstande gegen die Maßregeln der gesetzlichen Behörden betroffen wird oder den Truppen durch eine verräterische Handlung Gefahr oder Nachteil bereitet, soll im Wege des Standrechts sofort erschossen werden.

Die Lorbeeren des Mordhundes Windischgrätz haben den wiedererstarkten Hohenzollern nicht schlafen lassen!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_485.htm

Man muss Marx hier völlig in jedem Punkt zustimmen, die Revolution wurde blutig niedergeschlagen; Standrecht, Mord, Folter in den Gefängnissen waren die Mittel, den Widerstand der Bürger zu brechen.

Die NRZ ruft zum Aufstand in Elberfeld auf:

Köln, 12. Mai. Die Aufmerksamkeit der ganzen Rheinprovinz ist in diesem Augenblick auf Elberfeld gerichtet, auf einen Ort, der jetzt "das Panier des Aufruhrs" höher emporhebt als alle andern rheinischen Städte. Die Auflösung der Kammer gab das Signal zu der Bewegung des sonst so friedlichen Wuppertals...

Bei den verworrenen Nachrichten, welche uns vom Kampfplatze selbst zugehen, ist's unmöglich, das Wahre vom Unwahren zu trennen. Nur so viel scheint sicher, daß die ganze Bevölkerung unter den Waffen steht, daß Straßen und Häuser verbarrikadiert sind, daß aus benachbarten Orten - aus Solingen, Remscheid, Gräfrath, aus den Ortschaften der Enneper Straße, kurz, aus dem ganzen Bergischen - bewaffneter Zuzug heraneilt; daß man sich schon nicht mehr auf die Besetzung der Städte Elberfeld und Barmen beschränkt, sondern die Verteidigungsmaßregeln bereits auf die bedeutendsten Punkte der Umgegend ausdehnt.

Wie man versichert, soll es auch im Plane der Kämpfer liegen, Düsseldorf Hülfe zu eilen, um diese Stadt von preußischen Truppen zu säubern. Die Landwehr, die sich jetzt zum erstenmal entschieden auf die Seite des Volkes schlägt, spielt bei diesen Unternehmungen die Hauptrolle. An Munition und Geld fehlt es den Kämpfern nicht, da mehrere der reichsten Kaufleute bereitwillig ihre Kassen öffneten. So soll ein einziges Handlungshaus dem Elberfelder Sicherheitsausschuß 500 Stück Friedrichsdor überwiesen haben.

Unter diesen Umständen ist es natürlich nicht zu verwundern, daß sich die Söldner des Königtums zum Angriff rüsten, womöglich auch im Bergischen das Volk niederzuschmettern und die nämlichen Greuelszenen wie in Breslau, Dresden, Erfurt etc. aufzuführen. Hoffentlich wird's diesmal anders gehen.
Der Artillerie-Park von Wesel wird nach Elberfeld aufbrechen. Zum Angriffstage soll der nächste Montag bestimmt sein.

Wir können diese Nachrichten nicht verbürgen. Wie aber auch die Pläne der Kontrerevolution sein mögen, Elberfeld wird einen Kampf zu bestehen haben, in dem es sich um das Vaterland wahrhaft verdient machen kann.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_487.htm

Da kann man sich fragen: war es gar keine Wut auf den König gewesen, die Marx zu solchen Artikeln getrieben hat? Hatte er womöglich den Auftrag erhalten, mit seiner Zeitung in den letzten Ausgaben die Wut der Bürger und die Aufstände zu schüren, damit das preußische Militär genug Anlass zum Eingreifen erhielt? Jedenfalls war die „Neue Rheinische Zeitung“ nach solchen Artikeln „verbrannt“, sie konnte jetzt nur noch verboten werden.

Die "Kreuzzeitung"

Köln, 15. Mai. Das preußische Galgenblättchen macht uns das spezielle Vergnügen, aus der "N Rh Ztg" eine Blumenlese unpatriotischer Ausdrücke über den "kaiserlich russischen Unterknäs von Olmütz" und das "preußische Wanzenrittertum" zu veranstalten. Die Auswahl beschränkt sich auf eine Breslauer Korrespondenz und wird am Schluß von folgendem Ausbruch der Entrüstung der still-frivolen Kreuzritter begleitet:

"Wie matt ist gegen diese Chimborassofrechheit die Heiratsanzeige des Königs von Preußen in dem französischen 'Moniteur' von 1793: 'Le jeune tyran de Prusse vient d'épouser une demoiselle de Mecklenbourg' <'Der junge Tyrann von Preußen heiratete kürzlich ein Fräulein von Mecklenburg'>."

Um die Geschichte der "Chimborassofrechheit" der "N Rh Ztg" möglichst zu vervollständigen, ersuchen wir das Galgenblättchen, auch den Premier-Cologne in Nr. 294 unserer Zeitung über die "Taten des Hauses Hohenzollern" gefälligst abzudrucken. Wie wir hören, ist Frau von Hohenzollern eine eifrige Leserin des Galgenblättchens, und wir sind nicht so ganz "exklusiv", daß wir der würdigen Dame zu ihrer Zerstreuung nicht einige geschichtliche Studien über die Familie ihres Gemahls gönnen möchten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_490.htm

Alles sehr treffend und witzig, aber nur allerhöchste Order könnte die Polizei von der augenblicklichen Inhaftierung der gesamten Redaktion abgehalten haben.

Die neue Standrechts-Charte

Köln ,15. Mai. Wir haben noch von den neuesten landesväterlichen Absichten des Potsdamer Unterknäs um seine durch Raub und Menschenschacher ihm "angestammten" Untertanen Akt zu nehmen. Wir meinen die neu oktroyierte Standrechts-Charte, diese einzig wahre von allen Hohenzollernschen Verheißungen, in welcher die preußische Herrlichkeit sich endlich auch den stupidesten Vertrauensgimpeln in ihrer natürlichsten Nacktheit, entblößt von dem letzten heuchlerischen Komödiantenplunder, offenbart hat.

Die Verjagung der harmlosen Berliner Kammern, welche die oktroyierte Verfassung vom 5. Dezember "revidieren" sollten, war bekanntlich nur die notwendige Vorbereitung zu dem Einmarsch der Russen auf deutschem Boden. Aber die Vereinbarung des Potsdamer Baschkirentums mit den stammverwandten hundenüstrigen Kosaken des Prawoslawny-Zar hatte noch einen andern Zweck als den berühmten Dreifaltigkeitszug gegen Ungarn, in welchem Preußen seiner feigen perfiden Natur nach als Polizeibüttel mit Steckbriefen am Tore stand, während die östreichischen und russischen Henker drinnen die Mordjagd anstellen sollten. Der wahre Zweck dieses Hohenzollernschen Bündnisses war, dem Potsdamer Helden durch Einmarsch der Russen den nötigen Mut einzublasen, um an der Revolution für das im März v. J. ihm abgedrungene Geständnis der Feigheit Rache zu nehmen.

