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Hellmann
21.08.2008, 07:56
Wie der Schwager des preußischen Innenministers Ferdinand von Westphalen der berühmte Theoretiker der Kommunisten wurde.


Man habe abends oft noch beim Wein gesessen, der Chefredakteur und seine Kollegen, und wenn die Reihe der geleerten Flaschen beachtlich lang geworden war, habe Marx mit vor königlichem Vergnügen boshaft funkelnden Augen die Runde abgeschätzt. Jäh fuhr dann ein Finger auf einen der schockierten Freunde: "Dich werde ich vernichten."
Fitz J. Raddatz, Karl Marx - Der Mensch und seine Lehre, Rowohlt TB 1987, Seite 47


Ferdinand von Westphalen war preußischer Innenminister von 1850-58. Sein Netz aus Spionen soll Freund und Feind überwacht haben. Karl Marx hatte 1843 dessen jüngere Halbschwester Jenny von Westphalen geheiratet, deren Vater Ludwig von Westphalen zuvor der Mentor des jungen Karl Marx geworden war.

Falls ich nun der Erste bin, von dem der werte Leser den obigen Verdacht vernimmt, mag er sich nicht darüber wundern: das Leben ist hart. Viele sind sicher schon früher auf den naheliegenden Gedanken gekommen und haben lieber geschwiegen oder wir haben nie mehr davon gehört.
Für alle, die sich auskennen im politischen Geschäft und mit der Arbeit politischer Agenten, ein kurzer Blick in den Lebenslauf des Karl Marx reicht dem kundigen Auge, denn solche Zufälle gibt es nicht in einem gewöhnlichen Leben.

Wer es für history fiction hält, soll es als spannenden Roman :D lesen, um auf diesem Weg irgendwann hoffentlich zu realisieren, dass die vielen Rätsel des Lebens und der Karriere von Karl Marx nur so eine ganz einfache Erklärung finden.


Vorwort

Ein Regierungsagent arbeitet auf der höchsten Ebene der Politik und ist von Beruf Schriftsteller, Journalist, Wissenschaftler, Künstler, Abgeordneter oder lebt von „Zuwendungen von Freunden“ oder gar von „Verlagsvorschüssen“, wie unser Freund Charlie, dessen finanzielle Verhältnisse uns noch beschäftigen werden.
Selbstverständlich hat der Regierungsagent einen hohen Geldbedarf, sollte er doch auf gleicher gesellschaftlicher Ebene mit wichtigen Leuten auch in den Salons von Paris verkehren, in seiner privaten Bibliothek in London Freunde empfangen und vor allem immer wieder den völlig mittellosen politischen Querköpfen seine Hilfe anbieten können für entsprechende Gegenleistungen und politische Unterwerfung. Er hat Reisen zu finanzieren, Übernachtungen in besseren Hotels und darf nicht auch noch wirklich Zeit darauf verwenden müssen, sich das Geld mit Arbeit zu verdienen. Falls so einer nicht reich geerbt oder geheiratet hat, braucht er andere Finanzquellen, als es die üblichen Verlagshonorare für politische Bücher oder Artikel jemals sein könnten.

Im Gegensatz zu einem ordinären Polizeispitzel lauscht der Regierungsagent nicht am Fenster oder an der Tür des Salons, sondern er sitzt selber im Salon als bester Freund seiner Zielperson oder Zielgruppe; er stiehlt und öffnet nicht heimlich Briefe, aus denen er dann seine Informationen bezieht, sondern diese Briefe mit allen wichtigen, von ihm selber gegebenenfalls erbetenen Informationen werden von seinen gutgläubigen Freunden an ihn ganz persönlich adressiert.
Man findet später keine Akten mit Spitzelberichten in einem Polizeiarchiv, keine Verpflichtungserklärung für die Geheimpolizei und es gibt keinen ausgehandelten Agentenlohn mit Pensionsanspruch. Die benötigten Mittel stammen aus geheimen Quellen der Regierung, also in der Regel des Innen- oder Außenministeriums, ohne Belege und ohne geschwätzige Zeugen. Trotzdem sollte es natürlich Verdächtigungen gegeben haben, weil im politischen Geschäft die Regierungsagenten sich üblicherweise die Türklinken reichen und jeder, der selber dazugehört, die anderen Leute entsprechend unter Verdacht hat.

Regierungsagenten müssen möglichst viele und möglichst intensive Kontakte zu einflussreichen politischen Persönlichkeiten unterhalten. Ein normaler Mensch schafft das schon zeitlich nicht, zweitens hätte er kein Interesse an den ja nicht immer besonders angenehmen Zeitgenossen, weiß wohl auch um ihre Bedeutung nicht, sollte er einem davon zufällig begegnen, und schließlich würden ihm Geld und Gelegenheiten fehlen.

Eine professionelle „Freundschaft“ mit einer Zielperson wird angebahnt. Man kann nicht unvorbereitet mit einem Theologen über die Leben-Jesu-Forschung disputieren und danach noch mit dessen weiterer Freundschaft rechnen: da braucht es schon gezielte Einweisung, genaue Kenntnis des Denkens und der Standpunkte und der Vorlieben und persönlichen Umstände etwa eines Bruno Bauer. Eine Zufallsbekanntschaft würde sicher scheitern, aber Empfehlungen mit entsprechendem Hintergrund, irgendetwas für die Hoffnungen und Erwartungen der Zielperson, wichtige Informationen, mit denen ein Charlie gerade dienen kann, scheinbar zufälliges gesellschaftliches Aufeinandertreffen und gemeinsame Bekannte, die auch im Dienst des Ministeriums den jungen Mann ganz überschwänglich dem Bauer preisen und die Kontakte anbahnen…

Man kann auch nicht jeden als Regierungsagenten verwenden. Wut auf erfolgreichere Leute, die man im Auftrag und mit Unterstützung der Regierung politisch vernichten kann, ist ein gutes Motiv. Es war wohl sein Motiv und der preußische Regierungsrat Ludwig von Westphalen dürfte es an dem ehrgeizigen Sohn seines Freundes Heinrich Marx in Trier früh erkannt und noch gepflegt haben. Karl Marx war bestimmt kein angenehmer Charakter und ein Ludwig von Westphalen hat sich ganz sicher nicht aus Knabenliebe für unseren Freund interessiert und sich die Mühe gemacht, ihm die für seine späteren Aufgaben wichtigen geistigen Hintergründe zu vermitteln. Das war aber wichtig, weil einer das Agentenleben eben auch nicht auf der Schule oder im bürgerlichen Elternhaus lernt, höchstens vom Vater eines späteren preußischen Innenministers.

Dass er noch seine Tochter heiratet, war wohl vom Mentor nicht geplant.

Wir werden mit der Familie der Edlen von Westphalen beginnen und den preußischen Verhältnissen in Trier und darauf folgend die „Freundschaften“ betrachten, bei denen Marx sich immer wieder an damals gerade im politischen Fadenkreuz stehende Persönlichkeiten als hilfreicher Freund und Bewunderer herangemacht hat, um alsbald dann die Freundeskreise zu sprengen und diese ehemaligen Freunde noch über Jahre mit seinem Hass und ganzen Büchern zu verfolgen.

Es wird dabei deutlich zu erkennen sein, dass Karl Marx sich in den noch darzustellenden Fällen (Bauer, Ruge, Herwegh, Feuerbach, Weitling…) wie ein professioneller Regierungsagent verhalten hat, dessen Aufgabe es ist, solche regierungsfeindlichen Leute durch engste „freundschaftliche“ Beziehungen zu umgarnen, zu täuschen, zu beeinflussen, gegeneinander aufzubringen und politisch möglichst bald und nachhaltig auszuschalten.

Das sollte als Beweis dann reichen.
Wem seine großen Theorien nützlich waren, wird sich dabei auch noch zeigen.

Sicher wird man sich fragen, warum ich Karl Marx demontieren will.

Erstens aus Prinzip, weil die Sache für jeden politisch wirklich erfahrenen Menschen gar nicht anders gesehen werden kann.
Zweitens um zu verhindern, dass auch in Zukunft kritische Leute auf den Spuren ihres großen Vorbilds und Vordenkers Karl Marx zum Schluss für die Herrschenden arbeiten.
Drittens um den Lesern vorzuführen, wie Politik in dieser Ebene funktioniert, weil damit jeder rechnen und vorgewarnt sein sollte, der sich gegen die herrschenden Verhältnisse engagiert. Da wird heute noch nicht anders vorgegangen mit Regierungsagenten und Spitzeln und Provokateuren; und wer sich auf die Kritik der Verhältnisse und politische Aktivitäten einlässt, sollte zuerst einmal den besten Freunden und den größten Vorbildern nicht trauen.

Dafür, wie die Politik im 19. Jahrhundert, das in jeder Beziehung sehr folgenreich war, tatsächlich gelaufen ist, haben wir in Lebenslauf und Schriften von Karl Marx wichtige Zeugnisse und reiche Quellen. Es soll also auch eine Empfehlung sein, Karl Marx zu studieren, allerdings nicht den gequirlten Käse im Kapital, sondern seine Briefe, Artikel und tagespolitischen Stellungnahmen.

Viele werden sich weigern, ihren Glauben an den großen Revolutionär Karl Marx aufzugeben. Sie werden sich keinen Augenblick darüber wundern, warum Schulen, Universitäten und Massenmedien im Kapitalismus ausgerechnet den angeblich gefährlichsten Feind dieses Systems in der Vorstellung der Leute zum gefährlichsten Feind dieses Systems hochstilisieren sollten.

Die Reaktionen der Leser werden mehrheitlich so ähnlich sein wie bei der Geldpolitik: die Fachleute wissen genau, dass die Notenbanken die Wirtschaftskrisen und die Massenarbeitslosigkeit verursachen, aber das Publikum hält jeden, der das den Leuten verraten möchte, für den größten Spinner. Wie sollte sich eine derartige Verschwörung über so lange Zeit geheim halten lassen, fragen sich die Leute dann und ahnen nicht, wie leicht es für die Herrschenden ist, sie zu täuschen und zu belügen, aber wie schwer, das Publikum über Täuschungen und Lügen aufzuklären: sie selber sind der beste Beweis dafür.

Hellmann
21.08.2008, 08:04
Philipp von Westphalen (1724-1792)

Sein Vater Johann Christian Westphal hatte es bis zum Hofpostmeister in Braunschweig und damit an die Spitze des Postdienstes im Herzogtum Braunschweig gebracht. In der damaligen Zeit war der Chef des Postdienstes eine wichtige Vertrauensperson des Herrscherhauses und hatte in Kriegs- und Friedenszeiten die politischen Korrespondenzen unter seiner Obhut.

Nach einer mehrjährigen Reise durch Süddeutschland, Frankreich und Italien in Begleitung eines jungen Herrn von Spiegel wurde Philipp ab 1751 Sekretär des preußischen Generalleutnants Ferdinand von Braunschweig.

Im Siebenjährigen Krieg ab 1756 erhielt Ferdinand 1757 den Oberbefehl auf dem westlichen Kriegsschauplatz und Philipp Westphal wurde der inoffizielle Generalstabschef und Oberquartiermeister des Herzogs, offiziell seit 1762 sein Geheimsekretär. Das ausgezeichnete Zusammenwirken von Philipp und Ferdinand soll für die militärischen Erfolge maßgeblich gewesen sein. Für seine Verdienste wurde er durch einen kaiserlichen Adelsbrief 1764 als „Edler von Westphalen“ in den Adelsstand erhoben.

Der Marx-Biograph Mehring schreibt dazu: „Bürgerlicher Geheimsekretär des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der im siebenjährigen Kriege an der Spitze eines bunt zusammengewürfelten, von englischem Gelde besoldeten Heeres das westliche Deutschland erfolgreich vor den Eroberungsgelüsten Ludwigs XV. und seiner Pompadour schützte, hatte sich Philipp Westphalen zum tatsächlichen Generalstabschef des Herzogs zu machen verstanden, allen deutschen und englischen Generalen des Heeres zum Trotz."
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_007.htm

Der britische König Georg III. aus dem Hause Hannover hatte ihm den Titel des Generaladjutanten des Heeres verliehen, von dem Philipp allerdings keinen Gebrauch machte, und außerdem eine jährliche Pension von 200 Pfund Sterling. Von der kurhannoverschen Regierung erhielt er eine Jahrespension von 500 Talern.

Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763, auch Dritter Schlesischer Krieg genannt) kämpften mit Preußen, Großbritannien/Kur-Hannover auf der einen Seite und Österreich, Frankreich, Russland auf der anderen Seite alle europäischen Großmächte der Zeit. Viele mittlere und kleine Staaten waren ebenfalls beteiligt. Der Krieg wurde in Mitteleuropa, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten und war damit in gewissem Sinne eigentlich der zweite Weltkrieg nach dem Spanischen Erbfolgekrieg. Für England und Frankreich ging es hierbei um die Herrschaft in Nordamerika und in Indien.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Siebenj%C3%A4hriger_Krieg

Im britischen Feldlager hatte er die Schwägerin des Kommandanten der britischen Truppen kennengelernt, Jeanie Wishart (of Pittarow), Tochter des Stadtpfarrers Dr. George Wishart in Edinburgh und der Anne Campbell mit Vorfahren im schottischen Land- und Hochadel, die 1765 seine Frau wurde. Trotz der schottischen Abstammung waren die Vorfahren nicht katholisch und nicht franzosenfreundlich, sondern, wie Mehring schreibt: „einer ihrer Vorfahren in gerade aufsteigender Linie hatte im Kampfe für die Einführung der Reformation in Schottland den Scheiterhaufen bestiegen, ein anderer, der Earl Archibald Argyle, war als Rebell im Freiheitskampfe gegen Jakob II. auf dem Marktplatze in Edinburgh enthauptet worden“.

Im Gegensatz zu Mehring wollen wir daraus aber nicht den Schluss ziehen, dass die Kinder dieser Ehe folglich dem Junkertum entfremdet worden seien, sondern dass die Kinder protestantisch und franzosenfeindlich aufwachsen mussten, jeglichen politischen Umtrieben und geheimer Diplomatie und sonstigen Machenschaften zugeneigt und mit dem dafür noch nötigen Wissen und den Verbindungen ausgestattet.

Die Berichte des Philipp an Friedrich II. von Preußen flossen später in dessen Werk über den Siebenjährigen Krieg ein. Seine eigenen Berichte aus dem Krieg reichten nur bis zum Jahr 1758 konnten aus Rücksicht auf noch lebende Beteiligte erst von seinem Enkel publiziert werden.


Philipp von Westphalen: Geschichte der Feldzüge Herzog Ferdinands von Braunschweig-Lüneburg, hrsg. von Ferdinand von Westphalen, Berlin 1859-72
online bei Google Books:
http://www.google.de/books?id=agwPAAAAYAAJ&pg=PR11&dq=Geschichte+der+Feldz%C3%BCge+Herzog+Ferdinands+ von+Braunschweig-L%C3%BCneburg&ei=QFiPSLFTp-6MAa2Xzf4E#PPR3,M1

Eintrag in der ADB: http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adb/images/adb042/@ebt-link?target=idmatch(entityref,adb0420230)

Hellmann
21.08.2008, 08:15
Ludwig von Westphalen (1770-1842)


Ludwig war einer der vier Söhne des Philipp, der nach dem Verkauf seines Lehnsgutes für 40.000 Taler eine Besitzung in Mecklenburg erworben hatte und sich geschichtlichen Studien und der Erziehung seiner Söhne widmete. Den Winter verbrachte der Vater in Braunschweig, wo seine vier Söhne das Collegium Carolinum besuchten.

Nach seinem Studium in Göttingen trat Ludwig von Westphalen für kurze Zeit (1794-97) in den braunschweigischen Staatsdienst ein, versuchte sich dann jedoch nach seiner Heirat mit Elisabeth von Veltheim (1778-1807) als Gutsbesitzer, womit er wirtschaftlich scheiterte.

Aus Ludwigs erster Ehe mit Elisabeth von Veltheim stammte Ferdinand Otto von Westphalen (1799-1876), der spätere preußische Innenminister; aus seiner zweiten Ehe mit Caroline Heubel (1776[1779?]-1856) hatte er die Tochter Jenny und den Sohn Edgar.

Hier eine Karte mit dem Königreich Westphalen im Jahr 1807:
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Rheinbund_1807.png

Als 1807 der napoleonische Modellstaat Westphalen gegründet wurde, trat Ludwig in dessen Dienste und wurde im Sommer 1809 zum Unterpräfekten in Salzwedel ernannt, wo er sich nach dem frühen Tod seiner ersten Frau mit seiner zweiten Frau Caroline Heubel verheiratete, einer Bürgerlichen.

Mit dem Königreich Westphalen wollte Kaiser Napoleon nach dem Frieden von Tilsit einen französischen Vasallenstaat unter seinem jüngsten Bruder Jerome und Katharina von Würthemberg als König und Königin schaffen. Westphalen erhielt als erster deutscher Staat eine schriftliche Verfassung und ein Parlament, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, der Code Civil und die Gewerbefreiheit eingeführt.

Das Königreich Westphalen im Jahr 1812:
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Rheinbund_1812.png

Die Finanzen des Königreichs Westphalen wurden schnell durch hohe Zahlungen an Frankreich zerrüttet und die Bevölkerung hatte nach der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht Soldaten zu stellen – in Russland kämpften dann 28.000 und in Spanien 8.000 Westphalen, von denen nur je 1.000 zurück kamen. Mit Polizei und Spitzeln versuchte man den Widerstand der Bürger zu brechen. Vor allem gegen die Konskriptionen richteten sich lokale Aufstände, im Jahr 1809 unter Führung von Wilhelm Freiherr von Dörnberg - der nach dem Frieden von Tilsit als Oberst der Gardejäger in den westphälischen Militärdienst eingetreten war und in geheimem Kontakt und Austausch mit Scharnhorst, Gneisenau, Schill und Katte stand. Im gleichen Jahr baute Friedrich Wilhelm von Braunschweig, der das Herzogtum seines Vaters zurückerobern wollte, aus eigenen Mitteln ein Freikorps auf. Er hatte mit seiner Schwarzen Schar nicht die Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., der zur Beschwichtigung Frankreichs die Aufstellung des Freikorps zu verhindern suchte, sondern die Unterstützung des österreichischen Erzherzogs Karl.

Nach der Niederlage der Österreicher bei Wagram kämpfte sich die Schwarze Schar nach Norddeutschland an die Küste durch, wo sie nach England eingeschifft wurde, um anschließend unter dem Oberbefehl Wellingtons in Spanien und Portugal zu kämpfen. Der „Schwarze Herzog“ Friedrich Wilhelm von Braunschweig fiel zwei Tage vor der Schlacht von Waterloo 1815 in Belgien.

Wo stand unser Ludwig von Westphalen in diesen unsicheren Zeiten? Als der Sohn seines in Geheimdiplomatie bewanderten Vaters und der britischen Mutter, die am 31. Juli 1811in Salzwedel starb, wo ihr Sohn in französischem Dienst stand, insgeheim auf preußisch-britischer Seite? Ein geheimer Konspirant gegen seine Dienstherren wie der Freiherr von Dörnberg?

Laut Mehring wäre er den französischen Reformen nicht abgeneigt gewesen, jedoch der Fremdherrschaft, „und hatte im Jahre 1813 die harte Hand des Marschalls Davoust zu spüren“.

Einen Hinweis gibt uns die Verwandtschaft seiner Frau Caroline geb. Heubel, deren Vetter der Buchhändler Friedrich Perthes war. Perthes, der nach dem Tod seines Vaters in der Familie der Caroline aufwuchs, heiratete eine Tochter des Dichters Matthias Claudius. Zwar nur eine Bürgerliche, kam die Caroline Heubel doch aus sehr guten Kreisen.

Der Perthes nun beteiligte sich als Buchhändler in Hamburg am patriotischen Widerstand gegen die französische Besetzung und verlor nach der Wiederbesetzung Hamburgs durch den französischen Marschall Davoust seinen gesamten Besitz und musste fliehen. Später eröffnete er einen Buchhandel in Gotha, wir werden unten gleich wieder auf ihn zurückkommen. Es ist also anzunehmen, dass wir es auch hier nicht mit dem Zufall zu tun haben, sondern dass Ludwig von Westphalen seine im April 1812 angetraute Caroline über seine politischen Kontakte gefunden hatte.

Mit der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 löste sich das Königreich Westphalen auf. Es wird von Jubel der Bürger beim Einzug der Kosaken und Ausschreitungen der Bevölkerung gegen die ehemaligen Bürgermeister und die unter der Franzosenherrschaft emanzipierten Juden berichtet.

Der preußische Gebietszuwachs am Rhein änderte noch einmal die Laufbahn des Ludwig. Aus „Salzwedel, wo ihm seine Tochter Jenny am 12. Februar 1814 geboren wurde, war er dann zwei Jahre später als Rat an die Regierung in Trier versetzt worden; im ersten Eifer besaß der preußische Staatskanzler Hardenberg noch die Erkenntnis, dass die tüchtigsten, von junkerlichen Schrullen freiesten Köpfe in die neugewonnenen Rheinland geworfen werden müssten, die mit ihrem Herzen immer noch an Frankreich hingen“, meint Mehring, der damit aus dem Ludwig von Westphalen so etwas wie einen Freigeist machen möchte, nicht bedenkend, dass die preußische Regierung gerade im Rheinland dringend besonders zuverlässige Leute brauchte. Mit 1800 Talern Jahreseinkommen (Monz, Karl Marx, S. 231) der höchstbezahlte „Justizangestellte“ in Trier, was er dafür genau gemacht hat, suche ich noch.

Aus der Website der Stadt Trier:

„Trier wurde nach dem Wiener Kongress von 1815 der Herrschaft des Königreichs Preußen zugeschlagen, was mit geistiger und politischer Unterdrückung sowie wirtschaftlichem Abstieg einherging. Die preußische Zollpolitik unterband den Handel der Weinbauern mit den westlichen Nachbarn und erschwerte den Weinabsatz in Preußen selbst. Dies führte in Verbindung mit hohem Steuerdruck und stetig steigenden Preisen zu großer wirtschaftlicher Not: 1831 lebte fast ein Drittel der Bevölkerung am Rand oder unterhalb des Existenzminimums. Die soziale Lage und die politischen Spannungen mit dem preußischen Staat stürmten auf den jungen Karl Marx ein…“
Quelle: http://cms.trier.de/stadt-trier/Integrale?SID=140F43C9E0E27D5654AB12487A389656&MODULE=Frontend&ACTION=ViewPage&Page.PK=165

Das war also die politische Lage in der Stadt Trier mit ihrer katholischen Tradition und wirtschaftlichen Not und der den Preußen feindlich gesonnenen Bevölkerung, in deren Umgebung preußische Truppen stationiert wurden, mit denen und den Angehörigen der preußischen Verwaltung überhaupt erst so etwas wie eine evangelische Kirchengemeinde in Trier entstand, für die zunächst der Militärgeistliche der preußischen Garnison zuständig gewesen ist.

Nähere Informationen über die politische Lage im Rheinland und besonders in Trier erhalten wir aus einem Brief des Ludwig von Westphalen an den Vetter seiner Frau, den oben schon erwähnten Buchhändler Perthes in Gotha, vom 7. April 1831.

Bei der Interpretation des Briefes des Regierungsrates an seinen Vetter Perthes erleben wir die typische verdrehte Argumentation wie sie uns im Falle Marx noch öfter begegnen wird. Wer dazu Lust hat, kann das dann in dem Artikel „Zur Persönlichkeit von Marx´ Schwiegervater Johann Ludwig von Westphalen“ von Heinz Monz in den „Schriften aus dem Karl-Marx-Haus“, Trier 1973, nachlesen. Man macht da aus einem mit allen Fragen der inneren Sicherheit intim vertrauten preußischen Regierungsrat einen Preußenkritiker, obwohl zeitgenössische Schreiben der Bürgermeister an das Regierungspräsidium diese Fragen ganz ebenso deutlich behandeln und jede andere Denkweise innerhalb der zuständigen Regierungskreise ja auch völlig blödsinnig wäre.

Dass das Schreiben nicht einfach ein Verwandtentratsch war, ergibt sich aus dem ausdrücklichen Hinweis, die Informationen vertraulich zu behandeln:

„Nach diese allgemeinen Äußerung meiner Befürchtungen, Hoffnungen u. Wünsche komme ich auf den Stand der Dinge in unsrer Gegend, von welcher Sie Gefahr befürchten, zurück u. habe darüber Folgendes vertraulich – da ich weiß, daß dann kein öffentlicher Gebrauch gemacht wird – zu bemerken.“

Es ist natürlich unter Pfarrerstöchtern davon auszugehen, dass der bekannte Buchhändler Perthes in Gotha ebenfalls berufsbedingt für die Regierung gearbeitet hat und die erhaltenen Informationen nicht für ein Kaffeekränzchen erbeten und erhalten hatte. Es geht dann in diesem Schreiben über Seiten um die Klagen über die Steuern und die Lage der Wirtschaft und besonders der ärmeren Mittelklasse.

„Der Reg.Bezirk Trier ist wohl der schlechteste in der Monarchie. Er ist ein Gebirgsland; mit Ausnahme der sehr fruchtbaren Mosel- u. Saar Thal Gebiete u. der schmäleren Thäler der kleineren Flüsse, von äußerst steriler Beschaffenheit. Die Cultur im Ganzen auf der niedrigsten Stufe; daher wird selbst in guten Jahren der Bedarf an Brodfrüchten von dem ausgedehnten Flächen Inhalte von 119 Meilen für die schwache Bevölkerung von circa 365.000 Seelen nicht gewonnen.
Die letzten 7 – 8 Jahre sind aber als Fastjahre zu betrachten. Der Handel mit Vieh nach Frankreich, der sonst viel Geld ins Land brachte, hat wegen der hohen Abgaben von eingeführtem Viehe aufgehört; Fabriken, Manufactur u. Handel sind hier von keinem Belang; daher der große Geldmangel, die steigende Verarmung u. der wirklich große Nothstand.“

In dem Stil geht es dann weiter über die mehr Kriegs- als Friedenszeiten angemessene Landwehr und deren wiederkehrende Übungen zu den Zeiten, in denen die Leute für Feldarbeiten gebraucht würden; weiter über die Wirkungen der französischen Presse und die Sympathien für Frankreich in den höheren Klassen der Gesellschaft und unter den Gymnasiasten und Studenten.

Ein Schreiben also, nach dessen Lektüre man den kundigen Verfasser sofort mit der Leitung der lokalen Geheimpolizei betrauen möchte, falls die Stelle nicht schon von seinem Sohn besetzt wäre, statt ihn zu einem Feind der preußischen Regierung zu erklären, der dann den jungen Marx entsprechend zu revolutionären Überzeugungen angeleitet habe.
Verständlich aber, dass die herrschende Geschichtsschreibung, um keinen Verdacht auf Marx fallen zu lassen, zu entsprechend abwegigen Interpretationen der Quellen gezwungen ist.

Die finanziellen Verhältnisse der Familie des Ludwig von Westphalen waren abgesehen vom hohen Jahresgehalt recht bescheiden, also kein Vermögen vorhanden, was vermutlich auch die Heiratsaussichten der Tochter Jenny beeinträchtigt hat. Gute Beziehungen zur preußischen Regierung über den Vater und den älteren Bruder dürften die einzige nennenswerte Mitgift des Mädels gewesen sein. Das wird ihr dann aber auch den Bräutigam zugeführt haben.

Hellmann
21.08.2008, 08:19
Ferdinand Otto von Westphalen (1799-1876)

Preußischer Innenminister von 1850-58


Mehring darf an ihm kein gutes Haar lassen, es ist ja auch gar zu verdächtig:

„In dem ältesten Sohne Ludwig von Westphalens ist die Gesinnung des Vaters nicht lebendig geblieben. Er war ein bürokratischer Streber und schlimmeres als das; in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre hat er als preußischer Minister des Innern die feudalen Ansprüche des verstocktesten Zaunjunkertums sogar gegen den Ministerpräsidenten Manteuffel vertreten, der immerhin ein gewitzter Bürokrat war. Mit seiner Schwester Jenny hat dieser Ferdinand von Westphalen in keiner engeren Beziehungen gestanden, zumal da er fünfzehn Jahre älter als sie und auch nur, als Sohn aus einer ersten Ehe des Vaters, ihr Halbbruder war.“

So leicht wollen wir es uns hier nicht machen, denn ein preußischer Innenminister verfügt für die Zwecke der Geheimpolitik über riesige Fonds, mit denen man seiner kleinen Schwester und dem stets geldbedürftigen Schwager leicht imponieren kann. Auch bei dem kleinen Bruder müssen wir uns fragen, womit er denn seinen unsteten Lebenswandel finanziert hat in Zeiten, in denen selbst mit harter Arbeit nicht viel Geld zu verdienen war, selbst wenn es nicht um Reisen bis nach Amerika ging, sondern nur um das tägliche Brot. Bei Mehring ist der jüngere Bruder natürlich der Beweis für die revolutionäre Erziehung im Hause des Ludwig von Westphalen:

„Ihr echter Bruder war dagegen Edgar von Westphalen, der nach links von den Pfaden des Vaters abwich wie Ferdinand nach rechts. Er hat gelegentlich die kommunistischen Kundgebungen seines Schwagers Marx mitunterzeichnet. Ein steter Gefährte ist er ihm freilich nicht geworden; er ging über das große Wasser, hatte dort wechselnde Schicksale, kehrte zurück, tauchte bald hier, bald dort auf, ein rechter Wildling, wo man von ihm hört. Aber ein treues Herz hat er immer für Jenny und Karl Marx gehabt, und sie haben ihren ersten Sohn nach ihm genannt.“

In den deutschen Emigrantenkreisen über dem großen Wasser hat der preußische Innenminister natürlich verlässliche Zuträger auch gebrauchen können und so war auch für den sicher liebenswerten, aber für harte Arbeit ebenso wie schmutzige Konfrontationen ungeeigneten jüngsten Sohn aus dem Hause der Edlen von Westphalen gesorgt.

Gerade in Zeiten revolutionärer Unruhen muß ein Innenminister nicht nur in Preußen mit den Methoden zur Herstellung der inneren Sicherheit vertraut sein, wozu eben das gesamte Agentenwesen zählt, vom billigen Spitzel der örtlichen Polizei bis zum hochrangigen und hochbezahlten Regierungsagenten in den führenden Kreisen der jeweiligen Gegner.

Um überhaupt Innenminister zu werden, sollte einer das dafür nötige Talent zur Aufstellung des erwünschten Spitzelsystems und Agentennetzes schon über Jahre nachgewiesen haben. Der Leser ahnt jetzt sicher, wie sich gerade Ferdinand von Westphalen für dieses höchstwichtige Regierungsamt qualifizieren konnte.

Der US-amerikanische Historiker Hajo Holborn, im Jahr 1967der erste nicht in den USA geborene Präsident der American Historical Association , schreibt in seinem Buch „A history of Modern Germany“ über den von ihm allerdings fälschlich als „Count Ferdinand“ titulierten Innenminister:

(Es gab auch eine Familie der Grafen von Westphalen, die mit unseren Edlen von Westphalen in keiner Weise verwandt waren, deren Vertreter Clemens August Reichsgraf von Westphalen zu Fürstenberg als Angehöriger des Hochadels eine Stimme beim Westfälischen Provinziallandtag hatte und während der Kölner Wirren Partei für den von der preußischen Regierung inhaftierten Kölner Erzbischof nahm – vielleicht der Grund, dass der Name „von Westphalen“ eher mit der bekannten preußenfeindlichen Grafenfamilie in Zusammenhang gebracht wurde und kein Misstrauen erweckte.)

"Police State Methods

Naturally this system produced not only supervision of the thinking of the people but also the inevitable reaction, faked conformity. In public life the situation was equally bad due to the politics of Count Ferdinand von Westphalen (1799-1876), who held the key position of minister of interior in the Manteuffel cabinet. Strangely enough, although he was the brother-in-law of Karl Marx, he was the chief confidant of the Kamarilla among the ministers. The organization of an intense spy apparatus shadowing both friends and foes was his work. Even Prince William, heir of the throne, came under surveillance after he had criticized Prussian policy during the Crimean war. The police did not hesitate to use forged documents in order to bring opponents of the government to trial, and political as well as press offenses were now withdrawn from jury trial. Even then, however, the Prussian judges stood up well to the methods of the police state. It is unnecessary to describe other corollaries of these methods, such as censorship and suppression of all forms of political association insofar as they went beyond strictly local activities."
Quelle: http://books.google.co.uk/books?id=Y...sult#PPA110,M1

Dieses Zeugnis über die Fähigkeiten des Ferdinand von Westphalen müssen wir in einem weiteren Punkt berichtigen: das „strangely enough“ kann sich nicht sinnvoll auf den „chief confidant of the Kamarilla among the ministers“ beziehen, denn gerade Karl Marx hatte ja ganz ähnliche Talente vorzuweisen. Ein Sinn ergibt sich erst mit dem nächsten Satz des Holborn, dass also „strangely enough“ die Organisation eines wirkungsvollen Spionageapparates sein Werk gewesen ist, von dem Freunde wie Feinde beschattet wurden, sogar der preußische Prinz Wilhelm.

Die uns überlieferten Maßnahmen dieses „intense spy apparatus“ gegen Schwager und Schwesterchen muten da eher ungeschickt und wenig wirkungsvoll an; eher als wären sie nur zur Schau gemacht, wir werden noch darauf kommen.
Einen Überblick über den Werdegang des Ferdinand erhalten wir in der per Internet verfügbaren Allgemeinen Deutschen Biographie ADB.

Im Jahr 1799 in Lübeck als ältester Sohn des Ludwig und seiner ersten Frau geboren, besucht er in Salzwedel das Gymnasium und absolviert danach ein Universitätstriennium von 1816-19 in Halle, Göttingen und Berlin. Ab 1819 als Auscultator beim Stadtgericht in Berlin wechselt er bald zur Verwaltung; von 1826-30 Landrat des Kreises Bitburg bei Trier, von 1830-38 Regierungsrat bei der Erfurter Regierung, 1838-43 als Oberregierungsrath und Dirigent der Abteilung des Inneren der Regierung zu Trier, 1843 Regierungsvizepräsident zu Liegnitz, 1843-49 Regierungsvizepräsident in Stettin und 1849 Regierungspräsident in Liegnitz.

Im Dezember 1850 dann Ernennung zum preußischen Minister des Inneren der Regierung Manteuffel. Der König Wilhelm IV. ist von ihm begeistert, weil er in dessen Sinn die Restauration durchzuführen beginnt.

„In der That hat unter allen Ministern der Reactionszeit keiner in dem Maaße im Geiste des Königs gehandelt als W. Als seine dringendste Aufgabe betrachtete er ganz im Sinne des Königs die Wiederherstellung der ständischen Monarchie.“
Quelle: http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adb/images/adb042/@ebt-link?target=idmatch(entityref,adb0420223)

Verheiratet war Ferdinand von Westphalen mit Louise Mathilde Chassot von Florencourt, deren Vater herzoglich-braunschweigischer Kammersekretär war und noch zwei Söhne hatte.

Ein Bruder der Luise war Franz Chassot von Florencourt und damit ein weiterer Schwager des späteren preußischen Innenministers, der heute noch für seine politischen Umtriebe als Burschenschaftler und später sogar als Katholik bekannt ist.

Franz Chassot von Florencourt (* 4. Juli 1803 in Braunschweig; † 9. September 1886 in Paderborn) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist.
Florencourt gründete in Braunschweig 1822 den später verbotenen Jünglingsbund. Mit dem Kanonisten Friedrich Bernhard Christian Maassen gründete er 1849 die Zeitschrift "Norddeutscher Korrespondent".
Von 1834 an wurde er wegen "Demagogie" sowie "schriftstellerischen Umtrieben" über Jahrzehnte hinweg angeklagt [1]. Als er 1873 den Krieg Preußens gegen Österreich (1866) "als 'Sünde' gegen Demokratie und Recht verurteilt" [2], führte diese Zeitungsnotiz zu verschiedenen Gerichtsprozessen gegen ihn.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Florencourt

Sozusagen „merkwürdigerweise“ entkam Franz Florencourt den Nachstellungen der preußischen Polizei wegen des Jünglingsbundes:

Der Jünglingsbund war eine aus den Burschenschaften auf Veranlassung von Karl Follen entstandene geheime Vereinigung.

Ursprünglich wurde der Bund in Braunschweig durch Franz von Florencourt gegründet. Nachdem die Mitglieder sich an verschiedenen Universitäten einschrieben, gewann der Bund eine größere Ausbreitung. Der Burschenschafter Sprewitz aus Jena begann Mitglieder zu werben. Es fanden sich etwa 120 Burschenschafter, darunter auch Arnold Ruge, die sich daran beteiligten. Ziel des Vereines war die Beseitigung der Regierungen und die deutsche Einheit. Nach Follens Absicht sollten der Jünglingsbund die Aktionen durchführen, die ein parallel entstehender "Männerbund" aus "führenden Demokraten" entwerfen sollte. Ein solcher Männerbund kam nie zustande.

Auf dem Nürnberger Bundestag am 12. Oktober 1822 wurde Robert Wesselhöft zum Vorsitzenden gewählt.
Im August 1823 wurde der Jünglingsbund an die preußische Polizei verraten, bevor es zu irgendeiner Aktion kam. Die Mitglieder wurden verhaftet und besonders in Preußen zu hohen Festungsstrafen verurteilt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCnglingsbund

Der Spitzelapparat der preußischen Polizei muß Köpfe und Namen umfasst haben, die uns heute noch ein Begriff sind. Da lauscht ja nicht das Dienstmädchen an der Tür, sondern wenn ein Dutzend Leute etwas Wichtiges planen, sind schon eine Handvoll Agenten von Polizei und Regierung darunter und haben den Auftrag, das nun zu fördern oder zu verhindern, je nach den Interessen ihrer Auftraggeber und der aktuellen Lage der Politik.

Franz von Florencourt wurde zwar über Jahrzehnte hinweg angeklagt, was ihm unter Dissidenten zu Glaubwürdigkeit verhalf, jedoch nie eingesperrt. Ohne das jetzt vertiefen zu wollen, würde ich einmal annehmen, dass auch dieser Schwager des Ferdinand von Westphalen als Regierungsagent gearbeitet hat.
Weil wir wissen, dass Regierungsagenten im Gegensatz zu gewöhnlichen Bürgern ziemlich umtriebig sind - was sie auch sein müssen, wenn sie als Agenten einen Wert haben sollen - reicht eigentlich schon ein Blick auf seine Biographie:

Florencourt spr. Florangkuhr), Franz Chassot v. F., geb. 1803 in Braunschweig, widmete sich Anfangs der Landwirthschaft, studirte später in Marburg die Rechte u. besuchte noch andere Universitäten, wo er sich an den burschenschaftlichen Verbindungen betheiligte. Er wurde nach dem Frankfurter Attentat, 3. April 1833, in Kiel zur Untersuchung gezogen, jedoch freigesprochen. Bei seinem Aufenthalt in Hamburg von 1837 bis 1839 redigirte er die Literarischen u. kritischen Blätter der Börsenhalle, begab sich 1840 nach Naumburg a. d. Saale, erwarb hier Grundbesitz u. trat in das dortige Stadtverordnetencollegium. Als Publicist vertrat er anfänglich die liberalen Ideen u. die Bestrebungen der Deutschkatholiken u. Lichtfreunde, ging aber später zu der entgegengesetzten Partei über. 1847 übernahm er die Redaction des in Grimma erscheinenden Sächsischen Verfassungsfreundes, im März 1848 die des Volksblattes für Stadt u. Land u. im Jahr 1849 die des in Rostock erscheinenden Norddeutschen Correspondenten. 1849 trat er in Schwerin zur Katholischen Kirche über, hielt sich 1850 in Frankfurt a. M. auf u. wirkte durch Wort u. Schrift für den reactivirten Bundestag, ging von hier nach Wien u. correspondirte für die in Köln erscheinende katholische Volkshalle u. übernahm die Redaction dieses Blattes später selbst, trat jedoch im April 1854 davon zurück. Go wurde 1855 Amtmann in Dringenberg im Kreise Warburg u. 1858 Procurator des Studienfonds in Paderborn.
Quelle: http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Florencourt

Der Übertritt zur katholischen Kirche ist seinerzeit von Marx und Engels süffisant kommentiert worden.

Die Eltern des Franz von Florencourt haben sich in ihrem Testament im Jahr 1832, in dem es um die Erbregelung im Fall ihres Todes ging, über ihren Sohn Franz bitter beklagt. Ihr Sohn Franz habe ihnen soviel Ursache zur Unzufriedenheit gegeben, dass er nur ein Pflichtteil des Erbes erhalte, wovon die Hälfte nicht ausgezahlt, sondern als Leibrente zum Schutz vor vollständiger Armut angelegt werden solle. Der zum Executor ihres letzten Willens ernannte Regierungsrath von Westphalen möge den Franz sogar unter Curatel setzen lassen, falls seine Verhältnisse oder sein Betragen es notwendig erscheinen ließen. (Georg Eckert, Jenny Marx und die Familie von Florencourt, Schriften aus dem Karl Marx Haus, Trier, Heft 9, Seite 121ff).

Sich selbst beschrieb Franz, der anscheinend in seiner Pubertät in schwere Konflikte mit Elternhaus und Schule geraten war, als tiefverschlossenes Kind, das sein „eben so gütiger und kluger Vater“ für „völlig gefühllos und liebeleer hielt“ (ebenda, S. 115/116). Ganz perfekt also für solche Zwecke.

Hellmann
21.08.2008, 08:22
Heinrich Marx (1777-1838), Advokat in Trier


Seine Frau Henriette, geb. Presburg, war über ihre Ururgroßeltern mit Heinrich Heine verwandt. Der Vater nannte sich Marx Levi und war Rabbiner in Trier, der Bruder von Heinrich war dessen Nachfolger Oberrabbiner Samuel Marx in Trier.

Nach dem juristischen Studium in Berlin und Koblenz nahm er 1814 seine Tätigkeit als Anwalt in Trier auf. 1816 oder 1817 ließ er sich von dem evangelischen Divisionsprediger Mühlenhoff taufen. Der König von Preußen hatte im Jahr 1815 die Juden von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen; allerdings sollte man daraus nicht folgern, dass Heinrich Marx der Religionswechsel nun schwer gefallen wäre und er deswegen gar zu einem Gegner preußischer Politik geworden wäre, wie es auch Mehring richtigstellt:

„Jude, Rheinländer, Rechtsgelehrter, so daß er gegen alle Liebreize des ostelbischen Junkertums dreifach hätte gepanzert sein müssen, war Heinrich Marx doch preußischer Patriot, nicht in dem faden Sinne, den dies Wort heute hat, sondern preußischer Patriot etwa von dem Schlage, wie ihn die älteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben: mit bürgerlicher Bildung gesättigt, in gutem Glauben an die altfritzige Aufklärung, ein »Ideologe«, wie sie Napoleon nicht ohne Grund haßte. Was dieser unter »dem tollen Ausdruck von Ideologie« verstand, schürte zumal den Haß des Vaters Marx gegen den Eroberer, der den rheinischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung und den rheinischen Landen den Code Napoléon geschenkt hatte, ihr eifersüchtig behütetes, aber von der altpreußischen Reaktion unablässig angefeindetes Kleinod.
Sein Glaube an den »Genius« der preußischen Monarchie ist auch nicht dadurch erschüttert worden, daß ihn die preußische Regierung gezwungen hätte, um seines Amtes willen seine Religion zu wechseln. Das ist wiederholt behauptet worden und auch von sonst unterrichteter Seite, anscheinend um zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, was weder einer Rechtfertigung noch auch nur einer Entschuldigung bedarf. Selbst |9| vom rein religiösen Standpunkt hatte ein Mann, der mit Locke und Leibniz und Lessing seinen »reinen Glauben an Gott« bekannte, nichts mehr in der Synagoge zu suchen und fand noch am ehesten einen Unterschlupf in der preußischen Landeskirche, in der damals ein duldsamer Rationalismus herrschte, eine sogenannte Vernunftreligion, die selbst auf das preußische Zensuredikt von 1819 abgefärbt hatte.

So ist manches lange Jahrzehnt hindurch der Übertritt zum Christentum für die freien Köpfe des Judentums ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Und nicht anders ist der Religionswechsel zu verstehen, den Heinrich Marx im Jahre 1824 mit seiner Familie vollzog. Möglich, daß auch äußere Umstände nicht die Tat selbst, aber den Zeitpunkt der Tat bestimmt haben. Die jüdische Güterschlächterei, die in der landwirtschaftlichen Krisis der zwanziger Jahre einen heftigen Aufschwung nahm, hatte einen ebenso heftigen Judenhaß auch in den Rheinlanden erregt, und diesen Haß mitzutragen hatte ein Mann von der unantastbaren Redlichkeit des alten Marx weder die Pflicht, noch auch nur - im Hinblick auf seine Kinder - das Recht.“
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_007.htm

Man will manchmal den Vater Heinrich Marx zu einem Opfer preußischer Repression und daher Preußenfeind stilisieren, um die revolutionäre Entwicklung seines Sohnes Karl als konsequente Fortsetzung erscheinen zu lassen.

Dazu sollten wir uns die evangelische Gemeinde in Trier vor Augen führen. Sie bestand aus den Offizieren der preußischen Garnison und den Spitzenkräften der preußischen Verwaltung in Trier, wie eben dem Ludwig von Westphalen und seiner Familie. Der Rest der Bevölkerung war überwiegend katholisch, einige jüdisch.

Einen auch nur heimlichen Gegner Preußens aus der Synagoge in die winzige und damit zugleich elitäre evangelische Gemeinde zu zwingen, in der sich sämtliche Persönlichkeiten befanden, die in Trier die preußischen Interessen vertraten, wäre sicher noch dem verbohrtesten Anhänger preußischer Staatsräson niemals in den Sinn gekommen.

Man hätte ihn in der Gemeinde wohl nicht gut aufgenommen, würden Zweifel an ihm bestanden haben. Aber nachdem die tonangebenden Vertreter der heutigen Forschung ja schon den Ludwig von Westphalen zu einem engagierten und profilierten Preußenkritiker umgedeutet haben, braucht uns dasselbe bei Heinrich Marx nicht mehr zu wundern, höchstens zu amüsieren.
Jedenfalls hätten also die beiden Männer wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der preußischen Politik auch noch enge Freundschaft miteinander geschlossen, will man das Publikum glauben machen.

Heinrich Marx brachte es in Trier zu gutbürgerlichem Wohlstand und war Vorstand der Advokatenschaft.

Hellmann
21.08.2008, 08:26
Karl Marx (1818-83), die Jugendjahre in Trier


Die Familien Marx und Westphalen standen in engem Kontakt und die Kinder waren Spielgefährten. Nach der Biografie von Raddatz sei der alte von Westphalen für den jungen Karl Marx zu einem „Über-Ich und Über-Vater“ geworden(S. 31):

„Der etwa 60jährige Ludwig von Westphalen nahm den ältesten Sohn seines Freundes Heinrich Marx auf lange Wanderungen mit, zitierte Homer oder Shakespeare, begeisterte den jungen Mann für die romantische Literatur und sprach über etwas bislang gänzlich Unbekanntes – den Sozialismus. Durch ihn hörte Karl Marx erstmals von den Lehren Saint-Simons. Ein ganz und gar sonderbares Gespann – des Nobelmanns Neigung richtete sich auf einen Ideal-Sohn, Lehrling; Marx` Bewunderung, ja Zuneigung galt einem jugendstarken Greis, einem männlichen Intellekt. Einem Herrn.“

Ehe wir jetzt an abwegige Neigungen eines Nobelmannes denken, sollten wir spätestens beim Stichwort Sozialismus davon ausgehen, dass wir es bei Ludwig von Westphalen sicher nicht mit einem Sozialisten zu tun haben, aber wohl mit einem Mann, der einem zukünftigen Agenten der Regierung die erforderliche politische Bildung vermitteln kann.

Dazu gehörten die Lehren des in den 1830/40er Jahren zu Einfluss gekommenen Saint-Simon; der „utopische Sozialismus“ – wie diese und alle ähnlichen dann bald unter dem Einfluss von Marx und Engels abwertend bezeichnet werden sollten.

Der Ludwig von Westphalen hat ihn scharf gemacht, den Hund.

Der ist ihm dann dafür ewig dankbar gewesen und hat noch als 23jähriger seine Doktorarbeit „seinem teuren väterlichen Freunde … als ein Zeichen kindlicher Liebe“ gewidmet und nicht etwa seinem Vater.

In der Literatur wird diskutiert, welchen politischen Einfluss auf den jungen Marx das Gymnasium in Trier gehabt haben könnte, welches er vom 12. Lebensjahr an besuchte und wo er mit 17 Jahren 1835 das Abitur bestand. Sein Mitschüler war Edgar von Westphalen, der 1819 geborene jüngste Sohn des Ludwig und Bruder der späteren Frau von Karl Marx, Jenny, die vier Jahre älter war.

Direktor der Schule war Johann Hugo Wyttenbach, der auch die Stadtbibliothek in Trier die ersten 50 Jahre leitete und der einst als junger Lehrer dem Johann Wolfgang von Goethe die antiken Bauwerke Triers zeigen und erklären konnte, als Goethe nach der Kanonade von Valmy vom fehlgeschlagenen Feldzug gegen die französische Revolutionsarmee aus Frankreich zurück kam.

Einige Lehrkräfte des Gymnasiums vertraten politische Ansichten, die zu ihrer heimlichen Überwachung führten. Ein in der Revolutionszeit abgefallener ehemals katholischer Geistlicher wirkte als Deutschlehrer von Marx und die Ideen der französischen Revolution waren unter den Lehrern noch lebendig. Nach dem „Casinozwischenfall“ des Jahres 1834 – die Marseillaise war gesungen worden – wurden beteiligte Lehrer von der Polizei verhört. Ein Oberlehrer für Naturkunde und Physik hat nach seiner Personalakte im Staatsarchiv Koblenz Bibelstellen spöttisch zitiert und die Schüler in ihrem Glauben verunsichert.

Laut einem Schreiben des Regierungspräsidenten in Trier 1833 (Heinz Monz, „Der unbekannte junge Marx“, Mainz 1973, Seite 17) wurde ein Lehrer Schwendler beobachtet, dessen Einfluss auf die Gymnasiasten höchst gefährlich sei. Er war der Französischlehrer von Marx. Wyttenbach und der Französischlehrer Simon werden als Gleichgesinnte genannt. Nach einem weiteren Brief des Regierungspräsidenten vom 11. Juli 1833 bestehe kein Zweifel, dass unter den Gymnasiasten „kein guter Geist herrsche und solcher durch mehrere Lehrer absichtlich unterhalten werde“ (ebenda, S. 18). Nach einem Entwurf des Oberpräsidenten in Koblenz 1834 an das Ministerium in Berlin übe der Lehrer Schwendler, ein Sekretär der Casinogesellschaft, einen schlechten Einfluss auf die Schüler aus; eine Ministerialkommission fordert vom Oberpräsidenten in Koblenz 1834 Abhilfe gegen diese „verderbliche Richtung“ mit Hinweis auf Schwendler und Simon.

Bei einem von der preußischen Regierung zum zweiten Direktor ernannten reaktionären Lehrer Dr. Loers habe Marx nach seinem Abitur keinen Abschiedsbesuch gemacht, was dessen Vater beklagte, weil der Dr. Loers dieses Verhalten sehr übel empfunden habe.

Das wird heute als Beleg für die kritische Gesinnung des jungen Marx genommen, der hier bereits Partei ergriffen habe.

Natürlich soll der junge Marx durch seine Lehrer politisch schon auf den revolutionären Kurs gebracht worden sein, wie ja auch von seinem Vater und dem Geheimen Regierungsrat Ludwig von Westphalen.

Wir wissen allerdings nicht, in welchem Verhältnis Marx zu diesem Dr. Loers stand und was sich da im Verborgenen der Überwachung dieses Gymnasiums abgespielt hat.

Auch mit wenig Phantasie darf man sich vorstellen, dass die Überwachung der Lehrer mit Hilfe von Schülern stattfand, dass bei Karl Marx wie bei Edgar von Westphalen zumindest ein Versuch gemacht wurde, Auskunft über den Unterricht der oben genannten überwachten Lehrer zu bekommen. Ob er es getan hat, gern getan hat - oder etwa sich verweigert hat, können wir nur spekulieren.

Der höchstbezahlte „Justizangestellte“ Ludwig von Westphalen konnte sich ja wohl kaum weigern, mit seinem Sohn Edgar an diesem leidigen Problem der preußischen Regierung mit dem Gymnasium in Trier mitzuwirken, um nicht die Karriere des Ferdinand zu gefährden, falls ihm das überhaupt ein moralisches oder sonstiges Problem gewesen sein sollte, wofür es keine Hinweise gibt, außer dass er nach außen immer selber einen sehr liberalen Eindruck vermitteln konnte, was natürlich die Grundlage erfolgreicher Arbeit ist.

In ihrer Reifeprüfung mussten die nur sieben evangelischen Schüler auch einen Religionsaufsatz über „die Vereinigung der Gläubigen mit Christo“ schreiben.

Der Religionslehrer dieser 7 Schüler war der 1817 zum „Konsistorialrat in der Königlichen Regierung zu Trier“ ernannte evangelische Regierungs- und Schulrat Johann Abraham Küpper, der im Wechsel mit dem Garnisonspfarrer auch die Gottesdienste der kleinen evangelischen Zivilgemeinde in Trier zu halten hatte. 1849 wurde Küpper evangelischer General-Superintendent der Rheinprovinz in Koblenz.

Ohne jetzt näher auf die Abituraufsätze der armen Schüler einzugehen, sei doch der Kern der Beurteilungen des Karl und des Edgar durch Küpper erwähnt (zitiert nach Manfred Henke in „Der unbekannte junge Marx“, S. 140,143).

Marx – „gedankenreiche, blühende, kraftvolle Darstellung, die Lob verdient, wenngleich das Wesen der fraglichen Vereinigung gar nicht angegeben…“
v. Westphalen – „nur theilweise befriedigend gelöst…, so ist doch der letzte Theil gelungen zu nennen, und die Arbeit im Ganzen lobenswerth“

Die Kritik der anderen Schüler durch diesen der Regierung in Trier und Koblenz eng verbundenen Mann war teilweise recht ruppig. Dagegen waren über die Jahre weder Karl noch Edgar anscheinend als angehende Materialisten oder gar Revolutionäre negativ aufgefallen.

Hellmann
21.08.2008, 08:37
Karl Marx als Student im Doktorclub


Es kann schon seit Mehrings Marxbiografie dem aufmerksamen und kundigen Leser nicht entgangen sein, welch merkwürdiges Studentenleben dieser Karl Marx da geführt haben musste.
Die Kunst des Schriftstellers Mehring besteht darin, den Leser einerseits mit allen eindeutigen Hinweisen zu versehen, andererseits aber mit den lächerlichsten Kommentaren die eigentlich völlig klar auf der Hand liegenden Schlüsse zu vermeiden.

Nach seinen Ausschweifungen als Student der Uni Bonn habe der Vater bestimmt, das Studium in Berlin fortzusetzen. Nanu? Was wollte der Vater mit dem Nichtsnutz in Berlin? Das ist doch eine ungewöhnliche Entscheidung, den in Bonn ein ausschweifendes Leben führenden Sohn noch weiter weg zu schicken, wo der Vater gar keine Kontrolle mehr haben konnte.

Aber gut, vielleicht wollte man ihn ja auch von seiner heimlichen Verlobten Jenny fernhalten, könnte man hier noch einwenden. Bonn lag nahe an Trier.

Natürlich war Marx in Berlin mit anderen Aufträgen als einem Studium voll ausgelastet und das dürfte auch der Grund für die Entsendung nach Berlin gewesen sein.

„Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört“, schreibt Mehring über den merkwürdigen Studenten, der es nach neueren Erkenntnissen zwar auf 23 Vorlesungen brachte (Rüdiger Thomas, „Der unbekannte junge Marx“, Mainz 1973, S. 164), in den drei letzten Semestern dann aber nur noch je eine Vorlesung: die letzte juristische im WS 37/38 Rudorff über Erbrecht, danach im SS 1838 Bruno Bauer über Jesaias und im folgenden WS Geppert über Euripides. Vielleicht hat Mehring nur die juristischen Vorlesungen gezählt.

Raddatz weiß in seinem „Karl Marx – Der Mensch und seine Lehre“ Hamburg 1975, S. 26 nur von den zwölf Vorlesungen und wundert sich über eine Erklärung Marxens, er habe die Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie und Geschichte betrieben. Marx hat jedoch schon in Bonn Welcker über die Mythologie der Griechen und Römer, v. Schlegel zu Fragen über Homer, d´Alton zur Neueren Kunstgeschichte und im SS 1836 v. Schlegel über Elegien des Properz belegt.

Seine Hauptbeschäftigung scheint zuerst die Liebes-Dichtkunst gewesen zu sein. Er sammelt sein Werk in Heften, weil es ihm nicht gestattet gewesen sein soll, Briefe mit seiner heimlichen Verlobten Jenny zu wechseln. Von sowas lässt sich unser Genie, dieses rasend verliebte Herz, wenn wir Mehring folgen wollen, hindern? Nach einem Jahr in Berlin habe er den ersten Brief von ihr erhalten, was Mehring dann zusammen mit dem außergewöhnlichen Fleiß des Studenten so kommentiert:

„…zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.“

Seine Leser haben bis heute die feine Ironie nur nicht verstanden und es wird Zeit, den Mehring dahingehend noch einmal zu lesen.

Aus einem Brief des Vaters können wir eine Vorstellung gewinnen, womit der Sohn zuallererst beschäftigt war: „Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben“, heißt es da etwas merkwürdig. Denn welcher Sohn verfügt schon über 700 Taler in einem Jahr seines Studiums, wenn das doch ganz eindeutig die finanziellen Verhältnisse seines Elternhauses übersteigt? Verfügt da nicht eher der Vater über eine bestimmte Summe, sagen wir einmal 70 Taler, mit der sich der Sohn zu begnügen hat?

Verständlich würde es freilich, wenn der Sohn über die 700 Taler als Spesen gegenüber seinen Auftraggebern verfügt haben konnte, die über den Vater für seine diesbezüglichen Auslagen aufkamen, solange die gewünschten Erfolge erreicht wurden, also die Kontakte in oppositionelle Kreise zustande kamen. Dann hat der Vater als Mittelsmann - außer zu Klagen und sein Unverständnis zu äußern - nichts zu melden und vielleicht gibt er mit seinen Klagen auch nur die Klagen des Ludwig von Westphalen weiter, bei dem er die Verfügungen des Sohnes vermutlich einlösen konnte, solange dessen Umtriebe in Berlin das Geld wert waren.

Natürlich bringt es Mehring fertig, auf ein und derselben Seite die hohen Auslagen des Studenten Marx abzuhandeln und sein erfolgreiches Auftreten im Berliner oppositionellen Doktorclub in keiner Weise damit zu verbinden.

„Karl Marx zählte kaum zwanzig Jahre, als er sich dem Doktorklub anschloss, aber wie so oft in seinem späteren Leben, wenn er in einen neuen Kreis eintrat, wurde er der belebende Mittelpunkt. Auch Bauer und Köppen, die ihm um etwa zehn Lebensjahre voraus waren, haben in ihm früh die geistig überlegene Kraft erkannt und sich keinen lieberen Kampfgefährten ersehnt als diesen Jüngling, der doch noch viel von ihnen lernen konnte und auch gelernt hat. »Seinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier« widmete Köppen die ungestüme Kampfschrift, die er im Jahre 1840 zum hundertsten Geburtstage des Königs Friedrich von Preußen veröffentlichte.“

Aber weil wir es doch gelernt haben, allem einfältigen Idealismus und Wunderglauben an so etwas wie eine „geistig überlegene Kraft“ zu entsagen und die Welt materialistisch zu erklären, wollen wir auch hier die Dinge vom Kopf auf die Füße stellen: die Mitglieder des Doktorclubs waren finanziell nicht sehr gut gestellt, besonders die besten Köpfe nicht, wie die Bauers oder der Lehrer Köppen.

Für den, der die Rechnungen noch zahlen konnte, wenn alle anderen schon längst abgebrannt waren, für den also war es nicht schwer, gleich im Mittelpunkt der Freunde zu stehen, nicht wegen der geistig überlegenen Kraft, sondern eben mit Wirkung der „700 Taler“, über die er für solche Zwecke verfügte und von seinen Auftraggebern versehen war; das Mehrfache eines jährlichen Gehalts eines Universitätsdozenten oder eines Lehrers.

„Helmut Kreuzer
Zum vormärzlichen Bohème-Kreis der ›Freien‹ um Bruno Bauer und Max Stirner, nebst Bemerkungen über Siegfried J. Schmidt und seinen Fiktionalitätsbegriff.
Abschnitt 3

Die »Freien« treffen sich zu Beginn der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts in einigen Lokalen im Zentrum Berlins. Gegen 1842 wird ihr Haupttreffpunkt die Hippelsche Weinstube (in der sich auch schon die Kreise um E.T.A. Hoffmann und Devrient bzw. um Grabbe und Heine getroffen hatten). Im Revolutionsjahr 1848 wird Hippel zum Sammelplatz weiterer oppositioneller Intellektuellenkreise…

Als ›Senior‹ der »Freien« galt Carl Friedrich Koeppen (Historiker, Gymnasiallehrer, Publizist und später auch Autor eines Buches über Buddha). In der wichtigsten Phase ihrer kurzen Geschichte war die dominierende Persönlichkeit der Junghegelianer Bruno Bauer, den das zuständige Ministerium seiner theologischen Dozentur in Bonn beraubte, nachdem er sich als Atheist verdächtig gemacht und die Evangelien der fiktionalen Weltliteratur zugeordnet hatte. Ca. 80 zeitweilige Mitglieder und Gäste sind noch namentlich bekannt. Unter ihnen sind Marx und Engels am Anfang der 40er Jahre (aber nicht zur gleichen Zeit) und Max Stirner (der Engels noch kennen lernte)…

Die übrigen Mitglieder waren zu einem großen Teil Journalisten und Publizisten; doch gab es unter ihnen auch einzelne Lehrer, Wissenschaftler, Offiziere, Maler, Buchhändler, Studenten und nicht zuletzt junge Schriftsteller (so z.B. Wilhelm Jordan, Rudolph Gottschall, Karl Beck, Theodor Mügge, David Kalisch, Julius Leopold Klein, Reinhold Solger, etc.). Die vormärzlichen Berliner Intellektuellenkreise sind nicht strikt voneinander getrennt, sondern vermischen und überlappen sich, so dass zu den »Freien« auch Mitglieder des sogenannten »Doktorclubs« (der aus der Biographie von Marx bekannt ist) gehören…

Ihr Kreis hatte keinen zweckrationalen Charakter. Seine Merkmale waren dagegen: unbedenkliche Inanspruchnahme von Kredit, Tendenz zur gemeinsamen Kasse am Wirtshaustisch; übermütig herausfordernde Einfälle (wie der mehrfach durchgeführte, »Unter den Linden« Geld zu sammeln mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Absicht, es bei Hippel anschließend auszugeben; ein anderes Beispiel ist die Trauung Stirners, bei der weder eine Bibel noch Ringe präsent waren, als der Pfarrer eintraf. Trauzeugen waren Bruno Bauer und der Publizist Ludwig Buhl. Das junge Paar wurde mit Messingringen von der Geldbörse Bruno Bauers getraut.“
Quelle: http://www.sjschmidt.net/konzepte/texte/kreuzer3.htm

Da wurde einer schnell zum Mittelpunkt der Tafelrunde, der noch über genug Geld verfügte, die Runden zu schmeißen und den klammen Freunden Kredite zu gewähren.

Bislang hat man sich nur blöde über die vermeintliche Verschwendungssucht des Studenten Marx gewundert, wir hier aber können erstmals mit unserer materialistischen Methode die für die preußische Regierung sinnvolle Anlage dieser erheblichen Beträge vermuten.

Auch in seinem späteren Leben konnte Karl Marx dank seiner finanziellen Mittel, die uns offiziell als Geldsammlungen von Freunden, Verlagsvorschüsse, Erbschaften und Darlehen von Verwandten deklariert wurden, wie Mehring schreibt „der belebende Mittelpunkt“ werden, denn bedürftig nach Geld waren die oft genug aus ihrem Beruf geworfenen oder gar nicht erst eingestellten und ihrer sonstigen Erwerbsmöglichkeiten beraubten Oppositionellen immer.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Schicksal des Max Stirner, der sogar als Übersetzer des Adam Smith und des Jean Baptiste Say nicht genug Geld machen konnte, um in seinem letzten Lebensjahrzehnt der zweimaligen Schuldhaft zu entgehen, während unser Marx sogar für nie entstandene Bücher horrende Vorschusszahlungen eingestrichen haben soll, die die Verleger später vergeblich zurückgefordert hätten.

„Seine wirtschaftstheoretischen Erfahrungen sammelte er als Übersetzer bedeutender Ökonomen wie Jean Baptiste Say und Adam Smith. Stirner übersetzte deren Werke: „Cours complet d’économie politique pratique“ und „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“. Diese Übersetzungen dienten ihm auch als ein weiterer Versuch des Geldverdienens, was aber nicht den erwarteten Erfolg brachte.
Seine Übersetzungen galten bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein als unübertroffen. Stirners Übersetzungen waren auch Basis für alle späteren Übersetzungen. Erst Horst Recktenwald (1974) und Monika Streissler (1999) übersetzten z.B. Smiths Hauptwerk unabhängig von Stirner. Von Stirners Say-Übersetzung wurde, abgesehen von einem 1852 nachgedruckten Auszug, keine Neuausgabe mehr veranstaltet. Der Verlag K. G. Saur gab ab 1990 in seiner „Bibliothek der deutschen Literatur“ eine Mikrofiche-Reproduktion der Erstausgabe von Stirners Say-Übersetzung heraus.“
Quelle: http://www.msges.de/dokumente/stirner-ausstellung.pdf

Hellmann
31.08.2008, 20:35
Als Bruno Bauer von Berlin nach Bonn versetzt worden war, zunächst mit einer Dozentenstelle und der Hoffnung auf eine Professur, sollte Karl Marx seinem Freund schnell folgen. Allerdings hatte er das Studium noch nicht beendet und da wird es wieder interessant.

Mehring schreibt:

„Als Bruno Bauer im Herbst 1839 auf Marx einsprach, dieser möge doch endlich das »lumpige Examen« abmachen, hatte er insofern einigen Grund zur Ungeduld, als Marx bereits acht Semester hinter sich hatte. Aber eine Examenangst im leidigen Sinne des Wortes hat er bei Marx gleichwohl nicht vorausgesetzt, sonst hätte er ihm nicht zugetraut, die Bonner Philosophieprofessoren gleich beim ersten Anlauf über den Haufen zu rennen.

Das »lumpige Examen« hatte aber auch sonst seine Haken, wenn nicht für Bauer, so doch für Marx. Er hatte sich schon bei Lebzeiten seines Vaters für die akademische Laufbahn entschieden, ohne daß jedoch die Wahl eines praktischen Berufs deshalb völlig im Hintergrunde verschwunden wäre.“

Nach einer längeren Abschweifung über fehlende berufliche Aussichten kommt Mehring auf den springenden Punkt:

„Unter solchen Aussichten hat Marx mit seinen junghegelianischen Anschauungen überhaupt darauf verzichtet, ein preußisches Examen zu machen.“
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_4

Unser Marx fürchtete wohl, sich im Examen endgültig zu blamieren, und hat deshalb auf ein Examen großzügig verzichtet.

Stattdessen hat er gleich einen Doktortitel erworben:

„Wenn es ihn aber nicht gelüstete, sich von den willigen Helfern eines Eichhorn hudeln zu lassen, so wich er deshalb nicht dem Kampfe aus. Im Gegenteil! Er entschloß sich, an einer kleinen Universität den Doktorhut zu erwerben, gleichzeitig seine Dissertation als einen Beweis seiner Fähigkeiten und seines Fleißes mit einem herausfordernd kühnen Vorwort zu veröffentlichen, dann aber sich in Bonn niederzulassen, um mit Bauer die geplante Zeitschrift herauszugeben. Auch die Universität war ihm dann nicht völlig verschlossen; nach ihren Statuten wenigstens brauchte er als Doctor promotus einer »ausländischen« Universität nur noch einige Formalitäten zu erfüllen, um als Privatdozent zugelassen zu werden.“

Promoviert hat er über ein Thema der Philosophie, nicht in Berlin, sondern an der Universität Jena und ohne dort überhaupt vorzusprechen. Seine Dissertation über die „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ hat er am 6. April 1841 eingereicht und er ist gleich am 15. April 1841 in Abwesenheit zum Doktor der Philosophie promoviert worden.

Es hatte wohl Eile, dass er dem Bruno Bauer nach Bonn folgt, und da wird so etwas mit den richtigen Beziehungen möglich, was uns dann wieder die Widmung der Doktorarbeit dem Ludwig von Westphalen erklären dürfte, denn die nicht berechnende Dankbarkeit eines wirklich kindlichen Gemütes wollen wir unserem Marx doch nicht unterstellen und selbst für kindlichen Dank fehlte ein Motiv, wenn Ludwig von Westphalen mit seiner Promotion weiter nichts zu tun gehabt hätte:

„Seinem teuren väterlichen Freunde…als ein Zeichen kindlicher Liebe.“
MEGA a.a.O. S. 6

Dabei war selbst das Begleitschreiben der Dissertation nicht ohne Mängel, was ein Gutachter im wohl absichtlich deutlichen Widerspruch zu seiner Empfehlung gleich vermerkt:

„Das Specimen zeugt von ebensoviel Geist und Scharfsinn als Belesenheit, weshalb ich den Kandidaten für vorzüglich würdig halte. Da derselbe nach seinem deutschen Schreiben nur die Doktorwürde zu erhalten wünscht, so ist es wohl nur ein Irrtum, entsprungen aus der Unbekanntschaft mit den Statuten der Fakultät, daß er in dem lateinischen Schreiben von der Magisterwürde spricht. Wahrscheinlich hat er geglaubt, beides gehöre zusammen.“
MEGA a.a.O. S. 254

Da wird also deutlich gesagt, dass man mit dem Herrn Marx jemanden promovieren soll und muß, der nicht nur keinen Magister erworben hat, also ohne Studienabschluss ist, sondern noch nicht einmal den Vorgang der Promotion verstanden hat.

Nach Raddatz (a.a.O. S. 40) „ist nur ein unvollständiges Exemplar der Dissertation, vermutlich eine Kopie, erhalten; da merkwürdigerweise auch keines im Universitätsarchiv Jena liegt, kann es sich aber auch um das eingereichte und zur Publikation rückverlangte Exemplar handeln.“ Eine Publikation durch Marx fand nicht statt, was ja eigentlich merkwürdig ist und gegen den Brauch. Hätten sich seinerzeit manche Leute gewundert, wenn die Dissertation publiziert worden wäre?

Ob Bruno Bauer nicht gestaunt hat, wie glatt und schnell und gegen alle Gepflogenheiten das mit Marxens Promotion in Jena abging? Vermutlich erlag Bauer der falschen Hoffnung, dass dieser wilde Hund Marx, der es schafft, ohne Studienabschluss und in Abwesenheit an einer fremden Uni einfach so in wenigen Tagen zum Doktor gemacht zu werden, auch ihm in seiner wankenden Zukunft eine Hilfe würde

Hellmann
31.08.2008, 20:40
Die Hegelei in Berlin


Philosophie und Theologie waren in Preußen eine hochpolitische Angelegenheit und die Berufungen auf Lehrstühle davon abhängig, ob sich die vertretenen Ansichten mit den Absichten von König und Regierung im Einklang befanden.

Der Ruhm des Georg Wilhelm Friedrich Hegel war das Werk der preußischen Regierung, deren politischen Zielen die von Schopenhauer so genannte „Hegelei“ entsprach, womit die akademischen Karrieren zukünftiger Dozenten und Professoren davon abhingen, diesen Hegel für den bedeutendsten Vertreter der Philosophie zu halten.

Der vor seiner Universitätskarriere zeitweise als Hauslehrer eines Frankfurter Weingroßhändlers seinen Unterhalt verdienende Hegel hatte als Professor in Jena 1806 den Einzug der „Weltseele zu Pferde“ (Napoleon – womit eigentlich die Hegelsche „Philosophie“ schon ausreichend gekennzeichnet wäre) miterlebt, musste aber 1807 als Zeitungsredakteur nach Bamberg wechseln und noch einige Jahre an seinem opportunistischen Geschwalle feilen.

Erst relativ spät erfolgte durch die Förderung des preußischen Kultusministers Altenstein die Berufung Hegels nach Berlin, wo er von 1818 bis zu seinem Tod 1831 als Regierungsphilosoph nicht nur eine wachsende Zahl von hoffnungsvollen Studenten, sondern sogar Regierungsbeamte und Kollegen, die sich mit dieser von der Regierung in Preußen geförderten und damit für Karrieren förderlichen Lehre vertraut machen wollten, in seinen Vorlesungen versammelte.

Die Philosophie Hegels ist nach der „Weltseele zu Pferde“ auch schön mit diesem Satz (Quelle wiki) charakterisiert:

„Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“ (PG 24)

Alle Hegelei ist hohles Geschwätz, das mit geschwollenen Begriffen tiefe Erkenntnisse vortäuscht, sich damit dem politischen Betrug andient und fast jedem politischen Zweck außer dem wirklichen Fortschritt der menschlichen Gesellschaft das geeignete Mittel wird:

„es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft“ (R 449 Z)

Womit dann auch der barbarischste Krieg seine hegelschen Vernunftgründe gewinnt:

"Zu den am heftigsten kritisierten Teilen in Hegels Werk gehören seine Reflexionen zum „äußeren Staatsrecht“. Hegel geht davon aus, dass es aus ontologischen Gründen notwendig mehrere Staaten geben müsse. Der Staat ist ein für sich seiender „Organismus“ und steht als solcher in einem Verhältnis zu anderen Staaten (R 490f.). Es ergibt sich so notwendig eine Vielheit von Staaten; ihr Verhältnis zueinander kann nach Hegel am besten durch den Begriff des Naturzustands gekennzeichnet werden. Es gibt keine die Staaten übergreifende machthabende und rechtsetzende Instanz. Sie stehen daher auch in keinem Rechtsverhältnis zueinander und können einander auch nicht Unrecht tun. Ihre Streitigkeiten können daher „nur durch Krieg entschieden werden“; die Kantische Idee einer vorausgehenden Schlichtung durch einen Staatenbund hält Hegel für absurd (R 500).

Hegel hält darüber hinaus den Krieg nicht für ein „absolutes Übel“, sondern erkennt darin ein „sittliches Moment“ (R 492). Er gibt den Regierungen den Ratschlag, von Zeit zu Zeit Kriege zu entfachen: Um die isolierten Gemeinwesen innerhalb des Staates nicht „festwerden, hier durch das Ganze auseinanderfallen und den Geist verfliegen zu lassen, hat die Regierung sie in ihrem Innern von Zeit zu Zeit durch die Kriege zu erschüttern, ihre sich zurechtgemachte Ordnung und Recht der Selbständigkeit dadurch zu verletzen und zu verwirren, den Individuen aber, die sich darin vertiefend vom Ganzen losreißen und dem unverletzbaren Fürsichsein und der Sicherheit der Person zustreben, in jener auferlegten Arbeit ihren Herrn, den Tod, zu fühlen zu geben“ ( PG 335)."
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Wilhelm_Friedrich_Hegel

Hellmann
31.08.2008, 20:54
Die Junghegelianer


Begründer und Namensgeber der Junghegelianer war der Theologe David Friedrich Strauß, der im Jahr 1835 mit seiner Schrift „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ großes Aufsehen erregte. Strauß bezeichnete die Anhänger seiner Thesen zum Leben Jesu als Junghegelianer, die Gegner seiner Schrift als Althegelianer, später hieß es dann auch Linkshegelianer und Rechtshegelianer, wobei die Linkshegelianer im Verlauf der Radikalisierung der Positionen sich zuletzt dem Atheismus und Materialismus verschrieben.

Strauß hatte in seinem „Leben Jesu“ geschickt mit der Methode Hegels die Faktizität der Berichte des Neuen und Alten Testaments „aufgehoben“, also diese zugleich mit ihrer historischen Leugnung zu „ewigen Wahrheiten des Glaubens“ geadelt, was unter Hegelianern nicht so leicht anzugreifen war. Er hatte ganz hegelianisch eine historische Person Jesus von der „Menschheitsidee des Christus“ getrennt, womit dann die Berichte in den Evangelien von historischen Ereignissen zu „ewigen Wahrheiten“ aufsteigen und historisch nicht mehr belegt und von den Gläubigen nicht mehr wörtlich angenommen werden müssen.

Die Debatte über diesen hegelianischen Kunstgriff auf dem sensiblen Gebiet der historischen Wahrheit der Heiligen Schriften führte seinerzeit zu einer umfangreichen Flut von Artikeln und Büchern.

Zunächst vom preußischen Kultusminister Altenstein geduldet, dem diese Schwächung der theologischen Positionen wohl bei seiner Absicht half, die Kirche aus den Schulen herauszuhalten, wurden die Junghegelianer nach dessen Tod 1840 aus den Universitäten und Beamtenstellen gedrängt.

Strauß selbst verlor schon 1835 seine Repetentenstelle am Tübinger Stift und wurde nach Ludwigsburg versetzt, wo er bald aus dem Dienst ausschied. Seine Berufung 1839 als Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte an die Universität Zürich führte zu derartigem Widerstand, dass er sofort mit 1000 Franken Pension abgefunden wurde und die Regierung in Zürich darüber stürzte.

Die Junghegelianer zählten viele bis heute bekannte Personen zu ihrem Kreis und Umkreis, wie etwa die Brüder Bauer, Ruge, Herwegh, Hess, Köppen, Bakunin, Stirner, Marx, Engels und den später auf den Spuren von Strauß folgenden Feuerbach. Publiziert wurde in den von Arnold Ruge 1838 gegründeten Hallischen Jahrbüchern.

Einigen gerade genannten Personen werden wir immer wieder regelmäßig an politischen Brennpunkten begegnen; es ist jedoch hier nicht möglich, der Frage nachzugehen, wer außer Marx und seit wann und warum noch als Regierungsagent für welche Regierung tätig war oder etwa wie der Bruder Edgar des Bruno Bauer mit seinen „Konfidentenberichten“ aus London für die dänische Polizei erst weit später dazu kommen sollte (zur Ehrenrettung des Edgar sei darauf hingewiesen, dass Dänemark mit Preußen verfeindet gewesen ist und die Brüder Bauer unter den Maßnahmen der preußischen Regierung viel zu erleiden hatten, speziell Edgar mehrere Jahre Haft).

Der Vater des Ludwig Feuerbach hatte in Bayern 1806 die Folter abgeschafft und 1813 ein modernes Strafgesetzbuch eingeführt. Der zuerst Theologie und dann Philosophie studierende Ludwig konnte 1828 promovieren und habilitieren.
1830 erschien sein sofort verbotenes, religionskritisches Erstlingswerk „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ , in dem er den Glauben an die Unsterblichkeit als lebensfeindlich verwarf; er hatte es zwar anonym publiziert, wurde aber von der Polizei ermittelt und damit endete seine Hoffnung auf einen Ruf auf einen Lehrstuhl. Mit seiner Frau lebte er dann bei Ansbach auf dem Land von einer kleinen Porzellanmanufaktur, an der seine Frau beteiligt war. 1837 wurde Feuerbach von Arnold Ruge zur Mitarbeit an den Hallischen Jahrbüchern eingeladen.

Berühmt wurde Feuerbach mit seinem 1841 bei seinem Leipziger Verleger Otto Wigand erschienenen Buch über „Das Wesen des Christentums“, was ihm zahlreiche Angebote zur Mitarbeit an oppositionellen Zeitungen und Projekten brachte, die er klugerweise nicht angenommen hat. Marx und Engels wollten ihn auch in ihre Kreise ziehen und hatten schon die Federn gespitzt, den Feuerbach gleich den Bauers und vielen anderen in ihren nächsten Publikationen zu demontieren.

In seinem „Wesen des Christentums“ erklärte Feuerbach die religiösen Vorstellungen als Projektion menschlicher Verhältnisse und Interessen:

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Nuremberg_L.A.Feuerbach_Sarcophagus_f_ne.jpg

Die Hegelei ist in seinem Werk noch unverkennbar, obwohl Feuerbach sich von Hegel später abgewandt hatte:

„In dem entwickelten Widerspruch zwischen Glaube und Liebe haben wir den praktischen, handgreiflichen Nötigungsgrund, über das Christentum, über das eigentümliche Wesen der Religion überhaupt uns zu erheben. Wir haben bewiesen, daß der Inhalt und Gegenstand der Religion ein durchaus menschlicher ist, bewiesen, daß das Geheimnis der Theologie die Anthropologie, des göttlichen Wesens das menschliche Wesen ist. Aber die Religion hat nicht das Bewußtsein von der Menschlichkeit ihres Inhalts; sie setzt sich vielmehr dem Menschlichen entgegen, oder wenigstens, sie gesteht nicht ein, daß ihr Inhalt menschlicher ist. Der notwendige Wendepunkt der Geschichte ist daher dieses offne Bekenntnis und Eingeständnis, daß das Bewußtsein Gottes nichts andres ist als das Bewußtsein der Gattung, daß der Mensch sich nur über die Schranken seiner Individualität oder Persönlichkeit erheben kann und soll, aber nicht über die Gesetze, die Wesensbestimmungen seiner Gattung, daß der Mensch kein andres Wesen als absolutes, als göttliches Wesen denken, ahnden, vorstellen, fühlen, glauben, wollen, lieben und verehren kann als das menschliche Wesen.“
Quelle: http://home.rhein-zeitung.de/~ahipler/kritik/feuerb28.htm

Hellmann
31.08.2008, 21:35
Bruno Bauer: das Schoßkind der preußischen Regierung wird ein Dissident


Bruno Bauer stammte aus einfachen Verhältnissen. Der Sohn eines Porzellanmalers sollte studieren und es zu etwas bringen.

„Der junge Mann tat sich zeitig hervor, — wie's in der Zeit lag, wurde er als Student — seit 1827 — ein rasender Hegelianer. Hegel und Marheineke hofften Großes von ihm; seine ersten Aufsätze in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik“ schafften ihm die Beachtung, bald das entschiedene Wohlwollen des Cultusministers von Altenstein zu. Als Theolog und Philosoph auf der Kanzel wie auf“ dem Katheder winkte ihm eine glänzende Zukunft. Er war ein kräftiger Redner und ein markiger Schriftsteller, durch mustergültige Diction allen sonstigen Hegelianern überlegen. Als Anhänger des absoluten Staates und der unionistischen Orthodoxie, die er beide — ganz nach der Hegel'schen Logik — als in Preußen allein berechtigt erklärte, war er der Mann, wie man ihn verlangte, ein Schoßkind der Regierung.“
Quelle: http://www.radikalkritik.de/nekrol.htm

Bauer wurde die Herausgabe einer Neuauflage von Hegels Religionsphilosophie übertragen, die gegenüber der ersten Auflage von Bruno Bauers Förderer Marheineke stark verändert wurde.

„Marheineke wurde 1811 an die Berliner Universität berufen und galt dort als Vertreter der spekulativen Theologie. Seine »Dogmatik« dokumentierte in beiden Auflagen (1819 und 1827) den Fortgang von Schelling zu Hegel. Er war der Ansicht, daß die von ihm vertretene Philosophie mit der Identität des christlichen Glaubens zu verbinden sei. Der Rektor der Universität in den Jahren 1817/18 und 1831/32 strebte Reformen innerhalb der Kirche an und forderte die Freiheit und Unabhängigkeit der akademischen Lehre. Seit 1819 predigte er an der Dreifaltigkeitskirche. Nach seinem Tod wurden in Berlin die Vorlesungen über christliche Dogmatik, Moral, Symbolik und Dogmengeschichte veröffentlicht.“
Quelle: http://www.gesetzlose-gesellschaft.de/m/marheineke.phtml

Im öffentlichen Streit um das „Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß wird Bruno Bauer mit seiner Publikation gegen Strauß im Jahr 1835 zum Hoffnungsträger der von Strauß später als Rechtshegelianer bezeichneten Kreise und der preußischen Regierung.

„Bruno Bauer hielt über dieses Werk von seinem orthodox-scholastischen Standpunkt aus in den „Jahrbüchern“ ein furchtbares Gericht, aber die öffentliche Meinung hebt Strauß auf den Schild, der, trotzdem er die Hegelsche Schule nach obenhin in Misskredit setzt, die Bewunderung der halben Welt auf sich zieht und seine Gegner, soweit er sie nicht zu ignorieren vorzieht, siegreich widerlegt. Auch die bedeutendsten Hegelianer Berlins, wie Gans, Vatke, Benary, Michelet, in der Stille selbst der Minister von Altenstein fallen Strauß zu.“

Der gerade 1834 habilitierte Bruno Bauer hatte damit sehr einflussreiche Förderer, sich andererseits mit seinem ersten Urteil in der Kontroverse um Strauß bei einigen geistig aufmüpfigen Zeitgenossen blamiert.

Bruno Bauer ertrug diese Blamage nicht, sondern änderte seine Meinung zu den Evangelien und suchte den David Friedrich Strauß jetzt noch radikaler zu übertrumpfen.

„Da wirft sich Bruno Bauer auf denselben Stoff, und, die Unhaltbarkeit der orthodoxen Überlieferung erkennend, sucht er in wuchtigen Werken Strauß zu überbieten. Nicht aus Mythen, sondern aus der freien schriftstellerischen Production der einzelnen Evangelisten, auf der des Marcus als des ältesten, dem die anderen mehr oder weniger folgen, läßt er die Evangelien entstehen. Seine Behauptungen, von eminentem Scharfsinn zeugend, erregten durch die unerhörte Dreistigkeit, mit der sie selbst dann vorgetragen wurden, wenn alle Beweise fehlten, und durch die gewaltsame Konstruktion des Stoffes, auf der sie beruhten, nicht nur ungeheures Aufsehen, sondern auch schwere Bedenken, ja selbst höchliche Entrüstung.“
Quelle: http://www.radikalkritik.de/nekrol.htm

Damit war die Karriere des Bruno Bauer eigentlich beendet, aber man konnte diesen kurz zuvor noch hofierten und sehr gefährlichen Kopf nicht einfach so gleich in Berlin auf die Straße werfen. Es würde sich also hinziehen, wie in vielen ähnlichen Fällen dieser Art: der Betreffende wartet auf seinen Lehrstuhl und wartet und wartet. Bruno Bauer wurde in dieser Zeit immer aktiver und produktiver und sammelte in Berlin junge Leute um sich und seine Ideen, man kennt das bei der Regierung, das machen sie noch alle, wenn sie in Ungnade gefallen sind und noch nicht richtig verstanden haben, dass es mit ihrer Karriere nichts mehr werden wird, wenn auch nicht alle so erfolgreich wie dieser Bruno Bauer.

Da Bauer über viele Kontakte aus der Zeit seiner berechtigten Hoffnungen auf eine glänzende Karriere verfügt und um so aktiver und politisch gefährlicher wird, je mehr er realisiert, dass er nichts mehr zu verlieren und zu erwarten hat, sollte die preußische Regierung auch und gerade in diesem Fall die üblichen Maßnahmen eingeleitet haben.

Letzteres heißt: eine zuverlässige Person wird in seiner Umgebung auftauchen und seine Freundschaft gewinnen und die schwere Zeit gemeinsam mit ihm durchstehen und – wie wir noch sehen werden - sich sogar bei der Versetzung des Bruno Bauer von der Universität in Berlin an die Uni Bonn an seine Fersen heften und an seinen letzten Vorlesungen an der Uni Bonn mit seinen letzten Anhängern und Freunden im Hörsaal sitzen, als ihm die Lehrerlaubnis schon entzogen ist und Bruno Bauer gegen die Weisung einige Stunden weiter macht.

„Vergebens suchte der Cultusminister von Altenstein den jungen Privatdocenten, dem er eine Professur zu verleihen im Begriff war, in den Schranken zu erhalten. Bald darauf starb Altenstein, sein Nachfolger Eichhorn war dem jungen Gelehrten gegenüber von ganz anderer Auffassung. … Trotzig bot dieser dem Ministerium, der ganzen Regierung, der gesamten Wissenschaft die Spitze. Er sammelte in Berlin einen großen Kreis von Anhängern, — Männlein und Weiblein — um sich, die bei Hippel in der Dorotheenstraße täglich oder wöchentlich ihre Sitzungen abhielten.“
Quelle: http://www.radikalkritik.de/nekrol.htm

Wir haben hier den „Doktorclub“ der „Linkshegelianer“ und als deren maßgebliche Figur den Bruno Bauer.
Jede Regierung wird auf jemanden wie Bruno Bauer in dieser Situation einen Agenten ansetzen, der zuerst dessen bester und intimster Freund wird und die Regierung auf dem Laufenden hält, später dann und über Jahre mit seinen Kontakten und Kenntnissen die Zielperson anzugreifen und von den noch übrigen Sympathisanten und Unterstützern zu isolieren hat.

Weil Regierungsagenten im Freundeskreis von namhaften und talentierten Oppositionellen immer auftauchen, muss dieser leidigen Angelegenheit die gehörige Aufmerksamkeit geschenkt werden; gerade weil das Problem allen Freigeistern und Revolutionären geläufig sein sollte, weil es sie nämlich nicht selten auch persönlich betrifft; nur wissen es viele halt nicht und laufen dann unbedacht in die Falle, wie seinerzeit Bruno Bauer dem Karl Marx.

Hellmann
02.09.2008, 20:20
Der tiefe Fall des Bruno Bauer und der Aufstieg seines Freundes Karl Marx


Mit seiner Schrift „Herr Dr. Hengstenberg. Kritische Briefe über den Gegensatz des Gesetzes und des Evangeliums.“(Berlin 1839), gerichtet gegen den damaligen Dekan der Theologischen Fakultät der Berliner Universität Ernst Wilhelm Hengstenberg, hatte sich Bruno Bauer weiteren Verdruss zugezogen. Eine Professur in Berlin wurde damit aussichtslos. In seiner bei Deterding im Netz zugänglichen Bauer-Biografie meint Prof. Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga dazu:

Im Herbst 1839 mußte Altenstein Bauer nach Bonn versetzen, um ihn in Sicherheit zu bringen. Vielleicht hat der Minister der noch Hegellosen dortigen Universität auch etwas vom Hegelschen Geist beibringen wollen. Die dortige theologische Fakultät war Schleiermacherianisch, vermittlungstheologisch. Sie begrüßte den neuen Privatdozenten mit lebhaftem Mißtrauen wie eine fremde Ente im Tümpel. Man wußte ja, daß Altenstein große Stücke auf ihn hielt. Bauer hatte von Marheineke schon erfahren, die Fakultät in Bonn wäre eine der störrigsten.
Quelle: http://www.radikalkritik.de/BiogrBBauer.pdf

Aber es ging wohl eher darum, Bruno Bauer endlich aus Berlin zu entfernen und von seinem dortigen Freundeskreis zu trennen, um seiner Karriere dann im fernen Bonn nach einer kurzen, letzten Zeit als Dozent den längst beschlossenen Schlussstrich anzufügen. Denn dass aus seiner Professur nichts mehr werden würde, war sicher schon den meisten klar, die mit den Gepflogenheiten der Zeit vertraut waren. Nur Bruno Bauers bester Freund Karl Marx soll nach dessen Biographen noch auf die Berufung von Bruno Bauer in Bonn vertraut haben und wollte dann sich selbst bei diesem an seinem Lehrstuhl habilitieren, wie man halt so die auffällige Anhänglichkeit des Karl Marx an diesen von seinem Schicksal schon gezeichneten Bruno Bauer heute den Kinderchen erklärt.

In Bonn lehrte auch der Schwager des späteren preußischen Kultusministers Eichhorn, der schon ganz grundsätzlich mit Hegel nichts anfangen konnte, was ja verständlich ist, aber ganz verhängnisvoll für die von Bauer auf Hegel gestützten theologischen Standpunkte.

Sack war aber wohl der schlimmste. Gelegentlich brach er „mit Elias-Eifer“ über Bauer her und sagte mit rotglühendem Gesicht: es sei ihm ein Bedürfnis seinen ganzen Abscheu von der gottlosen Hegelschen Philosophie auszusprechen.
Eysinga,a.a.O. S.331

Zunächst hielt sich Bruno Bauer zurück und hoffte wohl noch auf seine Habilitation in Bonn.

Man hatte in Bonn erwartet, Bauer würde draufgängerisch auftreten. Auf Augusti machte er aber sogleich den Eindruck von Einfachheit und Unbefangenheit. Nitzsch, der ihn sich auch ganz anders gedacht hatte als er jetzt herauskam, fragte, ob er auch predigen würde; auf seine verneinende Antwort zählte er ihm die Formalitäten auf, die zu seiner Habilitation zu erfüllen waren. Er sah seine Lage als im höchsten Grade prekär und versuchte die Schwierigkeiten durch Arbeiten zu vergessen. Am Markt, Nr 171, hatte er beim Kaufmann Eschbaum eine hübsche Wohnung mit einer weiten Aussicht gefunden. Sogleich am Morgen nach seinem Einzüge nahm er die Bearbeitung der Hegeischen Papiere, d.h. der geplanten zweiten Ausgabe der Religionsphilosophie, die Marheineke ihm anvertraut hatte, wieder auf.
Eysinga ebenda.

Bruno Bauer hatte immer noch Beziehungen in seine alten Kreise in Berlin und bekam nach Eysinga über seinen Bruder Edgar Ratschläge von Marheineke und auch weitere Unterstützung.

Durch Empfehlung Marheineke's wurden ihm vom Minister hundert Thaler bewilligt. „Jetzt“,schreibt er an seinen Freund Marx, „unterhält man sich in der Stadt nur noch darüber: wieviel ich vom Ministerium Gehalt bekäme, ob 600 Mark oder mehr? 600 Mark, ist die allgemeine Übereinkunft der Leute, müsse das Wenigste sein! Die Schafköpfe!“
Eysinga ebenda.

Wie sehr war ein Bruno Bauer auf einen freigiebigen „Freund Marx“ angewiesen, der als Student schon einmal siebenmal hundert Taler im Jahr aufzuwenden verstand.

Da werden schon in der Korrespondenz alle Regeln der Vorsicht missachtet, wie viel mehr noch im persönlichen Gespräch. Bauer war es sicher nicht klar, dass er als Dissident längst unter Beobachtung und unter Beeinflussung stand, noch weniger aber, was man in Berlin wieder mit scheinbar harmlosen, privaten Informationen zu seinem Schaden anrichten konnte.

Sein Bruder Edgar hatte zu der Zeit schon seinen Entschluss gefasst, von der Theologie zur Geschichte zu wechseln. Er war wie Marx noch in Berlin.