Wir brauchen, um die den Hohenzollern zu allen Zeiten ureigene und natürliche Feigheit zu beweisen, keine geschichtlichen Exkursionen zu machen und vielleicht gar zu den Ahnen dieser edlen Sippschaft hinaufzusteigen, welche hinter Sträuchern und Hecken auf wehrlose Reisende lauerten und also als Buschklepper den Grundstein zu dem "Glanz des Hauses" legten…
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_493.htm

Friedrich Engels hatte sich selbst nach Elberfeld begeben:

Köln, 16. Mai. Die "Neue Rheinische Zeitung" war auch auf den Elberfelder Barrikaden vertreten.

Um verschiedenen falschen Gerüchten entgegenzutreten, sind wir unsern Lesern einen kurzen Bericht über diese Angelegenheit schuldig:

Am 10. Mai ging Friedrich Engels, Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung", von Köln nach Elberfeld und nahm von Solingen aus zwei Kisten Patronen mit, welche bei dem Sturm des Gräfrather Zeughauses durch die Solinger Arbeiter erbeutet worden waren. In Elberfeld angekommen, stattete er dem Sicherheitsausschuß Bericht ab über die Lage der Dinge in Köln, stellte sich dem Sicherheitsausschuß zur Verfügung und wurde von der Militärkommission sogleich mit der Leitung der Befestigungsarbeiten durch folgende Vollmacht betraut:

"Die militärische Kommission des Sicherheitsausschusses beauftragt hiermit den Herrn Friedrich Engels, die sämtlichen Barrikaden der Stadt zu inspizieren und die Befestigungen zu vervollständigen. Sämtliche Posten auf den Barrikaden werden hiermit ersucht, denselben zu unterstützen, wo es not tut."

Elberfeld, 11. Mai 1849
(gez.) Hühnerbein - Troost"

Am folgenden Tage wurde ihm die Artillerie ebenfalls zur Verfügung gestellt:

"Vollmacht für Bürger F. Engels, die Kanonen nach seinem Gutdünken aufzustellen wie auch die dazu nötigen Handwerker zu requirieren, wovon die Kosten der Sicherheitsausschuß trägt.

Elberfeld, 12. Mai 1849
Der Sicherheitsausschuß

Für denselben:
(gez.) Pothmann - Hühnerbein - Troost"
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_500.htm

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Hellmann
12.11.2008, 14:16
Am 19. Mai 1849 erschien ganz in roter Farbe gedruckt mit einer Auflage von 20 000 die letzte Ausgabe der NRZ.

Köln, 18. Mai. Vor einiger Zeit wurde von Berlin aus an eine hiesige Behörde die Forderung gestellt, abermals den Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Man bezweckte die standrechtliche Beseitigung der "Neuen Rheinischen Zeitung", aber man stieß auf unerwarteten Widerstand. Später wandte sich die Kölnische Regierung an das hiesige Parquet, um denselben Zweck durch willkürliche Verhaftungen zu erreichen. Sie scheiterte an dem juristischen Bedenken des Parquet, wie sie schon zweimal an dem gesunden Menschenverstand der rheinischen Geschwornen gescheitert war. Es blieb nichts andres übrig, als zu einer Polizeifinte seine Zuflucht zu nehmen, und man hat für den Augenblick seinen Zweck erreicht. Die "Neue Rheinische Zeitung" hört einstweilen auf zu erscheinen. Am 16. Mai wurde ihrem Redakteur en chef Karl Marx folgender Regierungswisch mitgeteilt:

"In ihren neuesten Stücken (!) tritt die 'N Rh Z' mit der Aufreizung zur Verachtung der bestehenden Regierung, zum gewaltsamen Umsturz und zur Einführung der sozialen Republik immer entschiedener hervor. Es ist daher ihrem Redakteur en chef, dem Dr Karl Marx, das Gastrecht (!), welches er so schmählich verletzt, zu entziehen, und da derselbe ein Erlaubnis zum ferneren Aufenthalt in den hiesigen Staaten nicht erlangt hat, ihm aufzugeben, dieselben binnen 24 Stunden zu verlassen. Sollte er der an ihn ergehenden Aufforderung nicht freiwillig Genüge leisten, so ist derselbe zwangsweise über die Grenze zu bringen.

Köln, den 11. Mai 1849

Königl. Regierung
Moeller“
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_503.htm

Puh, das ist aber noch einmal gut ausgegangen.

Die letzte Ausgabe der NRZ an die Kölner Arbeiter:

Wir warnen Euch schließlich vor jedem Putsch in Köln. Nach der militärischen Lage Kölns wäret Ihr rettungslos verloren. Ihr habt in Elberfeld gesehen, wie die Bourgeoisie die Arbeiter ins Feuer schickt und sie hinterher aufs niederträchtigste verrät. Der Belagerungszustand in Köln würde die ganze Rheinprovinz demoralisieren, und der Belagerungszustand wäre die notwendige Folge jeder Erhebung von Eurer Seite in diesem Augenblicke. Die Preußen werden an Eurer Ruhe verzweifeln.

Die Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" danken Euch beim Abschiede für die ihnen bewiesene Teilnahme. Ihr letztes Wort wird überall und immer sein: Emanzipation der arbeitenden Klasse!

Die Redaktion der "Neuen Rheinischen Zeitung"
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_519.htm

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Hellmann
17.11.2008, 00:05
Die Reichsverfassungskampagne


Friedrich Engels über die Frankfurter Nationalversammlung (1852):

„Die Tatsache, daß die Entscheidung über das Schicksal der Revolution in Wien und Berlin fiel, daß in diesen beiden Hauptstädten die wichtigsten Lebensfragen erledigt wurden, ohne daß man von der Existenz der Frankfurter Versammlung auch nur die leiseste Notiz nahm – diese Tatsache allein genügt, um festzustellen, daß diese Körperschaft ein bloßer Debattierklub war, bestehend aus einer Ansammlung leichtgläubiger Tröpfe, die sich von den Regierungen als parlamentarische Marionetten mißbrauchen ließen, um zur Belustigung der Krämer und Handwerker kleiner Staaten und Städte ein Schauspiel zu geben, solange man es für angezeigt hielt, die Aufmerksamkeit dieser Herrschaften abzulenken.“
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_075.htm

Am 3. April 1849 hatte Wilhelm IV. die von einer 32-köpfigen Abordnung der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone abgelehnt.

Am 28. April wurde die Ablehnung in einem Schreiben an die provisorische Zentralgewalt, das dieser über den preußischen Gesandten in Frankfurt, Camphausen, zugestellt wurde, schriftlich wiederholt und ausführlich begründet. Die Begründung geht vor allem auch auf die Frage der Haltung der anderen deutschen Fürsten ein, deren Zustimmung, künftig den preußischen König als Kaiser anerkennen zu müssen, tatsächlich nicht ohne Widerspruch zu erwarten war. Darüber hinaus wurde auch die fehlende Möglichkeit des preußischen Königs, noch wesentliche Änderungen der Reichsverfassung vornehmen zu können, moniert.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserdeputation

Damit war die Märzrevolution gescheitert. In der Folge musste Preußen vorerst auf seinen Führungsanspruch verzichten und der Deutsche Bund wurde unter dem Einfluss von Österreich wiederhergestellt. Die alten Spannungen zwischen Preußen und Österreich verstärkten sich.

Zunächst aber kam es zu einem letzten Aufflackern der Revolution in der Reichsverfassungskampagne. Die österreichischen Abgeordneten waren schon Anfang April von ihrer Regierung zurückgerufen worden und bis auf die Vertreter der Linken und einiger Demokraten waren sie abgereist. Am 14. Mai legten die meisten preußischen Abgeordneten ihre Mandate nieder und fast alle bürgerlichen rechten und konservativen Parlamentarier verließen die Nationalversammlung.

Nun hatten die linken Fraktionen plötzlich die Mehrheit im verbliebenen Rumpfparlament und riefen mit der „Reichsverfassungskampagne“ die Bürger zu Aufständen zur Durchsetzung der Paulskirchenverfassung auf.

In Sachsen kam es am 3. Mai 1849 zum Dresdner Maiaufstand, Friedrich August II. von Sachsen und die Minister mussten auf die Festung Königstein flüchten. Der russische Anarchist Michail Bakunin beteiligte sich an der Leitung der Aufständischen, zu denen auch der Hofkapellmeister Richard Wagner zählte. Preußische und sächsische Truppen warfen vom 7. bis 9. Mai den Aufstand nieder. Bakunin wurde in Chemnitz gefangen, später zum Tode verurteilt, jedoch an Österreich ausgeliefert, wieder zum Tode verurteilt, begnadigt und an Russland ausgeliefert.

Noch im Vorjahr, als sich Bakunin im Juni am Slawenkongress in Prag und am folgenden Aufstand der Tschechen gegen die österreichische Fremdherrschaft beteiligt hatte, nach dessen Scheitern er sich in Breslau aufhielt, war Bakunin in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ beschuldigt worden, für den Zaren zu arbeiten:

Noch in Breslau las Bakunin in Marx' Rheinischer Zeitung einen Artikel, in dem behauptet wurde, George Sand hätte Beweise in der Hand, dass Bakunin ein Agent des russischen Zaren sei. Als sich George Sand mit einem Brief bei der Zeitung meldete und der Behauptung widersprach, wurde der Fehler korrigiert. Der Ruf, ein russischer Agent zu sein, begleitete Bakunin dennoch sein Leben lang und fand in der Person David Urquharts einen leidenschaftlichen Verfechter.
http://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Bakunin

Nicht nur David Urquhart, sondern auch Marx und Engels haben später diese Anschuldigung ständig wiederholt. Bakunin sollte jedoch erst 1861 nach seiner Flucht aus Sibirien in Europa wieder politisch tätig werden können.

In der Pfalz war der Aufstand erfolgreicher. Am 17. Mai wurde eine provisorische Regierung eingesetzt und die Trennung der Pfalz von Bayern vorbereitet. Am 14. Juni musste die provisorische Regierung unter Josef Martin Reichard vor einem 30.000 Mann starken preußischen Heer flüchten, dem die Revolutionstruppen keinen Widerstand leisten konnten. Der in die USA geflohene Reichard wurde 1851 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Am stärksten war die revolutionäre Bewegung in Südwestdeutschland. Dort musste am 14. Mai der badische Großherzog Leopold nach Koblenz fliehen, die Badische Republik wurde ausgerufen und eine Revolutionsregierung unter dem Abgeordneten der Nationalversammlung Lorenz Brentano gebildet. Am 31 Mai 1849 beschlossen die verbliebenen Mitglieder der Nationalversammlung sich dem preußischen Zugriff zu entziehen und das Parlament von Frankfurt nach Stuttgart zu verlegen, wo am 6. Juni nur noch 154 Abgeordnete zusammen kamen.

Trotzdem war die Sache aussichtslos, das weitere Vorgehen konnte nur das Ziel haben, symbolischen Widerstand zu leisten, um dann der Gewalt zu weichen. Die nachträglich im August 1852 von Friedrich Engels in London verfasste Darstellung ist nicht realistisch:

In Dresden bemächtigte sich das Volk am 4. Mai siegreich der Stadt und verjagte den König, während sämtliche umliegenden Bezirke den Aufständischen Verstärkungen sandten. In Rheinpreußen und in Westfalen weigerte sich die Landwehr auszumarschieren, besetzte die Zeughäuser und bewaffnete sich zum Schutz der Reichsverfassung. In der Pfalz bemächtigte sich das Volk der bayrischen Regierungsbeamten und der öffentlichen Gelder und setzte einen Verteidigungsausschuß ein, der die Provinz unter den Schutz der Nationalversammlung stellte. In Württemberg zwang das Volk den König, die Reichsverfassung anzuerkennen; und in Baden zwang die Armee im Verein mit dem Volk den Großherzog zur Flucht und errichtete eine provisorische Regierung. In anderen Teilen Deutschlands wartete das Volk nur auf das entscheidende Zeichen der Nationalversammlung, um zu den Waffen zu eilen und sich ihr zur Verfügung zu stellen.