Als Abiturient des Berliner Friedrich Wilhelm Gymnasiums fängt er im Jahre 1838 das theologische Studium in Berlin an. Mit Stundengeben sorgte er für seine Lebensbedürfnisse. Das Kneipenleben seiner Kommilitonen war ihm unerschwinglich; so arbeitete er still für sich, besorgte nebenbei auch die Korrektur des Daub und Hegel. Die Theologie wurde ihm aber alsbald eine Enttäuschung. Bereits am 29. Dezember 1839 schreibt er an Bruno in Bonn über seine Erfahrungen mit Marheineke: „Für mich selber war es gut, daß ich einmal eine ächt theologische Vorlesung hörte. Es hat in mir den Entschluß zu wege gebracht, die Theologie aufzugeben und zur Geschichte überzugehen. Hier ist noch viel zu thun“
Eysinga, S. 333

Edgar Bauer bleibt die nächsten Jahre an der Seite seines Bruders und publiziert dabei vieles, was verboten wird und ihm sogar drei Jahre Festungshaft ab 1846 in Magdeburg einbringt, wo er sich mit geschichtlichen Arbeiten beschäftigen durfte.

Während der Untersuchung beim Polizeipräsidium … erklärt Edgar, dreiundhalb Jahr Theologie studiert, sich zum Examen aber bis dahin nicht gemeldet zu haben. Er habe sich nach seiner Exmatrikulation literarisch beschäftigt und seit Februar 1842 Abhandlungen geschrieben für Blätter, u.A. die deutschen Jahrbücher und die Rheinische Zeitung, und daneben selbständige Broschüren. Unter den letzteren nennt er seine im Oktober 1842 erschienene Schrift: Bruno Bauer und seine Gegner, die polizeilich verboten wurde, wie mit mancher seiner Veröffentlichungen der Fall gewesen. Er sei nicht verheiratet und besitze kein eigenes Vermögen.
Eysinga, S. 333

Bruno Bauer hat in Bonn noch seine Arbeit an der zweiten Auflage der von Marheineke herausgegebenen Hegelschen Religionsphilosophie beendet.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Vorlesungen über die Philosophie der Religion nebst einer Schrift über die Beweise vom Daseyn Gottes. Herausgegeben von D. Philipp Marheineke. 2 Theile. Zweite verbesserte Auflage. Berlin, Verlag von Duncker und Humblot, 1840 (11. und 12. Band der Werke).

Das Mitwirken von Bauer wurde im Vorwort von Marheineke gewürdigt:

Marheineke hatte die erste Ausgabe besorgt; die zweite, verbesserte, steht zwar auch auf seinen Namen; im Vorwort teilt er aber selbst mit, daß er wegen mancherlei Geschäfte nicht vermocht hatte diese Arbeit zu verrichten ohne die „rühmliche Theilnahme und Unterstützung eines jüngeren Freundes, des Herrn Lic. Bauer zu Bonn ..., auf dessen treffliche, durch eigene Werke längst bewährte Einsicht und Gelehrsamkeit, speculatives Talent und feinen Tact“er bei dieser Arbeit vorzüglich rechnen durfte.
Eysinga, S. 339

Zusätzlich die Vorlesungen:

Im Wintersemester 1839-40 liest er nur „per accidens“, d.h. wohl „gelegentlich“, hat aber sehr aufmerksame Zuhörer; über sein Verhältnis zu den Studenten kann er noch nicht urteilen, das Sommersemester muß entscheiden. In diesem Sommersemester liest er dann Erklärung des Jesaias (Sack hat dasselbe Thema), Erklärung der Komposition und Geschichtserzählung des Johannesschen Evangeliums, Mosaisches Recht und die Verfassung der Theokratie und das Leben Jesu. Im Wintersemester 1840 behandelt er Genesis, das Leben Jesu, Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu und Geschichte der neueren Dogmatik.
Eysinga, ebenda.

Hellmann
02.09.2008, 20:38
Warum ich ausgerechnet den Eysinga zu Bauer so ausführlich zitiere? Es soll eine Empfehlung sein, den auch ganz zu lesen, damit man eine Vorstellung erhält, dass es bei Bruno Bauer um Fragen der Theologie ging und es völlig unerfindlich ist, was einen Marx mit der Thematik und der Person des Bruno Bauer verbunden haben sollte, wenn er nicht im Auftrag der Regierung dafür engagiert wurde. Die Seiten 342-349 mit ihren theologischen Inhalten seien jedem empfohlen, der das Interesse des Karl Marx an Bruno Bauer noch für ehrlich und ernstgemeint erklären möchte.

Bruno Bauer veröffentlicht anonym:

Im September 1840 erscheint anonym Bauers Schrift: Die evangelische Landeskirche Preußens und die Wissenschaft; eine zweite Auflage folgte auf Namen im nächsten Jahre. Hier setzt er auseinander, daß die Kirche, indem sie durch die Union zwischen Lutheranern und Reformierten (seit 1817) wichtige Lehrdifferenzen für unerheblich erklärt hatte, das Recht verloren hat, der Kritik entgegenzutreten.
Eysinga, S.349

Aber eben genau für den zu erwartenden Ärger mit solchen Aktivitäten pflegt man im Freundeskreis der Betreffenden rechtzeitig einen königlich-preußischen Polizei- und Regierungsagenten zu platzieren und weil die Betreffenden langsam aber sicher von allen wirklichen Freunden verlassen und gemieden werden, wird der ausgesuchte Spitzel leicht zum besten Freund in den schwersten Tagen, der noch bis ganz zuletzt die Hoffnung nicht aufgibt und den letzten Rückhalt bietet, vermeintlich...

Stufenartig, aber in schnellem Tempo geht's von jetzt an weiter mit Bauers immer radikaler werdenden Evangelienkritik. In August 1840 ist er schon mit den Vorarbeiten zu einer Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker beschäftigt. Den 10. März des nächsten Jahres schreibt er an Edgar, das Manuskript des ersten Teiles sei an Wigand abgeschickt worden. Mitte Juli wird dieser dann erschienen sein; am Ende desselben Monats ist er mit dem zweiten Band fertig. Eine Insertion in den Deutschen Jahrbüchern weist aus, daß der Verleger die zwei Bände zusammen anzeigt als „soeben erschienen“. Der dritte Band wird dann erst Ende Oktober 1842 erscheinen.
Eysinga, S. 355

Die Arbeitsleistung des Bruno Bauer war enorm, aber sie brachte die Geduld der preußischen Regierung schnell zum absehbaren Ende.

Neben diesen gewaltigen schriftstellerischen Leistungen las der Privatdozent im Sommer 1841 noch Synoptische Erklärung der drei ersten Evangelien; Charakteristik und Geschichte der apokryphen Evangelien; Geschichte der Wissenschaft und kirchliche Theologie des Mittelalters. Im Winter desselben Jahres: Jesaia, die Leidensgeschichte Jesu nach den vier Evangelien. In April 1842 wird bekannt gegeben: „Lic. Bauer wird seine Vorlesungen später anzeigen“. So weit ist es nicht mehr gekommen.
Minister Altenstein hatte auf dem Sterbelager der Reaktion keinen Widerstand mehr leisten können.
Eysinga, S. 362

Der Minister Altenstein hatte zu den frühen Förderern des Bruno Bauer gehört und hätte ihm vielleicht noch irgendeinen anderen Posten als einen Lehrstuhl für die Theologie verschafft. Man muß so einen Mann ja nicht gleich in die Gosse stoßen, wie es dann geschehen ist. Aber ob Bruno Bauer darauf eingegangen wäre?

Nach dem Erscheinen seiner Landeskirche und seines Johannesbuchs hatte Bauers Lage in Bonn sich selbstverständlich ungeheuer verschlimmert. Das Ministerium machte ihm den Vorschlag, er solle sich zunächst privatim mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigen, wozu ihm eine Jahresunterstützung angewiesen werden sollte. Er ging hierauf aber nicht ein und um der Sache der akademischen Freiheit zu dienen begab er sich wieder nach Bonn. Beim Ministerium ließ er den Antrag machen, es möge die Bonner Fakultät zur Abgabe eines Gutachtens auffordern, ob seine Schriften wie seine Richtung etwas enthielten was ihn notwendig von einer näheren Verbindung mit der Fakultät ausschließen müße. Von dieser war für ihn nichts Gutes zu erwarten.
Eysinga, S. 363

Bei Mehring finden wir die Entscheidung so dargestellt:

Nach Altensteins Tode im Mai 1840 verwaltete der Ministerialdirektor Ladenberg einige Monate das Kultusministerium, und er besaß Pietät genug für das Andenken seines alten Vorgesetzten, um dessen Versprechen einzulösen und Bauers »Fixierung« in Bonn zu versuchen. Aber sobald Eichhorn zum Kultusminister ernannt worden war, lehnte die theologische Fakultät in Bonn die Ernennung Bauers zum Professor ab, angeblich, weil er ihre Einigkeit stören würde, tatsächlich mit jenem Heldenmut, den der deutsche Professor stets bewährt, wenn er der heimlichen Zustimmung seiner hohen Oberen sicher sein darf.

Bauer erhielt die Entscheidung, als er eben aus den Herbstferien, die er in Berlin verlebt hatte, nach Bonn zurückkehren wollte. Im Kreise seiner Freunde wurde nun überlegt, ob nicht schon ein unheilbarer Bruch zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Richtung bestehe, ob ein Anhänger dieser Richtung es noch mit seinem Gewissen vereinbaren könne, der theologischen Fakultät anzugehören. Aber Bauer selbst beharrte bei seiner optimistischen Auffassung des preußischen Staatswesens und lehnte auch den offiziösen Vorschlag ab, sich mit schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen, wobei er aus staatlichen Mitteln unterstützt werden sollte. Er kehrte voll Kampfeslust nach Bonn zurück, wo er gemeinsam mit Marx, der ihm bald nachfolgen sollte, die Krisis in ihren wichtigsten Momenten herbeizuführen hoffte.
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Man möchte dem Bruno Bauer hier nachträglich einen wirklichen klugen Freund wünschen, der ihn dazu gebracht hätte, auf diesen Vorschlag des Ministeriums einzugehen und in Zukunft vom Schreiben zu leben, was zwar ohne heimliche Förderer nicht geht, aber die hätte er wohl gefunden. Karl Marx war sicher nicht der Freund, von dem ein Bruno Bauer einen klugen Rat zu erwarten hatte. Trotzig schickt Bauer dem neuen Minister den ersten Band seiner Synoptikerkritik.

Wenige Wochen nach dem Erscheinen des ersten Bandes der Kritik der Synoptiker erhielt die Bonner Evangelisch-Theologische Fakultät von Eichhorn den Befehl, sich über dieses Buch, die sich darin kundgebenden Stellung des Verfassers zum Christentum und seine Qualifikation zum öffentlichen Lehrer für die evangelische Theologie zu äußern. Die Verfügung ist datiert den 20. August 1841.
Eysinga, S. 364

Bruno Bauer landet einen neuen anonymen Streich:

…haben wir noch eine Ende Oktober oder Anfang November 1841 erschienene Schrift zu erwähnen, nämlich Die Posaune des jüngsten Gerichtes über Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum378. In dieser anonymen Schrift suchte er, unter der Maske eines strenggläubigen Pietisten zu zeigen, daß Hegel konsequenterweise zum Atheismus führe. Der Titel des Buches ist vom Propheten Joel entlehnt: „Stoßt in die Posaune auf dem Zion und schlagt Lärm auf meinem heiligen Berge, es erzittern alle Bewohner des Landes. Denn es kommt der Tag Jahwes, ja er steht nahe bevor“. Mit feiner Ironie, mit gelungener priestlichen Salbung sucht er die Althegelianer zum Bekenntnis zu zwingen, entweder daß sie getäuscht worden seien, oder daß sie getäuscht hätten. Denn Hegel stimmt ja, wie er mit einer Unmenge von Zitaten nachweist, mit den Atheisten des 18. Jahrhunderts überein und Bruno Bauer erscheint als der unverfälschte Hegelianer. Hegels Lehre und Tendenz ist mit den Lehren und Tendenzen der Junghegelianer Eins und die von Althegelianischer Seite geäusserte Behauptung wesentlicher Differenz Nichts als Lug und Trug. Ganz in der Bibelsprache verfaßt regt es die christlichen Regierungen an, den Hegelianismus als religions- und staatsgefährlich auszurotten. Hegels Gegner haben bis jetzt dessen Atheismus nicht erkannt, während die neuesten Hegelianer sie irreführen durch die kecke Behauptung, daß ihr ungläubiges Prinzip von demjenigen des Meisters verschieden ist.
Eysinga, S, 374

Es gibt Spekulationen, dass Karl Marx an diesem Buch von Bauer mitgewirkt habe, die allerdings nicht sehr begründet scheinen. Marx scheint Zusagen zur Mitarbeit vor allem an dem geplanten zweiten Band gemacht zu haben.

Die Vermutung Rjazanovs, Marx sei bei der Verfassung dieses Buches beteiligt gewesen, kommt mir höchst unwahrscheinlich vor; obwohl bei der Erscheinung bereits G. Jung Gewährsmann dieser Ansicht gewesen ist. In der Vorrede zu der Fortsetzung der Posaune heißt es: „Wir dieß wir ist aber wörtlich zu verstehen - ... haben uns in die Arbeit getheilt, so daß jeder einen der beiden Abschnitte aus denen unser Werk besteht, ausarbeitete... Wir haben uns nicht genannt, damit das Werk desto reiner für sich spreche“. Es wird nicht klar, welche Abschnitte gemeint sind. Die Bemerkung gehört wohl zu dem ursprünglich umfangreicher geplanten Buch, woran Marx seine Mitarbeit versprochen, schließlich aber nicht verliehen hat. Bauer selbst schreibt an Ruge, daß die Fortsetzung der Posaune seine eigene Arbeit ist, aber in demselben Brief sagt er, daß Marx immer noch an der Posaune arbeitet. Damit ist der zweite Teil gemeint, der bei der Erscheinung einen anderen Titel bekommen hat, denn die Posaune selbst war damals nicht nur erschienen, sondern auch schon konfisziert. Bauer nimmt sich vor unter dem Titel des zweiten Teils die Buchstaben b.m. als Autorname drucken zu lassen, was offenbar Bauer-Marx bedeuten soll, aber auf dem erschienenen Buch fehlen diese Buchstaben. Am 26. Januar 1842 bittet Bauer Marx das Manuskript nach Wigand zu schicken; dieser ist dann schwer krank, hofft aber bald fertig zu sein. Am 5. März schreibt Marx an Ruge: „Bei der plötzlichen Wiedergeburt der sächsischen Zensur wird wohl von vornherein der Druck meiner „Abhandlung über christliche Kunst „, die als zweiter Teil der Posaune erscheinen sollte, ganz unmöglich sein. Wie wäre es, wenn sie in einer modifizierten Redaktion den Anekdotis inseriert würde „. Noch einmal kommt Marx auf diese Arbeit zurück, wenn er an Ruge am 9. Juli schreibt, daß er durch unangenehme Äusserlichkeiten von der Einsendung seiner Beiträge für die Anekdota verhindert worden ist, aber nichts mehr anrühren wird, bis er sie beendigt hat.

Die Arbeit von Marx scheint nie erschienen zu sein. Bauer war wirklich Manns genug die Posaune und ihre Fortsetzung selbständig zu produzieren und Marx wohl nicht so theologisch bibelfest wie er, daß er über eine so große Menge gewählter Bibelworte zu verfügen hatte. Hätte Marx auch nur das mindeste Autorenrecht auf diese Schriften gehabt, wie könnte es dann passieren, daß nach Aufhebung der Anonymität die Bücher ohne weiteres dem Bauer allein zugeschrieben wurden?
In der von Marx gelobten Verteidigungsschrift Bauers, wovon noch die Rede sein wird, spricht dieser wiederholt über die Posaune als über seine eigene Arbeit. Würde Marx damals und a fortiori später, als die Freundschaftsbande zwischen den beiden Großen sich gelockert hatten und Marx Bauer in seiner Spottschrift Die heilige Familie bekämpfte, nie den Vorwurf gemacht haben, Bauer hätte sich die Autorschaft der Posaune und derselben Fortsetzung wiederrechtlich zugeschrieben?
Eysinga, S. 376

Wenn er noch etwas weiter geschlossen hätte, wäre Eysinga unweigerlich dahinter gekommen, dass dieser Marx mit seinen mangelnden theologischen Kenntnissen und Interessen doch ein ganz auffälliger Fremdkörper im Umkreis des Bruno Bauer ist, dessen Talente höchstens dafür reichten, den anonymen Autor und seine Verleger und Mitstreiter zu verraten und ihnen Fallen zu stellen.

Mit dem Entzug der Lehrerlaubnis waren schließlich alle evangelischen theologischen Fakultäten als Gutachter befasst.

Das Interimministerium vor Eichhorn hatte Bauer zur Beförderung vorgeschlagen, um Altensteins Vermächtnis auszuführen. Eichhorn wünschte ihn nicht anzustellen, weil Bauers kritische Richtung Bedenken erregte. Die Fakultät bat um Aufschub bis zum Anfang des folgenden Semesters. Nachher verzögerte sich die Einsendung des erwünschten Gutachtens durch die Erscheinung des zweiten Bandes der Bauerschen Schrift, welchen die Fakultät glaubte mit berücksichtigen zu müssen. Inzwischen war die gleiche Aufforderung von Seiten des Ministers auch an die übrigen preußischen Evangelischtheologischen Fakultäten ergangen. Die Allgemeine Preußische Staatszeitung vom 7. April 1842 machte schließlich das Resultat dieser Enquete bekannt. Die dem Licentiaten Bauer verliehene licentia docendi war zurückgenommen, weil sein „Prinzip, Anschauungsweise und ganze Richtung mit dem Christenthume, mit dem Wesentlichen des christlichen Glaubens und dem Eigenthümlichen der christlichen Gesinnung im innersten Grunde einen entschiedenen Gegensatz bilde“.
Eysinga, S. 365

Marheineke hatte sich noch in seinem abweichenden Minderheitsvotum für Bruno Bauer eingesetzt:

Der Dekan der Fakultät, Marheineke war mit diesem Urteil nicht einverstanden und gab deshalb seine abweichende Meinung in einem Separatvotum bekannt. Nach, seiner Ansicht war die Anklage des Bauer ohne Zweifel von Nichttheologen ausgegangen und er freute sich darüber, daß die Regierung diese Angelegenheit auf den Boden der Wissenschaft versetzt hat. Mit Bauers kritischen Unternehmungen ist er nicht einig oder auch nur zufrieden, hofft aber es werde ihm an gediegener, gründlicher Widerlegung seiner zum Teil aus der Luft gegriffenen Hypothesen nicht fehlen; überdies mißfällt ihm der spöttische, höhnische Ton gegen berühmte Theologen, die Bauer angestimmt hat. Niemals hat er aber Ursache gefunden Bauers Sinn für die Wahrheit, seine Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit zu bezweifeln. Auch rechtgläubige Theologen wie Bengel, Knapp u.A. haben Kritik geübt, und Griesbach, Eichhorn, Lachmann und Schleiermacher haben sich in ihren kritischen Operationen durch dogmatische Rücksichten nicht aufhalten oder hemmen lassen. Die Behauptung, daß die erste Christengemeinde nicht ohne allen Anteil an der Entstehung ihrer Evangelien gewesen sei, enthält nach Marheineke nichts Unchristliches.
Eysinga, S. 366

Am 29. März 1842 wurde Bruno Bauer abgesetzt, las aber noch einige Stunden weiter.

Noch zur Zeit seiner Suspension liest er, weil ihm nichts Offizielles gemeldet ist, und hat ein ziemlich großes Auditorium, das gespannt seinem Vortrage zuhört. Als einmal einige Burschen zu murren wagten, ließ er sich nicht stören im ruhigen Fortgang der Entwicklung; schließlich erschüttert er Alle, daß sie wie gefangen dasitzen. Auch M. (das heißt wohl Marx) ist Zeuge; er hat mit Hess aus Köln hospitiert, wie Adolf (Rutenberg).
Eysinga, S. 380

Moses Hess und Adolf Rutenberg sind aus der Redaktion der Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe, die am 1. Januar 1842 in Köln erschienen ist und an der Karl Marx mit seinem ersten Artikel am 5. Mai mitgearbeitet hat und bald am 15. Oktober dieses Jahres 1842 die Redaktionsleitung bekam. Dies alles allerdings anonym und mit einem stattlichen Jahresgehalt von 600 Talern. Marx hat seine Artikel nicht mit seinem Namen gezeichnet und wurde auch als "eigentlicher Redakteur" im Impressum nicht genannt.

Nicht um Marx vor der Regierung zu verbergen, die für solche Geheimnisse einer Zeitungsredaktion allemal genug Polizeispitzel hatte: es würden sich wohl andere Leute so ihre Gedanken gemacht haben über die erstaunliche Karriere eines Mannes, dessen einzige intellektuelle Leistung bis dahin seine aufwändige Freundschaft mit dem gerade 1842 von der preußischen Regierung erledigten Bruno Bauer gewesen war.

Hier wird verständlich, was Fritz J. Raddatz in seinem "Karl Marx - Der Mensch und seine Lehre" (Rowohlt, 1987, Seite 47) zitiert:

Karl Heinzen, der später in die USA emigrierte, erinnert sich der gemeinsamen Zeit an der "Rheinischen Zeitung" weniger schonungsvoll. Er berichtet von den allabendlichen Kneiptouren mit seinem Chef, der zwar verblüffend scharfsinnig, aber auch extrem egoistisch, lügnerisch und intrigant gewesen sei, mehr noch als vom eigenen Ehrgeiz aufgefressen vom Neid auf fremde Leistungen...

Man habe abends oft noch beim Wein gesessen, der Chefredakteur und seine Kollegen, und wenn die Reihe der geleerten Flaschen beachtlich lang geworden war, habe Marx mit vor königlichem Vergnügen boshaft funkelnden Augen die Runde abgeschätzt. Jäh fuhr dann ein Finger auf einen der schockierten Freunde: "Dich werde ich vernichten."
Fritz J. Raddatz, Karl Marx, Seite 47

Es dürfte nicht nur Angeberei gewesen sein.

Hellmann
02.09.2008, 20:48
Bruno Bauer und andere durften in der Rheinischen Zeitung publizieren, bis Marx persönlich die Chefredaktion übernahm und Bruno Bauer in seiner Zeitung auf persönlicher Ebene angreifen ließ: Bruno Bauer war gleich 1842 wieder in Berlin und hatte dort einen sehr regen Freundeskreis um sich geschart. Diesem Freundeskreis wurden nun von Marx "Skandale in Bordellen und Prügeleien in Kneipen" zum Vorwurf gemacht. (Raddatz a.a.O. S. 44/45)

Noch 1842 kehrte Bauer nach Berlin zurück. »Hier spricht alles von der jüngeren Rotte«, schrieb er am 5. Juni an Marx, »von Atheismus, Aufhebung der Religion und anderer schöner Dinge, sey es pro, sey es mit den Bedenken des Philisters oder mit der klugen Bemerkung man solle langsamer, vorsichtiger vorschreiten.« Bauer schloß sich den in der Stadt verbliebenen Junghegelianern an, die als »die Freien« einen Klub bildeten, der sowohl durch seine Ansichten als auch durch das öffentliche Auftreten seiner Mitglieder ständig für Aufsehen sorgte. Manches Treiben in den Stammlokalen in der Poststraße (heute Münzstraße) und am Gendarmenmarkt, aber auch die eine oder andere anarchische Aktion erinnert an heutige Verhaltensweisen autonomer Gruppen.

Bauer und einige andere schrieben zu dieser Zeit noch Beiträge für die »Rheinische Zeitung«, deren Redaktion Karl Marx im Oktober 1842 übernommen hatte. Doch schon bald kam es zu Unstimmigkeiten. Marx veröffentlichte in der »Rheinischen Zeitung« einen Brief von Georg Herwegh (1817–1875), in dem dieser über die »Freien« schrieb: »Wenn ich die Gesellschaft der Freien, die einzeln meistens treffliche Leute sind, nicht besucht habe, so geschah es nicht, weil ich etwa eine andere Sache verfechte, sondern es geschah lediglich darum, weil ich diese Frivolität, diese Berlinerei in der Art ihres Auftretens, weil ich diese platte Nachäfferei der französischen Clubbs ...
hasse und lächerlich finde.« (MEGA III/1, Berlin 1975, S. 379) Auch Arnold Ruge hatte in einem Brief vom 4. Dezember 1842 an Marx einen solchen Eindruck vermittelt: »Trinken, Schreien, ja, ich sage es, selbst Prügeleien könnte man Leuten hingehen lassen, die das alles trieben abgesehen von einem ernsten Inhalt und ohne ihn zu besudeln. Ich werde Bauers Wesen nie in einem solchen Exzess suchen: aber diese Exzesse mit den Dogmen und Sprichwörtern der Philosophie und Freiheit auszufüllen oder vielmehr die Freiheit zu einer Dogmatik dieses Treibens zu machen – nun, das geht nicht und wer darauf besteht, es zu tun, ruiniert sich.«

Bauer verteidigte die »Freien« in einem letzten Brief an Marx vom 13. Dezember 1842 gegen den Vorwurf der Clique und stellte kategorisch fest: »Lieber Marx, das Recht Berlins ist so groß, die Berliner haben so wenig durch falsche Schritte die Uebereilungen Anderer hervorgerufen, daß ich über diese Sache gar nicht weiter sprechen mag, da ich zu viel Unangenehmes, woran hier Niemand schuldig ist, berühren müßte.« (ebenda, S. 386)

Quelle: http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt97/9704deua.htm

So endete die "Freundschaft" zwischen Marx und Bruno Bauer, indem Karl Marx die Rheinische Zeitung zu einer Waffe gegen die Freunde des Bruno Bauer in Berlin gemacht hat. Wie weit Ruge und Herwegh dabei gegen ihre Absicht benutzt wurden, sei dahingestellt. Gerade Ruge hat sich später darüber beschwert, dass Marx wieder einmal „die Bauern bekriegen“ wolle, statt sinnvolle politische Arbeit zu leisten.

Bruno Bauer verlor damit die bisherige Unterstützung aus dem Umfeld der Leser und Mitarbeiter dieser Rheinischen Zeitung und wurde gerade unter anderen Dissidenten mit Hilfe der Rheinischen Zeitung in Verruf gebracht.

Da hat Karl Marx die Rheinische Zeitung und weiß nichts Besseres zu tun, als Artikel gegen seinen ehemaligen Freund Bruno Bauer zu richten? Wegen Cliquenbildung und Exzessen? War das nicht eigentlich eine Spezialität des Karl Marx?
Es bliebe unerklärlich, wenn es nicht die eine Erklärung dafür gäbe.

An dieser Stelle möchte ich schon einmal den im April 1882 von Engels verfassten Nachruf auf Bruno Bauer zur Lektüre empfehlen.

Friedrich Engels - Bruno Bauer und das Urchristentum (http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_297.htm)

Auch im Vorgriff auf die folgenden Attacken der beiden Kumpane Marx und Engels gegen Bruno Bauer und seine Anhänger, die sich über Jahre fortsetzen sollten.

Zu Engels vielleicht hier noch aus einem Artikel vom Juni 1842:

Man braucht aber nicht eben bewandert im Hegel zu sein, um zu wissen, daß er einen weit höhern Standpunkt in Anspruch nimmt, den der Versöhnung des Subjekts mit den objektiven Gewalten, daß er einen ungeheuren Respekt vor der Objektivität hatte, die Wirklichkeit, das Bestehende weit höher stellte, als die subjektive Vernunft des einzelnen, und gerade von diesem verlangte, die objektive Wirklichkeit als vernünftig anzuerkennen. Hegel ist nicht der Prophet der subjektiven Autonomie, wie Herr Jung meint und wie sie als Willkür im jungen Deutschland zutage kommt, Hegels Prinzip ist auch Heteronomie, Unterwerfung des Subjekts unter die allgemeine Vernunft. Zuweilen sogar, z.B. in der Religionsphilosophie, unter die allgemeine Unvernunft. Das, was Hegel am meisten verachtete, war der Verstand, und was ist dieser andres, als die in ihrer Subjektivität und Vereinzelung fixierte Vernunft?

Quelle: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_433.htm

Jeder frage sich selbst, ob das die Gedanken eines Revolutionärs sein können, oder ob ein Hegelianer dieser Schule nicht die objektive Wirklichkeit, das Bestehende, den preußischen Staat als vernünftig anzuerkennen hat.

Engels war ein begnadeter Autor und stets klar und logisch und damit verständlich. Der konnte selbst den Hegel noch einem breiten Publikum darlegen.

Der Karl Marx dieser Zeit liest sich so:

Karl Marx: Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion (http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_003.htm)

Hellmann
05.09.2008, 20:54
Chefredakteur der Rheinischen Zeitung


Politisch wird die Rheinische Zeitung von Franz Mehring richtig zugeordnet:

Die »Rheinische Zeitung« erschien seit dem 1. Januar 1842 in Köln. In ihrem Ursprunge war sie kein Oppositions-, eher ein Regierungsblatt. Seit den Kölner Bischofswirren der dreißiger Jahre vertrat die »Kölnische Zeitung« mit achttausend Abonnenten die Ansprüche der ultramontanen Partei, die am Rhein übermächtig war und der Gendarmenpolitik der Regierung viel zu schaffen machte. Es geschah nicht aus heiliger Begeisterung für die katholische Sache, sondern aus geschäftlicher Rücksicht auf die Leser, die nun einmal von den Segnungen der Berliner Vorsehung nichts wissen wollten. Das Monopol der »Kölnischen Zeitung« war so stark, daß es ihrem Besitzer regelmäßig gelang, alle auftauchenden Konkurrenzblätter durch Ankauf zu beseitigen, auch wenn sie von Berlin her gefördert wurden. Dasselbe Schicksal drohte der »Rheinischen Allgemeinen Zeitung«, die im Dezember 1839 von den Zensurministern die damals notwendige Konzession erhalten hatte, eben um die Alleinherrschaft der Kölnischen Zeitung« zu brechen. Jedoch im letzten Augenblick tat sich eine Gesellschaft wohlhabender Bürger zusammen, um ein Kapital auf Aktien zur gründlichen Umgestaltung des Blattes aufzubringen. Die Regierung begünstigte das Vorhaben und ließ provisorisch für die nunmehrige »Rheinische Zeitung« die Konzession gelten, die sie ihrer Vorläuferin erteilt hatte.“

Mehring: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Sehen wir uns die Gründer und Geldgeber der Rheinischen Zeitung einmal näher an. Die folgenden Ausführungen des Franz Mehring zu diesem Thema lesen sich etwas kryptisch – was will er dem Leser nun genau damit sagen?

In der Tat war die Kölner Bourgeoisie weit davon entfernt, der preußischen Herrschaft, die in den Massen der rheinischen Bevölkerung immer noch als Fremdherrschaft betrachtet wurde, irgendwelche Unbequemlichkeiten zu bereiten. Da die Geschäfte gut gingen, hatte sie ihre französischen Sympathien aufgegeben, und nach Gründung des Zollvereins verlangte sie geradezu die preußische Vorherrschaft über Deutschland. Ihre politischen Ansprüche waren äußerst gemäßigt und standen hinter ihren wirtschaftlichen Forderungen zurück, die auf eine Erleichterung der am Rhein schon hoch entwickelten, kapitalistischen Produktionsweise abzielten: sparsame Verwaltung der Staatsfinanzen, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Ermäßigung der Gerichtssporteln und Postgebühren, eine gemeinsame Flagge und gemeinsame Konsuln für den Zollverein und was sonst auf solchen Wunschzetteln der Bourgeoisie zu stehen pflegt.

Die propreußische Minderheit der Kölner Bourgeoisie stand also hinter der Rheinischen Zeitung und wollte mit der und unterstützt von der preußischen Regierung ein Gegengewicht zur Kölnischen Zeitung schaffen.

Es zeigte sich nun aber, daß zwei ihrer jungen Leute, denen sie die Einrichtung der Redaktion überlassen hatte, der Referendar Georg Jung und der Assessor Dagobert Oppenheim, begeisterte Junghegelianer waren und namentlich unter dem Einfluß von Moses Heß standen, ebenfalls eines rheinischen Kaufmannssohnes, der sich neben der Hegelschen Philosophie bereits mit dem französischen Sozialismus vertraut gemacht hatte. Sie warben unter ihren Gesinnungsgenossen die Mitarbeiter des Blattes, und namentlich auch unter den Berliner Junghegelianern, von denen Rutenberg sogar die Redaktion des deutschen Artikels übernahm: auf Empfehlung von Marx, der damit keine besondere Ehre einlegen sollte.

Na komisch, zufällig sind die maßgeblichen Redakteure „Junghegelianer“, also eigentlich wohl Anhänger von David Friedrich Strauß und Bruno Bauer und Ruge, Herwegh, Feuerbach. Aber gerade die führenden Köpfe dieser Junghegelianer , von denen nicht nur Bruno Bauer und sein Bruder Edgar eine besoldete Anstellung als Journalist dringend gebraucht hätten tauchen dann im eigentlichen Redaktionsteam nicht auf, dürfen aber einige Beiträge liefern, gerade die Bauers aber nicht mehr lange.

Da sollen also preußenfreundliche, reiche Geschäftsleute in Köln versehentlich die Redaktion ihrer subventionierten Zeitung irgendwelchen „Junghegelianern“ überlassen haben?

Und dann soll ausgerechnet der engste Freund des Bruno Bauer, unser zukünftiger Kommunist Karl Marx, noch großen Einfluss auf die Zeitung gewinnen.

Nur der feste Glaube an das Menschheitsgenie Karl Marx kann einen bei der folgenden Darstellung nicht ins Grübeln bringen:

Marx selbst muß dem Unternehmen von früh an nahegestanden haben. Er wollte Ende März von Trier nach Köln übersiedeln, aber das Leben war ihm dort zu geräuschvoll; er schlug seine Stätte einstweilen in Bonn auf, von wo Bruno Bauer inzwischen verschwunden war; »es wäre auch schade, wenn niemand hier bliebe, an dem die Heiligen ein Ärgernis nehmen«. Von hier aus begann er seine Beiträge für die »Rheinische Zeitung« zu schreiben, durch die er bald alle anderen Mitarbeiter überflügeln sollte.

Von der fragwürdigen Qualität dieser Beiträge kann sich dank Internet heute jeder selber schnell eine Vorstellung verschaffen. Bitte sehr:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_028.htm

Da fragt man sich ja, wer das Gefasel überhaupt lesen sollte. Natürlich unter Pseudonym geschrieben. Vor wessen Augen sollte die Mitarbeit des Karl Marx an der Rheinischen Zeitung verborgen bleiben? Vor den Spitzeln der preußischen Regierung hätte das Pseudonym wenig geholfen, abgesehen davon, dass die ganze Redaktion vermutlich aus den Spitzeln der preußischen Regierung bestand.

Das ist nämlich die einzige vernünftige Erklärung dafür, dass da angeblich zufällig die ganze Redaktion von „Junghegelianern“ übernommen worden sei. Agenten haben wenig wert, wenn sie den ganzen Tag ihren Lebensunterhalt mit irgendeinem festen Job verdienen müssen. Umgekehrt ist der Journalistenberuf die ideale Anstellung für Regierungsagenten, die ja als Journalisten bevorzugt einfach und für alle, die nicht vom Fach sind, ganz unverdächtig Kontakte in politische und besonders regimefeindliche Kreise aufbauen und pflegen können.

Alles nur für die Zeitung, Recherchen für einen Artikel, versteht sich doch. Mehring hat das sicher auch gewusst: Zeitungsredaktionen sind der ganz unvermeidbare Ort für alle bezahlten Politakteure aller beteiligten Kräfte.

Vermutlich wird das berüchtigte Agentennetz des dafür berühmten österreichischen Außenministers Metternich im Rheinland in der Kölnischen Zeitung eine Filiale gehabt haben, wo auch sonst.

Bei der Rheinischen Zeitung haben wir dann die „Junghegelianer“ des preußischen Kultusministers Eichhorn, wie uns Mehring hier ganz ungerührt versichert; und gewiss waren das einfach die fähigsten Geistesarbeiter, die gerade zu finden waren.

Wenngleich die persönlichen Beziehungen Jungs und Oppenheims den ersten Anstoß dazu gegeben haben mögen, das Blatt zum Tummelplatz der Junghegelianer zu machen, so ist doch schwer anzunehmen, daß diese Wendung sich ohne Billigung oder gar wider Wissen der eigentlichen Aktionäre vollzogen haben sollte. Sie werden pfiffig genug gewesen sein, zu erkennen, daß sie fähigere Geistesarbeiter in dem damaligen Deutschland nicht finden konnten. Preußenfreundlich waren die Junghegelianer selbst bis zum Überschwange, und was der Kölner Bourgeoisie sonst an deren Treiben unverständlich oder verdächtig sein mochte, wird sie als unschädliche Schrullen betrachtet haben. Jedenfalls schritt sie nicht ein, als schon in den ersten Wochen aus Berlin Klagen über die »subversive Tendenz« des Blattes einliefen und sein Verbot für das Ende des ersten Quartals drohte. Namentlich durch die Berufung Rutenbergs war die Berliner Vorsehung erschreckt worden; er galt als fürchterlicher Revolutionär und stand unter strenger politischer Aufsicht; noch in den Märztagen von 1848 hat Friedrich Wilhelm IV. vor ihm als dem eigentlichen Anstifter der Revolution gezittert. Wenn der tötende Blitzstrahl einstweilen von dem Blatte abgelenkt wurde, so war es in erster Reihe dem Kultusminister geschuldet; bei aller reaktionären Gesinnung vertrat Eichhorn die Notwendigkeit, der ultramontanen Tendenz der »Kölnischen Zeitung« entgegenzuwirken; möge die Richtung der »Rheinischen Zeitung« »fast noch bedenklicher« sein, so spiele sie doch nur mit Ideen, die für keinen, der irgend festen Fuß im Leben habe, verlockend sein könnten.

Man sieht da bei der Lektüre fast den verschmitzten Blick und das Augenzwinkern des Franz Mehring vor sich, der sich bei seiner Marx-Biographie immer wieder ganz erstaunliche Freiheiten erlaubt hat, brauchte er doch bis heute kaum die Intelligenz der Leser zu fürchten: wer das richtig verstand, der wusste es eh schon.

Es war also der Kultusminister Eichhorn mit der Zeitung befasst, der dem Bruno Bauer das Lehrverbot ausgesprochen hatte, dessen „Freund“ Karl Marx nun mit dieser Zeitung seine nächste Aufgabe erhalten sollte.

Karl Marx wollte schon Ende März von Trier nach Köln übersiedeln, wie uns Mehring oben informiert, aber das wäre ja doch zu auffällig gewesen und hätte Verdacht hinsichtlich der von Mehring erwähnten „Berliner Vorsehung“ erweckt.
Also musste Marx seine ersten Artikelchen (er hatte vor der Rheinischen Zeitung außer zwei Gedichten in einer kurzlebigen Literaturgazette noch buchstäblich überhaupt nichts veröffentlicht, nicht einmal seine Dissertation, und konnte so nicht gleich zum Chefredakteur gemacht werden) noch von Bonn aus einreichen.

Wer will, kann sich hier noch einmal die Artikel durchlesen, mit denen sich Marx plötzlich zum Chefredakteur qualifiziert haben soll:

http://www.mlwerke.de/me/me_ak42.htm

Mehring muß die erstaunliche Karriere auch begründen:

…die praktische Art, womit er die Dinge angriff, wird die Aktionäre des Blattes gründlicher mit dem Junghegelianismus versöhnt haben als etwa die Beiträge Bruno Bauers oder Max Stirners. Sonst wäre es nicht zu begreifen, daß sie ihn wenige Monate, nachdem er seinen ersten Beitrag eingesandt hatte, im Oktober 1842 bereits an die Spitze des Blattes stellten.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Ja, fast wäre es wirklich nicht zu begreifen.

Der Marx-Biograph Raddatz hat die wichtigsten Informationen zu diesem Thema in einen kleinen Absatz hineingepresst:

Georg Jung war schon seit 1841 mit Marx recht eng befreundet, war – anfangs wohl ohne Marx´ Wissen – eines der führenden Mitglieder des „Kölner Kreises“, mit dem einflussreiche Persönlichkeiten wie Camphausen und Hansemann sowie eine Gruppe gebildeter Liberaler sympathisierten. Camphausen, einer der beiden Aufsichtsratsvorsitzenden der „Rheinischen Zeitung“, dann preußischer Ministerpräsident, hatte Marx auch im Frühjahr 1848 wissen lassen, er würde ihn gern als Mitarbeiter in Berlin sehen. Marx nannte das eine „Insinuation“.
Raddatz, a.a.O. S. 42/43

Diese “Insinuation” werden wir besser eine Entlarvung nennen.

Hellmann
05.09.2008, 21:10
Gottfried Ludolf Camphausen war von 1838 bis 1848 Präsident der Kölner Handelskammer, sein Bankhaus gehörte zu den vier größten Kölner Banken und er finanzierte Eisenbahnen und moderne Dampfschiffe, Bergbau und Großindustrie. Während der Märzrevolution wurde Camphausen am 29. März 1848 von Wilhelm IV. mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt, trat allerdings schon am 20. Juni 1848 wieder zurück. Karl Marx hat also mit dem Verzicht auf seine Mitwirkung an der Regierung Camphausen nicht viel verloren.

Der Bruder Otto von Camphausen wurde 1844 Regierungsrat in Trier, 1845 ins preußische Finanzministerium berufen und war 1869-78 preußischer Finanzminister.

Zurück zum Chefredakteur der Rheinischen Zeitung. Offiziell war der Titel nicht, dazu wieder Raddatz:

Die Zeitung, vom „Kölner Kreis“ finanziell aufs beste abgesichert – die „Rheinische Zeitungsgesellschaft KG“ verfügte über 30.000 Taler – nannte ihn in ihrem Funktionsplan „eigentlichen Redakteur“; Marx erhielt das ansehnliche Jahresgehalt von 600 Talern. Im Impressum des Blattes ist er nicht genannt.
Raddatz, a.a.O. S. 43

Vor der Regierung brauchte man ihn nicht zu verbergen, wie schon gesagt, aber andere Leute hätten sich wohl zu sehr gewundert.

Die Artikel von Marx zu den Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz sind sozusagen der Höhepunkt seiner journalistischen Arbeit für die Rheinische Zeitung; hier zum Nachlesen:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_109.htm

Wieder sind die Artikel mit „Von einem Rheinländer“ gezeichnet.

Der Höhepunkt seiner politischen Arbeit war allerdings der Bruch mit den Bauers und der mit Hilfe der Rheinischen Zeitung hochgezogene Streit unter den ehemaligen Mitgliedern des Berliner Doctorclubs.

Mit denen war gar kein Staat mehr zu machen, seitdem die gemilderte Zensurinstruktion den Doktorklub, durch den doch immer »ein geistiges Interesse ging«, in eine Gesellschaft der sogenannten Freien gewandelt hatte, in der sich so ziemlich alle vormärzlichen Literaten der preußischen Hauptstadt zusammenfanden, um die politischen und sozialen Revolutionäre in der Gestalt wild gewordener Philister zu spielen.
Mehring: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Anscheinend war Rutenberg für den Kampf gegen den Berliner Freundeskreis nicht recht gewillt gewesen und deshalb durch Marx ersetzt worden. Der ist sogleich besorgt wegen des Treibens und um den Ruf der guten Sache, wie uns Mehring versichern will:

Ihre Bettelaufzüge in den Straßen, ihre Skandalszenen in Bordellen und Kneipen, ihr abgeschmacktes Hänseln eines wehrlosen Geistlichen, dem Bruno Bauer bei Stirners Trauung die messingenen Ringe seiner gehäkelten Geldbörse mit dem Bemerken überreichte, als Trauringe seien sie gut genug - alles das machte die Freien zum Gegenstande halb der Bewunderung und halb des Grauens für alle zahmen Philister, stellte aber unheilbar die Sache bloß, die sie angeblich vertraten.

Natürlich wirkte dies gassenjungenhafte Treiben auch verheerend auf die geistige Produktion der Freien, und Marx hatte mit ihren Beiträgen für die »Rheinische Zeitung« seine liebe Not. Viele davon verfielen dem Rotstifte des Zensors, aber - so schrieb Marx an Ruge - »ebensoviel wie der Zensor erlaubte ich mir selbst zu annullieren, indem Meyen und Konsorten weltumwälzungsschwangre und gedankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herrn nie studiert haben) versetzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs gänzlichem Mangel an Kritik, Selbständigkeit und Fähigkeit sich gewöhnt hatten, die ›Rh[einische] Z[eitung]‹ als ihr willenloses Organ zu betrachten, ich aber nicht weiter dies Wasserabschlagen in alter Weise gestatten zu dürfen glaubte«. Dies war der erste Grund zur »Verfinsterung des Berliner Himmels«, wie Marx sagte.

Schon im November 1842 bietet sich die Gelegenheit, die Rheinische Zeitung gegen die ehemaligen Freunde in Berlin in Stellung zu bringen. Herwegh war 1842 nach Deutschland gekommen, um Mitarbeiter und Förderer für seine geplante Zeitung zu bekommen, hatte in Berlin sogar eine Audienz bei Wilhelm IV. erhalten, der nach der Audienz Herweghs Zeitschrift noch vor ihrem Erscheinen verbieten ließ.

Nach einem offenen Brief Herweghs über die politischen Verhältnisse wurde Herwegh im Dezember aus Preußen ausgewiesen. Bei seinem Aufenthalt in Berlin hatte sich Herwegh noch im November mit einem jungen Mädchen aus vermögendem Hause verlobt, die ihm bald nachreisen und seine Frau werden sollte.

Zum Bruche kam es, als im November 1842 Herwegh und Ruge einen Besuch in Berlin machten. Herwegh befand sich damals auf seiner berühmten Triumphfahrt durch Deutschland, auf der er auch mit Marx in Köln schnelle Freundschaft geschlossen hatte; in Dresden war er mit Ruge zusammengetroffen und mit ihm zusammen nach Berlin gereist. Hier vermochten sie begreiflicherweise dem Unfug der Freien keinen Geschmack abzugewinnen; Ruge kam hart mit seinem Mitarbeiter Bruno Bauer aneinander, weil ihm dieser »die lächerlichsten Dinge auf die Nase binden« wollte, so die Behauptung, daß Staat, Eigentum und Familie im Begriff aufgelöst werden müßten, ohne daß man sich um die positive Seite der Sache weiter zu bekümmern habe. Ebenso geringes Wohlgefallen fand Herwegh an den Freien, die sich für diese Mißachtung dafür rächten, daß sie die bekannte Audienz des Dichters beim König und seine Verlobung mit einem reichen Mädchen in ihrer Weise durchhechelten.

Die streitenden Teile wandten sich beide an die »Rheinische Zeitung«. Herwegh, im Einverständnis mit Ruge, bat um die Aufnahme einer Notiz, worin den Freien zwar zugestanden war, daß sie einzeln meistens treffliche Leute seien, aber hinzugefügt wurde, daß sie, wie Herwegh und Ruge ihnen offen erklärt hätten, durch ihre politische Romantik, Geniesucht und Renommage die Sache und die Partei der Freiheit kompromittierten. Marx veröffentlichte diese Notiz wurde nun aber mit groben Briefen von Meyen überfallen, der sich zum Sprachrohr der Freien machte.
Mehring, ebenda.

Nun hatte man mit diesem durch die Publikationen aufgebauschten Streit die Bauers und ihre Berliner Anhänger von Herwegh und Ruge getrennt, was deshalb besonders wichtig wurde, weil sowohl Ruge als auch bald Herwegh mit seiner vermögenden Frau in der Lage waren, oppositionelle Kreise und Zeitungsprojekte zu finanzieren.

Das Ende der „Junghegelianer“ in Preußen war daher abzusehen, die Hallischen Jahrbücher und später die Deutschen Jahrbücher des Arnold Ruge waren ihr Publikationsorgan gewesen.

Die Rheinische Zeitung hatte wohl weiter keine Aufgabe gefunden, außer unter Marx diesen Streit noch etwas zuzuspitzen.

Einen vernünftigen Grund für das Verbot der Rheinischen Zeitung hat man anscheinend nicht gehabt. Mehring schildert das Verbot der Zeitung:

Um die Jahreswende hatte eine Reihe von Vorkommnissen den Zorn des Königs gereizt: ein sentimental-trotziger Brief, den Herwegh aus Königsberg an ihn gerichtet und den die »Leipziger Allgemeine Zeitung« ohne Wissen und wider Willen des Verfassers veröffentlicht hatte, die Freisprechung Johann Jacobys von der Anklage des Hochverrats und der Majestätsbeleidigung durch den obersten Gerichtshof, endlich auch das Neujahrsbekenntnis der »Deutschen Jahrbücher« »zur Demokratie mit ihren praktischen Problemen«. Sie wurden daraufhin sofort verboten, und so auch - für Preußen - die »Leipziger Allgemeine Zeitung«; nun sollte in einem Aufwaschen auch die Hurenschwester vom Rhein« daran, zumal da sie die Unterdrückung der beiden Blätter scharf gegeißelt hatte.

Zur formellen Handhabe des Verbots diente der angebliche Mangel einer Konzession - »als wenn in Preußen, wo kein Hund leben darf ohne seine Polizeimarke, die ›Rh[einische Zeitung]‹ auch nur einen Tag ohne die offiziellen Lebensbedingungen hätte erscheinen können«, wie Marx meinte - und als »sachlicher Grund« wurde der alt- wie neupreußische Schwatz von der ruchlosen Tendenz angegeben - »der alte Larifari von schlechter Gesinnung, hohler Theorie, Dideldumdey usw.«, wie Marx spottete. Aus Rücksicht auf die Aktionäre wurde das Erscheinen der Zeitung bis zum Ablauf des Vierteljahrs gestattet. »Während dieser Galgenfrist hat sie Doppelzensur. Unser Zensor, ein ehrenwerter Mann, ist unter die Zensur des hiesigen Regierungspräsidenten von Gerlach, eines passiv gehorsamen Dummkopfs, gestellt, und zwar muß unser fertiges Blatt der Polizeinase zum Riechen präsentiert werden, und wenn sie was Unchristliches, Unpreußisches riecht, darf die Zeitung nicht erscheinen.« So Marx an Ruge.

Nach Raddatz angeblich um die Zeitung zu retten, naheliegender aber, um sich selbst zum großen Oppositionellen aufzubauen, will Marx der Öffentlichkeit eine selbstverfasste Geschichte andrehen, nach der die Rheinische Zeitung seinetwegen verboten worden wäre.

Er bittet seinen Stellvertreter Heinzen - um das Blatt zu retten-, einen Artikel in irgendeiner Zeitschrift unterzubringen, der ihn allein, Karl Marx, als den Hauptschuldigen ausweist. Der Artikel ist sogar schon fertig, Heinzen braucht ihn gar nicht mehr zu schreiben - Marx hat ihn bereits verfasst:
Raddatz, a.a.O. S. 46

Heinzen will sich selber zwar nicht dafür hergeben, findet aber den Karl Grün, der den Artikel in die „Mannheimer Abendzeitung“ bringt.

Am 28. Februar 1843 erscheint der Artikel von Marx über Marx. Er erinnert die Leser des >scharfen incisiven Verstandes, der wahrhaft bewunderungswürdigen Dialektik, womit der Verfasser sich in die hohlen Äußerungen der Abgeordneten gleichsam hineinfraß, und sie dann von innen heraus vernichtete; nicht oft war der kritische Verstand in solcher zerstörungslustigen Virtuosität gesehen, nie hat er glänzender seinen Haß gegen das sogenannte Positive gezeigt, dasselbe so in seinen eigenen Netzen gefangen und erdrückt. ...eine merkwürdige Begabung und seine seltene Vielseitigkeit des Talentes.<
Raddatz, a.a.O. Seite 46/47

Da hat er seinen Stil mit seiner Selbstbeweihräucherung noch einmal übertroffen.

Wenn man es nicht wüsste und die Geschichte ausgedacht wäre, müssten wir in der nächsten Folge Karl Marx eng an der Seite von Arnold Ruge und Georg Herwegh irgendwo im Ausland finden, wo sich die beiden Letztgenannten bei erneuten politischen Aktivitäten versuchen, unterstützt von unserem und ihrem Freund Karl Marx – versteht sich.

Marx selbst aber schrieb schon am 25. Januar an Ruge, demselben Tage, an dem das Verbot der »Rheinischen Zeitung« nach Köln gelangt war: »Mich hat nichts überrascht. Sie wissen, was ich gleich von der Zensurinstruktion hielt. Ich sehe hier nur eine Konsequenz, ich sehe in der Unterdrückung der ›Rh[einischen] Z[eitung]‹ einen Fortschritt des politischen Bewußtseins und resigniere daher. Außerdem war mir die Atmosphäre so schwül geworden. Es ist schlimm, Knechtsdienste, selbst für die Freiheit zu verrichten und mit Nadeln statt mit Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde gewesen. Also die Regierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt ... In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst.«

Er fragte schon am 25. Januar bei Ruge an, ob er am »Deutschen Boten«, den Herwegh damals in Zürich. erscheinen lassen wollte, eine Tätigkeit finden würde, doch wurde die Absicht Herweghs, noch ehe sie ausgeführt werden konnte, durch seine Ausweisung aus Zürich zerstört. Ruge machte nun andere Vorschläge eines gemeinsamen Wirkens, unter anderem die gemeinsame Redaktion der umgestalteten und umgetauften Jahrbücher; Marx möge nach Schluß seiner Kölner »Redaktionsqual« zur mündlichen Verhandlung über den »Ort unserer Wiedergeburt« nach Leipzig kommen.
Mehring, ebenda.

Arnold Ruge plant die Herausgabe einer neuen Zeitschrift in Frankreich, die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“. Er ist vermögend, zum Leidwesen der preußischen Regierung, und kann auch finanziell so ein Projekt realisieren. Er fällt aber auf Marx herein und wir ahnen schon: es wird nicht viel damit werden:

Nicht ohne Mühe, aber doch verhältnismäßig schnell, und auch ohne daß Marx sich nach Leipzig begab, ist das Erscheinen der neuen Zeitschrift gesichert worden. Fröbel entschloß sich, den Verlag zu übernehmen, nachdem der wohlhabende Ruge sich bereit erklärt hatte, als Kommanditär mit 6.000 Talern in das Literarische Kontor einzutreten. Als Redaktionsgehalt für Marx wurden 500 Taler ausgeworfen. Auf diese Aussicht hin heiratete er seine Jenny am 19. Juni 1843.
Mehring: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_015.htm#Kap_5

Fast hätten wir jetzt die heißgeliebte Braut Jenny vergessen und übersprungen:

Er schrieb an Ruge, sobald der Plan feste Gestalt angenommen habe, wolle er nach Kreuznach reisen, wo die Mutter seiner Braut seit dem Tode ihres Gatten lebte, und dort heiraten, dann aber einige Zeit bei seiner Schwiegermutter bleiben, »da wir doch jedenfalls, ehe wir ans Werk gehn, einige Arbeiten fertig haben müßten ... Ich kann Ihnen ohne alle Romantik versichern, daß ich von Kopf bis zu Fuß und zwar allen Ernstes liebe. Ich bin schon über sieben Jahre verlobt, und meine Braut hat die härtesten, ihre Gesundheit fast untergrabenden Kämpfe für mich gekämpft, teils mit ihren pietistisch-aristokratischen Verwandten, denen der ›Herr im Himmel‹ und der ›Herr in Berlin‹ gleiche Kultusobjekte sind, teils mit meiner eigenen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde von mir sich eingenistet haben. Ich und meine Braut haben daher mehr unnötige und angreifende Konflikte jahrelang durchgekämpft, als manche andre, die dreimal älter sind und beständig von ihrer ›Lebenserfahrung‹ sprechen.« Außer dieser kargen Andeutung ist auch über die Kämpfe der Brautzeit nichts überliefert worden.
Mehring, ebenda.

Die Arbeit an den Deutsch-Französischen Jahrbüchern würde sich also erst einmal bis einige Monate nach der Hochzeit verzögern. Im November 1843 wird der Hausstand dann nach Paris verlegt. Im Oktober hatte Marx noch den Feuerbach zur Mitarbeit locken wollen, was dieser zu seinem Glück abgelehnt hat.

Hellmann
23.09.2008, 14:37
Marx mit Ruge und Herwegh in Paris

Der 1802 geboren Arnold Ruge, Sohn eines Gutsverwalters, hatte in Halle, Jena und Heidelberg Philosophie studiert. In Heidelberg wurde er im Frühjahr 1824 als führendes Mitglied des „Jünglingsbunds“ verhaftet, der im August 1823 an die preußische Polizei verraten worden war.

Anders als im Fall des Franz von Florencourt, gegen den die Ermittlungen eingestellt wurden, weil er sich inzwischen von den Zielen des Jünglingsbundes wieder losgesagt hatte, musste Arnold Ruge im Alter von 21 Jahren die nächsten sechs Jahre seines jungen Lebens in preußischer Haft verbringen.
Nach einjähriger Untersuchungshaft in Köpenick wurde Ruge zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, die er bis zu seiner Begnadigung durch den König Friedrich Wilhelm III. im Frühjahr 1830 in der Festung Kolberg mit klassischen Studien verbrachte.

Nach seiner Freilassung gab man ihm eine Anstellung am Königlichen Paedagogicum der Franckeschen Stiftungen mit Waisenhaus, Schule, Druckerei, Buchhandlung, Apotheke und Zeitung in Halle:

Getragen von pietistischer Frömmigkeit setzte Francke mit seinen Stiftungen, die aus einem mehrgliedrigen Schulsystem, aus Wirtschaftsbetrieben und wissenschaftlichen Institutionen bestanden, den sozialen Problemen seiner Zeit ein Beispiel praktischer Nächstenliebe entgegen. Die pädagogischen Anstrengungen und die religiöse Erziehung begründeten den Ruf des halleschen Waisenhauses als Neues Jerusalem in ganz Europa. Die Reformpläne des Halleschen Pietismus wurden durch Lehrer, Ärzte und Missionare in die Welt getragen. Ihre Spuren findet man heute noch in vielen europäischen Ländern, aber auch in Indien und den USA. Die erste protestantische Mission, die Diakonie, die Realschule in Deutschland, Millionen deutschsprachige Volksbibeln und eine Vielzahl der gängigen evangelischen Kirchenlieder haben ihren Ausgangspunkt in den Franckeschen Stiftungen.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franckesche_Stiftungen

Dort konnte sich Ruge schon im folgenden Jahr habilitieren und bis 1836 als Privatdozent lehren.

Ab Januar 1838 gab Ruge zusammen mit dem ebenfalls am Paedagogicum lehrenden Ernst Theodor Echtermeyer die Hallischen Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst heraus, die bald zur wichtigsten Publikation und Diskussionsplattform der Junghegelianer wurden.

Als im Frühjahr 1841 die preußische Regierung die „Jahrbücher“ wegen deren liberaler Richtung zensierte und verbot, verlegte Ruge die Redaktion von Halle nach Dresden und änderte der Titel in „Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst“. Innenminister Dr. Johann Paul von Falkenstein entzog jedoch auch dieser Zeitschrift die Konzession. Ruge ließ sich daraufhin in der Schweiz nieder und ließ seine „Jahrbücher“ dort erscheinen.Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Ruge

Echtermeyer, der 1840 mit Ruge noch den „Deutschen Musenalmanach“ herausgegeben hatte, musste seinen Wohnsitz 1841 ebenfalls nach Dresden verlegen, wo er schon 1844 verstarb.

Den Lebenslauf des 1817 geborenen Georg Herwegh sollte man etwas kritischer studieren, wenn man nicht zu den Einfältigen gehört, die sich mit der Geschichte vom berühmt und reich gewordenen edlen Dichter abspeisen lassen. Allerdings kann ich das hier nur andeutungsweise machen.

Der Sohn eines Gastwirts flog 1836 als Freigeist vom Tübinger Stift, wo er auf Staatskosten Theologie studierte, wechselte dann auf Jura und brach aus finanziellen Gründen das Studium nach einem halben Jahr ab.

Ab 1837 arbeitet er an der Zeitschrift „Europa“ des August Lewald und am „Telegraph für Deutschland“ des Karl Gutzkow.
Mit August Lewald kommen wir den Hintergründen solcher Künstlerkarrieren etwas näher:

Lewald sollte nach Willen seiner Eltern Kaufmann werden. Mit 21 Jahren kam Lewald als Sekretär ins zaristische Hauptquartier und war während der Befreiungskriege 1813 bis 1815 dort im Stab tätig. Ab 1818 wirkte er an den Bühnen von Brünn und München als Schauspieler. 1824 engagierte man Lewald als Intendant an das Nürnberger Theater. Weitere Stationen waren Hamburg, Paris und München. Von dort aus holte man Lewald 1834 nach Stuttgart, wo er sich niederließ und 1835 die Zeitschrift "Europa" gründete. Er gab die Zeitschrift bis 1846 heraus. Mit Heinrich Heine verband ihn seit 1827 eine Freundschaft, ebenso mit Karl von Holtei und Karl Schall, die er nach 1815 in Breslau kennengelernt hatte.
In Stuttgart verkehrte er viel mit den beiden Schauspielern Moritz Rott und Karl Seydelmann und mit Karl Gutzkow, der später Mitarbeiter der "Europa" wurde.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Lewald

Wir werden ja später noch mehr „marxistische“ Klagen über zaristische Agenten vernehmen und wollen es hier etwas kurz machen. Vermutlich war Lewald kein Agent des Zaren, sondern schon als junger Mann im zaristischen Stab mit speziellen Fragen der Lenkung von Finanzen und Versorgung befasst. Derartige Dinge waren dann mit dem Sieg über Napoleon vom Tisch und es galt, die Salons zu erobern.

Die Kunst bringt die Leute in Kontakt mit den einflussreichsten gesellschaftlichen Kreisen, falls der Künstler sich politisch einspannen lässt und ausreichend anpassungsfähig ist, sobald sich die politischen Verhältnisse ändern.

Weil das heute noch so üblich ist, liest man wenig davon.
Von 1849 bis 1862 war er Regisseur am Stuttgarter Hoftheater. 1851 konvertierte er in München zur katholischen Kirche.

Seine letzten Werke sind stark vom Ultramontanismus geprägt, sein "Theaterroman" (1841) trägt autobiographische Züge.
Quelle wie oben.

Jedenfalls war Lewald einflussreich genug, seinem Schützling Herwegh den Militärdienst zu erleichtern:

Dank seines Herausgebers ist es ihm möglich, trotz Militärdienst seine Arbeit bei der Zeitschrift fortzuführen. Mit Erfolg. Er erhält den Auftrag, französische Werke zu übersetzen und hat damit ein gesichertes Auskommen. Herwegh verkehrt in den literarischen Salons, hat sogar Einfluß in der Theaterszene.…
Ende Juni 1839 begeht er jedoch einen fatalen Fehler. Er beleidigt auf einem Maskenball einen Offizier. Zur Strafe soll er zu einem Regiment nach Ulm versetzt werden. Herwegh entzieht sich der Strafe, indem er in die Schweiz flieht.
Quelle: http://www.herwegh-gymnasium.de/fachbereiche/deutsch/herwegh.php

Herwegh arbeitet 1839 an Johann Georg August Wirths „Deutscher Volkshalle“ in Emmishofen als Literaturkritiker, zieht aber schon 1840 nach Zürich, wo er sich mit dem uns bereits bekannten Adolf Ludwig Follen anfreundet.

Der oben als Herausgeber des „Telegraph für Deutschland“ schon genannte Karl Gutzkow war der Sohn eines Stallmeisters des Prinzen Wilhelm von Preußen.

Friedrich Wilhelm Karl Prinz von Preußen (* 3. Juli 1783 in Berlin; † 28. September 1851 ebenda) war preußischer General der Kavallerie, Generalgouverneur der Rheinprovinzen und Gouverneur der Bundesfestung Mainz.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Preu%C3%9Fen_(1783%E2%80%931851)

Wir dürfen also davon ausgehen, dass er auch nicht mit der gedichteten Buchstabensuppe angeschwommen kam, sondern entsprechend in die politischen Netzwerke eingebunden war.

Sein Vater Karl August, ein gelernter Maurer, arbeitete bei Prinz Wilhelm von Preußen (1783–1851) als Stallmeister. Von 1821 bis 1829 besuchte er das Friedrich-Werdersche-Gymnasium. Zum Sommersemester 1829 immatrikulierte sich Gutzkow an der Universität in Berlin in den Fächern Philologie, Theologie und Rechtswissenschaft. Vorlesungen hörte er unter anderem bei Hegel und Schleiermacher. Später wechselte er an die Universität Heidelberg und dann nach München. 1830 erhielt Gutzkow für eine Arbeit (De diis fatalibus) von der Berliner Universität einen Preis, der ihm von Hegel persönlich überreicht wurde. Die französische Julirevolution lenkte sein Interesse den Fragen und Forderungen seiner Zeit zu.

Noch als Student begann Gutzkow 1831 mit der Herausgabe der Zeitschrift Forum der Journal-Literatur. Ende des Jahres verließ er Berlin und reiste zu dem Literaturkritiker Wolfgang Menzel nach Stuttgart. 1832 wurde er von der Universität Jena promoviert; in Abwesenheit.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Gutzkow

Noch ein ohne Abschluss an der Universität Jena in Abwesenheit promovierter Kandidat. Dass die Leute auch immer keine Zeit für ihre Promotionen haben; oder war es besser, sich nicht näher zum Thema befragen zu lassen? So ein Fachgespräch hat seine Tücken.

Hellmann
23.09.2008, 14:47
In Zürich war nicht nur der durch seine Heirat mit einer vermögenden Schweizerin zum Mitglied des Großen Rats und Druckereibesitzer aufgestiegene ehemalige Burschenschaftler Adolf Ludwig Follen. Es gab vor allem einen Verlag, das Literarische Comptoir, das die Schriften der deutschen „Zensurflüchtlinge“ und Emigranten verlegte, bis es 1843 selbst politische Probleme bekam.

Ein Überblick der Veröffentlichungen und ihrer Autoren zwischen 1841 bis 1843:

1841: Lieder eines Lebendigen, Gedichte von Georg Herwegh.

1842: Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit, Streitschrift von Bruno Bauer.

1842-43: Der Schweizer Republikaner, Zeitschrift redigiert von Julius Fröbel.

1843: Zensurflüchtlinge. 12 Freiheitslieder, von Rudolf Gottschall.

1843: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Programmschrift von Ludwig Feuerbach.

1843: Der Tod des Pfarrers Dr. Friedrich Ludwig Weidig. Ein aktenmäßiger und urkundlich belegter Beitrag zur Beurteilung des geheimen Strafprozesses und der politischen Zustände Deutschlands, Dokumentation von Friedrich Wilhelm Schulz.

1843: Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publizistik, zwei Sammelbände hrsg. von Arnold Ruge, als Fortsetzung seiner in Preussen und Sachsen verbotenen Jahrbücher.

1843: Das entdeckte Christentum. Eine Erinnerung an das 18. Jahrhundert und ein Beitrag zur Krisis des 19., Streitschrift von Bruno Bauer.

1843: Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz, Sammelband hrsg. von Georg Herwegh als Ersatz für die bereits im Planungsstadium verbotene Zeitschrift Der Deutsche Bote aus der Schweiz, die Herwegh redigieren sollte, was an seiner Ausweisung aus Zürich scheiterte; mit Beiträgen von Bruno Bauer, David Friedrich Strauß, Friedrich Engels, Friedrich Hecker, Moses Heß, Reinhold Jachmann, Johann Jacoby, Karl Nauwerck, Ludwig Seeger.
http://de.wikipedia.org/wiki/Literarisches_Comptoir_Z%C3%BCrich_und_Winterthur

Der Titel „Einundzwanzig Bogen“ des Sammelbands von Herwegh rührte daher, dass nur Bücher bis zum Umfang von 20 Druckbogen oder 320 Seiten der Zensur nach den Karlsbader Beschlüssen vorgelegt werden mussten.

Mit seiner Gedichtsammlung „Lieder eines Lebendigen“ war Herwegh weithin bekannt geworden und trat 1842 eine Reise durch Deutschland an um Mitarbeiter und Unterstützung für seine geplante Zeitschrift „Der Deutsche Bote aus der Schweiz“ zu sammeln. Dabei traf Herwegh in Köln erstmals Karl Marx, für dessen „Rheinische Zeitung“ er geschrieben hatte, und kam schließlich nach Berlin, wo er eine Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. erhielt, der die geplante Zeitung allerdings im Anschluss an die Audienz verbieten ließ.

In Berlin hatte Herwegh als in den Salons gefeierter junger Mann die Liebe einer Hoflieferantentochter erweckt, der Emma Siegmund, die sich sofort mit ihm verlobte und später seine Frau wurde. Im Dezember 1842 wurde Herwegh aus Preußen ausgewiesen, weil er sich in einem offenen Brief über die politischen Verhältnisse beschwert hatte. Auf der Rückreise lernte Herwegh in Leipzig den Anarchisten Michael Bakunin kennen.

In Zürich kam es dann auch bald nach der Veröffentlichung der „Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz“ zu Repressionen:

Der konservativen Staatsrechtler Johann Caspar Bluntschli, seit 1839 Mitglied der Zürcher Regierung, bewirkte 1843 die Ausweisung Herweghs, die Verhaftung und Verurteilung des frühsozialistischen Agitators Wilhelm Weitling, mit dem Fröbel in Verbindung stand, sowie die Konfiskation des Entdeckten Christentums und der Einundzwanzig Bogen. Fröbel und sein Drucker Hegner wurden im folgenden Jahr wegen Religionsstörung zu hohen Geldbußen und zwei bzw. drei Monaten Haft verurteilt. Der Verlag verlor Vermögenswerte in Höhe von mehreren tausend Franken.
http://de.wikipedia.org/wiki/Literarisches_Comptoir_Z%C3%BCrich_und_Winterthur

Die Hoffnung von Herwegh und Ruge richtete sich nun auf Frankreich, wo Ruge in Zukunft seine „Französisch Deutschen Jahrbücher“ herauszugeben gedachte. Ein später im einzig erschienenen Heft der Jahrbücher abgedruckter Briefwechsel von Marx an Ruge soll die Stimmung zeigen - ansonsten war es natürlich ein abgeschmackter Unsinn von Marx, dem Leser dieser Jahrbücher solche Briefe zuzumuten.

M. an R.
Kreuznach, im September 1843

Es freut mich, daß Sie entschlossen sind und von den Rückblicken auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unternehmen vorwärts wenden. Also in Paris, der alten Hochschule der Philosophie, absit omen |möge es nichts Schlimmes bedeuten|! und der neuen Hauptstadt der neuen Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher nicht, daß sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht verkenne, beseitigen lassen.

Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht; jedenfalls werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die hiesige Luft leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum für eine freie Tätigkeit sehe.

In Deutschland wird alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anarchie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist hereingebrochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird daher immer klarer, daß ein neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden muß…

Ich bin daher nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzuhelfen suchen, daß sie ihre Sätze sich klarmachen. So ist namentlich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dézamy, Weitling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andre sozialistische Lehren, wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern notwendig sich gegenüber entstehn sehn, weil er selbst nur eine besondre, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine Seite, welche die Realität des wahren menschlichen Wesens betrifft. Wir haben uns ebensowohl um die andre Seite, um die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion, Wissenschaft etc. zum Gegenstande unserer Kritik zu machen. Außerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken und zwar auf unsre deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das anzustellen? Zweierlei Fakta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa die »Voyage en Icarie« ihnen fertig entgegenzusetzen…
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_337.htm

Den Rest von dem Geschmarre kann man sich unter obigem Link auch noch durchlesen. Kein Wunder, dass Ruge nach dem ersten Heft verzweifelt von dem Vorhaben abließ.


Im November 1843 erhält Marx eine Postsendung von Julius Fröbel aus Zürich, die er wie folgt quittiert:

Dear Friend,

Your letter has just arrived, but with some very strange symptoms.

1) Everything which you say you enclosed is missing with the exception of Engels' article. This, however, is all in pieces and is therefore useless. It begins with No. 5.

2) The letters for Mäurer and myself were wrapped up in the enclosed envelope which is postmarked St. Louis. The few pages of Engels' article were in the same wrapper.

3) Mäurer's letter, which, like mine, I found open in the enclosed envelope, is also superscribed in a strange hand. I enclose the page with the writing.

Hence there are only two possibilities.

Either the French Government opened and seized your letters your packet. In which case return the enclosed addresses. We will then not only initiate proceedings against the French Post-Office but, at the same time, publicise this fact in all the opposition papers. In any event it would be better if you addressed all packets to a French bookshop. However, we do not believe that the French Government has perpetrated the kind of infamy which so far only the Austrian Government has permitted itself.

There thus remains the second possibility, that your Bluntschli and associates have played this police-spy trick. If this is so, then (1) You must bring proceedings against the Swiss and (2) Mäurer as a French citizen will protest to the Ministry.

As far as the business itself is concerned, it is now necessary:

a) To ask Schuller not to issue the aforesaid document for the time being, as this must be the principal ornament of our first number.

b) Send the whole of the contents to Louis Blanc's address. No. 2 or 3, rue Taitbout.

c) Ruge is not yet here. I cannot very well begin printing until he has arrived. I have had to reject the articles so far sent to me by the local people (Hess, Weill, etc.) after many protracted discussions. But Ruge is probably coming at the end of this month, and if at that time we also have the document you promised, we can begin with the printing. I have written to Feuerbach, Kapp and Hagen. Feuerbach has already replied.

d) Holland seems to me to be the most suitable place providing that your police spies have not already been in direct touch with the government.

If your Swiss people have perpetrated the infamy I will not only attack them in the Réforme, the National, the Démocratie pacifique, the Siecle, Courrier, La Presse, Charivari, Commerce and the Revue indépendante, but in the Times as well, and, if you wish, in a pamphlet written in French.

These pseudo-Republicans will have to learn that they are not dealing with young cowhands, or tailors' apprentices.
As to the office, I will try to acquire one along with the new lodging into which I intend moving. This will be convenient from the business and financial viewpoint.

Please excuse this scraggy letter. I can't write for indignation.

Yours, Marx

In any case, whether the Paris doctrinaires or the Swiss peasant lads were responsible for the trick, we will get Arago and Lamartine to make an intervention in the Chamber. If these gentlemen want to make a scandal, ut scandalum fiat. Reply quickly for the matter is pressing. Since Mäurer is a French citizen, the plot on the part of the Zurichers would be a violation of international law, with which the cowhands shall not get away.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1844/df-jahrbucher/frobel.htm

Ob man Marx die Geschichte mit dem fehlenden Inhalt überhaupt glauben darf?

Der Fröbel soll wegen der Sache eine große Beschwerdeaktion vom Zaun brechen und Marx selber will die Schweizer Regierung in allen möglichen bekannten Zeitungen angreifen, falls diese verantwortlich wäre. Sollten es die Franzosen gewesen sein, würde Marx den Fall in den Zeitungen der Opposition veröffentlichen.

Lächerliche Großmäulerei!

Natürlich würde alle Welt diese ungeheuerliche Verletzung des Postgeheimnisses unseres berühmten Karl Marx empört registrieren und der arme Fröbel hätte sich damit nicht nur lächerlich gemacht und seine Zeit vergeudet, sondern sich auch noch zusätzliche Feinde geschaffen.

Hellmann
23.09.2008, 15:08
Sogar Mehring lässt keinen Zweifel, wer für den Inhalt dieses Heftes der Jahrbücher verantwortlich war:

Schon der »Briefwechsel« zeigte, daß Marx der Treiber war, Ruge aber nur der Getriebene. Es kam hinzu, daß Ruge nach seiner Ankunft in Paris erkrankte und sich wenig an der Redaktion beteiligen konnte. Er war dadurch in seiner wesentlichsten Fähigkeit lahmgelegt, für die ihm Marx »zu umständlich« erschien. Er konnte der Zeitschrift nicht die Form und Haltung geben, die er für die passendste hielt, und selbst nicht einmal eine eigene Arbeit in ihr veröffentlichen. Gleichwohl stand er der ersten Lieferung noch nicht völlig ablehnend gegenüber. Er fand »ganz merkwürdige Sachen darin, die in Deutschland viel Aufsehen machen würden«, wenn er auch tadelte, daß »einige ungehobelte Sachen mit aufgetischt« seien, die er gebessert haben würde, aber die nun so in der Eile mitgegangen seien. Es wäre wohl noch zu einer Fortsetzung |68|* des Unternehmens gekommen, wenn es nicht an äußeren Hindernissen gescheitert wäre.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Es scheiterte dann aus merkwürdigen Umständen der ganze Vertrieb nach Deutschland, weil die ganze gedruckte Auflage von nur wenigen Exemplaren in die Hände der Polizei fiel, was uns allerdings nicht zu wundern braucht.

Zunächst versiegten sehr schnell die Mittel des Literarischen Kontors, und Fröbel erklärte, das Unternehmen nicht fortführen zu können. Dann aber machte die preußische Regierung schon auf die erste Kunde vom Erscheinen der »Deutsch-Französischen Jahrbücher« gegen sie mobil.

Sie fand damit allerdings nicht einmal bei Metternich, geschweige denn bei Guizot besondere Gegenliebe; sie mußte sich begnügen, am 18. April 1844 die Oberpräsidenten aller Provinzen zu benachrichtigen, daß die »Jahrbücher« den Tatbestand des versuchten Hochverrats und Majestätsverbrechens darstellten; die Oberpräsidenten sollten, ohne dadurch Aufsehen zu erregen, die Polizeibehörden anweisen, Ruge, Marx, Heine und Bernays, sobald sie preußischen Boden beträten, unter Beschlagnahme ihrer Papiere zu verhaften. Das war auch noch recht harmlos, sintemalen die Nürnberger keinen henken, sie hätten ihn denn zuvor. Aber gefährlich wurde das böse Gewissen des preußischen Königs dadurch, daß es mit boshafter Angst die Grenzen zu bewachen verstand. Auf einem Rheindampfer wurden 100, bei Bergzabern an der französisch-pfälzischen Grenze weit über 200 Exemplare aufgefangen; das waren sehr empfindliche Nackenschläge bei der verhältnismäßig geringen Zahl der Auflage, mit der überhaupt gerechnet werden konnte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Die Österreicher und Franzosen dürften schon gewusst haben, warum sie sich jede Mühe mit diesem Werk von Karl Marx sparen konnten.

Was die preußische Regierung nun an der Auseinandersetzung zwischen Karl Marx und Bruno Bauer auszusetzen hatte oder gar für ein Majestätsverbrechen hielt, ist noch mehr unerfindlich. Marx hatte natürlich die Jahrbücher für kein wichtigeres Thema zu nutzen gewusst, als seinen Streit mit seinem ehemaligen „Freund“ Bruno Bauer über dessen letzte Schriften zu vertiefen.


I
Bruno Bauer: »Die Judenfrage«. Braunschweig 1843

Die deutschen Juden begehren die Emanzipation. Welche Emanzipation begehren sie? Die staatsbürgerliche, die politische Emanzipation.
Bruno Bauer antwortet ihnen: Niemand in Deutschland ist politisch emanzipiert. Wir selbst sind unfrei. Wie sollen wir euch befreien? Ihr Juden seid Egoisten, wenn ihr eine besondere Emanzipation für euch als Juden verlangt. Ihr müßtet als Deutsche an der politischen Emanzipation Deutschlands, als Menschen an der menschlichen Emanzipation arbeiten und die besondere Art eures Drucks und eurer Schmach nicht als Ausnahme von der Regel, sondern vielmehr als Bestätigung der Regel empfinden...


II
»Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden«. Von Bruno Bauer. (»Einundzwanzig Bogen«, pag. 56-71.)

Unter dieser Form behandelt Bauer das Verhältnis der jüdischen und christlichen Religion, wie das Verhältnis derselben zur Kritik. Ihr Verhältnis zur Kritik ist ihr Verhältnis »zur Fähigkeit, frei zu werden«.
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm

Da will ich jetzt nicht auf den Inhalt eingehen; es ist ja klar, dass eine derartige Publikation die Leser mit anderen Themen zu fesseln hätte, als der Frage, was Karl Marx an seinem noch vor wenigen Monaten bewunderten Freund Bruno Bauer plötzlich so sehr zu kritisieren findet. Was das die Welt nun interessieren sollte? Einzig die preußische Regierung konnte ein wirkliches Interesse daran haben, dass sich die Linkshegelianer untereinander zerstreiten und gegeneinander publizieren und mit sich selbst beschäftigt sind. Die Zeitschriften des Ruge waren bisher das Zentrum der Linkshegelianer gewesen und Bruno Bauer war einer ihrer aktivsten und gleichzeitig bedrängtesten Autoren. Marx sollte da wohl einen Keil hineintreiben, anders macht ein Text gegen Bauer in den „Jahrbüchern" keinen Sinn, um von den Ansichten des Marx „Zur Judenfrage" im Detail einmal ganz abzusehen. Die entscheidende Frage ist einfach: was soll der Quatsch? Wie später bei der „Werttheorie" im dreibändigen „Kapital“.

Wenigstens ein Beitrag von Friedrich Engels ist gelungen:


Friedrich Engels
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie

»Deutsch-Französischen Jahrbüchern«, Paris 1844.

Malthus, der Urheber dieser Doktrin, behauptet, daß die Bevölkerung stets auf die Subsistenzmittel drückt, daß, sowie die Produktion gesteigert wird, die Bevölkerung sich in demselben Verhältnis vermehrt und daß die der Bevölkerung inhärente Tendenz, sich über die disponiblen Subsistenzmittel hinaus zu vermehren, die Ursache alles Elends, alles Lasters ist. Denn wenn zuviel Menschen da sind, so müssen sie auf die eine oder die andre Weise aus dem Weg geschafft, entweder gewaltsam getötet werden oder verhungern. Wenn dies aber geschehen ist, so ist wieder eine Lücke da, die sogleich wieder durch andre Vermehrer der Bevölkerung aufgefüllt wird, und so fängt das alte Elend wieder an. Ja, dies ist unter allen Verhältnissen so, nicht nur im zivilisierten, sondern auch im Naturzustande; die Wilden Neuhollands, deren EINER auf die Quadratmeile kommt, laborieren ebensosehr an Überbevölkerung wie England. Kurz, wenn wir konsequent sein wollen, so müssen wir gestehen, DASS DIE ERDE SCHON ÜBERVÖLKERT WAR, ALS NUR EIN MENSCH EXISTIERTE. Die Folgen dieser Entwicklung sind nun, daß, da die Armen gerade die Überzähligen sind, man nichts für sie tun soll, als ihnen das Verhungern so leicht als möglich zu machen, sie zu überzeugen, daß es sich nicht ändern läßt und daß für ihre ganze Klasse keine Rettung da ist als in einer möglichst geringen Fortpflanzung, oder wenn dies nicht geht, so ist es immer noch besser, daß eine Staatsanstalt zur schmerzlosen Tötung der Kinder der Armen, wie sie »Marcus« vorgeschlagen hat, eingerichtet wird - wonach auf jede Arbeiterfamilie zweiundeinhalbes Kind kommen dürfen; was aber mehr kommt, schmerzlos getötet wird. Almosengeben wäre ein Verbrechen, da es den Zuwuchs der überzähligen Bevölkerung unterstützt; aber sehr vorteilhaft wird es sein, wenn man die Armut zu einem Verbrechen und die Armenhäuser zu Strafanstalten macht, wie dies bereits in England durch das »liberale« neue Armengesetz geschehen ist. Es ist zwar wahr, diese Theorie stimmt sehr schlecht mit der Lehre der Bibel von der Vollkommenheit Gottes und seiner Schöpfung, aber »es ist eine schlechte Widerlegung, wenn man die Bibel gegen Tatsachen ins Feld führt«!

Soll ich diese infame, niederträchtige Doktrin, diese scheußliche Blasphemie gegen die Natur und Menschheit noch mehr ausführen, noch weiter in ihre Konsequenzen verfolgen? Hier haben wir endlich die Unsittlichkeit des Ökonomen auf ihre höchste Spitze gebracht. Was sind alle Kriege und Schrecken des Monopolsystems gegen diese Theorie? Und gerade sie ist der Schlußstein des liberalen Systems der Handelsfreiheit, dessen Sturz den des ganzen Gebäudes nach sich zieht. Denn ist die Konkurrenz hier als Ursache des Elends, der Armut, des Verbrechens nachgewiesen, wer will ihr dann noch das Wort zu reden wagen?

Kommen wir indes, um der allgemeinen Übervölkerungsfurcht alle Basis zu nehmen, noch einmal auf das Verhältnis der Produktionskraft zur Bevölkerung zurück. Malthus stellt eine Berechnung auf, worauf er sein ganzes System basiert. Die Bevölkerung vermehre sich in geometrischer Progression: 1 + 2 + 4 + 8 + 16 + 32 usw., die Produktionskraft des Bodens in arithmetischer: 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6. Die Differenz ist augenscheinlich, ist schreckenerregend; aber ist sie richtig? Wo steht erwiesen, daß die Ertragsfähigkeit des Bodens sich in arithmetischer Progression vermehre? Die Ausdehnung des Bodens ist beschränkt, gut. Die auf diese Fläche zu verwendende Arbeitskraft steigt mit der Bevölkerung; nehmen wir selbst an, daß die Vermehrung des Ertrages durch Vermehrung der Arbeit nicht immer im Verhältnis der Arbeit steigt; so bleibt noch ein drittes Element, das dem Ökonomen freilich nie etwas gilt, die Wissenschaft, und deren Fortschritt ist so unendlich und wenigstens ebenso rasch als der der Bevölkerung. Welchen Fortschritt verdankt die Agrikultur dieses Jahrhunderts allein der Chemie, ja allein zwei Männern - Sir Humphrey Davy und Justus Liebig? Die Wissenschaft aber vermehrt sich mindestens wie die Bevölkerung; diese vermehrt sich im Verhältnis zur Anzahl der letzten Generation; die Wissenschaft schreitet fort im Verhältnis zu der Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden Generation hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten Verhältnissen auch in geometrischer Progression - und was ist der Wissenschaft unmöglich? Es ist aber lächerlich, von Übervölkerung zu reden, solange »das Tal des Mississippi wüsten Boden genug besitzt, um die ganze Bevölkerung von Europa dorthin verpflanzen zu können« (Alison, »The Principles of Population«, Bd. 1, p. 548, London 1840), solange überhaupt erst ein Drittel der Erde für bebaut angesehen werden und die Produktion dieses Drittels selbst durch die Anwendung jetzt schon bekannter Verbesserungen um das Sechsfache und mehr gesteigert werden kann.

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_499.htm

Wenn man den Text jetzt liest: schade, dass die preußische Polizei so gut informiert war, wann und wo die wenigen Exemplare die Grenze passieren würden.

Nun wurde auch Ruge gegenüber Marx unangenehm und weigerte sich, die Fortsetzung der Jahrbücher aus seinen Mitteln zu finanzieren. Mehr noch: er zahlte dem für den Misserfolg verantwortlichen Karl Marx sein ausgehandeltes Gehalt nicht in bar aus, sondern „in Jahrbüchern“.

Wo aber einmal innere Reibungen vorhanden sind, pflegen sie durch äußere Schwierigkeiten leicht verbittert und verschärft zu werden. Nach Angabe Ruges haben sie auch seinen Bruch mit Marx beschleunigt oder gar hervorgerufen, woran insoweit etwas Wahres sein mag, als Marx in Geldsachen von einer souveränen Gleichgültigkeit, Ruge aber von krämerhaftem Argwohn war. Er scheute sich nicht, das Gehalt, das Marx zu beanspruchen hatte, nach dem Muster des Trucksystems in Exemplaren der »Jahrbücher« auszuzahlen, geriet aber in große Aufregung über die angebliche Zumutung, sein Vermögen an die Fortsetzung der Zeitschrift zu wagen, da er doch ohne alle Kenntnis des Buchhandels sei.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Man kann Ruges Rückzug aus dem Projekt erst richtig verstehen, wenn man die Intrige betrachtet, mit der es Marx das persönliche Verhältnis zwischen Ruge und Herwegh zu zerstören gelang, indem er Ruges Kritik an dem aufwendigen, verschwendungssüchtigen Lebensstil des durch seine Heirat in vermögende Kreise gelangten Dichters diesem umgehend zutrug.

Ruge graust es vor der abgeschmackten Verschwendung von Herweghs Mätresse, einer Gräfin d´Agoult, den >Röcken zu 100 Thaler, alle Tage frische Handschuh´, einzelne Blumen zu drei Lousdor< ...
Raddatz, a.a.O. Seite 62, Zitat aus Ruge an seine Mutter.

Eine kritische Äußerung von Ruge über Herwegh zu Marx in einem Gespräch beim Wein nahm Marx dann zum Anlass seines Bruchs mit Ruge, verteidigte theatralisch den Herwegh und eröffnete seine Feindschaft mit Ruge.

Damit war das wichtigste Ziel in solchen Fällen erreicht: der finanziell unabhängige Herwegh von einem potenziellen Mitstreiter Ruge getrennt, mit dessen Erfahrung bei der Zeitschriftenpublikation das Talent und die Mittel des Herwegh der preußischen Regierung hätten gefährlich werden können.

Karl Marx würde sich bald in einen neuen Kreis stürzen, dessen führende Leute es zunächst zu umgarnen und später durch diverse Streitereien zu zersprengen galt.

Der mitdenkende Leser wird sich nun fragen, wie Marx denn sein Problem zu lösen vermochte, nicht auf Kosten des Ruge von 600 Talern im Jahr in Paris leben zu können. Vor allem der „Lebensgenuss mit Georg Herwegh“ (Raddatz, S. 62) musste sehr teuer für Marx werden, „sein späterer Satz, die russischen Adligen hätten ihn in Paris auf Händen getragen, ist gewisslich nicht nur auf den mittellosen Bakunin gemünzt“ ( Raddatz,a.a.O.). Offensichtlich konnte Marx sich das Leben an der Seite des Herwegh in den Salons von Paris leisten, was er ja auch sollte, um Einfluss auf dessen politische Kontakte nehmen zu können.

Ruges Bemerkung, Marx lebe nun mehr als früher mit Herwegh und, obgleich er ihn verachte, nicht ohne jugendliche Abenteuer, lässt vermuten, dass Marx nicht nur den Dichter Herwegh schätzte, sondern auch die Freuden des Pariser Lebens durchaus mit ihm teilte. Er verteidigte ihn gegenüber Heines Spottsucht; er ließ es auch wegen Herwegh zum endgültigen Bruch mit Ruge kommen. Ohnehin war Marx tief verärgert, daß Ruge nicht weiteres Geld in den Zeitschriftenplan investierte…
Raddatz, S. 62

Die Bemerkung „obgleich er ihn verachte“ lässt selbstverständlich vermuten, dass Marx hinten herum den Herwegh überall diskreditiert hat, nicht zuletzt bei dem in Pariser politischen Kreisen einflussreichen Heinrich Heine, dessen so genährten Spott über Herwegh Marx dann nicht das Kriegsbeil erheben ließ; Heine wurde von der französischen Regierung finanziert.

Über das persönliche Leben, das Marx in seinem Pariser Exil geführt hat, liegen nicht allzu viele Nachrichten vor. Seine Gattin schenkte ihm das erste Töchterchen und reiste dann in die Heimat, um es den Verwandten vorzustellen. Mit den Freunden in Köln dauerte der alte Verkehr fort; durch eine Spende von tausend Talern haben sie wesentlich dazu beigetragen, daß dies Jahr für Marx so fruchtbar werden konnte.

In nahem Verkehr stand Marx mit Heinrich Heine, und er hatte seinen Anteil daran, wenn das Jahr 1844 einen Höhepunkt in diesem Dichterleben bezeichnete. Das »Wintermärchen« und das »Weberlied«, so auch die unsterblichen Satiren auf die deutschen Despoten hat Marx aus der Taufe heben helfen. Er hat nur wenige Monde mit dem Dichter verkehrt, aber auch ihm die Treue gehalten, selbst als das Geschrei der Philister noch ärger über Heine erscholl als über Herwegh; Marx hat selbst großmütig geschwiegen, als Heine auf seinem Krankenlager ihn wider die Wahrheit als Zeugen aufrief für die Unverfänglichkeit der Jahrespension, die der Dichter vom Ministerium Guizot bezogen hatte.
Quelle: http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Paris durfte sich damals mit Recht rühmen, an der Spitze der bürgerlichen Zivilisation zu marschieren. In der Julirevolution von 1830 hatte die französische Bourgeoisie nach einer Reihe weltgeschichtlicher Illusionen und Katastrophen endlich gesichert, was sie in der großen Revolution von 1789 begonnen hatte. Ihre Talente reckten sich behaglich aus, aber wenn der Widerstand der alten Mächte noch längst nicht gebrochen war, so meldeten sich neue Mächte an, und in unablässigem Hin und Her wogte ein Kampf der Geister, wie nirgends sonst in Europa, und am wenigsten in dem grabesstillen Deutschland.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Unbenannte „Freunde“ hätten Marx mit den nötigen Mitteln versehen, erklären uns die Marx-Biographen:

Marx lebt vorerst frei von materiellen Sorgen. Freunde in Deutschland haben Geld für ihn gesammelt, über 1000 Taler, kurz darauf kamen nochmals 800 Franc, alles in allem weit über 6000 Franc, Geld für mehrere Jahre.
Raddatz, a.a.O. S. 61.

Das ist doch angenehm, so ein Kommunistenleben finanziert von Freunden in Pariser Salons, mit Heine und Herwegh oder unter russischen Adligen, während ein Bakunin ärmlich in einem kleinen Zimmer mit einem Brett als Schreibtisch haust. Wo blieben dessen „Freunde“?

Auch für die von Ruge anstelle eines Honorars erhaltenen Exemplare der Jahrbücher konnte Marx noch einen „Käufer“ finden:

Dabei hatte er in Paris hinreichende Einnahmen. In den knapp 14 Monaten seines Aufenthalts hatte er 7000 Franc eingenommen; offenbar war es Marx außerdem gelungen, sein Honorar für die Deutsch-Französischen Jahrbücher durch Verkauf der Belegexemplare einzutreiben - noch einmal fast 2000 Franc. Das war ein Gesamtbetrag, der für mehrere Jahre hätte reichen können.
Raddatz, a.a.O. Seite 76.

Wer der irrsinnige oder für die interessierte Kreise arbeitende Käufer gewesen sein soll, erfahren wir leider nicht.

Jedenfalls folgt nach dem Bruch mit Arnold Ruge die Anbiederung an die nächste Zielgruppe im typisch geschwollenen Stil:

„Wo hätte die Bourgeoisie – ihre Philosophen und Schriftgelehrten eingerechnet – ein ähnliches Werk wie Weitlings >Garantien der Harmonie und Freiheit< in bezug auf die Emanzipation der Bourgeoisie – die politische Emanzipation – aufzuweisen? Vergleicht man die nüchterne kleinlaute Mittelmäßigkeit der deutschen politischen Literatur mit diesem maßlosen und brillanten literarischen Debut der deutschen Arbeiter; vergleicht man diese riesenhaften Kinderschuhe des Proletariats mit der Zwerghaftigkeit der ausgetretenben politischen Schuhe der deutschen Bourgeoisie, so muß man dem deutschen Aschenbrödel eine Athletengestalt prophezeihen.“
Raddatz, S. 65

Es wird also bald dem Wilhelm Weitling an den Kragen gehen, der so schön gedichtet hatte:


Die Namen Republik und Konstitution,
So schön sie sind, genügen nicht allein;
Das arme Volk hat nichts im Magen,
Nichts auf dem Leib und muß sich immer plagen;
Drum muß die nächste Revolution,
Soll sie verbessern, eine soziale sein.
http://www.marxists.org/deutsch/referenz/weitling/1838/mensch/01-kap1.htm

Hellmann
25.09.2008, 10:09
Der „Vorwärts!“ und weitere Streitereien in Paris


Ludwig Börne war von 1811 bis 1815 ein „Polizeiaktuar“ in Frankfurt gewesen, ehe er dann die Religion und vom Polizeiarchiv zum Dichter und Denker im Mittelpunkt der Emigrantenszene in Paris wechselte. Auch er ein protegierter Promovierter ohne Studienabschluss, der sogar die Arbeit der Geheimpolizei aus eigener Anschauung kannte und vermutlich für die mühsame Arbeit in den Polizeiarchiven so wenig taugte wie vorher für ein richtiges Studium.