Die Lage der Nationalversammlung war weit günstiger, als nach ihrer unrühmlichen Vergangenheit erwartet werden konnte. Die westliche Hälfte Deutschlands hatte ihretwegen zu den Waffen gegriffen; die Truppen waren überall schwankend; in den kleineren Staaten standen sie der Bewegung zweifellos freundlich gegenüber. Österreich war durch den siegreichen Vormarsch der Ungarn gelähmt, und Rußland, diese Reserve der deutschen Regierungen, spannte alle Kräfte an, um Österreich gegen die Heere der Magyaren zu unterstützen. Es galt nur, Preußen zu bezwingen, und bei den revolutionären Sympathien, die dort vorhanden waren, bestand zweifellos Aussicht, dies Ziel zu erreichen. So hing alles vom Verhalten der Nationalversammlung ab.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_093.htm

Marx hatte sich noch zusammen mit seiner Familie von Köln nach Frankfurt begeben, um die linken Abgeordneten aufzustacheln. Man kann die Argumentation dabei noch dem späteren Bericht von Engels, aus dem oben schon zitiert wurde, entnehmen:

Was hatte also die Frankfurter Nationalversammlung zu tun, um dem sichern Verderben zu entgehen, das ihr drohte? Vor allem mußte sie die Situation klar erfassen und sich überzeugen, daß sie keine andere Wahl mehr hatte, als sich entweder bedingungslos den Regierungen zu unterwerfen oder sich rückhaltlos und ohne zu Zaudern auf die Seite des bewaffneten Aufstandes zu stellen. Zweitens mußte sie sich öffentlich zu all den Erhebungen bekennen, die bereits ausgebrochen, überall das Volk aufrufen, die Waffen zur Verteidigung der Vertreter der Nation aufzunehmen und alle Fürsten, Minister und alle anderen für vogelfrei erklären, die es wagen sollten, sich dem souveränen, von seinen Beauftragten vertretenen Volk zu widersetzen. Drittens mußte sie sofort den deutschen Reichsverweser absetzen, eine starke, aktive, rücksichtslose Exekutivgewalt schaffen, aufständische Truppen zu ihrem unmittelbaren Schutz nach Frankfurt rufen und damit zugleich einen gesetzlichen Vorwand für das Umsichgreifen des Aufstands liefern, alle zu ihrer Verfügung stehenden Kräfte zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfassen, kurz, rasch und ohne zu Zögern jedes zu Gebote stehende Mittel benützen, um die eigene Stellung zu stärken und die des Gegners zu schwächen.
(Engels, ebenda)

Marx und Engels haben in Frankfurt wenig Erfolg bei den Abgeordneten und suchen nach anderen Möglichkeiten:

Von Frankfurt aus begab sich Marx mit Engels auf den Schauplatz des badisch-pfälzischen Aufstandes. Sie gingen erst nach Karlsruhe, dann nach Kaiserslautern, wo sie d'Ester antrafen, der die Seele der provisorischen Regierung war. Von ihm erhielt Marx ein Mandat des Demokratischen Zentralausschusses, um in Paris die deutsche revolutionäre Partei bei der Montagne der Nationalversammlung zu vertreten, der damaligen, aus kleinbürgerlichen und proletarischen Elementen gemischten Sozialdemokratie, die einen großen Schlag gegen die Ordnungsparteien und deren Vertreter, den falschen Bonaparte, vorbereitete. Auf der Rückreise wurden sie von den hessischen Truppen als der Teilnahme am Aufstande verdächtig verhaftet, nach Darmstadt und von da nach Frankfurt transportiert, wo sie wieder freigegeben wurden. Marx ging nun nach Paris, während Engels nach Kaiserslautern zurückkehrte, um als Adjutant in die Freischar einzutreten, die der ehemalige preußische Leutnant Willich gebildet hatte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_9

Die hessischen Truppen, von denen Marx und Engels aufgegriffen und nach Frankfurt gebracht wurden, konnten ja nicht wissen, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten Glück gehabt und Marx reist mit dem von d´Ester ausgestellten Mandat der Demokraten, bei denen er erst vor wenigen Wochen in der NRZ seine Mitgliedschaft aufgekündigt hatte, und einem Pass auf den Namen E. Meyen (Raddatz, S. 130f) nach Paris. Dort setzen sich aber bald auch die reaktionären Kräfte durch und Marx soll mit Familie in das Département Morbihan verbannt werden, wogegen er zwar mit einem offenen Brief in der Pariser „La Presse“ protestiert und Aufschub erhält, aber schließlich doch Frankreich verlässt. Ab Ende August 1849 ist Karl Marx in seinem Londoner Exil.

August von Willich war preußischer Leutnant der Artillerie gewesen, bis er sich wegen seiner Sympathie für Weitlings „Bund der Gerechten“ vor ein Kriegsgericht gestellt und aus der Armee entlassen fand. 1847 legte er seinen Adelstitel ab.

Während der Revolution 1848/49 war er der militärischer Führer des Heckerzuges. Er flüchtete im Anschluss in die Schweiz und nach Frankreich.

1849 kehrte er zurück und kämpfte als Oberkommandierender auf pfälzischer Seite im pfälzisch-badischen Aufstand.

Friedrich Engels diente in dieser Zeit als sein Adjutant. Nach der Niederschlagung des Aufstandes floh Willich erneut in die Schweiz. Anschließend ging Willich nach London ins Exil. Dort schloss er sich dem Bund der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels an.
http://de.wikipedia.org/wiki/August_Willich

Der damals noch wenig bekannte Wilhelm Liebknecht hatte im September 1848 schon am Aufstand in Lörrach teilgenommen und wurde im Mai 1849 Adjutant Struves.

Gegen die preußischen Truppen haben die Aufständischen keine Chance, ganz abgesehen von den Verrätern in ihren Reihen.

Juni 1849: Der polnische Revolutionär Ludwik Mierosławski wird zum General der Revolutionsarmee ernannt. Bundestruppen unter dem Kommando des Generalleutnant von Peucker und mehrere preußische Armeekorps unter dem Prinzen von Preußen Wilhelm dringen in Baden ein, um die Revolution niederzuschlagen.

15./16. Juni 1849: Siegreiche Gefechte der badischen Truppen an der Neckarlinie bei Mannheim, Käferthal, Ladenburg und Hirschhorn

20. Juni 1849: Preußische Truppen erzwingen bei Germersheim den Rheinübergang

21./22. Juni 1849: Gefecht bei Waghäusel, daraufhin Rückzug der badischen Truppen, um einer drohenden Umschließung zu entgehen.

25. Juni 1849: Gefecht bei Durlach, durch Beckers Volkswehr wird der Rückzug der Armee auf die Murglinie gedeckt.
Franz Seraph Stirnbrand (1788-1882): Gefecht in Gernsbach am 29. Juni 184929./30. Juni 1849: Gefechte an der Murg (Gefecht bei Gernsbach am 29. Juni), Mieroslawski ernennt Major Gustav Tiedemann aus dem Kreis um Struve zum Gouverneur der Festung Rastatt.

Brentanos zögerliche Haltung in der provisorischen Regierung angesichts der konterrevolutionären Gefahr führt zu dessen Sturz durch Gustav Struve und seine Anhänger.

Die revolutionären Einheiten ziehen sich nach Südbaden zurück und überschreiten bei Jestetten die Grenze zur Schweiz. Das eingeschlossene Rastatt wehrt sich erfolgreich gegen die preußische Zernierung.

23. Juli 1849: Nach dreiwöchiger Belagerung wird die umkämpfte Festung Rastatt von preußischen Truppen eingenommen. Die Revolution ist gescheitert. Die badische Armee wird aufgelöst und unter preußischer Führung neu aufgebaut. Nun richten Standgerichte in preußisch-badischer Besetzung die Revolutionäre hin: 27 Revolutionäre werden erschossen (darunter der letzte Gouverneur der Festung Rastatt, Gustav Tiedemann), lange Haftstrafen in preußischen Gefängnissen verhängt. Viele andere fliehen ins Exil, darunter auch Struve, Brentano, Carl Schurz und Friedrich Engels.
http://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution

Von Flucht kann man bei Friedrich Engels aber wohl weniger reden; er lässt sich Zeit und genießt das Leben:

Engels vor allem, der sich – nach seiner absonderlich heiteren, bukolischen Fußwanderung den Rhein hinab in die Schweiz als Postskriptum seiner militärischen postrevolutionären Abenteuer in Willichs Freischaren, Früchte und Töchter des Rheintals genießend – erst am 6. Oktober in Genua nach London einschifft, wo er am 10. November eintrifft.
(Raddatz, S. 140)

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Hellmann
18.11.2008, 17:00
Die Theorie vom Mehrwert


Wie entsteht der Gewinn?

Abstraktion: Grundannahmen und Problem

Die Waren werden auf den Märkten im Verhältnis ihrer Produktionskosten getauscht.

Wie können die Kapitalisten dabei einen Gewinn erzielen?

These: Würde der Gewinn damit entstehen, dass jeder Verkäufer seine Ware mit einem Preisaufschlag über seinen Kosten verkauft, dann würde sich das gegenseitig auf den Märkten aufheben, weil jeder Verkäufer auch wieder Käufer ist.

Lösungsversuch des Problems durch die bürgerlichen Ökonomen:

Das Kapital der Ökonomie ist knapp und gleichzeitig ist das Kapital produktiv und kann darum eine Rendite erzielen. Es geht also nicht nur der Kapitalverschleiß in die Produktionskosten ein, sondern auch eine Kapitalrendite.

Diese Kapitalrendite ist der Profit der Kapitalisten und zählt zu den Produktionskosten der Waren.

Lösungsversuch durch die Mehrwerttheorie des Karl Marx:

Zuerst muss Marx unterstellen, dass die Warenpreise keine Kapitalrendite enthalten, sondern neben dem Lohn nur die Rohstoffe und den Verschleiß der Maschinen. Die Kapitalrendite wird bei Marx an der Stelle einfach nicht erwähnt, wo es um die Produktionskosten geht.

Warum erzielen die Kapitalisten ihren Profit?

Sie zahlen die Rohstoffe, den Kapitalverschleiß durch die Produktion und den Lohn der Arbeiter.

Sie erzielen beim Verkauf der Waren aber einen Überschuss!

Rätsel, Rätsel, Rätsel!

Er wäre nicht Karl Marx, wenn er nicht eine ebenso spitzfindige wie haarspalterische Lösung für das Scheinproblem gefunden hätte.

Der Kapitalist zahlt dem Arbeiter die Reproduktionskosten seiner Arbeitskraft, er verfügt damit über die vom Arbeiter verkaufte Arbeitskraft.

Mit seiner Verfügungsgewalt über die vom Arbeiter verkaufte Arbeitskraft kann der Kapitalist einen Mehrwert erzielen, indem er den Arbeiter mehr produzieren lässt, als es dem Gegenwert seines Lohnes entspricht.

Das wird bei Marx in Arbeitszeit ausgedrückt. Der Arbeiter leistet zum Beispiel 12 Stunden Arbeit, obwohl er dem Kapitalisten den Gegenwert seines Lohns schon in 6 Stunden erwirtschaftet hat. Aber er hat ja seine Arbeitskraft verkauft und darum kann der Kapitalist eine Mehrarbeit von 6 Stunden erzwingen und es ergibt sich eine Mehrwertrate von 100%.


Was ist alles falsch?

Die bürgerlichen Ökonomen haben übersehen, dass knappes Kapital zwar eine hohe Rendite abwirft, wegen dieser hohen Rendite aber die Gewinne größtenteils akkumuliert würden und das Kapital dabei exponentiell wächst, bis es nicht mehr knapp wäre.

Das geht bei einer Exponentialfunktion dann ziemlich schnell und steil.

Daher vermeiden die bürgerlichen Ökonomen in diesbezüglichen Modellen den Zeitablauf. Die Modelle sind statisch, das Kapital ist knapp und erzielt daher eine Rendite. Die Renditen müssten zumindest historisch fallen, aber das wird eben gar nicht erst untersucht, mangels Zeitachse in den eindrucksvollen Kurvendiskussionen.

Es spricht viel dafür, dass es gar keinen „Kapitalmangel“ im Sinn der bürgerlichen Ökonomie gibt, sondern eher dauernde Auslastungsprobleme, womit die Erklärung der Profite mit dem „Kapitalmangel“ gegenstandslos wird.

Der Marxismus hat mit seiner Werttheorie das Problem, dass es die Kapitalrendite in der Realität ja nachweisbar gibt, die im Marxismus als Mehrwertmasse abhängig vom Einsatz der Arbeit entstehen soll.

Jetzt sind umständliche Erklärungen nötig, warum in Wirtschaftszweigen mit wenig Kapital je Arbeiter die Profite nicht höher sind, als in Wirtschaftszweigen mit viel Kapital je Arbeiter. Nach der grauen Theorie erhielten doch die Erstgenannten eine viel höhere Mehrwertschöpfung je Kapitaleinsatz, weil sich der Mehrwert ja nach dem Umfang der Mehrarbeit richtet.

So werden dann bis zum letzten Kapitel im dritten Band des „Kapital“ Stück für Stück alle zuerst aufgestellten Behauptungen - wie etwa dass die Waren nach ihrem Arbeitswert getauscht würden – wieder zurückgenommen. Der Markt gleiche sogar die (angeblich zunächst) wegen des Mehrwerts unterschiedlichen Profitraten durch den Konkurrenzdruck des Kapitals wieder aus…

Der Trick, zwischen der geleisteten Arbeit und der bezahlten „Arbeitskraft“ zu unterscheiden, überzeugt nur auf seiner rhetorischen Ebene. Der Arbeitslohn als „Reproduktionskosten der Arbeitskraft“ ist eine Phrase, weil sich in der Realität keine Anhaltspunkte für die Bestimmung dieser „Reproduktionskosten“ finden lassen, außer eben die historisch vorliegenden Löhne selbst dafür zu nehmen. Die Höhe der Löhne wird also mit der Höhe der Löhne erklärt, sobald wir der Phraseologie auf den Grund schauen.