Zunächst war er als Student in Streit mit seinem Vater geraten und musste wegen Schulden zweimal die Universität wechseln.

1808 schrieb er sich in Gießen ein. Er wurde durch seinen früheren Internatslehrer Prof. Crome gefördert, in dessen Zeitschrift Germanien er unter anderem Aphorismen veröffentlichte. Schon nach 3 Monaten ließ er Börne zum Dr. phil. promovieren, ohne auf einem Examen zu bestehen.

Börne wurde am 19. Juli 1808 in der Loge Zur aufgehenden Morgenröthe in Frankfurt/Main als Freimaurer aufgenommen. Er schrieb 1811 einen Vortrag Über Freimaurerei, aus dem manche Sätze in neuere Freimaurer-Rituale Einzug gehalten haben.

1811 wurde er durch Vermittlung seines Vaters Polizeiaktuar in Frankfurt am Main, jedoch aufgrund seines Judentums 1815 entlassen. 1818 ließ er sich evangelisch taufen. Seinen Namen änderte er kurz vor der Taufe in Ludwig Börne, mit der Begründung, dass sein Name zu eindeutig seine Religionszugehörigkeit zeige und ihm bei seiner Herausgebertätigkeit schaden könnte.http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne

Potzblitz, das waren noch Zeiten zum Promovieren in drei Monaten und ohne Abschluss. Nur anwesend bei seiner Promotion ist er dann im Gegensatz zu Marx wohl doch gewesen und wird mit seinem Prof. Crome über germanische Dichtung Conversation gehalten haben.

Als Publizist und Journalist unternahm er zahlreiche Reisen und ließ sich 1830 in Paris nieder. Er engagierte sich schriftstellerisch mit Leidenschaft für die Bewegung Junges Deutschland, mit dem Ziel der Verbreitung der Demokratie als Voraussetzung der Freiheit. Seine 1830 bis 1834 in der Korrespondenz mit Jeanette Wohl entstandenen Briefe aus Paris leiteten aus der Pariser Julirevolution die Notwendigkeit einer Revolution in Deutschland ab. Diese Schriften, wie auch seine Metternich-kritische Zeitschrift Die Wage wurden verboten. Auch gegen Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Menzel und Heinrich Heine (mit dem er zunächst befreundet war) verfasste er kritische Schriften. Er bemühte sich um eine deutsch-französische Freundschaft.

Ludwig Börne starb im Februar 1837 in Paris…
(ebenda)

Die sich ab 1830 in Frankreich bildende Emigrantenszene war gespalten und der Streit zwischen den Lagern Heine und Börne auch nach dessen Tod noch aktuell. Marx ergriff trotz aller Seelenverwandtschaft mit Börne die Partei Heines, was Mehring zu einem tiefsinnigen Begründung veranlasst.

In Heine sah Marx aber zudem nicht nur den Dichter, sondern auch den Kämpfer. In dem Streit zwischen Börne und Heine, der in jener Zeit sich zu einer Art Prüfstein der Geister ausgebildet hatte, trat er mit aller Entschiedenheit für Heine ein. ... Durch den Lärm über Heines angeblichen Verrat, durch den sich selbst Engels und Lassalle, beide freilich in sehr jungen Jahren, anfechten ließen, ist Marx niemals beirrt worden. »Wir brauchen ja wenige Zeichen, uns zu verstehen«, schrieb Heine einmal an ihn, um das »verworrene Gekritzel« seiner Handschrift zu entschuldigen, aber das Wort hatte einen tieferen Sinn als den äußerlichen, worin es gemeint war.

So abgeschmackt, fade und kleinlich habe er sich Börne doch nicht vorgestellt, meinte Marx gegenüber den heimlichen Klatschereien, die Börne schon gegen Heine verbreitet hatte, als beide noch Schulter an Schulter standen, und die Börnes literarische Erben unklug genug waren, aus dessen Nachlaß zu veröffentlichen. An dem unbestreitbar ehrlichen Charakter des Klätschers würde Marx deshalb doch nicht gezweifelt haben, wenn er über den Streit geschrieben hätte, wie es seine Absicht war. Es gibt im öffentlichen Leben nicht leicht ärgere Jesuiten als die beschränkten und buchstabengläubigen Radikalen, die im fadenscheinigen Mantel ihrer Tugendhaftigkeit vor keinen Verdächtigungen der feineren und freieren Geister zurückscheuen, denen es gegeben ist, die tieferen Zusammenhänge des geschichtlichen Lebens zu erkennen. Marx hat es immer mit diesen gehalten, niemals mit jenen, zumal da er die tugendsame Rasse aus eigener Erfahrung gründlich kannte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm#Kap_5

Nun ja, wir beschäftigen uns hier auch gerade mit den Verdächtigungen dieser „feineren und freieren Geister“ und wollen uns da nicht beirren lassen, gerade wenn uns das Material dazu so reichlich vor Augen kommt und wir doch auch in der Lage sein wollen, diese „tieferen Zusammenhänge des geschichtlichen Lebens zu erkennen“.

Neben der deutschen Emigrantenszene in Paris gab es noch die jungen russischen Aristokraten, die überwiegend keine Revolution planten, aber im Hinblick auf ihre zukünftige Position im Zarenreich für Agenten aller westeuropäischen Regierungen interessant sein mussten.

In späteren Jahren hat Marx von »russischen Aristokraten« gesprochen, die ihn in seinem Pariser Exil auf Händen getragen hätten, freilich mit dem Hinzufügen, das sei nicht hoch anzuschlagen gewesen. Die russische Aristokratie werde auf deutschen Universitäten erzogen und verlebe in Paris ihre Jünglingszeit. Sie hasche immer nach dem Extremsten, was der Westen liefere; das hindere aber dieselben Russen nicht, Halunken zu werden, sobald sie in den Staatsdienst getreten seien. Marx scheint dabei an einen Grafen Tolstoi, einen heimlichen Agenten der russischen Regierung, oder sonst wen gedacht zu haben; nicht jedoch hat er dabei ein Auge gehabt oder konnte ein Auge haben auf den russischen Aristokraten, auf dessen geistige Entwicklung er in jenen Tagen großen Einfluß gehabt hat: nämlich Michail Bakunin. Dieser hat sich dazu noch in einer Zeit bekannt, wo sich die Wege beider Männer weit getrennt hatten; auch in dem Streit zwischen Marx und Ruge nahm Bakunin sehr entschieden Partei, für Marx und gegen Ruge, der bis dahin sein Beschützer gewesen war.
(Mehring, ebenda)

Sonst mag Marx eine Pfeife gewesen sein, aber die hohe Kunst der Täuschung seiner Freunde, wie hier nun des Bakunin, der dabei die Unterstützung durch Ruge verlor, war sein wahres Genie. Natürlich dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Marx über genug Finanzen für solche Zwecke verfügte. Bakunin lebte zeitweise ziemlich in Not und Elend und da macht die Hoffnung auf einen finanziell gut gestellten Freund schnell unvorsichtig.

Beim „heimlichen Agenten der russischen Regierung“, dem Leo Tolstoi, hatte Marx im September 1844 den gerade nach Paris gekommenen Friedrich Engels eingeführt:

Er trifft sich häufig mit Bakunin und verkehrt in den eleganten Salons der liberalen russischen Adligen. Er nimmt an einem „demokratischen Bankett“ teil, gemeinsam mit Ruge und Louis Blanc, Bakunin und dem russischen Gutsbesitzer Grigorij Michailowitsch Tolstoi, bei dem er Anfang September Engels einführt; der Graf Tolstoi führte ein großes Haus, besaß außer seiner Wohnung noch ein >Hotel de Ville< in der Rue Mathurin, in dem er glanzvolle Empfänge für die Diplomatie gab – einmal mehr zeigt sich Marx` Hang, in gesellschaftlichen Kreisen, in Salons zu verkehren. Aber er besucht auch die kommunistischen Geheimbünde, ohne sich zu ihnen zu zählen.
Raddatz, a.a.O. S. 69/70

Hellmann
25.09.2008, 10:26
Im Streit zwischen den politischen Lagern spielte nun der in Paris seit Januar 1844 erscheinende „Vorwärts!“ eine wichtige Rolle, über dessen Hintergründe wir durch Mehring gleich gehörig aufgeklärt werden:

In Paris erschien seit Neujahr 1844, zweimal in der Woche, der »Vorwärts!«, der nicht eben den feinsten Ursprung hatte. Ein gewisser Heinrich Börnstein, der in Theater- und sonstigen Reklamegeschäften machte, hatte ihn für die Zwecke seines Geschäftsbetriebs gegründet, und zwar mit einem reichlichen Trinkgelde, das ihm der Komponist Meyerbeer gespendet hatte; man weiß ja aus Heine, wie sehr dieser königlich-preußische Generalmusikdirektor, der mit Vorliebe in Paris lebte, auf eine weitverzweigte Reklame versessen und auch wohl angewiesen war. Als geriebener Geschäftsmann hing Börnstein dem »Vorwärts!« aber ein patriotisches Mäntelchen um und ließ das Blatt von Adalbert von Bornstedt redigieren, einem ehemals preußischen Offizier und nunmehrigen Allerweltsspitzel, der sowohl »Konfident« Metternichs war als auch von der Berliner Regierung bezahlt wurde. In der Tat wurden die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« sofort nach ihrem Erscheinen vom »Vorwärts!« mit einer Schimpfsalve begrüßt, von der schwer zu sagen ist, ob sie alberner oder pöbelhafter war.

Bei alledem aber wollte das Geschäft nicht glücken. Im Interesse einer fingerfertigen Übersetzungsfabrik, die Börnstein eingerichtet hatte, um neue Stücke der Pariser Bühne mit unglaublicher Fixigkeit an die deutschen Theaterdirektionen zu vertreiben, mußte er die jungdeutschen Dramatiker auszustechen suchen, und wieder, um diesen Zweck bei den nun einmal rebellisch gewordenen Spießern zu erreichen, mußte er einiges vom »gemäßigten Fortschritt« faseln und dem »Ultrawesen« nicht nur nach links, sondern auch nach rechts absagen. In derselben Notwendigkeit befand sich Bornstedt, wenn er die Flüchtlingskreise nicht kopfscheu machen wollte, in denen unverdächtig zu verkehren ja die Vorbedingung seines Sündensoldes war. Allein die preußische Regierung war so verblendet, daß sie ihre eigenen staatsretterischen Notwendigkeiten nicht begriff und den »Vorwärts!« in ihren Staaten verbot, worauf andere deutsche Regierungen das gleiche taten.
(Mehring, ebenda)

Man kann sicher annehmen, Mehring hat alles gewusst. Sobald es nicht direkt Marx betrifft, geht Mehring ohne Scheu und deutlichst zur Sache. Bei Marx pflegt er aber fast immer so tun, als wäre er von diesem „großen Revolutionär“ noch selber schwer beeindruckt gewesen.

An einigen Stellen müssen wir aber zwischen den Zeilen lesen, wie am Beispiel des oben zuletzt zitierten Satzes.

Allein die preußische Regierung war so verblendet, daß sie ihre eigenen staatsretterischen Notwendigkeiten nicht begriff und den »Vorwärts!« in ihren Staaten verbot, worauf andere deutsche Regierungen das gleiche taten.

Das Verbot des „Vorwärts!“ durch die preußische Regierung sollte nämlich eine wichtige Veränderung in Redaktion und Haltung des Blattes auslösen und ich kann nicht glauben, dass Mehring den Zusammenhang so schön dokumentiert, aber selber nicht begriffen habe. Die angeblich verblendete Entscheidung der preußischen Regierung führte zu folgenden Konsequenzen (wieder Mehring):

Bornstedt gab nun das Spiel im Anfang Mai als hoffnungslos auf, aber nicht so Börnstein. Er wollte seine Geschäfte machen, so oder so, und sagte sich mit der Kaltblütigkeit eines geriebenen Spekulanten, daß der »Vorwärts!«, wenn er nun einmal in Preußen verboten bleiben solle, auch alle Würze eines verbotenen Blattes erhalten müsse, so daß es dem preußischen Spießbürger lohne, ihn auf Schleichwegen zu beziehen. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als ihm der jugendliche Heißsporn Bernays einen gepfefferten Artikel für den »Vorwärts!« anbot, und nach einigem Geplänkel erhielt Bernays die redaktionelle Leitung des Blatts an der Stelle Bornstedts. Nunmehr beteiligten sich auch andere Flüchtlinge am »Vorwärts!«, aus jeglichem Mangel an einem andern Organ, unabhängig von der Redaktion und jeder auf eigene Verantwortung.

Es kam natürlich wieder zu Streit zwischen Marx und Ruge, der angeblich durch Ruge veranlasst worden sei.

Unter den ersten befand sich Ruge. Auch er plänkelte erst unter seinem Namen mit Börnstein, wobei er sogar, als wäre er noch völlig einverstanden mit Marx, dessen Aufsätze in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« er verteidigte. Ein paar Monate darauf veröffentlichte er zwei neue Artikel, ein paar kurze Bemerkungen über die preußische Politik und einen langen Klatschartikel über die preußische Dynastie, worin vom »trinkenden König« und der »hinkenden Königin«, von ihrer »rein spirituellen« Ehe usw. gesprochen wurde, beide aber nicht mehr unter seinem Namen, sondern mit der Unterschrift: Ein Preuße, was auf Marx als Verfasser hindeutete.
(Mehring, ebenda)

Was mich nicht überzeugt, denn Rheinländer sind keine Preußen und den auf Rügen geborenen Ruge nach einem seiner letzten Aufenthalte als Sachsen zu bezeichnen, ist an den Haaren herbei gezogen. Aber der nun von Marx folgende Angriff gegen Ruge im „Vorwärts!“ soll damit begründet sein.

In der Sache handelte es sich um den schlesischen Weberaufstand von 1844, den Ruge als eine gleichgültige Sache behandelt hatte; ihm habe die politische Seele gefehlt und ohne eine politische Seele sei eine soziale Revolution unmöglich. Was Marx dagegen einwandte, hatte er im Grunde schon im Aufsatze zur Judenfrage gesagt. Die politische Gewalt kann keine sozialen Übel heilen, weil der Staat nicht Zustände aufheben kann, deren Produkt er ist.

Was im letzten Satz so tief philosophisch daherkommt, ist ein für die praktischen Interessen der Arbeiter ganz heimtückische Fallgrube von Marx. Behauptet er damit doch allen Ernstes, dass der Staat zur Besserung der sozialen Zustände grundsätzlich nicht fähig wäre.

Das ist die Linie, auf der später Ferdinand Lassalle mit seinem „ehernen Lohngesetz“ dem Publikum einreden wird, dass Gewerkschaften zur Hebung der Löhne nicht imstande seien, weil die Löhne immer nach seinem „ehernen Lohngesetz“ um das Existenzminimum schwanken müssten.

Marx wandte sich scharf gegen den Utopismus, indem er sagte, daß sich der Sozialismus nicht ohne Revolution ausführen lasse, aber er wandte sich nicht minder scharf gegen den Blanquismus, indem er ausführte, daß der politische Verstand den sozialen Instinkt betrüge, wenn er durch kleine nutzlose Putsche vorwärts zu kommen suche. Mit epigrammatischer Schärfe erklärte Marx das Wesen der Revolution: »jede Revolution löst die alte Gesellschaft auf; insofern ist sie sozial. Jede Revolution stürzt die alte Gewalt; insofern ist sie politisch.« Die soziale Revolution mit einer politischen Seele, die Ruge verlange, sei sinnlos, dagegen vernünftig sei eine politische Revolution mit einer sozialen Seele.

Das bekannte Geschwalle, das letztlich nur die Leute spalten und jeden abwerten soll, der irgendwo etwas gegen die herrschenden Verhältnisse zu unternehmen beabsichtigt, jeweils zur Not pseudophilosophisch begründet.

Die allseitige Teilnahme für die Weber machte Marx gegen die Unterschätzung des Aufstandes durch Ruge geltend, »aber der geringe Widerstand der Bourgeoisie gegen soziale Tendenzen und Ideen« täuschte ihn nun doch nicht. Er sah voraus, daß die Arbeiterbewegung die politischen Antipathien und Gegensätze innerhalb der herrschenden Klassen ersticken und die ganze Feindschaft der Politik gegen sich lenken werde, sobald sie eine entschiedene Macht erlangt habe. Marx deckte den tiefsten Unterschied zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Emanzipation auf, indem er jene als ein Produkt gesellschaftlichen Wohlbefindens, diese als ein Produkt gesellschaftlicher Not nachwies.
(Mehring, ebenda)

Hirnerweichend, aber Ruge ist Marx wichtiger als alle Weber.

Die Isolierung vom politischen Gemein-, vom Staatswesen sei die Ursache der bürgerlichen, die Isolierung vom menschlichen Wesen, vom wahren Gemeinwesen des Menschen, sei die Ursache der proletarischen Revolution. Wie die Isolierung von diesem Wesen unverhältnismäßig allseitiger, unerträglicher, fürchterlicher, widerspruchsvoller sei als die Isolierung vom politischen Gemeinwesen, so sei ihre Aufhebung, selbst als partielle Erscheinung wie in dem schlesischen Weberaufstande, um so viel unendlicher, wie der Mensch unendlicher sei als der Staatsbürger und das menschliche Leben als das politische Leben.

Wer so formuliert, ist der richtige Mann als großer Vordenker der politischen Organisation der Arbeiterklasse – für Regierung und Polizei im Kapitalismus. Wer noch nicht durch die herrschenden Verhältnisse um den Verstand gebracht wurde, wird es mit solchem hegelianischen Geschwurbel zuletzt doch noch.

In Auszügen:

Hieraus ergibt sich, daß Marx über diesen Aufstand ganz anders urteilte als Ruge…

Im Anschluß daran erinnerte Marx an die genialen Schriften Weitlings…

Womit wir bei den auf Ruge, Herwegh und Bakunin folgenden Opfern des frühen „Marxismus“ wären:

Die »anderthalb Handwerksburschen«, auf die Ruge verächtlich herabsah, während Marx sie eifrig studierte, waren im Bunde der Gerechten organisiert, der sich während der dreißiger Jahre im Anschluß an die französischen Geheimbünde entwickelt hatte und in deren letzte Niederlage im Jahre 1839 verwickelt worden war. Es war ihm insofern zum Heil gewesen, als sich seine versprengten Elemente nicht nur in dem alten Mittelpunkte Paris wieder gesammelt, sondern auch den Bund nach England und der Schweiz verbreitet hatten, wo ihm die Vereins- und Versammlungsfreiheit breiteren Spielraum bot, so daß diese Absenker sich kräftiger entwickelten als der alte Stamm. Die Pariser Organisation stand unter der Leitung des Danzigers Hermann Ewerbeck, der, wie er Cabets Utopie ins Deutsche übersetzte, auch noch in Cabets moralisierendem Utopismus befangen war. Ihm geistig überlegen erwies sich Weitling, der die Agitation in der Schweiz leitete, und mindestens an revolutionärer Entschlossenheit wurde Ewerbeck auch durch die Londoner Führer des Bundes übertroffen, den Uhrmacher Josef Moll, den Schuhmacher Heinrich Bauer und Karl Schapper, einen ehemaligen Studenten der Forstwissenschaft, der sich bald als Schriftsetzer, bald als Sprachlehrer durchs Leben schlug.
(Mehring, ebenda)

Die Genannten werden bald alle selbst den Hass des Karl Marx und seine Zerstörungswut gegenüber ihrer erfolgreichen Organisation zu spüren bekommen. Mit der Kritik an Hermann Ewerbeck in Paris ging es ja schon los, als Weitling von Marx noch über den grünen Klee gelobt wurde.

Hellmann
25.09.2008, 10:47
Vorher musste aber noch einmal ein neuer Streit gegen Bruno Bauer geführt werden, der eine eigene Zeitung auf die Beine gebracht hatte.

Von dem »imponierenden Eindruck« dieser »drei wirklichen Männer« wird Marx zuerst durch Friedrich Engels gehört haben, der ihn im September 1844 bei einer Durchreise in Paris aufsuchte und zehn Tage mit ihm verkehrte. Sie fanden nun vollauf die weitgehende Übereinstimmung ihrer Gedanken bestätigt, die schon ihre Beiträge zu den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« verraten hatten. Gegen diese Auffassung hatte sich inzwischen ihr alter Freund Bruno Bauer in einer von ihm gegründeten »Literaturzeitung« gekehrt, und seine Kritik kam just während ihres Zusammenseins zu ihrer Kenntnis. Sie entschlossen sich kurzer Hand, ihm zu antworten, und Engels schrieb sofort nieder, was er zu sagen hatte. Marx aber ging nach seiner Weise tiefer auf die Sache ein, als ursprünglich beabsichtigt war, und stellte in angestrengter Arbeit während der nächsten Monate zwanzig Druckbogen her, mit deren Abschluß im Januar 1845 zugleich sein Aufenthalt in Paris abschloß.

Ein ganzes Buch noch einmal gegen den alten Freund Bruno Bauer; es war wohl nur der Hass auf ehemalige „Freunde“, der Marx so zum Schreiben motivieren konnte.

Oder wie Raddatz schreibt:

Marx war ablenkbar – durch Personen, durch vermeintliche Intrigen, durch Attacken. Und indem er denen begegnete, entwickelte er die eigenen Positionen; wenn er einen Gegner >aufs Korn nahm< präzisierte er sich.
Raddatz, S. 71

Der Vernichtung talentierter, erfolgreicher, von Marx getäuschter und betrogener ehemaliger „Freunde“ galt seine ganze Energie.

Friedrich Engels, ein anderer Charakter und beeindruckender Kopf, der hier aber nicht das Thema werden soll, hatte im „Vorwärts!“ vom 31. August 1844 seinen Artikel über „Die Lage Englands, Teil I“ veröffentlicht, der hier nachzulesen ist:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_550.htm

Zwischen dem 18. September und dem 19. Oktober 1844 folgte auf sieben Ausgaben aufgeteilt „Die Lage Englands, Teil II“:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_569.htm

Unter gleichem Titel hatte Engels schon in den Jahrbüchern eine Besprechung des Buches „Past and Present“ von Thomas Carlyle (1843) über die soziale Lage Englands veröffentlicht:

http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_525.htm

Zum gleichen Thema hat Friedrich Engels dann 1845 in Leipzig sein Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ publiziert.

http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_225.htm

Durchaus lesenswert als Kontrast zu Marx.

Wir verdanken Friedrich Engels auch eine Schilderung der erfolgreichen Arbeit der Sozialisten in England und der breiten Diskussion kommunistischer Vorstellungen unter den Arbeitern:

Während die englische Hochkirche praßte, haben die Sozialisten für die Bildung der arbeitenden Klassen in England unglaublich viel getan; man kann sich anfänglich nicht genug wundern, wenn man die gemeinsten Arbeiter in der Hall of Science über den politischen, den religiösen und sozialen Zustand mit klarem Bewußtsein sprechen hört; aber wenn man die merkwürdigen Volksschriften aufspürt, wenn man die Lektürers der Sozialisten, z.B. den Watts in Manchester hört, so nimmt es einen nicht mehr wunder. Die Arbeiter besitzen gegenwärtig in sauberen wohlfeilen Ausgaben die Übersetzungen der französischen Philosophie des verflossenen Jahrhunderts, am meisten den »Contrat social« von Rousseau, das »Système de la Nature« und verschiedene Werke von Voltaire, außerdem in Pfennig- und Zweipfennigbroschüren und Journalen die Auseinandersetzung der kommunistischen Grundsätze; ebenso sind die Ausgaben von Thomas Paine und Shelleys Schriften zu billigem Preise in den Händen der Arbeiter. Dazu kommen noch die sonntäglichen Vorlesungen, welche sehr fleißig besucht werden; so sah ich bei meiner Anwesenheit in Manchester die Kommunisten-Hall, welche etwa 3.000 Menschen faßt, jeden Sonntag gedrängt voll und hörte da Reden, welche unmittelbare Wirkung haben, in welchen dem Volke auf den Leib geredet wird, auch Witze gegen die Geistlichen vorkommen.
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_468.htm

Das würde dann mit dem Marxismus bald der Vergangenheit angehören; statt klarem Bewusstsein der politischen Zusammenhänge und Verhältnisse die sinnlose Werttheorie und geschraubte Dialektik.

Wie kommt es, daß man diesen ganzen Kram duldet? Aber einmal haben die Kommunisten sich unter dem Whigministerium eine Parlamentsakte verschafft und sich überhaupt damals so festgesetzt, daß man ihnen jetzt als Korporation nichts mehr tun kann. Zweitens würde man den hervorragenden Einzelnen sehr gerne zu Leib gehen, aber man weiß, daß dies nur zum Vorteil der Sozialisten ausschlüge, indem es die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie lenkt, wonach sie streben. Gäbe es Märtyrer für ihre Sache (und wie viele wären alle Augenblicke dazu bereit), so entstände Agitation; Agitation aber ist das Mittel, ihre Sache noch mehr zu verbreiten, während jetzt ein großer Teil des Volkes sie übersieht, indem es sie für eine Sekte wie eine andere hält; Gegenmaßregeln, wußten die Whigs sehr wohl, wirken kräftiger für eine Sache als Selbstagitation, daher gaben sie ihnen Existenz und eine Form; jede Form aber ist bindend. Die Tories schlagen hingegen etwa los, wenn die atheistischen Schriften zu arg ausfallen; aber jedesmal zum Nutzen der Kommunisten; im Dezember 1840 wurden Southwell und andere wegen Blasphemie gestraft; gleich erschienen drei neue Zeitschriften, eine »Der Atheist«, die andere »Der Atheist und der Republikaner«, die dritte, von dem Lektürer Watts herausgegeben: »Der Gotteslästerer«. Einige Nummern des »Gotteslästerers« haben großes Aufsehen erregt, und man studierte umsonst darauf, wie man diese Richtung unterdrücken könnte. Man ließ sie gehen, und siehe da, alle drei Blätter gingen wieder ein!

Drittens retten sich die Sozialisten wie alle die andern Parteien durch Gesetzumgehen und Wortklauben, was hier an der Tagesordnung ist.

So ist hier alles Leben und Zusammenhang, fester Boden und Tat, so nimmt hier alles äußere Gestalt an: während wir glauben etwas zu wissen, wenn wir die matte Elendigkeit des Steinschen Buches verschlucken, oder etwas zu sein, wenn wir da oder dort eine Meinung mit Rosenöl verduftet aussprechen.

In den Sozialisten sieht man recht deutlich die englische Energie; was mich aber mehr in Erstaunen setzte, war das gutmütige Wesen dieser, fast hätte ich gesagt Kerls, das aber so weit von Schwäche entfernt ist, daß sie über die bloßen Republikaner lachen, da die Republik ebenso heuchlerisch, ebenso theologisch, ebenso gesetzlich ungerecht sein würde als die Monarchie; für die soziale Reform aber wollen sie, samt Weib und Kindern, Gut und Blut einsetzen.
(Engels, ebenda)

Irgendwie scheint Engels nicht so ganz von Herzen begeistert vom Erfolg der Sozialisten und Kommunisten zu sein und bald würden die regen Aktivitäten der einfachen Arbeiter unter dem marxistischen Dogmengebäude mit seinen abstrusesten Thesen erstickt sein.

In der Zeitung „The New Moral World“ der von Robert Owen (http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Owen) in England geführten politischen Bewegung hatte Friedrich Engels übrigens noch im November 1843 einen Artikel über die politischen Verhältnisse in Deutschland und der Schweiz veröffentlicht, dem wir in einem Absatz entnehmen können, wie die staatsgefährdende Entwicklung der Linkshegelianer und der ersten kommunistischen Vereine des Weitling hätte weitergehen können, wenn – ja wenn sie sich nicht unter dem maßgeblichen Einfluss von Karl Marx alle miteinander systematisch zerstritten hätten. Wo Engels im folgenden Text für seine englischen Leser von einer „Partei“ schreibt, ist natürlich der Freundeskreis der Junghegelianer um die genannten Köpfe gemeint.

Bereits im August 1842 verfochten einige wenige in der Partei die Ansicht, daß politische Veränderungen unzureichend seien, und erklärten, daß ihrer Meinung nach eine soziale Revolution auf der Grundlage des Gemeineigentums der einzige gesellschaftliche Zustand sei, der sich mit ihren abstrakten Grundsätzen vertrüge. Doch sogar die Führer der Partei, wie zum Beispiel Dr. Bruno Bauer, Dr. Feuerbach und Dr. Ruge, waren damals nicht zu diesem entschiedenen Schritt bereit. Das politische Organ der Partei, die »Rheinische Zeitung«, veröffentlichte einige Abhandlungen, die den Kommunismus vertraten, jedoch ohne den erwünschten Erfolg. Indessen war der Kommunismus eine so notwendige Konsequenz der neuhegelianischen Philosophie, daß keine Opposition ihn niederhalten konnte; und im Verlauf dieses Jahres hatten seine Begründer die Genugtuung, einen Republikaner nach dem anderen sich ihren Reihen anschließen zu sehen. Außer Dr. Heß, einem Redakteur der jetzt verbotenen »Rheinischen Zeitung«, der in der Tat der erste Kommunist in der Partei war, gibt es jetzt noch viele andere, wie Dr. Ruge, Herausgeber der »Deutschen Jahrbücher«, der wissenschaftlichen Zeitschrift der Junghegelianer, die durch Beschluß des deutschen Reichstages verboten wurde, Dr. Marx, ebenfalls ein Redakteur der »Rheinischen Zeitung«, Georg Herwegh, der Dichter, dessen Brief an den König von Preußen im vergangenen Winter von den meisten englischen Zeitungen übersetzt wurde, und andere mehr, und wir hoffen, daß der Rest der republikanischen Partei nach und nach auch zu uns übergehen wird.
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_480.htm

Nun endet die Zeit in Paris mit einer weiteren „Abrechnung mit Bruno Bauer“ (Raddatz, s. 71) für die Friedrich Engels dem Autor Marx zur Publikation die »Literarische Anstalt Frankfurt am Main« mit ihrem Verleger J. Rütten besorgt, der auch noch 1000 Franc Honorar für das unverkäufliche Machwerk hinlegt.

Georg Jung findet >das Aufzählen der Unwichtigkeiten entsetzlich ermüdend<; Ruge spricht von einer >gehässigen und gemeinen Brühe< und belustigt sich über den >Tropf Engels, dem Bruno Bauer vor wenigen Monaten noch das Orakel war<, das plötzlich verlegt sei, dafür die Bauers dumme Jungen geworden sind. Sogar der eigene Verleger schrieb aus Frankfurt (Ruge hatte seinem Schweizer Associé Fröbel verboten, Bücher von Marx weiter zu drucken), das Buch sei … vielmehr >ohne fesselndes Interesse<. Das >zu große Ding< … fand so gut wie keine Beachtung.
Raddatz, a.a.O. S. 72

Wer sich das Machwerk selber anschauen will, kann das unter diesem Link tun:

Karl Marx-Friedrich Engels
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik
gegen Bruno Bauer und Konsorten

Geschrieben September bis November 1844.
Erstmals erschienen Ende Februar 1845.

http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_003.htm

Den Friedrich Engels hat Marx gegen dessen Sträuben für seinen eineinhalb Druckbögen umfassenden Beitrag mit auf den Titel gesetzt.

Auch Mehring lässt in seinem Urteil keinen Zweifel:

Das ist ihrer ersten gemeinsamen Schrift nicht förderlich gewesen, der »Kritik der kritischen Kritik«, wie sie selbst sie tauften, oder der »Heiligen Familie«, dem Namen, den sie ihr nach einem Vorschlage des Verlegers gaben. Die Gegner spotteten sofort, sie renne offene Türen ein, und auch Engels meinte, als er das fertige Buch erhielt, das Ding sei ganz famos, aber bei alledem zu groß; die souveräne Verachtung, womit die kritische Kritik behandelt werde, stehe zu den zweiundzwanzig Bogen der Schrift im argen Gegensatze; das meiste werde dem größeren Publikum unverständlich sein und auch nicht allgemein interessieren.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_095.htm

Der französische Außenminister Guizot, der dem Heinrich Heine beträchtliche Summen zahlte, hatte gegen den „Vorwärts!“ nach einem anstößigen Artikel über das Attentat des Bürgermeisters Tschech auf Friedrich Wilhelm IV. einschreiten müssen. Der verantwortliche Redakteur Bernays wurde wegen einer versäumten Kautionsstellung und „Aufforderung zum Königsmord“ zu zwei Monaten Haft und 300 Franc Geldstrafe verurteilt.

Die preußische Regierung beharrte aber auf der Ausweisung der Redakteure und Mitarbeiter der Zeitung.

Nach längeren Verhandlungen ließ sich der französische Minister endlich breitschlagen: wie man damals annahm und wie Engels noch in seiner Grabrede auf Frau Marx betont hat, durch die unschöne Vermittlung Alexander von Humboldts, der mit dem preußischen Minister des Auswärtigen verschwägert war. Neuerdings ist Humboldts Andenken von dieser Beschuldigung zu entlasten versucht worden durch die Angabe, daß die preußischen Archive nichts darüber enthielten. Das ist aber kein Gegenbeweis, denn erstens sind die Akten über die traurige Affäre nur unvollständig erhalten, und zweitens werden solche Dinge nie schriftlich abgemacht. Was wirklich Neues aus den Archiven beigebracht worden ist, beweist vielmehr nur, daß sich ein entscheidender Akt hinter den Kulissen abgespielt hat. In Berlin war man am wütendsten auf Heine, der elf seiner schärfsten Satiren auf die preußische Wirtschaft und namentlich auch auf den König im »Vorwärts!« veröffentlicht hatte. Aber auf der andern Seite war Heine für Guizot der kitzlichste Punkt der kitzlichen Sache.
(Mehring, ebenda)

Was Mehring hier zu der Regel schreibt, dass „solche Dinge nie schriftlich abgemacht“ werden, gilt natürlich nicht nur für einen Schwager des preußischen Außenministers Alexander von Humboldt. Sondern selbstverständlich wird jeder Minister brauchbare Mitglieder seiner Familie für besonders delikate Angelegenheiten einspannen, gerade weil es darüber und die dazu fließenden Gelder später keine Unterlagen in den Archiven geben soll.

Heine blieb unbehelligt, dagegen erging gegen eine Reihe anderer deutscher Flüchtlinge, die für den »Vorwärts!« geschrieben hatten oder im Verdacht standen, es getan zu haben, am 11. Januar 1845 der Ausweisungsbefehl; unter ihnen Marx, Ruge, Bakunin, Börnstein und Bernays. Ein Teil von ihnen rettete sich: Börnstein, indem er sich verpflichtete, auf die Herausgabe des »Vorwärts!« zu verzichten, Ruge, indem er sich beim sächsischen Gesandten und bei französischen Deputierten die Stiefel ablief, um zu versichern, ein wie loyaler Staatsbürger er sei. Für dergleichen war Marx natürlich nicht zu haben; er siedelte nach Brüssel über.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_064.htm

Hellmann
25.09.2008, 16:13
Brüssel und neuer Streit gegen alte Freunde


Einzig Marx war der französischen Ausweisungsordre gefolgt und ging nach Brüssel. Dabei hatte er offiziell mit dem Artikel, in dem der „Vorwärts!“ bedauert hatte, dass bei dem Attentat auf den preußischen König kein besserer Schütze war, nichts und außer einem namentlich gezeichneten Artikel und wenig beachteten anonymen Beiträgen überhaupt wenig mit dieser Zeitung zu tun gehabt.

Marx hat die Versammlungen von Handwerksburschen besucht und wird in einem Bericht an die preußische Geheimpolizei, den Raddatz zitiert, sogar an erster Stelle dieser gefährlichen Kommunisten genannt; ob Marx den Spitzelbericht selber verfasst hat?

Es ist ein wirklich bejammernswerter Zustand, … wenn man hier sieht, auf welche Weise einige Intriganten die armen deutschen Handwerker irreführen, nicht bloß die Arbeiter, sondern auch junge Kaufleute, Kommis usw. in den Kommunismus zu ziehen suchen. Alle Sonntage versammeln sich die deutschen Kommunisten vor der Barrière du Trone in einem Saal eines Weinhändlers auf der Chaussée, wenn man aus dem Tore kommt, rechts das zweite oder dritte Haus, Avenue de Vincennes.

Das klingt schon etwas komisch für einen professionellen Polizeispitzel, erst fast philosophische Betrachtungen anzustellen, den Namen des Weinhändlers nicht ermittelt zu haben, selbst wenn es keine Hausnummern gab und man sich streiten konnte, ob es sich bei den durcheinander oder ineinander gebauten Häusern um das zweite oder dritte Haus handelt, eine derartige Beschreibung der Lokalität an seine Auftraggeber zu senden.

Hier kommen oft 30, oft 100, 200 deutsche Kommunisten zusammen; sie haben den Saal gemietet. Es werden Reden gehalten, offen Königsmord, Abschaffung allen Besitzes, herunter mit den Reichen usw. gepredigt; dabei keine Religion mehr, kurz, der krasseste abscheulichste Unsinn.

Allein die Interpunktion - ein Polizeispitzel oder gar nur ein besorgter einfacher Bürger, dessen Schreiben an die Polizei so in die Geheimakten kommt, der seine Sätze auch mal mit „;“ trennt, ist gelinde gesagt: sehr ungewöhnlich – wenn uns nicht Auguste Cornu, aus dessen Buch „Karl Marx und Friedrich Engels“ der Text von Raddatz zitiert wurde, hiermit einen Bären aufgebunden hat.

Ganz dreist kommt es aber zuletzt.

Ich könnte junge Deutsche nennen, die von achtbaren Eltern dort Sonntags hingeführt und verdorben werden. Die Polizei muß wissen, daß so viele Deutsche sich dort jeden Sonntag versammeln; sie weiß aber vielleicht nicht, welches der politische Zweck ist. Ich schreibe Ihnen dies in aller Eile, damit die Marx, Hess, Herwegh, A. Weil, Börnstein nicht fortfahren, also junge Leute ins Unglück zu stürzen.
(zitiert nach Raddatz, a.a.O. S. 76)

Das erinnert an den ehemals von Marx geschriebenen Artikel, in dem Marx allein für das Verbot der „Rheinischen Zeitung“ verantwortlich gemacht wurde.

Jedenfalls sei also ein Polizeikommissar in Paris bei Marx mit dem Ausweisungsbefehl erschienen, nach dem der Paris binnen 24 Stunden zu verlassen hatte, während seine Frau Jenny noch Zeit hatte, die Möbel und Wäsche zu verkaufen.

In Brüssel wird gleich ein Haus gemietet, im Mai zieht die Familie Marx schon in ein noch besseres. Geld ist genug vorhanden:

Jung schickt aus Köln 750 Franc (schon in der Pariser Zeit hatte Marx über 4000 Franc aus Köln bekommen). Bis auf die 1500 Franc von Leske, Vorschuß für ein Buch, das nie geschrieben wurde, verdiente Marx in den drei Brüsseler Jahren, in denen die Familie auf sieben Köpfe anwachsen sollte, keinen Centime eigenes Geld. Der erste Brief an Engels, der überhaupt erhalten ist, fleht um Unterstützung…
(Raddatz, S. 79)

Anscheinend floss also genug Geld, man bemüht dafür nur nicht mehr „Freunde“ in Köln oder geschäftswidrig mit Geld um sich werfende Verleger wie diesen Leske, der ungeschriebene Bücher eines völlig unbekannten Autors mit Höchsthonoraren finanziert. In Zukunft wird meist Engels als Geldgeber genannt, der verglichen mit Marx selber aber eher sparsam lebte und ein merkwürdiges Verständnis für die Verschwendungssucht seines Freundes gehabt haben müsste.

Anfang April 1845 war auch Engels nach Brüssel übersiedelt und beide treten zuerst einmal eine größere Reise nach England an.

Im Frühjahr 1845 kam auch Engels nach Brüssel, und die Freunde machten eine gemeinsame Studienreise nach England, die sich auf sechs Wochen ausdehnte. Auf ihr gewann Marx, der schon in Paris begonnen hatte, sich mit MacCulloch und Ricardo zu beschäftigen, tiefere Einblicke in die ökonomische Literatur des Inselreichs, wenn er nur auch erst »die in Manchester aufzutreibenden Bücher« einsehen konnte, neben den Auszügen und Schriften, die Engels besaß. Engels, der schon bei seinem ersten Aufenthalt in England sowohl für die »New Moral World«, das Organ Owens, wie für den »Northern Star«, das Organ der Chartisten, gearbeitet hatte, frischte die alten Beziehungen auf, und so wurden auch von beiden Freunden neue Verbindungen angeknüpft, mit den Chartisten sowohl wie mit den Sozialisten.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Es würde hier zu weit führen, die britische Industrie- und Handelspolitik im Zusammenhang mit dem deutsch-britischen Textilunternehmen der Familie Engels zu erörtern.

Allerdings zum tieferen Verständnis kurz wenige Sätze zu dem berüchtigten Ökonomen Jean Baptiste Say, von dem das bekannte Saysche Theorem stammt, wonach es keine Absatzkrisen geben könne, was anlässlich geldpolitisch verursachter Wirtschaftskrisen immer wieder gern dem Publikum versichert wird:

Die Vorfahren Says waren Hugenotten aus Nîmes und mussten nach Genf fliehen, von wo sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts nach Lyon zurückkehrten. Jean-Baptistes Vater war im Textilgewerbe tätig. Die Erziehung der Kinder (Jean-Baptiste hatte mehrere Geschwister) erfolgte im Sinn der Aufklärung...

Nachdem Say im elterlichen Geschäft erste berufliche Erfahrungen sammeln konnte, ging er gemeinsam mit seinem Bruder Horace im Jahr 1785 nach England. Die beiden erlebten dort die industrielle Revolution, die bei Say einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Nicht zuletzt war es ihm durch die erworbenen Englischkenntnisse später auch möglich das Werk Wohlstand der Nationen (1776) von Adam Smith zu lesen.
Trotz Vorliebe für die Literatur, nahm Say nach der Rückkehr nach Frankreich eine Stelle bei einer Versicherung an. Im Jahr 1789 veröffentlichte er Texte über die Pressefreiheit.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Say

Die Hugenotten haben Frankreich gehasst und waren in Preußen und England genau darum gern geduldet, viele dürften politisch in Frankreich für die Interessen Englands tätig gewesen sein, wie gerade unser Say. Das Textilgewerbe war eine britische Spezialität, fast wie das „Enlightenment“ und wir finden beides gern zusammen bei den einschlägigen Leuten.
Say wurde zeitweise von Mirabeau beschäftigt und war Anhänger der französischen Revolution…

Nach einer Anstellung als Chefredakteur wurde er 1799 zum Mitglied des Tribunats im Finanzausschuss im Konsulat Napoléons ernannt.

Während die Wissenschaft zunächst Nebentätigkeit war, wurde Say durch Erscheinen des Traité d’économie politique (1803) auch über Frankreich hinaus berühmt. Es enthielt auch erstmals das berühmte Saysche Theorem. Mit seiner marktliberalen Position stand Say fortan in Opposition zu Napoléon, der aus kriegspolitischen Gründen den Handel einschränkte. Say verlor 1806 sein Amt als Tribun und wurde Opfer der Zensur.

Say ging nach Auchy les Hesdin (Pas-de-Calais), um sich eine Baumwollfabrik aufzubauen. Er beschäftigte mehrere hundert Mitarbeiter.
(ebenda)

Er soll die modernsten Maschinen aus England gehabt und die Armee Napoleons beliefert haben, was viele Kontakte und Informationen einbringt, für welche die Briten wieder Verwendung hatten.

Das erklärt vielleicht etwas, warum der Sohn eines erfolgreichen englisch-preußischen Textilfabrikanten ein Jahr vor dem Abitur vom Vater aus dem Gymnasium genommen wird und noch vor jeder politischen Idee für verschiedene Zeitungen zu schreiben beginnt, wie das „Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Leser“, die „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ und den „Telegraph“, um daraufhin ganz zielstrebig in politische Kreise einzudringen, in England wie in Deutschland. Im Normalfall haben Textilfabrikanten und deren Söhne für sowas keine Zeit, wenn es die „Geschäftsbeziehungen“ nach England nicht fordern.

Hellmann
25.09.2008, 16:28
Im Anschluss an die Reise nach England sollte es wieder einigen ehemaligen Freunden mit einem weiteren Buch an den Kragen gehen. Es geriet noch länger und trotz der Mitarbeit des Friedrich Engels noch ungenießbarer. Der Verlag in Westfalen hat es gar nicht erst in den Druck gehen lassen.

Nach dieser Reise machten sie sich zunächst wieder an eine gemeinsame Arbeit. »Wir beschlossen«, wie Marx später lakonisch genug gesagt hat, »den Gegensatz unsrer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen. Der Vorsatz ward ausgeführt in der Form einer Kritik der nachhegelschen Philosophie. Das Manuskript, zwei starke Oktavbände, war längst an seinem Verlagsort in Westfalen angelangt, als wir die Nachricht erhielten, daß veränderte Umstände den Druck nicht erlaubten. Wir überließen das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten - Selbstverständigung.«
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Mehring hat sich, weil das Werk so eindeutig missraten war, in seiner Kritik einmal kaum gezügelt:

War ihre gründliche und selbst allzu gründliche Abrechnung mit den Bauers schon eine harte Nuß für die Leser, so, wären diese zwei starken Bände von zusammen fünfzig Druckbogen noch eine viel härtere Nuß für sie gewesen. Der Titel des Werkes lautete »Die deutsche Ideologie, Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten«. Engels hat später aus der Erinnerung gesagt, die Kritik Stirners allein sei nicht weniger umfangreich gewesen als das Buch Stirners selbst, und die Proben, die inzwischen davon veröffentlicht worden sind, lassen diese Erinnerung als durchaus glaubhaft erscheinen. Es ist eine noch weitläufigere Überpolemik, als schon die »Heilige Familie« in ihren dürrsten Kapiteln aufzeigt, dafür sind die Oasen in der Wüste viel spärlicher gesäet, wenn sie auch keineswegs völlig fehlen. Und wo immer sich dialektische Schärfe zeigt, artet sie alsbald in Haarspaltereien und Wortklaubereien mitunter recht kleinlicher Art aus.

… eine Redewendung totzuhetzen, der Rede des Gegners durch buchstäbliche oder mißverständliche Deutung einen möglichst törichten Sinn unterzustellen, die Neigung zum Gesteigerten und Grenzenlosen im Ausdruck…
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Wer das so entstandene und erst vom Marx-Engels-Lenin-Institut, Moskau, 1932 veröffentlichte Werk selber beurteilen möchte:

Karl Marx

Die deutsche Ideologie

Kritik der neuesten deutschen Philosophie
in ihren Repräsentanten
Feuerbach, B. Bauer und Stirner
und des deutschen Sozialismus
in seinen verschiedenen Propheten

Geschrieben 1845-1846.

http://www.ml-werke.de/marxengels/me03_009.htm

Den Feuerbach hat man übrigens zur gleichen Zeit noch nach Brüssel locken wollen:

In seiner kecken Art hatte Engels schon von Barmen aus an Feuerbach geschrieben, um ihn für den Kommunismus zu werben. Feuerbach hatte freundlich, aber - wenigstens vorläufig - ablehnend geantwortet. Womöglich wolle er im Sommer an den Rhein kommen und dann wollte Engels ihm schon »beibringen«, daß er auch nach Brüssel müsse. Einstweilen schickte er Hermann Kriege, einen Schüler Feuerbachs, als »famosen Agitator« an Marx.
(Mehring, ebenda)

Nach Feuerbach, Bauer und Stirner sollte auch der ehemalige Gefährte und Sozialist Karl Grün im II. Band der „Deutschen Ideologie“ sein Fett abbekommen.

Der zweite Teil des geplanten Werks sollte sich mit dem deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten befassen, die »gesamte fade und geschmacklose Literatur des deutschen Sozialismus« kritisch auflösen.

Es waren damit Männer wie Moses Heß, Karl Grün, Otto Lüning, Hermann Püttmann und andere gemeint, die sich eine ganz ansehnliche, namentlich auch an Zeitschriften reiche Literatur geschaffen hatten: den »Gesellschaftsspiegel«, der vom Sommer 1845 bis zum Sommer 1846 als Monatsschrift erschien, dann die »Rheinischen Jahrbücher« und das »Deutsche Bürgerbuch«, von denen 1845 und 1846 je zwei Jahrgänge herauskamen, weiter »Das Westphälische Dampfboot«, eine Monatsschrift, die auch im Jahre 1845 begann, aber ihr Leben bis in die deutsche Revolution erstreckte, endlich einzelne Tagesblätter wie die »Trier'sche Zeitung«.
(Mehring, ebenda)

Wir erleben hier immer wieder das gleiche Phänomen, dass die beiden Figuren sich in die Kreise eindrängen und bald für Streit sorgen, natürlich immer unter dem Vorwand, die falschen Anschauungen der (ehemaligen) Freunde und Mitstreiter korrigieren und widerlegen zu müssen. Mit dem Ergebnis, dass all diese Unternehmungen sehr "kurzlebig" waren, wie es der Franz Mehring nennt:

Engels gab mit Moses Heß gemeinsam den »Gesellschaftsspiegel« heraus, in den auch Marx einen Beitrag stiftete. Mit Heß haben beide in der Brüsseler Zeit mannigfach zusammengearbeitet, und es hatte fast den Anschein, als habe er sich ganz in ihre Anschauungen eingelebt. Für die »Rheinischen Jahrbücher« hat Marx wiederholt um Heines Mitarbeit geworben, und wenn nicht von ihm, so hat diese Zeitschrift, ebenso wie das »Deutsche Bürgerbuch«, die beide von Püttmann herausgegeben wurden, Aufsätze von Engels veröffentlicht.
Im »Westphälischen Dampfboot« haben Marx wie Engels mitgearbeitet; Marx hat hier das einzige Stück aus dem zweiten Teile der »Deutschen Ideologie« veröffentlicht, das bisher ans Tageslicht gekommen ist: eine gründlich scharfe Kritik einer feuilletonistischen Schrift, die Karl Grün über die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien veröffentlicht hatte.
(Mehring, ebenda)

So schaut das eigentlich immer aus, wenn Regierungsagenten eine oppositionelle Bewegung zersetzen. Die haben Geld, die haben Zeit, die sind immer zur Stelle bei jeder Zeitschrift und jedem sonstigen Vorhaben und bald gibt es Streit, wird von denen mal der Eine, dann der Andere angegriffen, abwechselnd in den verschiedenen Zeitschriften und Gruppierungen, bis alles auseinanderfällt.

In ihrem pädagogischen Bemühen um den »wahren« Sozialismus haben es Engels und Marx weder an Nachsicht noch an Strenge fehlen lassen. Im »Gesellschaftsspiegel« von 1845 hat Engels als Mitherausgeber dem guten Heß noch manches durchgehen lassen, was ihm selbst sehr gegen den Strich laufen mußte; im »Deutschen Bürgerbuch« von 1846 aber machte er den »wahren« Sozialisten doch schon die Hölle heiß… Die Rücksicht auf das Proletariat und die Massen bestimmte in erster Reihe die Stellung, die Marx und Engels zu dem »wahren« Sozialismus genommen haben. Wenn sie von all seinen Vertretern Karl Grün am heftigsten bekämpften, so nicht nur weil er in der Tat die meisten Blößen bot, sondern auch, weil er, in Paris lebend, unter den dortigen Arbeitern heillose Verwirrung anrichtete und auf Proudhon einen verhängnisvollen Einfluß gewann. Und wenn sie im »Kommunistischen Manifest« mit äußerster Schärfe und selbst mit deutlicher Anspielung auf ihren bisherigen Freund Heß vom »wahren« Sozialismus abrückten, so aus dem Grunde, weil sie damit eine praktische Agitation des internationalen Proletariats einleiteten.

Der Franz Mehring muß sich natürlich besonders dämlich stellen und Marx und Engels hier verteidigen, obwohl sie ganz offensichtlich mit System und Routine als Spalter und Saboteure und Streithansl in der politischen Szene unterwegs waren.

Die immer einmal wieder in diesem Zusammenhang erwähnten, im gleichen Jahr 1845 verfassten „Thesen über Feuerbach“ sind das schon bei anderen Gelegenheiten strapazierte hegelsche Geschwurbel; um nur die erste „These“ zu zitieren:

Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus - der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt - entwickelt.

Feuerbach will sinnliche - von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im "Wesen des Christenthums" nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der "revolutionären", "der praktisch-kritischen" Tätigkeit.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me03_005.htm

Leider hat Marx es dann doch nicht verstanden, seine Leser über die genaue Bedeutung der praktisch-kritischen Tätigkeit in der Dialektik des Verhältnisses von Subjekt und Objekt an sich und für sich in der subjektiven Praxis aufzuklären, um einmal zu zeigen, wie beliebig man derartigen Unsinn weiter zu spinnen vermag.

Das sind also die beiden Leuchten, an die geschäftstüchtige Verleger ihr Geld verschwendet haben sollten, in ihrer ganzen sinnlich-menschlichen Tätigkeit in der Form leerer Worte und aufbauschenden Geschwafels. Vielleicht fehlte den beiden ja auch ganz subjektiv jede persönliche Erfahrung mit der menschlich-sinnlichen Tätigkeit der wirklichen Arbeit in der Praxis.

Andererseits ist es unübersehbar, wie wirkungsvoll Marx und Engels mit ihren ausgeklügelten dogmatischen Streitereien die oppositionellen Gruppierungen und Freundeskreise verwirrt und lahmgelegt und auseinandergetrieben, den vielfältigen regierungskritischen Publikationen ein jähes Ende bereitet haben. Etwas dem Vergleichbares war durch die üblichen Maßnahmen von Zensur und Polizeiapparat nicht zu erreichen.

Hellmann
29.09.2008, 14:56
Der Bruch mit Weitling und Proudhon


Die Bedeutung der Handwerksgesellen für die Entstehung und Verbreitung der ersten sozialistischen Ideen hängt mit der alten Tradition der Wanderjahre zusammen.

Seit dem Spätmittelalter war die Zeit der Wanderschaft für deutsche Handwerker eine wichtige Voraussetzung für die spätere Meisterprüfung. Die Gesellen lernten bei ihren abwechselnden Meistern die verschiedenen Techniken ihres Handwerks und dessen unterschiedliche Traditionen in den verschiedenen Ländern, da auch der Aufenthalt im Ausland ein wichtiger Teil der Wanderzeit und der damit verbundenen Kenntnisse von fremden Ländern und allgemeiner Lebenserfahrung war.

Auf der Walz kamen die Gesellen in Kontakt mit politischen Emigranten, deren Ideen über die Wandergesellen wieder zurück nach Deutschland neue Anhänger fanden. Dem kam noch der Umstand zugute, dass die Gesellen überall organisiert waren, so dass die Neuankömmlinge durch die bereits länger Anwesenden Hilfen und Informationen bekamen und dabei eine gewisse Tradition schon bestand, sich insgeheim zu organisieren und auch Informationen auszutauschen, von denen etwa die Meister nichts erfahren sollten; der beste Nährboden für die frühen sozialistischen Ideen und erste sozialistische Geheimbünde.

Wilhelm Weitling(1808-1871) war ein Schneidergeselle auf der Walz und schloß sich 1836 in Paris dem „Bund der Geächteten“ an. Diese 1834 entstandene frühsozialistische Organisation hatte ihren Namen daher, dass der 1832 von deutschen Emigranten und Handwerkern gegründete „Deutsche Volksverein“ 1834 in Frankreich verboten wurde. Der Bund mit etwa 500 Mitgliedern forderte soziale und politische Befreiung:

„Befreiung Deutschlands vom Joch schimpflicher Knechtschaft und Begründung eines Zustandes, der, soviel als menschliche Voraussicht vermag, den Rückfall in Knechtschaft verhindert. Die Erreichung dieses Hauptzweckes ist nur möglich bei Begründung und Erhaltung der sozialen und politischen Gleichheit, Freiheit, Bürgertugend und Volkseinheit, zunächst in den der deutschen Sprache und Sitte angehörenden Landesgebieten, sodann aber auch bei allen übrigen Völkern des Erdbodens"
http://de.wikipedia.org/wiki/Bund_der_Ge%C3%A4chteten

Unter dem Einfluss von Wilhelm Weitling spalteten sich 1836 etwa 400 Mitglieder in einen neuen „Bund der Gerechten“ ab, der weniger konspirativ, dafür stärker programmatisch und agitatorisch ausgerichtet war.

Mit seiner stark an christlichen Gerechtigkeitsvorstellungen orientierten Schrift „Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein sollte“ wurde Wilhelm Weitling der weithin bekannte und gerühmte Wortführer dieser Organisation.

Online hier nachzulesen: http://www.marxists.org/deutsch/referenz/weitling/1838/mensch/index.htm

Wegen seiner Beteiligung an dem von Auguste Blanqui 1839 geführten Aufstand gegen den „Bürgerkönig“ – „Roi Bourgeois“, also „König der Bourgeoisie“ trifft seinen bekannten Spruch „Enrichissez-vous“ eher - Louis-Philippe, der erst 1848 gestürzt wurde, musste 1839 die Zentrale des Bundes nach London verlegt werden.

Weitling vertrat im Gegensatz zur Genossenschaftsbewegung und den Franzosen Saint-Simon und Fourier einen eher klassenkämpferischen Standpunkt, nach dem die Interessen der Arbeiter und des Bürgertums unvereinbar seien und die politische Aufklärung der Arbeiter die Basis für die Durchsetzung ihrer Interessen sein würde.

Das klingt nach Marx und Engels, aber eben nicht nach weltfremd sinnlosen und hirnerweichend endlosen Theoriegeschwülsten wie „Dialektischer Materialismus“ und „Wertformanalyse“, womit die politische Aufklärung der Arbeiter wirkungsvoll sabotiert werden konnte.

Drei Jahre als Agitator und Organisator in der Schweiz waren die erfolgreichste Zeit Weitlings, bis mit dem Jahr 1844 die Repressionen gegen ihn und seinen Arbeiterbund einsetzen.

Die Ankündigung seiner nächsten Schrift brachte Weitling dann nicht nur die Verfolgung durch die Zürcher Polizei und die Verurteilung zu fast einem Jahr Gefängnis im ersten Kommunistenprozeß der Geschichte ein – sie fand und findet auch fast durchgängig die Mißbilligung der marxistischen Historiker. Die nehmen ihm übel, daß er unter dem Titel "Das Evangelium der armen Sünder" ans religiöse Gefühl appellierte und die Bibel kommunistisch interpretierte. Sie entdecken darin ein Abgleiten in den Irrationalismus, einen Wirklichkeitsverlust, der sich in den folgenden Jahren verstärkte. Manche Historiker sehen in Weitling gar einen Fall für die Psychiatrie. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, war jedenfalls nichts mehr mit ihm anzufangen, und das war im wesentlichen seine Schuld – so, pointiert formuliert, das immer noch vorherrschende Bild.
Tatsächlich dürfte Weitling nach seiner Haftentlassung zunächst Schwierigkeiten gehabt haben, mit der veränderten Situation zurechtzukommen. Zwar wurde er auf einem Meeting in London am 22. September 1844 als "Führer der deutschen Kommunisten" herzlich begrüßt. Doch die Diskussionen, die er bald darauf im Londoner Arbeiterbildungsverein führte, zeigten, daß seine Führungsrolle längst nicht mehr so unangefochten war, wie noch zwei Jahre zuvor…
http://www.hamarsiske.de/Artikel/Weitling-soz.html

Wir werden gleich an einigen Aussagen Weitlings zeigen, wie klar seine Sicht der Dinge im Gegensatz zu allen marxistischen Verleumdungen war.

Dass die Arbeiterbewegung an die sozialen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Menschenliebe der Heiligen Schriften anknüpft, musste das Besitzbürgertum wirklich fürchten, wie das Vorgehen gegen Weitling in der Schweiz beweist. Der marxistische Materialismus, der den Menschen als eine verbesserte Art von Maschine auffassen will, war dem Volk kaum zu vermitteln. Das Besitzbürgertum kannte genau die Leute, die ihm und seinen Interessen gefährlich werden konnten:

Weitling und Proudhon waren in den Tiefen der Arbeiterklasse geboren, gesunde und kräftige Naturen, reich begabt und von den Umständen so begünstigt, daß es ihnen wohl möglich gewesen wäre, zu jenen seltenen Ausnahmen zu gehören, von denen sich die Spießbürgerweisheit nährt, daß jedem Talent der arbeitenden Klasse der Aufstieg in die Reihen der besitzenden Klasse eröffnet sei. Beide haben diesen Weg verschmäht und freiwillig die Armut erwählt, um für ihre Klassen- und Leidensgenossen zu kämpfen.
Stattliche Männer, voll markiger Kraft, wie geschaffen für jeden Genuß des Lebens, legten sie sich die härtesten Entbehrungen auf, um ihren Zielen zu folgen. »Ein schmales Nachtlager, oft zu dreien im engen Zimmer, ein Stück Brett als Schreibtisch und mitunter eine Tasse schwarzen Kaffees« - so lebte Weitling, als sein Name bereits die Großen der Erde schreckte, und ähnlich hauste Proudhon, als sein Name schon europäischen Ruf hatte, »gekleidet in ein gestricktes wollenes Wams und an den Füßen die klappernden Holzschuhe«, in seinem Pariser Kämmerchen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Die warteten auch vergebens auf hohe „Spenden“ freigiebiger Freunde und hohe Verlegervorschüsse, obwohl sie im Gegensatz zu Marx die bevorschussten Bücher dann wohl abgeliefert hätten. Solche Männer waren eine klar erkannte Gefahr.

Gemeinsam war ihnen vor allem ihr Ruhm und ihr Verhängnis. Sie waren die ersten modernen Proletarier, die den historischen Beweis des Geistes und der Kraft lieferten, den historischen Beweis, daß die moderne Arbeiterklasse sich selbst befreien könne, die zuerst den fehlerhaften Kreis zerbrachen, worin sich Arbeiterbewegung und Sozialismus bewegten. Insoweit haben sie Epoche gemacht, insoweit ist ihr Schaffen und Wirken vorbildlich gewesen, hat es befruchtend auf die Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus gewirkt. Niemand hat die Anfänge Weitlings und Proudhons mit reicherem Lobe überschüttet als Marx.(Mehring, ebenda)

Anfangs 1846 hatten Marx und Engels das „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ in Brüssel, London und Paris gegründet, mit dem sie Verbindung zum „Bund der Gerechten“ und dessen Wortführern wie Weitling und Schapper aufnehmen konnten.

Das Brüsseler Komitee bildete gewissermaßen die Zentrale der Korrespondenz-Komitees, in ihm waren zum Beispiel Karl Marx, Wilhelm Wolff und Joseph Weydemeyer tätig. Zwischen Mai und Juni 1846 entstand ein weiteres Komitee in London, gebildet unter anderem von Joseph Maximilian Moll und Karl Schapper. Im August 1846 begab sich Engels nach Paris und bildete dort das Pariser Komitee, um im Auftrag des Brüsseler Komitees die Vorstellungen der Komitees unter dem „Bund der Gerechten“ zu verbreiten.

Auf den Londoner Konferenzen 1847, auf der sich der „Bund der Kommunisten“ formierte, für den Marx später das „Kommunistische Manifest“ verfasste, waren alle Komitees anwesend, für Paris Engels und für Brüssel Wolff.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistisches_Korrespondenz-Komitee

Kaum gegründet, dient das sogenannte Korrespondenz-Komitee von Marx und Engels gleich dem wichtigsten Ziel der Spaltung der Bewegung:

Ende März 1846 üben Marx und Engels in einer Sitzung des Brüsseler Komitees Kritik am „wahren Sozialismus“ Karl Grüns und am „Handwerks-Kommunismus“ von Wilhelm Weitling, der an der Sitzung teilnimmt, und mit dem es daraufhin zum Bruch kommt. Ebenso distanziert sich Moses Hess von ihnen, neben Marx und Engels ein Mitautor der Schrift „Die deutsche Ideologie“.
(wiki, ebenda)

Ein Brief von Weitling an Moses Hess vom 31. März 1844 dokumentiert den Ablauf der Sitzung und die Hintergründe und kann im Internet (wenn auch in englischer Übersetzung, Link folgt unten) nachgelesen werden.

Franz Mehring muß die Ereignisse hier gewaltig entstellen:

Seine Übersiedelung nach Brüssel war immerhin das Gescheiteste, was er tun konnte, denn wenn er geistig noch zu retten war, so war Marx der Mann, ihn zu heilen. Daß Marx ihn in gastlichster Weise willkommen geheißen hat, ist nicht nur von Engels bezeugt, sondern auch von Weitling selbst anerkannt worden. Aber eine geistige Verständigung erwies sich als unmöglich; in einer Versammlung Brüsseler Kommunisten, die am 30. März 1846 stattfand, stießen Marx und Weitling heftig aufeinander; daß Marx von Weitling aufs empfindlichste gereizt worden war, berichtet Weitling selbst in einem Brief an Heß.
(Mehring, ebenda)

Tatsache war, dass Marx den Wilhelm Weitling, dessen Schriften er ja gut genug kannte und bisher zur Täuschung und Umgarnung Weitlings und dessen Anhängerschaft zuhöchst gelobt hatte, jetzt mit einem Beschluss zur „richtigen“ Propaganda kommunistischer Vorstellungen gegen seine eigenen Positionen einschwören wollte.

Ich zitiere hier mal aus der englischen Übersetzung (Weitling an Hess):

1. An examination must be made of the Communist party.

2. This can be achieved by criticizing the incompetent and separating them from the sources of money.

3. This examination is now the most important thing that can be done in the interest of communism.

4. He who has the power to carry authority with the moneyed men also has the means to displace the others and would probably apply it.

5. “Handicraft communism” and “philosophical communism” must be opposed, human feeling must be derided, these are merely obfuscations. No oral propaganda, no provision for secret propaganda, in general the word propaganda not to be used in the future.

6. The realization of communism in the near future is out of the question; the bourgeoisie must first be at the helm.

7. Marx and Engels argued vehemently against me.
Weydemeyer spoke quietly. Gigot and Edgar did not say a word. Heilberg opposed Marx from an impartial viewpoint, at the very end Seiler did the same, bitterly but with admirable calm. I became vehement, Marx surpassed me, particularly at the end when everything was in an uproar, he jumping up and down in his office. Marx was especially furious at my resume. I had said: The only thing that came out of our discussion was he who finds the money may write what he pleases....

That Marx and Engels will vehemently criticize my principles is now certain. Whether or not I will be able to defend myself as I would like to do, I don’t know. Without money Marx cannot criticize and I cannot defend myself; nevertheless, in an emergency it may not matter that I have no money.
http://marx.org/archive/marx/works/1847/communist-league/1846let1.htm

Auf der Sitzung waren außer Marx und Engels noch dessen Schwager Edgar, der Bruder der Jenny Marx, anwesend, Pavel Annenkov, ein schweigsamer Russe, Joseph Weydemeyer, dessen gutmütige Unterstützung für die Publikation und Finanzierung des oben schon besprochenen, missratenen Werkes von Marx und Engels ihm bald besonders von Engels mit bösen Bemerkungen gedankt wurde, und drei weitere Personen, von denen einer, Sebastian Seiler, anscheinend von Marx und Engels vorgeschoben worden war, um die Streitfrage dieses Abends auf den Tisch zu bringen.

Wenn man den Brief Weitlings liest, kann man über seine klare Sicht der Machenschaften von Marx und Engels nur staunen angesichts seiner schwierigen persönlichen Lage – er war nämlich finanziell auf Zuwendungen von Marx selber angewiesen und es ging ja eben darum, dass eine Absage an jeglichen „Handwerkerkommunismus“ die Bedingung weiterer finanzieller Unterstützung sein sollte, was aber eben dieser Sebastian Seiler vorbringen musste.

Außerdem wurde die Unterstützung der Bourgeoisie gefordert, weil eine Revolution durch das Proletariat derzeit noch nicht zu erwarten sei.

Weitling war nicht bereit, seine Überzeugungen für Geld zu verraten:

In Marx’s brain, I see nothing more than a good encyclopaedia, but no genius. His influence is felt through other personalities. Rich men made him editor, voila tout. Indeed, rich men who make sacrifices have a right to see or have investigations made into what they want to support.
(ebenda)


Kurz darauf sollte Weitling von Marx und Konsorten dazu gebracht werden, ein „Zirkular“ gegen Hermann Kriege zu unterschreiben, der einst von Engels an Marx empfohlen worden war, als der sich vergebens um Feuerbach bemüht hatte, dem ja nur dieselben Fallen gestellt werden sollten.

… Einstweilen schickte er Hermann Kriege, einen Schüler Feuerbachs, als »famosen Agitator« an Marx.
(Mehring, ebenda)

Dieser „famose Agitator“ war inzwischen in den USA aktiv geworden und man wollte ihm die Möglichkeit nehmen, sich dort auf Gesinnungsfreunde in Europa zu berufen, man wollte ihn also diskreditieren.

Mehring stellt diese neuerliche Sauerei von Marx und Engels gegen einen ehemaligen Mitstreiter, in die man Wilhelm Weitling hinein zu ziehen beabsichtigte, als einen von Weitling betriebenen Bruch dar:

Wenige Tage darauf trieb es Weitling aber zum unheilbaren Bruch. Die amerikanische Propaganda Krieges hatte nicht die Hoffnungen erfüllt, die auch von Marx und Engels auf sie gesetzt worden waren. Der »Volks-Tribun«, eine Wochenschrift, die Kriege in New York herausgab, trieb in kindisch-pomphafter Weise eine phantastische Gefühlsschwärmerei, die mit kommunistischen Grundsätzen nichts zu tun hatte und die Arbeiter im höchsten Grade demoralisieren mußte. Noch schlimmer war, daß Kriege in grotesken Bettelbriefen von amerikanischen Millionären einige Dollars für sein Blatt zu schnappen suchte. Dabei gebärdete er sich als literarischer Vertreter des deutschen Kommunismus in Amerika, so daß für dessen wirkliche Vertreter aller Anlaß vorlag, gegen diese kompromittierende Gemeinschaft zu protestieren.

Einen solchen Protest unter eingehender Begründung in einem Rundschreiben an ihre Gesinnungsgenossen zu erheben und zunächst an Krieges Blatt zur Veröffentlichung einzusenden, beschlossen am 16. Mai Marx, Engels und ihre Freunde. Einzig und allein Weitling schloß sich aus unter nichtssagenden Vorwänden: »Der Volks-Tribun« sei ein kommunistisches Organ, das den amerikanischen Verhältnissen vollkommen entspreche; die kommunistische Partei habe in Europa so mächtige und zahlreiche Feinde, daß sie ihre Waffen nicht nach Amerika zu richten brauche, und am wenigsten gegen sich selbst. Daran ließ sich Weitling aber nicht genügen, sondern richtete noch einen Brief an Kriege, um ihn vor den Protestierenden als »ausgefeimte Intriganten« zu warnen. »Im Kopfe der ungeheuren geldbeschwerten Ligue von vielleicht zwölf oder zwanzig Mann spukt nichts als Kampf gegen mich Reaktionär. Ich kriege zuerst den Kopf heruntergeschlagen, dann die andern und zuletzt ihre Freunde und ganz zuletzt schneiden sie sich selbst den Hals ab ... Und diesem Treiben öffnen sich jetzt ungeheure Summen, für mich aber kein Verleger. Ich stehe von dieser Seite ganz allein mit Heß, aber Heß ist wie ich in die Acht erklärt.« Nunmehr gab auch Heß den verblendeten Mann auf.

Kriege druckte den Protest der Brüsseler Kommunisten ab, der danach auch von Weydemeyer im »Westphälischen Dampfboot« wiedergegeben wurde, fügte aber den Brief Weitlings oder doch dessen ärgste Stellen als Gegengift bei und veranlaßte die Sozialreform-Assoziation, eine deutsche Arbeiterorganisation, die seine Wochenschrift zu ihrem Organ erkoren hatte, Weitling als Redakteur zu berufen und ihm das nötige Reisegeld zu senden. So verschwand Weitling aus Europa.
(Mehring, ebenda)

Dass Hess den angeblich „verblendeten Mann“ aufgegeben habe, muß nicht viel besagen, weil Moses Hess von Marx gleich weiter bekämpft wurde, aber vielleicht eine Verständigung auf Kosten des in die USA emigrierten Weitling erhofft hatte.

Nach einem von Raddatz zitierten Bericht des oben erwähnten schweigsamen Russen Pavel Annenkow gab es im Hause der Familie Marx noch eine weitere Sitzung mit Angriffen auf Weitling:

Engels hatte seine Rede noch nicht beendet, als Marx den Kopf hob und sich direkt an Weitling mit der Frage wandte: >Sagen Sie uns doch, Weitling, der Sie mit Ihren kommunistischen Predigten in Deutschland so viel Lärm gemacht und der Sie so viele Arbeiter gewonnen haben, die dadurch Arbeit und Brot verloren, mit welchen Gründen rechtfertigen Sie ihre revolutionäre und soziale Tätigkeit, und worauf denken Sie dieselbe in Zukunft zu gründen?< Ich erinnere mich sehr genau an eben diese Form der schroffen Frage, weil mit ihr in dem kleinen Kreise eine heftige Diskussion begann, die übrigens, wie sich gleich zeigen wird, nicht lange andauerte…
...
Röte stieg in den bleichen Wangen Weitlings auf, und seine Sprache wurde lebhaft und frei. Mit vor Erregung zitternder Stimme begann er zu beweisen…daß er, Weitling, sich den heutigen Angriffen gegenüber mit der Erinnerung an jene Hunderte von Briefen und Erklärungen der Dankbarkeit tröste, die er aus allen Teilen seines Vaterlandes erhalten habe, und daß vielleicht seine bescheidene Vorbereitungsarbeit wichtiger für die gemeinsame Sache sei als die Kritik und die Kabinettsanalysen von Lehren, die von der leidenden Welt und den Drangsalen des Volkes weit entfernt seien. Bei den letzten Worten schlug Marx, nun vollends wütend geworden, mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Lampe darauf klirrte und ins Schwanken geriet, und aufspringend rief er >Niemals noch hat die Unwissenheit jemandem genützt!<
Raddatz, a.a.O. S. 96/97

Hellmann
29.09.2008, 15:05
Nach dem gleichen Schema musste gleich noch der ebenfalls wie Weitling berühmte und gefährliche Pierre Joseph Proudhon bekämpft werden, der daran aber auch selber die Schuld hatte, wie uns Mehring versichert.

In denselben Maitagen bahnte sich auch der Bruch zwischen Marx und Proudhon an. Um dem Mangel eines eigenen Organs zu steuern, halfen sich Marx und seine Freunde mit gedruckten oder lithographierten Rundschreiben wie im Falle Krieges; daneben aber bemühten sie sich, ständige Korrespondenzverbindungen zwischen den Hauptorten herzustellen, wo Kommunisten saßen. Solche Korrespondenzbüros gab es in Brüssel und in London, und auch in Paris sollte eins eingerichtet werden. Marx hatte an Proudhon geschrieben und um dessen Beteiligung ersucht. Proudhon sagte zwar zu, in einem aus Lyon vom 17. Mai 1846 datierten Briefe, wenn er auch weder oft noch viel zu schreiben versprechen konnte. Aber er benutzte zugleich die Gelegenheit, eine große Moralpauke an Marx zu richten, die diesem die Kluft offenbaren mußte, die sich zwischen beiden aufgetan hatte.

Proudhon bekannte sich jetzt zu einem fast absoluten »Anti-Dogmatismus« in ökonomischen Fragen. Marx solle nicht in den Widerspruch seines Landsmanns Martin Luther fallen, der nach dem Umsturz der katholischen Theologie sich sogleich unter großem Aufwand von Anathemen und Exkommunikationen darangemacht habe, eine protestantische Theologie zu gründen. »Schaffen wir dem menschlichen Geschlechte nicht neue Arbeit durch neuen Wirrwarr, geben wir der Welt das Beispiel einer weisen und weitsichtigen Duldung, spielen wir uns nicht als die Apostel einer neuen Religion auf, und sei es selbst die Religion der Logik und der Vernunft.« Proudhon wollte also, ganz ähnlich wie die »wahren« Sozialisten, die gemütliche Konfusion erhalten, deren Beseitigung für Marx die erste Vorbedingung einer kommunistischen Propaganda war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Da hatte also der guten Marx mit seiner „Wertformanalyse“ noch gar nicht begonnen, als Leute wie Proudhon schon den Braten rochen und vor unsinnigem Dogmatismus und theoretischem Wirrwarr in den Reihen der Sozialisten warnten, was Mehring auf das Schärfste verurteilte.

Jedenfalls waren die Umstände für die marxistische Kontraagitation so schwierig geworden, dass Friedrich Engels im August 1844 selber nach Paris umsiedeln musste, um für die „richtigen Informationen“ zu sorgen, wie Mehring meint:

Das Treiben Grüns mußte um so schlimmeren Argwohn erwecken, und es hing damit zusammen, wenn auch noch andere Beweggründe dazukamen, daß sich Engels im August 1846 entschloß, zeitweise nach Paris zu übersiedeln und die Berichterstattung aus dieser Stadt zu übernehmen, die für die kommunistische Propaganda immer noch der wichtigste Ort war. Über den Bruch mit Weitling, über die westfälische Verlagsgeschichte und was sonst noch diesen oder jenen Staub aufgewirbelt haben mochte, mußten die Pariser Kommunisten unterrichtet werden, zumal da sie an Ewerbeck keinen festen Halt hatten und noch viel weniger an Bernays.

Anfangs lauteten die Berichte, die Engels teils an das Brüsseler Korrespondenzbüro, teils an Marx persönlich erstattete, noch ganz hoffnungsvoll, aber nach und nach ergab sich doch, daß Grün die Sache gründlich »versaut« hatte. Und als Proudhons im Herbst erscheinende Schrift in der Tat nur den Weg in die Sümpfe verfolgte, die sein Brief bereits angedeutet hatte, so ließ Marx die Geißel darauf fallen, gemäß dem Wunsche Proudhons, aber ohne daß dieser sein Versprechen einer Revanche anders eingelöst hätte als durch einige grobe Schimpfworte.
(Mehring, ebenda)

Bei der „westfälischen Verlagsgeschichte“ hatten sich die zuerst von Weydemeyer zur Zahlung von Vorschüssen an Marx bequatschten zwei mit kommunistischen Vorstellungen sympathisierenden Kapitalisten schließlich geweigert, die Marxschen Streitereien noch länger zu finanzieren.

Davon unbeeindruckt wird Karl Marx sein nächstes großes Buch gegen Proudhon und dessen Ideen schreiben und man kann es hier lesen:

Karl Marx

Das Elend der Philosophie
Antwort auf Proudhons "Philosophie des Elends"

Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky
Mit Vorwort und Noten
von
Friedrich Engels

http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_063.htm

Es wurde von Dezember 1844 bis April 1847 geschrieben, dann allerdings erst 1885 erstmalig veröffentlicht. Es hätte Proudhon aber auch schon vorher nicht groß schaden können. Man kann das ja selber leicht beurteilen.

Pierre Joseph Proudhon stammte aus armen Verhältnissen und war einer der ersten Anarchisten.

Er war Sohn eines Küfers und einer Küchenmagd und arbeitete bis zu seinem zwölften Geburtstag als Ochsenhirt. Durch ein Stipendium wurde ihm der Schulbesuch ermöglicht, er musste diesen aufgrund Geldmangels aber trotzdem frühzeitig beenden. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers und bildete sich als Autodidakt weiter. Als er nach Paris ging, wurde er zum Verfasser vieler Schriften auf den Gebieten des Sozialismus und der Politischen Ökonomie, wobei er u.a. mit Karl Grün, Arnold Ruge und dem Sohn von Fichte und in Paris mit den Mitgliedern der Sociéte´d'Économie Politique (Sekretär: Garnier) verkehrte. Sein späterer Verleger Guillaumin hatte 1841 die Zeitschrift Journal des Économistes gegründet.
http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Joseph_Proudhon

Sein „Eigentum ist Diebstahl“ wurde zum geflügelten Wort.

Qu'est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (1840)

In dieser Schrift zieht Proudhon den Schluss: Eigentum ist Diebstahl (gemeint ist Privateigentum als Privileg oder Monopol, im Sinn von: „Solange Eigentum Privilegien birgt, solange bedeutet privilegiertes - also erpresserisches - Eigentum Diebstahl“). Man dürfe außer den persönlichen Arbeitsmitteln lediglich diejenigen Güter besitzen, die man durch eigene oder kollektive Arbeit hergestellt oder im Tausch dafür erworben hat. Ausbeutung der Arbeitskraft anderer gehöre unterbunden, um die daraus resultierende Kapitalanhäufung und Machtkonzentration zu verhindern. Die Gesellschaft soll sich auf dem freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten („fédéralisme“), also einem herrschaftsfreien System ('Anarchie'), ohne Staat und Kirche, gründen.

Proudhon war einer der ersten, den Begriff Anarchie positiv zu wenden. „Anarchie“ definiert Proudhon ausgehend von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes als „Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns“; „das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern (…) wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft die Ordnung in der Anarchie.“
(ebenda)

Konnten Marx und Engels der Wirkung von Proudhon zu dessen Lebzeiten noch wenig anhaben, so gelang es doch den späteren Marxisten, das geistige Erbe der frühen Sozialisten und Anarchisten zu unterdrücken und zu verdrängen.

Hellmann
30.09.2008, 21:39
Der Bund der Kommunisten


Nachdem mit Wilhelm Weitling der führende Kopf und Ideengeber des Handwerker-Kommunismus ausgeschaltet und in die USA vertrieben werden konnte, war das nächste Ziel von Marx und Engels, die gesamte Organisation dieser Handwerker unter ihre Kontrolle zu bringen, also den einst von Weitling gegründeten Bund der Gerechten zu übernehmen.
Den historischen Darstellungen heute sieht man die wirklichen Vorgänge kaum mehr an; man muss es schon zwischen den Zeilen lesen und sich denken können.

Der Bund der Kommunisten war eine 1847 in London unter wesentlichem Einfluss von Karl Marx und Friedrich Engels als Geheimbund gegründete revolutionär-sozialistische Vereinigung mit internationalem Anspruch…

Der zuvor existierende Bund der Gerechten war bereits 1836 in Paris auf Initiative des nach Frankreich emigrierten Schneidergesellen Wilhelm Weitling aus dem seit 1834 bestehenden Geheimbund Bund der Geächteten hervorgegangen. Unter Weitlings Führung hatte der bis dahin eher von kleinbürgerlichen Intellektuellen geprägte Bund eine frühe revolutionär-sozialistische und proletarische Ausrichtung erhalten.

Die Umbenennung des Bundes der Gerechten in Bund der Kommunisten war das Ergebnis zweier Kongresse im Jahr 1847, bei denen die im selben Jahr dem Bund beigetretenen Karl Marx und Friedrich Engels zusammen mit Wilhelm Wolff ihre Erkenntnisse einbrachten, und damit eine inhaltliche Neuausrichtung des Bundes einleiteten.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bund_der_Kommunisten

Jedenfalls kamen die beiden Intriganten Marx und Engels durch die Unterwanderung und Übernahme von Weitlings Handwerkerorganisation plötzlich zu so etwas wie einer politischen Basis unter den Arbeitern.

Die meisten der etwa 500 Mitglieder des Bundes der Kommunisten waren aus den deutschen Staaten emigrierte beziehungsweise wegen ihrer politischen Haltung ausgewiesene Handwerkergesellen, die sich aufgrund der repressiven politischen Verhältnisse während der Zeit der Restauration zwischen 1815 und 1848 ins Ausland abgesetzt hatten. Die in den deutschen Fürstentümern verbliebenen oder zurückgekehrten Bundesmitglieder versuchten, verschiedene regionale Arbeitervereine aufzubauen.
(wiki, ebenda)

Ganz so einfach hat sich die Übernahme und Umfirmierung des über die Jahre schon traditionsreichen und bekannten Handwerkerbundes mit der Verdrängung volksnaher und pragmatischer Agitation für sozialistische Ideen durch hegelsche Dogmatik und ökonomische Hirnweberei um die Arbeitswerttheorie allerdings nicht abgespielt.

Die Maßnahmen gegen Weitling und Kriege hatten 1846 in London das Misstrauen geweckt:

Das Londoner „Kommunistische Korrespondenzbüro“, das sich unter Schappers und Molls Leitung aus dem „Bund der Gerechten“ entwickelt hatte, beargwöhnte, „daß Ihr [im] Sinne hättet, eine Art Gelehrten-Aristokratie zu gründen und das Volk von Eurem neuen Göttersitz herab zu regieren“. Und einen Monat später heißt es noch energischer: „…Ihr Brüsseler Proletarier besitzt diese verdammte Gelehrten-Arroganz noch in einem hohen Grade; das zeigt Euer Auftreten gegen Kriege…“

Engels warnte vor einem offiziellen Bruch mit den Londonern, weil ihre eigene winzige Gruppe kaum den Kampf gegen diese mehrere hundert Mann aufnehmen könnte, die in der deutschen Presse als keineswegs ohnmächtige kommunistische Gesellschaft notiert würde.
Raddatz, a.a.O. S. 98

Raddatz entblödet sich natürlich nicht, gleich darauf folgend die „politische Begabung“ von Marx zu rühmen, mit der dieser nun die endgültige Übernahme des Bundes betreibt.

Dessen Londoner Mitglieder ahnten zudem nicht, womit sie es hier zu tun haben, sondern halten den Marx und seinen Engels für überdrehte Gelehrte, von deren Weltfremdheit dann ja nicht viel zu fürchten wäre, statt für zielgerichtet operierende feindliche Agenten, die ihren Bund aufrollen sollen.

Die Darstellung von Raddatz ist in einem weiteren wichtigen Punkt irreführend: das Korrespondenzbüro in London hatte sich natürlich nicht aus dem „Bund der Gerechten“ in London „entwickelt“, sondern war wie das gleichnamige Korrespondenzbüro in Brüssel und der weitere Ableger in Paris von Marx und Konsorten gegründet worden, um den „Bund der Gerechten“ damit ein- und zuletzt abzuwickeln.

Marx gebrauchte für sein Vorhaben nicht nur seine „politische Begabung“, sondern auch einige Mitstreiter, ohne die das nicht geklappt hätte.

Der Karl Schapper in London war kein Handwerker, sondern ein schon am Frankfurter Wachensturm beteiligter Burschenschaftler, der später bei Guiseppe Mazzinis Savoyenfeldzug mitgemacht hatte und ebenso bei Mazzinis Gruppe des „Jungen Deutschland“. Auf Mazzini werden wir später noch eingehender kommen, wenn es um die Agitation des Marx gegen den Lord Palmerston und seinen Agentenführer Mazzini geht.

Vermutlich hatte Karl Schapper in London auch für die Probleme gesorgt, die den nach seiner Haftzeit in der Schweiz nach London gekommenen Weitling nach Brüssel in die Arme von Marx getrieben hatten. Bis auf eine kurze Ausnahme blieb Karl Schapper dem Karl Marx ein treuer Gehilfe:

Schapper zeigte sich vom Scheitern der Revolution massiv enttäuscht und zog sich wieder nach London zurück. Hier verdingte er sich beinahe mittellos als Sprachlehrer und zerstritt sich aufgrund unterschiedlicher Ansichten mit Karl Marx. Nach einer Versöhnung im Jahre 1856 arbeitete Schapper im Londoner Arbeiterbildungsverein und wurde 1865 zum 1. Generalrat der Zentrale der ersten Sozialistischen Internationale gewählt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schapper_(Arbeiterf%C3%BChrer)

Der von Raddatz als Leiter des Londoner Korrespondenzbüros genannte Joseph Maximilian Moll war auch ein zuverlässiger Mitstreiter von Marx.

Nach dem Abschluss einer Uhrmacherlehre wanderte Moll durch verschiedene europäische Staaten. Auf diesen Reisen traf er auf zahlreiche deutsche Arbeitervereine. So trat er 1834 dem in der Schweiz beheimateten Geheimbund Junges Deutschland bei. 1836 wurde er in Paris Mitglied des Bundes der Gerechten, bevor er 1839 nach England ging, wo er 1840 zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Arbeiterbildungsvereins gehörte. 1846 wurde er dann zum Mitglied der Zentralbehörde des Bundes der Gerechten und 1847 wählte man ihn in London in die zentrale Leitung des Bundes der Kommunisten.

Wie zahlreiche andere Mitstreiter kehrte Moll in den Revolutionswirren der Jahre 1848 und 1849 nach Deutschland zurück. In Köln wirkte er 1848 als Nachfolger von Andreas Gottschalk als Präsident des Kölner Arbeiterverein und trieb die marxistische Ausrichtung des Vereins voran.
http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Maximilian_Moll

Der „Geheimbund Junges Deutschland“ war die oben erwähnte Organisation des Mazzini, der auch Schapper angehört hatte. Die Übernahme des „Kölner Arbeitervereins“ des Kölner Armenarztes Andreas Gottschalk nach dessen Verhaftung durch Schapper und Moll und im Oktober 1848 durch Karl Marx selbst wird später noch behandelt. Moll fiel im Juni 1849 im Badisch-Pfälzischen Aufstand.

In Brüssel hatte Marx ab Januar 1847 noch die „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ zu seiner Verfügung.

Das Blatt wurde seit Beginn des Jahres zweimal wöchentlich von jenem Adalbert von Bornstedt herausgegeben, der ehedem den »Vorwärts!« Börnsteins redigiert und im Solde der österreichischen wie preußischen Regierung gestanden hatte. Diese Tatsache ist heute aus den Berliner wie Wiener Archiven bekannt geworden und kann keinem Zweifel unterliegen; es fragt sich höchstens, ob Bornstedt sein Spitzeln noch in Brüssel fortgesetzt hat.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm

Franz Mehring erledigt seine Aufgabe wirklich mit Humor. Wenn Adelbert von Bornstedt kein Regierungsagent mehr gewesen wäre, wovon sollte er dann die "Deutsche-Brüsseler-Zeitung" finanziert haben? Wenn ich die Marx-Biographie so lese, dann hat der Autor Mehring uns zwischen den Zeilen alle nötigen Informationen geliefert, jedoch selber in seinen Kommentaren immer den Einfältigsten aller Esel geheuchelt.

Verdacht hat damals auch gegen ihn bestanden, aber er wurde niedergeschlagen durch die Denunziationen, mit denen die preußische Gesandtschaft in Brüssel das Blatt Bornstedts bei den belgischen Behörden verfolgte. Das konnte freilich auch nur ein Augenverblenden sein, um Bornstedt bei den revolutionären Elementen zu beglaubigen, die sich in Brüssel gesammelt hatten; in der Wahl der Mittel für ihre erhabenen Zwecke sind die Verteidiger von Thron und Altar ohne alle Bedenken.
(Mehring, ebenda)

Das gleiche Spiel hat die preußische Regierung ja auch in der Angelegenheit Karl Marx betrieben und immer wieder von den belgischen Behörden seine Ausweisung gefordert. Das muss zur Täuschung der Zielgruppe geschehen.

Marx hat jedenfalls an eine Judasrolle Bornstedts nicht geglaubt. Er meinte, dessen Blatt habe trotz seiner vielen Schwächen immer einiges Verdienstliche; finde man es nicht genügend, so solle man es genügend machen, statt des bequemen Vorwandes, an dem Namen Bornstedt Anstoß zu nehmen. Bitter genug schrieb Marx am 8. August an Herwegh: »Das eine Mal taugt der Mann nichts, das andere Mal die Frau, ein andermal die Tendenz, ein andermal der Stil, ein andermal das Format oder auch die Verbreitung ist mit mehr oder weniger Gefahr verbunden ... Unsere Deutschen haben immer tausend Weisheitssprüche in petto, um zu zeigen, warum sie die Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen müssen. Eine Gelegenheit, etwas zu tun, bringt sie nur in Verlegenheit.« Es folgte noch der Stoßseufzer, daß es mit seinen Manuskripten ähnlich gehe, wie mit der Brüsseler Zeitung und ein kräftiger Fluch über die Esel, die ihm vorwürfen, lieber französisch als gar nichts geschrieben zu haben.

Sollte man danach annehmen, daß Marx die Bedenken gegen Bornstedt ein wenig auf die leichte Achsel genommen habe, um »die Gelegenheit nicht ungenützt« vorübergehen zu lassen, so würde ihm deshalb gleichwohl kein Vorwurf zu machen sein. Denn die Gelegenheit war sehr günstig, und es wäre töricht gewesen, sie sich um eines bloßen Verdachts willen entschlüpfen zu lassen.
Mehring, ebenda

Um die Fäden in der Pariser Gruppe des „Bundes der Gerechten“ in die Hand zu bekommen, übersiedelte Friedrich Engels im August 1846 nach Paris. Die Erfolge zeigen sich im Juni 1847 beim ersten Kongress des Bundes in England, zu dem Marx angeblich „aus Geldmangel“ (Raddatz) nicht kommen kann:

…der ihm ergebene Wilhelm Wolff ist sein Stellvertreter. Aber Engels tritt bereits als französischer Delegierter auf, die Übersiedlung nach Paris hat sich gelohnt. Die Wahl dort war knapp verlaufen – nur drei von fünf Gemeinden hatten für Engels, die beiden restlichen für einen Sonderdelegierten gestimmt; wofür sie aus dem Bund ausgeschlossen wurden.
(Raddatz, S. 100)

Die Nicht-Teilnahme von Marx – ich kann das nur vermuten – hatte wohl den Sinn, das Misstrauen der anderen Teilnehmer zuerst zu besänftigen, um dann die weitreichenden Beschlüsse leichter durchziehen zu können. Dass ausgerechnet ihm das Reisegeld gefehlt habe, ist natürlich lächerlich.

Das Ergebnis des Kongresses: der „Bund der Gerechten“ beschließt eine völlige Reorganisation, nennt sich von nun an „Bund der Kommunisten“ (wogegen die Hamburger Gemeinde zum Beispiel protestierte). Die Anhänger Weitlings werden ausgestoßen; und, das Wichtigste: ein kommunistisches Glaubensbekenntnis soll für den nächsten Kongreß vorbereitet werden.
(Raddatz, ebenda)

Hellmann
30.09.2008, 21:54
Marx und Engels hatten sich übrigens bis Januar 1847 taktisch geschickt geziert, selber Mitglieder des Bundes zu werden. Mehring stellt das gleich noch so dar, als hätten Marx und Engels erst mühsam mit Zugeständnissen überredet werden müssen, dabei war Engels ja schon seit Monaten zu keinem anderen Zweck in Paris, als die Einflussnahme auf den „Bund“ auch über seine Pariser Gemeinden zu ermöglichen.