Der Kapitalist bezahlt dem Arbeiter den Wert seiner Arbeitskraft. Weil er die Arbeitskraft des Arbeiters über den Gegenwert des Lohns hinaus nutzen wird, kann er aus der Arbeitskraft des Arbeiters durch Mehrarbeit den Mehrwert für seinen Profit herauspressen.

Warum sorgt nun der „freie Markt“ nicht dafür, dass die Kapitalisten in der Konkurrenz um die Arbeitskraft der Arbeiter, aus der sie ja nach Marx den ganzen Mehrwert beziehen, sich gegenseitig die angebotenen Löhne überbieten und so die Differenz zwischen der aus der Arbeitskraft der Arbeiter herausgeschlagenen Arbeit und dem Lohn gegen Null treiben?

Das Thema haben weder Marx noch seine Anhänger jemals berührt. Würde es doch sofort aufzeigen, welche Scheinlösung die Theorie von Marx für die Frage nach der Ursache der Profite darstellt.

Wenn der Lohn also dem Gegenwert von 6 Stunden Arbeit entspricht, die Kapitalisten die Arbeitskraft aber für 12 Stunden Arbeit nutzen können, warum hat jetzt kein Kapitalist einen Lohn geboten, der dem Gegenwert von 7 Stunden Arbeit entspricht, um den anderen Kapitalisten die Arbeiter abzuluchsen?

Diese vom Marxismus unbeantwortete Frage ist völlig identisch mit dem Ausgangsproblem, wie denn die Profite auf „freien Märkten“ mit absoluter Konkurrenz überhaupt entstehen können.

Das Ausgangsproblem wurde durch die Mehrwerttheorie des Karl Marx also nicht gelöst. Der Ursprung der Kapitalgewinne ist durch die Werttheorie nicht erklärt.


Die Krisentheorie

Schmackhaft gemacht hat man die Werttheorie den Anhängern mit der Erwartung, dass sie den „tendenziellen Fall der Profitrate“ und damit die endgültige Krise und den unvermeidbaren Zusammenbruch des Kapitalismus „wissenschaftlich“ beweisen könnte. Sonst hätte sich wohl auch der Letzte noch gefragt, was das Zeug eigentlich soll.

Im Leitartikel der NRZ vom 11. April 1849 finden wir die Ausführungen zur Konkurrenz zwischen den Kapitalisten. Diese erzwingt einen immer höheren Einsatz von Kapital, eine immer effizientere Produktion und senkt die Produktionskosten und damit die Preise der erzeugten Ware.

Der eine Kapitalist kann den andern nur aus dem Felde schlagen und sein Kapital erobern, indem er wohlfeiler verkauft. Um wohlfeiler verkaufen zu können, ohne sich zu ruinieren, muß er wohlfeiler produzieren, d.h. die Produktionskraft der Arbeit soviel wie möglich steigern. Die Produktionskraft der Arbeit wird aber vor allem gesteigert durch eine größere Teilung der Arbeit, durch eine allseitigere Einführung und beständige Verbesserung in der Maschinerie. Je größer die Arbeiterarmee ist, unter welcher die Arbeit geteilt, je riesenhafter die Stufenleiter ist, auf welcher die Maschinerie eingeführt wird, um so mehr nehmen verhältnismäßig die Produktionskosten ab, um so fruchtbarer wird die Arbeit. Es entsteht daher ein allseitiger Wetteifer unter den Kapitalisten, die Teilung der Arbeit und die Maschinerie zu vermehren und sie auf möglichst großer Stufenleiter auszubeuten.

Hat nun ein Kapitalist durch größere Teilung der Arbeit, durch Anwendung und Verbesserung neuer Maschinen, durch vorteilhaftere und massenhaftere Ausbeutung der Naturkräfte das Mittel gefunden, mit derselben Summe von Arbeit oder von aufgehäufter Arbeit eine größere Summe von Produkten, von Waren zu schaffen als seine Konkurrenten, kann er z.B. in derselben Arbeitszeit, in der seine Konkurrenten eine halbe Elle Leinwand weben, eine ganze Elle Leinwand produzieren, wie wird dieser Kapitalist operieren? Er könnte fortfahren, eine halbe Elle Leinwand zu dem bisherigen Marktpreise zu verkaufen, es wäre dies jedoch kein Mittel, seinen Gegner aus dem Felde zu schlagen und seinen eigenen Absatz zu vergrößern. Aber in demselben Maße, worin seine Produktion sich ausgedehnt hat, hat sich das Bedürfnis des Absatzes für ihn ausgedehnt. Die mächtigeren und kostspieligeren Produktionsmittel, die er ins Leben gerufen, befähigen ihn zwar, seine Waren wohlfeiler zu verkaufen, sie zwingen ihn aber zugleich, mehr Waren zu verkaufen, einen ungleich größeren Markt für seine Waren zu erobern; unser Kapitalist wird also die halbe Elle Leinwand wohlfeiler verkaufen als seine Konkurrenten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Die Verbesserung der Produktivkräfte senkt nicht nur die Preise, sondern verlangt auch nach höhen Absatzmengen. Eigentlich ist das ein Argument für steigende Löhne, nach Marx führt die Rationalisierung aber zu einer erhöhten Konkurrenz zwischen den Arbeitern und damit eher zu sinkenden Löhnen.

Die größere Teilung der Arbeit befähigt einen Arbeiter, die Arbeit von 5, 10, 20 zu tun; sie vermehrt also die Konkurrenz unter den Arbeitern um das 5-, 10-, 20fache. Die Arbeiter machen sich nicht nur Konkurrenz, in dem einer sich wohlfeiler verkauft wie der andere; sie machen sich Konkurrenz, in dem einer die Arbeit von 5, 10, 20 verrichtet, und die vom Kapital eingeführte und stets vergrößerte Teilung der Arbeit zwingt die Arbeiter, sich diese Art von Konkurrenz zu machen.

Ferner: In demselben Maße, wie die Teilung der Arbeit zunimmt, vereinfacht sich die Arbeit. Die besondere Geschicklichkeit des Arbeiters wird wertlos. Er wird in eine einfache, eintönige Produktivkraft verwandelt, die weder körperliche noch geistige Spannkräfte ins Spiel zu setzen hat. Seine Arbeit wird allen zugängliche Arbeit. Es drängen daher Konkurrenten von allen Seiten auf ihn ein, und überdem erinnern wir, daß, je einfacher, je leichter erlernbar die Arbeit ist, je weniger Produktionskosten es bedarf, um sich dieselbe anzueignen, desto tiefer der Arbeitslohn sinkt, denn wie der Preis jeder andern Ware ist er durch die Produktionskosten bestimmt.