Die von Schappers Hand geschriebene und vom 20. Januar 1847 datierte Vollmacht, womit Moll in Brüssel bei Marx und danach bei Engels in Paris erschien, ist noch sehr vorsichtig abgefaßt; sie ermächtigt den Überbringer, über die Lage des Bundes zu berichten und genaue Auskunft über alle Gegenstände von Wichtigkeit zu geben. Mündlich ging Moll freier aus sich heraus. Er forderte Marx auf, in den Bund einzutreten und schlug dessen anfängliche Bedenken durch die Eröffnung nieder, daß die Zentralbehörde einen Bundeskongreß nach London zu berufen beabsichtige, um die von Marx und Engels geltend gemachten kritischen Ansichten in einem öffentlichen Manifest als Bundeslehre aufzustellen, jedoch müßten Marx und Engels den veralteten und widerstrebenden Elementen gegenüber mitwirken, und zu diesem Zwecke müßten sie in den Bund eintreten.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#ZT20

Sie hatten sich von dem damals in Brüssel „mit diplomatischen Vollmachten zu Verhandlungen“ (Raddatz) erschienen Spießgesellen Moll dafür zusichern lassen:

…keine andern Autoritäten! Es geht um Sieg oder Niederlage, um die Anerkennung oder Verwerfung der Marxschen Theorie des „kritischen Kommunismus“. Keineswegs waren die Würfel schon gefallen, noch im September 1847 wird beispielsweise auf dem Brüsseler Ökonomischen Kongreß Marx nicht einmal das Wort erteilt.
(Raddatz, ebenda)

Die letzte Angabe von Raddatz ist etwas missverständlich, weil dieser Kongress nichts mit dem „Bund“ und mit dem Einfluss von Karl Marx auf diesen zu tun hatte, sondern es war ein Kongress von Ökonomen zum Thema Freihandel.

Wie vor Karl Marx sich dort der Dichter und Handlungsreisende Georg Weert – der nebenbei als „Kurier“ für Marx und Engels tätig war - zu Wort gemeldet und seine Sache mit Erfolg vorgetragen hatte, lässt sich aus dem diesbezüglichen Artikel des Friedrich Engels entnehmen. Protokoll der Rede des Weert:

"Denken Sie nicht, meine Herren, daß dies nur meine persönlichen Ansichten sind, es sind auch die Anschauungen der englischen Arbeiter, einer Klasse, die ich unterstütze und respektiere, weil es in der Tat intelligente und energische Menschen sind. (Beifall 'aus Höflichkeit'.) Ich werde das an einigen Beispielen beweisen. Sechs volle Jahre buhlten die Herren der League, die wir hier sehen, vergeblich um Unterstützung bei der Arbeiterklasse. Die Arbeiter vergaßen niemals, daß die Kapitalisten ihre natürlichen Feinde waren. Sie erinnerten sich der League-Unruhen von 1842 und des Widerstandes der Fabrikanten gegen die Zehnstundenbill. Lediglich gegen Ende des Jahres 1845 verbündeten sich die Chartisten, die Elite der Arbeiterklasse, vorübergehend mit der League, um den gemeinsamen Feind, den Landadel, zu schlagen. Doch das geschah nur für eine kurze Zeit, und sie ließen sich niemals durch trügerische Verheißungen von Cobden, Bright und Co. irreleiten, noch erhofften sie von den Bourgeois billiges Brot, hohe Löhne und Arbeit in Fülle. Nein, nicht einen Augenblick hörten sie auf, allein ihrer eigenen Kraft zu vertrauen und eine besondere Partei zu schaffen, welche von hervorragenden Führern, dem unermüdlichen Duncombe und Feargus O'Connor, geleitet wird, die trotz aller Verleumdungen - (hier blickte Herr Weerth Dr. Bowring an, der eine schnelle krampfhafte Bewegung machte) -, die trotz aller Verleumdung in ein paar Wochen neben Ihnen auf derselben Bank im Unterhaus sitzen werden. Im Namen dieser Millionen nun, die nicht daran glauben, daß der Freihandel für sie Wunder tun wird, fordere ich Sie auf, noch an andere Mittel zu denken, wenn Sie die Lage der Arbeiter wirklich verbessern wollen. Meine Herren, ich rufe Sie in Ihrem eigenen Interesse dazu auf. Sie brauchen nicht mehr den Zaren aller Reußen zu fürchten oder einen Einfall der Kosaken, aber wenn Sie sich nicht in acht nehmen, werden Sie den Aufstand Ihrer eigenen Arbeiter zu fürchten haben, und diese werden Sie viel schrecklicher behandeln als alle Kosaken der Welt. Meine Herren, die Arbeiter wollen nicht mehr Worte von Ihnen, sondern Taten, und Sie haben keinen Grund, darüber erstaunt zu sein. Die Arbeiter erinnern sich sehr genau der Jahre 1830 und 1831, als sie in London für Sie die Reformbill durchfochten und für Sie in den Straßen von Paris und Brüssel kämpften, wie man sie damals umwarb, ihnen die Hände schüttelte und ihr Lob in höchsten Tönen sang, wie man sie aber, als sie einige Jahre danach Brot forderten. mit Kartätschen und Bajonetten empfing. ("Oh! Nein, nein!", "Ja, ja! Buzançais, Lyon!") Ich wiederhole deshalb, bringen Sie Ihren Freihandel durch, es wird gut sein, aber überlegen Sie gleichzeitig andere Maßnahmen zugunsten der arbeitenden Klassen, oder Sie werden es bereuen." (Lauter Beifall.)
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_299.htm

Wegen dieser gelungenen Rede habe man dann den Karl Marx, der sich ebenfalls zu Wort gemeldet und eine lange Rede ausgearbeitet hatte, gar nicht mehr zu Wort kommen lassen, behauptet nun Engels. Den ungehaltenen Vortrag des Marx kann man in Engels Artikel nachlesen.

Marx vertrat darin sogar noch den Malthus und grundsätzlich natürlich die Theorie, wonach der Lohn im Durchschnitt um das Existenzminimum des Arbeiters (die „Reproduktionskosten der Arbeitskraft“) schwanken müsse, so dass die Arbeiter dann auch vom Freihandel nichts zu erhoffen hätten:

Man nehme zum Beispiel eine Autorität wie Ricardo, eine Autorität, die unübertroffen ist. Was ist, ökonomisch gesprochen, der natürliche, der normale Preis der Arbeit eines Arbeiters? Ricardo antwortet: "Der auf ein Minimum reduzierte Arbeitslohn - seine unterste Grenze." Arbeit ist eine Ware, so gut wie jede andere. Der Preis einer Ware wird aber von der zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit bestimmt. Was ist also notwendig, um die Ware Arbeit zu produzieren? Genau das, was notwendig ist, um die Summe der für die Erhaltung des Arbeiters und für den Ersatz seines Kräfteverbrauchs unentbehrlichen Waren zu produzieren, damit er leben und irgendwie seine race fortpflanzen kann. Wir brauchen jedoch nicht anzunehmen, daß die Arbeiter niemals über diese unterste Grenze emporgehoben oder unter dieselbe hinabgedrückt werden. Durchaus nicht; nach diesem Gesetz wird es der Arbeiterklasse zeitweise besser gehen. Zeitweise werden sie mehr als das Existenzminimum haben, aber dieses Mehr wird nur der Zusatzbetrag sein, der ihnen zu anderer Zeit - in der Zeit der industriellen Stagnation - wieder am Existenzminimum fehlt.

Dieses Gesetz, daß der niedrigste Lohnsatz der natürliche Preis der Ware Arbeit ist, wird sich in demselben Maße durchsetzen wie Ricardos Voraussage, daß der Freihandel eine Realität werden wird. Wir akzeptieren alles, was über die Vorteile des Freihandels gesagt wurde. Die Produktivkräfte werden anwachsen, die Steuern, die dem Land durch die Schutzzölle auferlegt worden sind, werden verschwinden, und alle Waren werden zu einem niedrigeren Preis verkauft werden. Was wiederum sagt Ricardo? "Daß Arbeit, eine Ware gleich anderen, ebenfalls zum niedrigeren Preis verkauft werden wird", daß man sie tatsächlich für sehr wenig Geld haben kann, genauso wie Pfeffer und Salz. Und weiter: Ebenso wie alle anderen Gesetze der politischen Ökonomie eine gesteigerte Bedeutung, ein Mehr an Wahrheit durch die Verwirklichung des Freihandels erhalten werden - ebenso wird auch das von Malthus aufgestellte Bevölkerungsgesetz sich unter der Herrschaft des Freihandels in so großartigen Ausmaßen entwickeln, wie es nur gewünscht werden kann. So hat man zu wählen: Entweder muß man die gesamte politische Ökonomie, wie sie gegenwärtig besteht, ablehnen, oder man muß zulassen, daß unter der Handelsfreiheit die ganze Schärfe der Gesetze der politischen Ökonomie gegen die arbeitende Klasse angewandt wird. Bedeutet das, daß wir gegen den Freihandel sind? Nein, wir sind für den Freihandel, weil durch den Freihandel alle ökonomischen Gesetze mit ihren höchst verblüffenden Widersprüchen in einem größerem Maßstabe und auf einem größeren Gebiet, auf der ganzen Erde wirksam werden, und weil aus der Vereinigung aller dieser Widersprüche zu einer Gruppe sich unmittelbar gegenüberstehender Widersprüche der Kampf hervorgehen wird, der mit der Emanzipation des Proletariats endet.

Irgendwie soll dann das ganze Elend, wenn man es nur gemäß Ricardo und Malthus eingesehen hat und seine Zwangsläufigkeit nach den Gesetzen der Ökonomie sich ungehindert auswirken lässt, zuletzt in der „Emanzipation des Proletariats“ enden. Originell und witzig ist das nicht.

Der Leser vergleiche das dann mit dem Aufruf des Georg Weert, „noch an andere Mittel zu denken, wenn sie die Lage der Arbeiter wirklich verbessern wollen“. Das war dann im Sinne von Marx und Engels „unwissenschaftlich“, ein Fall von „Handwerker-Kommunismus“, wie sie ihn im „Bund der Kommunisten“ gerade bekämpfen wollten.

In der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ hatte Engels auch als Befürworter von Schutzzöllen argumentiert:

An die Debatten des Vereinigten Landtags über Freihandel und Schutzzoll knüpfte ein Artikel an, der zwar anonym erschien, aber nach Inhalt und Sprache augenscheinlich von Engels verfaßt ist. Er war damals von der Überzeugung durchdrungen, daß die deutsche Bourgeoisie hoher Schutzzölle bedürfe, um nicht von der ausländischen Industrie zerquetscht zu werden, sondern vielmehr die nötige Kraft zur Überwindung des Absolutismus und des Feudalismus zu gewinnen. Aus diesem Grunde empfahl Engels dem Proletariat, die schutzzöllnerische Agitation zu unterstützen, wenn auch nur aus diesem Grunde. Er meinte zwar, List, die Autorität der Schutzzöllner, habe immer noch das Beste der deutschen bürgerlich-ökonomischen Literatur produziert, aber er fügte hinzu, dessen ganzes glorioses Werk sei von dem Franzosen Ferrier abgeschrieben, dem theoretischen Urheber des Kontinentalsystems, und er warnte die Arbeiter, sich durch die Redensart vom »Wohl der arbeitenden Klasse« narren zu lassen, das die Freihändler wie die Schutzzöllner als prunkendes Aushängeschild ihrer eigennützigen Agitation vor sich hertrügen. Der Lohn der Arbeiterklasse bleibe derselbe, unter dem Freihandels- wie dem Schutzzollsystem.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#ZT20

Die preußische Regierung war inzwischen nicht untätig geblieben und hatte in Köln eine Zeitung für die Arbeiter gründen lassen.

Gemeinsam von Marx und Engels verfaßt ist ein längerer Aufsatz, der einen Vorstoß des christlich-feudalen Sozialismus zurückwies. Dieser Vorstoß erfolgte in dem »Rheinischen Beobachter«, einem Organ, das die Regierung neuerdings in Köln gegründet hatte, um die rheinischen Arbeiter gegen die rheinische Bourgeoisie aufzuhetzen. In seinen Spalten verdiente sich der junge Hermann Wagener die Sporen, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten berichtet. Marx und Engels müssen bei ihren nahen Beziehungen zu Köln davon gewußt haben, da der Spott über den »glattgescheitelten Konsistorialrat« sozusagen der Kehrreim ihrer Antwort ist. Wagener war damals Konsistorialassessor in Magdeburg.

Für dieses Mal hatte sich der »Rheinische Beobachter« das Scheitern des Vereinigten Landtags zum Vorwurfe genommen, um die Arbeiter zu ködern. Indem die Bourgeoisie alle Geldforderungen der Regierung abgelehnt habe, habe sie gezeigt, daß es ihr nur darum zu tun sei, die Staatsgewalt an sich zu reißen; das Volkswohl sei ihr gleichgültig; sie schiebe das Volk nur vor, um die Regierung einzuschüchtern; das Volk sei ihr nur Kanonenfutter in dem großen Sturm gegen die Regierungsgewalt. Was Marx und Engels darauf erwiderten, liegt heute auf der Hand. Das Proletariat täusche sich über die Bourgeoisie so wenig wie über die Regierung; es frage sich nur, was seinen eigenen Zwecken diene, die Herrschaft der Bourgeoisie oder die Herrschaft der Regierung, und diese Frage zu beantworten, genüge ein einfacher Vergleich zwischen der Lage der deutschen und der Lage der englischen wie französischen Arbeiter.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#ZT20

Hoffentlich verliert der Leser in dem Verwirrspiel mit diversen Regierungskommunisten nicht den Überblick, aber das Aufwiegeln der Arbeiter gegen das Besitzbürgertum war natürlich eine naheliegende Antwort der Regierungen zur Einschüchterung ihrer Bourgeoisie. Sollte das Bürgertum mit Unruhen an den Universitäten und auf den öffentlichen Plätzen drohen, konnte die Regierung mal die Arbeiter in den Fabriken streiken lassen.

Am 12. September 1847 brachte die „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ einen Artikel von Marx mit dem Titel:

Der Kommunismus des "Rheinischen Beobachters"



Mag diese Bemerkung ironisch gemeint sein oder nicht, die Kommunisten müssen dagegen protestieren, daß der "Rheinische Beobachter" "Kommunismus" predigen könne, speziell dagegen, daß der in Nr. 70 der "D[eutschen] B[rüsseler]-Z[eitung]" mitgeteilte Artikel kommunistisch sei.
Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die niemandem Vorteil brachte als den deutschen Regierungen, wenn jetzt Regierungsblätter wie der "Rh[einische] Beobachter", auf die Phrasen dieser Leute gestützt, behaupten, nicht die liberale Bourgeoisie, sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats, so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren etwas gemein.

Man hat den deutschen Kommunisten allerdings die Verantwortlichkeit hierfür zuschieben wollen, man hat sie der Allianz mit der Regierung beschuldigt.

Diese Anschuldigung ist lächerlich…
http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_191.htm

Hellmann
03.10.2008, 09:33
Das Kommunistische Manifest


Die Ideen für das Kommunistische Manifest waren wenig das Verdienst von Marx, der eher schwerfällig alles ausgewälzt hat, was ihm der geniale Friedrich Engels an Einfällen bot, der in seiner Schrift über den „Bund der Kommunisten“ etwas Einblick in die Entwicklung der Ideen gibt:

Inzwischen hatte sich neben dem Kommunismus des Bundes und Weitlings ein zweiter, wesentlich verschiedner herausgebildet. Ich war in Manchester mit der Nase darauf gestoßen worden, daß die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht sind; daß sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heutigen Klassengegensätze; daß diese Klassengegensätze in den Ländern, wo sie vermöge der großen Industrie sich voll entwickelt haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der politischen Parteibildung, der Parteikampfe und damit der gesamten politischen Geschichte sind. Marx war nicht nur zu derselben Ansicht gekommen…
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Wie der Zufall halt so spielt, solange man noch an seine Wahrscheinlichkeit glauben mag.

Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten heraus, und von da an datiert unsre gemeinsame Arbeit. Als wir im Frühjahr 1845 in Brüssel wieder zusammenkamen, hatte Marx aus den obigen Grundlagen schon seine materialistische Geschichtstheorie in den Hauptzügen fertig herausentwickelt, und wir setzten uns nun daran, die neugewonnene Anschauungsweise nach den verschiedensten Richtungen hin im einzelnen auszuarbeiten.
(ebenda)

Wir müssen natürlich die gemeinsame Arbeit schon auf das gemeinsame Vorgehen gegen Bruno Bauer datieren, als Marx und Engels zufällig beide dessen große Bewunderer wurden.
Engels gibt hier gerade noch einen kleinen Überblick zur Einflussnahme auf den alten „Bund der Gerechten“, der von Interesse ist und das professionelle und zielgerichtete Vorgehen noch einmal zeigt:

Mit dem Bund der Gerechten standen wir folgendermaßen. Die Existenz des Bundes war uns natürlich bekannt; 1843 hatte mir Schapper den Eintritt angetragen, den ich damals selbstredend ablehnte. Wir blieben aber nicht nur mit den Londonern in fortwährender Korrespondenz, sondern in noch engerm Verkehr mit Dr. Ewerbeck, dem jetzigen Leiter der Pariser Gemeinden. Ohne uns um die innern Bundesangelegenheiten zu kümmern, erfuhren wir doch von jedem wichtigen Vorgang. Andrerseits wirkten wir mündlich, brieflich und durch die Presse auf die theoretischen Ansichten der bedeutendsten Bundesmitglieder ein. Hierzu dienten auch verschiedne lithographierte Zirkulare, die wir bei besondern Gelegenheiten, wo es sich um Interna der sich bildenden kommunistischen Partei handelte, an unsre Freunde und Korrespondenten in die Welt sandten. Bei diesen kam der Bund zuweilen selbst ins Spiel. So war ein junger westfälischer Studiosus, Hermann Kriege, der nach Amerika ging, dort als Bundesemissär aufgetreten... Hiergegen fuhren wir los in einem Zirkular, das seine Wirkung nicht verfehlte. Kriege verschwand von der Bundesbühne.

Das ging dann mit Weitling so weiter, der besonders die Geduld von Marx und seiner Frau strapaziert habe, bis er nach Amerika ging, „um es dort“ so Engels „mit dem Prophetentum zu versuchen“.

Jedenfalls sei so besonders der Londoner Leitung die Unzulänglichkeit ihrer bisherigen Auffassungen zunehmend klar geworden.

Die von Weitling eingeleitete Zurückführung des Kommunismus auf das Urchristentum - so geniale Einzelheiten sich in seinem "Evangelium des armen Sünders" finden - hatte in der Schweiz dahin geführt, die Bewegung großenteils in die Hände zuerst von Narren wie Albrecht und dann von ausbeutenden Schwindelpropheten wie Kuhlmann zu liefern. Der von einigen Belletristen vertriebne "wahre Sozialismus", eine Übersetzung französischer sozialistischer Wendungen in verdorbenes Hegeldeutsch und sentimentale Liebesduselei (siehe den Abschnitt über den deutschen oder "wahren" Sozialismus im "Kommunistischen Manifest"), den Kriege und die Lektüre der betreffenden Schriften in den Bund eingeführt, mußte schon seiner speichelfließenden Kraftlosigkeit wegen den alten Revolutionären des Bundes zum Ekel werden. Gegenüber der Unhaltbarkeit der bisherigen theoretischen Vorstellungen, gegenüber den daraus sich herleitenden praktischen Abirrungen sah man in London mehr und mehr ein, daß Marx und ich mit unsrer neuen Theorie recht hatten. Diese Einsicht wurde unzweifelhaft dadurch befördert, daß sich unter den Londoner Führern jetzt zwei Männer befanden, die den Genannten an Befähigung zu theoretischer Erkenntnis bedeutend überlegen waren: der Miniaturmaler Karl Pfänder aus Heilbronn und der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen.
(ebenda)

Man hatte also in London noch Verstärkung erhalten, um die Bundesbrüder dort auf die neue Linie zu bringen und wir brauchen uns da keine Illusionen zu machen: wäre man ihnen mit Argumenten gekommen, würden die heute noch darüber diskutieren oder hätten die, die ihnen nur mit Argumenten kommen wollten, gleich davongejagt.

Aber mit dringend benötigtem Geld war unter Handwerksgesellen, die wie einst Weitling von früh bis spät und am Sonntag noch bis mittags jede Woche für Hungerlöhne zu arbeiten hatten, leicht eine Mehrheit für alles zu gewinnen, wie Weitling es wohl geahnt hatte, als er mit seiner Abreise nach Amerika den Kampf um seinen „Bund“ aufgab.

Genug, im Frühjahr 1847 erschien Moll in Brüssel bei Marx und gleich darauf in Paris bei mir, um uns im Namen seiner Genossen mehrmals zum Eintritt in den Bund aufzufordern. Sie seien von der allgemeinen Richtigkeit unserer Auffassungsweise ebensosehr überzeugt wie von der Notwendigkeit, den Bund von den alten konspiratorischen Traditionen und Formen zu befreien. Wollten wir eintreten, so sollte uns Gelegenheit gegeben werden, auf einem Bundeskongreß unsren kritischen Kommunismus in einem Manifest zu entwickeln, das sodann als Manifest des Bundes veröffentlicht würde; und ebenso würden wir das Unsrige beitragen können, daß die veraltete Organisation des Bundes durch eine neue zeit- und zweckgemäße ersetzt werde.
(Engels, ebenda)

Allerdings verschweigt hier Engels seinen Lesern, dass das neue Ding noch als „Entwurf des Kommunistischen Glaubensbekenntnisses“ vom ersten Kongress verabschiedet und versandt worden war.

Auch andere waren bereits am Werke, neue Ideen in den Entwurf einfließen zu lassen; zum Schrecken für Engels der Moses Hess:

In letzter Minute konnte er auf einer Sitzung der Kreisbehörde vom 22. Oktober diesen Entwurf des „von einer Mücke gestochenen Hess“ torpedieren. Schon in der Geburtsstunde der Kommunistischen Partei wurden die Fraktionskämpfe „etwas außerhalb der Legalität“ ausgetragen, wurde „der Apparat“ eingesetzt, um hinter dem Rücken vermeintlicher Gegner Beschlüsse durchzusetzen…

„Dem Mosi hab` ich, ganz unter uns, einen höllischen Streich gespielt. Er hatte richtig ein gottvoll verbessertes Glaubensbekenntnis durchgesetzt. Vorigen Freitag nun nahm ich dies im Kreise vor,…und war noch nicht an der Hälfte angekommen, als die Leute sich für satisfaits erklärten. Ohne alle Opposition ließ ich mich beauftragen, ein neues zu entwerfen, was nun nächsten Freitag im Kreis wird diskutiert und hinter dem Rücken der Gemeinden nach London geschickt werden. Das darf aber natürlich kein Teufel merken, sonst werden wir alle abgesetzt, und es gibt einen Mordsskandal.“
(Raddatz, a.a.O. S. 101)

Nach Raddatz hat Engels zwischen den beiden Kongressen die “Grundsätze des Kommunismus“ entworfen: „knapper, einleuchtender und gemeinverständlicher als später die Form des Manifests.

Aber er ist unsicher. Marx hat sich offenbar um die Sache gar nicht gekümmert. Anders ist der merkwürdige Satz in Engels´ Brief an ihn vom 24. November, „überleg´ Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas“, nicht zu erklären. Etwas! Im selben Brief schlägt Engels dann vor, eben die Katechismusform über Bord zu werfen und ein Manifest zu formulieren.
(Raddatz, S. 102)

Vermutlich hat Marx auf dem zweiten Kongress in London die Ausarbeitungen des Friedrich Engels vorgetragen.

Der zweite Kongreß fand statt Ende November und Anfang Dezember desselben Jahres. Hier war auch Marx anwesend und vertrat in längerer Debatte - der Kongreß dauerte mindestens zehn Tage - die neue Theorie. Aller Widerspruch und Zweifel wurde endlich erledigt, die neuen Grundsätze einstimmig angenommen und Marx und ich beauftragt, das Manifest auszuarbeiten. Dies geschah unmittelbar nachher. Wenige Wochen vor der Februarrevolution wurde es nach London zum Druck geschickt.
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Schon merkwürdig, was Engels da als neue Ideen zu verkaufen sucht: statt eingängiger Parolen erklärungsbedürftige – was ist ein „Proletarier“ - und geschraubte Formulierungen.

An die Stelle des alten Bundesmottos: "Alle Menschen sind Brüder", trat der neue Schlachtruf: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!", der den internationalen Charakter des Kampfes offen proklamierte.
(Engels, ebenda)

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Hellmann
03.10.2008, 09:46
Das mit „I. Bourgeois und Proletarier“ überschrieben Kapitel des Kommunistischen Manifestes ist unbestritten das Meisterwerk von Marx und Engels, auch wenn Mehring Kritiker erwähnt, „die durch Herausreißen einzelner Sätze haben beweisen wollen, daß die Verfasser des »Manifestes« Carlyle oder Gibbon oder Sismondi oder wen sonst bestohlen hätten“.

Manifest der Kommunistischen Partei
...
I. Bourgeois und Proletarier

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen wieder besondere Abstufungen. Die aus dem Untergange der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.

Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.

Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst.

Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus. Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.

Quelle: http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/volltext/Marx-Engels_1848--90~Das_Kommunistische_Manifest.html

Was uns noch heute dieses Kapitel so aktuell erscheinen lässt, war die für damalige Verhältnisse übertrieben dargestellten Erfolge der kapitalistischen Entwicklung.

Bei Abfassung des »Manifestes« sahen sie die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise auf einer Höhe, die sie heute kaum erreicht hat. Schärfer noch als das »Manifest« selbst sprach es Engels in seinem Entwurfe aus, wo es heißt, daß in den zivilisierten Ländern fast alle Arbeitszweige fabrikmäßig betrieben würden, daß fast in allen Arbeitszweigen das Handwerk und die Manufaktur durch die große Industrie verdrängt worden seien.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_116.htm#Kap_8

Das Manifest war also so etwas wie „Jules Verne“ in richtiger Vorherahnung der industriellen Entwicklung.

In eigentümlichem Gegensatze dazu standen die verhältnismäßig dürftigen Ansätze von Arbeiterparteien, die das »Kommunistische Manifest« erst zu verzeichnen wußte. Selbst die bedeutendste, der englische Chartismus, war noch stark von kleinbürgerlichen Elementen durchsetzt, geschweige denn die sozialistisch-demokratische Partei Frankreichs. Die Radikalen in der Schweiz und diejenigen polnischen Revolutionäre, denen die bäuerliche Emanzipation als Vorbedingung der nationalen Befreiung galt, waren doch erst nur Schattenbilder an der Wand.
(ebenda)

Mehring weist hier richtig darauf hin, dass die von bürgerlichen Autoren vielkritisierte angebliche „Verelendungstheorie“ des Manifestes seinerzeit in vielen Schriften und nicht zuletzt mit dem sogenannten „Bevölkerungsgesetz von Malthus“ von bürgerlichen Ökonomen vertreten wurde.

Natürlich hatten auch die bürgerlichen „Verelendungstheorien“ keinen anderen Zweck als die „wissenschaftliche“ Apologie der herrschenden Verhältnisse zu liefern und Forderungen sowie politische Anstrengungen zur Änderung dieser Verhältnisse zu entmutigen.

Genau diesen Stiefel haben sich, wie Mehring mutig betont, auch Marx und Engels hier angezogen.

Es stand noch auf dem Standpunkt des Lohngesetzes, wie es Ricardo an der Hand der Malthusischen Bevölkerungstheorie entwickelt hatte; es urteilte deshalb zu geringschätzig über die Lohnkämpfe und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter, in denen es wesentlich nur die Exerzierplätze und Manöverfelder des politischen Klassenkampfes sah. In der englischen Zehnstundenbill erkannten Marx und Engels damals noch nicht wie später den »Sieg eines Prinzips«; unter kapitalistischen Voraussetzungen war sie in ihren Augen nur eine reaktionäre Fessel der großen Industrie. Genug, das »Manifest« kannte noch nicht Fabrikgesetze und Gewerkschaftsorganisationen als Etappen des proletarischen Emanzipationskampfs, der die kapitalistische in die sozialistische Gesellschaft umwälzen und bis an sein letztes Ziel durchgekämpft werden muß, wenn nicht auch die ersten, mühsam eroberten Erfolge verlorengehen sollen.
(ebenda)

Man kann dem Kommunistischen Manifest ablesen, wie das Herz der Autoren für die Fortschritte der Bourgeoisie schwärmt, den Kampf um die Interessen der Arbeiter dagegen als aussichtslose, ja reaktionäre und vor allem natürlich unwissenschaftliche Standwpunkte denunziert.

Mit voller Klarheit trat die Ansicht der Verfasser in den Sätzen hervor, die von den Aufgaben der kommunistischen Partei in Deutschland handeln. Das »Manifest« befürwortete hier den gemeinsamen Kampf des Proletariats mit der Bourgeoisie, sobald diese revolutionär auftrete, gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei, wobei jedoch keinen Augenblick unterlassen werden dürfe, bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten.
(ebenda)

Das stand natürlich im Widerspruch zu den reaktionären preußischen Kräften, die ja die Arbeiter gegen die Bourgeoisie mobilisierten. Aber Politik ist manchmal etwas verworren, sogar für die unmittelbar Beteiligten, und häufig sorgen die Ereignisse für neue Konsequenzen.

Die bürgerliche Revolution in Deutschland folgte dem »Manifest« nun zwar auf dem Fuße, aber die Bedingungen, unter denen sie sich vollzog, hatten gerade die umgekehrte Wirkung: sie ließen die bürgerliche Revolution auf halbem Wege stehen, bis wenige Monate später die Pariser Junischlacht der Bourgeoisie und namentlich der deutschen Bourgeoisie alle revolutionären Gelüste austrieb.
(ebenda)

In diesem ersten Kapitel finden wir bereits die absurde Hoffnung, dass die brutalen Handels- oder besser Wirtschaftskrisen das Vorzeichen der großen und endgültigen Revolution wären.

Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert…
http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/volltext/Marx-Engels_1848--90~Das_Kommunistische_Manifest.html

Ob Marx und Engels damals schon die monetären Ursachen der Krisen bekannt waren, kann ich nicht belegen. Spätestens zum Thema Peelsche Bankakte im Kapital wussten auch Marx und Engels um die geldpolitische Verursachung dieser Krisen. Im Gegensatz zu anderen Themen aus dem Kapital wird die Geldpolitik der Bank von England mit den daraus folgenden Krisen von den Marxisten bis heute tabuisiert, obwohl sie dazu aus dem Kapital zitieren könnten.

Es war also nicht allgemeine Überproduktion die Ursache der Krisen, sie kamen auch nicht unerwartet und unvermeidbar, sie waren allenfalls ein Resultat der bestehenden Geldordnung und des Bankensystems. Oft genug waren die Krisen für die Durchsetzung von ökonomischen wie politischen Interessen eingesetzt, nicht zuletzt auch zur Lohnsenkung und Schaffung einer „industriellen Reservearmee“ – wie Marx das nennen sollte – von Arbeitslosen zur Disziplinierung der Arbeiter.

Dem brutalen Werk dieser Krisen und der Verelendung der betroffenen Arbeiter haben die Marxisten dann bis heute blöde grinsend zugeschaut, in der Illusion, ein Vorspiel ihrer Weltrevolution erleben zu können.

Wer mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik die Krisen beenden wollte, geriet in den Verdacht, ein Reaktionär zu sein, der den Kapitalismus vor seinem unvermeidbaren Zusammenbruch zu bewahren suche.

Hellmann
03.10.2008, 10:01
Das Kapitel „II. Proletarier und Kommunisten“ ist ein Stilbruch und geht auf die ursprünglich gedachte Form eines Katechismus mit Fragen und Antworten zurück. Stellenweise kann man die Sätze noch heute zitieren:

Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt.

Ihr werft uns mit einem Wort vor, daß wir euer Eigentum aufheben wollen. Allerdings, das wollen wir.
(ebenda)

Allerdings war damals, angesichts des elenden Lebens der lohnabhängigen Arbeiter, eine solche Zurückweisung der uns bis heute bekannten bürgerlichen Entrüstung über die Aufhebung des Privateigentums auch kein großer Gedankensprung.

Eure Ideen selbst sind Erzeugnisse der bürgerlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse, wie euer Recht nur der zum Gesetz erhobene Wille eurer Klasse ist, ein Wille, dessen Inhalt gegeben ist in den materiellen Lebensbedingungen eurer Klasse.
(ebenda)

Manche Stellen im Manifest wären immer noch lehrreich für die Massen, aber spätestens mit dem Kapital hat die marxistische Lehre dann von den besten Stellen des alten Manifestes „abstrahiert“ und sich nur mehr der hirnrissigen „Wertkritik“ gewidmet.

Im Kapitel „III. Sozialistische und kommunistische Literatur“ beginnt dann doch wieder der so beliebte wie bekannte und eigentlich zentrale Kampf gegen die Genossen.

Denn lieber sollten die Arbeiter sich doch mit der Bourgeoisie verbünden, wo diese „revolutionär“ war, als zum Beispiel mit den Vertretern des alten Feudalsystems, die angesichts der vom Besitzbürgertum geschaffenen bestialischen Lebensverhältnisse der Arbeiter Klagen erhoben hatten.

Die französische und englische Aristokratie war ihrer geschichtlichen Stellung nach dazu berufen, Pamphlete gegen die moderne bürgerliche Gesellschaft zu schreiben. In der französischen Julirevolution von 1830, in der englischen Reformbewegung war sie noch einmal dem verhaßten Emporkömmling erlegen. Von einem ernsten politischen Kampfe konnte nicht mehr die Rede sein. Nur der literarische Kampf blieb ihr übrig…

Den proletarischen Bettelsack schwenkten sie als Fahne in der Hand, um das Volk hinter sich her zu versammeln. Sooft es ihnen aber folgte, erblickte es auf ihrem Hintern die alten feudalen Wappen und verlief sich mit lautem und unehrerbietigem Gelächter…

Übrigens verheimlichen sie den reaktionären Charakter ihrer Kritik so wenig, daß ihre Hauptanklage gegen die Bourgeoisie eben darin besteht, unter ihrem Regime entwickle sich eine Klasse, welche die ganze alte Gesellschaftsordnung in die Luft sprengen werde.

Sie werfen der Bourgeoisie mehr noch vor, daß sie ein revolutionäres Proletariat, als daß sie überhaupt ein Proletariat erzeugt.
(ebenda)

Auch der kleinbürgerliche Sozialismus wolle nur die unvermeidbare Entwicklung aufhalten und sei reaktionär:

In Ländern wie in Frankreich, wo die Bauernklasse weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, war es natürlich, daß Schriftsteller, die für das Proletariat gegen die Bourgeoisie auftraten, an ihre Kritik des Bourgeoisregimes den kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Maßstab anlegten und die Partei der Arbeiter vom Standpunkt des Kleinbürgertums ergriffen. Es bildete sich so der kleinbürgerliche Sozialismus. Sismondi ist das Haupt dieser Literatur nicht nur für Frankreich, sondern auch für England…

Seinem positiven Gehalte nach will jedoch dieser Sozialismus entweder die alten Produktions- und Verkehrsmittel wiederherstellen und mit ihnen die alten Eigentumsverhältnisse und die alte Gesellschaft, oder er will die modernen Produktions- und Verkehrsmittel in den Rahmen der alten Eigentumsverhältnisse, die von ihnen gesprengt wurden, gesprengt werden mußten, gewaltsam wieder einsperren. In beiden Fällen ist er reaktionär und utopistisch zugleich.
(ebenda)

Die naheliegende Frage, was denn die moderne Industrie in der Gewalt des Besitzbürgertums dem Menschen wirklich gebracht hat, diese Frage wurde von Marx und Engels nie gestellt. Ohne die englische Textilindustrie wären die Kinder nicht in dreckigen Lumpen Tag und Nacht in der Fabrik um ihr Leben gebracht worden.

Die von Marx und Engels gepriesenen Produktionssteigerungen kamen bei den Arbeitern nicht an, hatte die englische Kolonialherrschaft doch die Textilproduktion in Indien zerstört, wohin jetzt der Ausstoß der englischen Fabriken geliefert wurde. Es war absurd und widersinnig und alles andere als eine notwendige Entwicklung von Ökonomie und Gesellschaft, gegen die sich nur Reaktionäre stemmen.

Der „deutsche oder der wahre Sozialismus“ sei eine Sache von Schöngeistern.

Die sozialistische und kommunistische Literatur Frankreichs, die unter dem Druck einer herrschenden Bourgeoisie entstand und der literarische Ausdruck des Kampfs gegen diese Herrschaft ist, wurde nach Deutschland eingeführt zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie soeben ihren Kampf gegen den feudalen Absolutismus begann.

Deutsche Philosophen, Halbphilosophen und Schöngeister bemächtigten sich gierig dieser Literatur und vergaßen nur, daß bei der Einwanderung jener Schriften aus Frankreich die französischen Lebensverhältnisse nicht gleichzeitig nach Deutschland eingewandert waren. Den deutschen Verhältnissen gegenüber verlor die französische Literatur alle unmittelbar praktische Bedeutung und nahm ein rein literarisches Aussehen an. Als müßige Spekulation über die Verwirklichung des menschlichen Wesens mußte sie erscheinen.
(ebenda)

Die muss man natürlich alle vor den Kopf stoßen, weil es sicher realistisch ist anzunehmen, dass ein Industrieproletariat , vom Besitzbürgertum gezwungen jenseits menschlicher Würde und Gestalt zu leben, eines Tages die Fähigkeit besitzen würde, diese Verhältnisse der Unterdrückung und Ausbeutung endgültig umzustürzen.

Über diese Prognose des Marxismus hat die Bourgeoisie gelacht.

Dieser deutsche Sozialismus, der seine unbeholfenen Schulübungen so ernst und feierlich nahm und so marktschreierisch ausposaunte, verlor indes nach und nach seine pedantische Unschuld.

Der Kampf der deutschen, namentlich der preußischen Bourgeoisie gegen die Feudalen und das absolute Königtum, mit einem Wort, die liberale Bewegung wurde ernsthafter.
Dem »wahren« Sozialismus war so erwünschte Gelegenheit geboten, der politischen Bewegung die sozialistischen Forderungen gegenüberzustellen, die überlieferten Anatheme gegen den Liberalismus, gegen den Repräsentativstaat, gegen die bürgerliche Konkurrenz, bürgerliche Preßfreiheit, bürgerliches Recht, bürgerliche Freiheit und Gleichheit zu schleudern und der Volksmasse vorzupredigen, wie sie bei dieser bürgerlichen Bewegung nichts zu gewinnen, vielmehr alles zu verlieren habe.
(ebenda)

Ja nun, wir kennen die bürgerliche „Pressfreiheit“ als die Freiheit der Klasse der Besitzbürger, ihre Interessen jeden Tag in den Massenmedien zu verbreiten; um vom bürgerlichen Recht oder gar von Freiheit und Gleichheit gar nicht zu reden.

Der deutsche Sozialismus vergaß rechtzeitig, daß die französische Kritik, deren geistloses Echo er war, die moderne bürgerliche Gesellschaft mit den entsprechenden materiellen Lebensbedingungen und der angemessenen politischen Konstitution vorausgesetzt, lauter Voraussetzungen, um deren Erkämpfung es sich erst in Deutschland handelte.

Er diente den deutschen absoluten Regierungen mit ihrem Gefolge von Pfaffen, Schulmeistern, Krautjunkern und Bürokraten als erwünschte Vogelscheuche gegen die drohend aufstrebende Bourgeoisie.

Er bildete die süßliche Ergänzung zu den bittern Peitschenhieben und Flintenkugeln, womit dieselben Regierungen die deutschen Arbeiteraufstände bearbeiteten.
Ward der »wahre« Sozialismus dergestalt eine Waffe in der Hand der Regierungen gegen die deutsche Bourgeoisie, so vertrat er auch unmittelbar ein reaktionäres Interesse, das Interesse der deutschen Pfahlbürgerschaft. In Deutschland bildet das vom 16. Jahrhundert her überlieferte und seit der Zeit in verschiedener Form hier immer neu wieder auftauchende Kleinbürgertum die eigentliche gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände.

Seine Erhaltung ist die Erhaltung der bestehenden deutschen Zustande. Von der industriellen und politischen Herrschaft der Bourgeoisie fürchtet es den sichern Untergang, einerseits infolge der Konzentration des Kapitals, anderseits durch das Aufkommen eines revolutionären Proletariats. Der »wahre« Sozialismus schien ihm beide Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er verbreitete sich wie eine Epidemie.
(ebenda)

Sogar ein Teil der Bourgeoisie – Vertreter des „konservativen oder Bourgeoissozialismus“ - hat sich angesichts der zum Himmel schreienden Verhältnisse dazu entschlossen, den Kampf gegen die von Marx und Engels für unabwendbar und fortschrittlich erklärten Zustände aufzunehmen.

Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern.

Es gehören hierher: Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeoissozialismus ausgearbeitet worden. Als Beispiel führen wir Proudhons »Philosophie de la misère« an. Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervorgehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente. Sie wollen die Bourgeoisie ohne das Proletariat…

Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.
(ebenda)

Nur würde es halt bis zur Weltrevolution selbst im besten Fall etwas dauern; sollte man da jede Verbesserung und Milderung der Verhältnisse zum Wohle der Arbeiter als reaktionär denunzieren?

Enden wir hier mit dem sogenannten „kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus“, der nicht auf die Entfaltung der revolutionären Klasse des Proletariats durch das ungehemmte Elend hoffen möchte.

Wir reden hier nicht von der Literatur, die in allen großen modernen Revolutionen die Forderungen des Proletariats aussprach. (Schriften Babeufs usw.)

Die ersten Versuche des Proletariats, in einer Zeit allgemeiner Aufregung, in der Periode des Umsturzes der feudalen Gesellschaft direkt sein eignes Klasseninteresse durchzusetzen, scheiterten notwendig an der unentwickelten Gestalt des Proletariats selbst wie an dem Mangel der materiellen Bedingungen seiner Befreiung, die eben erst das Produkt der bürgerlichen Epoche sind. Die revolutionäre Literatur, welche diese ersten Bewegungen des Proletariats begleitete, ist dem Inhalt nach notwendig reaktionär. Sie lehrt einen allgemeinen Asketismus und eine rohe Gleichmacherei.

Die eigentlich sozialistischen und kommunistischen Systeme, die Systeme St-Simons, Fouriers, Owens usw. tauchen auf in der ersten, unentwickelten Periode des Kampfs zwischen Proletariat und Bourgeoisie, die wir oben dargestellt haben. (S[iehe] Bourgeoisie und Proletariat.)

Die Erfinder dieser Systeme sehen zwar den Gegensatz der Klassen wie die Wirksamkeit der auflösenden Elemente in der herrschenden Gesellschaft selbst. Aber sie erblicken auf der Seite des Proletariats keine geschichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politische Bewegung.

Da die Entwicklung des Klassengegensatzes gleichen Schritt hält mit der Entwicklung der Industrie, finden sie ebensowenig die materiellen Bedingungen zur Befreiung des Proletariats vor und suchen nach einer sozialen Wissenschaft, nach sozialen Gesetzen, um diese Bedingungen zu schaffen.
(ebenda)

Nun, wo der Leser erwarten sollte, gute Gründe für die Entfaltung der revolutionären Kräfte des Industrieproletariats unter der ungehemmten Herrschaft der Bourgeoisie genannt zu erhalten, endet das Kommunistische Manifest.


Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Wie wir heute nach 150 Jahren wissen, ist vom Proletariat noch immer keine Revolution mit der Überwindung des ganzen Elends zu erhoffen.

Jedem Bourgeois war das schon klar.

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Hellmann
09.10.2008, 17:14
Die europäische Wirtschaftskrise von 1847


Häufig werden die Missernten der Jahre 1845 und 1846 für die folgende Krise verantwortlich gemacht. 1845 hatte die Kartoffelfäule die Ernte dezimiert und 1846 dann ein Kälteeinbruch im Sommer die schlechteste Getreideernte seit 100 Jahren verursacht. Nach zeitgenössischen Berichten verhungerten 2 Millionen Menschen in Europa, während die schlechte Ernte für steigende Preise und für Spekulationen mit diesen steigenden Preisen sorgte. 1846 wurde in England der Einfuhrzoll auf Weizen aufgehoben und so der Preisanstieg etwas gedämpft; als im Jahr 1847 aber die beste Ernte seit 100 Jahren eingebracht werden konnte, sanken die Preise schnell und viele Spekulanten verloren ihr Geld.

Gleichzeitig war auch überall die Spekulation mit Eisenbahnpapieren zusammengebrochen, die im Frühjahr 1847 ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Die dritte und wohl wichtigere Ursache der europäischen Krise von 1847, die wohl von England ausging oder dort zumindest ihr Zentrum hatte, wird häufig ausgeblendet: die Geldpolitik!

In England war im Jahr 1844 mit Sir Robert Peels „Bank Charter Act“ eine künstliche gesetzliche Vorschrift zur Verknappung der Geldversorgung der britischen Wirtschaft vom Parlament beschlossen worden, die sich verschärfend auf jede deflationäre Rezession auswirken musste.

Weil unter Marxisten von Geldpolitik so selten die Rede ist, will ich zu diesem Thema Marx zitieren, der die monetären Ursachen der Krisen natürlich spätestens mit diesem Text aus dem Jahr 1857 kannte – als gerade die zweite Krise nach dem Vorbild des Jahres 1847 in England die Aufhebung dieser Peelschen Bankakte erzwang.

Karl Marx

Der Bankakt von 1844 und die Geldkrise in England

Geschrieben am 6. November 1857.
Aus dem Englischen.

("New-York Daily Tribune" Nr. 5176 vom 21. November 1857, Leitartikel)


Was die Notenreserve angeht und die maßgebliche Rolle, die sie auf dem Londoner Geldmarkt spielt, so muß man kurz auf Sir Robert Peels Bankakt von 1844 hinweisen, der nicht nur England, sondern auch die Vereinigten Staaten und den gesamten Weltmarkt beeinflußt. Unterstützt von dem Bankier Loyd, dem jetzigen Lord Overstone, und einer Anzahl weiterer einflußreicher Männer, beabsichtigte Sir Robert Peel mit seinem Act, ein selbsttätiges Prinzip für die Papiergeldzirkulation einzuführen, wodurch sich diese genau wie nach den Gesetzen einer reinen Metallgeldzirkulation ausdehnen und zusammenziehen müßte; und alle Geldkrisen würden somit, wie er und seine Anhänger behaupteten, für alle kommenden Zeiten abgewendet werden.
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_314.htm

Natürlich war die Behauptung der Currency-Schule, Bankenpaniken wie 1825 würden durch die Bankakte verhindert, dummes Geschwätz. Richtig ist, dass es sich bei der Bankakte um eine automatische Verschärfung von Deflationskrisen handelt, weil die Ausgabe von Banknoten nicht der aktuellen Entscheidung überlassen bleibt, sondern eben per Gesetz eingeschränkt wird. Andererseits war es sinnvoll, die Geldpolitik in Zukunft durch die Bank von England politisch und zentral zu steuern und nicht dem „freien Spiel der Kräfte“ irgendwelcher Privatbanken zu überlassen, wie es die Vertreter der Bankfreiheits-Schule forderten.

Eine so knappe wie treffende Darstellung finden wir hier:

Die nach Robert Peel, Premierminister von England, benannte Peelsche Bankakte (engl. Peel´s Act) von 1844 ist ein Gesetz, das vordergründig die Organisationsstruktur der Bank of England reformierte und zur Grundlage des Goldstandards sowie zum Vorbild der Währungsgesetzgebung des 19. Jh.s wurde. Das Gesetz beendete mit der Wiedereinführung der Goldwährung eine einmalige Experimentier- und Reformphase in der englischen Währungspolitik und richtete sich an den Forderungen der Currency-Theorie aus.

Kern des Gesetzes ist die Teilung der Bank of England in zwei Abteilungen: eine von den Direktoren geleitete Bank-Abteilung, die weiterhin frei von staatlichen Restriktionen ihre Bankgeschäfte abwickeln konnte, und eine Notengeld-Abteilung, deren fiduziäre (nicht durch Metall gedeckte) Notenemission kontingentiert wurde. Ziel war eine Geldmengenbewegung nach den Regeln einer reinen Metallwährung, sodass die Ausgabe von Banknoten nur entsprechend dem Metallbestand der Noten-Abteilung verändert werden konnte. Mit dieser restriktiven Gesetzgebung glaubte man das Ideal einer "liberalen Währungspolitik" zu verwirklichen, indem man die Währungspolitik nun automatisch auf die scheinbar natürlichen Erfordernisse des Zahlungsbilanzausgleichs ausrichtete.

Das Ausbleiben eines Zusammenbruchs der Zahlungsmittel- und Kreditversorgung Großbritanniens wurde im Wesentlichen durch zwei Umstände verhindert: zum einen durch den Pragmatismus der Regierung, Bestimmungen (vor allem die Deckungsvorschriften) der Peelschen Bankakte in den folgenden Geldkrisen aufzuheben, zum anderen durch das "Versehen", das Buchgeld - gemäß der Currency-Theorie - nicht als Geld zu betrachten, was es erlaubte, das knappe Notengeld durch Schecks und Wechsel zu ersetzen.
http://www.muenzen-lexikon.de/lexikon/p/pp056.html

An den Sorgen der „Liberalen“ um die Wertbeständigkeit ihres Geldes hat sich ja bis heute nichts geändert, so dass wir das Motiv zum Beschluss derartig restriktiver Bankgesetze nicht erst erforschen müssen.

Die Liberalen waren nach dem Ende des Krieges gegen Napoleon daran interessiert, dass die mit einem derartigen Krieg oder auch nur mit einer florierenden Konjunktur verbundene Inflation möglichst brutal rückgängig gemacht wird. Das geht nur über geldpolitisch verursachte Wirtschaftskrisen, Massenerwerbslosigkeit und dadurch sinkende Löhne und Preise.

Für die Deflationskrisen sollte die Peelsche Bankakte automatisch sorgen, also auch der Bank von England per Gesetz jede Maßnahme zur Verhinderung oder wenigstens Linderung der Krisen verbieten.

Die Peelsche Bankakte war so eine Art „Geldmengenregel“ nach dem heute für die weltweite Rezession der 1980er Jahre (ausgelöst durch die Hochzinspolitik des Paul Volcker in der US-Notenbank) berüchtigten Milton Friedman und seinen „Monetaristen“, die ja auch nur mit Wirtschaftskrisen die Inflation verhindern wollen und natürlich ebenfalls behaupten, dass es mit ihrer monetaristischen Geldpolitik keine Wirtschaftskrisen mehr geben würde, wenn man sich vorher genau an ihre Ideen halte.

Eine derartige „Geldmengenregel“ ist natürlich dumm und passt sich nicht den gerade wichtigen ökonomischen Verhältnissen an, wozu es eben ehrenwerte Notenbanker bräuchte, die es im Kapitalismus selbstverständlich auch nicht gibt. Man steht also vor der Wahl, mit einem durch Gesetze erzwungenen Automatismus die Ökonomie in Krisen zu treiben, die es eigentlich nicht bräuchte, oder die Auslösung von Deflationskrisen den Notenbankern zu überlassen, die dabei vielleicht ganz eigennützige und absonderliche – auch politische – Ziele verfolgen.

Robert Peel war der Sohn eines der reichsten Textilfabrikanten der frühen industriellen Revolution; als Innenminister hatte er 1823 mit seinem ersten Bankgesetz die Goldeinlösepflicht durch die Bank von England wieder eingeführt, die aus Anlass des Krieges gegen Napoleon im Jahr 1797 abgeschafft worden war; von 1841bis1846 war er britischer Premierminister, so dass die Bankakte von 1844 nach ihm benannt wurde.

Peels persönlicher Hintergrund war also die Tragödie der einfachen englischen Bürger. Man hatte einst das Agrarland der britischen Bevölkerung weggenommen und in Schafweiden verwandelt, die Menschen dadurch zu hungernden, „freien“ Proleten gemacht, die sich ihren Lebensunterhalt unter heute unvorstellbaren Bedingungen in Bergwerken und Fabriken verdienen mussten und von dem Lohn schlechter leben konnten und in schlimmeren Lumpen herumliefen, als vorher - ohne industrielle Revolution und britische Textilindustrie - in ihren Dörfern mit den zum Anbau von Nahrung genutzten Wiesen und Äckern und selbstgefertigter Kleidung.

Das war die industrielle Revolution und der ganze Gewinn für die Kapitalisten beruhte darauf, die um diesen Preis an menschlichem Elend in England erzeugten Textilien nicht an die eigene Bevölkerung gegen vorher gezahlten Lohn verkaufen zu müssen, sondern ins Ausland zu exportieren. Dafür durfte das Lohn- und Preisniveau im Inland nicht sehr steigen, um immer konkurrenzfähig zu bleiben, weshalb die Liberalen auch den Zoll auf Kornimporte aufheben wollten, würden damit doch die Arbeiter von noch weniger Lohn leben und die Agrarflächen in England noch mehr der Wollerzeugung dienen können.
Jedenfalls sind seit diesen Zeiten Liberalismus und Deflationismus wie siamesische Zwillinge untrennbar miteinander verwachsen.

Die aus diesen Exportinteressen entstandenen Gesetze mussten vorhersehbar für die lohnabhängigen Arbeiter grauenhafte Krisen erzwingen, was Marx bekannt war, auch wenn die Marxisten solche Textstellen bis heute ungern diskutieren und noch in keiner aktuellen Wirtschaftskrise erst einmal die Zinsen senken und eine expansive Geldpolitik betreiben möchten.

In normalen Zeiten wird der Höchstsatz der Noten, die die Bank legal ausgeben darf, niemals von der tatsächlichen Zirkulation absorbiert - eine Tatsache, die hinreichend durch die fortlaufende Existenz einer Notenreserve in der Kasse des Bank-Departments während solcher Perioden bewiesen ist. Man kann diese Wahrheit bestätigt finden, indem man die Berichte der Bank von England von 1847 bis 1857 vergleicht, oder sogar, indem man den Betrag der Noten, die von 1819 bis 1847 tatsächlich zirkulierten, mit dem vergleicht, der nach dem legal festgelegten Höchstsatz eigentlich hätte umlaufen können. In schwierigen Zeiten, wie 1847 und jetzt, werden die Auswirkungen eines Abflusses von Edelmetallen durch die willkürliche und absolute Trennung zwischen den beiden Departments desselben Unternehmens künstlich verschlimmert, wird das Ansteigen der Zinsen künstlich beschleunigt, droht die Aussicht auf Zahlungsunfähigkeit nicht als Folge der wirklichen Zahlungsunfähigkeit der Bank, sondern der fiktiven Zahlungsunfähigkeit eines ihrer Departments.
(Marx, ebenda)

Die Krise verschärft sich also sehr schnell, was der Zweck solcher Gesetze war; dumm nur, dass man die Krise dann nur noch beenden kann, indem diese Gesetze schließlich außer Kraft gesetzt werden. Man wollte ja nicht wirklich den britischen Kapitalismus ruinieren, sondern mit den Krisen regelmäßig die Löhne und Preise senken, um sich den für den ganzen Profit entscheidenden Exportüberschuss zu erhalten.

Die Ereignisse nehmen dann ihren vorhersehbaren Lauf:

Wenn die wirkliche Geldnot somit durch eine künstliche Panik verschärft worden ist und in ihrem Gefolge eine genügende Anzahl Opfer gefallen sind, dann wird der Druck der Öffentlichkeit auf die Regierung zu stark, und das Gesetz wird gerade in der Periode aufgehoben, zu deren Überwindung es geschaffen worden ist und in deren Verlauf es überhaupt nur irgendeine Wirkung hervorbringen kann. So begaben sich am 23. Oktober 1847 die führenden Bankiers aus London zur Downing Street, um dort Abhilfe durch Aufhebung des Peelschen Akts zu verlangen. Lord John Russell und Sir Charles Wood richteten daraufhin an den Gouverneur und an den Stellvertretenden Gouverneur der Bank von England einen Brief, in dem sie ihnen empfahlen, die Ausgabe der Noten zu erhöhen und somit das legale Zirkulationsmaximum zu überschreiten, während sie selbst die Verantwortung für die Verletzung des Gesetzes von 1844 auf sich nahmen und sich bereit erklärten, beim Zusammentreten des Parlaments eine Indemnitäts-Bill einzureichen. Dieselbe Farce wird diesmal wieder aufgeführt werden, nachdem die Verhältnisse dasselbe Niveau erreicht haben, auf dem sie in der am 23. Oktober 1847 endenden Woche standen, als eine gänzliche Einstellung jeglicher Geschäftstätigkeit und aller Zahlungen unmittelbar bevorzustehen schien.
(Marx, ebenda)

Nachdem Marx schon die Krisen von 1847 und 1857 bereits im Jahr 1857 völlig zutreffend analysiert hat, muss man sich gerade wundern, warum davon so wenig die Rede ist und wie sogar Marxisten die monetären Zusammenhänge hinter den wiederkehrenden Absatzkrisen nicht zu kennen scheinen, obwohl Marx daraus kein Geheimnis gemacht und sie schon 1857 in einem Leitartikel der „New-York Daily Tribune“ deutlich beschrieben hat.

Im Jahr 1866, noch einmal fast ein Jahrzehnt später, kam es zur dritten Suspendierung des Peelschen Bankakts, worüber wir uns wieder bei Marx informieren können, der darüber im Zusammenhang mit seiner später noch zu behandelnden Agitation gegen Russland geschrieben hat.

("The Diplomatic Review" vom 2. Dezember 1868)

Herrn Gladstones Brief vom 11. Mai 1866 suspendierte den Bankakt von 1844 unter folgenden Bedingungen:

1. Der Mindestdiskontsatz sollte auf 10 Prozent erhöht werden.

2. Wenn die Bank die gesetzlich festgelegte Beschränkung ihrer Notenemission überschreitet, sollte der Gewinn aus einer solchen Mehremission von der Bank an die Regierung überwiesen werden.

Demzufolge erhöhte die Bank ihren Mindestdiskontsatz auf 10 Prozent (d.h. auf 15 bis 20 Prozent für die gewöhnlichen Kaufleute und Fabrikanten) und verletzte nicht den Buchstaben des Gesetzes von 1844, soweit es die Notenemission anbelangt.

Herrn Gladstones Brief suspendierte daher den Peelschen Bankakt in solcher Weise, daß dessen schlimmste Folgen beibehalten, ja sogar künstlich verstärkt wurden. Ähnliches kann man weder dem Brief von Sir G. C. Lewis aus dem Jahre 1857 noch dem Brief Lord John Russells von 1847 nachsagen.

Nachdem also der Mindestdiskontsatz von 10 Prozent mehr als drei Monate gehalten worden war, folgte die unvermeidliche Reaktion. Von 10 Prozent ging der Mindestsatz rapide auf 2 Prozent zurück, und dies ist auch vor wenigen Tagen noch der offizielle Banksatz gewesen. Unterdes waren alle englischen Wertpapiere, Eisenbahnaktien, Bankaktien, Bergwerksaktien, alle Arten inländischer Investments außerordentlich im Wert gesunken und wurden sorgsam gemieden. Sogar die Konsols fielen. (Einmal, während der Panik, verweigerte die Bank die Zahlung von Darlehen auf Konsols.) Da war die Stunde für Auslandsinvestments gekommen. Auf dem Londoner Markt wurden ausländische Regierungsanleihen zu den günstigsten Bedingungen abgeschlossen. An erster Stelle stand eine russische Anleihe von 6 Millionen Pfund Sterling. Diese russische Anleihe, die einige Monate zuvor an der Pariser Börse jämmerlich gescheitert war, wurde jetzt an der Londoner Börse als Gottesgabe begrüßt. Vergangene Woche erst hat Rußland eine neue Anleihe von 4 Millionen Pfund Sterling aufgelegt. Im Jahre 1866 brach Rußland, genau wie jetzt (9. November 1868), fast unter der Last finanzieller Schwierigkeiten zusammen, die infolge der Agrarrevolution, welche es jetzt durchmacht, einen höchst erschreckenden Charakter angenommen haben.

Daß Rußland auf dem englischen Geldmarkt Tür und Tor geöffnet werden, ist noch das wenigste, was der Peelsche Bankakt für Rußland tut. Dieses Gesetz liefert England, das reichste Land der Welt, buchstäblich der Gnade der Moskowiter Regierung aus, der zahlungsunfähigsten Regierung Europas.
http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_334.htm

Die Geldpolitik und ihre Auswirkungen für Konjunktur und Beschäftigung sollten also für Marxisten eigentlich kein Rätsel mit unlösbaren Siegeln sein.

Hellmann
09.10.2008, 17:31
In Frankreich, wo im Februar 1848 die erste Revolution ausbrechen sollte, hatte es ebenfalls 1847 eine Finanzkrise gegeben.

The crisis which burst in 18 47 exposed that difficult adaption of financial structures to the needs of the new industrial economy. A series of bankruptcies struck private banks and companies. The Bank of France, whose gold reserves diminished by two-thirds in a few months, could only meet its liabilities by borrowing from English banks and raising its discount rate from 4% to 5%. The immediate effect of that credit crisis that gripped the heavy sector weighted down on the mass of investments in plants and borrowing, then those of the associated industries, and finally halting construction. The government of Louis Philippe postponed spending a billion francs of public works, the equivalent of five hundred million days of work. Between 1847 and the beginning of 1848 the value of the production of heavy metals diminished by a third and then by a half. In its wake, mining receded by 20%. And as the value of product was reduced, some fixed costs remained. Despite the lower turn over and profit, certain element s of the cost of production, rents, taxes, interest on invested capital persisted.
http://www.ohiou.edu/~Chastain/dh/feco.htm

Öffentliche Arbeiten im Umfang von 2 Millionen Mannjahren und eine antizyklische Finanzpolitik zur Linderung der Krisen waren also längst vor der „Entdeckung“ des Keynesianismus dem französischen König Louis Philippe eingefallen.

Die Marxisten freilich wollen bis heute davon nichts wissen, denn seit dieser Zeit hält sich die Hoffnung, dass eine Depression der Ökonomie die beste Ausgangslage für revolutionäre Erfolge wäre. Man übersieht dabei allerdings, dass sowohl die Krise das Werk des „Liberalismus“ war, als auch die Revolutionen dessen Ziele verfolgten. Die Krisen wie die Revolutionen dienten den Zielen der Liberalen. Und warum kam es gerade in England mit all seinem Massenelend zu keiner Revolution?

Anders in Frankreich mit der Februarrevolution:

The wave of bankruptcies worried the bourgeoisie. The most wealthy certainly attributed the difficulties to the government's lack of foresight, obstinately refusing any reform. Workers and peasants all felt the effects of the rise in the price of bread, the decrease in wages (up to 30% in northern textile factories), and persistence of unemployment. The uprising of February 24 broke out in "victimized" France.

Revolution was welcomed with hope and fervor by workers, peasants, and the modest layers of the bourgeoisie. But, because it worried the possessors, it interrupted the timid economic recovery. The financial elite wanted to demonstrate that social agitation and proclamation of a republic impeded the business climate. A panic took hold of the bourgeoisie. Between February 24 and 27, prices collapsed on the stock exchange. Suddenly, from a fear of the future, the French hoarded gold. Clients rushed to the Bank of France to exchange their notes for gold; the balance fell from 226 million to 70 by March 4. It was necessary to suspend free exchange of bank notes and to raise the ceiling on emissions from 250 to 350 million. This led to a new cascade of private bank bankruptcies. Clients of savings banks could only withdraw a hundred francs in specie; the remainder was payable half in treasury notes and the balance converted to a permanent and non-refundable annuity.

In the climate of quasi-bankruptcy, the provisional government had to face the deficit left it by the July Monarchy (20% of the normal budget). It solicited voluntary contributions and launched a national loan, but without much success. On March 16 it was forced to increase direct taxes 45%. This did not assu re the indispensable immediate collection, but provoked immense popular resistance.
(ebenda)

Auch die deutsche Märzrevolution wird häufig im Zusammenhang mit der Krise von 1847 gesehen:

Ein unmittelbarer Vorbote der Märzrevolutionen im damaligen Zentraleuropa war das Krisenjahr 1847, dem eine schwere Missernte 1846 vorausging. In den deutschen Staaten bedeutete dies eine Verteuerung der Lebensmittel, daraus folgend Hungersnöte und Hungerrevolten in fast allen deutschen Staaten und Regionen. Viele auch ärmere, vom Pauperismus (vorindustrielle Massenarmut) betroffene Bevölkerungsschichten wie Arbeiter, verarmte Handwerker, Landarbeiter usw. schlossen sich, bedingt durch ihre soziale Not, daraufhin zunehmend den Forderungen demokratisch und liberal gesinnter Kreise an.
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Revolution_1848/49

In Preußen war es schließlich der hohe Finanzbedarf des staatlichen Engagements im Eisenbahnbau, wodurch der König Wilhelm IV. im Jahr 1847 gezwungen war, den Vereinigten Landtag, eine Versammlung aller preußischer Provinzialstände einzuberufen, weil nach dem Staatsschuldengesetz aus dem Januar 1820 neue Staatsschulden nur mit einer „Garantie“ der Reichsstände aufgenommen werden konnten.

Als der Vereinigte Landtag regelmäßige Sitzungsperioden für seine Zustimmung zu den Krediten forderte, wurde er aufgelöst und kam danach nur noch einmal zusammen, um die Einberufung der Nationalversammlung zu beschließen.

Mit der Einberufung der Generalstände hatte einst die französische Revolution begonnen. :D

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Hellmann
17.10.2008, 16:35
Hintergründe der Februarrevolution in Frankreich


Das Revolutionsjahr 1848 begann mit der Februarrevolution in Frankreich, die zum auslösenden Ereignis für die Märzrevolution vor allem in den Ländern des Deutschen Bundes wurde.

Mit der Niederlage Napoleons war es in Frankreich zu einer Restauration der Monarchie der Bourbonen mit Ludwig XVIII. als König gekommen. Die überwiegenden und wesentlichen Teile der aus der Revolution stammenden Verfassung, Verwaltungsordnung und Eigentumsverhältnisse wurden dabei allerdings übernommen. Den „Weißen Terror“ der Royalisten gegen Revolutionsanhänger und Protestanten konnte der König aber nicht verhindern.

Nach Ludwigs Tod im Jahr 1824 folgte Karl X. auf dem Thron, der als letzter Bourbone durch die Julirevolution 1830 gestürzt wurde. Unter seiner Herrschaft, er war vorher der Führer der Ultraroyalisten gewesen, kam es zu einem wachsenden Einfluss von Jesuiten und Ultramontanen in Frankreich, absehbar sollte die Macht des Adels wiederhergestellt werden. Angesichts einer wachsenden liberalen Opposition bildete Karl X. eine „Regierung aus Priestern, durch Priester, für Priester“ (wiki), löste die protestierenden Kammern auf und setzte die Konstitution außer Kraft, weil in Neuwahlen vorhersehbar die Opposition gewonnen hätte.

Der von der Bourgeoisie angestiftete Aufstand von Handwerkern, Arbeitern und Studenten im Juli 1830 traf Karl X. völlig unvorbereitet und als Louis-Philippe, Herzog von Orléans, die französische Krone annahm, zog Karl X. sich ins Exil nach England zurück.

Damals hätte eine Ausrufung der Republik in Frankreich ein Eingreifen der Heiligen Allianz ausgelöst, so dass sich unter einer konstitutionellen Monarchie eines „Bürgerkönigs“ das Großbürgertum mit seinen Politikern wie Thiers und Guizot durchsetzte.

Francois Guizot war ein Schriftsteller, dem nicht nur das zynische Motto „bereichert Euch“ unter Louis-Philippe zugeschrieben wird, sondern zusammen mit dem Historiker Augustin Thierry auch die Idee, dass die Geschichte durch Klassenkämpfe bestimmt sei.

Augustin Thierry vertrat mit Francois Guizot die Auffassung, die Geschichte beruhe auf einer Abfolge von Klassenkämpfen. Karl Marx berief sich audrücklich auf beide. In der Thierryschen Version des Klassenkampfes kämpfte das Bürgertum, die Nachfahren der vor der germanischen Einwanderung nach Frankreich freien Kelten, gegen den Adel, die Nachfahren der fränkischen Eroberer. In der Französischen Revolution von 1789, so Thierry (und andere)befreiten sich die Bürger/Gallier von den Adeligen/Franken. Diese merkwüdige Verbindung des soziologischen Gedankens des Klassenkampfes mit älteren mythischen Vorstellungen über eine französische, eben gallische Urzeit, zu deren Verhältnissen man mit der Revolution und der Wiedergewinnung der keltischen Freiheit zurückkehrte, beherrschte die französische Geschichtsschreibung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
http://de.wikipedia.org/wiki/Augustin_Thierry

Der Bürgerkönig war der Sohn jenes „Philippe Égalité“, der vor der Revolution in Frankreich ein intimer Freund des Georg IV. von England und ein Feind des französischen Königs und vor allem der Königin geworden war, englischen Einfluss nach Frankreich gebracht hatte und im Juni 1789 jene 47 Adlige anführte, die sich vom Adel abspalteten und dem Dritten Stand anschlossen. Durch seine Heirat war „Philippe Égalité“ zum reichsten Mann Frankreichs geworden und der Hof sah das „Gold von Orléans“ als die treibende Kraft hinter den revolutionären Erhebungen in Frankreich; es soll allerdings Rivalitäten mit dem Führer der Freimaurer und auch sehr vermögenden Marquis de La Fayette gegeben haben.

Als Citoyen Égalité hatte er im Konvent für die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt, zur Zeit der Terrorherrschaft führte die Flucht seines Sohnes, des späteren Bürgerkönigs, zusammen mit dem General Dumouriez zu den Österreichern zur Verhaftung und Hinrichtung des Vaters im November 1793.
Maßgeblich für die Entscheidungen im Juli 1830 war neben dem schon erwähnten Thiers der Bankier Jacques Laffitte.

Laffitte war eines von zehn Kindern eines Zimmermanns. Er wurde Angestellter im Bankhaus von Perregaux in Paris. 1800 wurde er dort Partner, 1804 folgte er Perregeux als Leiter des Hauses. Perregaux, Laffitte et Cie. wurde eines der größten Geldinstitute in Europa. Laffitte wurde 1809 Mitglied des Aufsichtsrates, 1814 dann Präsident der Bank von Frankreich und Präsident der Handelskammer. Er stellte 1814 große Geldmengen für die Übergangsregierung zur Verfügung und für König Ludwig XVIII. während der „Hundert Tage“. Bei ihm hinterlegte Napoléon Bonaparte fünf Millionen Francs, bevor er Frankreich zum letzten Mal verließ.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Laffitte

In seinem Pariser Haus trafen sich die Anhänger der revolutionären Partei und als Präsident des Abgeordnetenhauses vereidigte er den Louis-Philippe. Die Revolutionen wurden von den großen Bankiers betrieben, die demonstrierenden Arbeiter waren nur ihr Werkzeug, was man unbedingt beachten sollte, ehe man mit Marx die Revolution von den Arbeitern erwartet.

Der Ruf des Mob in Paris nach dem Tod der gefangenen Minister von Charles X. fand seinen Höhepunkt in den Oktober-Unruhen, an denen auch moderatere Mitglieder der Regierung teilnahmen - einschließlich François Guizot, dem Duc de Broglie und Casimir Pierre Périer — um eine Regierungsübergabe an Minister zu verlangen, die das Vertrauen der revolutionären Partisanen hatten. Am 5. November wurde Jacques Laffitte Ministerpräsident ... Die angeklagten Minister wurden durch den Mut des Oberhauses und durch die National Guarde gerettet; aber ihre Sicherheit ging auf Kosten von Laffittes Popularität.
(ebenda)

Im März 1831 erfolgte der Rücktritt von Laffitte, der politisch diskreditiert und finanziell ruiniert war.

Das Großbürgertum erlebte einen Aufschwung unter Louis-Philippe, das Proletariat und die Bauernschaft zählten zu den Verlierern, soziale Probleme wurden ignoriert, was zu einer wachsenden Popularität des Charles-Louis-Napoléon Bonaparte, des späteren Napoleon III. - eines Neffen Napoleons, führte, der seiner Politik einen sozialen Anspruch gab.

Für die Verhältnisse in Frankreich unter Louis-Philippe ist der Dichter Heinrich Heine eine gute Quelle. Gegen die Presse wurde von der Justiz kaum eingeschritten - auch Karl Marx hätte wegen des „Vorwärts!“ Frankreich nicht verlassen müssen, alle anderen Verantwortlichen und Beteiligten blieben dort - und die Zeitungen konnten publizieren, wofür sie von ihren Geldgebern bezahlt wurden, ganz nach den Grundsätzen bürgerlicher Pressefreiheit.

Die preußische Pressezensur lobte Heinrich Heine im Vergleich zur Situation in Frankreich, waren die Zensoren doch hoch gebildete Leute, an deren Einsicht und Vernunft sich appellieren ließ, während die Presse in Frankreich allein dem Geschäftsinteresse der Geldgeber ausgeliefert war. Der Komponist und Bankierssohn Meyerbeer hatte die Gründung des „Vorwärts!“ finanziert, dessen Redakteur Börnstein noch als Pariser Korrespondent der Wiener „Allgemeine Theaterzeitung“ und anderer Blätter etwa in Frankfurt und vielen anderen deutschsprachigen Städten arbeitete, womit die Kompositionen gebührend gelobt wurden.

Heinrich Heine hat dies alles gut beschrieben:

Die französische Tagespresse ist gewissermaßen eine Oligarchie, keine Demokratie; denn die Begründung eines französischen Journals ist mit so vielen Kosten und Schwierigkeiten verbunden, daß nur Personen, die imstande sind, die größten Summen aufs Spiel zu setzen, ein Journal errichten können. Es sind daher gewöhnlich Kapitalisten oder sonstige Industrielle, die das Geld herschießen zur Stiftung eines Journals; sie spekulieren dabei auf den Absatz, den das Blatt finden werde, wenn es sich als Organ einer bestimmten Partei geltend zu machen verstanden, oder sie hegen gar den Hintergedanken, des Journal späterhin, sobald es eine hinlängliche Anzahl Abonnenten gewonnen, mit noch größerem Profit an die Regierung zu verkaufen. Auf diese Weise, angewiesen auf die Ausbeutung der vorhandenen Parteien oder des Ministeriums, geraten die Journale in eine beschränkende Abhängigkeit und, was noch schlimmer ist, in eine Exklusivität, eine Ausschließlichkeit bei allen Mitteilungen, wogegen die Hemmnisse der deutschen Zensur nur wie heitere Rosenketten erscheinen dürften. Der Redakteur en chef eines französischen Journals ist ein Kondottiere, der durch seine Kolonnen die Interessen und Passionen der Partei, die ihn durch Absatz oder Subvention gedungen hat, verficht und verteidigt. Seine Unterredakteure, seine Lieutenants und Soldaten, gehorchen mit militärischer Subordination, und sie geben ihren Artikeln die verlangte Richtung und Farbe, und das Journal erhält dadurch jene Einheit und Präzision, die wir in der Ferne nicht genug bewundern können. Hier herrscht die strengste Disziplin des Gedankens und sogar des Ausdrucks.
http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/lutetia11.shtml

Heine kannte sich in den Verhältnissen aus, war er doch selber auf die Zuwendungen seines Onkels Salomon, eines Bankiers in Hamburg, angewiesen, trotz der von der französischen Regierung - deren Ministerium Guizot – angewiesenen Unterstützung. Auch der Dichter kann nur erfolgreich sein, wenn er in den Salons verkehrt, was sich nicht unbedingt von selber bezahlt macht. Sogar der regelmäßige Besuch im Hause Rothschild in Paris scheint dem Heine kein Geld gebracht zu haben, obwohl es politisch und gesellschaftlich sich wichtig war, die Zeit und noch mehr die benötigten Mittel für den Umgang in diesen Kreisen aufzuwenden.

Die Familie Rothschild verdankte ihren ungeheuren Aufstieg dem Krieg Englands gegen Napoleon, der Finanzierung und Transaktion der gewaltigen Zahlungen Englands an die Truppen des Wellington in Spanien und vor allem an die englischen Verbündeten. Die Gelder sollten die zuletzt schnell gegen Napoleon vorrückenden Truppen schon erwarten, so dass die preußischen, russischen und österreichischen Truppen ständig gut versorgt waren und nicht auf Beschlagnahme und gar Plünderungen zu ihrer Versorgung angewiesen waren, was dem Napoleon zusätzliche Sympathien und Unterstützung eingebracht hätte.

Dank der Agenten Rothschilds flossen die englischen Hilfsgelder sogar direkt über Paris, wo sich James Rothschild befand, nach Spanien, wobei sie in die jeweils lokal benötigten Währungen umgewechselt wurden. Ebenso die englischen Gelder, die über die Niederlande nach Preußen und Österreich verbracht wurden. Das englische Gold wurde also nicht nur mitten durch das französische Herrschaftsgebiet geleitet, sondern ganz nach dem momentanen Bedarf der englischen und verbündeten Truppen umgemünzt und den vorrückenden Verbänden ausgehändigt oder gleich in die benötigten Waren umgesetzt.

Der umfangreiche Transfer von Gold und Gütern war der französischen Polizei nicht verborgen zu halten. Sogar Napoleon selber wurde von seinem Marschall Davout gewarnt, hat das Problem aber anscheinend für nicht weiter wichtig gehalten. Die Rothschilds hatten anscheinend Rückhalt durch den französischen Finanzminister Graf von Mollien, dem sie entweder erfolgreich einreden konnten, sie würden zum Schaden Englands Gold von der Insel abziehen, oder aber, falls er dafür zu intelligent war, eine entsprechende Summe Bestechungsgelder für den Schutz vor massiven Nachforschungen der Polizei zukommen ließen, falls das überhaupt erforderlich war, weil man es womöglich ohne Bemühungen von James Rothschild längst mit einem britischen Agenten zu tun hatte .

The events of the French Revolution threatened at times to overwhelm Mollien. In 1794 he was brought before the revolutionary tribunal of Évreux as a suspect, and narrowly escaped the fate that befell many of the former farmers-general. He retired to England, where he observed the financial measures adopted at the crisis of 1796-1797.

After the coup d'état of 18 Brumaire (November 1799) he re-entered the ministry of finance, then under Gaudin, who entrusted to him important duties as director of the new caisse d'amortissement. Napoleon, hearing of his abilities, frequently consulted him on financial matters, and after the Proclamation of the Empire (May 1804) made him a councillor of state. The severe financial crisis of December 1805 to January 1806 served to reveal once more his sound sense.
Napoleon, returning in haste not long after the Battle of Austerlitz, dismissed Barbé-Marbois from the ministry of the treasury and confided to Mollien those important duties.

He soon succeeded in freeing the treasury from the interference of great banking houses. In other respects, however, he did something towards curbing Napoleon's desire for a precise regulation of the money market. The conversations between them on this subject, as reported in Mollien's Mémoirs, are of high interest, and show that the ministry had a far truer judgement on financial matters than the emperor, who often twitted him with being an ideologue.
http://en.wikipedia.org/wiki/Nicolas_Fran%C3%A7ois,_Count_Mollien

Immer wieder verwunderlich, mit welchem Vertrauen man Leute bis in höchste Positionen Karriere machen ließ, die sich in wichtigen Lebensabschnitten in England aufgehalten hatten und da Kontakte in maßgeblichen Kreisen gewonnen haben mussten.

Man muss sich überhaupt über manche Naivität wundern:

In the final years of the Napoleonic Wars, Napoleon allowed English smugglers entry into the French ports of Dunkirk and Gravelines, encouraging them to run contraband back and forth across the Channel. Gravelines catered for up to 300 English smugglers, housed in a specially constructed compound known as the ‘city of smugglers’. Napoleon used the smugglers in the war against Britain. The smugglers arrived on the French coast with escaped French prisoners of war, gold guineas, and English newspapers; and returned to England laden with French textiles, brandy, and gin. Smuggling remains a neglected historical subject, and this episode in particular – the relationship between English smugglers and the Napoleonic state between 1810 and 1814 – has attracted little scholarly interest. Yet it provides a rich historical source, illuminating not only the history of Anglo-French Channel smuggling during the early nineteenth century, but offering insights into the economic, social, and maritime history of the Napoleonic Wars.
http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract;jsessionid=79D1640792E8D18DA19775F DBA379D9F.tomcat1?fromPage=online&aid=1008272

Zu Rothschild und den britischen Hilfsgeldern lese man Baron Egon Caesar Corti „Der Aufstieg des Hauses Rothschild“.

http://books.google.co.uk/books?id=BBG5PI6EcFsC&pg=PA117&lpg=PA117&dq=%22John+Charles+Herries%22+rothschild&source=web&ots=nxV9zBDsJD&sig=3MqQ8gsujHR4UVvxc-2q9FbvjPA&hl=en&sa=X&oi=book_result&resnum=6&ct=result

Hellmann
17.10.2008, 16:38
Jedenfalls waren die Rothschilds nach der Niederlage Napoleons mit Geld und europaweiten Agentennetzen politisch sehr einflussreich, auch weiterhin wohl für britische Politik tätig. In Frankreich unter dem Bürgerkönig hatten sich allerdings zuletzt eher antisemitische Kräfte durchgesetzt, wie Heine hier noch zeigt:

Vorstehende Andeutungen befördern vielleicht das Verständnis mancher unbegreiflichen Erscheinungen, und ich überlasse es dem deutschen Leser, allerlei nützliche Belehrung daraus zu schöpfen. Zunächst aber mögen sie zur Aufklärung dienen, weshalb die französische Presse in betreff der Juden von Damaskus nicht so unbedingt sich zugunsten derselben aussprach, wie man gewiß in Deutschland erwartete. Ja, der Berichterstatter der »Leipziger Zeitung« und der kleineren norddeutschen Blätter hat sich keine direkte Unwahrheit zuschulden kommen lassen, wenn er frohlockend referierte, daß die französische Presse bei dieser Gelegenheit keine sonderliche Sympathie für Israel an den Tag legte. Aber die ehrliche Seele hütete sich wohlweislich, den Grund dieser Erscheinung aufzudecken, der ganz einfach darin besteht, daß der Präsident des Ministerkonseils, Herr Thiers, von Anfang an für den Grafen Ratti-Menton, den französischen Konsul von Damaskus, Partei genommen und den Redakteuren aller Blätter, die jetzt unter seiner Botmäßigkeit stehen, in dieser Angelegenheit seine Ansicht kundgegeben. Es sind gewiß viele honette und sehr honette Leute unter diesen Journalisten, aber sie gehorchen jetzt mit militärischer Disziplin dem Kommando jenes Generalissimus der öffentlichen Meinung, in dessen Vorkabinett sie sich jeden Morgen zum Empfang der Ordre du jour zusammen befinden und gewiß ohne Lachen sich einander nicht ansehen können; französische Haruspices können ihre Lachmuskeln nicht so gut beherrschen wie die römischen, von denen Cicero spricht. In seinen Morgenaudienzen versichert Herr Thiers mit der Miene der höchsten Überzeugung, es sei eine ausgemachte Sache, daß die Juden Christenblut am Paschafeste söffen, chacun à son goût, alle Zeugenaussagen hätten bestätigt, daß der Rabbiner von Damaskus den Pater Thomas abgeschlachtet und sein Blut getrunken – das Fleisch sei wahrscheinlich von geringern Synagogenbeamten verschmaust worden; – da sähen wir einen traurigen Aberglauben, einen religiösen Fanatismus, der noch im Oriente herrschend sei, während die Juden des Okzidentes viel humaner und aufgeklärter geworden und mancher unter ihnen sich durch Vorurteilslosigkeit und einen gebildeten Geschmack auszeichne, z.B. Herr von Rothschild, der zwar nicht zur christlichen Kirche, aber desto eifriger zur christlichen Küche übergegangen und den größten Koch der Christenheit, den Liebling Talleyrands, ehemaligen Bischofs von Autun, in Dienst genommen.
http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/lutetia11.shtml

Als sich Louis-Philippe zuletzt noch der Heiligen Allianz annäherte, die ja vorrevolutionäre Verhältnisse wieder herstellen wollte, wurden vom Großbürgertum die üblichen Maßnahmen für seinen Sturz getroffen.

Man forderte zunächst eine Reform des Wahlrechts, das in Frankreich ein Zensuswahlrecht war. Das Zensuswahlrecht begünstigt zwar die Reichen in einer Gesellschaft, aber ein allgemeines und gleiches Wahlrecht ist im Interesse jener winzigen Gruppe von Superreichen, die sich die vom einfachen Volk gewählten Parteien und Politiker um so leichter kaufen können, je ahnungsloser die von der Presse getäuschten Massen sind.

Bei einem Zensuswahlrecht dagegen hat man es doch eher mit einer gut informierten Schicht von Wählern und finanziell unabhängigen und womöglich unbestechlichen Politikern zu tun, weshalb also das wirklich mächtige Finanzkapital das allgemeine Wahlrecht bevorzugt, bei dem das eher gutinformierte und organisierte kleine und mittlere Bürgertum marginalisiert wird.

Als Louis-Philippe am 21. Februar ein Bankett zum Wahlrecht verbot, kam es zu Unruhen von Arbeitern und Studenten mit heftigen Straßen- und Barrikadenkämpfen. Schon am 24. Februar musste der Ministerpräsident Guizot zurücktreten und wenig später floh Louis-Philippe nach seiner Abdankung als König ins Exil nach England.

An der ersten Revolutionsregierung mussten zur Beruhigung der Straße auch linke Exponenten wie Luis Blanc beteiligt werden und jener Ferdinand Flocon, von dem Marx am 3. März eine Einladung nach Paris erhielt, nachdem eine Brüsseler „Association Démocratique“ unter dem Einfluss von Marx ein Grußschreiben an die neue provisorische Regierung in Paris verfasst hatte.

Wie sehr die politischen Verhältnisse von der geldpolitisch verursachten Absatzkrise beeinflusst waren, kann man an der Einrichtung von sogenannten „Nationalwerkstätten“ für die vielen Arbeitslosen gleich nach der Februarrevolution ersehen. Dabei wurden allerdings nicht die linken Ideen eines Louis Blanc verwirklicht, sondern das Großbürgertum suchte mit Arbeitsdisziplin die Aufrührer wieder von der Straße zu bekommen. Später wurde von der Reaktion auch in anderen Ländern behauptet, in den Nationalwerkstätten wären die Ideen des Luis Blanc und vieler anderer fortschrittlicher Kräfte zur Arbeitsbeschaffung in Krisenzeiten gescheitert, aber es war von vornherein nicht vorgesehen gewesen, mit den Nationalwerkstätten auf dem Markt konkurrenzfähige, produktive Betriebe aufzubauen.

Die Schließung der Nationalwerkstätten schon im Juni führte zu einem von Nationalgarde und Armee blutig niedergeschlagenen Aufstand der Arbeiter in Paris. Das Großkapital hatte in Frankreich vorerst gesiegt und brauchte die Arbeiter und Studenten nicht mehr.

Allerdings kam schon bei der Wahl im Dezember 1848 Luis Napoléon mit überwältigender Mehrheit ins Amt des Staatspräsidenten, weil er auch von den Arbeitern aus Rache am Bürgertum die Stimmen erhielt. Er sollte die Zweite Republik drei Jahre später im Dezember 1851mit einem Staatsstreich beseitigen und sich zum Kaiser Napoléon III. erklären lassen.

Hellmann
05.11.2008, 13:39
Revolutionsjahr 1848


Friedrich Engels ist eine brauchbare Quelle für die nun fast europaweit ausbrechenden revolutionären Aufstände und ihre Hintergründe in den einzelnen Ländern.

Für Belgien dokumentiert Engels die gewaltigen Ausmaße der Absatzkrise der Wirtschaft und der Einbrüche an den Börsen:

Die braven Bürger von Brüssel, die sich noch vor wenigen Tagen nicht scharf genug gegen jegliche Absicht verwahren konnten, dem Beispiel der Französischen Republik zu folgen, haben den Rückschlag der Pariser Finanzkrise zu spüren bekommen. Während sie noch gegen die politische Nachahmung zeterten, erlitten sie schon die finanzielle Nachahmung. Während sie noch Hymnen auf die belgische Unabhängigkeit und Neutralität sangen, fanden sie die Brüsseler Börse in vollkommenster und demütigendster Abhängigkeit von der Börse in Paris. Der Kordon von Truppen, der die Südgrenze besetzt hält, hat keineswegs die Baisse der Börsenpapiere daran gehindert, mit Paukenschlägen in das garantiert neutrale Gebiet Belgiens einzufallen.

Die Bestürzung, die auf dem Brüsseler Markt herrscht, hat in der Tat restlos alles erfaßt. Der Bankrott dezimiert den mittleren und den Kleinhandel, die Börsenpapiere finden keine Käufer mehr, die Notierungen sind rein nominell, das Geld verschwindet schneller noch als in Paris, der Handel stagniert völlig, und die meisten Fabrikanten haben bereits ihre Arbeiter entlassen. Hier einige Beispiele für die allgemeine Entwertung: Vor einigen Tagen bot ein Kaufmann 150 Aktien der Dendre-Eisenbahngesellschaft - Effekten, die vor der Februarrevolution an der Londoner Börse über pari gestanden hatten - je Aktie zu 100 Francs -, zum Verkauf an. Am ersten Tag lehnte er 45 Francs ab, am zweiten 35 Francs; am dritten verkaufte er sie zu 10 Francs pro Aktie! Grundstücke, die vor zwei Jahren für sechstausend Francs gekauft wurden, finden für ein Drittel dieser Summe keinen Käufer mehr.

Und in diesem Augenblick allgemeiner Panik fordert die Regierung zuerst einen Vorschuß von zwei Dritteln der direkten Steuern und dann eine Zwangsanleihe von fünfzig bis sechzig Millionen und jagt so den wegen des ständig wachsenden Budgets ohnehin unzufriedenen Steuerzahlern Angst und Schrecken ein.

Engels, Brüssel, 18. März http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_541.htm

Der Leser möge es mir nachsehen, dass ich das Auge nicht auf die Worte und Gesänge der Dichter von Freiheit und Demokratie richte, sondern auf die tiefere Ursache des Geschehens, die heute fast vergessen ist, aber damals natürlich kaum zu übersehen war.

Und in diesem Augenblick allgemeiner Panik fordert die Regierung zuerst einen Vorschuß von zwei Dritteln der direkten Steuern und dann eine Zwangsanleihe von fünfzig bis sechzig Millionen und jagt so den wegen des ständig wachsenden Budgets ohnehin unzufriedenen Steuerzahlern Angst und Schrecken ein.

Zustände dieser Art haben unsere braven Bürger dann doch davon überzeugt, daß ihre Begeisterung für die Monarchie ihnen weiter nichts eingebracht hat, als in die Unannehmlichkeiten, hervorgerufen durch die Lage in Frankreich, voll und ganz hineingezogen zu werden, ohne Nutzen aus den dort erkämpften Vorteilen ziehen zu können. Das ist der treibende Grund ihres erwachenden Republikanertums.

Mittlerweile sind die Arbeiter keineswegs ruhig. In Gent gab es mehrere Tage lang Unruhen; hier ist es vorgestern nach zahlreichen Ansammlungen von Arbeitern zu einer Petition an den König gekommen, die Leopold persönlich aus den schwieligen Händen, die sie ihm überreichten, entgegenzunehmen geruhte. Demonstrationen ernsteren Charakters werden nicht auf sich warten lassen. Mit jedem Tag werden zahlreiche Gruppen von Arbeitern aus dem Arbeitsprozeß ausgestoßen. Die Entwicklung der industriellen Krise braucht nur anzudauern, und die Geister in der Arbeiterklasse brauchen sich nur um ein weniges mehr zu erhitzen, dann wird die belgische Bourgeoisie, ganz wie die von Paris, schon ihre "Vernunftehe" mit der Republik eingehen.
(Engels, ebenda)

In der „Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ vom 23. Januar 1848 hatte Engels einen Überblick der europäischen Geschehnisse im Jahr 1847 geliefert und die zu erwartenden Ereignisse mit erstaunlicher Präzision angekündigt.

Gewiß, 1847 war das bewegteste Jahr, das wir seit langer Zeit gehabt haben. In Preußen eine Konstitution und ein Vereinigter Landtag, in Italien ein unerwartet schnelles Erwachen des politischen Lebens und allgemeine Bewaffnung gegenüber Östreich, in der Schweiz ein Bürgerkrieg, in England ein neues Parlament mit entschieden radikaler Färbung, in Frankreich Skandale und Reformbanketts, in Amerika Eroberung Mexikos durch die Vereinigten Staaten - das ist eine Reihe Veränderungen und Bewegungen, wie keins der letzten Jahre sie aufzuweisen hat.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_494.htm

Wegen eines verbotenen Wahlreformbanketts sollte es dann fast genau einen Monat später in Paris zu den großen Protesten und zum Sturz des Königs kommen.

Von den Bewegungen und Veränderungen des Jahres 1847 waren die bedeutendsten die in Preußen, in Italien und in der Schweiz.

In Preußen wurde Friedrich Wilhelm IV. endlich zu einer Konstitution gezwungen. Der unfruchtbare Don Quijote von Sanssouci kam nach langen Kämpfen und Wehen mit einer Verfassung nieder, die den Sieg der feudalistisch-patriarchalisch-absolutistisch-bürokratisch-pfäffischen Reaktion auf ewig sicherstellen sollte. Aber er hatte sich verrechnet. Die Bourgeoisie war schon mächtig genug geworden, um selbst in dieser Verfassung eine Waffe gegen ihn und sämtliche reaktionäre Klassen der Gesellschaft zu finden. Wie überall, fing sie auch in Preußen damit an, ihm die Gelder zu verweigern. Der König war in Verzweiflung. Man kann sagen, daß in den ersten Tagen nach den Geldverweigerungen Preußen gar keinen König hatte; es war in voller Revolution, ohne es zu wissen. Da kamen zum Glück die fünfzehn russischen Millionen und Friedrich Wilhelm wurde wieder König, die Bourgeois des Landtags knickten erschrocken zusammen, und die revolutionären Gewitterwolken verzogen sich.
(ebenda)

Die Krise zwang die Regierungen und Fürsten, um Kredite zu betteln; für Preußen sollten die Hoffnungen von Engels aber nicht eintreffen.

Die Frage, wer in Preußen herrschen soll, ob die Allianz zwischen Adel, Bürokraten, Pfaffen mit dem König an ihrer Spitze, oder die Bourgeoisie, ist jetzt so gestellt, daß sie für die eine oder die andere Seite entschieden werden muß. Auf dem Vereinigten Landtag war noch ein Vergleich beider Parteien möglich; jetzt ist er's nicht mehr. Es gilt jetzt einen Kampf auf Tod und Leben zwischen beiden...

Wir können also mit der größten Ruhe diese preußische Revolution abwarten. 1849 wird der Vereinigte Landtag wieder berufen werden müssen, der König mag wollen oder nicht. Bis dahin geben wir Sr. Majestät Frist, nicht länger. Dann wird er sein Zepter und seine berühmte "Ungeschwächte" an die christlichen und jüdischen Bourgeois seines Reichs abtreten müssen.
(Engels, ebenda)

Für England erwartet Engels sogar einen Sieg des Industriekapitals über das Finanzkapital und dessen Fassade, den britischen Hochadel:

In England herrschen einzelne Fraktionen der Bourgeoisie seit 1688; aber um sich die Eroberung der Herrschaft zu erleichtern, haben sie ihren von ihnen abhängigen Schuldnern, den Aristokraten, die nominelle Herrschaft gelassen. Während so der Kampf in England in Wirklichkeit ein Kampf zwischen einzelnen Fraktionen der Bourgeoisie selbst, zwischen Rentiers und Fabrikanten ist, können die Fabrikanten ihn für einen Kampf zwischen Aristokratie und Bourgeoisie, ja im Notfall für einen Kampf zwischen Aristokratie und Volk ausgeben. Die Fabrikanten haben kein Interesse, den Schein der Herrschaft der Aristokratie aufrechtzuerhalten, denn ihnen sind die Lords, Baronets und Squires keinen Heller schuldig. Aber sie haben ein großes Interesse, diesen Schein zu stürzen, weil mit diesem Schein den Rentiers der letzte Notanker verlorengeht. Das jetzige Bourgeois- oder Fabrikantenparlament wird dies tun. Es wird das alte, feudalistisch aussehende England in ein mehr oder weniger modernes, bürgerlich organisiertes Land verwandeln. Es wird die englische Verfassung der französischen und belgischen Verfassung annähern. Es wird den Sieg der englischen industriellen Bourgeoisie vollenden.
(ebenda)

Hellmann
05.11.2008, 13:53
Revolutionäre und Agenten brauchen Geld, wenn sie etwas bewirken sollen. Überall in den oben erwähnten Ländern waren jetzt unter verschiedensten Vorwänden Gelder zu den Leuten unterwegs und wie es der Zufall so trifft, traf zur richtigen Zeit auch bei Karl Marx eine große Summe ein:

Anfang Februar hatte er von seiner Mutter als Vorauszahlung auf sein Erbe 6000 Franc erhalten, eine immerhin so erstaunliche Summe, dass sie für die belgische Polizei Anlass war, über die Trierer Behörden seine alte Mutter einvernehmen zu lassen; deren artige Beteuerung, dies sei lediglich ein Betrag, um den der Sohn seit langem für den Unterhalt der Familie gebeten habe, konnte den Verdacht nicht ganz zerstreuen, dass das Geld für revolutionäre Umtriebe benutzt würde.
(Raddatz, a.a.O. Seite 107)

Marx zog mit dem Geld umgehend aus seiner Wohnung ins „Bois Sauvage“ und verteilte unter seinen Anhängern einige Summen zur Anschaffung von Waffen, was ganz im Gegensatz zu den späteren Bemühungen seiner Biographen steht, ihn als besonders besonnen und vernünftig in diesen unruhigen Zeiten darzustellen.

Von Engels haben wir eine knappe Beschreibung, wie der umfirmierte „Bund der Kommunisten“ jetzt endgültig unter das Diktat von Marx kam:

Die Februarrevolution brach aus. Sofort übertrug die bisherige Londoner Zentralbehörde ihre Befugnisse an den leitenden Kreis Brüssel. Aber dieser Beschluß traf ein zu einer Zeit, wo in Brüssel schon ein tatsächlicher Belagerungszustand herrschte und namentlich die Deutschen sich nirgends mehr versammeln konnten. Wir waren eben alle auf dem Sprung nach Paris, und so beschloß die neue Zentralbehörde, sich ebenfalls aufzulösen, ihre sämtlichen Vollmachten an Marx zu übertragen und ihn zu bevollmächtigen, in Paris sofort eine neue Zentralbehörde zu konstituieren. Kaum waren die fünf Leute, die diesen Beschluß (3. März 1848) gefaßt, auseinandergegangen, als die Polizei in Marx' Wohnung drang, ihn verhaftete und am nächsten Tage nach Frankreich abzureisen zwang, wohin er grade gehn wollte.
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Marx und seine Frau Jenny wurden für wenige Stunden festgenommen und es gibt von den Ereignissen solche theatralischen und wahrheitswidrigen Schilderungen, dass ein Historiker nicht zu beneiden wäre, der aus dem Zeugnis der Beteiligten nun herausfinden sollte, was wirklich vorgefallen war.

Belgien war 1815 auf dem Wiener Kongress den Niederlanden zugeschlagen worden. Erst 1830 wurde das Land durch die belgische Revolution unabhängig und gab sich eine parlamentarische Monarchie. Mit Leopold von Sachsen-Coburg war der Bruder der Mutter der britischen Königin Victoria vom belgischen Nationalparlament zum König vereidigt worden. Zwei Wochen später überfielen niederländische Truppen das Land und es kam zu einem achtjährigen Krieg bis im Jahr 1839 die belgische Unabhängigkeit von den Niederlanden zugestanden wurde.

Aus all diesen Gründen war Brüssel nach London die zweite Adresse für Revolutionäre in schwierigen Zeiten, wenn sogar in Paris Verhaftung drohte.

Der belgische König Leopold I. hatte 1848 geschickt reagiert, einerseits gleich dem Parlament seinen Rücktritt angeboten und die Revolutionäre aus dem Land getrieben. Vielleicht hatte sich auch die britische Königin Victoria bei ihren Leuten für den Bruder ihrer Mutter aus dem Hause Coburg eingesetzt. Jedenfalls blieb Leopold I. von den Revolutionären verschont.
Lassen wir hier noch einmal Mehring zu Wort kommen:

Am 24. Februar 1848 hatte die Revolution das französische Bürgerkönigtum gestürzt. Sie übte ihren Rückschlag auch auf Brüssel, doch wußte sich der König Leopold, ein mit allen Hunden gehetzter Coburger, geschickter aus der Klemme zu ziehen als sein Schwiegervater in Paris. Er versprach seinen liberalen Ministern, Abgeordneten und Bürgermeistern, die Krone niederzulegen, wenn die Nation es wünsche, und rührte dadurch die gemütvollen Staatsmänner der Bourgeoisie so sehr, daß sie auf alle rebellischen Gedanken verzichteten.

Danach ließ der König die Volksversammlungen auf den öffentlichen Plätzen durch seine Soldaten auseinandertreiben und eine polizeiliche Hetze gegen die fremden Flüchtlinge eröffnen. Gegen Marx wurde dabei mit besonderer Roheit verfahren; man verhaftete nicht nur ihn, sondern auch seine Frau, die man für eine Nacht mit öffentlichen Dirnen zusammensperrte. Der Polizeikommissar, der die Infamie verschuldet hatte, wurde später abgesetzt, und die Haft mußte sofort aufgehoben werden, doch blieb es bei der Ausweisung, die im übrigen eine überflüssige Mißhandlung war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_1

Nach Raddatz (S.109) hat Madame Jenny Marx dem Gefängniswärter aber sogar ein „reichliches Trinkgeld“ für ihre bevorzugte Behandlung gegeben und der oben erwähnte Polizeikommissar ist wohl ein Opfer der politisch gebotenen Darstellung in der Presse der „Misshandlung“ der Familie Marx durch die belgische Polizei geworden.

Bei Marx liest sich das in einem Brief an die Pariser Zeitung „La Réforme“ dann so:

Unter dem Vorwand der Landstreicherei wird meine Frau ins Gefängnis des Rathauses abgeführt und mit Straßenmädchen zusammen in einen dunklen Saal gesperrt. Um elf Uhr morgens wird sie am hellichten Tage in Begleitung einer ganzen Eskorte von Gendarmen in das Amtszimmer des Untersuchungsrichters geführt. Zwei Stunden lang wird sie trotz schärfsten Einspruchs von allen Seiten in Einzelverwahrung gehalten. Dort verbleibt sie, ausgesetzt der ganzen Unbill der Jahreszeit und den schamlosesten Reden der Gendarmen.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_536.htm

Nach Raddatz (S. 109) konnte der Concierge des Gefängnisses dem Wunsch der Madame Marx nach einer Einzelzelle nicht sofort entsprechen, so dass sie für 15 Minuten in einer Gemeinschaftszelle warten musste, bis ihr eine Schlafstatt in einer Doppelzelle für sie allein hergerichtet war.

Marx reist also nach Paris, seine Familie kommt nach, Raddatz wundert sich über eine Anschrift:

Die nächste Adresse allerdings, nachdem Mitte März die Familie angekommen ist, liest sich seltsam, das Hotel Manchester, 1. Rue Gramont. Dort aber logierte ein Polizeirevier. Ein Hotel lässt sich nicht nachweisen. Hatte Freund Caussiedière eine Deckadresse besorgt?
(Raddatz, S. 110)

Wir wollen das aber im Trubel revolutionärer Ereignisse nicht überbewerten.

In Paris hatte sich bisher Engels aufgehalten und zu den politischen Kreisen von Heine über Luis Blanc und Ledru-Rollin bis zu Flocon und die Zeitschrift „La Réforme“ Kontakte geknüpft. Er erteilte von hier aus noch im Januar 1848 Ratschläge für den Regierungsagenten Bornstedt.

Tell Bornstedt: 1) In the matter of his subscriptions [to the Deutsche-Brüsseler-Zeitung], his attitude towards the workers here should not be so rigorously commercial, otherwise he'll lose them all; 2) the agent procured for him by Moses is a feeble Jeremiah and very conceited, but the only one who still will and can attend to the thing, so he had better not rub him up the wrong way…
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_01_14.htm

Engels geht nun zuerst nach Brüssel, wo er einige von Marx vergebene Hilfsgelder wieder einsammeln und verwenden soll.

Dear Engels,

Get Breyer to pay you the 100 francs which he solemnly promised me to repay within a week, get 30 from Gigot, 10 from Hess. I hope that, as things are now, Breyer will keep his promise.

Maynz will cash the bill for 114 fr. at Cassel’s and give you the money. Collect these various sums and use them.
They spoke kindly of you at the Réforme. Flocon is ill and I haven’t yet seen him…
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_03_12.htm

Wegen der wirtschaftlichen Lage waren einige politisch engagierte Leute unerwartet in Not geraten und Marx war mit seinen rechtzeitig erhaltenen 6000 Franc in der Lage, solche Leute als Bittsteller zu empfangen.

In Paris endete die Beziehung von Marx zu Bornstedt, der sich dem Republikanischen Komitee und der Deutschen Demokratischen Legion um den Dichter Herwegh anschloss, der dann mit seinen 900 Mann aus Frankreich der Badischen Revolution zu Hilfe eilt, aber am 27. April 1848 bei Dossenbach von Regierungstruppen besiegt wird und in die Schweiz fliehen muss.

Bornstedt and Herwegh are behaving like scoundrels. They have founded a black, red and gold association in opposition to us. The former is to be expelled from the [Communist] League today.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_03_16.htm

Mehring gibt in seiner Darstellung dem Bornstedt die ganze Schuld; wir müssen aber wohl besser annehmen, dass es das Interesse der französischen Regierung war, die vielen Ausländer loszuwerden.

Bereits am 6. März konnte Marx hier seine überlegene Einsicht bewähren, indem er sich in einer großen Versammlung der in Paris lebenden Deutschen dem abenteuerlichen Plan widersetzte, mit bewaffneter Hand nach Deutschland einzubrechen, um es zu revolutionieren. Ausgeheckt war der Plan durch den zweideutigen Bornstedt, dem es leider gelang, Herwegh dafür zu gewinnen. Auch Bakunin, der es später bereut hat, war damals dafür. Die provisorische Regierung unterstützte den Plan, nicht aus revolutionärer Begeisterung, sondern mit dem Hintergedanken, bei der herrschenden Arbeitslosigkeit die fremden Arbeiter loszuwerden; sie bewilligte ihnen Marschquartiere und eine Marschzulage von täglich 50 Centimes bis zur Grenze. Herwegh täuschte sich selbst nicht über ihr »egoistisches Motiv, viele tausend Handwerker, die den Franzosen Konkurrenz machen, loszuwerden«, aber bei seinem Mangel an politischem Blick trieb er das Abenteuer bis zum kläglichen Ende bei Niederdossenbach.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_1

Es war wohl weniger die „überlegene Einsicht“ als vielmehr alte Rivalität, die Marx und Engels dazu brachte, der französischen Regierung in Konkurrenz mit Herwegh zu Diensten zu stehen.

Unter diesen Umständen stifteten Marx und Engels in Paris einen deutschen kommunistischen Klub, worin sie den Arbeitern rieten, sich von dem Zuge Herweghs fernzuhalten, dagegen einzeln in die Heimat zurückzukehren und für die revolutionäre Bewegung zu wirken. So beförderten sie einige hundert Arbeiter nach Deutschland, für die sie durch Vermittlung Flocons dieselben Vergünstigungen erhielten, die der Freischar Herweghs von der provisorischen Regierung gewährt worden waren.

Auf diese Weise gelangte auch die große Mehrzahl der Bundesglieder nach Deutschland, und durch sie bewährte sich der Bund als eine treffliche Vorschule der Revolution. Wo die Bewegung irgendeinen kräftigen Aufschwung nahm, waren Bundesglieder ihre treibenden Kräfte: Schapper in Nassau, Wolff in Breslau, Stephan Born in Berlin, andere anderswo. Treffend schrieb Born an Marx: »Der Bund ist aufgelöst - überall und nirgends.«
(Mehring, ebenda)

Der Bund der Kommunisten war also praktisch erledigt, die Mitglieder zerstreut, das Ganze von der französischen Regierung finanziert.

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Hellmann
06.11.2008, 19:37
Der Kölner Arbeiterverein


In Paris blieb nichts mehr zu tun, aber in Köln hatten sich die Ereignisse zugespitzt.

Marx und seine näheren Freunde warfen sich ins Rheinland als den fortgeschrittensten Teil Deutschlands, wo ihnen der Code Napoléon obendrein ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit sicherte als das preußische Landrecht in Berlin. Es gelang ihnen, sich der Vorbereitungen zu bemächtigen, die in Köln von demokratischer und teilweise kommunistischer Seite für ein großes Blatt getroffen worden waren.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_1

Wenn man den Mehring etwas zwischen den Zeilen liest, ergibt das alles seinen Sinn.

In Köln hatte sich am 3. März, als der Gemeinderat eine Petition an den König richten wollte, eine große Menschenmenge auf dem Rathausplatz versammelt, deren Mehrheit aus Handwerkern und einfachem Volk bestand. Der Armenarzt Andreas Gottschalk überreichte dem Rat eine Liste mit den „Forderungen des Volkes“.

Das Kölner Bürgertum wurde am 3. März unerwartet mit Forderungen der Unterschicht konfrontiert, die nicht mit liberalen Interessen und Vorstellungen zu vereinbaren waren. Auch innerhalb des Bürgertums kam es zu einer Abspaltung eines demokratischen Lagers von den großbürgerlichen Liberalen, die bisher die Initiative hatten.

Angesichts der sozialen Lage und der Proteste des Volkes beschloss der Kölner Rat noch im März Notstandsarbeiten und eine Anleihe von 50.000 Thalern zur Beschäftigung der Arbeitslosen (Gisela Mettele, Bürgertum in Köln 1775-1870, Seite 298). Die großen Industriellen und Bankiers befürchteten eigentlich, dass soziale Unruhen und Forderungen der Unterschichten eine Hinwendung des Besitzbürgertums zum Absolutismus statt zu liberalen Reformen zur Folge haben würden.

Die rheinischen Banken waren durch die Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten. Abraham Oppenheim ersuchte über den Bankier und Industriellen Gustav Mevissen, der 1842 zusammen mit Ludolf Camphausen die Rheinische Zeitung gegründet hatte und jetzt in Berlin die Kölner Interessen verhandelte, um eine großzügige Kreditgewährung der Regierung an die Banken. Die rheinischen Bankiers und Industriellen drohten in Berlin mit einem Losreißen der Rheinprovinzen von Preußen, falls es nicht zu ausreichenden Maßnahmen der Regierung gegen die Finanzkrise kommen sollte(Mettele, S. 299).

http://books.google.de/books?id=mZBMrq5PFssC&pg=PA309&lpg=PA309&dq=%22Demokratische+Gesellschaft%22+Marx&source=web&ots=PoAXeGzLTc&sig=eQn0CpsJXUgMn5wAjPl6eOYM41s&hl=de#PPA299,M1

Am 29. März wurde Ludolf Camphausen zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Er ließ dann auch gleich Karl Marx wissen, dass er „ihn gern als Mitarbeiter in Berlin sehen“ würde (Raddatz, S. 43). Das Kabinett Camphausen war allerdings offensichtlich nur eine Übergangsregierung und Marx hat das Angebot bekanntlich als „Insinuation“ abgelehnt.

Genau an diesem 29. März erklärte sich das Kölner Bankhaus Schaaffhausen für zahlungsunfähig. Dabei kann spekuliert werden, ob die Insolvenz der Bank absichtlich zu diesem günstigen Zeitpunkt inszeniert wurde (siehe Mettele, S. 299), waren doch mit Camphausen und seinem Finanzminister David Hansemann genau die richtigen Leute an der Regierung, um sofort zur Abwendung der in Berlin in schwärzesten Farben geschilderten ökonomischen Folgen dieses Bankzusammenbruchs Staatsgarantien und eine vom Kölner Magistrat geforderte Liquiditätssoforthilfe in Höhe von 2 Millionen Talern zu geben und schließlich erstmals eine Bank in Form einer Aktiengesellschaft zu genehmigen, was die rheinischen Kapitalisten seit 1830 vergeblich von der preußischen Regierung gefordert hatten.

Die 1791 gegründete Privatbank von Abraham Schaaffhausen war eine der ersten Finanzquellen für die wachsende rheinisch-westfälische Schwerindustrie. In den 1840er-Jahren gehörte die Bank zu den wichtigsten Financiers der Industrie. Sie finanzierte zu dieser Zeit etwa 170 Fabriken, darunter Unternehmen wie Krupp, Hoesch, die Gutehoffnungshütte oder den Eschweiler Bergwerks-Verein. Ebenso war sie in Infrastrukturprojekten engagiert, beispielsweise in die Finanzierung der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft 1843.

Die Bank geriet jedoch 1848 in Liquiditätsnöte und musste am 29. März 1848 die Zahlungen einstellen. Unter Staatsgarantien, die auf Anraten des preußischen Finanzministers und späteren Gründers der Disconto-Gesellschaft, David Hansemann, gewährt wurden, wurde die Bank von anderen Bankiers unter Führung von Gustav Mevissen gerettet. Zu diesem Zweck genehmigte die preußische Regierung erstmals eine Bank in Form einer Aktiengesellschaft – den A. Schaaffhausen’schen Bankverein.
http://de.wikipedia.org/wiki/A._Schaaffhausen%27scher_Bankverein

Der oben erwähnte und zu dem Zeitpunkt gerade in Berlin weilende Gustav Mevissen war von 1848 bis 1857 Vorstand des Bankvereins. Er war erst 1841 nach Köln gezogen.

Zu den ersten Geschäften, an denen er sich beteiligte, gehörte 1842 die Gründung der Rheinischen Zeitung zusammen mit Ludolf Camphausen und anderen. Dabei mischten sich wirtschaftliches Streben und politische Ziele. Mevissen veröffentlichte in dem von Karl Marx als Redakteur geprägten Blatt selbst einige Artikel…

… Bereits in den 1830er Jahren sprach sich Mevissen für die Gründung von Aktiengesellschaften etwa zur Finanzierung von mechanisierten Flachsgarnspinnereien, in den frühen 1840er Jahren auch für Bergbauunternehmen und Banken aus. Er stieß damit allerdings noch auf den Widerstand der preußischen Bürokratie.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_von_Mevissen

Man kann den hier vor unseren Augen entstehenden „Marxismus“ nur vor dem Hintergrund von Persönlichkeiten wie Gustav Mevissen verstehen, weshalb ich dazu etwas ausführlicher werde.

Das Drängen nach einer Liberalisierung des politischen Systems ging dabei einher mit der Furcht vor einer Revolution der Unterschichten. Im Jahr 1845 schrieb Mevissen: „[…] dass die Zahl der Proletarier in allen Staaten der Gegenwart in einer höchst beunruhigenden Progression steigt: Die drohende Woge der rächenden Zukunft [wälzt sich] näher und näher auf das lebende Geschlecht.“

(ebenda)

Die „Forderungen des Volkes“ fanden bei Leuten wie Mevissen wenig Verständnis.

Die Nachrichten über Unruhen während der ersten Tage der Märzrevolution haben Mevissen stark beunruhigt. Auch in Köln wurden die führenden Liberalen von den Ereignissen überrascht. Am 3. März 1848 kam es zu einer Demonstration vor dem Kölner Rathaus, dabei wurden politische Reformen im demokratischen Sinne laut. Mevissen machte darin „Spuren einer communistischen Bewegung (aus, die sich) sehr drohend und unverhüllt gezeigt“ hätte. Noch sei diese nicht gefährlich, sie könne dies aber werden, wenn nicht rasch der Weg von Reformen eingeschlagen würde. Mevissen und andere Abgeordnete äußerten zwar ihren Abscheu über die Unruhen, verlangten aber auch die sofortige Widereinberufung des Vereinigten Landtages, um das Verfassungswerk zu vollenden.

(ebenda)

Man sorgte sich, dass das Besitzbürgertum im Angesicht der sozialen Unruhen wieder dem Absolutismus zuneigen könnte und die Liberalen ihre Unterstützung verlieren.

Auch zur Heidelberger Versammlung war Mevissen eingeladen worden, ist dieser aber aus Furcht vor weiteren Unruhen nicht gefolgt. Stattdessen lud er die rheinischen Abgeordneten zur Beratung der Lage nach Bonn ein. Die dortigen Beratungen zeigten zwar erhebliche Differenzen zwischen Hansemann und Mevissen, die einen entschiedeneren Weg einschlagen wollten auf der einen Seite und Camphausen auf den anderen Seite, aber der von diesem durchgesetzte Beschluss hatte keine praktische Wirkung, weil der Siebenerausschuss mit der Einberufung des Vorparlaments bereits neue Fakten geschaffen hatte und auch die Revolution auf den Straßen von Wien und Berlin ihn obsolet gemacht hatte. Die führenden rheinischen Liberalen reisten nach Berlin ab. Vor allem Mevissen und Beckerath setzten alles daran, den kurz zuvor ernannten Ministerpräsidenten Adolf Heinrich von Arnim-Boitzenburg zum Rücktritt zu bewegen und ein liberales Ministerium zu etablieren. Nur einen Tag nach seiner Ankunft schrieb Mevissen an seine Frau: „Nach sechsstündiger schwerer Geburt ist soeben ein Ministerium Camphausen ins Leben getreten.“

(wiki, ebenda)

Die Unruhen auf den Straßen hatten die Bildung der Regierung Camphausen beschleunigt.

Es war nicht zuletzt Mevissen zu verdanken, dass auch die radikaleren Liberalen diesen Kurs zunächst mittrugen. In die Konstituierungsphase der neuen Regierung platze die Nachricht vom Zusammenbruch der Schaaffhausener Bank. Mevissen befürchtete eine Gefahr für die Kreditfähigkeit des gesamten Staates und drängte Finanzminister Hansemann und Camphausen mit Erfolg zu staatlichen Interventionen. Abgesehen von Hilfen für die Bank, der er im Anschluss als Staatskommissar vorstand, setzte Mevissen direkte Hilfen für von der Wirtschaftskrise betroffene Unternehmen durch.

(wiki, ebenda)

Gustav Mevissen hat als echter Liberaler sofort reichlich Geld aus dem vermutlich nicht zufälligen Unglück der Schaaffhausener Bank geschlagen und Politik und Wirtschaft und den eigenen Beutel gleich im März 1848 unentwirrbar miteinander verstrickt.

An dieser Stelle, um das Thema danach wieder abzuschließen, etwas zu den Unterschieden in der Gesinnung der beiden Mäzene unseres Karl Marx.

So griffen die rheinischen Liberalen die obrigkeitsstaatliche Gängelung der Wirtschaft scharf an. Auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen sahen sie deutlicher als die süddeutschen Liberalen, die von einer klassenlosen Gesellschaft mittlerer Existenzen auf einer vorindustriellen Basis träumten, dass die Entwicklung in Richtung von Industrialisierung und sozialer Veränderung verlaufen würde. Während die süddeutschen Liberalen nicht selten die drohende Alleinherrschaft des Geldes befürchteten und für den Schutz des alten Gewerbes eintraten, sah Camphausen den Verfall der alten Handarbeit zu Gunsten der Industrie als unvermeidlich an. Dabei seien Pauperismus und Verarmung der Heimindustrie schmerzlich, aber für eine Übergangszeit unvermeidlich.

In Hinblick auf den politischen Einfluss der unteren Schichten gab es unterschiedliche Vorstellungen. Während etwa Mevissen sozialpolitisch orientiert war und sich für gleiche politische Rechte aussprach, setzten Camphausen und andere rheinische Liberale auf eine Begrenzung politischer Rechte. Im Jahr 1844 empörte sich Camphausen darüber, dass „den arbeitenden Klassen das Gefühl ihrer Rechte und der Gleichheit ihrer Stellung mit uns“ von demokratischen Intellektuellen „beizubringen“ versucht werde. Der starke demokratische und sozialistische Einfluss veranlasste Camphausen sich wieder von der Gründung eines lokalen Ablegers des Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen zurückzuziehen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf_Camphausen

Nach dem schlesischen Weberaufstand 1844 hatten Berliner Intellektuelle einen Hilfsverein ins Leben gerufen.

Die Vereinsgründung war eine direkte Reaktion auf den schlesischen Weberaufstand von 1844. Vor allem Lehrer aus Berlin, darunter der Armenschullehrer Ferdinand Schmidt und der Seminardirektor Adolph Diesterweg, gründeten vor dem Hintergrund der Zustände in den schlesischen Heimgewerbegebieten einen „Verein für die Hebung der unteren Klassen“. Die Ereignisse in Schlesien hätten nach Ansicht der Gründer gezeigt, dass die zunehmende Unruhe im Proletariat eine Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft darstelle…

Von Anfang an stießen die Bestrebungen des Vereins auf das Misstrauen der Obrigkeit. Aus der Perspektive der Polizeibehörden war die Beteiligung bekannter linker Junghegelianer wie Eduard Meyen und Adolf Rutenburg verdächtig. Da die Behörden eine Einwirkung im „kommunistischen Geist“ befürchteten, wurde dem Verein keine offizielle Zulassung erteilt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Centralverein_f%C3%BCr_das_Wohl_der_arbeitenden_Kl assen

Leute wie Mevissen haben dann im Gegensatz zu Camphausen eingesehen, dass den sozialen Unruhen mit sozialpolitischen Initiativen begegnet werden müsse. Das Großbürgertum hat sich dann der Sache angenommen.

An Stelle der Berliner Gründung erfolgte nunmehr die Gründung des Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen. Die Träger waren zum einen Mitglieder der hohen bildungsbürgerlichen Bürokratie, wie Georg Wilhelm von Viebahn, insbesondere aus dem preußischen Finanzministerium wie Robert von Patow und Wirtschaftsbürger und Unternehmer aus den preußischen Westprovinzen Rheinland und Westfalen. Für die Initiatoren war insbesondere der Widerspruch zwischen dem wirtschaftlichen Aufschwung, wie er sich gerade in der ersten Gewerbeausstellung des Zollvereins manifestiert hatte, und der Not und dem Elend in weiten Teilen der unteren Bevölkerungsschichten eine Motivation sich zu beteiligen. Der Centralverein war in Berlin angesiedelt. Darüber hinaus entstanden rasch in einigen Städten die ersten Lokalvereine. Zu diesen gehörten Elberfeld, Köln und Berlin.

Dennoch blieb die Sache umstritten.

Die Tätigkeiten des Vereins stießen in der Öffentlichkeit auf eine breite Resonanz. Selbst König Friedrich-Wilhelm IV. sprach der Organisation seine Anerkennung aus und stellte ihm für seine Projekte 15.000 Taler zur Verfügung.

Das preußische Innenministerium unter Adolf Heinrich Graf von Arnim-Boitzenburg sah aber auch in dieser großbürgerlichen Gründung eine Gefahr für die staatliche Ordnung. Tatsächlich gab es in manchen Lokalvereinen radikaldemokratische Strömungen. In Köln etwa war Friedrich Engels begeistert, dass die Hälfte des lokalen Komitees aus den „Unsrigen“ bestehe. Dennoch dominierte bei der Mehrzahl der etwa 30 Lokalvereine und dem Centralverein das gemäßigt liberale Besitz- und Bildungsbürgertum, das keineswegs die gesellschaftliche oder politische Ordnung als Ganzes in Frage stellte. Die Folge der Polizeibereichte war, dass der König seine Haltung änderte. Außerdem haben die Behörden die Genehmigung der Statuten immer wieder verschleppt, so dass eine offizielle Anerkennung auch 1848 noch nicht erfolgt war.

Dies änderte sich im Verlauf des Revolutionsjahres. Der Verein nahm unmittelbar nach dem Beginn der Märzrevolution seine Tätigkeit wieder auf.
(wiki, ebenda)

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Hellmann
06.11.2008, 19:48
Zurück nach Köln.

Am 13. April 1848 war dann der „Kölner Arbeiterverein“ gegründet und der Kölner Armenarzt Andreas Gottschalk von rund 300 Delegierten zu dessen Präsidenten gewählt worden.

Bereits zehn Tage nach der Gründungsversammlung gab der Kölner Arbeiterverein eine eigene Vereinszeitung, die Zeitung des Arbeitervereins zu Köln, die später in Freiheit, Brüderlichkeit, Arbeit umbenannt wurde, heraus. In ihr formulierte der Vorstand seine Forderungen nach mehr Beteiligung an betrieblichen Entscheidungsprozessen, einer gerechten sozialen Absicherung und der Etablierung wirksamer Arbeitsschutzgesetze. Neben der Vereinszeitung verfasste der Verein zahlreiche Petitionen, die zur Unterstützung des Ziels einer spürbaren Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter dienen sollten. Darüber hinaus artikulierte der Verein Forderungen nach der Einrichtung von Schiedsgerichten zur paritätischen Mitbestimmung in Betrieben und beschloss einen Boykott der seiner Meinung nach unfairen, weil indirekten Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung. Diese Forderungen und Veröffentlichungen brachten dem Verein viele Sympathien ein, sodass die Mitgliederzahl unterschiedlichen Quellen zur Folge auf bis zu 7000 Personen anstieg.
http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Arbeiterverein

Karl Marx, der seit dem 11. April in Köln war, und Friedrich Engels hatten sich nicht dem Verein der Arbeiter angeschlossen, sondern waren in die sogenannte „Demokratische Gesellschaft“ eingetreten, wo sie zusammen mit ihrem Anhang Heinrich Bürgers, Hermann Heinrich Becker und Wilhelm Wolff sogar dem Leitungsgremium der Demokratischen Gesellschaft angehörten.

Ursprünglich hatte das Kölner Bürgertum anlässlich der bevorstehenden Maiwahlen des Jahres 1848 ein „Zentrales Wahlkomitee“ gegründet, in dem sich liberale und demokratische Kräfte auf ein gemeinsames Programm einigten.

Dabei wurde ein 17-Punkte-Programm erarbeitet, das deutlich liberale Züge trug und keine Aussagen zu republikanischen Reformen traf. Dieses liberale Wahlprogramm führte dazu, dass sich die demokratischen Kräfte Kölns, die eine demokratische Staatsordnung anstrebten, nicht mehr vom Zentralen Wahlkomitee repräsentiert fühlten. In der Folge traten die demokratischen Mitglieder des Wahlkomitees am 18. April 1848 zurück und formierten sich zusammen mit anderen Mitgliedern am 25. April 1848 zur Demokratischen Gesellschaft.
http://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Gesellschaft

Die Demokratische Gesellschaft unterstützte zwar revolutionäre Forderungen nach vollständiger Volkssouveränität, jedoch keine Forderungen zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter, weil dies wieder den Interessen der beteiligten Bürger widersprochen hätte. Aus diesem Grund wurde ein vom Arbeiterverein angestrebtes Zusammengehen mit der Demokratischen Gesellschaft abgelehnt.

Man fragt sich nun, was Marx und Engels ausgerechnet in dieser Gesellschaft zu suchen hatten. Im Kölner Arbeiterverein war aber der Einfluss Gottschalks bis zu seiner Verhaftung im Juli zu groß, als dass Marx eine Chance für sich gesehen hätte. Allerdings waren Joseph Maximilian Moll, der 1847 in London in die Leitung des Bundes der Kommunisten gewählt worden war, und der schon mehrfach erwähnte Karl Schapper, in London der Vorsitzende des Kommunistischen Korrespondenzkomitees, Mitglied im Arbeiterverein geworden.

Durch sein Engagement geriet Gottschalk bald in Konflikt mit der durch Bildungs- und Wirtschaftsbürger dominierten protestantischen Gemeinde, die ihm vorwarfen durch seine materialistische Haltung den Armen die Hoffnung auf das Jenseits nehmen zu wollen.

Im Juni 1848 gehörte Gottschalk zu den Mitbegründern des Centralmärzvereins, dem Zusammenschluss demokratischer Vereine auf nationaler Ebene. Im Juli 1848 wurde er zusammen mit Fritz Anneke und Christian Joseph Esser erneut verhaftet. Aber erst im Oktober desselben Jahres kam es zu einem Prozess wegen Anstiftung zur gewaltsamen Änderung der Staatsordnung. Für die Staatsanwaltschaft völlig überraschend war, dass die Geschworene auf nicht schuldig plädierten. Unmittelbar darauf wurde Gottschalk freigelassen. Zunächst ging er nach Paris und Brüssel, kehrte aber bald nach Köln zurück. Dort hatte inzwischen Karl Marx die Führung im Arbeiterverein übernommen. Diesen nannte Gottschalk einen "gelehrten Sonnengott" und warf ihm vor "das Elend des Arbeiters, der Hunger des Armen hat für Sie nur wissenschaftliches, doktrinäres Interesse."
http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Gottschalk

Diesen Karl Marx muss die preußische Justiz ständig irgendwie übersehen haben in dieser von Verfolgungen und Verhaftungen so erfüllten Zeit.

Den erzwungenen Abschied von Andreas Gottschalk nutzten Karl Marx und seine Mitstreiter aus der Demokratischen Gesellschaft, um mehr Einfluss im KAV zu gewinnen. Bereits kurz nach Gottschalks Verhaftung wurde Joseph Maximilian Moll neuer Präsident des KAV und Karl Schapper sein neuer Stellvertreter. Mit dieser neuen Vereinsführung hielten die Ideen der Marx'schen Kommunisten Oberhand und es war eine deutliche Radikalisierung der Vereinsarbeit zu verzeichnen. Unter anderem bedingt durch diese Tatsache zeigte der KAV bei den Septemberunruhen des Jahres 1848 große Kampfesbereitschaft und beteiligte sich an der Errichtung von Barrikaden und der Vorbereitung eines bewaffneten Kampfes in Köln, zu dem es allerdings nie kam. In der Folge wurde Schapper inhaftiert und Moll floh nach London.
http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Arbeiterverein

Nun konnte kein anderer als Karl Marx selbst die Führung des Kölner Arbeitervereins übernehmen, selbstredend ohne von der preußischen Polizei belästigt zu werden, war er doch der Radikalste aller Arbeiterführer und damit für die politische Isolation des Kölner Arbeitervereins aktiv.

Um ein Zerfallen des Vereins zu vermeiden, versuchten die Mitglieder schnell einen neuen, reputablen Vorsitzenden zu finden. Im Oktober 1848 suchte eine Delegation des KAV Karl Marx auf und bot ihm den Vorsitz des Vereins an. Am 22. Oktober wurde Marx dann durch eine Generalversammlung des Vereins zum neuen Präsidenten ernannt. Unter strikter Beachtung des von ihm selbst entworfenen Weges zu einer kommunistischen Revolution entschloss sich Karl Marx alle marxistisch orientierten Vereine und Verbände, so auch den Kölner Arbeiterverein, nicht an den Zusammenschlüssen zur Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung teilnehmen zu lassen. Er befürchtete, dass dieser eher gemäßigt agierende Zusammenschluss dem Umsturzwillen in der Arbeiterschaft entgegen stehen könnte.

(wiki, ebenda)

Allerdings gab es schon auch Widerstand gegen die Machenschaften von Marx mit seinen Phrasen von wegen Kampfbereitschaft und Barrikadenbau.

Trotz weiterhin bestehender Kampfbereitschaft der Mitglieder kam im Verlauf des Jahres 1849 Kritik an der Vereinsführung auf. Immer mehr Arbeiter forderten eine Rückbesinnung auf die Interessen der Arbeiterschaft und eine Abkehr von den kommunistischen Umsturzideen. Diesem Wunsch folgend beschloss der Vereinsvorstand eine Anschließung an die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung, zu der es wegen des Scheiterns der Revolution nicht mehr kam.

(wiki, ebenda)

Marx hatte das Präsidentenamt im Februar 1849 an Karl Schapper – der nach den Septemberunruhen nur kurzzeitig inhaftiert und wieder auf freien Fuß gesetzt worden war - übergeben, der es drei Monate ausübte, danach folgte ein weiterer „Marxist“ als letzter Präsident des KAV. Unter dem Druck der repressiven Gesetze entstand im Oktober 1849 aus dem KAV ein Arbeiterbildungsverein, der sich schon 1850 auflösen sollte.

Wieder eine ursprünglich kraftvolle Vereinigung der Arbeiter und der armen Leute zur Vertretung ganz konkreter sozialer Forderungen gescheitert.

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Hellmann
09.11.2008, 15:22
Köln und die Rheinprovinz

und welchen Handel Camphausen und Mevissen in Berlin abgewickelt haben.

Um was es für Preußen im Jahr 1848 ging, kann man bei einem kurzen Blick auf eine Karte des Deutschen Bundes erkennen. Das war gefährlicher als kommunistische Ideen und davon durfte in der Presse kein Wort zu finden sein.

Jeder sehe selbst:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6c/Deutscher_Bund.png

Es war in Berlin von den Kreisen um Camphausen und Mevissen gedroht worden, die Rheinprovinzen von Preußen abzuspalten. Jeder Blick auf die Karte lässt den Betrachter mit der drängenden Frage zurück (die selbstverständlich kein bürgerlicher Historiker kennt), warum es zu dieser Abspaltung 1848 eigentlich nicht gekommen ist.

Es hätte nicht viel gefehlt und die zukünftige deutsche Hauptstadt wäre im wichtigsten Industriegebiet Deutschlands gelegen und würde Köln und nicht Berlin geheißen haben.

Camphausen und Mevissen und die Kreise um diese Männer haben ihren persönlichen Schnitt damit gemacht, dass sie genau das verhindert haben. Der preußische König war realistisch genug, die preußische Regierung in Berlin in die Hände des Kölner Klüngels zu legen, damit der sich persönlich dabei bereichert und es nicht zu einem Abfall der Rheinprovinz von Preußen kommt, der sich 1848 kaum hätte verhindern lassen.

Auf den kritischen Kritiker Karl Marx war Verlass: kein Wort würde man darüber in der Neuen Rheinischen Zeitung finden; er würde den Lesern höchstens die Werttheorie nahe bringen.

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Hellmann
12.11.2008, 12:35
„Neue Rheinische Zeitung“


Carl d'Ester war ein Armenarzt in Köln, der sich 1842 als Aktionär an der Gründung der „Rheinischen Zeitung“ beteiligt und an den „Montagskränzchen“ politischer Oppositioneller in Köln teilgenommen hatte, zusammen mit dem schon erwähnten Gustav Mevissen, Moses Hess und natürlich Karl Marx.

Trotz oder wegen der politischen Repressalien, die er sich mit seinem politischen Engagement 1846 zugezogen hatte, war Carl d´Ester in den Kölner Gemeinderat gewählt worden und gehörte zu der Delegation, die König Friedrich Wilhelm IV. am 18. März die Petitionen der Kölner überreichte.

Zu Beginn der Revolution von 1848 beteiligte sich d’Ester an der Mitgründung der demokratischen Gesellschaft in Köln. Im Frühjahr 1848 bereitete er zusammen mit Fritz Anneke, Heinrich Bürgers, Roland Daniels und Moses Hess die Herausgabe der Neuen rheinischen Zeitung vor.
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_d'Ester

Hier finden wir Marx noch nicht erwähnt, als dessen Kind die „Neue Rheinische Zeitung“ gewöhnlich immer dargestellt wird. Mehring, der es offenbar besser wusste, sei hier noch einmal zitiert:

Marx und seine näheren Freunde warfen sich ins Rheinland als den fortgeschrittensten Teil Deutschlands, wo ihnen der Code Napoléon obendrein ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit sicherte als das preußische Landrecht in Berlin. Es gelang ihnen, sich der Vorbereitungen zu bemächtigen, die in Köln von demokratischer und teilweise kommunistischer Seite für ein großes Blatt getroffen worden waren.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Z3

Mit „kommunistischer Seite“ ist wohl Fritz Anneke gemeint, bald erster Sekretär des Kölner Arbeitervereins, der zusammen mit Gottschalk verhaftet und so für das zweite Halbjahr 1848 politisch ausgeschaltet wurde.

Im April 1848 war Anneke Mitbegründer des Kölner Arbeitervereins und wurde dessen erster Sekretär. Als solcher wurde er gleichzeitig auch Mitglied des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten. In seiner politischen Arbeit stand Anneke zwischen Andreas Gottschalk und Karl Marx. Durch seine Tätigkeit als Sekretär fiel Anneke der Obrigkeit auf, und wurde am 3. Juli 1848 als staatsgefährdendes Element verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Doch nach einem aufsehenerregenden Prozess sprachen die Geschworenen Anneke am 23. Dezember 1848 frei.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Anneke

Schon erstaunlich, wegen was die Leute außer Marx so alle verhaftet und angeklagt und anders als Schapper nicht nach wenigen Tagen wieder freigelassen wurden.

Auf jeden Fall müssen die von Mehring erwähnten „Vorbereitungen … für ein großes Blatt“ in erster Linie dessen Finanzierung beinhaltet haben. Das nun wiederum heißt, dass die maßgeblichen Geldgeber der „Rheinischen Zeitung“ wohl auch mit ihrem Geld und Einfluss hinter der „Neuen Rheinischen Zeitung“ standen, auch wenn die beiden persönlich sicher keine Zeit mehr für das zweite Projekt hatten, weil der eine, Gustav Mevissen, gerade die Regierung Camphausen durchgesetzt hatte und der zweite, Ludolf Camphausen, damit preußischer Ministerpräsident geworden war.

Es sollte eigentlich keinen Zweifel geben, dass diese beiden mit ihrem Geld nun auch die “Neue Rheinische Zeitung“ möglich machten und ebenfalls dafür verantwortlich sind, dass kein anderer als Karl Marx der leitende Redakteur wurde und die Redaktion mit seinen Leuten besetzen konnte. Nach Raddatz (S. 115) „lehnte er jenes Angebot Camphausens ab, nach Berlin zu kommen“; wir dürfen vermuten, dass Marx dafür das Angebot annahm, als leitender Redakteur die geplante NRZ zu machen.

Von Mehring wird die Frage nach der eigentlichen Finanzierung der NRZ geschickt umgangen. Er schildert wahrheitsgemäß die blanke Unmöglichkeit, das Projekt mit dem Verkauf von Aktienanteilen an irgendwelche betuchten Bürger zu finanzieren.

Freilich blieben noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden; namentlich Engels erlebte jetzt die Enttäuschung, daß der Wuppertaler Kommunismus noch lange keine Wirklichkeit, geschweige denn eine Macht, sondern seitdem die Revolution sich leibhaftig gezeigt hatte, nur noch ein Gespenst von vorgestern war. Am 25. April schrieb er aus Barmen an Marx in Köln: »Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen ... Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei ... Aus meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt 1.000 Talern schickt er uns lieber 1.000 Kartätschkugeln auf den Hals.« Immerhin brachte auch Engels noch vierzehn Aktien auf, und vom 1. Juni ab konnte die »Neue Rheinische Zeitung« erscheinen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Z3

Mit den vierzehn Aktien von Engels wäre eine Tageszeitung mit einer für die damaligen Verhältnisse derart hohen Auflage von bis zu 6000 Exemplaren so wenig zu finanzieren gewesen, wie mit dem väterlichen Erbe des Karl Marx, auf das ihm angeblich eine Vorauszahlung von 6000 Franc im Februar zugeflossen war.

Flocon hatte Marx im Februar in Paris Geld für eine Zeitung angeboten, schreibt Raddatz (a.a.O. S. 111); Marx habe es abgelehnt, um unabhängig zu bleiben, meint Raddatz, aber ohne Zeitung kein Geld und Bornstedt, der die „Brüsseler-Deutsche-Zeitung“ organisiert hatte, war ja zu Herwegh übergelaufen oder hatte sich vielmehr wohl im Auftrag von Wien oder Berlin bei Herwegh eingeschlichen. Von der französischen Regierung dürfte Marx das benötigte Geld für die NRZ also auch nicht erhalten haben.

Vor allem aber hatten Marx und Engels sich mit den gerade verabschiedeten „17-Punkten“

http://www.mlwerke.de/me/me05/me05_003.htm

und schon vorher mit dem „Kommunistischen Manifest“ für bürgerliche Vorstellungen um jeden Kredit gebracht – falls die Bürger in Barmen, Elberfeld oder gar in Köln je davon erfahren sollten:

If even a single copy of our 17 points [Demands of the Communist Party in Germany] were to circulate here, all would be lost for us. The mood of the bourgeoisie is really ugly. The workers are beginning to bestir themselves a little, still in a very crude way, but as a mass. They at once formed coalitions. But to us that can only be a hindrance.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_04_25.htm

Ohne die Duldung der preußischen Regierung und ihrer Polizei hätte Marx niemals in der „Kölner Demokratischen Gesellschaft“ auftreten und sich sogar in deren Vorstand wählen lassen können, da hätte auch nur „eine einzige Kopie“ ihrer „Forderungen der kommunistischen Partei in Deutschland“ oder des kurz vorher in Umlauf gebrachten Kommunistischen Manifests gereicht, das Spiel der Täuschungen und Verstellungen zu beenden.

Da Marx und Engels also ohnehin nur durch Duldung der mit Kopien ihrer einschlägigen Schriften sicher versehenen preußischen Regierung und Polizei in Köln, getarnt als „Demokraten“, die „Neue Rheinische Zeitung“ herausgeben konnten, ist es einfach naheliegend und kaum anders vorstellbar, als dass sie es auch im Auftrag von Regierung und Geheimpolizei getan haben und finanziert durch den Ministerpräsidenten Camphausen und Gustav Mevissen.

Von Seiten des Armenarztes Gottschalk, der ein eigenes Blatt seines Arbeitervereins herausgab, dem mangels Mitteln kein großer Erfolg möglich war, scheint es Verdächtigungen gegeben zu haben.

Die unterstellte Ehe mit der Geldaristokratie war mit so hoher Mitgift tatsächlich nicht versehen – von den benötigten 30 000 Talern kamen nur 13 000 zusammen. Und schon die erste Ausgabe mit Engels´ Angriff auf die Frankfurter Nationalversammlung verjagte die Hälfte der Aktionäre. Marx finanzierte das Blatt, das ihm nach kurzer Zeit auch juristisch gehörte, aus eigenen Mitteln.
(Raddatz, S. 113)

Aber wenn das so einfach wäre, dann könnte ja jeder etwas vermögende Bürger eine große Zeitung finanzieren und die NRZ als Tageszeitung mit einer Auflage von 6000 – die „Kölnische Zeitung“ des Verlegers DuMont brachte es im Februar 1848 auf 9500 und bis April auf 17400 Abonnenten - war seinerzeit schon ein beachtliches Blatt. Die preußische Regierung hätte also nicht auf die Idee gekommen sein sollen, in Köln eine „kritische Zeitung“ - natürlich nicht offen als Regierungsblatt, das wäre ja dumm und kontraproduktiv, sondern natürlich mit Hilfe willfähriger Agenten und ausgestattet mit reichlichen Mitteln aus schwarzer Kasse - zu betreiben; aber der Karl Marx aus Trier habe die Kosten einer Zeitung mit seinem kleinbürgerlichen Erbe bestritten und ganz selbstlos als edler Kommunist.

Vor allem aber waren die Finanzen der Zeitung völlig zerrüttet. Nach dem Abfall ihrer Aktionäre hatte sie sich Dank ihrer wachsenden Verbreitung mühsam durchgefristet; nach diesem neuen Schlage aber war sie nur dadurch zu halten, daß Marx sie als »persönliches Eigentum« übernahm, das will sagen, ihr das bißchen Vermögen opferte, das er von seinem Vater geerbt hatte, oder auf sein künftiges Erbteil flüssig zu machen verstand. Er selbst hat nie ein Wort darüber verloren, aber durch briefliche Äußerungen seiner Frau ist die Tatsache festgestellt und auch durch öffentliche Erklärungen seiner Freunde, in denen auf etwa 7.000 Taler beziffert wird, was Marx in dem Revolutionsjahre der Agitation und dem Blatte geopfert hat. Doch kommt es natürlich nicht auf die Höhe der Summe an, sondern darauf an, ob er die Festung bis auf die letzte Munition zu halten versuchte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm

Das ist selbstverständlich lächerlich, aber was sollte Mehring schon darüber schreiben. Nun könnte man vermuten, dass Marx als der verantwortliche Kopf einer Zeitung, die finanziell schwer um ihr Überleben zu kämpfen hat und in der sein väterliches Erbe investiert war, ausschließlich für sein Blatt zu arbeiten pflegt und alle anderen Verpflichtungen meidet.

Umgekehrt hätte der Agent in einer heimlich von der Regierung finanzierten Zeitung die Aufgabe, mit der Reputation seiner Stellung zu wuchern und gesellschaftlich vielfältig in wichtigen Positionen aktiv zu werden und eine Vielzahl von Leuten kennen zu lernen. Der darf dann nicht nur im Büro sitzen und Artikel schreiben und sich um die Finanzen kümmern.

Hellmann
12.11.2008, 12:53
Die Kölner Demokratie gliederte sich in drei große Vereine, deren jeder mehrere tausend Mitglieder zählte: die Demokratische Gesellschaft, die von Marx und dem Advokaten Schneider geleitet wurde, den Arbeiter-Verein, an dessen Spitze Moll und Schapper standen, und den Verein für Arbeitgeber und Arbeiter, den namentlich der Referendar Hermann Becker vertrat. Diese Vereine taten sich, als Köln von dem Frankfurter Kongresse zum Vorort für Rheinland und Westfalen gewählt worden war, zu einem Zentralausschuß zusammen, der Mitte August einen Kongreß der rheinischen und westfälischen Vereine von demokratischer Tendenz nach Köln einberief. Es kamen 40 Abgeordnete, die 17 Vereine vertraten und den Zentralausschuß der drei Kölner Vereine als Kreisausschuß für Rheinland und Westfalen bestätigten.

Die Seele dieser Organisation war Marx, wie er die Seele der »Neuen Rheinischen Zeitung« war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm

Wahrlich ein rastloses Genie, dessen Resourcen nur zu erklären sind, wenn die Finanzierung der Zeitung und aller sonstigen Aktivitäten kein Problem war. Er ist dazu auch noch viel auf Reisen:

Marx schreibt, hält Reden, organisiert. Er reist nach Berlin und Wien; für diese Reise hatte der „Ausländer“ sich die Zustimmung der „Legation de France à Berlin“ besorgen müssen, damit er das Visum der k.k.-Gesandtschaft ergielt. In Berlin trifft er sich mit dem alten Freund Köppen und mit Bakunin. In Wien, wo er 14 Tage bleibt, hält er Vorträge über „Lohnarbeit und Kapital“; dasselbe Exerzitium wie im Brüsseler „Arbeiterbildungsverein“. Das ist im August… Am 23. August 1848 tritt in Berlin ein Arbeiterkongress zusammen – Marx reist aber erst am 25. August nach Berlin…
(Raddatz, S. 117)

Wenn man das liest, kann man fast die Bewunderung seiner Anhänger verstehen: falls er kein Regierungsagent gewesen wäre, müsste er sich wirklich auf die Hexerei verstanden haben bei den ganzen Umtrieben und mit den großen Sorgen um die unbezahlbaren Rechnungen der Zeitung und um die Reisespesen...

Der von Russland, Frankreich und Großbritannien erzwungene Waffenstillstand von Malmö zwischen Preußen und Dänemark im Schleswig-Holsteinischen-Krieg war am 16. September doch noch von der Frankfurter Nationalversammlung ratifiziert worden, was großen Unmut unter den Bürgern hervorrief.

Vor der Paulskirche kam es zu blutigen Unruhen. Die „Neue Rheinische Zeitung“ zusammen mit der „Demokratischen Gesellschaft“ und dem inzwischen ebenso unter dem Einfluss von Marx stehenden „Kölner Arbeiterverein“ ruft am 13. September 1848 eine Volksversammlung in Köln zusammen und am 17. September treten Marx, Engels und Lassalle, der die Düsseldorfer Demokraten anführt, gemeinsam auf einer 10 000 Teilnehmer umfassenden Massenkundgebung auf der Rheinwiese in Worringen auf.

Bei dieser Veranstaltung trifft Karl Marx vermutlich Albert Brisbane und Charles Dana, die von der „New-York Tribune“ nach Europa gesandt worden waren, um über die Revolution zu berichten. Ab 1851 würden Marx und Engels (unter dem Namen von Marx) für die NYT und ab 1857 für eine von Dana und George Ripley herausgegebene „New American Cyclopaedia“ schreiben.

Wir werden auf die Erklärung der bürgerlichen Historiker noch lange warten müssen, was nun so berühmte Avantgardisten des Proletariats zu einem gemeinsamen Protest gegen den Waffenstillstand von Malmö am 17. September 1848 nach Worringen führen konnte.

Die „Neue Rheinische Zeitung“ publiziert am 20. September 1848 einen Artikel von Friedrich Engels:

Köln, 19. September. Die deutsche Nationalversammlung hat den Waffenstillstand ratifiziert. Wir hatten uns nicht getäuscht : "Die Ehre Deutschlands liegt in schlechten Händen."

Unter dem Zudrange von Fremden, Diplomaten etc. zu den Bänken der Abgeordneten, im Tumult und bei gänzlicher Dunkelheit ging die Abstimmung vor sich. Eine Majorität von Zweien zwang die Versammlung, über zwei ganz verschiedene Punkte zugleich abzustimmen. Mit einer Majorität von 21 Stimmen wurde der Waffenstillstand angenommen, Schleswig-Holstein geopfert, die "Ehre Deutschlands" mit Füßen getreten und das Aufgehen Deutschlands in Preußen beschlossen…
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_408.htm

Wegen der Unruhen gibt es Haftbefehle ohne große Folgen für die betroffenen Redakteure, Engels nutzte die Zeit für eine Fußwanderung durch Frankreich. Marx bleibt überhaupt unbehelligt.

Dennoch kam es zu einem kleinen Tumulte, als am 25. September Becker, Moll, Schapper und Wilhelm Wolff verhaftet werden sollten. Es wurden sogar einige Barrikaden gebaut, auf die Nachricht, daß Militär anrücke, um eine Volksversammlung zu sprengen, die auf dem Alten Markte stattfand, aber das Militär kam nicht, und erst als danach wieder völlige Ruhe hergestellt war, hatte der Kommandant den Mut, den Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Dadurch wurde die »Neue Rheinische Zeitung« unterdrückt; am 27. September hörte sie auf zu erscheinen. Sie tödlich zu treffen, war wohl der eigentliche Zweck des sinnlosen Gewaltstreiches, den das Ministerium Pfuel schon nach wenigen Tagen aufhob. Und sie wurde auch schwer genug getroffen, so daß sie erst am 12. Oktober wieder auf dem Kampfplatz erscheinen konnte.

Ihre Redaktion wurde gesprengt, da die meisten Redakteure, um Verhaftsbefehlen zu entgehen, über die Grenze gingen, nach Belgien wie Dronke und Engels oder nach der Pfalz wie Wilhelm Wolff, und erst allmählich wieder zurückkehren konnten; Engels war noch Anfang Januar 1849 in Bern, wohin er durch Frankreich meist zu Fuß gewandert war.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm

Vom 27. September bis 12. Oktober sind es nur einige Tage Pause, was die NRZ kaum schwer getroffen haben kann. Der Haftbefehl gegen Wilhelm Wolff wurde anscheinend nicht aufgehoben und der arme Mann musste sich nach der Rückkehr von seiner Flucht versteckt in den Räumen der Zeitung aufhalten, um seine Arbeit zu machen; angeblich hat die Polizei nichts bemerkt oder ein Auge zugedrückt – Marx war ein Halunke und gewann so einen ständig verfügbaren Mitarbeiter.

Raddatz vermeldet nach den Septemberunruhen in Köln den Zufluss weiterer Gelder an Marx, ohne wirklich nach dem „Woher?“ zu fragen:

Die Zeitung musste bis Oktober ihr Erscheinen einstellen, die letzten Aktionäre sprangen ab. Aber Marx wurde kein Haar gekrümmt.Und da er auf der Rückreise von Wien noch einmal in Berlin Station gemacht hatte, um etwa 5 000 Taler für die „Neue Rheinische Zeitung“ in Empfang zu nehmen, gelingt es ihm auch, das Blatt erneut ins Leben zu rufen…

2 000 Taler allein hatte Wladyslaw Koscielsky, der Führer der polnischen demokratischen Emigranten, gezahlt – als Dank für Marx´ und seiner Zeitung Eintreten für die polnische Sache.
(Raddatz, S. 118)

Von den 2000 Talern der Polen hatte Marx allein 100 Taler für Reisespesen benötigt. Aus einem Brief an Engels, gegen den im September ein Haftbefehl ausgestellt worden war, dem sich Engels zuerst nach Brüssel und dann über Frankreich in die Schweiz entzogen hatte:

Dear Engels,

I am truly amazed that you should still not have received any money from me. I (not the dispatch department) sent you 61 talers ages ago, 11 in notes, 50 as a bill, to Geneva, enclosed in a letter to the address you gave. So make inquiries and write immediately. I have a postal receipt and can reclaim the money.

I had further sent 20 talers to Gigot and, later, 50 to Dronke for all of you, each time out of my cashbox. A total of some 130 talers.

Tomorrow I shall send you some more. But inquire about the money. The bill included a note recommending you to one of Lausanne’s financial philistines.

I am short of money. I returned from my journey with 1,850 talers; I received 1,950 from the Poles. I spent 100 while still on my journey. I advanced 1,000 to the newspaper (and also to yourself and other refugees). This week there are still 500 to be paid for the machine. Balance 350. And withal I haven’t received a cent from the paper.
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1848/letters/48_11_07.htm

Da mussten Leute auf der Flucht und im Ausland noch unterstützt werden, wenn auch vielleicht manchmal nur zum Schein, damit die gegenüber anderen politischen Flüchtlingen glaubwürdig blieben, die ja ständig Probleme hatten, wenn das Geld ausblieb oder gar in fremden Taschen verschwand.

Your old man’s a swine and we shall write him a damned rude letter.

Vermutlich brauchte Engels eine überzeugende Geschichte und einen Brief zum Herumzeigen, warum es ihn als wichtigen Mitarbeiter der NRZ und Sohn eines reichen Fabrikbesitzers gerade so unter die armen Flüchtlinge verschlagen hatte, was dann die rüde Formulierung von Marx, dass sein Vater ein Schwein sei, zur Komödie für die getäuschten Leser macht. Mit 130 Talern in der Tasche hätte Friedrich Engels sich in der Schweiz ganz unbesorgt und luxuriös einige Monate Urlaub gönnen können. Es ging aber wohl darum, dass abgebrannte politische Flüchtlinge redselig wurden, wenn sich unter ihnen jemand aufhielt, der solche Summen zu erwarten hatte, ohne dass Engels ihnen finanziell zu helfen brauchte, weil das Geld ja – siehe den Brief von Marx – leider bisher irgendwie verbummelt war.

Marx und Engels hatten schon 1847 in London an einer Feier zum Jahrestag des polnischen Aufstands von 1830 teilgenommen, worüber Engels in der französischen „Réforme“ vom 5. Dezember 1847 berichtet:

Die erste Rede wurde von Herrn Ernest Jones, Redakteur des "Northern Star", gehalten, der sich gegen das Verhalten der polnischen Aristokratie beim Aufstand von 1830 wandte und zugleich für die Bemühungen Polens, das Joch seiner Unterdrücker abzuschütteln, Worte wärmster Anerkennung fand. Lebhafter Applaus lohnte seine glänzende und kraftvolle Rede.

Nach ihm hielt Herr Michelot eine Rede in französischer Sprache.

Ihm folgte ein Deutscher, Herr Schapper. Er teilte der Versammlung mit, daß die Brüsseler Demokratische Gesellschaft Herrn Marx, deutscher Demokrat und einer ihrer Vizepräsidenten, nach London delegiert habe, um Korrespondenzbeziehungen zwischen der Brüsseler Gesellschaft und der Londoner Gesellschaft der Brüderlichen Demokraten herzustellen und ferner, um die Einberufung eines demokratischen Kongresses der verschiedenen Nationen Europas vorzubereiten.

Als Herr Marx sich vorstellte, begrüßte ihn die Versammlung mit lang anhaltendem Beifall.

Nach einigen Worten von Herrn Charles Keen antwortete Oberst Oborski im Namen der Polen.

Als letzter sprach jener englische Arbeiter, Herr Wilson, der durch eine flammende Oppositionsrede erst vor kurzem beinahe die Auflösung eines Meetings der Internationalen Liga verursacht hätte.

Auf Vorschlag der Herren Harney und Engels wurden den drei großen demokratischen Zeitungen Europas - der "Réforme", dem "Northern Star" und der "Deutschen-Brüsseler-Zeitung" - drei Beifalls-Salven zuerkannt; auf Vorschlag von Herrn Schapper wurde die Mißbilligung der Versammlung für die drei antidemokratischen Blätter - "Journal des Débats", "Times" und "Augsburger Zeitung" - durch dreimaliges Grunzen zum Ausdruck gebracht.

Das Meeting endete mit dem Gesang der Marseillaise, in die alle stehend und entblößten Hauptes einstimmten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_413.htm

Noch am 22. Februar 1848 waren Marx und Engels in Brüssel als Redner bei der Gedenkfeier des Krakauer Aufstands von 1846:

http://www.ml-werke.de/marxengels/me04_519.htm

Scharf wendet sich Engels im Juni gegen die Teilung Polens:

Köln, 8. Juni. Siebente Teilung Polens. Die neue Demarkationslinie des Herrn v. Pfuel in Posen ist ein neuer Raub an Polen. Sie beschränkt den zu "reorganisierenden" Teil auf weniger als ein Drittel des ganzen Großherzogtums und schlägt den bei weitem größten Teil von Großpolen zum Deutschen Bunde. Nur in einem schmalen Streifen längs der russischen Grenze soll die polnische Sprache und Nationalität anerkannt werden.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_055.htm

In der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zwischen dem 9. August bis zum 7. September finden wir eine längere Artikelserie von Engels über die Behandlung der Polen durch die Frankfurter Nationalversammlung.

Köln, 7. August. Die Frankfurter Versammlung, deren Debatten selbst in den erregtesten Momenten nie den Charakter einer echt deutschen Gemütlichkeit verloren, hat sich endlich bei der Posener Frage emporgerafft. Hier, wo preußische Schrapnells und gehorsame Bundestagsbeschlüsse ihr vorgearbeitet hatten, hier mußte sie einen entscheidenden Beschluß fassen; hier war keine Vermittlung möglich; sie mußte Deutschlands Ehre retten oder sie abermals beflecken. Die Versammlung hat unsern Erwartungen entsprochen; sie hat die sieben Teilungen Polens sanktioniert, sie hat die Schmach von 1772, 1794 und 1815 von den Schultern der deutschen Fürsten auf ihre eigenen Schultern gewälzt.

Noch mehr! Die Frankfurter Versammlung hat die sieben Teilungen Polens für ebenso viele an die Polen verschwendete Wohltaten erklärt. Hat nicht das gewaltsame Eindringen der jüdisch-germanischen Race Polen zu einer Höhe der Kultur, zu einer Stufe der Wissenschaft emporgeschwungen, von der das Land früher keine Ahnung hatte? Verblendete, undankbare Polen! Hätte man euch nicht geteilt, ihr selbst müßtet bei der Frankfurter Versammlung um die Gnade nachsuchen, geteilt zu werden!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_319.htm

Friedrich Engels schrieb in der NRZ die außenpolitischen und historisch-ökonomischen Artikel. Im Gegensatz zu Marx sind seine Ausarbeitungen meist logisch und lehrreich.

Marx war im Gegensatz zu Engels der geborene Journalist der bürgerlichen Presse, die ihre manchmal doch nach Information und Zusammenhängen suchenden Leser mit jeder Zeitungsausgabe noch mehr um jeglichen Zusammenhang und jede brauchbare Information bringen soll – Marx musste man das nicht eigens erklären, anders als weitschweifig und verwirrend konnte er gar nicht schreiben.

.

Hellmann
12.11.2008, 13:53
Hier mag jeder die Artikel von Marx und Engels in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ querlesen, um selber zu urteilen, welchen Nutzen die Leser der NRZ wohl davon haben mochten:

http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_000.htm

Der erste Artikel, den ich als Beispiel herausgreife, ist von Karl Marx und behandelt die Aufhebung oder vielmehr Ablösung der Feudalrechte in Preußen:

Der Gesetzentwurf über die Aufhebung der Feudallasten

Köln, 29. Juli. Wenn hier und da ein Rheinländer vergessen haben sollte, was er der "Fremdherrschaft", der "Unterdrückung des korsischen Tyrannen" verdankt, so möge er den Gesetzentwurf über die unentgeltliche Aufhebung verschiedener Lasten und Abgaben lesen, den Herr Hansemann im Jahre der Gnade 1848 seinen Vereinbarern "zur Erklärung" zugehen läßt. Lehnsherrlichkeit, Allodifikationszins, Sterbefall, Besthaupt, Kurmede, Schutzgeld, Jurisdiktionszins, Dreidinggelder, Zuchtgelder, Siegelgelder, Blutzehnt, Bienenzehnt usw. - wie fremd, wie barbarisch klingen diese widersinnigen Namen unseren durch die französisch-revolutionäre Zertrümmerung der Feudalität, durch den Code Napoléon zivilisierten Ohren! Wie unverständlich ist uns dieser ganze Wust mittelaltriger Leistungen und Abgaben, dies Naturalienkabinett des modrigsten Plunders der vorsündflutlichen Zeit!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_278.htm

Er ist jetzt immerhin irgendwie vom „korsischen Tyrannen“ über den Herrn Hansemann zu einer Aufzählung der auf den Bauern lastenden Zustände, Forderungen und Steuern gekommen.

Jetzt fehlt nur noch ein Gedicht von Heinrich Heine:

Und doch, ziehe deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden, deutscher Patriot! Diese Barbareien, sie sind die Trümmer der christlich-germanischen Glorie, sie sind die letzten Ringe einer Kette, die sich durch die Geschichte hinzieht und dich verbindet mit der Herrlichkeit deiner Väter bis hinauf zu den cheruskischen Wäldern! Diese Moderluft, dieser Feudalschlamm, die wir hier in klassischer Unverfälschtheit wiederfinden, sind unseres Vaterlandes ureigenste Produkte, und wer ein echter Deutscher ist, der muß mit dem Dichter ausrufen:
Das ist ja meine Heimatluft!
Die glühende Wange empfand es!
Und dieser Landstraßenkot, er ist
Der Dreck meines Vaterlandes
<H. Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput VIII.>
(ebenda)

Und so geht das weiter bei Marx in allen seinen Schriften. Er will ja nicht dem Leser etwas erklären, sondern sich selber produzieren und uns aus dem großen Fundus seiner Weisheit beglücken, wenn er nicht gerade an einem begabteren Kopf seine Rache nehmen muss und die Leser dann noch mühsam und unentwegt auf seinen Kleinkrieg mitnimmt.

Anstatt den Leser aufzuklären, wie die preußische Regierung mit ihrer Gesetzgebung gar nicht die Feudallasten der Bauern aufhebt, sondern vielmehr die Bauern mit einer Abgeltung dieser Feudalrechte durch Schuldforderungen neuerlich ausplündert und dabei die Situation der Bauern sogar noch verschlechtert, weil die eingesetzten Instanzen und Gerichte bei der Entscheidung über die Höhe der Abgeltungsforderungen an die Bauern natürlich die Interessen des preußischen Landadels vertreten… - anstatt den Leser darüber möglichst drastisch aufzuklären, führt Marx einen kleinlichen Disput gegen den für diese Gesetzgebung zuständigen Herrn Gierke:

Wir können es nicht leugnen: So unbedeutend die aufgehobenen Lasten sind, Herr Gierke verschafft durch ihre Aufhebung "den Verpflichteten Vorteile auf einem den Rechtsgrundsätzen aller Zeiten widersprechenden Wege", dem "das formelle Recht und Gesetz direkt entgegensteht"; er "zerrüttet den ganzen Rechtszustand des Grundbesitzes", er greift die "unzweifelhaftesten" Rechte in ihrer Wurzel an.
In der Tat, Herr Gierke, so schwere Sünden begehen, um so pauvre <ärmliche> Resultate zu erreichen, war das der Mühe wert?

Allerdings, Herr Gierke greift das Eigentum an - das ist unleugbar -, aber nicht das moderne, bürgerliche Eigentum, sondern das feudale. Das bürgerliche Eigentum, das sich auf den Ruinen des feudalen erhebt, stärkt er durch diese Zerstörungen des feudalen Eigentums. Und er will bloß deshalb die Ablösungsverträge nicht revidieren, weil durch diese Verträge die feudalen Eigentumsverhältnisse in bürgerliche verwandelt worden sind, weil er sie also nicht revidieren kann, ohne zugleich formell das bürgerliche Eigentum zu verletzen. Und das bürgerliche Eigentum ist natürlich ebenso heilig und unverletzlich, wie das feudale angreifbar und, je nach Bedürfnis und Courage der Herren Minister, verletzlich ist.

Hat der Leser der NRZ das jetzt verstanden? Und selbst wenn, was hilft dieses Räsonnieren über den Eigentumsbegriff den Bauern?

Nur ein Karl Marx lehnt sich nach diesem Artikel zufrieden zurück: er hat es dem Herrn Gierke jetzt gegeben! Der Herr Gierke wird sich auch gefreut haben, denn von so einer Kritik hatte er nichts zu befürchten.

Was hätte die NRZ stattdessen schreiben müssen, damit der Herr Marx als wirklich kluger Kopf und aufrichtiger politischer Denker damit vor der Geschichte bestehen könnte?

Die Leser hätten sicher gern gewusst, welche Klassen und ökonomische Interessen hinter den politischen Fraktionen des Jahres 1848 stehen. Wie stark sie sind, wer sich mit wem verbünden kann und welchen Einfluss die Großmächte dabei nehmen. Nur in einem einzigen Fall haben Marx und Engels hier sinnvolle Aussagen gemacht, nämlich zu Russland und über das Eingreifen des Zaren.

Von den Lesern kam wohl deutliche Kritik:

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 264 vom 5. April 1849]

Köln, 4. April. Von verschiedenen Seiten warf man uns vor, daß wir nicht die ökonomischen Verhältnisse dargestellt haben, welche die materielle Grundlage der jetzigen Klassenkämpfe und Nationalkämpfe bilden. Wir haben planmäßig diese Verhältnisse nur da berührt, wo sie sich in politischen Kollisionen unmittelbar aufdrangen.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Allerdings glaube ich kaum, dass die Leser ausgerechnet die Darstellung vermisst haben, die ihnen von Marx und Engels nach dieser Einleitung geboten wurde:

Lohnarbeit und Kapital

Jetzt, nachdem unsere Leser den Klassenkampf im Jahre 1848 in kolossalen politischen Formen sich entwickeln sahen, ist es an der Zeit, näher einzugehen auf die ökonomischen Verhältnisse selbst, worauf die Existenz der Bourgeoisie und ihre Klassenherrschaft (4) sich gründet wie die Sklaverei der Arbeiter.

Wir werden in drei großen Abteilungen darstellen: 1. das Verhältnis der Lohnarbeit zum Kapital, die Sklaverei des Arbeiters, die Herrschaft des Kapitalisten, 2. den unvermeidlichen Untergang der mittleren Bürgerklassen und des Bauernstandes (5) unter dem jetzigen Systeme, 3. die kommerzielle Unterjochung und Ausbeutung der Bourgeoisklassen der verschiedenen europäischen Nationen durch den Despoten des Weltmarkts - England.

Wir werden möglichst einfach und populär darzustellen suchen und selbst die elementarischsten Begriffe der politischen Ökonomie nicht voraussetzen. Wir wollen den Arbeitern verständlich sein. Und zudem herrscht in Deutschland die merkwürdigste Unwissenheit und Begriffsverwirrung über die einfachsten ökonomischen Verhältnisse, von den patentierten Verteidigern der bestehenden Zustände bis hinab zu den sozialistischen Wunderschäfern und den verkannten politischen Genies, an denen das zersplitterte Deutschland noch reicher ist als an Landesvätern.

Zunächst also zur ersten Frage: Was ist der Arbeitslohn? Wie wird er bestimmt?
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Da ging es im April 1849 los mit der Werttheorie, der ebenso umständlichen wie unbrauchbaren Suche nach einem Wertgesetz, das die kapitalistischen Märkte und ihre Entwicklung bestimmen würde. Hier deutet Marx die Krisen als unvermeidbare Erscheinungen der kapitalistischen Ökonomie:

In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktionsmittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen, in demselben Maße vermehren sich die Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausgedehnten Märkten wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusammenzieht, immer weniger Märkte zur Exploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bisher uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt dem Welthandel unterworfen hat.

Das Kapital lebt aber nicht nur von der Arbeit. Ein zugleich vornehmer und barbarischer Herr, zieht es mit sich in die Gruft die Leichen seiner Sklaven, ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehen.

Wir sehen also: Wächst das Kapital rasch, so wächst ungleich rascher die Konkurrenz unter den Arbeitern, d.h., desto mehr nehmen verhältnismäßig die Beschäftigungsmittel, die Lebensmittel für die Arbeiterklasse ab, und nichtsdestoweniger ist das rasche Wachsen des Kapitals die günstigste Bedingung für die Lohnarbeit.

(Fortsetzung folgt.)

Karl Marx
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Die Fortsetzung ist den Lesern der NRZ dann erspart geblieben.

Wäre Marx ein anderer Charakter gewesen, „ganze Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehen“, wäre für ihn keine befriedigende Analyse der Krisen geblieben, er würde eine bessere Erklärung und Analyse des Kapitalismus ausgearbeitet haben. Aber so war er nun einmal und so war seine Theorie für die Kapitalisten dann ganz nützlich.

Es gab auch lesenswerte Artikel in der NRZ von Friedrich Engels und meist über militärische Begebenheiten, wofür er Talent hatte:

Die neueste Heldentat des Hauses Bourbon

http://www.ml-werke.de/marxengels/me05_019.htm

Der Krieg in Italien und Ungarn

http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_381.htm

Zuletzt werden die Artikel in der NRZ rüde, da ist von Mördern und Verbrechern die Rede, was sicher den Sachverhalt genau beschreibt, uns aber vor ein anderes Rätsel stellt: warum die Autoren nicht sofort verhaftet werden?

Der preußische König legt es auf Konfrontation an, vermutlich soll es auch zu Unruhen und Aufständen kommen, weil das Militär inzwischen für die Niederschlagung der Revolution gerüstet ist.

Am 3. April 1849 hatte Wilhelm IV. die Deputation der Frankfurter Nationalversammlung unhöflich empfangen und die angebotene Kaiserkrone abgelehnt.

Der preußische Fußtritt für die Frankfurter

Köln, 1. Mai. Wieder ein neues Stück in der Geschichte der preußischen Kontrerevolution. Der König gibt der Frankfurter Versammlung einen definitiven Fußtritt und wirft ihr die dargebotene goldpapierne Krone eines imaginären Kaisertums mit Verachtung ins Gesicht.

Wenn die Frankfurter Versammlung sich zur rechten Zeit energisch benommen hätte, sie könnte jetzt diesen übermutberauschten Hohenzollern arretieren lassen und wegen "Beleidigung der Nationalversammlung" (Gesetz vom September 1848, das auch in Preußen publiziert ist) vor die Geschwornen stellen. Bis jetzt existiert kein "Reichs"-Gesetz, das die einzelnen Herren Fürsten auch dem "Reich" gegenüber unverantwortlich erklärt; und die kaiserliche Unverantwortlichkeit stößt der Hohenzollern ja von sich.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_459.htm

Am 27. April löste der König die zweite Kammer auf. Per Notverordnung wurde am 30. Mai 1849 das Dreiklassenwahlrecht für die zweite Kammer eingeführt, die bisher nach allgemeinem und gleichen Wahlrecht gewählt worden war.

Köln, 1. Mai. Gestern hier angekommene Abgeordnete von Berlin erzählen, daß auch in Dresden die Kammern aufgelöst sind.

Hannover, Berlin, Dresden - in München hat man bis jetzt bloß vertagt - biedrer, deutscher Bürger, merkst du jetzt, wie man dir aufzuspielen gedenkt?

Voriges Jahr, als die Frankfurter Versammlung einberufen wurde, befahl Preußen den Raubstaaten, alle Kammern einzuberufen. Jetzt, gerade ein Jahr später, befiehlt Preußen, alle Kammern aufzulösen. Damals Camphausen, jetzt Manteuffel. Beide Male derselbe Zweck, dieselbe Absicht. Camphausen und Manteuffel gehen trotz aller Redensarten Arm in Arm.

Und es gibt noch Leute in Deutschland, die die Fürsten verteidigen!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_461.htm

Es geht jetzt Schlag auf Schlag:

Köln, 2. Mai. Wir teilen unseren Lesern zu unserer speziellen Befriedigung mit, daß die von dem hiesigen wohllöblichen Gemeinderat ausgeschriebene Versammlung von Gemeinderat-Deputierten der Rheinprovinz durch simpeln Regierungsbefehl verboten worden ist. Die "guten Bürger", welche sich im September bei dem Verbot der Demokratenversammlungen so "behaglich" fühlten, mögen sich jetzt bei ihren Herren und Meistern bedanken. Im September 1848 wurde das Vereinsrecht der Demokraten wenigstens durch die honette Gewalt des Belagerungszustandes vernichtet; das Vereinsrecht des Kölner Gemeinderates ist dagegen mitten in schönster Rechtsbodenblüte an einem Fußtritt gestorben.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_467.htm

Das Militär wartet auf einen Anlass zum Losschlagen:

Köln, 5. Mai. Das Gerücht erhält sich, daß man am Sonntag bei Gelegenheit der Kreiskongresse der verschiedenen Parteien der guten Stadt Köln abermals den Belagerungszustand oktroyieren will.

Aus allerhand kleinen Vorbereitungen der Militärbehörde sieht man, daß sie sich allerdings auf alle Eventualitäten vorbereitet. Noch mehr. Es werden Maßregeln getroffen, die geradezu den Anschein haben, als wolle man Unruhen provozieren.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_471.htm

Engels ruft in dem Artikel zu Ruhe auf, die Arbeiter und Bürger sollen sich nicht provozieren lassen.

Wer zunächst durch die letzten kontrerevolutionären Streiche gefährdet ist, das ist die Bourgeoisie. Die Bourgeoisie hat den Städtekongreß berufen. Man lasse der Bourgeoisie die Ehre des ersten Worts. Man warte ab, was diese Herren am Dienstag beschließen werden. Wir sind überzeugt, daß mancher demokratische Biedermann sehr enttäuscht werden wird durch die Resultate dieses pomphaften "Städtetags".

Es ist eine Tatsache: Kommt der Belagerungszustand vor Dienstag zustande, so findet der Städtekongreß nicht statt, und niemand ist froher darüber als gerade die Herren, die ihn berufen haben.

Lassen die Arbeiter sich morgen zu Tumulten verleiten, so holen sie nur für die Bourgeoisie und zugleich für die Regierung die Kastanien aus dem Feuer. Es fragt sich, ob sie sich dazu wollen gebrauchen lassen, zu einer Zeit, wo der Bürgerkrieg in ganz Deutschland vor der Türe steht und wo ihnen vielleicht bald Gelegenheit gegeben wird, mit ihren eigenen Forderungen hervorzutreten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_471.htm

Es kommt zu den ersten Aufständen:

Köln, 7. Mai. Die gärenden Elemente in Deutschland sondern sich täglich mehr; die Dinge erhalten festere Umrisse.

Während das eine Zentrum der deutschen Kontrerevolution, Östreich, von den Ungarn mehr als beschäftigt wird, sendet das andere, Preußen, seine bewaffneten Horden in allen Richtungen gegen die revolutionäre Volkserhebung.

In Dresden, der langmütigen Kunst- und Luxusstadt Dresden, greift das Volk zu den Waffen und antwortet mit Barrikaden und Flintenschüssen auf die hochverräterischen Proklamationen der königlichen Regierung. Das Militär tritt zum größten Teil über auf die Seite des Volks; der Kampf ist so gut wie entschieden; da kommen preußische Bataillone und stellen sich auf die Seite des Königlichen Verräters, gegen das Volk.

In der Pfalz tritt das Volk ebenfalls unter die Waffen gegen die täglich frechere bayrische Kontrerevolution; auch hier stehen preußische Bataillone bereit, um zum geeigneten Moment einzubrechen und mit der Frankfurter Versammlung auch den pfälzischen Aufstand auseinanderzusprengen.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_473.htm

Hellmann
12.11.2008, 14:15
Am 9. Mai ist Marx nach Köln zurückgekehrt. Er hatte sich wegen der weiteren Finanzierung seiner Zeitung in Berlin aufgehalten:

…Er reist vielmehr, nachdem er wegen seiner Leberbeschwerden eine Badekur erwogen hat, über Bremen und Hamburg nach Berlin. Keineswegs, um sich der Organisation kommunistischer Zellen zu widmen; Bundesmitglieder trifft er nur zwei oder drei. Vielmehr führt er, wie ein gutsituierter Geschäftsmann in den ersten Häusern der Stadt residierend, Verhandlungen mit potentiellen Geldgebern für seine Zeitung; ausnahmslos Demokraten. Das Ergebnis ist mager, das Blatt ruiniert.
(Raddatz, S. 129)

Das Ende seiner Zeitung mangels weiterer Finanzierung aus Berlin muss Marx schwer getroffen haben. Er beginnt zwar in der NRZ wieder mit einem Gedicht:

Köln, 9. Mai, Die Regierung des Herrn von Hohenzollern scheint in den letzten Tagen ihrer Existenz und der Existenz des preußischen Staats den alten Ruf des preußischen und Hohenzollernschen Namens noch einmal aufs vollste bewähren zu wollen.

Wer kennt nicht die Charakteristik aus Heines Gedicht:

Ein Kind mit großem Kürbiskopf,
Mit langem Schnurrbart, greisem Zopf,
Mit spinnig langen, doch starken Ärmchen,
Mit Riesenmagen, doch kurzen Gedärmchen,
Ein Wechselbalg ...
<H. Heine, "Der Wechselbalg">

Wer kennt nicht die Treubrüche, die Perfidien, die Erbschleichereien, durch die jene Familie von Korporälen groß geworden ist, die den Namen Hohenzollern trägt?

Man weiß, wie der sogenannte "große Kurfürst" (als ob ein "Kurfürst" je "groß" sein könnte!) den ersten Verrat an Polen beging, indem er, der Alliierte Polens gegen Schweden, plötzlich zu den Schweden überging, um Polen im Frieden von Oliva desto besser plündern zu können.

Man kennt die abgeschmackte Figur Friedrichs I., die brutale Roheit Friedrich Wilhelms I.

Man weiß, wie Friedrich II., der Erfinder des patriarchalischen Despotismus, der Freund der Aufklärung vermittelst der Stockprügel, sein Land an französische Entrepreneurs <Unternehmer> meistbietend versteigerte; man weiß, wie er sich mit Rußland und Östreich verband, um einen Raub an Polen zu begehen, der noch jetzt, nach der Revolution von 1848, als ein unabgewaschener Schandfleck auf der deutschen Geschichte sitzt…

Ich muss seine Rache am Hause Hohenzollern hier etwas abkürzen:

Sollen wir auch noch auf den Hohenzoller zu sprechen kommen, der nach dem Mönch von Lehnin "der letzte seines Stammes sein wird"? Sollen wir sprechen von der Wiedergeburt der christlich-germanischen Herrlichkeit und von der Auferstehung der blassen Finanznot, vom Schwanenorden und vom Oberzensurgericht, vom Vereinigten Landtag und von der Generalsynode, vom "Stück Papier" und von den vergeblichen Versuchen, Geld zu borgen, und all den übrigen Errungenschaften der glorreichen Epoche von 1840-1848? Sollen wir aus Hegel nachweisen, warum es gerade ein Komiker sein muß, der die Reihe der Hohenzollern schließt?

Es wird nicht nötig sein. Die aufgeführten Data reichen hin, um den hohenzollerisch-preußischen Namen vollständig zu charakterisieren. Es ist wahr, der Glanz dieses Namens war einen Augenblick geschwächt; aber seit das Siebengestirn Manteuffel u. Kons[orten] die Krone umgibt, ist die alte Herrlichkeit wieder eingezogen. Wieder ist Preußen, wie ehedem, ein Vizekönigreich unter russischer Hoheit; wieder ist der Hohenzoller ein Unterknäs des Selbstherrschers aller Reußen und Oberknäs über alle die kleinen Bojaren von Sachsen, Bayern, Hessen-Homburg, Waldeck usw.; wieder ist der beschränkte Untertanenverstand in sein altes Recht des Ordre-Parierens eingesetzt. "Mein herrliches Kriegsheer", solange der Prawoslawny-Zar selbst es nicht gebraucht, darf in Sachsen, Baden, Hessen und der Pfalz die seit 18 Jahren zu Warschau herrschende Ordnung herstellen, darf im eigenen Lande und in Östreich die geborstenen Kronen mit Untertanenblut leimen. Das früher in der Angst und Not des Herzens gegebene Wort schert uns ebensowenig als unsere in Gott ruhenden Ahnen; und sind wir erst zu Hause fertig, so ziehen wir mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen gen Frankreich und erobern das Land, wo der Champagner wächst, und zerstören das große Babel, das die Mutter aller Sünde ist!

Das sind die Pläne unsrer hohen Regierenden; das ist der sichere Hafen, auf den unser edler Hohenzoller hinsteuert. Daher die sich häufenden Oktroyierungen und Gewaltstreiche, daher die wiederholten Fußtritte für die feige Frankfurter Versammlung; daher die Belagerungszustände, die Verhaftungen und Verfolgungen; daher das Einschreiten der preußischen Soldateska in Dresden und in Süddeutschland.

Aber es gibt noch eine Macht, die von den Herren in Sanssouci freilich gering geachtet wird, die aber dennoch ein donnerndes Wort dazwischen sprechen wird. Das Volk - das Volk, das in Paris wie am Rhein, in Schlesien wie in Österreich wutknirschend auf den Moment der Erhebung wartet und das, wer weiß wie bald, allen Hohenzollern und allen Ober- und Unterknäsen geben wird, was ihnen gebührt.

Geschrieben von Karl Marx.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_477.htm

Ganz andere Leute sind damals für geringere Ausfälligkeiten in preußischen Gefängnissen verschwunden. Aber es kommt gleich noch besser.

Köln, 12. Mai. Das Potsdamer Mitglied der gott- wie standrechtlich begnadeten Dreifaltigkeit oktroyierte im November v. J. nach Auseinandersprengung der Volksvertreter eine Verfassung, die von den bald zusammentretenden Kammern revidiert werden sollte. Bekanntlich ereilte die neuen Volksvertreter ein ähnliches Schicksal wie die alten; die einen verjagte man mit Wrangelschen Bajonetten, die andren hieß ein einfaches Manteuffelsches Auflösungsbillettchen nach Hause gehen. Mit der Revision war's demnach ebenfalls zu Ende.

So hatte nun der christlich-germanische Landesvater und seine Spießgesellen, das ganze Heer der ahnenreichen wie ahnenlosen, besternten und unbesternten Herumlagerer, Umsonstfresser und Volksvampyre freien Boden gewonnen, um eine Frucht nach ihrem Herzen darauf zu pflanzen.

Im November v. J. war das Königs-, Beamten- und Junkertum noch zu vielfachen, heuchlerischen Redensarten und anscheinend sehr liberalen Verfassungsparagraphen genötigt. Die Novemberverfassung mußte so gehalten sein, daß der zahlreich vertretene stupide Teil des sogenannten "Preußenvolkes" sich damit allenfalls ködern ließe.
Jetzt sind solche feine diplomatische Rücksichten überflüssig geworden. Ist nicht Schwager Nikolaus bereits mit 20.000 Mann auf deutschem Boden? Ist nicht Dresden zusammengeschossen? Besteht nicht der intimste Bund mit dem feigen Flüchtlinge auf dem Königstein, mit dem Reichsmax in München, mit dem Bulldog Ernst August von Hannover, mit der ganzen Kontrerevolutionsbande in- und außerhalb Deutschlands?

Nun wohl, dieser Moment ist von dem Hohenzollern bestens benutzt worden. Er hat für seine "geliebten" Untertanen eine neue Konstitution ausarbeiten lassen und sie unterm 10. Mai in Charlottenburg sanktioniert und oktroyiert.

Die neueste, allein ehrlich gemeinte, königlich-preußische Verfassung, die vor der Novemberverfassung auch den Vorzug hat, bloß aus 17 Paragraphen zu bestehen, lautet wie folgt:
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_483.htm

Marx und Engels müssen einen sehr mächtigen und gnädigen Schutzengel in Berlin gehabt haben:

Das Blutgesetz in Düsseldorf

Köln, 12. Mai. Die "neue Konstitution" , die Aufhebung der gewöhnlichen Gesetze und Gerichtshöfe mit Verkündigung landesväterlicher Mordprivilegien an "Mein herrliches Kriegsheer" ist bereits gestern in Düsseldorf in Kraft getreten.
Der Kommandeur hatte nach Besiegung und Abschlachtung des Volkes alsbald in Berlin um Instruktionen angefragt. Von den Spießgesellen des Herrn von Hohenzollern, Brandenburg-Manteuffel, kam darauf durch den Telegraphen der Befehl zur Proklamation des Blutgesetzes und Einsetzung militärischer Mordgerichtshöfe.

Nach Art. 2 und 6 der Militärverfügung ist das Vereinsrecht aufgehoben und Art. 5, 6, 7, 24, 25, 26, 27 und 28 der oktroyierten Schnaps-Charte außer Kraft gesetzt.

Im vorigen Jahre, unter dem Bürger und Kommunisten Drigalski, wurde die Düsseldorfer Presse bei Verkündigung des Belagerungszustandes unter Zensur gestellt, eine Maßregel, welche selbst bei der Majorität der schlappen Vereinbarungsgesellschaft Geschrei und Entrüstung erregte; heute, nach den neuen Hohenzollernschen Errungenschaften, wo dem Potsdamer Unterknäs keine Kammern, sondern die stammverwandten Stülpnasen der Kosaken zur Seite stehen, heute begnügt man sich nicht mit der Zensur, man schreitet einfach zur Unterdrückung der Presse.

Nach Art. 7 sind die Düsseldorfer Blätter, wie auch die "Neue Rheinische Zeitung" in dem Düsseldorfer Rayon verboten; nach Art. 8 dürfen keine anderen als amtliche "Bekanntmachungen" veröffentlicht werden.

Unter der Säbelherrschaft des Bürgers und Kommunisten Drigalski wurden die willkürlich Verhafteten wenigstens dem gewöhnlichen Gesetz und ihrem ordentlichen Richter nicht entzogen. Heute sind Gesetz und Gerichte suspendiert und außergewöhnliche Militärmordhöfe eingesetzt:

Art. 9. Wer durch Wort, Schrift, Druck oder bildliche Darstellung zum Widerstand gegen die gesetzlichen (!) Anordnungen der Behörden reizt, soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Art. 10. Wer in offenem oder bewaffnetem Widerstande gegen die Maßregeln der gesetzlichen Behörden betroffen wird oder den Truppen durch eine verräterische Handlung Gefahr oder Nachteil bereitet, soll im Wege des Standrechts sofort erschossen werden.

Die Lorbeeren des Mordhundes Windischgrätz haben den wiedererstarkten Hohenzollern nicht schlafen lassen!
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_485.htm

Man muss Marx hier völlig in jedem Punkt zustimmen, die Revolution wurde blutig niedergeschlagen; Standrecht, Mord, Folter in den Gefängnissen waren die Mittel, den Widerstand der Bürger zu brechen.

Die NRZ ruft zum Aufstand in Elberfeld auf:

Köln, 12. Mai. Die Aufmerksamkeit der ganzen Rheinprovinz ist in diesem Augenblick auf Elberfeld gerichtet, auf einen Ort, der jetzt "das Panier des Aufruhrs" höher emporhebt als alle andern rheinischen Städte. Die Auflösung der Kammer gab das Signal zu der Bewegung des sonst so friedlichen Wuppertals...

Bei den verworrenen Nachrichten, welche uns vom Kampfplatze selbst zugehen, ist's unmöglich, das Wahre vom Unwahren zu trennen. Nur so viel scheint sicher, daß die ganze Bevölkerung unter den Waffen steht, daß Straßen und Häuser verbarrikadiert sind, daß aus benachbarten Orten - aus Solingen, Remscheid, Gräfrath, aus den Ortschaften der Enneper Straße, kurz, aus dem ganzen Bergischen - bewaffneter Zuzug heraneilt; daß man sich schon nicht mehr auf die Besetzung der Städte Elberfeld und Barmen beschränkt, sondern die Verteidigungsmaßregeln bereits auf die bedeutendsten Punkte der Umgegend ausdehnt.

Wie man versichert, soll es auch im Plane der Kämpfer liegen, Düsseldorf Hülfe zu eilen, um diese Stadt von preußischen Truppen zu säubern. Die Landwehr, die sich jetzt zum erstenmal entschieden auf die Seite des Volkes schlägt, spielt bei diesen Unternehmungen die Hauptrolle. An Munition und Geld fehlt es den Kämpfern nicht, da mehrere der reichsten Kaufleute bereitwillig ihre Kassen öffneten. So soll ein einziges Handlungshaus dem Elberfelder Sicherheitsausschuß 500 Stück Friedrichsdor überwiesen haben.

Unter diesen Umständen ist es natürlich nicht zu verwundern, daß sich die Söldner des Königtums zum Angriff rüsten, womöglich auch im Bergischen das Volk niederzuschmettern und die nämlichen Greuelszenen wie in Breslau, Dresden, Erfurt etc. aufzuführen. Hoffentlich wird's diesmal anders gehen.
Der Artillerie-Park von Wesel wird nach Elberfeld aufbrechen. Zum Angriffstage soll der nächste Montag bestimmt sein.