In demselben Maß also, worin die Arbeit unbefriedigender, ekelhafter wird, in demselben Maß nimmt die Konkurrenz zu und der Arbeitslohn ab.

Dazu kommt noch mit dem Konzentrationsprozess des Kapitals der Ruin der kleinen Kapitalisten und des Mittelstands.

Und zudem rekrutiert sich die Arbeiterklasse noch aus den höhern Schichten der Gesellschaft; es stürzt eine Masse kleiner Industriellen und kleiner Rentiers in sie herab, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Arme zu erheben neben den Armen der Arbeiter. So wird der Wald der in die Höhe gestreckten und nach Arbeit verlangenden Arme immer dichter, und die Arme selbst werden immer magerer.

Daß der kleine Industrielle den Krieg nicht aushalten kann, worin es eine der ersten Bedingungen ist, stets auf größerer Stufenleiter zu produzieren, d.h. eben ein großer und kein kleiner Industrieller zu sein, versteht sich von selbst.

Daß der Zins vom Kapital in demselben Maß abnimmt, wie Masse und Zahl des Kapitals zunimmt, wie das Kapital anwächst, daß daher der kleine Rentier nicht mehr von seiner Rente leben kann, also sich auf die Industrie werfen, also die Reihen der kleinen Industriellen und damit die Kandidaten für das Proletariat vermehren hilft, alles das bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung.

Die spätere Begründung der Krisen mit der relativen Abnahme des Mehrwerts im Verhältnis zum immer mehr akkumulierten Kapital, finden wir in der NRZ noch nicht. Hier werden die Krisen einfach deshalb immer größer, weil ja auch die Märkte und das für diese Märkte arbeitende Kapital immer größer angewachsen sind.

In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktionsmittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen, in demselben Maße vermehren sich die Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausgedehnten Märkten wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusammenzieht, immer weniger Märkte zur Exploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bisher uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt dem Welthandel unterworfen hat.

Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ findet man im dritten Band des „Kapital“, der erst 1894 durch Friedrich Engels herausgegeben wurde im 13., 14. und 15. Kapitel. Wirklich von Interesse ist aber nur das 13. Kapitel mit der Überschrift „Das Gesetz als solches“:

http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_221.htm

Das Wesentliche dieser Argumentation fasse ich einmal kurz zusammen, da ihre Darstellung durch Marx und Engels wie gewohnt unzumutbar ist.

Im Prinzip handelt es sich um genau denselben Sachverhalt, den wir aus der bürgerlichen Ökonomie schon mit der fallenden Grenzproduktivität des Kapitals kennen. Wenn mehr Kapital eingesetzt und die Produktivität der Arbeit dadurch gesteigert wird, so steigt zwar die Gesamtproduktion. Sie steigt jedoch mit einer niedrigeren Rate als der Kapitaleinsatz.

Nehmen wir also an, es wird mit doppeltem Kapitaleinsatz je Arbeitsplatz produziert, so steigt damit die Produktion, jedoch um einen geringeren Faktor der Kapitaleinsatz.

Die Relation Produktion/Kapitalstock sinkt bei wachsendem Kapitaleinsatz!

Dass die Profitrate mit steigendem Kapitaleinsatz sinkt, ist eine völlig der bürgerlichen Ökonomie vertraute Vorstellung, die vom Marxismus nur auf dem Umweg über die Werttheorie nacherzählt wird.

Siehe dazu Wiki zur Produktivität:
http://de.wikipedia.org/wiki/Produktivit%C3%A4t

Unter dieser Voraussetzung sinkender Faktorproduktivität des Kapitals würde sich die Kapitalrendite nur um den Preis stetig gegen Null sinkender Löhne halten lassen.

Mit der Werttheorie wird nichts anderes bewiesen: der Kapitaleinsatz wächst, damit sinkt das Verhältnis Mehrwert/Kapital und die Kapitalisten versuchen, die Mehrwertrate im Verhältnis zu den Arbeitslöhnen zu erhöhen.

Ganz kurz zusammengefasst:

sinkende Grenzproduktivität des Kapitals <=> Tendenzieller Fall der Profitrate

Nur hat jetzt die bürgerliche Ökonomie im Gegensatz zum Marxismus nicht behauptet, dass mit ihrer sinkenden Grenzproduktivität des Kapitals schon eine Krisentheorie gewonnen wäre. Aber selbst wenn, dann wäre durch die Werttheorie kein neues Argument und kein tieferes Verständnis der Krisen möglich. Es handelt sich nur um eine umständlichste Darstellung mit Arbeitswert und Mehrwert und deren Verhältnis zu einem wachsenden Kapitaleinsatz.

Da ist ja dann die Theorie der bürgerlichen Ökonomie schon spannender, wonach es eine Grenze für die Akkumulation von Sachkapital geben muss. Der Umfang der laufenden Produktion ist nämlich eine Höchstgrenze für den in jeder Periode wegen Verschleiß zu ersetzenden Anteil des Sachkapitals.

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Hellmann
18.11.2008, 17:07
Zusätzliche Probleme einer Arbeitswerttheorie

Die Waren werden im Kapitalismus wegen der Tendenz zum Ausgleich der Profitraten grundsätzlich nicht nach ihren „Arbeitswerten“ getauscht. Dass die Preise durch andere Faktoren außerdem noch beeinflusst werden, von den Schwankungen des Angebots und der Nachfrage aus verschiedensten Gründen bis hin zu den Auswirkungen der Werbung und anderer Beeinflussungen der Märkte, kommt zu alledem noch hinzu.

Jetzt ist aber auch noch umstritten, welche Arbeit überhaupt als produktiv und wertschöpfend anzusehen ist. Nach Marx war nur die Arbeit produktiv, die irgendwie einen Stoff bearbeitet hat. Sämtlicher Aufwand für Marketing oder Transport ist nach seiner Werttheorie nicht produktiv und wertschöpfend, auch Schmiergeldzahlungen zur Absatzförderung und andere im Kapitalismus übliche Praktiken erhöhen der „Wert“ der Waren nicht, sehr wohl aber den Preis und die Absatzchancen. Man sieht hoffentlich, welche entsetzlichen und hoffnungslosen Streitereien sich aus einer „Werttheorie“ für kapitalistische Märkte sofort ergeben werden.


Anmerkung:

Weil der Leser vermutlich einwenden wird, dass Karl Marx als bedeutender Theoretiker unter den Kritikern des Kapitalismus anzusehen ist, will ich mich nicht dem Vorwurf aussetzen, hier nur lang und breit und hoffentlich spannend das Leben von Marx geschildert, aber seine bedeutende theoretische Leistung unterschlagen zu haben.

Die kritische Darstellung und Widerlegung seiner Theorie vom Mehrwert ist deshalb hier an dieser Stelle schon eingeflochten, dafür werde ich später, wenn „Das Kapital“ im Fortgang der Ereignisse zur Sprache kommt, nicht erneut darauf eingehen.
Die Artikelserie „Lohnarbeit und Kapital“ (in der NRZ vom 5., 6., 7., 8. und 11. April 1849) wurde im vorletzten Kapitel über die „Neue Rheinische Zeitung“ schon erwähnt. In dieser Serie hatten Marx und Engels bereits die Theorie vorgestellt, die Marx später in seinem dreibändigen Hauptwerk „Das Kapital“ nur noch weitläufiger, langatmiger und mühsamer darlegen sollte.

Für den kurzen Überblick empfehle ich diese Artikelserie zur Lektüre:

http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_397.htm

Friedrich Engels hat im Jahr 1891 für eine Neuauflage von „Lohnarbeit und Kapital“ eine spitzfindige Änderung eingearbeitet. Danach verkaufe der Arbeiter dem Kapitalisten nicht seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft. Die Begründung durch Engels kann man hier nachlesen:

"Halt da!" ruft unser Maschinenschlosser. "Sechs Mark? Ich habe aber nur drei Mark erhalten! Mein Kapitalist schwört Stein und Bein, der Wert meiner zwölfstündigen Arbeit sei nur drei Mark, und wenn ich sechs verlange, so lacht er mich aus. Wie reimt sich das?"

Kamen wir vorhin mit unserm Wert der Arbeit in einen Zirkel ohne Ausweg, so sind wir jetzt in einem unlöslichen Widerspruch erst recht festgeritten. Wir suchten den Wert der Arbeit und fanden mehr, als wir brauchen können. Für den Arbeiter ist der Wert der zwölfstündigen Arbeit drei Mark, für den Kapitalisten sechs Mark, wovon er drei dem Arbeiter als Lohn zahlt und drei selbst in die Tasche steckt. Also hätte die Arbeit nicht einen, sondern zwei Werte, und sehr verschiedne obendrein!

Der Widerspruch wird noch widersinniger, sobald wir die in Geld ausgedrückten Werte auf Arbeitszeit reduzieren. In den zwölf Stunden Arbeit wird ein Neuwert von sechs Mark geschaffen. Also in sechs Stunden drei Mark - die Summe, die der Arbeiter für zwölfstündige Arbeit erhält. Für zwölfstündige Arbeit erhält der Arbeiter als gleichen Gegenwert das Produkt von sechs Stunden Arbeit. Entweder also hat die Arbeit zwei Werte, wovon der eine doppelt so groß wie der andre, oder zwölf sind gleich sechs! In beiden Fällen kommt reiner Widersinn heraus.

Wir mögen uns drehen und wenden wie wir wollen, wir kommen nicht heraus aus diesem Widerspruch, solange wir vom Kauf und Verkauf der Arbeit und vom Wert der Arbeit sprechen. Und so ging es den Ökonomen auch. Der letzte Ausläufer der klassischen Ökonomie, die Ricardosche Schule, ging großenteils an der Unlösbarkeit dieses Widerspruchs zugrunde. Die klassische Ökonomie hatte sich in eine Sackgasse festgerannt. Der Mann, der den Weg aus dieser Sackgasse fand, war Karl Marx.

Was die Ökonomen als die Produktionskosten "der Arbeit" angesehn hatten, waren die Produktionskosten nicht der Arbeit, sondern des lebendigen Arbeiters selbst. Und was dieser Arbeiter dem Kapitalisten verkaufte, war nicht seine Arbeit. "Sobald seine Arbeit wirklich beginnt", sagt Marx, "hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden." Er könnte also höchstens seine künftige Arbeit verkaufen, d.h. die Verpflichtung übernehmen, eine bestimmte Arbeitsleistung zu bestimmter Zeit auszuführen. Damit aber verkauft er nicht Arbeit (die doch erst geschehen sein müßte), sondern er stellt dem Kapitalisten auf bestimmte Zeit (im Taglohn) oder zum Zweck einer bestimmten Arbeitsleistung (im Stücklohn) seine Arbeitskraft gegen eine bestimmte Zahlung zur Verfügung: Er vermietet resp. verkauft seine Arbeitskraft. Diese Arbeitskraft ist aber mit seiner Person verwachsen und von ihr untrennbar. Ihre Produktionskosten fallen daher mit seinen Produktionskosten zusammen; was die Ökonomen die Produktionskosten der Arbeit nannten, sind eben die des Arbeiters und damit die der Arbeitskraft.
http://www.mlwerke.de/me/me22/me22_202.htm

Wer eine Ahnung und Vorstellung davon erhalten will, wie Karl Marx das Thema breitgetreten hat, der kann sich einmal den Text „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ vornehmen:

http://www.mlwerke.de/me/me13/me13_015.htm

Natürlich kann man auch gleich „Das Kapital“ lesen, um nach Monaten oder Jahren enttäuscht festzustellen, dass es halt noch langatmiger und irreführender abgefasst ist, ohne wesentliche Erkenntnisse zu bringen, aber bitte:

Band I: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm

Band II: http://www.mlwerke.de/me/me24/me24_000.htm

Band III: http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_000.htm

Dabei ist die diagonale Lektüre des „Kapitals“ durchaus zu empfehlen, wenn man dabei die theoretischen Abhandlungen überspringt und sich auf die aus der Britischen Bibliothek abgeschriebenen Berichte über die Verhältnisse in England und etwa die Parlamentsdebatten zur Peelschen Bankakte im Band III. beschränkt, mit denen Marx sein „Kapital“ angereichert hat. Diese sind ganz lehrreich und interessant.

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Hellmann
18.11.2008, 18:24
Aus keynesianischer Sicht

Man kann selbstverständlich dem Karl Marx und Friedrich Engels nicht vorwerfen, die ökonomischen Vorstellungen der Keynesianer nicht gekannt zu haben. Die Frage, woher nun der Profit der Kapitalisten kommt und ob der Profit sich in Zukunft absolut oder relativ in irgendeiner Weise ändern wird, lässt sich aber befriedigend erst aus der Sicht der keynesianischen Makroökonomie beantworten, weshalb diese hier für den Leser kurz dargestellt wird.

Ein ganz einfaches Beispiel soll den Sachverhalt erklären:

Wir haben einen Kapitalisten mit einem Kartoffelacker und 100 Arbeitskräften. Erzeugt werden nur Kartoffeln, welche nach der Ernte allesamt verkauft werden. Lassen wir den Kapit