Wir können diese Nachrichten nicht verbürgen. Wie aber auch die Pläne der Kontrerevolution sein mögen, Elberfeld wird einen Kampf zu bestehen haben, in dem es sich um das Vaterland wahrhaft verdient machen kann.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_487.htm

Da kann man sich fragen: war es gar keine Wut auf den König gewesen, die Marx zu solchen Artikeln getrieben hat? Hatte er womöglich den Auftrag erhalten, mit seiner Zeitung in den letzten Ausgaben die Wut der Bürger und die Aufstände zu schüren, damit das preußische Militär genug Anlass zum Eingreifen erhielt? Jedenfalls war die „Neue Rheinische Zeitung“ nach solchen Artikeln „verbrannt“, sie konnte jetzt nur noch verboten werden.

Die "Kreuzzeitung"

Köln, 15. Mai. Das preußische Galgenblättchen macht uns das spezielle Vergnügen, aus der "N Rh Ztg" eine Blumenlese unpatriotischer Ausdrücke über den "kaiserlich russischen Unterknäs von Olmütz" und das "preußische Wanzenrittertum" zu veranstalten. Die Auswahl beschränkt sich auf eine Breslauer Korrespondenz und wird am Schluß von folgendem Ausbruch der Entrüstung der still-frivolen Kreuzritter begleitet:

"Wie matt ist gegen diese Chimborassofrechheit die Heiratsanzeige des Königs von Preußen in dem französischen 'Moniteur' von 1793: 'Le jeune tyran de Prusse vient d'épouser une demoiselle de Mecklenbourg' <'Der junge Tyrann von Preußen heiratete kürzlich ein Fräulein von Mecklenburg'>."

Um die Geschichte der "Chimborassofrechheit" der "N Rh Ztg" möglichst zu vervollständigen, ersuchen wir das Galgenblättchen, auch den Premier-Cologne in Nr. 294 unserer Zeitung über die "Taten des Hauses Hohenzollern" gefälligst abzudrucken. Wie wir hören, ist Frau von Hohenzollern eine eifrige Leserin des Galgenblättchens, und wir sind nicht so ganz "exklusiv", daß wir der würdigen Dame zu ihrer Zerstreuung nicht einige geschichtliche Studien über die Familie ihres Gemahls gönnen möchten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_490.htm

Alles sehr treffend und witzig, aber nur allerhöchste Order könnte die Polizei von der augenblicklichen Inhaftierung der gesamten Redaktion abgehalten haben.

Die neue Standrechts-Charte

Köln ,15. Mai. Wir haben noch von den neuesten landesväterlichen Absichten des Potsdamer Unterknäs um seine durch Raub und Menschenschacher ihm "angestammten" Untertanen Akt zu nehmen. Wir meinen die neu oktroyierte Standrechts-Charte, diese einzig wahre von allen Hohenzollernschen Verheißungen, in welcher die preußische Herrlichkeit sich endlich auch den stupidesten Vertrauensgimpeln in ihrer natürlichsten Nacktheit, entblößt von dem letzten heuchlerischen Komödiantenplunder, offenbart hat.

Die Verjagung der harmlosen Berliner Kammern, welche die oktroyierte Verfassung vom 5. Dezember "revidieren" sollten, war bekanntlich nur die notwendige Vorbereitung zu dem Einmarsch der Russen auf deutschem Boden. Aber die Vereinbarung des Potsdamer Baschkirentums mit den stammverwandten hundenüstrigen Kosaken des Prawoslawny-Zar hatte noch einen andern Zweck als den berühmten Dreifaltigkeitszug gegen Ungarn, in welchem Preußen seiner feigen perfiden Natur nach als Polizeibüttel mit Steckbriefen am Tore stand, während die östreichischen und russischen Henker drinnen die Mordjagd anstellen sollten. Der wahre Zweck dieses Hohenzollernschen Bündnisses war, dem Potsdamer Helden durch Einmarsch der Russen den nötigen Mut einzublasen, um an der Revolution für das im März v. J. ihm abgedrungene Geständnis der Feigheit Rache zu nehmen.

Wir brauchen, um die den Hohenzollern zu allen Zeiten ureigene und natürliche Feigheit zu beweisen, keine geschichtlichen Exkursionen zu machen und vielleicht gar zu den Ahnen dieser edlen Sippschaft hinaufzusteigen, welche hinter Sträuchern und Hecken auf wehrlose Reisende lauerten und also als Buschklepper den Grundstein zu dem "Glanz des Hauses" legten…
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_493.htm

Friedrich Engels hatte sich selbst nach Elberfeld begeben:

Köln, 16. Mai. Die "Neue Rheinische Zeitung" war auch auf den Elberfelder Barrikaden vertreten.

Um verschiedenen falschen Gerüchten entgegenzutreten, sind wir unsern Lesern einen kurzen Bericht über diese Angelegenheit schuldig:

Am 10. Mai ging Friedrich Engels, Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung", von Köln nach Elberfeld und nahm von Solingen aus zwei Kisten Patronen mit, welche bei dem Sturm des Gräfrather Zeughauses durch die Solinger Arbeiter erbeutet worden waren. In Elberfeld angekommen, stattete er dem Sicherheitsausschuß Bericht ab über die Lage der Dinge in Köln, stellte sich dem Sicherheitsausschuß zur Verfügung und wurde von der Militärkommission sogleich mit der Leitung der Befestigungsarbeiten durch folgende Vollmacht betraut:

"Die militärische Kommission des Sicherheitsausschusses beauftragt hiermit den Herrn Friedrich Engels, die sämtlichen Barrikaden der Stadt zu inspizieren und die Befestigungen zu vervollständigen. Sämtliche Posten auf den Barrikaden werden hiermit ersucht, denselben zu unterstützen, wo es not tut."

Elberfeld, 11. Mai 1849
(gez.) Hühnerbein - Troost"

Am folgenden Tage wurde ihm die Artillerie ebenfalls zur Verfügung gestellt:

"Vollmacht für Bürger F. Engels, die Kanonen nach seinem Gutdünken aufzustellen wie auch die dazu nötigen Handwerker zu requirieren, wovon die Kosten der Sicherheitsausschuß trägt.

Elberfeld, 12. Mai 1849
Der Sicherheitsausschuß

Für denselben:
(gez.) Pothmann - Hühnerbein - Troost"
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_500.htm

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Hellmann
12.11.2008, 14:16
Am 19. Mai 1849 erschien ganz in roter Farbe gedruckt mit einer Auflage von 20 000 die letzte Ausgabe der NRZ.

Köln, 18. Mai. Vor einiger Zeit wurde von Berlin aus an eine hiesige Behörde die Forderung gestellt, abermals den Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Man bezweckte die standrechtliche Beseitigung der "Neuen Rheinischen Zeitung", aber man stieß auf unerwarteten Widerstand. Später wandte sich die Kölnische Regierung an das hiesige Parquet, um denselben Zweck durch willkürliche Verhaftungen zu erreichen. Sie scheiterte an dem juristischen Bedenken des Parquet, wie sie schon zweimal an dem gesunden Menschenverstand der rheinischen Geschwornen gescheitert war. Es blieb nichts andres übrig, als zu einer Polizeifinte seine Zuflucht zu nehmen, und man hat für den Augenblick seinen Zweck erreicht. Die "Neue Rheinische Zeitung" hört einstweilen auf zu erscheinen. Am 16. Mai wurde ihrem Redakteur en chef Karl Marx folgender Regierungswisch mitgeteilt:

"In ihren neuesten Stücken (!) tritt die 'N Rh Z' mit der Aufreizung zur Verachtung der bestehenden Regierung, zum gewaltsamen Umsturz und zur Einführung der sozialen Republik immer entschiedener hervor. Es ist daher ihrem Redakteur en chef, dem Dr Karl Marx, das Gastrecht (!), welches er so schmählich verletzt, zu entziehen, und da derselbe ein Erlaubnis zum ferneren Aufenthalt in den hiesigen Staaten nicht erlangt hat, ihm aufzugeben, dieselben binnen 24 Stunden zu verlassen. Sollte er der an ihn ergehenden Aufforderung nicht freiwillig Genüge leisten, so ist derselbe zwangsweise über die Grenze zu bringen.

Köln, den 11. Mai 1849

Königl. Regierung
Moeller“
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_503.htm

Puh, das ist aber noch einmal gut ausgegangen.

Die letzte Ausgabe der NRZ an die Kölner Arbeiter:

Wir warnen Euch schließlich vor jedem Putsch in Köln. Nach der militärischen Lage Kölns wäret Ihr rettungslos verloren. Ihr habt in Elberfeld gesehen, wie die Bourgeoisie die Arbeiter ins Feuer schickt und sie hinterher aufs niederträchtigste verrät. Der Belagerungszustand in Köln würde die ganze Rheinprovinz demoralisieren, und der Belagerungszustand wäre die notwendige Folge jeder Erhebung von Eurer Seite in diesem Augenblicke. Die Preußen werden an Eurer Ruhe verzweifeln.

Die Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" danken Euch beim Abschiede für die ihnen bewiesene Teilnahme. Ihr letztes Wort wird überall und immer sein: Emanzipation der arbeitenden Klasse!

Die Redaktion der "Neuen Rheinischen Zeitung"
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_519.htm

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Hellmann
17.11.2008, 00:05
Die Reichsverfassungskampagne


Friedrich Engels über die Frankfurter Nationalversammlung (1852):

„Die Tatsache, daß die Entscheidung über das Schicksal der Revolution in Wien und Berlin fiel, daß in diesen beiden Hauptstädten die wichtigsten Lebensfragen erledigt wurden, ohne daß man von der Existenz der Frankfurter Versammlung auch nur die leiseste Notiz nahm – diese Tatsache allein genügt, um festzustellen, daß diese Körperschaft ein bloßer Debattierklub war, bestehend aus einer Ansammlung leichtgläubiger Tröpfe, die sich von den Regierungen als parlamentarische Marionetten mißbrauchen ließen, um zur Belustigung der Krämer und Handwerker kleiner Staaten und Städte ein Schauspiel zu geben, solange man es für angezeigt hielt, die Aufmerksamkeit dieser Herrschaften abzulenken.“
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_075.htm

Am 3. April 1849 hatte Wilhelm IV. die von einer 32-köpfigen Abordnung der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone abgelehnt.

Am 28. April wurde die Ablehnung in einem Schreiben an die provisorische Zentralgewalt, das dieser über den preußischen Gesandten in Frankfurt, Camphausen, zugestellt wurde, schriftlich wiederholt und ausführlich begründet. Die Begründung geht vor allem auch auf die Frage der Haltung der anderen deutschen Fürsten ein, deren Zustimmung, künftig den preußischen König als Kaiser anerkennen zu müssen, tatsächlich nicht ohne Widerspruch zu erwarten war. Darüber hinaus wurde auch die fehlende Möglichkeit des preußischen Königs, noch wesentliche Änderungen der Reichsverfassung vornehmen zu können, moniert.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserdeputation

Damit war die Märzrevolution gescheitert. In der Folge musste Preußen vorerst auf seinen Führungsanspruch verzichten und der Deutsche Bund wurde unter dem Einfluss von Österreich wiederhergestellt. Die alten Spannungen zwischen Preußen und Österreich verstärkten sich.

Zunächst aber kam es zu einem letzten Aufflackern der Revolution in der Reichsverfassungskampagne. Die österreichischen Abgeordneten waren schon Anfang April von ihrer Regierung zurückgerufen worden und bis auf die Vertreter der Linken und einiger Demokraten waren sie abgereist. Am 14. Mai legten die meisten preußischen Abgeordneten ihre Mandate nieder und fast alle bürgerlichen rechten und konservativen Parlamentarier verließen die Nationalversammlung.

Nun hatten die linken Fraktionen plötzlich die Mehrheit im verbliebenen Rumpfparlament und riefen mit der „Reichsverfassungskampagne“ die Bürger zu Aufständen zur Durchsetzung der Paulskirchenverfassung auf.

In Sachsen kam es am 3. Mai 1849 zum Dresdner Maiaufstand, Friedrich August II. von Sachsen und die Minister mussten auf die Festung Königstein flüchten. Der russische Anarchist Michail Bakunin beteiligte sich an der Leitung der Aufständischen, zu denen auch der Hofkapellmeister Richard Wagner zählte. Preußische und sächsische Truppen warfen vom 7. bis 9. Mai den Aufstand nieder. Bakunin wurde in Chemnitz gefangen, später zum Tode verurteilt, jedoch an Österreich ausgeliefert, wieder zum Tode verurteilt, begnadigt und an Russland ausgeliefert.

Noch im Vorjahr, als sich Bakunin im Juni am Slawenkongress in Prag und am folgenden Aufstand der Tschechen gegen die österreichische Fremdherrschaft beteiligt hatte, nach dessen Scheitern er sich in Breslau aufhielt, war Bakunin in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ beschuldigt worden, für den Zaren zu arbeiten:

Noch in Breslau las Bakunin in Marx' Rheinischer Zeitung einen Artikel, in dem behauptet wurde, George Sand hätte Beweise in der Hand, dass Bakunin ein Agent des russischen Zaren sei. Als sich George Sand mit einem Brief bei der Zeitung meldete und der Behauptung widersprach, wurde der Fehler korrigiert. Der Ruf, ein russischer Agent zu sein, begleitete Bakunin dennoch sein Leben lang und fand in der Person David Urquharts einen leidenschaftlichen Verfechter.
http://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Bakunin

Nicht nur David Urquhart, sondern auch Marx und Engels haben später diese Anschuldigung ständig wiederholt. Bakunin sollte jedoch erst 1861 nach seiner Flucht aus Sibirien in Europa wieder politisch tätig werden können.

In der Pfalz war der Aufstand erfolgreicher. Am 17. Mai wurde eine provisorische Regierung eingesetzt und die Trennung der Pfalz von Bayern vorbereitet. Am 14. Juni musste die provisorische Regierung unter Josef Martin Reichard vor einem 30.000 Mann starken preußischen Heer flüchten, dem die Revolutionstruppen keinen Widerstand leisten konnten. Der in die USA geflohene Reichard wurde 1851 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Am stärksten war die revolutionäre Bewegung in Südwestdeutschland. Dort musste am 14. Mai der badische Großherzog Leopold nach Koblenz fliehen, die Badische Republik wurde ausgerufen und eine Revolutionsregierung unter dem Abgeordneten der Nationalversammlung Lorenz Brentano gebildet. Am 31 Mai 1849 beschlossen die verbliebenen Mitglieder der Nationalversammlung sich dem preußischen Zugriff zu entziehen und das Parlament von Frankfurt nach Stuttgart zu verlegen, wo am 6. Juni nur noch 154 Abgeordnete zusammen kamen.

Trotzdem war die Sache aussichtslos, das weitere Vorgehen konnte nur das Ziel haben, symbolischen Widerstand zu leisten, um dann der Gewalt zu weichen. Die nachträglich im August 1852 von Friedrich Engels in London verfasste Darstellung ist nicht realistisch:

In Dresden bemächtigte sich das Volk am 4. Mai siegreich der Stadt und verjagte den König, während sämtliche umliegenden Bezirke den Aufständischen Verstärkungen sandten. In Rheinpreußen und in Westfalen weigerte sich die Landwehr auszumarschieren, besetzte die Zeughäuser und bewaffnete sich zum Schutz der Reichsverfassung. In der Pfalz bemächtigte sich das Volk der bayrischen Regierungsbeamten und der öffentlichen Gelder und setzte einen Verteidigungsausschuß ein, der die Provinz unter den Schutz der Nationalversammlung stellte. In Württemberg zwang das Volk den König, die Reichsverfassung anzuerkennen; und in Baden zwang die Armee im Verein mit dem Volk den Großherzog zur Flucht und errichtete eine provisorische Regierung. In anderen Teilen Deutschlands wartete das Volk nur auf das entscheidende Zeichen der Nationalversammlung, um zu den Waffen zu eilen und sich ihr zur Verfügung zu stellen.

Die Lage der Nationalversammlung war weit günstiger, als nach ihrer unrühmlichen Vergangenheit erwartet werden konnte. Die westliche Hälfte Deutschlands hatte ihretwegen zu den Waffen gegriffen; die Truppen waren überall schwankend; in den kleineren Staaten standen sie der Bewegung zweifellos freundlich gegenüber. Österreich war durch den siegreichen Vormarsch der Ungarn gelähmt, und Rußland, diese Reserve der deutschen Regierungen, spannte alle Kräfte an, um Österreich gegen die Heere der Magyaren zu unterstützen. Es galt nur, Preußen zu bezwingen, und bei den revolutionären Sympathien, die dort vorhanden waren, bestand zweifellos Aussicht, dies Ziel zu erreichen. So hing alles vom Verhalten der Nationalversammlung ab.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_093.htm

Marx hatte sich noch zusammen mit seiner Familie von Köln nach Frankfurt begeben, um die linken Abgeordneten aufzustacheln. Man kann die Argumentation dabei noch dem späteren Bericht von Engels, aus dem oben schon zitiert wurde, entnehmen:

Was hatte also die Frankfurter Nationalversammlung zu tun, um dem sichern Verderben zu entgehen, das ihr drohte? Vor allem mußte sie die Situation klar erfassen und sich überzeugen, daß sie keine andere Wahl mehr hatte, als sich entweder bedingungslos den Regierungen zu unterwerfen oder sich rückhaltlos und ohne zu Zaudern auf die Seite des bewaffneten Aufstandes zu stellen. Zweitens mußte sie sich öffentlich zu all den Erhebungen bekennen, die bereits ausgebrochen, überall das Volk aufrufen, die Waffen zur Verteidigung der Vertreter der Nation aufzunehmen und alle Fürsten, Minister und alle anderen für vogelfrei erklären, die es wagen sollten, sich dem souveränen, von seinen Beauftragten vertretenen Volk zu widersetzen. Drittens mußte sie sofort den deutschen Reichsverweser absetzen, eine starke, aktive, rücksichtslose Exekutivgewalt schaffen, aufständische Truppen zu ihrem unmittelbaren Schutz nach Frankfurt rufen und damit zugleich einen gesetzlichen Vorwand für das Umsichgreifen des Aufstands liefern, alle zu ihrer Verfügung stehenden Kräfte zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfassen, kurz, rasch und ohne zu Zögern jedes zu Gebote stehende Mittel benützen, um die eigene Stellung zu stärken und die des Gegners zu schwächen.
(Engels, ebenda)

Marx und Engels haben in Frankfurt wenig Erfolg bei den Abgeordneten und suchen nach anderen Möglichkeiten:

Von Frankfurt aus begab sich Marx mit Engels auf den Schauplatz des badisch-pfälzischen Aufstandes. Sie gingen erst nach Karlsruhe, dann nach Kaiserslautern, wo sie d'Ester antrafen, der die Seele der provisorischen Regierung war. Von ihm erhielt Marx ein Mandat des Demokratischen Zentralausschusses, um in Paris die deutsche revolutionäre Partei bei der Montagne der Nationalversammlung zu vertreten, der damaligen, aus kleinbürgerlichen und proletarischen Elementen gemischten Sozialdemokratie, die einen großen Schlag gegen die Ordnungsparteien und deren Vertreter, den falschen Bonaparte, vorbereitete. Auf der Rückreise wurden sie von den hessischen Truppen als der Teilnahme am Aufstande verdächtig verhaftet, nach Darmstadt und von da nach Frankfurt transportiert, wo sie wieder freigegeben wurden. Marx ging nun nach Paris, während Engels nach Kaiserslautern zurückkehrte, um als Adjutant in die Freischar einzutreten, die der ehemalige preußische Leutnant Willich gebildet hatte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_9

Die hessischen Truppen, von denen Marx und Engels aufgegriffen und nach Frankfurt gebracht wurden, konnten ja nicht wissen, mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten Glück gehabt und Marx reist mit dem von d´Ester ausgestellten Mandat der Demokraten, bei denen er erst vor wenigen Wochen in der NRZ seine Mitgliedschaft aufgekündigt hatte, und einem Pass auf den Namen E. Meyen (Raddatz, S. 130f) nach Paris. Dort setzen sich aber bald auch die reaktionären Kräfte durch und Marx soll mit Familie in das Département Morbihan verbannt werden, wogegen er zwar mit einem offenen Brief in der Pariser „La Presse“ protestiert und Aufschub erhält, aber schließlich doch Frankreich verlässt. Ab Ende August 1849 ist Karl Marx in seinem Londoner Exil.

August von Willich war preußischer Leutnant der Artillerie gewesen, bis er sich wegen seiner Sympathie für Weitlings „Bund der Gerechten“ vor ein Kriegsgericht gestellt und aus der Armee entlassen fand. 1847 legte er seinen Adelstitel ab.

Während der Revolution 1848/49 war er der militärischer Führer des Heckerzuges. Er flüchtete im Anschluss in die Schweiz und nach Frankreich.

1849 kehrte er zurück und kämpfte als Oberkommandierender auf pfälzischer Seite im pfälzisch-badischen Aufstand.

Friedrich Engels diente in dieser Zeit als sein Adjutant. Nach der Niederschlagung des Aufstandes floh Willich erneut in die Schweiz. Anschließend ging Willich nach London ins Exil. Dort schloss er sich dem Bund der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels an.
http://de.wikipedia.org/wiki/August_Willich

Der damals noch wenig bekannte Wilhelm Liebknecht hatte im September 1848 schon am Aufstand in Lörrach teilgenommen und wurde im Mai 1849 Adjutant Struves.

Gegen die preußischen Truppen haben die Aufständischen keine Chance, ganz abgesehen von den Verrätern in ihren Reihen.

Juni 1849: Der polnische Revolutionär Ludwik Mierosławski wird zum General der Revolutionsarmee ernannt. Bundestruppen unter dem Kommando des Generalleutnant von Peucker und mehrere preußische Armeekorps unter dem Prinzen von Preußen Wilhelm dringen in Baden ein, um die Revolution niederzuschlagen.

15./16. Juni 1849: Siegreiche Gefechte der badischen Truppen an der Neckarlinie bei Mannheim, Käferthal, Ladenburg und Hirschhorn

20. Juni 1849: Preußische Truppen erzwingen bei Germersheim den Rheinübergang

21./22. Juni 1849: Gefecht bei Waghäusel, daraufhin Rückzug der badischen Truppen, um einer drohenden Umschließung zu entgehen.

25. Juni 1849: Gefecht bei Durlach, durch Beckers Volkswehr wird der Rückzug der Armee auf die Murglinie gedeckt.
Franz Seraph Stirnbrand (1788-1882): Gefecht in Gernsbach am 29. Juni 184929./30. Juni 1849: Gefechte an der Murg (Gefecht bei Gernsbach am 29. Juni), Mieroslawski ernennt Major Gustav Tiedemann aus dem Kreis um Struve zum Gouverneur der Festung Rastatt.

Brentanos zögerliche Haltung in der provisorischen Regierung angesichts der konterrevolutionären Gefahr führt zu dessen Sturz durch Gustav Struve und seine Anhänger.

Die revolutionären Einheiten ziehen sich nach Südbaden zurück und überschreiten bei Jestetten die Grenze zur Schweiz. Das eingeschlossene Rastatt wehrt sich erfolgreich gegen die preußische Zernierung.

23. Juli 1849: Nach dreiwöchiger Belagerung wird die umkämpfte Festung Rastatt von preußischen Truppen eingenommen. Die Revolution ist gescheitert. Die badische Armee wird aufgelöst und unter preußischer Führung neu aufgebaut. Nun richten Standgerichte in preußisch-badischer Besetzung die Revolutionäre hin: 27 Revolutionäre werden erschossen (darunter der letzte Gouverneur der Festung Rastatt, Gustav Tiedemann), lange Haftstrafen in preußischen Gefängnissen verhängt. Viele andere fliehen ins Exil, darunter auch Struve, Brentano, Carl Schurz und Friedrich Engels.
http://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution

Von Flucht kann man bei Friedrich Engels aber wohl weniger reden; er lässt sich Zeit und genießt das Leben:

Engels vor allem, der sich – nach seiner absonderlich heiteren, bukolischen Fußwanderung den Rhein hinab in die Schweiz als Postskriptum seiner militärischen postrevolutionären Abenteuer in Willichs Freischaren, Früchte und Töchter des Rheintals genießend – erst am 6. Oktober in Genua nach London einschifft, wo er am 10. November eintrifft.
(Raddatz, S. 140)

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Hellmann
18.11.2008, 17:00
Die Theorie vom Mehrwert


Wie entsteht der Gewinn?

Abstraktion: Grundannahmen und Problem

Die Waren werden auf den Märkten im Verhältnis ihrer Produktionskosten getauscht.

Wie können die Kapitalisten dabei einen Gewinn erzielen?

These: Würde der Gewinn damit entstehen, dass jeder Verkäufer seine Ware mit einem Preisaufschlag über seinen Kosten verkauft, dann würde sich das gegenseitig auf den Märkten aufheben, weil jeder Verkäufer auch wieder Käufer ist.

Lösungsversuch des Problems durch die bürgerlichen Ökonomen:

Das Kapital der Ökonomie ist knapp und gleichzeitig ist das Kapital produktiv und kann darum eine Rendite erzielen. Es geht also nicht nur der Kapitalverschleiß in die Produktionskosten ein, sondern auch eine Kapitalrendite.

Diese Kapitalrendite ist der Profit der Kapitalisten und zählt zu den Produktionskosten der Waren.

Lösungsversuch durch die Mehrwerttheorie des Karl Marx:

Zuerst muss Marx unterstellen, dass die Warenpreise keine Kapitalrendite enthalten, sondern neben dem Lohn nur die Rohstoffe und den Verschleiß der Maschinen. Die Kapitalrendite wird bei Marx an der Stelle einfach nicht erwähnt, wo es um die Produktionskosten geht.

Warum erzielen die Kapitalisten ihren Profit?

Sie zahlen die Rohstoffe, den Kapitalverschleiß durch die Produktion und den Lohn der Arbeiter.

Sie erzielen beim Verkauf der Waren aber einen Überschuss!

Rätsel, Rätsel, Rätsel!

Er wäre nicht Karl Marx, wenn er nicht eine ebenso spitzfindige wie haarspalterische Lösung für das Scheinproblem gefunden hätte.

Der Kapitalist zahlt dem Arbeiter die Reproduktionskosten seiner Arbeitskraft, er verfügt damit über die vom Arbeiter verkaufte Arbeitskraft.

Mit seiner Verfügungsgewalt über die vom Arbeiter verkaufte Arbeitskraft kann der Kapitalist einen Mehrwert erzielen, indem er den Arbeiter mehr produzieren lässt, als es dem Gegenwert seines Lohnes entspricht.

Das wird bei Marx in Arbeitszeit ausgedrückt. Der Arbeiter leistet zum Beispiel 12 Stunden Arbeit, obwohl er dem Kapitalisten den Gegenwert seines Lohns schon in 6 Stunden erwirtschaftet hat. Aber er hat ja seine Arbeitskraft verkauft und darum kann der Kapitalist eine Mehrarbeit von 6 Stunden erzwingen und es ergibt sich eine Mehrwertrate von 100%.


Was ist alles falsch?

Die bürgerlichen Ökonomen haben übersehen, dass knappes Kapital zwar eine hohe Rendite abwirft, wegen dieser hohen Rendite aber die Gewinne größtenteils akkumuliert würden und das Kapital dabei exponentiell wächst, bis es nicht mehr knapp wäre.

Das geht bei einer Exponentialfunktion dann ziemlich schnell und steil.

Daher vermeiden die bürgerlichen Ökonomen in diesbezüglichen Modellen den Zeitablauf. Die Modelle sind statisch, das Kapital ist knapp und erzielt daher eine Rendite. Die Renditen müssten zumindest historisch fallen, aber das wird eben gar nicht erst untersucht, mangels Zeitachse in den eindrucksvollen Kurvendiskussionen.

Es spricht viel dafür, dass es gar keinen „Kapitalmangel“ im Sinn der bürgerlichen Ökonomie gibt, sondern eher dauernde Auslastungsprobleme, womit die Erklärung der Profite mit dem „Kapitalmangel“ gegenstandslos wird.

Der Marxismus hat mit seiner Werttheorie das Problem, dass es die Kapitalrendite in der Realität ja nachweisbar gibt, die im Marxismus als Mehrwertmasse abhängig vom Einsatz der Arbeit entstehen soll.

Jetzt sind umständliche Erklärungen nötig, warum in Wirtschaftszweigen mit wenig Kapital je Arbeiter die Profite nicht höher sind, als in Wirtschaftszweigen mit viel Kapital je Arbeiter. Nach der grauen Theorie erhielten doch die Erstgenannten eine viel höhere Mehrwertschöpfung je Kapitaleinsatz, weil sich der Mehrwert ja nach dem Umfang der Mehrarbeit richtet.

So werden dann bis zum letzten Kapitel im dritten Band des „Kapital“ Stück für Stück alle zuerst aufgestellten Behauptungen - wie etwa dass die Waren nach ihrem Arbeitswert getauscht würden – wieder zurückgenommen. Der Markt gleiche sogar die (angeblich zunächst) wegen des Mehrwerts unterschiedlichen Profitraten durch den Konkurrenzdruck des Kapitals wieder aus…

Der Trick, zwischen der geleisteten Arbeit und der bezahlten „Arbeitskraft“ zu unterscheiden, überzeugt nur auf seiner rhetorischen Ebene. Der Arbeitslohn als „Reproduktionskosten der Arbeitskraft“ ist eine Phrase, weil sich in der Realität keine Anhaltspunkte für die Bestimmung dieser „Reproduktionskosten“ finden lassen, außer eben die historisch vorliegenden Löhne selbst dafür zu nehmen. Die Höhe der Löhne wird also mit der Höhe der Löhne erklärt, sobald wir der Phraseologie auf den Grund schauen.

Der Kapitalist bezahlt dem Arbeiter den Wert seiner Arbeitskraft. Weil er die Arbeitskraft des Arbeiters über den Gegenwert des Lohns hinaus nutzen wird, kann er aus der Arbeitskraft des Arbeiters durch Mehrarbeit den Mehrwert für seinen Profit herauspressen.

Warum sorgt nun der „freie Markt“ nicht dafür, dass die Kapitalisten in der Konkurrenz um die Arbeitskraft der Arbeiter, aus der sie ja nach Marx den ganzen Mehrwert beziehen, sich gegenseitig die angebotenen Löhne überbieten und so die Differenz zwischen der aus der Arbeitskraft der Arbeiter herausgeschlagenen Arbeit und dem Lohn gegen Null treiben?

Das Thema haben weder Marx noch seine Anhänger jemals berührt. Würde es doch sofort aufzeigen, welche Scheinlösung die Theorie von Marx für die Frage nach der Ursache der Profite darstellt.

Wenn der Lohn also dem Gegenwert von 6 Stunden Arbeit entspricht, die Kapitalisten die Arbeitskraft aber für 12 Stunden Arbeit nutzen können, warum hat jetzt kein Kapitalist einen Lohn geboten, der dem Gegenwert von 7 Stunden Arbeit entspricht, um den anderen Kapitalisten die Arbeiter abzuluchsen?

Diese vom Marxismus unbeantwortete Frage ist völlig identisch mit dem Ausgangsproblem, wie denn die Profite auf „freien Märkten“ mit absoluter Konkurrenz überhaupt entstehen können.

Das Ausgangsproblem wurde durch die Mehrwerttheorie des Karl Marx also nicht gelöst. Der Ursprung der Kapitalgewinne ist durch die Werttheorie nicht erklärt.


Die Krisentheorie

Schmackhaft gemacht hat man die Werttheorie den Anhängern mit der Erwartung, dass sie den „tendenziellen Fall der Profitrate“ und damit die endgültige Krise und den unvermeidbaren Zusammenbruch des Kapitalismus „wissenschaftlich“ beweisen könnte. Sonst hätte sich wohl auch der Letzte noch gefragt, was das Zeug eigentlich soll.

Im Leitartikel der NRZ vom 11. April 1849 finden wir die Ausführungen zur Konkurrenz zwischen den Kapitalisten. Diese erzwingt einen immer höheren Einsatz von Kapital, eine immer effizientere Produktion und senkt die Produktionskosten und damit die Preise der erzeugten Ware.

Der eine Kapitalist kann den andern nur aus dem Felde schlagen und sein Kapital erobern, indem er wohlfeiler verkauft. Um wohlfeiler verkaufen zu können, ohne sich zu ruinieren, muß er wohlfeiler produzieren, d.h. die Produktionskraft der Arbeit soviel wie möglich steigern. Die Produktionskraft der Arbeit wird aber vor allem gesteigert durch eine größere Teilung der Arbeit, durch eine allseitigere Einführung und beständige Verbesserung in der Maschinerie. Je größer die Arbeiterarmee ist, unter welcher die Arbeit geteilt, je riesenhafter die Stufenleiter ist, auf welcher die Maschinerie eingeführt wird, um so mehr nehmen verhältnismäßig die Produktionskosten ab, um so fruchtbarer wird die Arbeit. Es entsteht daher ein allseitiger Wetteifer unter den Kapitalisten, die Teilung der Arbeit und die Maschinerie zu vermehren und sie auf möglichst großer Stufenleiter auszubeuten.

Hat nun ein Kapitalist durch größere Teilung der Arbeit, durch Anwendung und Verbesserung neuer Maschinen, durch vorteilhaftere und massenhaftere Ausbeutung der Naturkräfte das Mittel gefunden, mit derselben Summe von Arbeit oder von aufgehäufter Arbeit eine größere Summe von Produkten, von Waren zu schaffen als seine Konkurrenten, kann er z.B. in derselben Arbeitszeit, in der seine Konkurrenten eine halbe Elle Leinwand weben, eine ganze Elle Leinwand produzieren, wie wird dieser Kapitalist operieren? Er könnte fortfahren, eine halbe Elle Leinwand zu dem bisherigen Marktpreise zu verkaufen, es wäre dies jedoch kein Mittel, seinen Gegner aus dem Felde zu schlagen und seinen eigenen Absatz zu vergrößern. Aber in demselben Maße, worin seine Produktion sich ausgedehnt hat, hat sich das Bedürfnis des Absatzes für ihn ausgedehnt. Die mächtigeren und kostspieligeren Produktionsmittel, die er ins Leben gerufen, befähigen ihn zwar, seine Waren wohlfeiler zu verkaufen, sie zwingen ihn aber zugleich, mehr Waren zu verkaufen, einen ungleich größeren Markt für seine Waren zu erobern; unser Kapitalist wird also die halbe Elle Leinwand wohlfeiler verkaufen als seine Konkurrenten.
http://www.ml-werke.de/marxengels/me06_397.htm

Die Verbesserung der Produktivkräfte senkt nicht nur die Preise, sondern verlangt auch nach höhen Absatzmengen. Eigentlich ist das ein Argument für steigende Löhne, nach Marx führt die Rationalisierung aber zu einer erhöhten Konkurrenz zwischen den Arbeitern und damit eher zu sinkenden Löhnen.

Die größere Teilung der Arbeit befähigt einen Arbeiter, die Arbeit von 5, 10, 20 zu tun; sie vermehrt also die Konkurrenz unter den Arbeitern um das 5-, 10-, 20fache. Die Arbeiter machen sich nicht nur Konkurrenz, in dem einer sich wohlfeiler verkauft wie der andere; sie machen sich Konkurrenz, in dem einer die Arbeit von 5, 10, 20 verrichtet, und die vom Kapital eingeführte und stets vergrößerte Teilung der Arbeit zwingt die Arbeiter, sich diese Art von Konkurrenz zu machen.

Ferner: In demselben Maße, wie die Teilung der Arbeit zunimmt, vereinfacht sich die Arbeit. Die besondere Geschicklichkeit des Arbeiters wird wertlos. Er wird in eine einfache, eintönige Produktivkraft verwandelt, die weder körperliche noch geistige Spannkräfte ins Spiel zu setzen hat. Seine Arbeit wird allen zugängliche Arbeit. Es drängen daher Konkurrenten von allen Seiten auf ihn ein, und überdem erinnern wir, daß, je einfacher, je leichter erlernbar die Arbeit ist, je weniger Produktionskosten es bedarf, um sich dieselbe anzueignen, desto tiefer der Arbeitslohn sinkt, denn wie der Preis jeder andern Ware ist er durch die Produktionskosten bestimmt.

In demselben Maß also, worin die Arbeit unbefriedigender, ekelhafter wird, in demselben Maß nimmt die Konkurrenz zu und der Arbeitslohn ab.

Dazu kommt noch mit dem Konzentrationsprozess des Kapitals der Ruin der kleinen Kapitalisten und des Mittelstands.

Und zudem rekrutiert sich die Arbeiterklasse noch aus den höhern Schichten der Gesellschaft; es stürzt eine Masse kleiner Industriellen und kleiner Rentiers in sie herab, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Arme zu erheben neben den Armen der Arbeiter. So wird der Wald der in die Höhe gestreckten und nach Arbeit verlangenden Arme immer dichter, und die Arme selbst werden immer magerer.

Daß der kleine Industrielle den Krieg nicht aushalten kann, worin es eine der ersten Bedingungen ist, stets auf größerer Stufenleiter zu produzieren, d.h. eben ein großer und kein kleiner Industrieller zu sein, versteht sich von selbst.

Daß der Zins vom Kapital in demselben Maß abnimmt, wie Masse und Zahl des Kapitals zunimmt, wie das Kapital anwächst, daß daher der kleine Rentier nicht mehr von seiner Rente leben kann, also sich auf die Industrie werfen, also die Reihen der kleinen Industriellen und damit die Kandidaten für das Proletariat vermehren hilft, alles das bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung.

Die spätere Begründung der Krisen mit der relativen Abnahme des Mehrwerts im Verhältnis zum immer mehr akkumulierten Kapital, finden wir in der NRZ noch nicht. Hier werden die Krisen einfach deshalb immer größer, weil ja auch die Märkte und das für diese Märkte arbeitende Kapital immer größer angewachsen sind.

In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschilderte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandene riesenhafte Produktionsmittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu diesem Zwecke alle Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen, in demselben Maße vermehren sich die Erdbeben, worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die Krisen zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen, weil in demselben Maß, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausgedehnten Märkten wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusammenzieht, immer weniger Märkte zur Exploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bisher uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt dem Welthandel unterworfen hat.

Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ findet man im dritten Band des „Kapital“, der erst 1894 durch Friedrich Engels herausgegeben wurde im 13., 14. und 15. Kapitel. Wirklich von Interesse ist aber nur das 13. Kapitel mit der Überschrift „Das Gesetz als solches“:

http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_221.htm

Das Wesentliche dieser Argumentation fasse ich einmal kurz zusammen, da ihre Darstellung durch Marx und Engels wie gewohnt unzumutbar ist.

Im Prinzip handelt es sich um genau denselben Sachverhalt, den wir aus der bürgerlichen Ökonomie schon mit der fallenden Grenzproduktivität des Kapitals kennen. Wenn mehr Kapital eingesetzt und die Produktivität der Arbeit dadurch gesteigert wird, so steigt zwar die Gesamtproduktion. Sie steigt jedoch mit einer niedrigeren Rate als der Kapitaleinsatz.

Nehmen wir also an, es wird mit doppeltem Kapitaleinsatz je Arbeitsplatz produziert, so steigt damit die Produktion, jedoch um einen geringeren Faktor der Kapitaleinsatz.

Die Relation Produktion/Kapitalstock sinkt bei wachsendem Kapitaleinsatz!

Dass die Profitrate mit steigendem Kapitaleinsatz sinkt, ist eine völlig der bürgerlichen Ökonomie vertraute Vorstellung, die vom Marxismus nur auf dem Umweg über die Werttheorie nacherzählt wird.

Siehe dazu Wiki zur Produktivität:
http://de.wikipedia.org/wiki/Produktivit%C3%A4t

Unter dieser Voraussetzung sinkender Faktorproduktivität des Kapitals würde sich die Kapitalrendite nur um den Preis stetig gegen Null sinkender Löhne halten lassen.

Mit der Werttheorie wird nichts anderes bewiesen: der Kapitaleinsatz wächst, damit sinkt das Verhältnis Mehrwert/Kapital und die Kapitalisten versuchen, die Mehrwertrate im Verhältnis zu den Arbeitslöhnen zu erhöhen.

Ganz kurz zusammengefasst:

sinkende Grenzproduktivität des Kapitals <=> Tendenzieller Fall der Profitrate

Nur hat jetzt die bürgerliche Ökonomie im Gegensatz zum Marxismus nicht behauptet, dass mit ihrer sinkenden Grenzproduktivität des Kapitals schon eine Krisentheorie gewonnen wäre. Aber selbst wenn, dann wäre durch die Werttheorie kein neues Argument und kein tieferes Verständnis der Krisen möglich. Es handelt sich nur um eine umständlichste Darstellung mit Arbeitswert und Mehrwert und deren Verhältnis zu einem wachsenden Kapitaleinsatz.

Da ist ja dann die Theorie der bürgerlichen Ökonomie schon spannender, wonach es eine Grenze für die Akkumulation von Sachkapital geben muss. Der Umfang der laufenden Produktion ist nämlich eine Höchstgrenze für den in jeder Periode wegen Verschleiß zu ersetzenden Anteil des Sachkapitals.

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Hellmann
18.11.2008, 17:07
Zusätzliche Probleme einer Arbeitswerttheorie

Die Waren werden im Kapitalismus wegen der Tendenz zum Ausgleich der Profitraten grundsätzlich nicht nach ihren „Arbeitswerten“ getauscht. Dass die Preise durch andere Faktoren außerdem noch beeinflusst werden, von den Schwankungen des Angebots und der Nachfrage aus verschiedensten Gründen bis hin zu den Auswirkungen der Werbung und anderer Beeinflussungen der Märkte, kommt zu alledem noch hinzu.

Jetzt ist aber auch noch umstritten, welche Arbeit überhaupt als produktiv und wertschöpfend anzusehen ist. Nach Marx war nur die Arbeit produktiv, die irgendwie einen Stoff bearbeitet hat. Sämtlicher Aufwand für Marketing oder Transport ist nach seiner Werttheorie nicht produktiv und wertschöpfend, auch Schmiergeldzahlungen zur Absatzförderung und andere im Kapitalismus übliche Praktiken erhöhen der „Wert“ der Waren nicht, sehr wohl aber den Preis und die Absatzchancen. Man sieht hoffentlich, welche entsetzlichen und hoffnungslosen Streitereien sich aus einer „Werttheorie“ für kapitalistische Märkte sofort ergeben werden.


Anmerkung:

Weil der Leser vermutlich einwenden wird, dass Karl Marx als bedeutender Theoretiker unter den Kritikern des Kapitalismus anzusehen ist, will ich mich nicht dem Vorwurf aussetzen, hier nur lang und breit und hoffentlich spannend das Leben von Marx geschildert, aber seine bedeutende theoretische Leistung unterschlagen zu haben.

Die kritische Darstellung und Widerlegung seiner Theorie vom Mehrwert ist deshalb hier an dieser Stelle schon eingeflochten, dafür werde ich später, wenn „Das Kapital“ im Fortgang der Ereignisse zur Sprache kommt, nicht erneut darauf eingehen.
Die Artikelserie „Lohnarbeit und Kapital“ (in der NRZ vom 5., 6., 7., 8. und 11. April 1849) wurde im vorletzten Kapitel über die „Neue Rheinische Zeitung“ schon erwähnt. In dieser Serie hatten Marx und Engels bereits die Theorie vorgestellt, die Marx später in seinem dreibändigen Hauptwerk „Das Kapital“ nur noch weitläufiger, langatmiger und mühsamer darlegen sollte.

Für den kurzen Überblick empfehle ich diese Artikelserie zur Lektüre:

http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_397.htm

Friedrich Engels hat im Jahr 1891 für eine Neuauflage von „Lohnarbeit und Kapital“ eine spitzfindige Änderung eingearbeitet. Danach verkaufe der Arbeiter dem Kapitalisten nicht seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft. Die Begründung durch Engels kann man hier nachlesen:

"Halt da!" ruft unser Maschinenschlosser. "Sechs Mark? Ich habe aber nur drei Mark erhalten! Mein Kapitalist schwört Stein und Bein, der Wert meiner zwölfstündigen Arbeit sei nur drei Mark, und wenn ich sechs verlange, so lacht er mich aus. Wie reimt sich das?"

Kamen wir vorhin mit unserm Wert der Arbeit in einen Zirkel ohne Ausweg, so sind wir jetzt in einem unlöslichen Widerspruch erst recht festgeritten. Wir suchten den Wert der Arbeit und fanden mehr, als wir brauchen können. Für den Arbeiter ist der Wert der zwölfstündigen Arbeit drei Mark, für den Kapitalisten sechs Mark, wovon er drei dem Arbeiter als Lohn zahlt und drei selbst in die Tasche steckt. Also hätte die Arbeit nicht einen, sondern zwei Werte, und sehr verschiedne obendrein!

Der Widerspruch wird noch widersinniger, sobald wir die in Geld ausgedrückten Werte auf Arbeitszeit reduzieren. In den zwölf Stunden Arbeit wird ein Neuwert von sechs Mark geschaffen. Also in sechs Stunden drei Mark - die Summe, die der Arbeiter für zwölfstündige Arbeit erhält. Für zwölfstündige Arbeit erhält der Arbeiter als gleichen Gegenwert das Produkt von sechs Stunden Arbeit. Entweder also hat die Arbeit zwei Werte, wovon der eine doppelt so groß wie der andre, oder zwölf sind gleich sechs! In beiden Fällen kommt reiner Widersinn heraus.

Wir mögen uns drehen und wenden wie wir wollen, wir kommen nicht heraus aus diesem Widerspruch, solange wir vom Kauf und Verkauf der Arbeit und vom Wert der Arbeit sprechen. Und so ging es den Ökonomen auch. Der letzte Ausläufer der klassischen Ökonomie, die Ricardosche Schule, ging großenteils an der Unlösbarkeit dieses Widerspruchs zugrunde. Die klassische Ökonomie hatte sich in eine Sackgasse festgerannt. Der Mann, der den Weg aus dieser Sackgasse fand, war Karl Marx.

Was die Ökonomen als die Produktionskosten "der Arbeit" angesehn hatten, waren die Produktionskosten nicht der Arbeit, sondern des lebendigen Arbeiters selbst. Und was dieser Arbeiter dem Kapitalisten verkaufte, war nicht seine Arbeit. "Sobald seine Arbeit wirklich beginnt", sagt Marx, "hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden." Er könnte also höchstens seine künftige Arbeit verkaufen, d.h. die Verpflichtung übernehmen, eine bestimmte Arbeitsleistung zu bestimmter Zeit auszuführen. Damit aber verkauft er nicht Arbeit (die doch erst geschehen sein müßte), sondern er stellt dem Kapitalisten auf bestimmte Zeit (im Taglohn) oder zum Zweck einer bestimmten Arbeitsleistung (im Stücklohn) seine Arbeitskraft gegen eine bestimmte Zahlung zur Verfügung: Er vermietet resp. verkauft seine Arbeitskraft. Diese Arbeitskraft ist aber mit seiner Person verwachsen und von ihr untrennbar. Ihre Produktionskosten fallen daher mit seinen Produktionskosten zusammen; was die Ökonomen die Produktionskosten der Arbeit nannten, sind eben die des Arbeiters und damit die der Arbeitskraft.
http://www.mlwerke.de/me/me22/me22_202.htm

Wer eine Ahnung und Vorstellung davon erhalten will, wie Karl Marx das Thema breitgetreten hat, der kann sich einmal den Text „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ vornehmen:

http://www.mlwerke.de/me/me13/me13_015.htm

Natürlich kann man auch gleich „Das Kapital“ lesen, um nach Monaten oder Jahren enttäuscht festzustellen, dass es halt noch langatmiger und irreführender abgefasst ist, ohne wesentliche Erkenntnisse zu bringen, aber bitte:

Band I: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm

Band II: http://www.mlwerke.de/me/me24/me24_000.htm

Band III: http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_000.htm

Dabei ist die diagonale Lektüre des „Kapitals“ durchaus zu empfehlen, wenn man dabei die theoretischen Abhandlungen überspringt und sich auf die aus der Britischen Bibliothek abgeschriebenen Berichte über die Verhältnisse in England und etwa die Parlamentsdebatten zur Peelschen Bankakte im Band III. beschränkt, mit denen Marx sein „Kapital“ angereichert hat. Diese sind ganz lehrreich und interessant.

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Hellmann
18.11.2008, 18:24
Aus keynesianischer Sicht

Man kann selbstverständlich dem Karl Marx und Friedrich Engels nicht vorwerfen, die ökonomischen Vorstellungen der Keynesianer nicht gekannt zu haben. Die Frage, woher nun der Profit der Kapitalisten kommt und ob der Profit sich in Zukunft absolut oder relativ in irgendeiner Weise ändern wird, lässt sich aber befriedigend erst aus der Sicht der keynesianischen Makroökonomie beantworten, weshalb diese hier für den Leser kurz dargestellt wird.

Ein ganz einfaches Beispiel soll den Sachverhalt erklären:

Wir haben einen Kapitalisten mit einem Kartoffelacker und 100 Arbeitskräften. Erzeugt werden nur Kartoffeln, welche nach der Ernte allesamt verkauft werden. Lassen wir den Kapitalisten vielleicht dreimal soviel essen, wie seine Arbeiter, so beträgt sein Profit an der Ernte drei Prozent, nämlich die von ihm gekauften und gegessenen Kartoffeln. Die Ernte wird mit einem Aufschlag von 3 Prozent über den gezahlten Löhnen verkauft werden können.

Daher der bekannte Spruch der Keynesianer: die Arbeiter verbrauchen, was sie verdienen, die Kapitalisten verdienen, was sie verbrauchen.

Lässt der Kapitalist jetzt 50 Arbeiter einen Palast für sich bauen, die anderen 50 bearbeiten den Acker, dann steigt der Profit auf über 50 Prozent, weil die Kartoffeln für mehr als das Doppelte ihrer Produktionskosten an die 100 Arbeiter und den Kapitalisten selbst verkauft werden können. Dabei wird unterstellt, dass alle Arbeiter den gleichen Lohn erhalten und ihr gesamtes Geld für Kartoffeln ausgeben.

Ich will das jetzt nicht weiter zu einer Krisentheorie vertiefen, weil es hier nur um die Lösung des Problems geht, die Entstehung der Profite zu erklären.

Wir kommen also zu dem Schluss, dass die Kapitalisten tatsächlich die Waren zu einem Aufschlag über ihre Produktionskosten verkaufen, weil und soweit die Kapitalisten selbst im Umfang dieses Aufschlags zusätzlich am Markt die produzierten Güter nachfragen.

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Hellmann
25.11.2008, 13:26
London


Die Ankunft des Karl Marx in London ist überschattet von finanziellen Problemen, obwohl die meisten Flüchtlinge dieser Tage vermutlich gern die Sorgen von Marx gehabt hätten, statt der eigenen.

Dramatisch schildert Mehring die Finanzen seit den letzten Tagen der NRhZ in Köln:

Obgleich die Zeitung in fortwährendem Aufsteigen begriffen war und gegen 6.000 Abonnenten zählte, so waren ihre finanziellen Schwierigkeiten doch noch nicht überwunden; mit der Zunahme der Abonnenten wuchsen die baren Auslagen, während die Einnahmen nur nachträglich erhoben werden konnten. In Hamm verhandelte Marx mit Rempel, einem der beiden Kapitalisten, die im Jahre 1846 bereit gewesen waren, einen kommunistischen Verlag zu begründen, doch war der Wackere auch jetzt ein Mann mit zugeknöpften Taschen und wies Marx an den ehemaligen Leutnant Hentze, der in der Tat der Zeitung 300 Taler vorschoß, deren Rückzahlung Marx als persönliche Verpflichtung übernahm. Hentze, der sich später als Lockspitzel entpuppte, wurde damals von der Polizei verfolgt und reiste mit Marx nach Köln, wo dieser den »Regierungswisch« vorfand.

Daneben erfüllte Marx die Pflichten, die ihm als Kapitän des scheiternden Schiffs oblagen. Die 300 Taler, die ihm Hentze geborgt hatte, 1.500 Taler Abonnementsgelder, die er von der Post erhielt, die ihm gehörige Schnellpresse usw. wurden sämtlich verwandt, um die Schulden der Zeitung an Setzer, Drucker, Papierhändler, Kontoristen, Korrespondenten, Redakteurpersonal usw. abzutragen. Für sich behielt er nur das Silberzeug seiner Frau, das ins Frankfurter Pfandhaus wanderte. Die paar hundert Gulden, die dafür erlöst wurden, waren der Zehrpfennig der Familie, als sie von neuem, wie unsere Altvorderen zu sagen pflegten, ins »Elend« wandern mußte.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_160.htm#Kap_9

Nach Raddatz (S. 151) mussten Frau und Kinder einige Tage wegen fehlender Reisegelder in Paris zurückbleiben. In London wohnt die Familie zuerst in Chelsea; dort wegen überfälliger Rechnung gepfändet und rausgeworfen zieht man anschließend ins „German Hotel“, Nr. 1 Leicester Square, für 5,5 £ die Woche, etwas mehr als das Zehnfache des Wochenlohns eines englischen Arbeiters mit Frau und einigen Kindern. Das Verhältnis gilt auch für später bewohnte Häuser, dass der Lohn von einem Dutzend Arbeiter gerade für die Miete gereicht hätte.

Jenny schildert ganz jämmerlich in einem Brief den Rauswurf durch die Hauswirtin, der über den Winter bereits 250 Taler gezahlt worden waren. Nun sind die behaupteten 250 Taler eine beträchtliche Summe und man sollte bei derartigen Berichten immer bedenken, dass von harter Arbeit lebende Leute an solchen Aufwand gar nicht denken durften, wie er der Familie Marx selbst in schwierigsten Zeiten unverzichtbar war.

Von kurzen Unterbrechungen abgesehen wohnte die Familie Marx in London „immer in weiträumigen bis luxuriösen Häusern, zuzeiten von zwei Dienstboten versorgt“, wie Raddatz das ganze Elend der Familie kurz umschreibt (S. 157). Das endlose Anbetteln und Anpumpen aller Freunde gehört zur Absicherung dieses Lebenswandels, weil nicht wenige dieser Freunde selber bittere Not erfahren hatten, und hat ja auch bis heute das Publikum in der Vorstellung belassen, Marx und seine Familie hätten für die große Sache schreckliche Entbehrungen gelitten.

Welchen Luxus diese Familie in London trieb, konnten nur die engsten Freunde und Spießgesellen überblicken, alle anderen und vor allem seine späteren Leser kennen die Geld fordernde und erflehende Korrespondenz und glauben meist die Geschichten von dem sich und seine Familie aufopfernden Marx. Auch als die Mutter Henrietta Marx 1863 stirbt und fast 50.000 Taler hinterlässt, endet das Abgreifen von Geld bei Freunden und Verwandten nicht.

Engels zahlt seit 1857 regelmäßig und nicht nur bis zum Tod von Marx. Die Frau Lafargue fordert später noch Geld in unverschämten Ton, wie vorher auch Marx, von Engels, der auch zahlt und sich das wohl kaum hätte bieten lassen, so nur aus Freundschaft. Es floss wohl aus anderen Quellen Geld für den „Marxismus“, nicht direkt an die Familie Marx, sondern an Engels, der mit Geld umgehen konnte.

Für die Töchter wird ein Klavier angeschafft, Bälle im Haus gegeben, die Töchter nehmen sogar Einladungen der englischen Aristokratie an. Sie sollen reich heiraten, der Schwiegersohn Paul Lafargue wird 1868 eine Mitgift von 4000 £ für die Tochter Laura einbringen, sein Vater hat Kaffeeplantagen in Kuba und einen Weingroßhandel in Frankreich.

Wirklich schlecht ergeht es nur dem einzigen Sohn, der im Juni 1851 von der Haushälterin Helene Demuth geboren und zu armen Pflegeeltern gegeben wird. An der Stelle von Marx muss sich Friedrich Engels zur Vaterschaft bekennen, über die ganze Angelegenheit wird später von allen geschwiegen, es existieren keine Belege. Raddatz (S. 172f) wundert sich:

Dass der vorsichtige Engels, der ganze Berge „belastender“ Korrespondenz mit Marx vernichtet hatte, selbst noch unter den Qualen des Kehlkopfkrebs so bedachtsam war, die Mitteilung für Tussy auf eine Schiefertafel statt auf Papier zu schreiben, mag noch zu akzeptieren sein; dass der sonst so Großzügige Frederick Demuth mit keinem Shilling im Testament bedachte, wirkt sogar wie eine Bestätigung der These von der unwilligen „Vaterschaft“. Aber ist es denkbar, dass bei den zahllosen nahezu sorgsam gepflegten Feindschaften, den erbitterten Fehden, Intrigen und Querelen, in die Marx verstrickt war, nie auch nur eine Andeutung bei Marx` Gegnern zu finden ist, wenn es „allen bekannt“ war? Nicht öffentlich, nicht in Briefen, nicht in Memoiren?

Aber in der bürgerlichen Gesellschaft ist das absolute Tabu bestimmter Themen nicht ungewöhnlich, sondern die Regel, das hätte Raddatz nach den vielen gelesenen Briefen und Biografien doch wissen müssen. Die Gegner hatten auch alle ihre unerwähnten obwohl offensichtlichen finsteren Stellen in ihren Lebensläufen.

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Hellmann
25.11.2008, 13:33
Neue Rheinische Revue


Im Dezember 1849 hat Marx bereits die Ankündigung seiner „Neuen Rheinischen Zeitung. Politisch-ökonomische Revue“ für den Januar 1850 an die Presse gegeben; es sollte eine monatlich erscheinende „Revue“ sein, in der statt der Tagespolitiki die grundlegenden ökonomischen Verhältnisse erörtert werden.

http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_005.htm

Die erforderlichen Gelder seien ihm teilweise schon sicher, hatte Marx noch in Paris an Engels geschrieben. Mehring meint, dass Marx noch auf dramatische Ereignisse in wenigen Monaten gehofft habe.

Es werden nicht viele Aktien untergebracht worden sein. Gedruckt wurde die Zeitung in Hamburg, wo eine buchhändlerische Firma ihren Kommissionsverlag übernommen hatte; sie beanspruchte dafür 50 Prozent von den 25 Silbergroschen vierteljährigen Ladenpreises. Viele Mühe hat sie sich mit der Sache nicht gegeben, zumal da ihr die preußische Besatzung in Hamburg den Atem beklemmte. Es wäre aber kaum besser gewesen, wenn sie größeren Eifer entwickelt hätte. Lassalle trieb in Düsseldorf keine 50 Abonnenten auf, und Weydemeyer, der sich 100 Exemplare zum Vertrieb nach Frankfurt kommen ließ, hatte nach einem halben Jahre erst 51 Gulden eingenommen; »ich trete die Leute zwar genug, aber trotz aller Mahnungen beeilt sich niemand mit dem Zahlen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_198.htm#Kap_6

Das Manuskript für die Januarausgabe erreichte Hamburg erst im Februar, aber immerhin war es ein Meisterstück, unter den widrigen Verhältnissen als Flüchtling in England nicht mit dem täglichen Brot und Bett und dem Holz für den Ofen mitten im Winter beschäftigt zu sein, wie die meisten anderen, sondern schon wieder eine Zeitung mit politischen Aussagen zu publizieren.

Friedrich Engels veröffentlichte in den Heften seinen von August 1849 bis Februar 1850 geschriebenen Text zur Reichsverfassungskampagne, an der er selber als Adjutant von Willich teilgenommen hatte.

Es war eine Denunziation dieser Bewegung, aber für mich eine Entlarvung seines eigenen Doppelspiels:

Hecker, Struve, Blenker, Zitz und Blum,
Bringt die deutschen Fürsten um!

In diesem Refrain, den die süddeutsche "Volkswehr" von der Pfalz bis zur Schweizer Grenze auf allen Chausseen und in allen Wirtshäusern erschallen ließ nach der bekannten meerumschlungenen Melodie, halb Choral, halb Drehorgelleier - in diesem Refrain ist der ganze Charakter der "großartigen Erhebung für die Reichsverfassung" zusammengefaßt. Hier habt ihr in zwei Zeilen ihre großen Männer, ihre letzten Zwecke, ihre brave Gesinnungstüchtigkeit, ihren edlen Haß gegen die "Tyrannen" und zugleich ihre gesamte Einsicht in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_111.htm

Nun kann man das ja so gesehen und erlebt haben, aber hatte er etwa mit philosophischen Erörterungen und tiefen Analysen mit den Flinten in der Hand im Feld gerechnet?

Warum hat er sich überhaupt beteiligt? Denn sonderlich neu werden ihm diese Erkenntnisse über die Leute sicher nicht gewesen sein.

Man erinnert sich, wie der bewaffnete Aufstand für die Reichsverfassung anfangs Mai zuerst in Dresden zum Ausbruch kam. Man weiß, wie die Dresdner Barrikadenkämpfer, vom Landvolk unterstützt, von den Leipziger Spießbürgern verraten, nach sechstägigem Kampfe der Übermacht erlagen. Sie hatten nie mehr als 2.500 Kombattanten mit sehr gemischten Waffen und als ganze Artillerie zwei oder drei kleine Böller. Die königlichen Truppen bestanden, außer den sächsischen Bataillonen, aus zwei Regimentern Preußen. Sie hatten Kavallerie, Artillerie, Büchsenschützen und ein Bataillon mit Zündnadelgewehren zu ihrer Verfügung. Die königlichen Truppen scheinen sich in Dresden noch feiger als anderswo aufgeführt zu haben; zu gleicher Zeit aber steht fest, daß die Dresdner Kämpfer sich gegen diese Übermacht tapferer geschlagen haben, als es sonst wohl in der Reichsverfassungskampagne geschehen ist. Aber freilich, ein Straßenkampf ist auch etwas ganz andres als ein Gefecht im offenen Felde.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_115.htm

Der Aufstand der Bürger hatte nie eine andere Chance, als eben in die Geschichtsbücher einzugehen, was auch geschehen ist. Ein symbolischer Akt also, aber einer von den vielen symbolischen Akten, mit denen die Geschichtsbücher voll sind und die damit durchaus ihre Wirkung haben.

In Rheinpreußen war es auch zum Aufstand gekommen:

Der Kölner Gemeinderat schrieb einen Kongreß von Deputierten der rheinischen Gemeinderäte aus. Die Regierung verbot ihn; man ließ die Form fallen und hielt den Kongreß trotz des Verbots ab. Die Gemeinderäte, Vertreter der großen und mittleren Bourgeoisie, erklärten ihre Anerkennung der Reichsverfassung, forderten Annahme derselben durch die preußische Regierung und Entlassung des Ministeriums sowie Zurücknahme der Einberufung der Landwehr und drohten im Falle der Verweigerung ziemlich deutlich mit dem Abfall der Rheinprovinzen von Preußen.

Wir fügen nur noch hinzu, daß derselbe Herr Zell, der dieser Versammlung präsidierte, wenige Wochen später als Reichskommissär des Frankfurter Reichsministeriums nach Baden ging, um dort nicht nur abzuwiegeln, sondern auch um mit den dortigen Reaktionären jene kontrerevolutionären Coups zu verabreden, die später in Mannheim und Karlsruhe zum Ausbruch kamen. Daß er auch dem Reichsgeneral Peucker zu gleicher Zeit als militärischer Spion Dienste geleistet, ist wenigstens wahrscheinlich.

Wir halten darauf, dies Faktum wohl zu konstatieren. Die große Bourgeoisie, die Blüte des vormärzlichen rheinischen Liberalismus, suchte sich in Rheinpreußen gleich anfangs an die Spitze der Bewegung für die Reichsverfassung zu stellen. Ihre Reden, ihre Beschlüsse, ihr ganzes Auftreten machte sie solidarisch für die späteren Ereignisse. Es gab Leute genug, die die Phrasen der Herren Gemeinderäte, namentlich die Drohung mit dem Abfall der Rheinprovinz, ernsthaft nahmen. Ging die große Bourgeoisie mit, so war die Sache von vornherein so gut wie gewonnen, so hatte man alle Klassen der Bevölkerung mit sich, so konnte man schon etwas riskieren. So kalkulierte der Kleinbürger und beeilte sich, eine heroische Positur anzunehmen. Es versteht sich, daß sein angeblicher Associé, der große Bourgeois, sich dadurch keineswegs abhalten ließ, ihn bei der ersten Gelegenheit zu verraten und nachher, als die ganze Sache höchst kläglich geendet hatte, ihn nachträglich wegen seiner Dummheit zu verspotten.
(ebenda)

Jeder liebt den Verrat, aber keiner liebt den Verräter. Jedenfalls war Engels über die Gepflogenheiten gut informiert.

Ist nicht Engels selbst ein „Associé“ gewesen, um die Leute zu verraten und in diesem Artikel noch wegen ihrer Dummheit zu verspotten?

Das Lumpenproletariat endlich war wie überall vom zweiten Tage der Bewegung an käuflich, verlangte morgens vom Sicherheitsausschuß Waffen und Sold und ließ sich nachmittags von der großen Bourgeoisie erkaufen, um ihre Gebäude zu schützen oder um abends die Barrikaden niederzureißen. Im ganzen stand es auf der Seite der Bourgeoisie, die ihm am besten zahlte und mit deren Geld es während der Dauer der Bewegung sich flotte Tage machte.
(ebenda)

Natürlich waren auch die Arbeiter kaum gewillt, sich für die bürgerlichen Interessen der Liberalen und Demokraten zu schlagen.

Von Anfang an zeigte es sich, daß in Elberfeld nur unter der Fahne der Reichsverfassung, nur im Einverständnisse mit der kleinen Bourgeoisie auf Erfolg zu rechnen war. Das Proletariat war einerseits gerade hier erst zu kurze Zeit aus der Versumpfung des Schnapses und des Pietismus herausgerissen, als daß die geringste Anschauung von den Bedingungen seiner Befreiung hätte in die Massen dringen können, andrerseits hatte es einen zu instinktiven Haß gegen die Bourgeoisie, war es viel zu gleichgültig gegen die bürgerliche Frage der Reichsverfassung, als daß es sich für dergleichen trikolore Interessen hätte enthusiasmieren können...

Als ich am 11. Mai nach Elberfeld kam, waren wenigstens 2.500-3.000 Bewaffnete vorhanden. Von diesen Bewaffneten waren aber nur die fremden Zuzüge und die wenigen bewaffneten Elberfelder Arbeiter zuverlässig. Die Landwehr schwankte; die Mehrzahl hatte ein gewaltiges Grauen vor der Kettenstrafe. Sie waren anfangs wenig zahlreich, verstärkten sich aber durch den Zutritt aller Unentschiedenen und Furchtsamen aus den übrigen Detachements. Die Bürgerwehr endlich, hier vom Anfang an reaktionär und direkt zur Unterdrückung der Arbeiter errichtet, erklärte sich neutral und wollte bloß ihr Eigentum schützen.
(ebenda)

Als die preußischen Truppen anrücken, setzt sich der aufrechte Rest der Aufrührer in die Gegend des badisch-pfälzischen Aufstands ab.

Ein Teil der Elberfelder, Solinger und Mülheimer Arbeiter kam glücklich durch nach der Pfalz. Hier fanden sie ihre Landsleute, die Flüchtlinge vom Prümer Zeughaussturm. Mit diesen zusammen bildeten sie eine fast nur aus Rheinländern bestehende Kompanie im Willichschen Freikorps. Alle ihre Kameraden müssen ihnen das Zeugnis geben, daß sie sich, wo sie ins Feuer kamen, und namentlich in dem letzten entscheidenden Kampf an der Murg, sehr brav geschlagen haben.
(ebenda)

Da ist dann am 28. Juni 1849 der Uhrmacher Moll gefallen.

Hellmann
25.11.2008, 13:52
In Baden hatte sich das ganze Land und sogar die Truppe dem Aufstand angeschlossen. Trotzdem war da keine Chance gegen die preußischen Armeekorps. Engels skizziert große Operationen auf geduldigem Papier:

Die insurrektionelle Regierung fand also bei ihrem Amtsantritt eine fertige Armee, reichlich versehene Arsenal, eine vollständig organisierte Staatsmaschine, einen gefüllten Staatsschatz und eine so gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf dem linken Rheinufer, in der Pfalz, eine bereits fertige Insurrektion vor, die ihr die linke Flanke deckte; in Rheinpreußen eine Insurrektion, die zwar stark bedroht, aber noch nicht besiegt war; in Württemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nassau eine allgemeine Aufregung, selbst unter der Armee, die nur eines Funkens bedurfte, um den badischen Aufstand in ganz Süd- und Mitteldeutschland zu wiederholen und wenigstens 50.000 bis 60.000 Mann regulärer Truppen der Empörung zu Gebot zu stellen.

Was unter diesen Umständen zu tun war, ist so einfach und handgreiflich, daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes jedermann es weiß, jedermann es gleich von Anfang gesagt haben will. Es handelte sich darum, sofort und ohne einen Augenblick zu zaudern, den Aufstand weiterzutragen nach Hessen, Darmstadt, Frankfurt, Nassau und Württemberg. Es handelte sich darum, sofort von den disponiblen regulären Truppen 8.000 bis 10.000 Mann zusammenzuraffen - mit der Eisenbahn konnte das in zwei Tagen geschehen - und sie nach Frankfurt zu werfen - "zum Schutz der Nationalversammlung"… Die in Frankfurt stationierten kurhessischen, württembergischen und Darmstädter Truppen waren für die Bewegung; die dortigen Preußen - meist Rheinländer - schwankten; die Österreicher waren wenig zahlreich. Die Ankunft der Badenser, man mochte nun versuchen, sie zu verhindern oder nicht, mußte die Insurrektion bis ins Herz beider Hessen und Nassaus tragen, den Rückzug der Preußen und Östreicher nach Mainz erzwingen und die zitternde deutsche sogenannte Nationalversammlung unter den terrorisierenden Einfluß einer insurgierten Bevölkerung und einer insurgierten Armee stellen. Brach dann der Aufstand an der Mosel, in der Eifel, in Württemberg und Franken nicht sofort los, so waren Mittel genug vorhanden, ihn auch in diese Provinzen zu tragen.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_133.htm

Jedenfalls sind solche Phantastereien nützlich, um die beteiligten Leute schlecht zu machen.

Von dem ersten Tage seiner Regierung an tat Herr Brentano alles, um die Bewegung in das spießbürgerliche Bett einzudämmen, das sie zu überschreiten kaum versucht hatte. Unter dem Schutz der Karlsruher, dem Großherzog ergebenen Bürgerwehr, derselben Bürgerwehr, die sich den Tag zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte, zog er ins Ständehaus ein, um von hier aus die Bewegung zu zügeln. Die Rückberufung der desertierten Soldaten geschah mit möglichster Schläfrigkeit; die Reorganisierung der Bataillone wurde nicht rascher betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort die Mannheimer entwaffneten Spießbürger, von denen jeder wußte, daß sie sich nicht schlagen würden, und die nach dem Waghäuseler Gefecht sich sogar dem Verrat Mannheims durch ein Dragonerregiment zum großen Teil angeschlossen haben. Von einem Marsche nach Frankfurt oder Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion nach Nassau oder Hessen war gar nicht die Rede.

Als endlich Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ubstadt die Trümmer seiner Armee durch das Gebirg bis hinter die Murg zurückziehen mußte, als Karlsruhe mit einer Masse Vorräten aufgegeben werden mußte, als die Niederlage an der Murg das Schicksal der Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen der badischen Bürger, Bauern und Soldaten, da erhob sich ein allgemeiner Ruf, Brentano habe verraten. Mit einem Schlage war das ganze, durch die Feigheit der Kleinbürger, durch die Unselbständigkeit der Bauern, durch den Mangel an Konzentrierung der Arbeiter aufrechtehaltene Gebäude der Popularität Brentanos vernichtet. Brentano floh bei Nacht und Nebel nach der Schweiz, verfolgt von dem Vorwurfe des Volksverrats, mit dem ihn seine eigene "Konstituante" brandmarkte, und verbarg sich in Feuerthalen im Kanton Zürich.
(ebenda)

Nun schildert Engels ihre Verhaftung durch die hessischen Truppen.

Von Karlsruhe gingen wir nach der Pfalz, und zwar zunächst nach Speyer, wo sich d'Ester und die provisorische Regierung befinden sollten. Sie waren indes schon nach Kaiserslautern abgereist, wo die Regierung als am "strategisch gelegensten Punkte der Pfalz" ihren endlichen Sitz aufschlug. Statt ihrer fanden wir in Speyer Willich mit seinen Freischärlern. Er hielt mit einem Korps von ein paar hundert Mann die Garnisonen von Landau und Germersheim, zusammen über 4.000 Mann, im Schach, schnitt ihnen die Zufuhren ab und molestierte sie auf jede mögliche Weise. Denselben Tag hatte er mit ungefähr 80 Schützen zwei Kompanien der Germersheimer Garnison angegriffen und, ohne einen Schuß zu tun, sie in die Festung zurückgejagt. Am nächsten Morgen fuhren wir mit Willich nach Kaiserslautern, wo wir d'Ester, die provisorische Regierung und die Blüte der deutschen Demokratie überhaupt antrafen. Von einer offiziellen Beteiligung an der Bewegung, die unsrer Partei ganz fremd stand, konnte natürlich auch hier keine Rede sein. Wir gingen also nach ein paar Tagen nach Bingen zurück, wurden unterwegs, in Gesellschaft mehrerer Freunde, von den hessischen Truppen, als der Teilnahme am Aufstande verdächtig, verhaftet, nach Darmstadt und von da nach Frankfurt transportiert und hier endlich wieder freigegeben.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_146.htm

Da konnte also keine Rede sein, dass die „Partei“ von Marx und Engels sich an dem Aufstand offiziell beteiligt, aber wozu reisen sie ständig zwischen den Brennpunkten des Geschehens herum, wenn nicht im Auftrag? Natürlich werden sie in Frankfurt freigegeben und nicht als Aufrührer eingesperrt, trotz der letzten Ausgaben der NRhZ.

Marx, den Engels wohl für alles Weitere nicht gut gebrauchen kann, fährt jetzt nach Paris und Engels geht wieder nach Kaiserslautern, wo sich die provisorische Regierung und der vermutlich zu vertrauensselige d´Ester befinden. Hätte sich die provisorische Regierung woanders befunden, würde er sich genau dahin aufgemacht haben. Er kann die Lage einschätzen:

Man brauchte eben keinen großen Scharfblick, um zu erkennen, welche unangenehme Enttäuschung in wenigen Wochen die preußische Armee über diese vergnügten Pfälzer bringen werde. Und doch waren die Leute in der Pfalz zu zählen, die nicht in der größten Sicherheit schwelgten…

Diese Sicherheit, diese Renommage mit der "Begeisterung" und ihrer Allmacht, verbunden mit ihren winzigen materiellen Mitteln und mit dem kleinen Terrainwinkel, auf dem sie sich geltend machte, lieferte die komische Seite der pfälzischen "Erhebung" und bot den wenigen Leuten, deren avancierte Ansichten und unabhängige Stellung ein freies Urteil erlaubten, Stoff genug zur Erheiterung…

Während die badische Regierung alles vorfand, fand die pfälzische nichts vor. Sie hatte kein Geld, keine Waffen, eine Menge reaktionärer Bezirke und zwei feindliche Festungen im Lande. Frankreich verbot sofort die Waffenausfuhr nach Baden und der Pfalz, Preußen und Hessen ließen alle dorthin speditierten Waffen mit Beschlag belegen. Die pfälzische Regierung schickte sogleich Agenten nach Frankreich und Belgien, um Waffen aufzukaufen und hereinzubesorgen; die Waffen wurden gekauft, kamen aber nicht. Man kann der Regierung vorwerfen, daß sie nicht energisch genug hierin verfuhr, daß sie namentlich mit der großen Menge Kontrebandiers an der Grenze keinen Schmuggel von Gewehren organisierte; die größere Schuld fällt aber auf ihre Agenten, die sehr lässig verfuhren und sich teilweise mit leeren Versprechungen hinhalten ließen, statt die französischen Waffen wenigstens nach Saargemünd und Lauterburg zu schaffen.
(ebenda)

Ja, solche Leute am Ort der provisorischen Regierung sind wichtig.

Hinter der provisorischen Regierung stand d'Ester als eine Art geheimer Generalsekretär oder, wie Herr Brentano es nannte, als "rote Kamarilla, welche die gemäßigte Regierung von Kaiserslautern umgab". Zu dieser "roten Kamarilla" gehörten übrigens noch andre deutsche Demokraten, namentlich Dresdner Flüchtlinge. In d'Ester fanden die Pfälzer Regenten jenen administrativen Überblick, der ihnen abging, und zugleich einen revolutionären Verstand, der ihnen dadurch imponierte, daß er sich stets nur auf das Zunächstliegende, unleugbar Mögliche beschränkte und daher nie um Detailmaßregeln verlegen war. D'Ester erlangte hierdurch einen bedeutenden Einfluß und das unbedingte Vertrauen der Regierung. Wenn auch er zuweilen die Bewegung zu ernsthaft nahm und z.B. durch Einführung seiner für den Moment total unpassenden Gemeindeordnung etwas Wichtiges leisten zu können glaubte, so ist doch gewiß, daß d'Ester die provisorische Regierung zu allen einigermaßen energischen Schritten forttrieb und namentlich in Detailkonflikten stets passende Lösungen zur Hand hatte.
(ebenda)

Und von d`Ester war Friedrich Engels immer gut informiert. Es ist überhaupt erstaunlich, was er alles wusste und wie er es zu Papier bringen konnte.

Die obere Leitung der Militärangelegenheiten war in den schlechtesten Händen. Herr Reichardt, der in der provisorischen Regierung das Militärdepartement übernommen hatte, war tätig, aber ohne Energie und Sachkenntnisse. Der erste Oberkommandant der Pfälzer Streitkräfte, der Industrielle Fenner von Fenneberg, wurde zwar bald wegen zweideutigen Benehmens abgesetzt; an seine Stelle trat für den Augenblick ein polnischer Offizier, Raquilliet. Endlich erfuhr man, Mieroslawski werde das Oberkommando für Baden und die Pfalz übernehmen und der Befehl der Pfälzer Truppen sei dem "General" Sznayde, ebenfalls einem Polen, anvertraut.

Der General Sznayde kam an. Es war ein kleiner, dicker Mann, der eher wie ein bejahrter Bonvivant als wie ein "Rufer im Streit Menelaos" aussah. Der General Sznayde übernahm das Kommando mit vieler Würde, ließ sich Bericht über den Stand der Angelegenheiten abstatten und erließ sofort eine Reihe Tagesbefehle. Die meisten dieser Befehle erstreckten sich auf die Uniformierung - die Bluse, und die Abzeichen für Offiziere - trikolore Armbinden oder Schärpen, auf Aufforderungen an gediente Kavalleristen und Schützen, sich freiwillig zu stellen - Aufforderungen, die schon zehnmal fruchtlos gemacht worden waren, u. dgl….

Unter den übrigen Offizieren in Kaiserslautern war der einzig tüchtige Techow, derselbe, der als preußischer Premierleutnant mit Natzmer beim Berliner Zeughaussturm das Zeughaus dem Volk übergeben hatte und, zu 15 Jahren Festung verurteilt, von Magdeburg entkommen war. Techow, Chef des pfälzischen Generalstabs, bewies sich überall kenntnisreich, umsichtig und ruhig, vielleicht etwas zu ruhig, als daß man ihm die Raschheit des Entschlusses zutrauen könnte, die auf dem Schlachtfeld oft alles entscheidet. "Oberstleutnant" Anneke bewies sich unfähig und indolent in der Organisation der Artillerie obwohl er im Laboratorium gute Dienste leistete. Bei Ubstadt hat er als Feldherr keine Lorbeeren geerntet, und aus Rastatt, wo ihm Mieroslawski für die Belagerung den Befehl über das Material übertrug, ist er auf seltsame Weise und mit Hinterlassung seiner Pferde noch vor der Zernierung über den Rhein entkommen.

An den Offizieren in den einzelnen Bezirken war auch nicht viel. Eine Anzahl von Polen war teils schon vor Sznayde, teils mit ihm gekommen. Da die besten Leute der polnischen Emigration schon in Ungarn waren, so läßt sich denken, daß diese polnischen Offiziere von ziemlich gemischter Gattung waren...

Unter den deutschen Offizieren waren auch nicht viel brauchbare Köpfe. Das rheinhessische Korps, das sonst manche auch militärisch bildungsfähige Elemente enthielt, stand unter der Führung eines gewissen Häusner, eines gänzlich unbrauchbaren Menschen, und unter dem noch viel erbärmlicheren moralischen und politischen Einfluß der beiden Helden Zitz und Bamberger, die sich später in Karlsruhe so glorreich aus der Affäre zogen. In der Hinterpfalz organisierte ein ehemaliger preußischer Offizier, Schimmelpfennig, ein Korps.

Die einzigen beiden Offiziere, die sich schon vor dem Einfall der Preußen im aktiven Dienst auszeichneten, waren Willich und Blenker.

Willich übernahm mit einem kleinen Freikorps die Beobachtung und später die Zernierung von Landau und Germersheim. Eine Kompanie Studenten, eine Kompanie Arbeiter, die mit ihm in Besançon zusammen gelebt hatten, drei schwache Kompanien Turner - aus Landau, Neustadt und Kaiserslautern -, zwei aus Freiwilligen der umliegenden Ortschaften gebildete Kompanien und endlich eine mit Sensen bewaffnete Kompanie Rheinpreußen, die meisten von den Prümer und Elberfelder Aufständen her flüchtig, fanden sich nach und nach unter seinem Kommando zusammen. Es waren zuletzt zwischen 700 bis 800 Mann, jedenfalls die zuverlässigsten Soldaten der ganzen Pfalz, die Unteroffiziere meist gediente, teilweise in Algerien an den kleinen Krieg gewöhnte Leute...
(ebenda)

Wenn die preußische Regierung nicht schon längst diese hervorragende Beobachtungsgabe und dieses Talent zur Abfassung aussagekräftiger Berichte entdeckt und genutzt hätte, spätestens wir wären mit seinem Text über den badisch-pfälzischen Aufstand darauf gekommen, dass Friedrich Engels zwar für den Kommunismus nicht taugen mochte, aber als Informant für seine Auftraggeber die allererste Wahl war.

Diese Epoche war bei weitem die glänzendste während der Existenz des Willischen Freikorps. Hätten ihm damals nur einige Haubitzen zu Gebote gestanden, und wären es nur Feldgeschütze gewesen, so war nach den Berichten der täglich nach Landau aus- und eingehenden Spione die Festung bei ihrer demoralisierten, schwachen Garnison und ihrer rebellischen Einwohnerschaft in wenig Tagen genommen. Selbst ohne Artillerie hätte eine Fortsetzung der Zernierung in acht Tagen die Kapitulation erzwungen. In Kaiserslautern waren zwei siebenpfündige Haubitzen, gut genug, um während der Nacht einige Häuser in Landau in Brand zu schießen. Wären sie an Ort und Stelle gewesen, so war das Unerhörte wahrscheinlich, daß eine Festung wie Landau mit ein paar Feldgeschützen eingenommen wurde. Ich predigte täglich dem Generalstab in Kaiserslautern die Notwendigkeit vor, wenigstens den Versuch zu machen. Umsonst. Die eine Haubitze blieb in Kaiserslautern, die andere wanderte nach Homburg, wo sie fast den Preußen in die Hände fiel. Beide kamen über den Rhein, ohne einen Schuß getan zu haben.
(ebenda)

Engels „predigte“ also täglich im Generalstab der Rebellen. Sicher nützten dabei auch die guten polnischen Beziehungen, die man schon zu Zeiten der NRhZ aufgebaut hatte. Nach der zum Verrat passenden Motivation brauchen wir nicht erst zu suchen:

Während so in den Distrikten die verschiedenartigsten Charaktere sich jeder in seiner Weise Luft machten, während die Soldaten und Volkswehrmänner, statt zu exerzieren, in den Schenken saßen und sangen, beschäftigten sich in Kaiserslautern die Herren Offiziere mit der Erfindung der tiefsinnigsten strategischen Pläne. Es handelte sich um nichts Geringeres als um die Möglichkeit, eine von mehreren Seiten zugängliche kleine Provinz wie die Pfalz mit einer fast ganz imaginären Streitmacht gegen eine höchst reelle Armee von über 30.000 Mann und 60 Kanonen zu halten. Grade weil hier jedes Projekt gleich nutzlos, gleich absurd war, grade weil hier alle Bedingungen jedes strategischen Plans fehlten, grade deswegen nahmen sich die tiefen Kriegsmänner, die denkenden Köpfe der Pfälzer Armee erst recht vor, ein strategisches Wunder auszutüfteln, das den Preußen den Weg in die Pfalz versperren sollte.
(ebenda)

Nun hat Engels bei seinem Bubenstück einmal doch Verdacht erregt und ist als Spion verhaftet worden. Er begleitet seinen „Freund Moll“ zur Grenze, der wohl als geheimer Bote die gewonnenen Erkenntnisse „auf einer von ihm übernommenen Mission“ auf die andere Seite der Front bringt, und Engels besucht bei der Gelegenheit gleich noch „Bekannte“ beim rheinhessischen Korps in Kirchheim:

Ehe ich zur Schilderung des Feldzugs selbst übergehe, muß ich noch kurz einer Angelegenheit erwähnen, die in verschiedenen Blättern berührt worden ist: meine momentane Verhaftung in Kirchheim. Wenige Tage vor dem Einrücken der Preußen begleitete ich meinen Freund Moll auf einer von ihm übernommenen Mission bis an die Grenze, bis Kirchheimbolanden. Hier stand ein Teil des rheinhessischen Korps, bei dem wir Bekannte hatten. Wir saßen abends mit diesen und mehreren andern Freischärlern des Korps im Gasthof. Unter den Freischärlern waren einige jener ernsten, begeisterten "Männer der Tat", von denen schon mehrfach die Rede war und die gar keine Schwierigkeiten darin sahen, mit wenig Waffen und viel Begeisterung jede beliebige Armee der Welt zu schlagen. Es sind Leute, die vom Militär höchstens die Wachtparade gesehen haben, die sich überhaupt nie um die materiellen Mittel zur Erreichung irgendeines Zwecks bekümmern und die daher meistens, wie ich später mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatte, im ersten Gefecht eine so niederschmetternde Enttäuschung erleben, daß sie sich eiligst auf und davon machen. Ich frug einen dieser Helden, ob er wirklich vorhabe, mit den in der Pfalz vorhandenen dreißigtausend Schleppsäbeln und viertehalb Flinten, worunter mehrere verrostete Karabiner, die Preußen zu schlagen, und war überhaupt im besten Zuge, mich über die heilige Entrüstung des in seiner edelsten Begeisterung verwundeten Mannes der Tat zu amüsieren, als die Wache eintritt und mich für verhaftet erklärt. Zu gleicher Zeit sehe ich hinter mir zwei Leute wutschnaubend auf mich losspringen. - Der eine gab sich als Zivilkommissär Müller zu erkennen, der andre war Herr Greiner, das einzige Mitglied der Regierung, mit dem ich wegen seiner häufigen Abwesenheit von Kaiserslautern - der Mann machte in der Stille sein Vermögen mobil - und wegen seines verdächtigen, heulerisch-finstern Aussehens nicht in nähere Berührung getreten war. Zugleich stand ein alter Bekannter von mir, Hauptmann im rheinhessischen Korps, auf und erklärte, wenn ich verhaftet würde, werde er und eine bedeutende Anzahl der besten Leute das Korps sofort verlassen. Moll und andre wollten mich sogleich mit Gewalt schützen. Die Anwesenden spalteten sich in zwei Parteien, die Szene drohte interessant zu werden, und ich erklärte, ich werde mich natürlich mit Vergnügen verhaften lassen: Man werde endlich sehen, welche Farbe die Pfälzer Bewegung habe. Ich ging mit der Wache.

Am nächsten Morgen wurde ich nach einem komischen Verhör, das mich Herr Zitz bestehn ließ, dem Zivilkommissär und von diesem einem Gendarmen übergeben. Der Gendarm, dem eingeschärft worden war, mich als Spion zu behandeln, schloß mir beide Hände zusammen und führte mich zu Fuß nach Kaiserslautern, angeklagt der Herabwürdigung der Erhebung des pfälzischen Volks und der Aufreizung gegen die Regierung, von der ich beiläufig kein Wort gesagt hatte. Unterwegs setzte ich durch, daß ich einen Wagen bekam. In Kaiserslautern, wohin Moll mir vorausgeeilt war, traf ich natürlich die Regierung höchst bestürzt über die Bévue des wackern Greiner, noch bestürzter über die mir widerfahrene Behandlung…
(ebenda)

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Hellmann
25.11.2008, 14:10
Sie haben ihn freigelassen und sich entschuldigt; woher hätten sie es besser wissen sollen.

Herr Greiner trat, als er wiederkam, so erschrecklich heulerisch auf, daß er von seinen Kollegen erst recht doppelt den Kopf gewaschen bekam. Von Homburg aus rückten gleichzeitig die Preußen ein, und da hiermit die Sache eine interessante Wendung bekam, da ich die Gelegenheit, ein Stück Kriegsschule durchzumachen, nicht versäumen wollte und da endlich die "Neue Rheinische Zeitung" honoris causa auch in der pfälzisch-badischen Armee vertreten sein mußte, so schnallte ich mir auch ein Schlachtschwert um und ging zu Willich.
(ebenda)

Der letzte Abschnitt im 5. und 6. Heft der Revue vom Mai/Oktober 1850 beginnt wieder mit einem Gedicht:

Nur im Sturz von sechsunddreißig Thronen
Kann die deutsche Republik gedeihn;
Darum, Brüder, stürzt sie ohne Schonen,
Setzet Gut und Blut und Leben ein.
Für Republik zu sterben,
Ist ein Los, hehr und groß, ist das Ziel unsres Muts!

So sangen die Freischärler auf der Eisenbahn, als ich nach Neustadt fuhr, um dort Willichs momentanes Hauptquartier zu erfragen.

Für Republik zu sterben, war also von nun an das Ziel meines Muts oder sollte es wenigstens sein. Ich kam mir sonderbar vor mit diesem neuen Ziel. Ich sah mir die Freischärler an, junge, hübsche, flotte Burschen. Sie sahen gar nicht aus, als ob der Tod für Republik vorderhand das Ziel ihres Mutes sei.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_162.htm

Engels nimmt an den Kämpfen teil, obwohl ihn weder Glaube noch Hoffnung mit dem ganzen Unternehmen verbinden. Die einzig sinnvolle Erklärung für die Gefahr, der er sich dabei aussetzt, ist der Verrat:

Man sah es dieser Armee nicht an, daß sie auf dem Rückzug war. Die Unordnung war von Anfang an bei ihr zu Hause, und wenn die jungen Krieger auch schon anfingen, über das ungewohnte Marschieren zu jammern, so hielt sie das nicht ab, in den Wirtshäusern nach Herzenslust zu zechen, zu lärmen und den Preußen mit baldigster Vernichtung zu drohen. Trotz dieser Siegesgewißheit hätte ein Regiment Kavallerie mit einigen reitenden Geschützen hingereicht, die ganze heitre Gesellschaft in alle vier Winde zu zersprengen und das "rheinpfälzische Freiheitsheer" total aufzulösen. Es gehörte nichts dazu als ein rascher Entschluß und etwas Verwegenheit; aber von beidem war im preußischen Lager keine Rede.

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Während das Gros der Flüchtigen nach der Knielinger Brücke abzog, marschierte Willich mit seinem Korps und dem Bataillon Dreher ins Gebirge gegen die Preußen...

Wir hatten kaum den buschigen Abhang erklettert, als wir auf ein freies Feld stießen, von dessen jenseitigem, waldigem Rand uns preußische Schützen ihre Spitzkugeln herüberschickten. Ich holte noch einige der ratlos und etwas scheu am Abhang herumkletternden Freischärler hinauf, stellte sie möglichst gedeckt auf und sah mir das Terrain näher an. Vorgehen konnte ich nicht mit den paar Mann über ein ganz offenes Feld von 200 bis 250 Schritt Breite, solange nicht das weiter links vorgeschickte Umgehungsdetachement die Flanke der Preußen erreicht hatte; wir konnten uns höchstens halten, da wir ohnehin nur schlecht gedeckt waren. Die Preußen schossen trotz ihrer Spitzkugelbüchsen übrigens herzlich schlecht; wir standen fast gar nicht gedeckt über eine halbe Stunde im heftigsten Tirailleurfeuer, und die feindlichen Scharfschützen trafen nur einen Flintenlauf und einen Blusenzipfel.

Ich mußte endlich sehn, wo Willich war. Meine Leute versprachen, sich zu halten, ich kletterte den Abhang wieder hinab. Unten stand alles gut. Die Hauptkolonne der Preußen, von unsern Schützen auf der Straße und rechts von der Straße beschossen, mußte sich etwas weiter zurückziehn. Auf einmal springen links, wo ich gestanden hatte, unsre Freischärler eilig den Abhang hinunter und lassen ihre Position im Stich. Die auf dem äußersten linken Flügel vorgegangenen Kompanien, durch Hinterlassung zahlreicher Tirailleure geschwächt, fanden den Weg durch ein weiter liegendes Gehölz zu lang; den Hauptmann, der das Gefecht von Bellheim gewonnen, an der Spitze, gingen sie quer über die Felder vor. Ein heftiges Feuer empfing sie; der Hauptmann und mehrere andere stürzten, und der Rest, ohne Führer, wich der Übermacht. Die Preußen gingen nun vor, nahmen unsre Tirailleure in die Flanke, schossen von oben auf sie herab und zwangen sie so zum Rückzug. Der ganze Berg war bald in den Händen der Preußen. Sie schossen von oben in unsre Kolonnen; es war nichts mehr zu machen, und wir traten den Rückzug an...

Wir schlugen uns rechts ins Gebirg in der Richtung auf Impflingen zu. Bald kamen wir in die Nähe der Preußen; unsre Schützen wechselten einige Kugeln mit ihnen. Überhaupt wurde den ganzen Abend von Zeit zu Zeit geschossen. Im ersten Dorf blieb ich zurück, um unsrer Landauer Turnerkompanie durch Boten Nachrichten zuzuschicken; ob sie sie erhielt, weiß ich nicht, doch ist sie glücklich nach Frankreich und von da nach Baden herübergekommen. Durch diesen Aufenthalt verlor ich das Korps und mußte meinen Weg nach Kandel selbst suchen. Die Wege waren bedeckt mit Nachzüglern der Armee; alle Wirtshäuser lagen voll; die ganze Herrlichkeit schien in Wohlgefallen aufgelöst. Offiziere ohne Soldaten hier, Soldaten ohne Offiziere dort, Freischärler aller Korps bunt durcheinander eilten zu Fuß und zu Wagen nach Kandel zu. Und die Preußen dachten gar nicht an ernsthafte Verfolgung! Impflingen liegt nur eine Stunde von Landau, Wörth (vor der Knielinger Brücke) nur vier bis fünf Stunden von Germersheim; und die Preußen schickten weder nach dem einen noch nach dem andern Punkt rasch Truppen hin, die hier die Zurückgebliebenen, dort die ganze Armee abschneiden konnten. In der Tat, die Lorbeeren des Prinzen von Preußen sind auf eine eigene Art errungen worden!

In Kandel fand ich Willich, aber nicht das Korps, das weiter zurück einquartiert war. Dafür fand ich wieder die provisorische Regierung, den Generalstab und das zahlreiche Gefolge von Bummlern. Dieselbe Überfüllung von Truppen, nur eine noch viel größere Unordnung und Verwirrung als gestern in Frankweiler. Jeden Augenblick kamen Offiziere, die nach ihren Korps, Soldaten, die nach ihren Führern frugen. Kein Mensch wußte ihnen Bescheid zu geben. Die Auflösung war komplett…
(ebenda)

Sie waren auf diesem Marsch nach Baden gekommen, wo noch Brentano das Regierungsamt hatte. Bald rücken die preußischen Truppen über den Rhein und es kommt wieder zu Gefechten.

Wir waren jetzt, dem Ansehen nach, eine ganz respektable Macht. Unser Korps hatte sich durch zwei neue Abteilungen verstärkt. Erstens durch das Bataillon Langenkandel, das auf dem Wege von seiner Heimat bis zur Knielinger Brücke auseinandergelaufen war und dessen beaux restes sich uns angeschlossen hatten; sie bestanden aus einem Hauptmann, einem Leutnant, einem Fahnenträger, einem Feldwebel, einem Unteroffizier und zwei Mann. Zweitens die "Kolonne Robert Blum" mit einer roten Fahne, ein Korps von ungefähr sechzig Mann, die wie die Kannibalen aussahen und im Requirieren bedeutende Heldentaten verrichtet hatten. Außerdem waren uns noch vier badische Geschütze und ein Bataillon badischer Volkswehr zugeteilt, das Bataillon Kniery, Knüry oder Knierim (die richtige Lesart des Namens war nicht zu entdecken). Das Bataillon Knierim war seines Führers, und Herr Knierim war seines Bataillons würdig. Beide waren gesinnungstüchtig, erschreckliche Maulhelden und Lärmschläger und stets besoffen. Die bekannte "Begeisterung" durchzuckte ihre Herzen, wie wir sehen werden, zu den gewaltigsten Heldentaten.

Am Morgen des 23. erhielt Willich ein Billett von Anneke, der die pfälzische Avantgarde in Ubstadt kommandierte, des Inhalts: Der Feind rücke heran, man habe Kriegsrat gehalten und beschlossen, sich zurückzuziehn. Willich, im höchsten Grade erstaunt über diese seltsame Nachricht, ritt sogleich hinüber, bewog Anneke und seine Offiziere, das Gefecht bei Ubstadt anzunehmen, rekognoszierte selbst die Position und gab die Aufstellung der Geschütze an. Er kam dann zurück und ließ seine Leute unters Gewehr treten…
(ebenda)

Es kam aber nur zu weiterem Rückzug.

Das beste Korps, das rheinhessische, war vor dem Gefecht von Ubstadt durch die Herren Zitz und Bamberger in Karlsruhe zusammenberufen worden. Diese tapfern Freiheitskämpfer eröffneten dem Korps: Es sei alles verloren, die Übermacht sei zu groß, noch könnten sie alle ungefährdet heimkehren; sie, der Parlamentspolterer Zitz und der mutige Bamberger, wollten ihr Gewissen frei halten von unschuldig vergossenem Blut und sonstigem Unheil und erklärten damit das Korps für aufgelöst. Die Rheinhessen waren über diese infame Zumutung natürlich so entrüstet, daß sie die beiden Verräter arretieren und erschießen wollten; auch d'Ester und die Pfälzer Regierung stellten ihnen nach, um sie zu verhaften. Aber die ehrenwerten Bürger waren bereits entflohen, und der tapfere Zitz sah sich schon vom sichern Basel aus den weitern Verlauf der Reichsverfassungskampagne an. Wie im September 1848 mit seiner "Frakturschrift", so im Mai 1849 hatte Herr Zitz zu denjenigen Parlamentsrenommisten gehört, die das Volk am meisten zum Aufstand gereizt hatten, und beide Male nahm er einen rühmlichen Platz unter denen ein, die es im Aufstand zuerst im Stich ließen. Auch bei Kirchheimbolanden war Herr Zitz unter den ersten Ausreißern, während seine Schützen sich schlugen und füsiliert wurden. Das rheinhessische Korps, ohnehin wie alle Korps durch Desertion schon sehr geschwächt, durch den Rückzug nach Baden entmutigt, verlor momentan allen Halt. Ein Teil löste sich auf und ging nach Hause; der Rest formierte sich neu und focht bis ans Ende des Feldzugs mit. Die übrigen Pfälzer wurden bei Rastatt durch die Nachricht demoralisiert, daß alle, die bis zum 5. Juli nach Hause zurückkehrten, Amnestie erhalten sollten. Mehr als die Hälfte lief auseinander, Bataillone schmolzen zu Kompanien zusammen, die Subalternoffiziere waren zum großen Teil fort, und die etwa 1.200 Mann, die noch zusammenblieben, waren fast gar nichts mehr wert. Auch unser Korps, wenn auch keineswegs entmutigt, war doch durch Verluste, Krankheiten und die Desertion der Studenten auf wenig mehr als 500 Mann zusammengeschmolzen.

Wir kamen nach Kuppenheim, wo schon andre Truppen standen, ins Quartier. Am nächsten Morgen ging ich mit Willich nach Rastatt und traf dort Moll wieder.
(ebenda)

Professionell organisiert, das Wiedertreffen des als Boten dienenden Moll mal eben so in Rastatt in dem ganzen Durcheinander. Dem fast zum Schluss der Kämpfe noch gefallenen Moll widmet Engels einige Worte der Anerkennung und Dankbarkeit:

Den mehr oder weniger gebildeten Opfern des badischen Aufstandes sind von allen Seiten in der Presse, in den demokratischen Vereinen, in Versen und in Prosa Denksteine gesetzt worden. Von den Hunderten und Tausenden von Arbeitern, die die Kämpfe ausgefochten, die auf den Schlachtfeldern gefallen, die in den Rastatter Kasematten lebendig verfault sind oder jetzt im Auslande allein von allen Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des Elends durchzukosten haben - von denen spricht niemand. Die Exploitation der Arbeiter ist eine althergebrachte, zu gewohnte Sache, als daß unsre offiziellen "Demokraten" die Arbeiter für etwas andres ansehen sollten als für agitablen, exploitablen und exlosiblen Rohstoff, für pures Kanonenfutter. Um die revolutionäre Stellung des Proletariats, um die Zukunft der Arbeiterklasse zu begreifen, dazu sind unsre Demokraten viel zu unwissend und bürgerlich. Deswegen sind ihnen auch jene echt proletarischen Charaktere verhaßt, die, zu stolz, um ihnen zu schmeicheln, zu einsichtig, um sich von ihnen benutzen zu lassen, dennoch jedesmal mit den Waffen in der Hand dastehn, wenn es sich um den Umsturz einer bestehenden Gewalt handelt, und die in jeder revolutionären Bewegung die Partei des Proletariats direkt vertreten. Liegt es aber nicht im Interesse der sog. Demokraten, solche Arbeiter anzuerkennen, so ist es Pflicht der Partei des Proletariats, sie so zu ehren, wie sie es verdienen. Und zu den besten dieser Arbeiter gehörte Joseph Moll von Köln.

Moll war Uhrmacher. Er hatte Deutschland seit Jahren verlassen und in Frankreich. Belgien und England an allen revolutionären öffentlichen und geheimen Gesellschaften teilgenommen. Den deutschen Arbeiterverein in London hatte er 1840 mit stiften helfen. Nach der Februarrevolution kam er nach Deutschland zurück und übernahm bald mit seinem Freunde Schapper die Leitung des Kölner Arbeitervereins. Flüchtig in London seit dem Kölner Septemberkrawall von 1848, kam er bald unter falschem Namen nach Deutschland zurück, agitierte in den verschiedensten Gegenden und übernahm Missionen, deren Gefährlichkeit jeden andren zurückschreckte. In Kaiserslautern traf ich ihn wieder. Auch hier übernahm er Missionen nach Preußen, die ihm, wäre er entdeckt worden, sofortige Begnadigung zu Pulver und Blei zuziehen mußten. Von seiner zweiten Mission zurückkehrend, kam er durch alle feindlichen Armeen glücklich durch bis Rastatt, wo er sofort in die Besançoner Arbeiterkompanie unsres Korps eintrat. Drei Tage nachher war er gefallen. Ich verlor in ihm einen alten Freund, die Partei einen ihrer unermüdlichsten, unerschrockensten und zuverlässigsten Vorkämpfer.
(ebenda)

Zwei geheime „Missionen nach Preußen“ hat Moll in dieser Zeit für Engels - wen denn sonst; aber bitte, wenn jemand sich da noch naiv stellen will, zu glauben, der Moll habe wichtige Botschaften der Arbeiter über die Grenzen tragen müssen, damit die Arbeiter in Berlin über den badischen Aufstand informiert bleiben - übernommen, bei deren Entdeckung die „sofortige Begnadigung zu Pulver und Blei“ und damit die standrechtliche Erschießung wegen Geheimnisverrat an den Feind zu erwarten war.

War er nicht ehrlich in seiner Schrift? Aber wer liest das schon wirklich aufmerksam und an den wichtigen Stellen Wort für Wort? Deshalb habe ich diesen Bericht von Engels über die Reichsverfassungskampagne so ausführlich zitiert.

Nicht um dem werten Leser die Lektüre des gesamten Engelsschen Textes zu ersparen, sondern um für dessen richtige Lektüre die Voraussetzung und Anregung zu schaffen. Jeder sollte „Die deutsche Reichsverfassungskampagne“ mindestens dreimal lesen: erstens: um die spannende und lehrreiche Geschichte zu genießen; zweitens: um diesen Friedrich Engels dabei zu beobachten, wie er in der kurzen Zeit derartig viele Informationen sammeln und sich im Umkreis der wichtigen Leute und im Zentrum des Geschehens aufhalten kann; drittens: um zuletzt die einzig möglichen Schlussfolgerungen über die Rolle dieses Informanten im Zentrum des Geschehens, mit dem ihn innerlich und aus Überzeugung nichts im positiven Sinne verbindet, zu ziehen und sich das in den Details bestätigen zu lassen.

Man wundere sich nicht über die harsche Kritik an der preußischen Operationsleitung. Die preußischen Truppen sind langsam und gemütlich vorgerückt und hatten keinen Grund, die Rebellen zu stark zu bedrängen, bis diese ihnen noch eine heftige Abwehrschlacht geliefert hätten.

Wir saßen - der Divisionsstab und der unsres Korps nebst Moll, Kinkel und andern Freischärlern - in diesem Hotel am 28. nach Tische eben beim Kaffee, als die Nachricht ankam, unsre Vorhut bei Michelbach sei von den Preußen angegriffen. Wir brachen gleich auf, obwohl wir alle Ursache hatten zu vermuten, daß der Feind nur eine Rekognoszierung beabsichtige. Es war in der Tat weiter nichts. Das von den Preußen momentan eroberte, unten im Tal gelegene Dorf Michelbach war ihnen bei unsrer Ankunft schon wieder abgenommen. Man schoß von beiden Bergabhängen über das Tal hin aufeinander und verschoß nutzlos viel Munition. Ich sah nur einen Toten und einen Verwundeten. Während die Linie ihre Patronen auf Entfernungen von 600 bis 800 Schritt zwecklos verschoß, ließ Willich unsre Leute sehr ruhig die Gewehre zusammenstellen und sich dicht neben den angeblichen Kämpfern und im angeblichen Feuer ausruhen. Nur die Schützen gingen den waldigen Abhang hinab und vertrieben, von einigen Linientruppen unterstützt, die Preußen von der gegenüberliegenden Höhe. Einer unsrer Schützen schoß mit seinem kolossalen Standrohr, einer wahren tragbaren Kanone, auf ungefähr 900 Schritt einen preußischen Offizier vom Pferde; seine ganze Kompanie machte sofort rechtsum und marschierte in den Wald zurück. Eine Anzahl preußischer Toten und Verwundeten sowie zwei Gefangene fielen in unsre Hände.
(ebenda)

Man muss sich wundern, wie Engels es geschafft hat, nicht selbst mit einem Kommando beehrt zu werden; aber er entging wohl als „Adjutant“ des Willich diesem Schicksal.

Willich und ich gingen mit der Schützenkompanie auf der Straße nach Bischweier auf dem rechten Murgufer vor. Eine halbe Stunde von Rothenfels stießen wir auf den Feind. Die Schützen verteilten sich in Tirailleurlinie, und Willich ritt zurück, um das Korps, das etwas zurückstand, in die Linie zu holen. Eine Zeitlang hielten unsre Schützen, hinter Obstbäumen und Weinbergen gedeckt, ein ziemlich lebhaftes Feuer aus, das sie ebenso lebhaft erwiderten. Als aber eine starke feindliche Kolonne auf der Straße vorrückte, um ihre Tirailleure zu unterstützen, gab der linke Flügel unsrer Schützen nach und war trotz alles Zuredens nicht mehr zum Stehen zu bringen. Der rechte war weiter hinauf gegen die Höhen vorgegangen und wurde später von unserm Korps aufgenommen.

Als ich sah, daß mit den Schützen nichts zu machen war, überließ ich sie ihrem Schicksal und ging nach den Höhen zu, wo ich die Fahnen unsres Korps sah. Eine Kompanie war zurückgeblieben; ihr Hauptmann, ein Schneider, sonst ein braver Kerl, wußte sich nicht zu helfen. Ich nahm sie mit zu den übrigen und traf Willich, als er eben die Besançoner Kompanie in Tirailleurlinie vorschickte und die übrigen dahinter in zwei Treffen, nebst einer zur Flankendeckung rechts gegen das Gebirg vorgeschickten Kompanie, aufstellte.
(ebenda)

Jetzt stirbt Moll und Kinkel wird von den Preußen gefangen:

Wir hatten starke Verluste gehabt. Ungefähr dreißig fehlten, darunter Kinkel und Moll - die versprengten Schützen nicht zu rechnen. Die beiden Genannten waren mit dem rechten Flügel ihrer Kompanie und einigen Schützen zu weit vor gegangen. Der Schützenhauptmann, Oberförster Emmermann aus Thronecken in Rheinpreußen, der gegen die Preußen marschierte, als ging er auf die Hasenjagd, hatte sie an eine Stelle geführt, wo sie in einen Zug preußischer Artillerie hineinfeuerten und ihn zum eiligen Rückzug brachten. Sogleich aber debouchierte eine Kompanie Preußen aus einem Hohlweg und schoß auf sie. Kinkel stürzte, am Kopf getroffen, und wurde solange mitgeschleppt, bis er wieder allein gehen konnte; bald aber gerieten sie in ein Kreuzfeuer und mußten sehen, wie sie davonkamen. Kinkel konnte nicht mit und ging in einen Bauernhof, wo er von den Preußen gefangengenommen und gemißhandelt wurde; Moll erhielt einen Schuß durch den Unterleib, wurde ebenfalls gefangen und starb nachher an seiner Wunde. Auch Zychlinski hatte einen Prellschuß in den Nacken erhalten, der ihn indes nicht hinderte, beim Korps zu bleiben.
(ebenda)

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Hellmann
25.11.2008, 14:21
Nun sind wir bald am Ende der Geschichte:

Bei Gernsbach war es folgendermaßen zugegangen. Die Peuckerschen Reichstruppen, die unsre Patrouillen schon tags vorher bei Herrenalb auf württembergischem Gebiet gesehen hatten, nahmen die an der Grenze aufgestellten Württemberger mit und griffen am 29. nachmittags Gernsbach an, nachdem sie unsre Vorposten durch Verrat zum Weichen gebracht hatten; sie näherten sich ihnen mit dem Ruf, nicht zu schießen, sie seien Brüder, und gaben dann auf achtzig Schritt eine Salve. Dann schossen sie Gernsbach mit Granaten in Brand, und als den Flammen kein Einhalt mehr zu tun war, gab Herr Sigel, den Mieroslawski hingeschickt hatte, um den Posten um jeden Preis zu halten, gab Herr Sigel selbst den Befehl, Herr Blenker solle sich mit seinen Truppen fechtend zurückziehn. Herr Sigel wird dies nicht leugnen, ebensowenig wie er es in Bern tat, als ein Adjutant des Herrn Blenker in seiner, des Herrn Sigel, und Willichs Gegenwart dies Kuriosum erzählte. Mit diesem Befehl, den Schlüssel der ganzen Murgposition "fechtend" (!) aufzugeben, war natürlich das Treffen auf der ganzen Linie, war die letzte Position der badischen Armee verloren.

Die Preußen haben sich übrigens durch das gewonnene Treffen von Rastatt keinen besondern Ruhm erworben. Wir hatten 13.000 größtenteils demoralisierte und mit wenigen Ausnahmen erbärmlich geführte Truppen; ihre Armee zählte mit den Reichstruppen, die auf Gernsbach vorgingen, mindestens 60.000 Mann. Trotz dieser kolossalen Überzahl wagten sie keinen ernstlichen Frontangriff, sondern schlugen uns durch feigen Verrat, indem sie das neutrale, uns verschlossene württembergische Gebiet verletzten.
(ebenda)

Engels war später über die Diskussionen in Bern gut informiert und teilweise beteiligt. Daher musste Marx in London etwas warten. Noch versucht er jedoch, die weichenden Verbände in einen letzten Kampf zu verwickeln und ist immer noch informiert wie ein wandelnder Generalstab und Oberkriegsrat.

Die Armee war vollständig aufgelöst. Mieroslawski und die übrigen Polen legten ihre Kommandos nieder; Oberst Oborski hatte schon auf dem Schlachtfeld, am Abend des 29., seinen Posten verlassen. Doch hatte diese momentane Auflösung nicht viel zu bedeuten. Die Pfälzer waren schon drei- bis viermal aufgelöst gewesen und hatten sich jedesmal tant bien que mal wieder formiert…

… Wir wollten die Herren Regenten und das Oberkommando, das Held Sigel jetzt führte, zwingen, Freiburg nicht ohne Kampf aufzugeben. Es war schon spät, als wir von Wolfach abmarschierten, und so kamen wir erst spät abends nach Waldkirch. Hier erfuhren wir, daß Freiburg schon aufgegeben und daß Regierung und Hauptquartier nach Donaueschingen verlegt sei. Zugleich erhielten wir den positiven Befehl, das Simonswalder Tal zu besetzen und zu verschanzen und in Furtwangen unser Hauptquartier aufzuschlagen. Wir mußten also zurück nach Bleibach.

Herr Sigel hatte seine Truppen jetzt hinter dem Bergrücken des Schwarzwaldes aufgestellt. Die Verteidigungslinie sollte von Lörrach über Todtnau und Furtwangen nach der württembergischen Grenze gehn, in der Richtung auf Schramberg. Den linken Flügel bildeten Mersy und Blenker, die sich durch das Rheintal auf Lörrach zogen; dann folgte Herr Doll, ehemaliger commis voyageur, der in seiner Eigenschaft als Heckerscher General zum Divisionär ernannt worden war und in der Gegend des Höllentals stand; dann unser Korps in Furtwangen und dem Simonswalder Tal und endlich auf dem rechten Flügel Becker bei Sankt Georgen und Triberg. Hinter dem Gebirge stand Herr Sigel mit der Reserve bei Donaueschingen. Die Streitkräfte, durch Desertion bedeutend geschwächt, durch keine herangezogenen Aufgebote verstärkt, betrugen immer noch an 9.000 Mann mit 40 Kanonen.
(ebenda)

Nur ein Profi kriegt sowas im allgemeinen Getümmel überhaupt mit; da muss sich einer an die jeweils gerade Kommandierenden halten und darf nicht vergessen, alles gleich genau aufzuschreiben, um nicht später die vielen Namen durcheinander zu bringen oder vergessen zu haben.

Man darf aber nicht meinen, dass ein tagebuchführender Dichter und Denker das schaffen würde. Der wäre zu sehr von seinen Gefühlen und persönlichen Eindrücken in Anspruch genommen, um die genaue Lage der Verbände und die Zahl der Geschütze und möglichst noch Position und Munition aufzuführen.

In Donaueschingen war abgemacht, daß die Trümmer der ganzen Armee hinter der Wutach, von Eggingen bis Thiengen sammeln und dort die Annäherung des Feindes erwarten sollten. Hier, die Flanken an Schweizer Gebiet gelehnt, konnten wir mit unsrer bedeutenden Artillerie noch ein letztes Gefecht versuchen. Man konnte es sogar abwarten, ob nicht die Preußen das Schweizer Gebiet verletzen und dadurch die Schweiz in den Krieg hineinziehen würden. Aber wie erstaunten wir, als wir bei Willichs Ankunft in dem Befehl des tapfern Sigel lasen: "Das Gros geht nach Thiengen und Waldshut und nimmt dort feste Position (!!). Suchen Sie die Stellung (bei Stüblingen und Eggingen) so lange als möglich zu behaupten." - "Feste Position" bei Thiengen und Waldshut, den Rhein im Rücken, dem Feind zugängliche Höhen vor der Front! Das hieß weiter nichts als: Wir wollen über die Säckinger Brücke in die Schweiz gehn. Und dennoch hatte Held Sigel bei Gelegenheit des Struveschen Antrags gesagt: Werde dieser angenommen, so werde er, Sigel, der erste sein, der rebelliere.
(ebenda)

Engels findet es höchst bedauerlich, dass für die Sache, an die er nie geglaubt hat, nicht noch mehr Blut der Leute fließen soll, die er nicht mag und für Dummköpfe hält.

Zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen liegt ein kleiner Strich badischen Gebiets mit den Ortschaften Jestetten und Lottstetten, der bis auf einen schmalen Zugang, bei Baltersweil, ganz von der Schweiz umschlossen ist. Hier sollte die letzte Position gefaßt werden. Die Höhen hinter Balters- <195> weil zu beiden Seiten der Straße boten vortreffliche Stellungen für unsre Geschütze, und unsre Infanterie war noch zahlreich genug, sie zu decken, bis sie im Notfall das Schweizer Gebiet erreicht hätten. Hier, so wurde ausgemacht, sollten wir erwarten, ob die Preußen uns angreifen oder aushungern würden. Das Gros, dem Becker sich angeschlossen hatte, bezog hier ein Lager. Willich hatte die Position für die Geschütze ausgesucht (später fanden wir dort ihre Parks, wo ihre Gefechtstellung sein sollte). Wir selbst bildeten die Arrieregarde und zogen langsam dem Gros nach. Am 9. abends gingen wir nach Erzingen, am 10. nach Riedern. An diesem Tage wurde im Lager ein allgemeiner Kriegsrat gehalten, Willich allein sprach für die weitere Verteidigung, Sigel, Becker und andre für den Rückzug auf Schweizer Gebiet. Ein Schweizer Kommissär, ich glaube Oberst Kurz, war dagewesen und hatte erklärt, falls noch ein Kampf angenommen würde, werde die Schweiz kein Asyl geben. Bei der Abstimmung blieb Willich mit zwei oder drei Offizieren allein. Von unserm Korps war außer ihm niemand zugegen.

Politisch betrachtet, war die Reichsverfassungskampagne von vornherein verfehlt. Militärisch betrachtet, war sie es ebenfalls. Die einzige Chance ihres Gelingens lag außerhalb Deutschlands, im Sieg der Republikaner in Paris am 13. Juni - und der 13. Juni schlug fehl. Nach diesem Ereignis konnte die Kampagne nichts mehr sein als eine mehr oder minder blutige Posse. Sie war weiter nichts. Dummheit und Verrat ruinierten sie vollends. Mit Ausnahme einiger weniger waren die militärischen Chefs Verräter oder unberufene, unwissende und feige Stellenjäger, und die wenigen Ausnahmen wurden überall von den übrigen wie von der Brentanoschen Regierung im Stich gelassen. Wer bei der bevorstehenden Erschütterung keine anderen Titel aufzuweisen hat als die, Heckerscher General oder Reichsverfassungsoffizier gewesen zu sein, verdient, sogleich die Tür gewiesen zu bekommen. Wie die Chefs, so die Soldaten. Das badische Volk hat die besten kriegerischen Elemente in sich; in der Insurrektion wurden diese Elemente von vornherein so verdorben und vernachlässigt, daß die Misere daraus entstand, die wir des breiteren geschildert haben. Die ganze "Revolution" löste sich in eine wahre Komödie auf, und es war nur der Trost dabei, daß der sechsmal stärkere Gegner selbst noch sechsmal weniger Mut hatte.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_162.htm

Das muss ich nicht mehr kommentieren, das spricht für sich selbst.

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Hellmann
26.11.2008, 13:29
In der Ausgabe 4 der NRhZ-Revue und etwas überarbeitet in der „The Democratic Revue“ der Chartisten erschien von Friedrich Engels im März 1850 eine Erörterung der Zehnstundenfrage. Diese betrifft die englischen Fabrikgesetze und zeigt an diesem Beispiel die Methode des „wissenschaftlichen“ Marxismus, gegen die Interessen der Arbeiter zu plädieren.

In seinem Artikel erklärt Engels die Beschränkung der täglichen Arbeitszeit der Fabrikarbeiter für reaktionär.

Der Artikel beginnt mit der These, die Arbeiterführer hätten bisher der Argumentation der Fabrikherren keine sachlichen Argumente entgegen gesetzt.

Die Wortführer der Arbeiterklasse haben sich bisher in der Regel darauf verlegt, den Argumenten der freihändlerischen Bourgeoisie, der sogenannten "Manchesterschule", bloß Entrüstungsausbrüche über den unmoralischen und schamlos-selbstsüchtigen Charakter ihrer Lehren entgegenzusetzen… Ohne dies Gefühl leidenschaftlicher, revolutionärer Entrüstung wäre die Sache der proletarischen Emanzipation hoffnungslos. Aber es ist etwas ganz anderes, den mannhaften Geist der Opposition unter den Arbeitern aufrechtzuerhalten, als ihren Feinden in öffentlicher Debatte zu begegnen. Hier kann die bloße Entrüstung, der bloße Ausbruch heftigen Gefühls, mag er noch so gerechtfertigt sein, nichts ausrichten; hier bedarf es der Argumente. Und es steht außer Frage, daß die Freihandelsschule auch in ruhiger, sachlicher Diskussion, sogar auf ihrem Lieblingsfeld, der politischen Ökonomie, von den Sachwaltern der Arbeiterinteressen leicht zu schlagen ist.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_226.htm

Das ist das übliche Standardargument des „wissenschaftlichen“ Marxismus bis heute, die Interessenvertreter der Arbeiter würden ihre Sache nicht „wissenschaftlich“ genug betreiben, ja sie hätten womöglich die Wertform noch gar nicht analysiert, und jedenfalls könne man so nicht weiter verfahren. Aber die Geschichte mit der „Wertformanalyse“ kommt erst etwas später - noch ist das „Kapital“ nicht geschrieben. Doch wie der Marxismus unter dem ständigen Gegacker von wegen „Wissenschaft“ die Interessen der Arbeiter verrät, ist hier schon zu lernen.

Zu der schamlosen Dreistigkeit, mit der die freihändlerischen Fabrikanten erklären, die Existenz der modernen Gesellschaft hänge davon ab, daß sie fortfahren, aus dem Blut und Schweiß des arbeitenden Volkes Reichtum anzuhäufen, nur ein Wort: In allen Geschichtsperioden ist die große Mehrheit des Volkes in der einen oder anderen Form nur Werkzeug der Bereicherung der wenigen Privilegierten gewesen.
(ebenda)

Und wenn das schon immer so war…, aber es wird gleich noch besser:

Auf der anderen Seite kamen die kalten, herzlosen politischen Ökonomen, die bezahlten Diener derjenigen, die sich bei diesem System mästen, und bewiesen an Hand einer Reihe von Schlußfolgerungen, so unwiderleglich und zwingend wie das Einmaleins, daß es bei Strafe, "das Land zu ruinieren", keine Möglichkeit gibt, dieses System irgendwie anzutasten.

Es muß zugegeben werden, daß die Wortführer der Fabrikarbeiter die Argumente der politischen Ökonomen nie zu widerlegen vermocht und es sogar selten gewagt haben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dies hat seinen Grund darin, daß unter der heutigen Gesellschaftsordnung, solange das Kapital sich in den Händen der Wenigen befindet, denen die Vielen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, diese Argumente gleich ebenso vielen Tatsachen sind - Tatsachen, so unbestreitbar wie jene, welche die Gegenseite vorgebracht hat. Jawohl, unter der heutigen Gesellschaftsordnung hängt England mit allen Klassen seiner Bevölkerung ganz und gar von der Prosperität seiner Industrie ab, und diese Prosperität hängt unter dem gegenwärtigen System ganz und gar von der völlig uneingeschränkten Freiheit des Marktes ab, sowie davon, daß alle Ressourcen des Landes zur Erzielung größtmöglicher Profite ausgenutzt werden.

Die Argumente der von den Fabrikherren gekauften Ökonomen wären also unbestreitbar unter den Bedingungen dieses Systems. Man kann dann nichts zur Verbesserung der Lage der Arbeiter unternehmen. Wir müssen auf die Weltrevolution warten, die natürlich erst stattfinden kann, wenn der Kapitalismus seine volle Blüte und Reife und reiche Ernte mit Hilfe des „wissenschaftlichen“ Marxismus vollendet hat. Irgendwann, sollen die Leute hoffen, kommt dann die Weltrevolution, wie das Paradies nach dem Tode; ob Marx und Engels die Argumentation bei den Pfaffen abgeschaut haben? Bei denen kommt die Erlösung der geknechteten und entwürdigten Menschen schon mit dem Tode, nicht erst lange danach mit der Weltrevolution.

Jawohl, die einzige Möglichkeit, diese Prosperität der Industrie irgendwie aufrechtzuerhalten, von der heute geradezu der Bestand des Empire abhängt, besteht unter dem gegenwärtigen System darin, jedes Jahr mit weniger Kosten mehr zu produzieren. Und wie kann man mit weniger Kosten mehr produzieren? Erstens dadurch, daß man die Produktionsinstrumente - die Maschine und den Arbeiter - jedes Jahr mehr als im vorhergegangenen arbeiten läßt; zweitens dadurch, daß man an die Stelle der bisher üblichen Produktionsmethode eine neue und vollkommenere setzt, d.h. Arbeiter durch verbesserte Maschinerie ersetzt, und drittens dadurch, daß man die Kosten des Arbeiters durch Verringerung seiner Unterhaltskosten (Freihandel mit Getreide usw.) herabsetzt oder einfach seinen Lohn auf das niedrigstmögliche Niveau herunterdrückt.

Die wahren Marxisten, die das schon lange erkannt haben, waren die Fabrikherren. Nur die unvernünftigen Arbeiter und ihre völlig unwissenschaftlich argumentierenden Interessenorganisationen haben das nicht einsehen wollen. Um das zu ändern, würde den Arbeitern bald der Marxismus gelehrt werden.

So war die Zehnstundenbill an sich und als abschließende Maßregel entschieden ein falscher Schritt, eine unpolitische und sogar reaktionäre Maßregel, die den Keim ihrer eigenen Zerstörung in sich trug. Einerseits beseitigte sie nicht die gegenwärtige Gesellschaftsordnung, und andererseits förderte sie auch nicht ihre Entwicklung. Statt das System auf seine äußerste Spitze zu treiben…
(ebenda)

Das Gewäsch von der Beseitigung der herrschenden Gesellschaftsordnung macht sich natürlich ganz gut und überzeugt jeden Naiven, dass die Marxisten gefährliche Leute sind. Die Kapitalisten schauen aber nur in ihre Bücher nach dem Profit und darauf, wer ihnen hilft, die Löhne zu drücken und die Arbeiter härter und länger schuften zu lassen. Vor der Weltrevolution fürchten die sich gerade so viel wie vor dem Jüngsten Gericht über ihre Sünden.

Wer die Marxisten für gefährlich hält, muss die Pfaffen erst recht für eine dem Kapitalismus feindliche Gruppierung halten. Droht jeder Pfaffe doch mit dem Höllenfeuer dem kapitalistischen Blutsauger viel überzeugender, als der Marxist mit der Weltrevolution.

Folgen wir der Argumentation von Engels noch etwas weiter. Die Zehnstundenbill war also reaktionär und man ersehe das auch daran, dass sie maßgeblich von reaktionären Kräften durchgesetzt wurde:

Dies tritt deutlich zutage, wenn wir bloß auf die Parteien blicken, die das Gesetz gegen den Widerstand der Freihändler im Parlament durchgesetzt haben. War es die Arbeiterklasse, deren erregter Zustand, deren drohende Haltung ihm zum Sieg verhalf? Sicherlich nicht. Wäre dem so, so hätten die Arbeiter bereits vor Jahren die Charta durchgesetzt; zudem waren die Leute aus der Arbeiterklasse, welche in der Bewegung für die Verkürzung der Arbeitszeit die Führung hatten, alles andere als gefährliche und revolutionäre Charaktere. Es waren zumeist gemäßigte, ehrbare Leute, die Thron und Altar respektierten. Sie hielten sich vom Chartismus fern und neigten zumeist einer Art von sentimentalem Torysmus zu. Sie haben niemals einer Regierung Furcht eingeflößt. Die Zehnstundenbill wurde von den reaktionären Gegnern des Freihandels durchgesetzt, von den verbündeten Grundbesitzer-, Hochfinanz-, Kolonial- und Reederinteressen, von der vereinigten Aristokratie und jenen Schichten der Bourgeoisie, die selbst die Übermacht der freihändlerischen Fabrikanten fürchteten. Setzten sie sie aus irgendwelcher Sympathie mit dem Volke durch? Sie gewiß nicht. Sie lebten und leben von der Ausbeutung des Volkes. Sie sind ebenso schlecht, wenn auch sentimentaler und nicht so schamlos wie die Fabrikanten. Aber sie wollten nicht von diesen beiseite geschoben werden und nahmen so aus Haß gegen sie dies Gesetz an, das ihnen die Gunst des Volkes sichern und zugleich das rasche Wachstum der sozialen und politischen Macht der Fabrikanten aufhalten sollte. Die Annahme der Zehnstundenbill bewies nicht, daß die Arbeiterklasse stark war, sie bewies nur, daß die Fabrikanten noch nicht stark genug waren, ihren Willen durchzusetzen.

Es waren also ehrbare Leute, die Thron und Altar respektierten, die der Ausbeutung der Arbeiter, der Frauen und Kinder in den Fabriken eine Grenze setzen wollten. Hatte ich nicht oben fast geschrieben, dass die Fabrikherren die Pfaffen, den König und das Militär mehr fürchten mussten, als den Marxismus?

Seitdem haben die Fabrikanten ihr Übergewicht im wesentlichen dadurch gefestigt, daß sie die Proklamierung des Freihandels mit Getreide und im Schiffsverkehr durch das Parlament erzwangen. Die Grundbesitzer- wie die Reederinteressen sind dem aufgehenden Stern der Fabrikanten geopfert worden. Je mehr aber ihre Macht wuchs, um so mehr fühlten sie die Fesseln, die ihnen durch die Zehnstundenbill angelegt worden waren. Sie haben ihr offen Trotz geboten; sie haben das Schichtsystem wieder eingeführt und den Minister des Innern genötigt, Rundschreiben zu erlassen, in denen die Fabrikinspektoren angewiesen wurden, von dieser Gesetzesverletzung keine Notiz zu nehmen. Und als schließlich die wachsende Nachfrage nach ihrem Produkt die Proteste einiger lästiger Inspektoren unerträglich machte, haben sie die Frage vor den Court of Exchequer gebracht, der mit einem einzigen Urteilsspruch die Zehnstundenbill bis auf die letzte Spur annullierte.
(ebenda)

Nun sind wir also so weit, dass der „revolutionäre“ Marxist den Kampf des Arbeiters um eine Beschränkung seiner Arbeitsqual für eine unwissenschaftliche Sentimentalität hält und für unwissenschaftlich und reaktionär und deshalb auf gar keinen Fall unterstützen kann. Nach der Weltrevolution wird dann die Arbeitszeit ja viel mehr beschränkt werden, als es heute jedes Gesetz könnte, verkündet Engels, wie der Pfaffe das Himmelreich für die gequälten Kreaturen.

Sind wir darum Gegner der Zehnstundenbill? Wollen wir dies scheußliche System, aus dem Mark und Blut von Frauen und Kindern Geld herauszuschlagen, fortgesetzt sehen? Ganz gewiß nicht. Wir sind so wenig Gegner des Gesetzes, daß wir der Meinung sind, daß die Arbeiterklasse schon am ersten Tage, an dem sie die politische Macht erlangt, viel einschneidendere Maßregeln gegen die Überarbeit von Frauen und Kindern zu treffen haben wird als ein Zehnstunden- oder selbst ein Achtstundengesetz. Aber wir behaupten, daß das Gesetz, wie es im Jahre 1847 beschlossen worden ist, nicht von der Arbeiterklasse, sondern von ihren zeitweiligen Verbündeten, den reaktionären Gesellschaftsklassen, beschlossen wurde und daß es, weil ihm keine einzige andere Maßregel zur grundlegenden Umgestaltung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit folgte, eine unzeitgemäße, unhaltbare und sogar reaktionäre Maßregel war.
(ebenda)

Ist dies nun „dialektisches“ Denken?

Nein - es war einfach dreckig grinsende Verarschung der Leute.

Drittens wird die faktische Aufhebung des Gesetzes von 1847 die Fabrikanten zu so ungestümer Überproduktion antreiben, daß Rückschlag auf Rückschlag erfolgen wird. Sehr bald werden alle Quellen und Hilfsmittel des gegenwärtigen Systems erschöpft sein, und eine Revolution wird unvermeidlich werden, welche die Gesellschaft viel tiefer als 1793 und 1848 umwälzen und welche schnell zur politischen und sozialen Herrschaft des Proletariats führen wird.
(ebenda)

Und dazu gleich noch ein Stück „wissenschaftlicher“ Krisentheorie:

Wir haben bereits gesehen, wie das gegenwärtige Gesellschaftssystem auf der Herrschaft der industriellen Kapitalisten beruht und wie diese Herrschaft von der Möglichkeit abhängt, die Produktion immer wieder zu erweitern und zugleich ihre Kosten zu verringern. Aber diese Ausdehnung der Produktion hat eine gewisse Grenze: Sie kann den Rahmen der bestehenden Märkte nicht überschreiten. Geschieht es doch, so erfolgt ein Rückschlag und mit ihm Ruin, Bankrott und Elend.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_226.htm

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Hellmann
27.11.2008, 20:01
Im 4. Heft der Revue finden wir eine interessante Beschreibung der revolutionären Pariser Konspiration, von der ich hier einige Auszüge gebe:

Kommen wir zu Chenu. Wer ist Herr Chenu? Er ist ein alter Konspirateur, seit 1832 in allen Emeuten beteiligt und der Polizei wohlbekannt. Zur Konskription herangezogen, desertiert er bald und bleibt unentdeckt in Paris, trotz seiner abermaligen Beteiligung an Verschwörungen und an der Emeute von 1839. 1844 stellt er sich bei seinem Regiment, und sonderbarerweise wird ihm, trotz seiner wohlbekannten Antezedentien, das Kriegsgericht vom Divisionsgeneral erlassen. Noch mehr: er dient seine Zeit beim Regiment nicht ab, sondern kann nach Paris zurückkehren. 1847 ist er in die Brandbombenverschwörung verwickelt; er entkommt bei einem Verhaftungsversuch, bleibt aber nichtsdestoweniger in Paris, obwohl er in contumaciam zu vier Jahren verurteilt wird. Erst von seinen Mitverschwörern angeklagt, mit der Polizei in Verbindung zu stehn, geht er nach Holland, von wo er am 21. Februar 1848 zurückkommt. Nach der Februarrevolution wird er Hauptmann in Caussidières Garden. Caussidière hat ihn bald im Verdacht (ein Verdacht der viel Wahrscheinlichkeit besitzt), mit Marrasts Spezialpolizei in Verbindung zu stehn, und entfernt ihn ohne viel Widerstand nach Belgien und später nach Deutschland. Herr Chenu läßt sich ziemlich gutwillig nacheinander in die belgischen, deutschen und polnischen Freikorps einrangieren.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_255.htm

Wir werden hier von Marx erfahren, dass die Revolutionäre der Straße keine Idealisten, sondern organisierte Söldlinge waren.

Man kennt die Neigung der romanischen Völker zu Verschwörungen und die Rolle, die die Verschwörungen in der modernen spanischen, italienischen und französischen Geschichte gespielt haben. Nach den Niederlagen der spanischen und italienischen Verschwörer im Anfang der zwanziger Jahre wurden Lyon und namentlich Paris die Zentren der revolutionären Verbindungen. Es ist bekannt, wie bis 1830 die liberalen Bourgeois an der Spitze der Verschwörungen gegen die Restauration standen. Nach der Julirevolution trat die republikanische Bourgeoisie an ihre Stelle; das Proletariat, schon unter der Restauration zum Konspirieren erzogen, trat in dem Maße in den Vordergrund, worin die republikanischen Bourgeois durch die vergeblichen Straßenkämpfe von den Konspirationen zurückgeschreckt wurden. Die société des saisons, mit der Barbès und Blanqui die Ermeute von 1839 machten, war schon ausschließlich proletarisch, und ebenso waren es die nach der Niederlage gebildeten nouvelles saisons, an deren Spitze Albert trat, und woran Chenu, de la Hodde, Caussidière etc. sich beteiligten. Die Verschwörung stand durch ihre Chefs fortwährend in Verbindung mit den in der "Réforme" repräsentierten kleinbürgerlichen Elementen, hielt sich jedoch immer sehr unabhängig. Diese Konspirationen umfaßten natürlich nie die große Masse des Pariser Proletariats. Sie beschränkten sich auf eine verhältnismäßig kleine, stets schwankende Zahl von Mitgliedern, die teils aus alten, stationären, von jeder geheimen Gesellschaft ihrer Nachfolgerin regelmäßig überlieferten Verschwörern, teils aus neu angeworbenen Arbeitern bestand.
(ebenda)

Es hatte sich eine professionelle Struktur gebildet:

Unter diesen alten Verschwörern schildert Chenu fast ausschließlich nur die Klasse, zu der er selbst gehört: die Konspirateurs von Profession. Mit der Ausbildung der proletarischen Konspirationen trat das Bedürfnis der Teilung der Arbeit ein; die Mitglieder teilten sich in Gelegenheitsverschwörer, conspirateurs d'occasion, d.h. Arbeiter, die die Verschwörung nur neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrieben, nur die Zusammenkünfte besuchten und sich bereithielten, auf den Befehl der Chefs am Sammelplatz zu erscheinen, und in Konspirateure von Profession, die ihre ganze Tätigkeit der Verschwörung widmeten und von ihr lebten. Sie bildeten die Mittelschicht zwischen den Arbeitern und den Chefs und schmuggelten sich häufig sogar unter diese.

Das ganze Leben dieser Verschwörer von Profession trägt den ausgeprägtesten Charakter der Boheme. Werbunteroffiziere der Verschwörung, ziehen sie von marchand de vin zu marchand de vin, fühlen den Arbeitern den Puls, suchen ihre Leute heraus, kajolieren sie in die Verschwörung hinein und lassen entweder die Gesellschaftskasse oder den neuen Freund die Kosten der dabei unvermeidlichen Konsumtion von Litres tragen. Der marchand de vin ist überhaupt ihr eigentlicher Herbergsvater. Bei ihm hält der Verschwörer sich meistens auf; hier hat er seine Rendezvous mit seinen Kollegen, mit den Leuten seiner Sektion, mit den Anzuwerbenden; hier endlich finden die geheimen Zusammenkünfte der Sektionen und Sektionschefs (Gruppen) statt. Der Konspirateur, ohnehin wie alle Pariser Proletarier sehr heitrer Natur, entwickelt sich in dieser ununterbrochenen Kneipenatmosphäre bald zum vollständigsten Bambocheur. Der finstre Verschwörer, der in den geheimen Sitzungen eine spartanische Tugendstrenge an den Tag legt, taut plötzlich auf und verwandelt sich in einen überall bekannten Stammgast, der den Wein und das weibliche Geschlecht sehr wohl zu schätzen versteht. Dieser Kneipenhumor wird noch erhöht durch die fortwährenden Gefahren, denen der Konspirateur ausgesetzt ist; jeden Augenblick kann er auf die Barrikade gerufen werden und dort fallen, auf jedem Schritt und Tritt legt ihm die Polizei Schlingen, die ihn ins Gefängnis oder gar auf die Galeeren bringen können.
(ebenda)

Das findet sich so deutlich leider nie in den Geschichtsbüchern. Wie Marx da ohne viel Geld auf eine Revolution des Proletariats hoffen konnte, also eine Revolution als Bewegung von unten, statt einer der üblichen mit viel Geld inszenierten Verschwörungen, bei denen die wirklichen Drahtzieher im Hintergrund bleiben und nur in der Schicht der Profiteure zu ahnen sind, wird ein Geheimnis von Marx bleiben.

In demselben Maß, wie das Pariser Proletariat selbst als Partei in den Vordergrund trat, verloren diese Konspirateurs an leitendem Einfluß, wurden sie zersprengt, fanden sie eine gefährliche Konkurrenz in proletarischen geheimen Gesellschaften, die nicht die unmittelbare Insurrektion, sondern die Organisation und Entwicklung des Proletariats zum Zweck hatten. Schon die Insurrektion von 1839 hatte einen entschieden proletarischen und kommunistischen Charakter. Nach ihr aber traten die Spaltungen ein, über die die alten Konspirateure so viel klagen; Spaltungen, die aus dem Bedürfnis der Arbeiter hervorgingen, sich über ihre Klasseninteressen zu verständigen, und die sich teils in den alten Verschwörungen selbst, teils in neuen propagandistischen Verbindungen äußerten. Die kommunistische Agitation, die Cabet bald nach 1839 mit Macht begann, die Streitfragen, die sich innerhalb der kommunistischen Partei erhoben, wuchsen den Konspirateuren bald über den Kopf. Chenu wie de la Hodde geben zu, daß die Kommunisten zur Zeit der Februarrevolution bei weitem die stärkste Fraktion des revolutionären Proletariats gewesen seien.
(ebenda)

Hier phantasiert er zuletzt und ich kann nicht sagen, ob er uns narren will, oder wirklich glaubt, dass hier das Proletariat sich selbst organisiert habe und nicht wie üblich gedungen wurde.

Die Denunziation des Gottfried Kinkel

Im selben 4. Heft erwarten die Herausgeber schon, dass sie sich mit ihrem Artikel gegen eingesperrten Kinkel keine Freunde machen. Vermutlich ist dieser Artikel sogar dafür verantwortlich, dass die Revue fortan nicht mehr monatlich und nach dem 6. Heft im Oktober überhaupt nicht mehr erschien. Es ging um die Rede Kinkels vor dem Kriegsgericht in Rastatt am 4. August 1849, die er am 6./7. April in einer Berliner Zeitung veröffentlichen ließ.

Wir wissen im voraus, daß wir die allgemeine Entrüstung der sentimentalen Schwindler und demokratischen Deklamatoren hervorrufen werden, indem wir diese Rede des "gefangenen" Kinkel unsrer Partei denunzieren. Dies ist uns vollständig gleichgültig. Unsre Aufgabe ist die rücksichtslose Kritik, viel mehr noch gegen die angeblichen Freunde als gegen die offnen Feinde; und indem wir diese unsre Stellung behaupten, verzichten wir mit Vergnügen auf die wohlfeile demokratische Popularität. Wir verschlechtern durch unsern Angriff die Lage des Herrn Kinkel keineswegs; wir denunzieren ihn der Amnestie, indem wir sein Bekenntnis bestätigen, daß er nicht der Mann ist, für den man ihn zu halten vorgibt, indem wir erklären, daß er würdig ist, nicht nur amnestiert zu werden, sondern selbst in preußischen Staatsdienst zu treten. Zudem ist die Rede veröffentlicht. Wir denunzieren unsrer Partei das ganze Aktenstück und geben hier nur die schlagendsten Stellen.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_299.htm

Hier nur der letzte Abschnitt, zuerst in Anführungszeichen Kinkel und dann der Kommentar von Marx und Engels:

"Wie oft habe ich das Wort hören müssen, ich sei ein 'schlechter Preuße'; das Wort hat mich verletzt ... Nun wohlan! Meine Partei hat gegenwartig im Vaterlande das Spiel verloren. Wenn die Krone Preußen jetzt endlich eine kühne und starke Politik verfolgt, wenn es der königlichen Hoheit unsres Thronfolgers, des Prinzen von Preußen, gelingt, mit dem Schwerte, denn anders wird's nicht, Deutschland in eins zu schmieden und groß und geachtet bei unsern Nachbarn hinzustellen und der innern Freiheit wirklich und dauernd zu versichern, Handel und Wandel wieder zu heben, die Militärlast, die jetzt zu schwer auf Preußen drückt, gleichmäßig auf das ganze Deutschland zu verteilen und vor allem den Armen in meinem Volke, als deren Vertreter ich mich fühle, Brot zu schaffen - gelingt das Ihrer Partei, nun, bei meinem Eid! Die Ehre und die Größe meines Vaterlandes sind mir teurer als meine Staatsideale, und die französischen Republikaner von 1793" (Fouché und Talleyrand?) "weiß ich zu schätzen, die hernach um Frankreichs willen vor Napoleons Größe freiwillig sich beugten; geschähe dies also und erzeigte mir dann mein Volk noch einmal die Ehre, mich zu seinem Vertreter zu wählen, ich würde einer der ersten Deputierten sein, die mit frohem Herzen riefen: Es lebe das deutsche Kaisertum! Es lebe das Kaisertum Hohenzollern! Wenn man mit solchen Gesinnungen ein schlechter Preuße ist, ja! Dann begehre ich freilich kein guter Preuße zu sein."

"Meine Herren, denken Sie auch ein wenig an Weib und Kind daheim! wenn Sie den Spruch über einen Mann tun, der heute durch den Wechsel der menschlichen Geschicke so tief und unglücklich vor Ihnen steht."

Diese Rede hielt Herr Kinkel zu einer Zeit, wo sechsundzwanzig seiner Kameraden von denselben Kriegsgerichten zum Tode verurteilt und erschossen wurden, Leute, die der Kugel ganz anders entgegenzugehn verstanden als Herr Kinkel seinen Richtern. Wenn er sich übrigens als einen ganz harmlosen Menschen darstellt, so hat er vollkommen recht. Er ist nur durch ein Mißverständnis unter seine Partei geraten, und es wäre eine ganz sinnlose Grausamkeit, wollte die preußische Regierung ihn noch länger im Zuchthaus zurückhalten.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_299.htm

Da lässt sich aus London leicht urteilen über einen Mann, dem mit lebenslanger Festungshaft oder Zuchthaus nicht viel weniger als der Tod droht. Gottfried Kinkel wurde während seiner Haft ein Märtyrer der Revolution für das Bürgertum und wurde im November 1850 von Carl Schurz spektakulär aus dem Gefängnis in Spandau befreit.

Den von den Leuten verehrten Kinkel in der Revue anzuschmieren, war wohl wieder eine Bösartigkeit und hat objektiv der preußischen Regierung genützt, die unter Kinkels Popularität zu leiden hatte.

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Hellmann
27.11.2008, 20:08
Der Flüchtlingshilfsfonds


Bereits im September 1849 hatte Karl Marx in Anlehnung an den deutschen Arbeiterbund in London einen Hilfsfonds für die aus allen Richtungen nach London strömenden deutschen Flüchtlinge ins Leben gerufen. Dazu wurde in verschiedenen Blättern wie der Deutschen Londoner Zeitung und der Westdeutschen Zeitung um Hilfsgelder gebeten und die Abrechnung der Einnahmen und Ausgaben inseriert.

Die üblichen Marxbiografen pflegen die Angelegenheit als Beweis der rastlosen wie menschenfreundlichen Aktivitäten von Marx zu behandeln. Ein derartige Hilfsorganisation wie das „sozial-demokratische Flüchtlingskomitee“ wurde für die meist auf Unterstützungszahlungen angewiesenen Flüchtlinge zu einer Anlaufstelle und zu einer Sammelstelle für Information. Der einzelne Flüchtling musste belegen, dass es sich bei ihm um einen politischen Flüchtling handelt, man konnte ihn nach seinen Erlebnissen fragen und über andere Personen aushorchen.

Es liegt auf der Hand, dass man in einer derartigen Hilfsorganisation nach den Agenten der Regierungen zu suchen hat, die auf dem Wege mit relativ geringem finanziellen Aufwand gleich an die politischen Flüchtlinge herankommen, ihre wirtschaftliche Lage, die Wohnadressen und Verbindungen erfahren. Man kann nirgends sonst als in einem derartigen Hilfskomitee besonders notleidende, verzweifelte und um Geld käufliche Personen testen und anwerben. Es ist also keine Frage, dass die Mitarbeiter einer Unterstützungskasse im höchsten Verdacht stehen. Es handelte sich, wie man am anschließenden Link nachlesen kann, um die folgenden uns mehrheitlich bekannten Leute:

Das sozial-demokratische Flüchtlingskomitee:
Fr. Engels - H. Bauer - K. Pfänder - August Willich - K. Marx
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_302.htm

Derartige Flüchtlingskomitees zu betreiben, wurde aus den oben genannten Gründen auch von anderen Gruppierungen versucht, allerdings anscheinend ziemlich vergeblich, was in so einem Fall nur bedeuten kann, dass die anderen nicht an die erforderlichen finanziellen Mittel gekommen sind. Mit reichlich Geld ist eine Unterstützungskasse für notleidende Flüchtlinge leicht zu gründen und mit reichlich Geld lässt sich jede konkurrierende Gründung ohne dieses Geld bei den Flüchtlingen leicht ausstechen:

Es besteht hier in London faktisch nur ein Flüchtlingskomitee, das unterzeichnete, das im September v.J., mit dem Anfang der Emigration nach London, gegründet wurde. Es sind seitdem Versuche gemacht worden, andre Flüchtlingskomitees zu errichten; sie blieben erfolglos. Das unterzeichnete Komitee war bisher imstande, die hier ankommenden hülfsbedürftigen Flüchtlinge - die sich, mit Ausnahme von vier oder fünf, alle an uns wandten - zu unterstützen. Die jetzt infolge der schweizerischen Ausweisungen hierherströmenden Massen von Flüchtlingen haben allerdings endlich auch die Fonds dieses Komitees beinahe erschöpft. Diese Fonds sind durchaus gleichmäßig an alle verteilt worden, welche nachwiesen, daß sie sich an den revolutionären Bewegungen in Deutschland beteiligt hatten und hülfsbedürftig waren, gleichviel welcher Parteifraktion sie angehörten. Wenn das unterzeichnete Komitee die Bezeichnung "sozial-demokratisch" annahm, so geschah dies nicht, weil es bloß Flüchtlinge dieser Partei unterstützte, sondern, weil es hauptsächlich an die Geldmittel dieser Partei appellierte - wie es dies auch schon in seinem Aufruf vom November v.J. erklärt hat.
(ebenda)

Bekanntere politische Flüchtlinge als Marx scheiterten an dem Versuch, eigene Hilfsfonds zu betreiben – mangels Geld.

Der Bürger Schramm (Striegau) erklärte, keinem Flüchtlingskomitee anzugehören, sondern eine Anzahl Lose von Galeer aus Genf erhalten zu haben mit dem Auftrage, das Geld nach Genf zu schicken. Das andre Komitee figuriere bloß.
Der Bürger Struve erklärte, er habe kein Geld, sondern nur eine Anzahl Lose, die er noch nicht untergebracht habe.
(ebenda)

Ein Flüchtlingskomitee des demokratischen Vereins unter dem Präsidenten Dr. Bauer musste seine Auszahlungen mangesl Geld einstellen.

Die Herren Struve und Schramm hatten den Flüchtlingen geraten, unter sich oder aus politisch neutralen Leuten ein Flüchtlingskomitee zu bilden. Das unterzeichnete Komitee stellte den Flüchtlingen anheim, über diesen Vorschlag selbst einen Beschluß zu fassen. Die Antwort war folgende Erklärung der Flüchtlinge:
(ebenda)

Wobei die angesprochenen Flüchtlinge natürlich nur mit dem Komitee etwas zu tun haben wollten, von dem sie auch Geld erhalten konnten, ganz einfach.

Dies von den Flüchtlingen selbst abgefaßte Aktenstück ist die beste Antwort auf den obigen Artikel und andre ähnliche Insinuationen in der Presse.
(ebenda)

Wir müssten also fragen, welche Leute die preußische Regierung mit den nötigen Finanzen versehen in die Londoner Flüchtlingskomitees eingeschleust hat, wenn wir die Antwort nicht schon wüssten. Es ist bei der Sache noch zu bedenken, dass die Spenden an ein Hilfskomitee für politische Flüchtlinge für den Spender in Deutschland nicht gefahrlos waren. Wegen der öffentlichen Abrechnung musste der großzügige Spender etwa in Stettin mit Konsequenzen für sich und eventuell seine Familie rechnen, wenn er die beträchtlichen Summen nicht im Einvernehmen mit der Polizei nach London gelangen ließ.

Die österreichische Staatspolizei, die wie die Preußen an deutschen Flüchtlingen interessiert war, hatte bereits einige Agenten – hauptsächlich aus dem Umfeld der ungarischen Revolutionäre – in der Umgebung von Marx platziert, ich werde darauf anschließend noch ausführlich eingehen.

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Hellmann
27.11.2008, 20:19
Preußische Spione


Wohl um den unter den Flüchtlingen zu erwartenden Verdächtigungen etwas entgegen zu setzen, haben Marx und Engels in der britischen Zeitung „The Spectator“ vom 15. Juni 1850 sich unter der Überschrift „Preußische Spione in London“ als Opfer und Zielpersonen derartiger Nachstellungen dargestellt:

Wir waren es gewöhnt, von Zeit zu Zeit irgendeinem obskuren Beamten der preußischen Gesandtschaft zu begegnen, der nicht "als solcher gesetzmäßig geführt wird"; wir waren an die wilden Reden und tollen Vorschläge solcher agents provocateurs gewöhnt und wußten, wie wir sie zu behandeln haben. Was uns in Verwunderung setzt, ist nicht die Aufmerksamkeit, die uns die preußische Gesandtschaft zollt - wir sind stolz, sie verdient zu haben; wir wundern uns über die entente cordiale, die sich, soweit es uns betrifft, zwischen den preußischen Spionen und den englischen Denunzianten gebildet zu haben scheint.

Wahrlich, Sir, wir hätten nie geglaubt, daß es in diesem Lande so viele Polizeispione gibt, wie wir das Glück hatten, in der kurzen Zeitspanne von einer Woche kennenzulernen. Es werden nicht nur die Türen der Häuser, in denen wir wohnen, von mehr als zweifelhaft aussehenden Individuen streng beobachtet, die jedesmal, wenn jemand das Haus betritt oder verläßt, sehr unverfroren ihre Notizen machen; wir können keinen einzigen Schritt tun, ohne von ihnen, wohin wir auch gehen, verfolgt zu werden. Wir können in keinen Omnibus steigen und kein Kaffeehaus betreten, ohne mit der Gesellschaft wenigstens eines dieser unbekannten Freunde beehrt zu werden. Wir wissen nicht, ob die mit dieser dankbaren Tätigkeit betrauten Herren im "Dienste Ihrer Majestät" stehen, aber wir wissen, daß die Mehrzahl von ihnen alles andere als sauber und ehrbar aussieht.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_316.htm

Es scheint sich allerdings nach der Schilderung zu urteilen, nur um Spitzel der untersten Kategorie zu handeln, die an der Türe lauschen und auffällig an der Straße lauern, aber gut genug zur Täuschung des weniger informierten Publikums sind.

Welchen Nutzen sollen jemandem die spärlichen Berichte bringen, die so von einer Bande elender Spione an unseren Türen zusammengekratzt werden, von männlichen Prostituierten übelster Sorte, die meistens aus der Klasse gemeiner Denunzianten hergeholt und pro Bericht bezahlt zu werden scheinen? Sollte diese zweifellos außerordentlich glaubwürdige Berichterstattung so wertvoll sein, daß sie irgend jemandem das Recht gibt, ihretwegen den althergebrachten Ruhm der Engländer zu opfern, demzufolge in ihrem Lande keine Möglichkeit zur Einführung jenes Spitzelsystems besteht, von dem kein einziges Land auf dem Kontinent frei ist?
(ebenda)

Ja, in der Tat, solche Spitzel haben wenig Wert, weshalb man sie eigentlich nur dazu benutzen kann, damit das berechtigte Misstrauen von sich selber abzulenken. Die richtigen Agenten heißen zum Beispiel Oberst Janos Bangya, sitzen als Freunde des Hauses auf dem Sofa und lassen sich von Marx eine zur Veröffentlichung bestimmte Schrift zur Weitergabe überreichen. Oder die wirklichen Agenten überreichen dem Agenten der österreichischen Staatspolizei eine Kopie der von ihnen verfassten Schrift zur Weitergabe, um diesem damit eine Falle zu stellen und ihn danach auszunehmen. Darüber später mehr.

Wir wissen jedoch sehr gut, was dahinter steckt. Die preußische Regierung hat die Gelegenheit wahrgenommen, das kürzliche Attentat auf Friedrich Wilhelm IV. für einen neuen Feldzug gegen ihre politischen Feinde in Preußen und außerhalb Preußens zu benutzen. Und weil ein notorischer Irrer auf den König von Preußen einen Schuß abgegeben hat, soll die englische Regierung dazu verleitet werden, die Fremdenbill gegen uns anzuwenden, obwohl wir uns nicht vorstellen können, in welcher Hinsicht unsere Anwesenheit in London mit "der Erhaltung des Friedens und der Ruhe in diesem Reiche" überhaupt in Kollision geraten könnte.
(ebenda)

Ja, sie waren schon schlimmen Verfolgungen durch die preußische Regierung in London ausgesetzt, was sich schließlich daran erkennen lässt, welche geringen Konsequenzen diese preußischen Maßnahmen hatten.

Es hatte ein Attentat gegeben:

Die preußische Regierung behauptet, daß der auf ihren König abgegebene Schuß das Resultat weitverzweigter revolutionärer Verschwörungen sei, deren Zentrum in London gesucht werden müsse. Dementsprechend vernichtet sie als erstes die Preßfreiheit in ihrem Lande und fordert zweitens von der englischen Regierung, die angeblichen Führer dieser angeblichen Verschwörung aus dem Lande auszuweisen.
Wenn man den persönlichen Charakter und die Qualitäten des jetzigen preußischen Königs und die seines Bruders, des Thronerben, betrachtet, welche Partei hat dann ein größeres Interesse an einer schnellen Thronfolge - die revolutionäre Partei oder die Ultraroyalisten?

Gestatten Sie uns zu erklären, daß vierzehn Tage vor dem in Berlin verübten Attentat Personen an uns herantraten, die wir aus gutem Grunde als Agenten entweder der preußischen Regierung oder der Ultraroyalisten ansehen, und uns fast direkt zu Verschwörungen aufforderten, mit dem Ziel, in Berlin und anderswo Königsmord zu organisieren. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß diese Personen keine Chance hatten, uns zu übertölpeln.
(ebenda)

Erstaunlich, vierzehn Tage vor dem Attentat des gestörten Sergeant Sefeloge sollen Marx und seine Leute aufgefordert worden sein, einen Mord am preußischen König zu organisieren.

Maximilian Joseph Sefeloge (* 29. März 1821 in Wetzlar; † 27. Januar 1859 in der Heil- und Pflegeanstalt Nietleben bei Halle an der Saale) war ein wegen geistiger Verwirrung (Diagnose Monomanie) aus dem Dienst entlassener Feuerwerker der preußischen Garde-Artillerie-Brigade, der am 22. Mai 1850 auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin ein Pistolen-Attentat auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. verübte.
http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Sefeloge

Wer sollte das gewesen sein, der vom Anschlag des gestig verwirrten Sefeloge zwei Wochen vorher wusste und Kontakt mit der Gruppe um Marx aufnehmen wollte und zu welchem Zweck?

Gestatten Sie uns zu erklären, daß nach dem Attentat weitere Personen ähnlichen Charakters versucht haben, sich uns aufzudrängen, und zu uns in ähnlicher Weise gesprochen haben.

Gestatten Sie uns zu erklären, daß der Sergeant Sefeloge, der auf den König geschossen hat, nicht ein Revolutionär, sondern ein Ultraroyalist war.

Er gehörte der Sektion Nr. 2 des Treubunds, einer ultraroyalistischen Gesellschaft, an. Er ist unter der Nummer 133 in der Mitgliederliste eingetragen. Er wurde eine Zeitlang von dieser Gesellschaft mit Geld unterstützt; seine Papiere wurden aufbewahrt im Hause eines ultraroyalistischen Majors, der im Kriegsministerium angestellt ist.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_316.htm

Wieder ist Marx erstaunlich gut informiert. Am 19. Dezember 1850 wird sein Schwager Ferdinand von Westphalen das Ministerium des Innern in der Regierung von Preußen übernehmen.

http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adb/images/adb042/@ebt-link?target=idmatch(entityref,adb0420223)

Der Vorwurf der Kreuzzeitung, die Gruppe um Marx habe mit diesem Attentat eines ultraroyalistischen Geisteskranken auf den König etwas zu tun, war natürlich lächerlich, aber gut genug und brauchbar, die Sache der so offensichtlich zu Unrecht Beschuldigten breit durch die Presse zu ziehen und von ganz anderen, aber naheliegenderen Verdachtsgründen gegen die Gruppe um Marx abzulenken.

Die ultraroyalistische "Neue Preußische Zeitung" war die erste, die die Flüchtlinge in London beschuldigte, die wirklichen Urheber des Attentats zu sein. Sie nannte sogar einen der Unterzeichneten, von dem sie schon einmal vorher behauptet hatte, daß er vierzehn Tage lang in Berlin gewesen sei, während er London keinen Augenblick verlassen hat, wie eine große Anzahl Zeugen bestätigen kann. Wir haben an Herrn Bunsen, den preußischen Gesandten, geschrieben und ihn gebeten, uns die betreffenden Nummern dieser Zeitung zu verschaffen. Die uns von jenem Herrn erwiesene Aufmerksamkeit ging nicht soweit, ihn zu dem zu veranlassen, was wir von der courtoisie eines Chevalier erwartet hätten.
(ebenda)

Das alles ist natürlich sehr unsinnig; nicht besser ist die Behauptung von Marx, kurz vor und dann nach dem Attentat von Agenten kontaktiert worden zu sein.

Warum nennt er denn keine Namen? Eigentlich bestätigt er doch mit dieser Erzählung die Behauptung der Kreuzzeitung, es habe Verbindung nach London gegeben.

Es ist völlig undenkbar, dass irgendwelche Fremde eine über Erfahrungen und Verbindungen verfügende Person wie Marx oder Engels oder Willich etc. in ein Gespräch über eine Verschwörung ziehen könnten, ohne sich zuerst mit einem bekannten Namen einzuführen.

Beim Thema Königsmord, würde man die Fremden nicht gern wieder abziehen lassen, ohne sie mit wirksamen Methoden zum Reden gebracht zu haben.

Das ist der Brieftext an den Preußischen Gesandten in London Freiherr von Bunsen vom 30. Mai 1850 (im Original handgeschrieben von Friedrich Engels):

"Sir,

Den öffentlichen Blättern entnehmen wir, dass die "Neue Preußische Zeitung" unlängst eine Reihe von Enthüllungen veröffentlicht hat, welche jenen Teil der deutschen und besonders der preußischen Emigration betrifft, der gegenwärtig in London lebt; daß die oben genannte Zeitung von gewissen Beziehungen zwischen London und Berlin gesprochen hat und daß sie den Namen eines der Unterzeichneten in Verbindung mit dieser Sache gebracht hat.

Die Gesellschaft, der wir angehören, hält die "Neue Preußische Zeitung" nicht. Wir nehmen uns daher die Freiheit, uns an Sie zu wenden, und erwarten von Ihrer Loyalität, daß Sie, Sir, der offizielle Repräsentant unserer Nationalität in England, die courtoisie haben werden, uns die in Frage kommenden Nummern der "Neue Preußischen Zeitung" zur Verfügung zu stellen.

Wir haben die Ehre, Sir, zu verbleiben Ihre
ergebenen Diener

Karl Marx
August Willich
Friedrich Engels"

Quelle: http://www.bundesarchiv.de/aktuelles/aus_dem_archiv/galerie/00196/index.html?index=0&id=1&nr=1#

Nun ja, man war damit wenigstens ohne großen Aufwand über die britische Presse im Gespräch der Leute, vor allem der politischen Flüchtlinge. Das war sicher auch der Sinn der Sache, weil der Attentäter so offensichtlich nicht mit diesen Kreisen in Verbindung stand.

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Hellmann
28.11.2008, 15:14
Der Verräter Mehmed Bey


Der Artikel von Marx in der von David Urquhart gegründeten „The Free Press“ vom 1. April 1857 ist mit „Ein Verräter im Tscherkessengebiet“ überschrieben und handelt von dem ungarischen Oberst Janos Bangya. Aus dem Hauptquartier der Tscherkessen war im Frühjahr 1857 ein Brief nach England gekommen.

„Durch das britische Dampfboot 'Kangaroo' werden Sie diesen Brief erhalten, der wahrscheinlich die erste Nachricht von einem Ereignis nach Europa bringen wird, das sehr großen Einfluß auf das zukünftige Schicksal der Tscherkessenvölker haben dürfte. Es ist ihnen bekannt, daß Mechmed Bey (Bangya), dem ich zugeteilt bin, den Wünschen der Häupter und Abgesandten der Tscherkessenstämme entsprochen und den Posten eines Oberkommandierenden übernommen hat. Montag. den 23. Februar landeten wir in Tuapse, wo sich unser Hauptquartier befindet. Vor unserer Abfahrt nahm Mechmed Bey einige hundert hervorragende Militärausbilder für die verschiedenen Waffengattungen in Dienst, die uns hierher begleiteten. Mechmed Bey ist bereits feierlich zum Oberbefehlshaber der tscherkessischen Streitkräfte ernannt worden. Die Fürsten, Adligen und Deputierten des Volkes haben auf den Koran geschworen, ihm zu gehorchen... Es wird erwartet, daß bis zum Monat Mai 150.000 Mann (?) im Felde stehen werden…“
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_166.htm

Karl Marx kennt „Mehmed Bey“, den die Tscherkessen von den Briten gestellt bekommen haben für ihren geplanten Befreiungskampf gegen Russland, schon aus früheren Tagen:

Bangya war ein ungarischer Anführer, zuerst Kossuth ergeben und hernach Szemere; er war in den Jahren 1851 und 1852 Emigrant in England, wurde von den Preußen und der französischen Regierung als Spion beschäftigt und muß natürlich im Einvernehmen mit deren gemeinsamem Herrn stehen: Jetzt geht er unter Englands Schirm ins Tscherkessengebiet, wo ein neuer Geist vorherrschen soll. Der alte Geist war gegen Rußland, der neue müßte für Rußland sein - Tscherkessien soll eine Unabhängigkeit erlangen, die es niemals verloren hat, und um das Ganze zu krönen, wird ein Parlament erfunden, das noch zu schaffen ist.
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_166.htm

Marx lag mit seinem Verdacht nicht falsch; ebenfalls im Gebiet der Tscherkessen gegen Russland tätige, vermutlich im Kontakt mit Urquhart stehende polnische Offiziere konnten wenig später Janos Bangya alias Mehmed Bey der Kontaktaufnahme mit dem russischen Militär überführen.

Der ehemalige ungarische Oberst Janos Bangya war bereits bei den ungarischen Revolutionären mit dem Aufgabenbereichen der Geheim- und Militärpolizei betreut gewesen. Er war ein Verräter und stand, wie es den Umständen entspricht, im Dienst der österreichischen Staatspolizei. Anders als in der folgenden Quelle der FES vermutet wird, dürfte seine Anwerbung als österreichischer Geheimagent allerdings früher datieren und schon die Voraussetzung für seine Karriere und die Ernennung zum Kommandeur der Militärpolizei in der Festung Komorn (oder Komarom, heute Komàrno) gewesen sein.

Diese Festung war der Hauptstützpunkt im ungarischen Aufstand von 1848/49 und die Umgebung wurde zum Schauplatz häufiger Gefechte. Sie wurde lange Zeit von den Österreichern vergeblich belagert und fiel erst mit der Kapitulation vom 27. Sept. 1849.

Die österreichische Staatspolizei war auch in England in den Kreisen der Flüchtlinge sehr einflussreich, bevorzugt unter den ungarischen Freiheitskämpfern, aber auch im Umkreis des Karl Marx, was hier dokumentiert ist:

Die österreichische Staatspolizei hielt immerhin in einem internen Bericht von Juli 1852 fest: »Eines der Hauptmittel, der Propaganda der deutschen Factiosen hindernd zu begegnen und den Erfolg ihrer Tätigkeit zu lähmen, lag in der klugen Benützung der Spaltungen derselben, welche namentlich durch die Einwirkung des Leiters der deutschen Communisten in England, Marx, der sich ganz unter dem Einfluße österreichischer Vertrauensorgane befindet und ein erbitterter Gegner Mazzinis und seiner Anhänger unter den Emigranten ist, hervorgerufen und unterhalten wird. In der Presse, namentlich in der Amerikas, wie in den Clubs ist Marx mit der Bekämpfung seiner politischen Gegner beschäftigt und seine diesfälligen Rechenschaftsberichte, wie seine für die Presse bestimmten Artikel, gehen meist durch die Hände der Mittelsmänner, welche die Verbindung mit ihm zu erhalten und seine ausgezeichneten Talente im Interesse der guten Sache auszubeuten berufen sind.«

Anmerkung:
Das Original des Berichts lag mir nicht vor, hier zit. n. einem Auszug in Otto Maenchen-Helfens Brief an Boris Nikolaevsky vom 22.9.1936, Hoover Institution Archives, Stanford, CA, Boris I. Nicolaevsky Collection. Der österreichische Mongolenforscher Maenchen-Helfen (1894–1969) hatte 1933 mit Nikolaevsky eine Biographie von Marx und dessen Frau (Karl und Jenny Marx. Ein Lebensweg, Berlin 1933, neu hg. Hannover 1963) veröffentlicht und 1835/36 im Auftrage des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte, Amsterdam, umfangreiche Recherchen im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv unternommen. – Siehe ähnlich Rosdolskyjs Aufsatz, Karl Marx und der Polizeispitzel Bangya.
http://edoc.bbaw.de/oa/articles/reYt5OP3og5IA/PDF/23ZXA0W5qqDLQ.pdf

Einer der mit Marx in engem Kontakt befindlichen Agenten war Oberst Bangya.

Über den Fall Bangya gibt es im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung eine fotokopierte, maschinengeschriebene Darstellung, die ich hier zum Einstieg in die sehr komplexe und verwickelte Geschichte in Abschrift wiedergebe:

Marx und der Spitzel

SPD. Unter den Emigranten aus den verschiedensten Ländern, die nach der Niederlage der Revolution von 1848 ein Asyl in London fanden, wimmelte es von Polizeispitzeln. Auch Marx konnte es nicht vermeiden, mit einigen dieser Polizeiagenten in Berührung zu kommen, und sie haben ihm viele Unannehmlichkeiten bereitet. Die schlimmsten Erfahrungen machte er mit dem österreichischen Spitzel Bangya, einem Obersten der ungarischen revolutionären Armee. Dieser verstand es, sich in Marx` Vertrauen einzuschleichen und es derart zu missbrauchen, dass Marx jahrelang deshalb den schärfsten Angriffen seiner Feinde ausgesetzt war. Bis vor kurzem lag diese Angelegenheit noch fast völlig im Dunkeln, und erst neuerdings ist es dem Russen E. Czöbel, dem Verfasser einer Anzahl interessanter Arbeiten, besonders über die Geschichte des Kommunistenbundes 1846/52, gelungen, auf Grund neuer Dokumente diese Episode in ihren Einzelheiten aufzuklären.

Marx lernte Bangya in den Jahren 1850/52 kennen. Damals hatte Bangya schon ein, wenn auch nicht sehr langes, so doch sehr abenteuerliches Leben hinter sich. Ungarischer Adliger von Geburt, trat er 1833 als Sechzehnjähriger in die österreichische Armee ein. Er konnte aber dort keine Karriere machen: seine Schulden wuchsen ihm über den Kopf, und, um Schlimmeres zu vermeiden, war er gezwungen, seinen Abschied einzureichen. Dann fand er eine Anstellung in der Hofkanzlei in Wien; in der Folge betätigte er sich als liberaler Journalist und Redakteur einer kleinen Zeitung. Nach Ausbruch der Revolution in Ungarn im Jahre 1848, als die Anhänger der ungarischen Unabhängigkeit siegreich zu bleiben schienen, trat Bangya in die ungarische revolutionäre Armee ein, wo er sich jedoch nicht der militärischen, sondern der polizeilichen Tätigkeit widmete. Er wurde Chef der Militärpolizei in der Festung Komorn während ihrer Belagerung. Diesem Beruf blieb er auch in der Verbannung treu, in die er im Jahre 1849 geriet. Durch eine besondere Verordnung Kossuths wurde er zum „revolutionären Polizeichef“ der ungarischen Emigration ernannt, wobei ihm die Pflicht auferlegt wurde, nicht nur die ungarischen Emigranten, sondern auch alle anderen Emigrantengruppen zu überwachen, über die neuen Gruppierungen in der Emigration zu berichten und Spitzeldienste gegenüber der österreichischen Spionage auszuüben. Diese Aufgabe gab Bangya den Vorwand, mit den Vertretern der politischen Polizei verschiedener Länder in Verbindung zu treten, um angeblich mit ihrer Hilfe die geheimen Pläne der österreichischen Polizei gegen die ungarische Revolution auszukundschaften. Auf diese Weise geriet er aber allmählich auf die schiefe Ebene und wurde bald Agent gerade der österreichischen Polizei, die er über das Leben und Treiben der ungarischen Emigranten informierte…..

Dies alles wurde natürlich erst viel später bekannt. In den Jahren 1850/52 genoss Bangya in den Emigrantenkreisen noch grosses Vertrauen. Er gab sich als linker Demokrat aus und schloss sich der kleinen Gruppe der ungarischen Emigranten an, die dem linken Flügel der Opposition gegen die offiziellen Führer der ungarischen Emigration angehörte. Die Führer dieses Flügels standen in manchen Fragen Marx sehr nahe und unterhielten enge Beziehungen zu ihm. Sie machten ihn auch mit Bangya bekannt und empfahlen ihn aufs wärmste. Da Bangya ganz genau über alle Vorgänge in der Emigration unterrichtet war, wurde er bei Marx, dem er ständig interessante Neuigkeiten mitzuteilen wusste, gern gesehen. Schließlich vermochte Bangya Marx` Vertrauen so weit zu gewinnen, dass Marx ihm im April 1852 den Vorschlag machte, sich dem Kommunistenbunde anzuschliessen. Es erscheint deshalb selbstverständlich, dass Marx auch Bangyas Angebot der Herausgabe eines Pamphlets gegen die offiziellen Führer der deutschen Emigration volles Vertrauen schenkte. Marx erschien dieser Vorschlag besonders verlockend. Zu jener Zeit hatte er schon mit all diesen Führern gänzlich gebrochen und trat in ganz entschiedener Form gegen ihre politische Prinzipienlosigkeit und ihr politisches Abenteuertum auf. Der Hass dieser Führer gegen Marx war gross, und in der Presse jener Zeit kann manj nicht selten scharfe Angriffe gegen Marx finden. Bangyas Vorschlag gab also Marx die Möglichkeit, diese Angriffe in der Öffentlichkeit abzuwehren und „die großen Männer des Exils“ ib ihrem wahren Lichte erscheinen zu lassen.

Marx befürchtete nur, dass das Pamphlet, da es legal in Berlin erscheinen sollte, den Eindruck einer Unterstützung der Reaktion erwecken könnte. „Das ist immer eine unangenehme Sache,“ schrieb Engels darüber. Aber auch dieses Bedenken wurde bald zerstreut: schliesslich hatten doch die „grossen Männer der Emigration“ selbst nie darauf Rücksicht genommen, und wenn sie es für nötig fanden, veröffentlichten sie Angriffe gegen Marx selbst in der reaktionären Presse. Das befreite auch Marx von der Verpflichtung, im Kampfe gegen diese „grossen Männer“ besondere Rücksicht walten zu lassen. Bangyas Anerbieten wurde also angenoimmen, und im Laufe von zwei Monaten – im Mai und Juni 1852 – wurde das Pamphlet „Die grossen Männer des Exils“ von Marx und Engels gemeinsam verfasst. Anfang Juni war die Arbeit fertig und wurde Bangya ausgehändigt. Engels hoffte, dass die ersten Exemplare bereits nach 3 bis 4 Wochen erscheinen würden – es verging aber ein Monat nach dem anderen, und von dem Erscheinen des Buches war nichts zu hören. Bangya machte verschiedene Ausflüchte, denen man aber immer weniger Glauben schenkte, umso mehr, als gerade zu jener Zeit schon die ersten Gerüchte über Bangyas Verrat auftauchten. Marx und Engels stellten Nachforschungen an und erfuhren, dass der Verleger, den Bangya genannte hatte, in Berlin überhaupt nicht existierte. Kurz darauf erfuhr man auch, dass Bangya schon seit einiger Zeit Beziehungen zur Polizei unterhielt, und dass er u.a. dem Vertreter der preussischen Polizei, dem Leutnant Greif, ein umfangreiches Manuskript von Marx verkauft hätte. Jetzt wurde es klar, dass Marx einer Spitzelintrige zum Opfer gefallen war.

Die preussische Polizei konnte jedoch von diesem Dokument keinen Gebrauch machen. Sein Inhalt hatte sie sehr enttäuscht…. Anscheinend hatte man erwartet, dass dies Manuskript verschiedene Geheimnisse aus dem Emigrantenleben preisgeben würde. Marx aber, der sein Pamphlet für die breite Öffentlichkeit geschrieben hatte, dachte natürlich nicht daran, irgendwelche Geheimnisse zu enthüllen. Er wollte lediglich politische Charakteristiken seiner Gegner entwerfen, ihre persönlichen Intrigen und politische Prinzipienlosigkeit aufdecken. Deshalb konnte auch die Polizei dieses Dokument für die Öffentlichkeit nicht ausnutzen, und das Manuskript ist spurlos verschwunden. Im Archiv von Engels wurde aber der Entwurf dieses Pamphlets gefunden (er befindet sich zur Zeit im Archiv der deutschen Sozialdemokratischen Partei), und kürzlich ist die russische Übersetzung dieses Entwurfes von Czöbel veröffentlicht worden. Dieses Dokument, das sehr scharf, mitunter sogar boshaft, aber immer mit grosser Ueberzeugung geschrieben ist, hat für den Geschichtsforscher ein grosses Interesse, da es sehr aufschlussreiche Anhaltspunkte für die Charakteristik der „grossen Männer“ der deutschen Emigration der fünfziger Jahre, wie G.Kinkel, A.Ruge, K.Heinzen, Gustav Struve und viele andre bietet. Marx verfuhr mit ihnen schonungslos, da er der Ansicht war, dass alle diese Männer für die Sache der Demokratie und des Proletariats ein für alle Mal verloren seien. Die Zukunft hat auch den Beweis dafür erbracht, dass er sich im grossen und ganzen nicht getäuscht hat: manche persönlichen Angriffe sind vielleicht nicht immer und nicht in allen Einzelheiten gerecht, aber die von Marx gefällten politischen Urteile sind durchaus zutreffend.

B.Nikolajewsky.
http://library.fes.de/spdpdalt/19320302.pdf

Nun ist das Manuskript für „Die großen Männer des Exils“ aber gar nicht spurlos verschwunden; nach anderen Aussagen soll der Buchhändler es erhalten und nur aus undurchsichtigen Gründen den Druck verzögert und schließlich unterlassen haben; die Sache ist ziemlich widersprüchlich, was anhand der Darstellungen anschließend näher untersucht wird.

Es bleibt auch ein Rätsel, warum Marx und Engels das Manuskript nicht sogleich woanders in den Druck gegeben haben, was immer wieder mit der Behauptung, das Manuskript wäre verschollen gewesen, vernebelt wird. Sollte es überhaupt veröffentlicht werden oder war es von vornherein nur für die preußische Regierung und ihre Geheimpolizei bestimmt?

Hatten Marx und Engels im Zusammenspiel mit dem Leutnant Greif den österreichischen Polizeiagenten Janos Bangya in eine Falle gelockt, um ihn damit zu erpressen und Informationen zu erhalten? Die Beziehungen zwischen Preußen und Österreich waren immer wieder nicht zum Besten.

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Linkskonservativer
02.12.2008, 05:46
@ Hellmann! Alles höchst interessant! Weiter so...sowas lernt man nicht im Geschichts LK und nicht an der Uni...und auch nicht im TV!! :winken: :winken:

Hellmann
06.12.2008, 21:50
Gustav Zerffi

Ein Kollege von Janos Bangya unter den Emigranten in London und Paris war der Sohn des Publizisten Dr. Julius Stephan Zerffi, der im Jahr 1821 einen „Vaterländischen Almanach für Ungarn“ herausgegeben hatte und im Jahr 1837 ein Buch über die „Kunst in zwei Monaten ohne Lehrer Englisch lesen, verstehen, schreiben und sprechen zu lernen“. Es gibt über ihn ein Buch mit dem Titel „Ein Diener seiner Herren“ von Tibor Frank:

Zum Inhaltsverzeichnis:

http://www.boehlau.at/main/addons/table_of_contents/3-205-99453-1_xxxxxxxxxxx9xxxxxx138113.pdf

Der zweisprachige ungarische Journalist, der später zum Spion wurde, machte eine spektakuläre Karriere. Nach dem ungarischen Freiheitskampf hatte er die Aufgabe, Beziehungen zu den Anführern der internationalen politischen Emigration in der Türkei, Frankreich und England zu knüpfen. Er stand mit Lajos Kossuth, Karl Marx und Gottfried Kinkel in direkter Verbindung und war Sekretär des Deutschen Nationalvereins in London. In seinen fast 2000 Geheimberichten an den jeweiligen Innen- und Polizeiminister über die Pläne und Aktionen der ungarischen und internationalen revolutionären Emigrationsszene zeigt er sich nicht nur als eifriger Beobachter und Informant, sondern auch als Werkzeug der zielbewussten Zersetzung der Emigration "von innen her". Vom Geheimdienst entlassen, wirkte der hochbegabte Zerffi dann fast drei Jahrzehnte in London als Historiker.
Ein Diener seiner Herren: Amazon.de: Tibor Frank: B&uuml;cher

Zersetzung der Dissidenten von innen her, Auseinandersetzungen und Misstrauen schüren, eine Gruppe gegen die andere ausspielen, wir kennen das schon. Auch Zerffi fällt dem Auge des kundigen Betrachters dabei auf, wie er mit allen wichtigen Personen in Verbindung steht. Diese Zielpersonen sind entweder Opfer der Zersetzungsstrategie wie Lajos Kossuth und der oben nicht erwähnte Bertalan Szemere, der ehemalige Ministerpräsident der ungarischen Revolutionsregierung, oder es sind Mitwirkende bei dieser Zersetzung, wie der von der österreichischen Staatspolizei lobend erwähnte Karl Marx und Janos Bangya.

Zerffis ursprünglich jüdische Vorfahren waren aus Deutschland nach Österreich gezogen und dort zum katholischen Glauben konvertiert, was aus Gustav Zerffi einen grundsätzlich entwurzelten Menschen gemacht habe, so sein Biograph Tibor Frank. Zuerst in Wien unter dem Namen Hohlbrück als Schauspieler tätig, verfasste er in Sachsen ein von der österreichischen Zensur verbotenes Werk.

In 1845, he traveled to Saxony where he published his first book, Kunterbunt, which was banned and confiscated by the Austrian censors. Again, the offending content is not known, but it does seem that he was in contact with members of Young Germany and the book does contain some elements of liberal thought.
http://www.h-net.org/reviews/showpdf.php?id=7831

Zurück in Ungarn schrieb er zuerst für konservative Zeitungen gegen die liberalen Ideen.

In March 1848, when the Revolution came, Zerffi immediately took up its cause, toasting Kossuth, publishing Peto's national hymn and The Twelve Points, and opening his own liberal paper entitled Reform, with the slogan “Freedom, Equality, and Fraternity".
(ebenda)

Da die Biographen es immer für eine ganz einfache Sache halten, eine eigene Zeitung zu finanzieren, können wir davon ausgehen, dass Zerffi spätestens zu diesem Zeitpunkt als Agent der österreichischen Politik tätig wurde und nicht erst mit der Flucht aus Ungarn.

Wir haben - wie schon bei Bangya - ein weiteres sicheres Indiz:

During the revolution, he also began to write about the need for a well-organized, centralized police apparatus and served as a police official of independent Hungary and as adjutant to General Jozsef Schweidel.
(ebenda)

Da entwickelt Zerffi plötzlich seinen Sinn für die Notwendigkeiten der Polizeiarbeit und bringt es damit zum Adjutanten des Generals Schweidel, zuletzt Stadtkommandant von Budapest; in ähnlicher Weise hatte Bangya sein Interesse für die Fragen der Sicherheit entfaltet und wurde so Militärpolizeichef der Festung Komorom.

Es bleibt nur der logische Schluss: die innere Sicherheit der ungarischen Revolution lag in den geschulten Händen österreichischer Agenten.

Nach gängiger Auffassung hätten Zerffi und Bangya freilich erst nach dem Zusammenbruch der Revolution in Ungarn die Seite gewechselt, womit ihre vorangegangene Karriere auf diesem Gebiet Glück und Zufall bliebe – mit Zufällen und Glück wollen wir uns aber nicht aufhalten, das ist zu naiv.

In 1849, he again transformed himself, this time, into a paid agent of the Austrian state. Although it should be said that he was in difficult financial straights, that there were severe political and personal clashes among the emigrees, and that with his pregnant wife and son still in Hungary he was vulnerable to intimidation, Zerffi's 1849 conversion was just as remarkable as his transformation into an anti-Austrian revolutionary just a year earlier.
(ebenda)

Die beiden „bemerkenswerten Transformationen“ erklären sich leicht damit, dass Zerffi bereits als österreichischer Agent tätig gewesen ist, wohl seit seinem Kontakt mit den Kreisen des „Jungen Deutschland“ und dem unbegründeten, aber dafür brauchbaren Konflikt mit der österreichischen Zensur wegen seines Erstlingswerkes „Kunterbunt“.

Zerffi und Bangya hatten sich schon im Frühjahr 1848 kennen gelernt, beide noch als Journalisten, später arbeiteten sie in Paris und London zusammen. Nicht lange: Bangya erregte im Gegensatz zu Zerffi bald unter den Emigranten durch seinen Lebenswandel Aufsehen und Verdacht und hatte - anders als Marx mit seinem großzügigen Fabrikantensohn Engels und den Leihgaben seiner Verwandten - sich wohl keine glaubhafte Erklärung für das viele Geld einfallen lassen. Bangya bezog aus Wien das dreifache Gehalt eines Universitätsprofessors, was ein Agent auf dieser Stufe auch braucht und wenig im Vergleich zu Marx also, aber Marx verstand sich darauf, ständig alle Leute verzweifelt anzubetteln.

Bei der Zusammenarbeit in Paris und London ging es darum, das inzwischen pathologische Misstrauen des Szemere gegen Lajos Kossuth auszuspielen.

http://books.google.de/books?id=9yCmAQGTW28C&pg=PA252&lpg=PA252&dq=marx+zerffi&source=web&ots=iyOG0OHSIZ&sig=6Y2-nFH6EAQdDSs3CIEqP1xH50Y&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=7&ct=result#PPA252,M1

Bertalan Szemere war von einem „Freund“ mit einer Spekulation um das Vermögen seiner Frau betrogen worden, versuchte danach - auch mit Hilfe von Marx und Engels - einen Weinexport nach England aufzuziehen und war von Verrätern umstellt, die ihn zu Publikationen gegen Kossuth anstiften konnten.

With the help of a colleague Bangya translated Szemere`s memoirs, a malicious attack on Kossuth and Görgey, into German. Karl Marx himself checked the German version.

The two agents also caused a manuscript by Engels about the Hungarian Revolution to disappear…
http://books.google.de/books?id=9yCmAQGTW28C&pg=PA254&lpg=PA254&dq=szemere+marx+bangya&source=web&ots=iyOG0OKRJR&sig=S754ODkK1wMR66nNJ4JLQ5G0Ao4&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=7&ct=result#PPA254,M1

Das Leben des ehemaligen Ministerpräsidenten sollte in einer Irrenanstalt in Ungarn enden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bertalan_Szemere

Während Bangya schon 1854 Frankreich verlassen musste und sich in der Türkei als Mehmed Bey etablierte, wurde Zerffi erst ein Jahrzehnt später enttarnt. Marx scheint stets über alles gut informiert gewesen zu sein:

19 June 1861

Dear Frederick,

I have put off writing for so long because Weber (the Palatine watchmaker) had promised me a report on the London National Association meeting, which was the scene of Kinkel’s strange experience and was attended by Weber as a guest. I did not receive the enclosed from him until today. You will have seen from the last Hermann what it was all about. The final meeting has been adjourned until Saturday week. In the meantime, Juch, having been given the necessary supplies by a German businessman in the City, has set off to Coburg with the intention of getting the central committee of the National Association there to expel Zerffi (and hence implicite Kinkel). It’s really splendid that Gottfried’s boot-licking attitude to the English should have inspired such fanatical rage in all the liberal bourgeois in the City.

Letters have even arrived from Bonn, threatening Gottfried ‘with a drubbing’ should he return. The secret behind the support given to MacDonald by Zerffi (no doubt acting on instructions) and Gottfried is this: Gottfried holds an English appointment as lecturer at the Kensington Museum, the good Zerffi likewise at an Ashley (Shaftesbury) institution. Gottfried’s only allies are the louts of the ‘apolitical’ choral and other drinking societies. Last week Gottfried bribed these people (probably with English money) to join the National Association en bloc…
http://www.marxists.org/archive/marx/works/1861/letters/61_06_19.htm

Kinkel hatte zwar 1859 die deutschsprachige Zeitung „Hermann“ gegründet, die Redaktion aber bald an Ernst Juch übergeben. Gottfried Kinkel und Gustav Zerffi schlugen 1861 gemeinsam den für ihre Karriere in England nützlichen politischen Kurs ein. Dafür wurde Zerffi in der Mitte der 1860er Jahre aus seinem österreichischen Dienstverhältnis geworfen.

Die britische Regierung beauftragte Gottfried Kinkel 1861 mit Vorträgen zur Kunstgeschichte und der österreichische Agent Gustav Zerffi wurde ein gutbezahlter Dozent der „National Art Training School“ und Präsident der Royal Historical Society in England.

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Hellmann
13.12.2008, 18:47
Verwirrspiel um ein unveröffentlichtes Manuskript


Karl Marx hatte zusammen mit Friedrich Engels ganz ungewöhnlich kreativ und eifrig in den Monaten Mai und Juni 1852 eine Studie der Emigrantenszene in London verfasst, die erst 1930 veröffentlicht wurde, aber gleich nach ihrer Fertigstellung in die Hände der preußischen Polizei geriet.

Es handelt sich um die Schrift „Die großen Männer des Exils“, wobei der Titel ironisch gemeint ist. Es ist eine Abrechnung mit all den politischen Emigranten in London, die irgendwie bekannter und berühmter und einflussreicher und erfolgreicher als unser Karl Marx gewesen waren und sich bis dahin nicht dem Marx als treue Anhänger andienen wollten.

Diese Emigrantenstudie ist sehr lesenswert, weil sie sehr drastisch die Verhältnisse in London schildert, wobei man sich kaum vorzustellen vermag, wer den beiden Verfassern in der Kürze der Zeit all die vielen Details geliefert hat, die wörtlichen Zitate aus den Sitzungen der diversen Grüppchen und die privaten Geheimnisse ihrer Mitglieder.

http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_233.htm

Man kann es sich fast nicht vorstellen, dass die Idee zu dieser Schmähschrift jemand anderem als Karl Marx selbst gekommen sei.

Die Idee zu dem Buch gab ihm nämlich ein ungarischer Flüchtling, Oberst Janos Bangya, eine undurchsichtige Existenz, der in allerlei Emigrantenkomitees herumwimmelte, Gelder versprach, mit Verbindungen prahlte und Marx 25 Pfund für die „Charakterskizze“ zusagte. Der sonst so panisch misstrauische Marx war im beseligten Eifer, allen eins auswischen zu können, auf einen Hochstapler hereingefallen: der Verleger existierte nicht, dafür aber ein anderer Abnehmer, der wohl auch Auftraggeber gewesen war – Oberst Bangya hatte das Manuskript, von dem keine exakte Kopie existierte, an die deutsche Polizei verkauft.
(Raddatz,a.a.O. S. 204)

Schade um das schöne Büchlein, das in Londoner Emigrantenkreisen und nicht nur da sicher eingeschlagen hätte. Auch Eduard Bernstein, erfahren wir bei Raddatz (Anmerkung 202/204, S. 384),
veröffentlichte es nicht; er tilgte sogar bei der Herausgabe des Briefwechsels Marx-Engels im Jahre 1913 alle Stellen, die diese Arbeit betrafen. Erst 1924 übergab er es dem Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Das spannende Büchlein wurde von den Sozialdemokraten aber auch nicht herausgegeben, sondern erst im Jahre 1930 vom Marx-Engels-Institut in Moskau.

Karl Marx selbst schreibt im Widerspruch zu Raddatz, dass die Idee zu dem Büchlein selbstredend nicht von Bangya stammte und dieser auch nur eine Kopie des Manuskripts erhalten hatte:

In einem anderen Punkt ist Hirsch glücklicher. Bangya soll wiederholt Daten in bezug auf meinen Briefwechsel mit Deutschland angegeben haben. Da alle hierauf bezüglichen und in den Kölner Gerichtsakten befindlichen Data falsch sind, so ist allerdings nicht zu entscheiden, wer sie gedichtet hat. Nun zu Bangya.

Spion oder nicht Spion, Bangya konnte mir und meinen Parteigenossen nie gefährlich werden, da ich nie über meine Parteiangelegenheiten mit ihm sprach, und Bangya selbst - wie er mir in einer seiner Rechtfertigungsschriften ins Gedächtnis ruft - es durchaus vermied, die Sprache auf diese Angelegenheiten zu bringen. Also Spion oder nicht Spion. Er konnte nichts verraten, weil er nichts wußte. Die Kölner Akten haben dies bestätigt. Sie haben bestätigt, daß die preußische Polizei, außer den in Deutschland selbst gemachten Zugeständnissen und den in Deutschland selbst saisierten Dokumenten, nichts von der Partei wußte, der ich angehöre, und sich daher genötigt sah, die albernsten Ammenmärchen aufzutischen.

Aber Bangya hat eine Broschüre von Marx "über die Emigranten" der Polizei verkauft?
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_039.htm

Ganz unbeteiligt wird das festgestellt.

Bangya soll auch nicht auf die Idee zu dieser Schrift gekommen sein, sondern lediglich einen Verleger in Berlin dafür angeboten haben, was allerdings auch schon merkwürdig genug ist.

Bangya erfuhr von mir, in Gegenwart anderer Personen, daß Ernst Dronke, Friedrich Engels und ich eine Publikation über die Londoner deutsche Emigration beabsichtigten, die in mehreren Heften fortlaufen sollte. Er versicherte, einen Buchhändler in Berlin verschaffen zu können. Ich forderte ihn auf, sich sofort umzusehen. Acht bis zehn Tage später zeigte er an, ein Buchhändler, namens Eisermann, in Berlin, sei erbötig, den Verlag des ersten Hefts zu übernehmen, mit dem Vorbehalt, daß die Verfasser anonym blieben, da er sonst Konfiskation befürchten müsse. Ich ging darauf ein, stellte aber meinerseits die Bedingung, daß das Honorar sofort bei Einhändigung des Manuskripts gezahlt werde, da ich die bei der "Revue der N[euen] Rh[einischen] Zeitung" gemachten Erfahrungen nicht wiederholen wolle, und daß das Manuskript nach Ablieferung gedruckt werde. Ich reiste zu Engels nach Manchester, wo die Broschüre ausgearbeitet wurde. In der Zwischenzeit brachte Bangya meiner Frau einen Brief von Berlin, worin Eisermann meine Bedingungen annahm mit dem Bemerken, der Verlag des zweiten Hefts würde von dem Vertrieb des ersten abhängen. Bei meiner Rückkehr erhielt Bangya das Manuskript und ich das Honorar.

Aber der Druck verzögerte sich unter verschiedenen plausiblen Vorwänden. Ich schöpfte Verdacht. Nicht, daß das Manuskript der Polizei eingehändigt sei, damit sie es drucke. Ich bin heute bereit, meine Manuskripte dem Kaiser von Rußland auszuliefern, wenn er seinerseits bereit ist, sie morgen zu drucken. Umgekehrt. Was ich fürchtete, war Unterschlagung des Manuskripts.
(ebenda)

Dass die preußische Polizei noch sein Manuskript gedruckt haben könne, gibt der Verfasser Marx hier freimütig und witzig selber als Möglichkeit an. Aber was sollte die "Unterschlagung" der Kopie eines Manuskripts bringen? Und deutet die Zahlung des Honorars schon bei der Übergabe des Manuskripts an Bangya nicht darauf hin, dass Marx mit dem Druck nicht gerechnet hat?

In dem Zusammenhang hat Karl Marx doch glatt die Frechheit besessen, den Bruno Bauer zu belästigen:

Mein Verdacht bestätigte sich. Georg Weerth, den ich gebeten hatte, in Berlin Forschungen über Eisermann anzustellen, schrieb, daß kein Eisermann aufzutreiben sei. Ich begab mich mit Dronke zu Bangya. Eisermann war nunmehr bloßer Geschäftsführer bei Jacob Collmann. Da es mir darum zu tun war, Bangyas Aussagen schriftlich zu haben, bestand ich darauf, daß er in meiner Gegenwart in einem Brief an Engels in Manchester seine Aussage wiederholte und Collmanns Adresse angebe. Ich richtete zugleich einige Zeilen an Bruno Bauer mit der Bitte, sich zu erkundigen, wer in dem mir von Bangya angegebenen Hause Collmanns wohne, erhielt aber keine Antwort. Der angebliche Buchhändler antwortete auf meine Mahnbriefe, ich habe keinen bestimmten Termin des Drucks kontraktlich abgemacht. Er müsse am besten wissen, wann der geeignete Augenblick gekommen sei. In einem spätem Briefe spielte er den Verletzten. Schließlich erklärte mir Bangya, der Buchhändler weigere sich, das Manuskript zu drucken und werde es zurückschicken. Er selbst verschwand nach Paris.
Die Berliner Briefe und Bangyas Briefe, die die ganzen Verhandlungen enthalten, nebst Rechtfertigungsversuchen Bangyas befinden sich in meiner Hand.

Es scheinen deutsche Emigrantenkreise in London zu sein, die von dem Büchlein in den Händen der preußischen Polizei gehört haben wollen. Verständlich nur, wenn es tatsächlich da umlief und sich herumgesprochen hatte, was sich nicht ganz vermeiden lässt, weil es ja dreist und aufreizend genug geschrieben war, um sich nicht wirklich geheim halten zu lassen.

Aber warum machten mich die Verdächtigungen nicht irre, die die Emigration gegen Bangya ausgestreut hatte? Eben weil ich die "Vorgeschichte" dieser Verdächtigungen kannte. Ich lasse diese Vorgeschichte für jetzt im gebührenden Dunkel.
(ebenda)

Marx verteidigt jetzt sogar noch den Bangya, was sich nur dann versteht, wenn die Verdächtigung des Bangya, worauf die Emigranten anscheinend hereingefallen sind, eine Schutzbehauptung für Marx ist.

Weil ich wußte, daß Bangya als Revolutionsoffizier im ungarischen Kriege Rühmliches geleistet hat. Weil er mit Szemere, den ich achte, in Korrespondenz und mit General Perczel in freundschaftlicher Beziehung stand. Weil ich mit eigenen Augen ein Diplom sah, worin Kossuth ihn zu seinem Polizeipräsidenten in partibus ernennt, gegengezeichnet vom Grafen Szirmay, dem Vertrauten Kossuths, der dasselbe Haus mit Bangya bewohnte. Diese seine Stellung bei Kossuth erklärte auch seinen notwendigen Umgang mit Polizisten. Wenn ich nicht irre, ist Bangya noch in diesem Moment Kossuths Agent in Paris.

Die ungarischen Führer mußten ihren Mann kennen. Was riskierte ich im Vergleich mit ihnen? Nichts als die Unterschlagung meiner Kopie, von der ich das Original in der Hand behielt.
(ebenda)

Angeblich habe Marx vergeblich nach einem Buchhändler zum Druck seiner mit so viel Engagement verfassten Schrift gesucht. Wäre die Publikation für das Publikum wirklich jemals in Erwägung gezogen worden, hätte der Druck gleich in England erfolgen können, wozu all die Umstände?

Später frug ich bei Buchhändler Lizius in Frankfurt a.M. und anderen Buchhändlern in Deutschland an, ob sie das Manuskript drucken wollten. Sie erklärten es unter den gegenwärtigen Verhältnissen für unmöglich. Jetzt hat sich in der letzten Zeit eine Aussicht eröffnet, es in einem nichtdeutschen Lande gedruckt zu erhalten.
(ebenda)

Dabei hätte er es notfalls unter falschem Namen erscheinen lassen und dafür einen preußischen Polizeiorden erhalten können. Witzig und informativ genug war das Büchlein allemal, um einem Buchhändler Geld und eine ordentliche Auflage zu bringen, nur der Autor hätte sich danach in Londoner Emigrantenkreisen nicht mehr zeigen dürfen.

Die Geschichte wird immer lustiger und endet mit einem Gedicht:

Nach diesen Aufschlüssen, die ich natürlich nicht Herrn Hirsch gebe, sondern meinen Landsleuten in Amerika, bleibt nicht "die offene Frage": Welches Interesse hatte die pr[eußische] Polizei, ein Pamphlet gegen Kinkel, Willich und die übrigen "Großen Männer des Exils" zu unterschlagen?
Löse mir, o Oerindur,
Diesen Zwiespalt der Natur!

Karl Marx
London, 9. April 1853.
(ebenda)

Nun, ohne Oerindur zu kennen: die preußische Polizei wollte den Regierungsagenten Marx in London vor Lesern seines Pamphlets bewahren. :)

Ich selbst hatte Bangya mit seinem damaligen Freunde, dem jetzigen General Türr, 1850 in London kennengelernt. Den Verdacht, den mir seine Mogeleien mit allen möglichen Parteien - Orleanisten, Bonapartisten usw. - und sein Umgang mit Polizisten jeder 'Nationalität' einflößten, schlug er einfach nieder durch Vorzeigung eines ihm von Kossuth eigenhändig ausgefertigten Patents, worin er, früher schon provisorischer Polizeipräsident zu Komorn unter Klapka, zum Polizeipräsidenten in partibus bestallt war. Geheimer Polizeichef im Dienste der Revolution, mußte er sich natürlich die Zugänge zur Polizei im Dienste der Regierungen 'offen'halten.

Im Laufe des Sommers 1852 entdeckte ich, daß er ein Manuskript, das ich ihm zur Besorgung an einen Buchhändler in Berlin anvertraut, unterschlagen und einer deutschen Regierung in die Hände gespielt hatte. Nachdem ich über diesen Vorfall und andere mir längst auffällige Eigentümlichkeiten des Mannes an einen Ungarn" (Szemere) "zu Paris geschrieben und durch die Intervention einer dritten, genau unterrichteten Person das Mysterium Bangya völlig gelöst worden war, sandte ich eine öffentliche Denunziation, unterzeichnet mit meinen Namen, Anfang 1853 der 'New-Yorker Criminal-Zeitung' zu.
http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_091.htm

Eine weitere Story von Mehring soll hier zusätzlich angeführt werden, obwohl er sogar die Fortexistenz dieses Büchleins leugnet oder davon nichts weiß, aus dem ich anschließend reichlich zitieren werde:

Derweil der Hader über diesen Nibelungenhort noch tobte, haben Marx und Engels die kämpfenden Helden in einigen Federzeichnungen konterfeit, die leider nicht auf die Nachwelt gekommen sind. Sie wurden dazu veranlaßt durch den ungarischen Obersten Banya, der sich bei ihnen durch ein eigenhändig von Kossuth ausgefertigtes Patent als Polizeipräsident der ungarischen Emigration beglaubigt hatte. Tatsächlich war Banya ein Allerweltspitzel, der sich als solcher gerade bei diesem Anlaß entpuppte, indem er das ihm von Marx für einen Berliner Buchhändler anvertraute Manuskript an die preußische Regierung auslieferte. Marx nagelte den Patron sofort durch eine von ihm unterzeichnete Denunziation in der »New-Yorker Criminalzeitung« fest, doch sein Manuskript blieb verloren und ist bis auf diesen Tag verschollen. Hatte die preußische Regierung es etwa zu erlangen gesucht, um damit Material für den Kölner Prozeß zu gewinnen, so ist ihrer Liebe Müh' umsonst gewesen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_198.htm#Kap_6

Bei Mehring wieder die falsche Behauptung, die Schrift wäre durch Bangya angeregt worden. Der von Kossuth beglaubigte „Polizeipräsident der ungarischen Emigration“ wird wohl Marx und Engels noch zusätzlich mit den für ihr Büchlein benötigten Spitzelberichten über die deutschen Emigranten versorgt haben und auf diesem Wege in einen Zusammenhang mit dem Buchprojekt gekommen sein.

Wenn Marx und Engels wirklich geplant hätten, das Büchlein für das Publikum zu publizieren, wäre es nicht zu verhindern gewesen. Natürlich haben sie auch nicht das einzige Exemplar ihrer zwei Monate umfassenden Arbeit aus den Händen gegeben, ohne es die Jenny Marx vorher abschreiben zu lassen.

Vor allem hätten sie nicht das einzige Exemplar einem Ungarn aus der Hand gegeben, um es einen Berliner Buchhändler publizieren zu lassen, bei dem spätestens mit einer Beschlagnahmung des Manuskripts gerechnet werden musste, wenn dessen Autoren so bekannte gefährliche Revolutionäre gewesen sein sollten.

Das ergibt so alles mehrfach keinen Sinn.

Aus dem anschließend zitierten Inhalt lässt sich der Grund leicht erkennen, warum Marx und Engels das Büchlein nicht für das Publikum – womöglich noch die Emigranten - geschrieben und publiziert haben. Es lässt sich auch erahnen, wer dieses Büchlein mit heller Freude gelesen haben dürfte: nämlich die preußische Polizei und Regierung, in deren Hände es auch gelangte.

Eine Erklärung dafür, warum die preußische Polizei ein Manuskript dem Oberst Bangya abkauft, das ohnehin in einem Berliner Verlag erscheinen soll, sucht man bisher in der Literatur vergebens. Oder gar eine Erklärung für das Risiko, mit dem Bangya dieses Manuskript der preußischen Polizei übergeben hat, anstatt einfach beim Berliner Verlag einige Exemplare für die preußische Polizei und die Regierung zu bestellen. In der Marx/Engels Gesamtausgabe von 2003 heißt es:

Anfang Juli 1852 erhielt Bangya das Manuskript. Er übergab es an den preußischen Geheimagenten in London, Friedrich Wilhelm Greiff. Ende Juli 1852 war die von Bangya genannte Frist für die Fertigstellung des Druckes abgelaufen. Bangya erfand Ausreden, die Marx zu Nachforschungen veranlaßten. Diese ergaben, daß der von Bangya genannte Buchhändler gar nicht existierte.
(MEGA, S. 1099)
http://books.google.de/books?id=QflZdnHFcfoC&pg=RA1-PA1099&lpg=RA1-PA1099&dq=bangya+greif&source=web&ots=gWS62G-k89&sig=fI4KWEuqmTAas-Z_AsmCIxXA1wg&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=4&ct=result#PRA1-PA1099,M1

Keine Erklärung dafür, warum Bangya das Manuskript dem Greiff verkauft, aber der davon ja unabhängige Druck in einem Berliner Verlag nicht erfolgt. Warum sollte Bangya überhaupt falsche Angaben über einen ihm bekannten Verlag oder Verleger gemacht haben? Warum sollte Bangya Ausreden erfinden, warum der Verlag nicht druckt, anstatt den Verlag deshalb anzugehen und gegebenenfalls dem Marx melden, dass der Verlag von der Vereinbarung zurücktreten will?

Warum fallen diese Ungereimtheiten niemandem auf?

Nach aller Logik müsste Bangya selbst mit dem Berliner Verleger gelinkt worden sein. Zusätzlich noch durch den Geheimagenten Greiff, dem das Manuskript von Bangya zugespielt wurde, was aber nur eine Falle für Bangya war.

Meine Vermutung lautet nun folgendermaßen:

Der Druck für das Publikum war überhaupt nicht geplant. Marx und Engels hätten sich dadurch auch die größten Probleme zugezogen. Das Manuskript war von vornherein für die preußische Polizei und Regierung gedacht, der es derart zugespielt werden sollte, dass auf Marx und Engels dann kein Verdacht fallen konnte. Dass das Manuskript nicht gedruckt wurde und in die Hände der preußischen Polizei und Regierung fällt, dafür sollte Bangya verantwortlich gemacht werden.

Erstens für den Fall, dass das Büchlein und dessen Autoren in Emigrantenkreisen doch noch ruchbar werden sollten, wurde die Geschichte mit dem untreuen Oberst Bangya inszeniert und von Marx an die „New Yorker Criminalzeitung“ gegeben.

Zweitens konnte das Büchlein mit dieser Legende auch gefahrlos am Berliner Hof und in den oberen preußischen Amtsstuben umlaufen, ohne gleich jedem dortigen Leser den Verfasser Karl Marx als preußischen Regierungsagenten zu entlarven. Die „Denunziation“ des Oberst Bangya in der doch etwas abgelegenen „New Yorker Criminalzeitung“ macht nur in diesen beiden Zusammenhängen als offizielle Schutzbehauptung einen Sinn.

Als Agent der französischen und preußischen Polizei werden wir nach einem anderen Patron suchen müssen. Was hätte den für Österreich arbeitenden Oberst Janos Bangya plötzlich ausgerechnet mit Preußen in Verbindung bringen sollen? Höchstens Karl Marx, der Schwager des amtierenden preußischen Innenministers persönlich.

Ein „Hochstapler“ jedenfalls, wie Raddatz ihn nennt, oder ein Allerweltspitzel, wie Mehring behauptet, war der Oberst Bangya mit seinen Funktionen in der Geheimpolitik sicher nicht.


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Hellmann
13.12.2008, 18:59
Doppelspiele und Täuschungen


Aus einem Brief vom 12. April 1853 des Friedrich Engels an Weydemeyer in New York lässt sich entnehmen, dass mit Bangya ein noch weiter gehendes abgekartetes Spiel getrieben wurde. Es ging auch darum, von Bangya Informationen zu erpressen.

As for Bangya, we have him completely in our power. The fellow’s so deeply implicated that he is utterly done for. Fresh grounds for suspicion kept cropping up and, in order to cover himself he was compelled to show Marx little by little his entire hoard of documents from Kossuth, Szemere, etc. This is how I come to possess the original manuscript of Szemere’s pamphlet on Kossuth and Görgey. Mr Kossuth, then, has been badly compromised through Mr Bangya. This magyarised Slav’s petty cunning was foiled by Marx’s tenacity and the skill with which he implicated him. We, and no one else (save perhaps Szemere, up to a point), now possess complete documentary evidence as to Bangya’s character, but what purpose would be served by raising the alarm just now? The fellow is said to be returning to London in May, and then we can press him hard and possibly extract a great deal more useful information. All manner of things have been going on between Willich and Hirsch which are still very far from clear and if, as you maintain, it was through Kinkel’s agency that Hirsch’s manuscript found its way over there, this again conjures up the most bizarre speculations. Il faut tâcher d'y voir clair [we must try to clarify this], and Bangya can be useful there. So don’t say anything about it for the moment; that apart, let the Hungarian gentlemen themselves come forward for once and speak their minds, Kossuth in particular. Why should we give them a helping hand? If they make fools of themselves in a public statement, tant mieux, then it will be our turn.
http://www.ucc.ie/acad/appsoc/tmp_store/mia/Library/archive/marx/works/1853/letters/53_04_12.htm

Es verhielt sich zwischen den Regierungsagenten damals so, dass jeder unabhängig von den anderen Agenten sogar der eigenen Regierung operierte. Bangya konnte also nur vermuten, was Marx und Engels trieben, hatte dafür aber keine Beweise und konnte auch nicht um Solidarität unter Kollegen betteln. Dass Bangya Marx über die Kreise der Emigranten in London informiert hatte und umgekehrt, das stiftet da noch lange keine Freundschaft.

Marx und Engels haben Bangya also in die Falle laufen lassen, das Manuskript erhielt wie gewünscht die Regierung und in einem Verlag für das Publikum wurde es nicht gedruckt, aber Bangya sollte sich dafür noch rechtfertigen und die Schuld übernehmen. Zusätzlich wurde gegen Bangya in Emigrantenkreisen in Umlauf gebracht, dass er das Manuskript an den Greiff gegeben habe. Wer wollte das eigentlich wissen, ohne selber in Kontakt zur preußischen Polizei zu stehen?

Aus dem Brief des Engels wird auch deutlich, wie kaltblütig und professionell das Vorgehen von Marx und Engels gegen Bangya war, ganz im Gegenteil zu den Darstellungen, dass Marx in seiner Unschuld und Einfalt ein Opfer des durchtriebenen Ungarn geworden wäre.

Wir müssen hier den Ereignissen wieder etwas vorausgreifen, um die Angelegenheit auf einen weiteren Punkt zu bringen. Das wirkliche Ziel hinter Bangya hieß Kossuth.

Kossuth zu schaden, war auch der Auftrag Bangyas im Dienst der österreichischen Interessen und er hat sich dafür wirklich bemüht und wie wir an seinen Aussagen vor dem Gericht in der Türkei erkennen, muss Bangyas „Verrat“ als ein Instrument dazu behandelt werden. Bangya erweckte den Eindruck, als sei er von Kossuth zu seinem Verrat gezwungen worden, und Marx sorgte mit einem Artikel in der New-York Daily Tribune vom 16. Juni 1858 dafür, dass genau dieser Verdacht weitere Kreise zog.

Sehr bald nach Beendigung des letzten Krieges mit Rußland, erschien in der Presse die Mitteilung, daß ein gewisser Mechmed Bey, Oberst in der türkischen Armee, alias J. Bangya, Ex-Oberst der ungarischen Armee, Konstantinopel verlassen hätte, um mit einer Anzahl polnischer Freiwilliger nach Tscherkessien zu gehen. Gleich bei seiner Ankunft wurde er so etwas wie ein Stabschef bei Sefer Pascha, dem tscherkessischen Oberhaupt. Wer diesen ungarischen Befreier Tscherkessiens von früher kannte, konnte keinen Zweifel darüber haben, daß er nur zu einem einzigen Zweck in dieses Land gegangen war: es an Rußland zu verkaufen…
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_475.htm

Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution 1849 waren viele politische Flüchtlinge, darunter auch Lajos Kossuth, aus Ungarn ins Osmanische Reich geflohen und einige hatten es dort zu Einfluss gebracht und waren im Krimkrieg auf türkischer Seite beteiligt, wie eben auch viele Polen.

Im Gegensatz zu den oben zitierten Sätzen von Marx steht also zu vermuten, dass es die Aufgabe eines österreichischen Agenten sein sollte, im Osmanischen Reich Misstrauen gegen die politischen Flüchtlinge aus Ungarn zu schüren und Spannungen zwischen den Flüchtlingen, wie hier den Polen und Ungarn.

Hellmann
13.12.2008, 19:16
Die Tscherkessen an Russland zu verkaufen, stand dagegen auch nicht in der Macht eines österreichischen Agenten. Er konnte, ob man ihm das vorher gesagt hatte, ist eine andere Frage, allerdings als Angehöriger der ungarischen Emigranten sich selbst mit verräterischen Handlungen verdächtig machen und dabei ergriffen werden, um dann die führenden ungarischen Emigranten als seine Hintermänner darzustellen.

Vor etwa einem Monat enthielten die europäischen Zeitungen denn auch die Nachricht, es wäre aufgedeckt worden, daß Bangya-Mechmed Bey tatsächlich in verräterischer Korrespondenz mit dem russischen General Philipson gestanden habe und von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden sei. Bangya erschien jedoch kurze Zeit danach plötzlich in Konstantinopel. Mit seiner üblichen Unverschämtheit erklärte er, alle diese Geschichten über Verräterei, Kriegsgericht etc. wären reine Erfindungen seiner Feinde, und versuchte, sich als das Opfer einer Intrige hinzustellen.

Wir sind zufällig im Besitz der wichtigsten Dokumente über diesen merkwürdigen Zwischenfall des tscherkessischen Krieges und werden nunmehr einige Auszüge daraus mitteilen. Diese Papiere wurden durch Leutnant Franz Stock vom polnischen Bataillon in Tscherkessien, eins der Mitglieder des Kriegsgerichts, das Bangya überführt hatte, nach Konstantinopel gebracht. Die Öffentlichkeit mag danach selbst urteilen.

Auszüge aus den Protokollen des Kriegsrats, abgehalten zu Aderbi, Tscherkessien, über Mechmed Bey, alias J. Bangya von Illosfalva.



"Ermüdet von dem langen Verhör lege ich der Kommission dieses Geständnis vor.,. Früher war mein Name Janos Bangya von Illosfalva; jetzt heiße ich Mechmed Bey; ich bin vierzig Jahre alt; meine Religion war die römisch-katholische, aber 1853 trat ich zum Islam über ... Meine politische Tätigkeit ... wurde mir von dem ehemaligen Führer meines Landes, Lajos Kossuth, diktiert ... Mit Einführungsbriefen meines politischen Chefs versehen, kam ich am 22. Dezember 1853 nach Konstantinopel ... Ich trat in die türkische Armee mit dem Range eines Obersten ein. Zu dieser Zeit erhielt ich häufig von Kossuth Briefe und Instruktionen, die die Interessen meines Landes betrafen. Zu gleicher Zeit richtete Kossuth eine Botschaft an die Ottomanische Regierung, in der er den Türken dringend nahelegte, sich vor einer Allianz mit Frankreich, England oder Österreich in acht zu nehmen, und ihnen den Rat erteilte, sich eher mit den revolutionären Italienern und Ungarn zu verbinden ... Meine Instruktionen rieten mir, mich in irgendeiner Weise den Truppen anzuschließen, die dazu ausersehen waren, an den Küsten Tscherkessiens zu agieren ... In Tscherkessien angekommen, begnügte ich mich eine Zeitlang damit, die Lage im Lande zu studieren und meine Beobachtungen meinen politischen Freunden mitzuteilen ... Ich versuchte, mich Sefer Pascha anzuschließen ... Meine Instruktionen rieten mir, irgendwelche offensiven Schritte von der Seite der Tscherkessen zu verhindern und mich allem ausländischen Einfluß im Lande entgegenzustellen. Kurze Zeit vor meiner Abreise aus Konstantinopel erhielt Oberst Türr, der seine Instruktionen von derselben Stelle empfängt wie ich und mit dem ich jahrelang in politischer Verbindung gestanden habe, den Auftrag, sich dem griechischen Aufstand anzuschließen. General Stein" (Ferhad Pascha), "der auch zu unserer Gruppe gehört, wurde angewiesen, nach Anatolien zu gehen. Was den Plan anbelangt, Sefer Pascha attachiert zu werden, so gelang er, und sehr bald gewann ich sein volles Vertrauen. Als ich sein Vertrauen erst einmal besaß, war es leicht für mich, meine Instruktionen zu befolgen und auszuführen ... Ich überzeugte Sefer Pascha, daß Tscherkessien nach dem Kriege wieder der Herrschaft des Sultans unterworfen werden würde ... Den türkischen Kommandeuren gab ich zu bedenken, daß alle offensiven Maßnahmen ihrer Truppen gefährlich sein würden, da die Tscherkessen ... sie in der Stunde der Gefahr verlassen würden... Ich schickte regelmäßig Berichte über meine geheime Tätigkeit an meine politischen Vorgesetzten ...

Am 21. März 1856 teilte mir Sefer Pascha mit, daß in der Volksversammlung beschlossen worden wäre, eine Abordnung an die türkische, französische und britische Regierung zu entsenden, um diese Mächte zu bitten, Tscherkessien wieder der Türkei einzuverleiben. Ich erreichte bei Sefer Pascha, daß ich mich dieser Abordnung anschließen konnte ... Bei meiner Ankunft in Konstantinopel ... sandte ich an meine politischen Freunde und an Kossuth einen detaillierten Bericht über die Lage in Tscherkessien ... Ich erhielt als Erwiderung Instruktionen, die mir befahlen, mit Oberst Türr und General Stein Verbindung aufzunehmen und die Angelegenheiten gemeinsam mit ihnen zu führen und so viele Ungarn wie möglich daran zu beteiligen. Gleichzeitig trat ich mit Ismail Pascha in Verbindung, dem Postmeister des Ottomanischen Reiches, einem Tscherkessen von Geburt, der mir patriotisch und fähig erschien, Opfer für sein Land zu bringen. Ich beriet mit ihm die Art und Weise, in der es uns möglich wäre, nach Tscherkessien Waffen, Munition, Geräte für Waffenmeister sowie gute Offiziere und Handwerker zu senden. Aber der tatsächliche Plan der Expedition wurde zwischen General Stein, Oberst Türr und mir abgesprochen. Hauptmann Franchini, Militärsekretär des russischen Gesandten, war bei mehreren unserer Beratungen anwesend. Das Ziel war, Tscherkessien in einer friedlichen, langsamen, aber sicheren Art und Weise für russische Interessen zu gewinnen ...

Einige Tage später erhielt ich von Oberst Lapinski einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß in Gelendschik keine Truppen seien und daß seine Stellung nicht zu halten wäre ... Ich ging selbst nach Gelendschik, und an Ort und Stelle legte mir Oberst Lapinski die Gefährlichkeit seiner Position und die drohende Gefahr eines Angriffes der Russen dar. Neun Tage später wurde seine Voraussage Wirklichkeit ...

Die Agitation, die ich unter den Offizieren und Soldaten in Aderbi während und nach der Katastrophe von Gelendschik betrieb, war einfach die Folge meines Entschlusses, Zwiespalt zwischen dem Detachement und Oberst Lapinski zu säen ... Durch Emissäre ließ ich unter den Tscherkessen Gerüchte verbreiten, daß er die Kanonen an die Russen verkauft hätte ... Ich ließ mich durch die gespielte Aufrichtigkeit des Obersten hinters Licht führen, der mich in Wahrheit mit größerer Wachsamkeit als je beobachtete ...

In Übereinstimmung mit meinen Instruktionen sollte ich Beziehungen zu dem russischen General herstellen ... Mein anonymer Brief, der gegenwärtig in den Händen der Kommission ist, sollte einen regulären Briefwechsel einleiten, aber durch die Dummheit des russischen Kommandeurs ist er in Ihre Hände gefallen ...

Ganz plötzlich warf Oberst Lapinski die Maske ab und erklärte mir bei Sefer Pascha schroff, daß er mich weder als seinen Vorgesetzten noch als Militärkommandanten in Tscherkessien anerkenne, brach jeden Verkehr mit mir ab ... richtete auch einen <481> Tagesbefehl in diesem Sinne an das polnische Detachement. Ich versuchte, ihn durch einen anderen Tagesbefehl abzusetzen, der an die Soldaten gerichtet war, aber meine Bemühungen waren vergeblich ...

gez.: Mechmed Bey."
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_475.htm

Da werden also von Oberst Bangya die führenden Persönlichkeiten der ungarischen Seite beschuldigt, unter Führung von Kossuth Verrat nicht nur an den Tscherkessen und Türken, sondern auch an den Polen, Franzosen und Engländern, die sich gerade im Krimkrieg befinden, begangen zu haben. Die ganze Geschichte hängt allerdings an den Bekundungen des österreichischen Agenten Bangya, den das Schicksal wegen eines Briefes an einen russischen General vor das Kriegsgericht gebracht hat. Es klingt wie ein Komplott der österreichischen Geheimpolizei gegen die Ungarn.

Da sehen wir uns diesen Brief doch einmal näher an, wenn Marx den schon zitiert hat:

(Nr. 5) - Brief des Janos Bangya an den General Philipson:

"Läge es nicht im Interesse Rußlands, Tscherkessien zu befriedigen? Es ist vielleicht möglich, die Ebenen von Tscherkessien für kurze Zeit mit enormen Opfern zu erobern, aber die Berge und die natürlichen Befestigungen werden niemals erobert werden. Die russischen Kanonen haben ihre Wirkung verloren. Die tscherkessische Artillerie wird der russischen mit genügendem Erfolg antworten. Die Tscherkessen sind nicht mehr, was sie vor fünf Jahren waren; unterstützt durch eine kleine reguläre Streitmacht, kämpfen sie genau so gut wie die russischen Truppen, und für ihre Religion und ihr Land werden sie bis zum letzten Mann kämpfen. Wäre es nicht besser, den Tscherkessen eine Art Scheinfreiheit zu gewähren, Tscherkessien einem nationalen Fürsten zu unterstellen und diesen Fürsten unter die Schirmherrschaft des russischen Zaren zu stellen? Mit einem Wort, aus Tscherkessien ein anderes Georgien oder etwas in dieser Art zu machen? Ist Tscherkessien erst einmal eng an Rußland gebunden, dann stehen die Straßen Anatoliens und Indiens den Russen offen. Sapienti sat. Es wäre möglich, Verhandlungen auf dieser Basis zu eröffnen. Überlegen und antworten Sie."
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_475.htm

Dieser Brief ist allerdings ein auffälliges Stück Schund. Gerade gut genug, um auf dem Wege zum russischen General Philipson abgefangen zu werden und dann den Prozess gegen Bangya mit seinen Anschuldigungen Kossuths und der anderen führenden Ungarn wie des Generals Türr zu inszenieren.

Der Empfänger dieses Schreibens hätte den Absender für einen mit den Verhältnissen völlig Unkundigen halten müssen. Die Stammesfürsten der Tscherkessen betrieben Sklavenhandel, sie versorgten die Harems der zahlungskräftigen türkischen Sultane mit weißhäutigen Mädchen, die sie auf ihren Raubzügen vor allem gegen ihre christlichen Nachbarn erbeuteten. Während des Krimkriegs erblühte dieser Wirtschaftszweig so stark, dass die Engländer und Franzosen Druck auf die türkischen Verbündeten ausübten, den Sklavenhandel mit Christenmädchen durch die Tscherkessen einzuschränken.

Die Mitglieder des Kriegsgerichts waren sicher nicht in der Lage, das Spiel zu durchschauen.

(Nr. 6) Urteil, 20. Januar 1858:
"Nach Verlesen des Geständnisses von Oberst Mechmed Bey auf den Sitzungen vom 2., 3., 4., 5., 6., 7. und 11. Januar; nach Anhören der Zeugenaussagen auf der Sitzung vom 9. Januar erklärt das Kriegsgericht auf seiner heutigen Sitzung Mechmed Bey auf Grund seines Geständnisses und der Zeugenaussagen des Landesverrats und der Geheimkorrespondenz mit dem Feinde für überführt; erklärt ihn für ehrlos, seines Ranges in diesem Lande verlustig und verurteilt ihn zum Tode - einstimmig.

Gez.: Jacob Beckert, Soldat; Philipp Terteltaub, Kanonier; Mathias Bedneizek, Sergeant; Otto Linovski, Artillerist; Franz Stock, Unterleutnant; Anton Krysciewicz, Unterleutnant; Michael Marecki, Leutnant; Leon Zawadski, Artillerist; Stanislas Tanckowski, Gefreiter; John Hamaniski, Sergeant; Alexander Michicki, Feldwebel; Casimir Wystocki, Unterleutnant; Josef Aranoski, Leutnant; Peter Stankiewicz, Hauptmann; Theophil Lapinski, Oberst."
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_475.htm

Das klingt zwar dramatisch, war für Bangya aber in Wirklichkeit nicht schlimm, weil die obengenannten Polen ein Todesurteil nur zu Papier bringen, aber nicht vollstrecken konnten.

Den obigen Dokumenten haben wir lediglich hinzuzufügen, daß Sefer Pascha nicht geneigt war, das Todesurteil an einem Mann vollstrecken zu lassen, der den Rang eines Obersten in der Armee des Sultans innehatte, und daß er ihn daher nach Trapezunt eskortieren ließ. Die Ungarn in Konstantinopel erklärten Mechmed Beys Verräterei für eine reine Verleumdung, aber die polnischen Offiziere protestierten sofort gegen diese Behauptung und drohten mit einer eventuellen Veröffentlichung der Dokumente, die sich auf diese Affäre beziehen. Wir veröffentlichen sie nun im Auszug, da sie den bei weitem interessantesten Beitrag zur Geschichte des tscherkessischen Krieges bilden.
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_475.htm

Die durch Bangya „gestandene“ ungarische Verschwörung war natürlich derart lächerlich, dass sich selbst die Tscherkessen das nicht aufschwatzen ließen und das tscherkessische Oberhaupt Sefer Pascha den „Verräter“ Bangya halt zu den Osmanen bringen ließ, wo die Geschichte nicht glaubwürdiger wurde.

Das eigentliche Ziel, den inneren Streit zwischen den Flüchtlingen und das generelle Misstrauen aller Seiten zu schüren, hat die Sache jedoch erreicht und Marx war ganz führend beteiligt.

"New-York Daily Tribune" Nr. 5436 vom 23. September 1858


Vor einigen Monaten sandte ich Ihnen eine Reihe von Dokumenten, die sich auf den versuchten Verrat an den Tscherkessen durch Mechmed Bey, alias Oberst Bangya, bezogen. Seitdem ist ein neues Kapitel dieser seltsamen Episode aus dem Tscherkessischen Kriege hinzugefügt worden; Erklärungen und Gegenerklärungen der verschiedenen darin verwickelten Parteien haben zunächst Anlaß zu ernsten Fehden zwischen den ungarischen und polnischen Emigranten in Konstantinopel gegeben, dann zu erbitterten Debatten in den Londoner Hauptquartieren des europäischen Exils darüber, daß angeblich gewisse prominente Persönlichkeiten Komplizen Bangyas seien. Völlig im klaren über das Interesse, das die revolutionäre Emigration aller Schattierungen und aller Nationalitäten den Veröffentlichungen in der "Tribune" entgegenbringt, hielt ich mich bewußt zurück, meine Anklagen zu wiederholen, ehe man mir nicht die Originale einiger, in Konstantinopler Zeitungen veröffentlichter Briefe, deren Echtheit zunächst jedoch bestritten worden war, gezeigt, und ehe ich nicht in allen strittigen Fragen Klarheit erlangt hatte. Ich würde es jedoch als eine Pflichtvergessenheit ansehen, jenen feigen Manövern nicht entgegenzuwirken, die bezwecken, jede weitere Untersuchung zu ersticken und einen Schleier des Geheimnisses über die ganze Sache zu werfen. Wenn ein Kreis von revolutionären Emigranten existiert, der es für richtig hält, mit dem russischen Kabinett zu konspirieren und sich selbst mit solchen Berufsspionen wie Bangya einzulassen, so mögen sie hervortreten und sich zu ihren Ansichten bekennen.

Sie werden sich erinnern können, daß es Leutnant Stock von der polnischen Freiwilligentruppe in Tscherkessien war, der als Kurier der Depeschen Oberst Lapinskis, seines Chefs, und Mitglied der Militärkommission, die über Bangya zu Gericht gesessen, Bangyas Geständnis sowie die anderen diesbezüglichen Schriftstücke nach Konstantinopel gebracht hatte. Leutnant Stock blieb vier Monate in Konstantinopel, um, falls es zu einer Gerichtsverhandlung kommen sollte, als Zeuge für die Richtigkeit der Anklage auf Verrat, die Lapinski gegen Bangya erhoben hatte, auftreten zu können. In seinem Geständnis hatte Bangya Kossuth, General Stein, Oberst Türr und den von Kossuth geführten Teil der ungarischen Emigration mit seinen eigenen Intrigen in Tscherkessien identifiziert.
http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_557.htm

Die Tscherkessen selber hätten Bangya wohl an einem Strick hinter einem Gaul zu Tode geschleift, wenn an seiner Geschichte über seine „Intrigen“ vor dem polnischen „Kriegsgericht“ irgendetwas glaubhaft gewesen wäre, aber sie hielten das wohl nur für Spinnereien und Streitereien von irgendwelchen Fremden.

Bangya blieb in Freiheit und seine Auftraggeber dürften mit seinen Erfolgen zufrieden gewesen sein. Die Emigranten waren zerstritten und der bislang berühmte Kossuth, der erfolgreich in Amerika Geld gesammelt und in England viele Unterstützer gewonnen hatte, war ins Zwielicht gerückt.

Bangya selbst hatte dafür zwar einige Unannehmlichkeiten und musste den Vorzeigebösewicht in der Inszenierung geben, aber so wie schon in der Affäre um das veruntreute Manuskript in London hat Bangya keinen wirklichen Schaden genommen, weshalb bei mir der Verdacht bleibt, die öffentlich gewordene Verräterei des Bangya in London könnte auch schon dem Zweck gedient haben, den Lajos Kossuth über seinen Mitarbeiter Bangya in Verruf zu bringen, wie es danach in der Türkei endgültig offensichtlich praktiziert wurde.

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Hellmann
16.12.2008, 12:19
Die großen Männer des Exils


Auszüge einer gelungenen Schmähschrift, einer bösartigen Abrechnung mit ehemaligen Freunden und einer Denunziation der politischen Flüchtlinge im London der Jahre 1849-1852.

Der populärste deutsche Emigrant in London war Gottfried Kinkel, ehemaliger Dozent für Kirchengeschichte an der theologischen Fakultät in Bonn. Seine Beziehung zu einer geschiedenen Katholikin und die spätere Heirat machten ihn als Theologen untragbar und man gab ihm eine außerordentliche Professur für Kunst- und Literaturgeschichte.

Zwei Jahre später, 1848, wurde er Redakteur der Bonner Zeitung und als solcher in die preußische Nationalversammlung gewählt. Schon bald wurde er - getragen von der allgemeinen politischen Unzufriedenheit - die Symbolfigur derer, welche eine Republik gründen wollten. Kinkel nahm 1849 am badisch-pfälzischen Aufstand teil und wurde von den Preußen verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt, während sein Freund Carl Schurz der Verhaftung in Rastatt durch eine Flucht über einen aus der Festung führenden Abzugskanal entging. Praktisch über Nacht avancierte Kinkel zum Märtyrer der Revolution. Es bildeten sich in vielen Städten Kinkel-Komitees, welche Geld sammelten, um seine Familie zu unterstützen.

Heimlich erfuhr auch Carl Schurz hier Unterstützung, bis er in der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 in einer wahnwitzigen Befreiungsaktion seinen Freund Kinkel aus dem Gefängnis in Spandau bei Berlin befreien konnte. Die beiden flohen durch Mecklenburg nach London und Paris, Schurz später dann weiter in die USA.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Kinkel

Die Popularität Kinkels beruhte auf den schrecklichen Bedingungen seiner Festungshaft, die keine politische Ehrenhaft war, sondern Zwangsarbeit unter schlimmeren Bedingungen als in einem Zuchthaus, und den Bemühungen seiner Frau, Berichte über seine Haft unter das Publikum zu bringen. Dazu kam dann noch die abenteuerliche Befreiung durch Carl Schurz und die gemeinsame Flucht aus Preußen.

Für die preußische Regierung und den König war die Angelegenheit Kinkel eine öffentliche Blamage.

Die Schmähschrift von Marx gegen Gottfried Kinkel dürfte innerhalb der preußischen Polizeiführung und eventuell sogar von Regierung und König zwar mit Begeisterung gelesen worden sein, war aber zur Veröffentlichung auch deshalb nicht geeignet, weil man damit die Bürger unberechenbar provoziert hätte und der bisher noch als Revolutionär geltende Autor damit vermutlich für alle Zeiten erledigt gewesen wäre. Da hätten die Leute ihm später auch keine Werttheorie mit "Wertformanalyse" mehr abgenommen.

Gottfried, der im ganzen gar nichts erlebt, kömmt in seinen Erlebnissen natürlich stets wieder auf seine inneren Gefühle zurück. Der Pietismus, der ihm als Predigersohn und angehender Gottesgelahrter anklebt, entspricht seiner angeborenen Gemütsschwäche sowie der koketten Selbstbeschäftigung mit seiner Person. Wir erfahren, daß Mutter und Schwester streng pietistisch waren und daß Gottfried ein starkes Sündenbewußtsein besaß; der Konflikt dieser frommen Sündenanschauung mit dem "heiter-geselligen Lebensgenuß" der gewöhnlichen Studenten erscheint bei Gottfried, seinem welthistorischen Beruf gemäß, als ein Kampf der Religion mit der Poesie, - der Schoppen Bier, welchen der Sohn des Pfarrers von Oberkassel mit andern Studenten trinkt, wird zu dem verhängnisvollen Kelch, in welchem die beiden Geister Fausts ringen. In der Schilderung seines pietistischen Familienlebens sehen wir die "Mutter Maria" den "Hang Gottfrieds für das Theater" als sündhaft bekämpfen (pag. 28), bedeutungsvoller Zwiespalt, der wieder den künftigen Poeten andeuten soll, in der Tat aber nur Gottfrieds Vorliebe für das Komödiantentum zur Schau bringt. Seiner Schwester Johanna wird als pietistisches Megärentum nacherzählt, daß sie ein fünfjähriges Mädchen wegen Unachtsamkeit in der Kirche gemaulschellt habe - schmutziger Familienklatsch, dessen Enthüllungen man nicht begreifen würde, wenn nicht am Schluß des Buches diese Schwester Johanna am eifrigsten gegen die Ehe Gottfrieds mit Madame Mockel eingenommen erschiene.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_235.htm

Wir kennen nun schon diesen Karl Marx aus den Auseinandersetzungen mit Bruno Bauer und all den anderen ehemaligen Freunden. Kinkel hatte nur das Glück, dass Karl Marx ihm nicht vor dem badisch-pfälzischen Aufstand auch noch seine Freundschaft und tiefe Verehrung und Mitwirkung bei seinen Vorhaben angedient hatte; jedenfalls soweit wir wissen nicht, sie sind sich in der kurzen Zeit wohl nicht begegnet, die Marx sich im Badischen während der Reichsverfassungskampagne aufgehalten hat.

Er stiftete die "Bonner Zeitung", ein bescheidenes Lokalblümchen, das sich nur durch eigentümliche Mattigkeit der demokratischen Deklamation und Naivetät der vaterlandsrettenden Ignoranz auszeichnet. Er erhob den Maikäferverein zum demokratischen Studentenklub, aus dem bald jene Jüngerschar hervorging, die den Ruhm des Meisters in alle Dörfer des Kreises Bonn trug und allen Versammlungen den Herrn Professor Kinkel aufdrängte. Er selbst kannegießerte mit den Spezereihändlern des Kasinos, drückte den wackern Gewerksmeistern brüderlich die Hand und hausierte seinen warmen Freiheitsodem selbst bei den Bauern von Kindenich und Seelscheid. Ganz besonders aber widmete er seine Sympathie dem ehrsamen Stand der Handwerkermeister. Mit ihnen weinte er über den Verfall des Handwerks, über die grausamen Wirkungen der freien Konkurrenz, über die moderne Herrschaft des Kapitals und der Maschinen. Mit ihnen entwarf er Pläne zur Wiederherstellung des Zunftwesens und zur Ausrottung des Böhnhasentums, und um alles zu tun, was an ihm war, faßte er das Resultat seiner Kasinoverhandlungen mit den Kleinmeistern zusammen in der Schrift: "Handwerk, errette Dich!"
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_254.htm

Immerhin war es dem Professor Kinkel gelungen, zum Abgeordneten nach Berlin gewählt zu werden.

Diese ganze Schöntuerei mit den Zunftgelüsten der Bonner Handwerksmeister hatte indessen ihr praktisches Resultat. Gegen das feierliche Versprechen, auf Herstellung der Zünfte anzutragen, wurde Freund Gottfrieds Wahl zum Deputierten für Bonn zur oktroyierten zweiten Kammer durchgesetzt. "Gottfried fühlte sich von dieser Stunde an" glücklich.

Er ging sofort nach Berlin, und da er glaubte, die Regierung wolle sich in der zweiten Kammer eine feste "Innung" approbierter Gesetzgebermeister zulegen, richtete er sich dort wie auf Lebenszeit ein und beschloß, Weib und Kind nachkommen zu lassen. Da aber wurde die Kammer aufgelöst, und Freund Gottfried kehrte nach kurzem parlamentarischem Hochgenuß schmerzlich enttäuscht zu Mockel zurück.
(ebenda)

Zusammen mit Fritz Anneke vom Kölner Arbeiterverein führte Kinkel kleinere revolutionäre Erhebungen im Umkreis von Bonn und Köln an, bei denen man doch auch einen Friedrich Engels beteiligt gesehen hatte.

Bald darauf brach der Konflikt zwischen den Regierungen und der Frankfurter Versammlung aus und damit die Bewegungen in Süddeutschland und am Rhein. Das Vaterland rief, und Gottfried folgte. Siegburg hatte ein Landwehrzeughaus, und Siegburg war der Ort, wo Gottfried, zunächst Bonn, am häufigsten den Samen der Freiheit ausgestreut hatte. Er verband sich also mit seinem Freunde, dem ehemaligen Leutnant Anneke, und bot alle seine Getreuen zum Zuge gen Siegburg auf. Bei der fliegenden Brücke war das Rendezvous. Über hundert sollten kommen, aber als nach langem Warten Gottfried die Häupter seiner Lieben zählte, waren ihrer kaum dreißig, darunter - zur ewigen Schmach für den Maikäferverein sei es gesagt - nur drei Studenten! Unerschrocken jedoch setzt Gottfried mit seinem Häuflein über den Rhein und marschiert auf Siegburg los. Die Nacht war finster und regnicht. Plötzlich ertönt Pferdegetrappel hinter den Tapfern. Man verbirgt sich seitwärts vom Wege, eine Patrouille lanciers trabt vorbei: Elende Buben hatten die Sache ausgeplaudert; die Behörden waren benachrichtigt, der Zug war vereitelt, und man mußte umkehren.
(ebenda)

Kaum zu glauben, dass doch auch Karl Marx und gerade Friedrich Engels als Anhänger und Mitstreiter des pfälzisch-badischen Aufstands unterwegs gewesen waren, diese elenden Buben:

Hiernach war seines Bleibens in Bonn nicht mehr, aber bot nicht die Pfalz ein weites Feld für seine Tätigkeit? Er ging nach Kaiserslautern, und da er doch einen Posten haben mußte, so erlangte er eine Sinekure im Kriegsbüro (wie es heißt, die Leitung der Marineangelegenheiten), verdiente sich indes sein Brot durch den bereits bekannten Hausierhandel mit Freiheits- und Volksbeglückung bei den Bauern der Umgegend, und soll bei dieser Gelegenheit in einigen reaktionären Bezirken ihm nicht gar freundlich mitgespielt worden sein. Trotz dieser kleinen Mißgeschicke war Kinkel auf jeder Landstraße zu sehn, rüstig wandernd, die Reisetasche über die Schulter, und er erscheint nunmehr auch in allen Zeitungen mit dem stehenden Attribut der Reisetasche.

Aber die Pfälzer Bewegung nahm ein schnelles Ende, und wir finden Kinkel wieder in Karlsruhe, statt der Reisetasche die Muskete führend, die nun sein bleibendes Abzeichen wird. Diese Muskete soll eine sehr schöne Seite gehabt haben, nämlich einen Kolben und Schaft von Mahagoni, und war jedenfalls eine ästhetische, künstlerische Muskete; die unschöne Seite an ihr war freilich, daß Freund Gottfried weder laden, noch sehen, noch schießen, noch marschieren konnte. Weshalb ihn auch ein Freund befrug, warum denn er in den Kampf ziehen wolle, worauf Gottfried erwiderte: Ei nun, nach Bonn kann ich nicht zurück, ich muß doch leben!

So trat Gottfried ein in die Reihen der Krieger, in das Korps des ritterlichen Willich. Wie uns durch verschiedene seiner Waffenbrüder glaubhaft versichert worden, machte Gottfried von nun an alle Schicksale dieser Abteilung mit, demütig und in Gestalt eines gemeinen Freischärlers, leutselig und freundlich in bösen wie in guten Zeiten, jedoch meistens auf dem Marodenwagen. …
(ebenda)

Der ritterliche Willich sollte von seinem ehemaligen Adjutanten Engels nicht freundschaftlicher behandelt werden, war es doch bald in London zum Streit gekommen, was im nächsten Kapitel noch zum Thema wird:

1849 kehrte er zurück und kämpfte als Oberkommandierender auf pfälzischer Seite im pfälzisch-badischen Aufstand. Friedrich Engels diente in dieser Zeit als sein Adjutant. Nach der Niederschlagung des Aufstandes floh Willich erneut in die Schweiz. Anschließend ging Willich nach London ins Exil. Dort schloss er sich dem Bund der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels an. 1850 kam es zu einem tiefen politischen Konflikt zwischen Marx und Engels auf der einen und Willich und Karl Schapper auf der anderen Seite. Es kam zur Spaltung der Organisation und zur Bildung von sich erbittert bekämpfenden Fraktionen.
http://de.wikipedia.org/wiki/August_Willich

Im Gegensatz zu Marx und Engels damals wurde Kinkel nach seiner Gefangennahme nicht einfach wieder freigelassen.

Mit der Gefangennehmung eröffnete sich für Kinkel ein neuer Lebensabschnitt, der zugleich Epoche macht in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Spießbürgertums...

Die Preußen stellten ihn inzwischen vor ein Kriegsgericht. Dies gab ihm Gelegenheit, sich seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem jener rührenden Appelle an die Tränendrüsen seines Auditoriums zu versuchen, worin er früher schon als Hülfsprediger in Köln so erfolgreich gewesen war…

Nach dieser äußerst revolutionären Rede wurde Kinkel zu zwanzig Jahren Festung verurteilt, die auf dem Gnadenwege jedoch in Zuchthausstrafe verwandelt wurden. Er wurde nun abgeführt nach Naugard, wo man ihn zum Wollespinnen verwandt haben soll...
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_261.htm

Es ist wirklich die reine Niedertracht.

Inzwischen trug sich in Deutschland ein wunderliches Ereignis zu. Der deutsche Spießbürger, bekanntlich von Natur eine schöne Seele, war durch die harten Schläge des Jahres 1849 in seinen süßesten Illusionen grausam enttäuscht. Keine Hoffnung war Wahrheit geworden, und selbst des Jünglings hochklopfende Brust begann ob der Schicksale des Vaterlandes zu verzweifeln. Eine wehmütige Mattigkeit erweichte alle Herzen, und allgemein tat sich das Bedürfnis kund nach einem demokratischen Christus, nach einem wirklichen oder eingebildeten Dulder, der in seinen Leiden die Sünden der Spießbürgerwelt mit Lammesmut trüge und in dessen Schmerzen die schlappe chronische Wehmut des Gesamtphilisteriums sich gleichsam in akuter Gestalt zusammenfasse. Diesem allgemein gefühlten Bedürfnis abzuhelfen, setzte sich der Maikäferverein, Mockel an der Spitze, in Bewegung. Und wer in der Tat war geeigneter zur Durchführung dieser großen Passionskomödie als die gefangene Passiflora Kinkel am Spinnrad, dieser unversiegbare Tränenschwamm der gerührtesten Empfindung, der außerdem Kanzelredner, Professor der schönen Künste, Deputierter, politischer Hausierer, Musketier, neuentdeckter Dichter und alter Schauspieldirektor in einer Person war? Kinkel war der Mann der Zeit, und als solcher wurde er vom deutschen Philisterium auch sofort akzeptiert. Alle Blätter strotzten von Anekdoten, Charakterzügen, Gedichten, Reminiszenzen des gefangenen Dichters, seine Gefängnisleiden wurden ins Ungeheure, ins Fabelhafte ausgemalt; seine Haare wurden alle Monate einmal in den Zeitungen grau; in allen Bürger-Ressourcen und Teegesellschaften wurde seiner mit Bekümmernis gedacht; Töchter gebildeter Stände seufzten über seinen Gedichten, und alte Jungfern, die die Sehnsucht kannten, weinten in den verschiedensten Städten des Vaterlandes über seine gebrochene Manneskraft.
(ebenda)

Jedenfalls kann man sich lebhaft vorstellen, welche Probleme die preußische Regierung mit dem Fall Kinkel hatte, was sich nach dessen romanhafter Befreiung und Flucht noch fortsetzen und steigern sollte.

Zum Glück erreichte diese Jammerperiode sehr bald ihr Ende durch die romantische Befreiung Kinkels aus dem Spandauer Zuchthaus. In dieser Befreiung wurde die Geschichte von Richard Löwenherz und Blondel wieder aufgeführt, nur daß Blondel diesmal im Gefängnis saß, während Löwenherz draußen die Drehorgel spielte, und daß der Blondel ein ordinärer Bänkelsänger und der Löwenherz im Grunde auch nicht viel mehr als ein Hasenfuß war. Der Löwenherz war nämlich Studiosus Schurz aus dem Maikäferverein, ein intrigantes Männlein von großer Ambition und geringen Leistungen, der indes gescheut genug war, um über den "deutschen Lamartine" im klaren zu sein! Studiosus Schurz hat nicht gar lange nach der Befreiungsgeschichte in Paris erklärt, er wisse sehr gut, daß Kinkel, den er benutze, kein lumen mundi sei, während er, Schurz, und niemand andres zum künftigen Präsidenten der deutschen Republik bestimmt sei. Diesem Männlein, einem jener Studiosen "im braunen Frack und lichtblauen Überröcken", denen Gottfrieds düsterflammendes Auge früher schon nachgeschweift hatte, gelang die Befreiung Kinkels durch Aufopferung eines armen Teufels von Gefängniswärter, der nun dafür brummt mit dem Hochgefühl, Märtyrer zu sein für die Freiheit - von Gottfried Kinkel.
(ebenda)

Dieses „Männlein“ war:

Carl Schurz, manchmal auch Karl Schurz, (* 2. März 1829 in Liblar, Preußische Rheinprovinz; † 14. Mai 1906 in New York) war ein Politiker und Revolutionär in den Staaten des Deutschen Bundes und während der badischen Revolution von 1848/1849. Nach der Auswanderung in die USA war er als einer der bekanntesten "Forty-Eighter" US-amerikanischer General, Historiker und Staatsmann. Er war der erste gebürtige Deutsche und bedeutende Deutschamerikaner, der Mitglied des amerikanischen Senates wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schurz

Im Gegensatz zu Karl Marx, den in London außerhalb eingeweihter Kreise wohl kaum jemand beachtet hatte, war Kinkel ein berühmter Mann:

In London finden wir Kinkel wieder und diesmal, dank seinem Gefängnisruhm und der Weinerlichkeit der deutschen Spießbürgerschaft, als größten Mann Deutschlands. Freund Gottfried, im Bewußtsein seiner erhabenen Sendung, wußte alle Vorteile des Augenblicks zu erfassen. Die romantische Befreiung gab der Kinkelschwärmerei im Vaterlande einen neuen Anstoß, der, mit vielem Geschick auf die richtige Bahn gelenkt, nicht ohne materielle Resultate blieb. Zugleich aber eröffnete die Weltstadt dem Gefeierten ein neues weitschichtiges Terrain, um sich neuerdings feiern zu lassen. Es war ihm klar: er mußte der Löwe der season werden. Zu diesem Ende abstrahierte er vorderhand von aller politischen Tätigkeit und ließ sich vor allen Dingen in häuslicher Zurückgezogenheit den Bart wieder wachsen, ohne den kein Prophet etwas ist. Dann ging er zu Dickens, zu den englischen liberalen Zeitungen, zu den deutschen Kaufleuten der City, besonders zu den dortigen ästhetischen Juden; er war allen alles, dem einen Dichter, dem andern Patriot im allgemeinen, dem dritten Professor der schönen Künste, dem vierten Christ, dem fünften herrlicher Dulder Odysseus, allen aber der sanfte, künstlerische, wohlwollende und menschenfreundliche Gottfried. Er ruhte nicht, bis Dickens ihn in den "Household Words" gefeiert, bis die "Illustrated News" sein Porträt gebracht hatte…
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_265.htm

Karl Marx ist mit dieser Schrift ganz in seinem Element, seinen Hass gegen jeden Erfolgreicheren, und sei der Erfolg noch so teuer bezahlt gewesen, in Streitschriften zu Papier zu bringen. Das ist seine einzige Triebkraft und der Inhalt seines Lebens, bei diesen Gelegenheiten brechen die Worte aus ihm heraus. Sonst ist er krank, wenn er arbeiten muss.

Marx wurde krank, geradezu mit Datenexaktheit, wenn ernsthafte Arbeit drohte; Agitationsschriften, Polemiken, Personenpamphlete wie „Die großen Männer des Exils“ oder „Herr Vogt“ waren von Krankheit nie irritiert.
(Raddatz, S. 289f)

Es scheint für Marx auch keine Ausnahme unter den 1848ern gegeben zu haben, es ist alles nur „Menschenkehricht“ für ihn und Engels.

Die großen Männer des 1848er Deutschlands standen im Begriff, ein schäbiges Ende zu nehmen, als der Sieg der "Tyrannen" sie sicherstellte, sie ins Ausland verschlug und zu Märtyrern und Heiligen machte. Die Kontrerevolution hat sie gerettet. Die Entwicklung der kontinentalen Politik brachte die meisten derselben nach London, das so ihr europäischer Zentralpunkt wurde. Es verstand sich bei dieser Sachlage von selbst, daß etwas geschehn, etwas getrieben werden mußte, um die Existenz dieser Weltbefreier täglich aufs neue ins Gedächtnis des Publikums zurückzurufen; es mußte um jeden Preis der Schein verhindert werden, als bewege sich die Weltgeschichte voran auch ohne das Zutun dieser Gewaltigen. Je mehr dieser Menschenkehricht durch eigne Impotenz wie durch die bestehenden Verhältnisse außerstand gesetzt war, irgend etwas Wirkliches zu tun, desto eifriger mußte jene resultatlose Scheintätigkeit betrieben werden, deren eingebildete Handlungen, eingebildete Parteien, eingebildete Kämpfe und eingebildete Interessen von den Beteiligten so pomphaft ausposaunt worden sind. Je ohnmächtiger man war, wirklich eine neue Revolution herbeizuführen, desto mehr mußte man sich diese zukünftige Eventualität im Geiste diskontieren, im voraus die Stellen verteilen und im antizipierten Genuß der Macht schwelgen.
(ebenda)

Fast könnte man denken, er beschreibt sich selbst. Aber nein, er war keiner von denen, die er so tief verachtet hat, er musste nur so tun, als ob: um sie zu bekämpfen mit allen Mitteln, das dürfte nach dieser Schrift nicht mehr zu bezweifeln sein.

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Hellmann
16.12.2008, 12:38
In den folgenden Kapiteln geht es um die politischen Aktivitäten der Emigranten in London und während bisher die Polemik gegen Kinkel kaum interessante politische Fakten brachte, werden die folgenden Kapitel informativer.

Der erste Versuch einer solchen "Organisation" wurde gemacht bereits im Frühling 1850: Es wurde damals in London ein schwulstiger "Entwurf eines Rundschreibens an deutsche Demokraten, als Manuskript gedruckt" kolportiert, nebst einem "Begleitschreiben an die Führer". Man fordert in diesem Rund- und Begleitschreiben zur Schöpfung einer demokratischen Gesamtkirche auf. Nächster Zweck war Bildung eines Zentralbüros für die Angelegenheiten der deutschen Emigration, für gemeinsame Verwaltung der Flüchtlingsangelegenheiten, Errichtung einer Druckerei in London, Vereinigung aller Patrioten gegen den gemeinschaftlichen Feind pp…

Das Rundschreiben war das gemeinsame Produkt der Herren Rudolph Schramm und Gustav Struve, hinter denen sich als korrespondierendes Mitglied die damals in Ostende lebende heitre Figur des Herrn Arnold Ruge verbarg…



In dieser Versammlung zeichnete sich Gustav nur durch folgende drei in Freiburg gestellten Anträge aus: 1. am 28. Juni: jeden, der mit dem Feinde unterhandeln wolle, für einen Verräter zu erklären; 2. am 30. Juni: eine neue provisorische Regierung zu ernennen, worin Struve Sitz und Stimme habe; 3. nach Verwerfung des letztern Antrags, an demselben Tage: daß, nachdem das verlorene Treffen bei Rastatt jeden Widerstand erfolglos gemacht habe, man dem Oberlande die Schrecken des Kriegs ersparen müsse und daß zu diesem Behuf man jedem Beamten und Soldaten zehntägigen Sold, den Mitgliedern der Konstituante zehntägige Diäten nebst Reisegeld auszahlen und sodann mit Trommelschall und Trompetenklang nach der Schweiz hinüberziehen solle. Nach Verwerfung auch dieses Antrags ging Gustav sofort auf eigne Faust in die Schweiz und von da, durch den Stock James Fazys verjagt, nach London, wo er mit einer neuen Entdeckung auftrat, nämlich mit den sechs Geißeln der Menschheit. Diese sechs Geißeln waren: die Fürsten, der Adel, die Pfaffen, die Bürokratie, das stehende Heer, der Geldsack und die Wanzen. In welchem Geist Gustav den seligen Rotteck verarbeitete, kann man aus seiner ferneren Entdeckung absehn, daß der Geldsack eine Erfindung Louis-Philippes sei. Diese sechs Geißeln predigt Gustav in der "Deutschen Londoner Zeitung" des Exherzogs von Braunschweig, wofür er ziemlich honoriert wurde und dann auch die Zensur des Herrn Herzogs mit Dank hinnahm.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_268.htm

Der oben erwähnte James Fazy, der sich mit einem Aufstand 1846 in Genf als Chef der Regierung installiert hatte, wird später den ehemaligen Mitarbeiter der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Ferdinand Freiligrath in London als Filialleiter seiner Genfer Bank beschäftigen, so dass Freiligrath dem Karl Marx öfter finanziell behilflich sein kann.

Die „Deutsche Londoner Zeitung“ erinnert an die „Deutsche Brüsseler Zeitung“ des Regierungsagenten Adelbert von Bornstedt und könnte gut auch unter österreichischem Einfluss gestanden haben.

Deutsche Londoner Zeitung. Blätter für Politik, Literatur und Kunst – Wochenzeitung deutscher Emigranten, erschien von April 1845 bis Februar 1851; wurde von dem entthronten Herzog Karl von Braunschweig finanzier; seit Ende September 1846 bis Mai 1848 von Jakob Lukas Schabelitz und seit 1849 von Luis Bamberger redigiert; druckte 1849/50 vorwiegend Artikel von Karl Heinzen, Gustav Struwe und anderen Radikaldemokraten; publizierte auch Arbeiten von Marx und Engels.
(mega, Akademie Verlag 2002,S. 1418)

Der Herzog Karl II. von Braunschweig war im Jahr 1830 wegen seines mit Prunksucht charakterisierten Regierungsstils von der Braunschweiger Bevölkerung in einem Aufstand (seine Residenz wurde niedergebrannt) abgesetzt worden und lebte mit einem beträchtlichen Vermögen zeitweise auch in London im Exil. Da finanzierte also ein wegen Verschwendung und Bereicherung vertriebener Fürst in London die Zeitung der deutschen Revolutionäre.

Auch an Arnold Ruge, den Rudolph Schramm lasse ich aus, hat Marx im folgenden Rückblick kein gutes Haar mehr gelassen. Man frage sich, wie er selbst nur jemals mit Ruge kooperieren konnte, wenn nicht nur zu dem Zweck, ihm dabei bestmöglich zu schaden.

Der Dritte im Bunde, der große Arnold Ruge leuchtet der ganzen Emigration voraus durch seine noch immer auf Zivilversorgung wartende Wachtmeistergestalt. Man kann nicht sagen, daß dieser Edle sich durch besonders angenehmes Äußere empfiehlt; Pariser Bekannte pflegten seine pommersch-slawischen Züge als Mardergesicht (figure de fouine) zu bezeichnen. Arnold Ruge, rügischer Bauern Kind, und wegen demagogischer Umtriebe siebenjähriger Dulder in preußischen Kerkern, warf sich mit Ungestüm der Hegelschen Philosophie in die Arme, sobald er entdeckte, daß man nur die Hegelsche Enzyklopädie durchzublättern brauche, um des Studiums aller übrigen Wissenschaften enthoben zu sein. Er hatte daneben das Prinzip (das er auch in einer Novelle aufstellte und bei seinen Freunden zur Geltung zu bringen suchte -der unglückliche Herwegh weiß davon zu erzählen -), das Prinzip, sich auch in der Ehe zu verwerten und heiratete daher frühzeitig einen "substantiellen Boden" an.



Mit Hülfe seiner Hegelschen Phrasen und seines substantiellen Bodens brachte er es nur zum Portier der deutschen Philosophie, eine Eigenschaft, worin er bei den "Hallischen" und "Deutschen Jahrbüchern" die aufkommenden Größen anzumelden und auszuposaunen hatte und sie bei dieser Gelegenheit mit einem gewissen Geschick literarisch exploitierte. Leider brach sehr bald die Periode der philosophischen Anarchie herein, die Periode, wo die Wissenschaft keinen anerkannten König mehr hatte, wo Strauß, B. Bauer, Feuerbach gegeneinander zu Felde zogen, und wo die verschiedensten fremdartigen Elemente die Einfachheit der klassischen Doktrin zu trüben begannen. Jetzt wurde unser Ruge ratlos, er sah seinen Weg nicht mehr vor sich, seine ohnehin zusammenhangslosen Hegelschen Kategorien liefen bunt durcheinander, und er fühlte plötzlich gar große Sehnsucht nach ein er gewaltigen Bewegung, in der man es nicht mehr so genau mit dem Denken und Schreiben nähme...



So zufrieden Ruge auch mit seinem Posten als Schweizer der deutschen Philosophie war, nagte doch im stillen ein Wurm an seinem innersten Loben. Er hatte noch kein einziges dickes Buch geschrieben und beneidete täglich den glücklichen Bruno Bauer, der schon in seiner Jugend achtzehn schwere Bände veröffentlicht hatte. Um diesem Mißverhältnis abzuhelfen, ließ Ruge einen und denselben Aufsatz unter verschiedenen Titeln dreimal in einem und demselben Band abdrucken und gab dann diesen Band wiederum in verschiedensten Formaten heraus. Auf diese Weise entstanden die "Gesammelten Werke" Arnold Ruges, die der Verfasser, sauber gebunden, noch jetzt jeden Morgen in seiner Bibliothek Band für Band nachzählt und dann vergnügt ausruft: "Bruno Bauer hat doch keine Gesinnung!"



In Paris passierte es unserm Arnold, daß er sich mit den Kommunisten einließ, in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" Artikel von Marx und Engels drucken ließ, die das grade Gegenteil von dem enthielten, was er selbst in der Vorrede ankündigte, ein Unfall, worauf ihn die Augsburger "Allg[emeine] Z[ei]t[un]g" aufmerksam machte, den er aber mit philosophischer Resignation ertrug.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_268.htm

Trotzdem sind die eingearbeiteten Informationen erstaunlich, wenn man einen genauen Blick dafür hat. Hier zum Beispiel:

Während des Dresdner Maiaufstandes stellte sich Arnold nebst seinem Freunde Otto Wigand und dem Stadtrat an die Spitze der Bewegung in Leipzig. Er erließ mit diesen Genossen ein kräftiges Manifest an die Dresdner, sie möchten sich nur tapfer schlagen, in Leipzig säßen Ruge, Wigand und die Väter der Stadt und wachten, und wer sich selbst nicht verlasse, den verlasse auch der Himmel nicht. Kaum aber war dies Manifest veröffentlicht, als unser tapfrer Arnold sich schleunigst auf die Beine nach Karlsruhe machte.

In Karlsruhe fühlte er sich unsicher, obgleich die Badenser am Neckar standen und die Feindseligkeiten noch lange nicht begonnen hatten. Er forderte Brentano auf, ihn als Gesandten nach Paris zu schicken. Brentano machte sich den Witz, ihm diesen Posten auf 12 Stunden zu geben und lehnte am andern Morgen die Bestallung wieder ab, als Ruge eben abreisen wollte. Ruge zog nichtsdestoweniger mit den wirklich ernannten Repräsentanten der Brentanoschen Regierung, Schütz und Blind, nach Paris und gerierte sich so wunderlich, daß sein eigner ehemaliger Redakteur Oppenheim in der amtlichen "Karlsruher Zeitung" erklärte, Herr Ruge sei keineswegs in irgendeiner offiziellen Kapazität nach Paris gewandert, sondern ganz "auf eigne Faust". Von Schütz und Blind einmal zu Ledru-Rollin mitgenommen, unterbrach Ruge die diplomatischen Verhandlungen plötzlich, indem er vor dem Franzosen erschrecklich auf die Deutschen zu schimpfen begann, so daß seinen Gefährten nichts übrigblieb, als sich bestürzt und kompromittiert zurückzuziehn.
(ebenda)

Das könnte dem Marx noch der Oppenheim erzählt haben, über den es wenig später in diesem Büchlein aber nicht nachsichtiger hergeht:

An Meyen schließt sich notwendig sein Mitredakteur und Mitsekretär Oppenheim. Von Oppenheim wird behauptet, daß er kein Mensch, sondern eine allegorische Figur sei: Die Göttin der Langeweile soll nämlich in Frankfurt a.M. in der Gestalt des Sohnes eines jüdischen Juwelenhändlers niedergekommen sein. Als Voltaire schrieb: "Tous les genres sont bons, excepté le genre ennuyeux", ahnte er unsern Heinrich Bernhard Oppenheim. Wir ziehen in Oppenheim den Schriftsteller dem Sprecher vor. Vor seinen Schriften kann man sich retten, aber vor seinem mündlichen Vortrag - c'est impossible. Die pythagoreische Seelenwanderung mag ihre Richtigkeit haben, aber der Name, den Heinrich Bernhard Oppenheim in früheren Jahrhunderten trug, ist nicht wiederzuentdecken, da sich in keinem Jahrhundert ein Mensch durch schwatzhafte Unerträglichkeit einen Namen gemacht hat. Sein Leben faßt sich in drei Glanzpunkten zusammen: Redakteur von Arnold Ruge - Redakteur von Brentano - Redakteur von Kinkel.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_312.htm

Bei der Lektüre dieser Schrift fällt es schwer, neben den Bösartigkeiten auf die Vielzahl an Informationen zu achten, die dafür gesammelt worden sein mussten und ausgewertet werden konnten. Selbst heute mit Internet würde ein Autor sich ja nicht leicht tun, derartige Details über eine Vielzahl von Personen und Geschehnissen zu recherchieren. Es sei denn freilich, man verfügt über Quellen ähnlich wie die „Konfidentenberichte“, die später Edgar Bauer, der Bruder des Bruno Bauer, in London für die dänische Polizei über die Emigranten verfasst hat. Manches ist sicher auch erfunden, gibt Marx doch sogar die Gedanken Arnold Ruges wieder:

Arnold, dem die Zurückgezogenheit in Ostende keineswegs zusagte, u. d. es nach einer "wiederholten Erscheinung" vor dem Publikum drängte, erfuhr Gustavs Unfall. Er beschloß, sofort nach England zurückzueilen und, auf Gustavs Schultern gestützt, sich zum Pentarch d. europäischen Demokratie emporzuschwingen. Es hatte sich nämlich unterdes das Europäische Zentralkomitee, bestehend aus Mazzini, Ledru-Rollin u. Darasz, gebildet, dessen Seele Mazzini war. Ruge witterte hier einen vakanten Posten. Mazzini konnte in seinem "Proscrit" den v. ihm selbst erfundnen General Ernst Haug zwar als deutschen Mitarbeiter vorführen, ihn aber wegen seiner gänzlichen Namenlosigkeit anstandshalber nicht zum Mitglied seines Zentralkomitees ernennen. Unserm Ruge war nicht unbekannt, daß Gustav zu Mazzini v. d. Schweiz her in Beziehung stand. Er selbst kannte seinerseits zwar Ledru-Rollin, hatte aber d. Unglück, nicht v. ihm gekannt zu werden. Arnold schlug also seinen Wohnsitz in Brighton auf, hätschelte und liebkoste den arglosen Gustav, versprach einen "Deutschen Zuschauer" mit ihm in London zu gründen u. sogar gemeinschaftlich u. auf seine Kosten d. demokratische Herausgabe des Rotteck-Welckerschen "Staats-Lexikons" zu betreiben. Zugleich führte er dem deutschen Lokalblatt, das er seinem Prinzipe gemäß stets zur Hand hielt (diesmal traf das Schicksal d. "Bremer Tages-Chronik" d. lichtfreundlichen Pfaffen Dulon), unsern Gustav als großen Mann u. als Mitarbeiter ein. Eine Hand wäscht die andre. Gustav führte Arnold bei Mazzini ein. Da Arnold nun ein durchaus unverständliches Französisch spricht, konnte ihn niemand hindern, sich dem Mazzini als d. größten Mann u. speziell als den "Denker" Deutschlands zu präsentieren. Der geriebene italienische Schwärmer erkannte auf den ersten Blick in Arnold den Mann, den er brauche, den homme sans conséquence, dem er die deutsche Kontrasignatur seiner antipäpstlichen Bullen anvertrauen könne. So wurde Arnold Ruge das fünfte Rad am Staatswagen d. europäischen Zentraldemokratie. Als ein Elsässer Ledru fragte, wie er auf den Einfall gekommen sei, sich mit einer solchen "bête" zu alliieren, antwortete Ledru barsch: "C'est l'homme de Mazzini." … Mazzini selbst hatte allen Grund, sich Leute mit Ideen vom Halse zu halten. Arnold Ruge aber sah sich in seinem eignen Ideal übertroffen u. vergaß für einen Augenblick sogar Bruno Bauer.

Als er das erste Manifest Mazzinis unterzeichnen sollte, dachte er mit Wehmut an d. Zeiten zurück, wo er [sich] dem Professor Leo in Halle u. d. alten Follen in d. Schweiz gegenüber das eine Mal als Dreieinigkeitsgläubiger u. das andere Mal als humanistischer Atheist produziert hatte. Diesmal galt es, sich mit Mazzini für Gott gegen die Fürsten zu erklären.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_289.htm

Zu Mazzini wird später noch mehr zu schreiben sein. Dessen historisch nachhaltiger Einfluss auf die Geschichte des Kontinents – mit britischer Unterstützung – wird von Marx noch nicht einmal angedeutet. Mazzini erscheint hier wie einer der vielen von den Revolutionsjahren zufällig hochgespülten Spinner und Wichtigtuer. Später wird Marx unter dem Einfluss von David Urquhart diesen Mazzini als wichtigen Drahtzieher und Figur eines Lord Palmerston anführen.

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Hellmann
16.12.2008, 12:51
Es ist klar, daß diese alterfahrnen Schwindler an Geschäftskenntnis dem jüngeren Nachwuchs unendlich überlegen sein mußten. Eben diese Geschäftskenntnis, erworben durch achtzehnjährige Praxis im Konspirieren, Kombinieren, Intrigieren, Proklamieren, Düpieren und Produzieren und Sichvordrängen, verlieh Herrn Mazzini die Dreistigkeit und Sicherheit, mit der er, drei in dergleichen Dingen weniger bewanderte Strohmänner hinter sich, als Zentralkomitee der Europäischen Demokratie sich installieren konnte.

Niemand wurde durch die Verhältnisse in eine günstigere Lage gestellt, um sich zum Typus des Emigrationsagitators zu entwickeln, als unser Freund Harro Harring. Und in der Tat ist er das Urbild geworden, dem alle unsre großen Männer des Exils, alle die Arnolde, die Gustave, die Gottfriede, mit mehr oder weniger Bewußtsein und mit größerem oder geringerem Glück nacheifern und das sie, wenn keine ungünstigen Umstände dazwischenkommen, vielleicht erreichen, schwerlich aber übertreffen werden.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_292.htm

Dieser Harro Harring ist heute vergessen, war damals aber immerhin wichtig genug, dass er von mehreren Seiten angeworben werden sollte:

Aber neue Ehren standen ihm bevor. Schon im November 1831 hatte Herr Welcker vergebens versucht, ihn durch einen langen Brief "zum senkrechten Horizont des Konstitutionalismus zu bekehren". Jetzt kam Herr Malten, bekannter preußischer Agent im Auslande, im Januar 1832 zu ihm und trug ihm an, in preußische Dienste zu treten. Welche doppelte Anerkennung selbst von seiten des Gegners! Genug, durch Maltens Antrag erwachte in ihm

"unwillkürlich der Gedanke, gegenüber dieser dynastischen Verräterei die Idee der skandinavischen Nationalität ins Leben zu rufen", und "von jener Zeit trat wenigstens das Wort Skandinavia wieder ins Leben, das seit Jahrhunderten verschollen schien".

Auf diese Weise kam denn unser Nordfriese aus Söderjylland, der selbst nicht wußte, ob er ein Deutscher oder ein Däne war, wenigstens zu einer phantastischen Nationalität, deren erstes Resultat war, daß die Hambacher nichts mit ihm zu tun haben wollten.
(ebenda)

Harro Harring hat dann schon am Savoyenzug des Mazzini teilgenommen, der zwar nicht sein von den Teilnehmern erträumtes Ziel erreichte, aber auch gescheiterte Aktionen tragen politische Ideen voran und sind der Stoff für neue Heldenlieder der Dichter.

Nüchtern gesagt - ein weiterer Schritt in der vom britischen Parlament unterstützten politischen Entwicklung der Kontinentalstaaten: nicht länger miteinander verknüpfte und traditionsreiche Dynastien schwer zu beeinflussender Fürstenhäuser, sondern käufliche Parlamentarier und Regierungen ganz nach britischer Geschäftslage gegeneinander auszuspielender Nationalstaaten.

Die britische Krone unter der Queen Victoria hatte zu Lebzeiten ihres Prinzen Albert etwas andere Interessen, wovon noch die politischen Umtriebe David Urquharts gegen Palmerston zeugen werden.

"Im Winter 1832-1833 wurde eine Bewegung in Deutschland vorbereitet - die am tragischen Frankfurter Krawall abblitzte. Es war mir übertragen, in der Nacht vom 6. zum 7. April die Festung (?) Kehl zu nehmen. Männer und Waffen waren bereit."

Leider wurde aus der Geschichte nichts, und Harro mußte ins Innere von Frankreich, wo er seine "Worte eines Menschen" schrieb. Von dort riefen ihn die sich zum Savoyerzuge rüstenden Polen nach der Schweiz, wo er "Verbündeter ihres Etat-Majors" wurde, abermals zwei Stücke des dramatischen Zyklus "Das Volk" schrieb, Mazzini in Genf kennenlernte. Die ganze Schwefelbande von polnischen, französischen, deutschen, italienischen und schweizerischen Abenteurern unter dem Kommando des edlen Ramorino machte dann den bekannten Einfall nach Savoyen. In diesem Feldzuge fühlte unser Harro "den Wert seines Lebens und seiner Tatkraft". Da aber die übrigen Freiheitskämpfer "den Wert ihres Lebens" ebensogut fühlten wie Harro und sich über ihre "Tatkraft" auch wohl sehr wenig Illusionen machten, nahm die Sache ein schlimmes Ende, und man kam zerschlagen, zerrissen und zersprengt nach der Schweiz zurück.
(ebenda)

Die von Mazzini noch in der Schweiz gestifteten und später von London aus betriebenen politischen Vereinigungen sollten bis hin zu den Jungtürken ihren historischen Einfluss entfalten.

Auf diesem Standpunkt angekommen, konnten sie ihre größte Großtat unternehmen, nämlich die Stiftung des "Jungen Europa", dessen Verbrüderungsakte, von Mazzini redigiert, am 15 April 1834 zu Bern unterzeichnet wurde. Harro trat ein als
"Initiator des Zentralkomitees, Adoptivmitglied des Jungen Deutschlands und des Jungen Italiens und zugleich als Vertreter der skandinavischen Branche", die er "noch heute vertritt".

Dieses Datum der Verbrüderungsakte bildet für unsern Harro die große Ära, von welcher rückwärts und vorwärts gerechnet wird wie bisher von Christi Geburt.
(ebenda)

Noch ein Beispiel für die guten Informationen von Marx über die politischen Zirkel:

Dies neue Konkurrenz-Etablissement feuerte Arnold zu verdoppelter Tätigkeit an. Er versuchte also nun mit Struve, Kinkel, R. Schramm, Bucher usw. einen "Volksfreund" oder, wenn Gustav darauf bestehe, einen "Deutschen Zuschauer" zu begründen. Aber die Sache scheiterte. Teils sträubten sich die andern gegen das Protektorat Arnolds, teils verlangte der "gemütliche" Gottfried bare Zahlung, während doch Arnold der Ansicht Hansemanns war, daß in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört. Es handelte sich für Arnold noch speziell bei diesem Unternehmen darum, die Lesegesellschaft, einen Klub deutscher Uhrmacher, gutbezahlter Arbeiter und Kleinbürger, in Kontribution zu setzen, was indes auch verhindert wurde.

Doch bot sich bald eine neue Gelegenheit für Arnolds "wiederholte Erscheinung". Ledru und seine Anhänger unter der französischen Emigration konnten den 24. Februar (1851) nicht vorübergehn lassen, ohne ein "Verbrüderungsfest" der europäischen Nationen zu feiern, das übrigens nur von Franzosen und Deutschen besucht wurde. Mazzini kam nicht und entschuldigte sich durch einen Brief; Gottfried, der anwesend war, ging entrüstet nach Hause, weil seine sprachlose Erscheinung nicht den erwarteten magischen Effekt hatte; Arnold mußte es erleben, daß sein Freund Ledru tat, als kenne er ihn nicht, und wurde auf der Tribüne so verwirrt, daß er seine höheren Orts gebilligte französische Rede im Sack behielt, nur ein paar deutsche Worte stammelte und sich mit dem Ausruf: "À la restauration de la révolution!" unter allgemeinem Schütteln des Kopfes eiligst zurückzog.

Am selben Tage fand ein Gegenbankett statt unter der Fahne des oben erwähnten Konkurrenzkomitees. Aus Verdruß darüber, daß das Mazzini-Ledrusche Komitee ihn nicht von vornherein zugezogen, schloß sich Louis Blanc dem Flüchtlingsmob mit der Erklärung an, "auch die Aristokratie des Talents müsse abgeschafft werden". Die ganze niedere Emigration war versammelt. Der ritterliche Willich präsidierte. Der Saal war mit Fahnen dekoriert, und an den Wänden prangten die Namen der größten Volksmänner: Waldeck zwischen Garibaldi und Kossuth, Jacoby zwischen Blanqui und Cabet, Robert Blum zwischen Barbès und Robespierre. Das kokette Zieräffchen Louis Blanc verlas winselnd eine Adresse seiner alten Ia-brüder, der künftigen Pairs der sozialen Republik, der délégués du Luxembourg von 1848. Willich verlas eine Adresse aus der Schweiz, deren Unterschriften zum Teil unter falschen Vorwänden zusammengeschwindelt waren und deren prahlerisch indiskrete Veröffentlichung später massenhafte Ausweisungen der Unterzeichneten zur Folge hatte. Aus Deutschland war keine Adresse da. Dann Reden. Trotz der unendlichen Brüderlichkeit lag der Schein der Langeweile auf allen Gesichtern.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_299.htm

Obwohl Marx immer wo möglich die Presse als seine Informationsquelle anführt: man erfährt solche Details, die ja nur sehr beschränkt ihren Niederschlag in der Presse finden, nur als zentrales Mitglied einschlägiger Spitzelapparate und Informantennetze.

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Hellmann
20.12.2008, 11:22
Der Kölner Kommunistenprozess


Eine Staatsaktion

In der Nacht vom 6. Auf den 7. November 1850 war der Bonner Professor Gottfried Kinkel von Carl Schurz aus dem Spandauer Gefängnis befreit worden. Dieses von einer breiten Öffentlichkeit gerühmte Ereignis sollte im preußischen König den Wunsch nach einer ebenso öffentlichkeitswirksamen Maßnahme gegen politische Gegner in seinem Land wecken: ein großer Schauprozess gegen gefährliche Verschwörer war des Königs Wille und Befehl.

Die Schwärmerei für Kinkel löste die Schnüre bürgerlicher Geldbeutel so weit, daß ein Beamter des Spandauer Zuchthauses bestochen und Kinkel im November 1850 durch Karl Schurz befreit werden konnte. Das hatte nun der König von seiner Rachsucht. Hätte er Kinkel gegen dessen ehrenwörtliches Versprechen, keine Politik mehr zu treiben, nach Amerika auswandern lassen, so würde Kinkel schnell vergessen worden sein, wie sogar der Zuchthausdirektor Jeserich begriffen hatte; nun wurde Kinkel durch seine gelungene Flucht ein dreimal gefeierter Agitator, und der König hatte zum Schaden noch den Spott zu tragen.

Doch wußte er sich in seiner königlichen Art zu fassen. Der Bericht über Kinkels Flucht regte in ihm einen Gedanken an, den er selbst ehrlich genug war, als unlauter zu bezeichnen. Er befahl seinem Manteuffel, durch die »kostbare Persönlichkeit« des Stieber ein Komplott aufdecken und bestrafen zu lassen. Stieber war damals schon so allgemein verachtet, daß sich selbst der Berliner Polizeipräsident Hinckeldey, der in der Verfolgung politischer Gegner ein sehr weites Gewissen hatte, heftig gegen seine Wiederanstellung im Polizeidienst sträubte. Half aber alles nichts, und Stieber inszenierte nun als seine Probearbeit das Diebstahls- und Meineidsstück des Kölner Kommunistenprozesses.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_198.htm#S207

Die Geheimordre des Friedrich Wilhelm IV. an seinen Ministerpräsidenten von Manteuffel – Ferdinand von Westphalen war Innenminister in dessen Kabinett - vom 11. November 1850, mit dem der König selbst die Wiedereinstellung des Stieber angeordnet hat, liest sich merkwürdig hintersinnig:

Bester Manteuffel!

…dies hat mich auf einen Gedanken gebracht, den ich nicht gerade unter die lauteren classifiziren will. Nämlich den, ob Stieber nicht eine kostbare Persönlichkeit ist, das Gewebe der Befreiungsverschwörung zu entfalten und dem preußischen Publikum das lange und gerecht ersehnte Schauspiel eines aufgedeckten und (vor Allem) bestraften Complotts zu geben?

Eilen Sie also mit St[ieber]s Anstellung und lassen Sie ihn sein Probestück machen…

Verbrennen Sie dieses Blatt.

Es ist keine Minute zu verlieren.

Vale!
Friedrich Wilhelm

(siehe auch u.a. Raddatz, S. 206)

Der Jurist Dr. Wilhelm Stieber war 1847 anlässlich eines Disziplinarverfahrens wegen Fälschung von Beweisen und Misshandlung von Beschuldigten aus dem Gerichtsdienst ausgeschieden und hatte danach als Redakteur einer vom Polizeipräsidium herausgegebenen Zeitung und Anwalt seine Kontakte und Kenntnisse aus den Polizeiakten für seine Mandanten genutzt. Damit hatte er sich in Preußen bei den höchsten Stellen als der Mann fürs Grobe in der Polizeiarbeit qualifiziert und wurde 1850 auf Anweisung des Königs als Assessor im Polizeipräsidium für den geplanten Kommunistenprozess eingestellt.

Die Persönlichkeit des Stieber kann nicht nur durch Verlogenheit charakterisiert werden, es wird in dem folgenden Prozess sogar der Zwang sichtbar, diese Lügen gerade durch ersichtlich falsche und eigentlich unnötige Angaben den Angelogenen zu präsentieren. Die derart provozierend belogene Verteidigung musste sich daher an dem Spiel beteiligen, im wörtlichen Sinn vor diesem Lügner Stieber „das Gewebe der Befreiungsverschwörung zu entfalten“ und dem Gericht die Beweise für diese Lügen zu präsentieren, die an den Maßnahmen der Regierung und ihrer Post und Polizei vorbei durch einen großen Kreis von subversiv und konspirativ Mitwirkenden beschafft wurden.

Es sollten nicht nur irgendwelche Hanseln verhaftet und abgeurteilt werden, sondern man brauchte eine gefährliche Verschwörung im preußischen Land und einen dramatischen Prozess. Doch woher sollte man diese staatsgefährdende Verschwörung nehmen, um den König zufrieden zu stellen? Für den Aufsehen erregenden Schauprozess brauchte es eigens jemanden, der so lügen, stehlen und intrigieren konnte wie Stieber, das hatte der König selbst erkannt, und vielleicht einen Marx mit seinem weltrevolutionären Bund der Kommunisten.

Die meisten politischen Gegner waren nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49 in die Schweiz und nach England geflüchtet. Über die wenigen im Lande verbliebenen politischen Kräfte war die Polizei gut informiert.

Missionsreisende

Seit dem Herbst 1849 hatte Marx in London seine Mitarbeiter und Anhänger wieder um sich versammelt. Wenige fehlten: der ehemals für gefährliche Reisen wichtige Moll war tot, Karl Schapper war noch in Wiesbaden angeklagt und wurde erst im Frühjahr 1850 in seinem Prozess wegen Hochverrat freigesprochen, um sich wieder zu Marx nach London zu gesellen. Neu hinzu kamen August Willich, von seinem ehemaligen Adjutanten Friedrich Engels angeworben und vor allem Wilhelm Liebknecht, der als Adjutant Gustav Struves in der badischen Kampagne eine ähnliche Rolle wie Engels gespielt habe. Zunächst in der Schweiz ist er Präsident des „Demokratischen Vereins“, wo er im Februar 1850 verhaftet und im April ausgewiesen wird. Er kommt nach London, wo Liebknecht Mitglied im Bund der Kommunisten wird und als Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung arbeitet.

Die „Missionsreisen“ für den Kommunistenbund unternahm jetzt Heinrich Bauer, der einst zusammen mit Schapper und Moll Weitlings Handwerkerbund in London kontrolliert hatte, der dann von Marx und Engels in den Bund der Kommunisten umfirmiert wurde.

Dieser Heinrich Bauer wurde mit einer „Ansprache des Bundes“ vom März 1850 nach Deutschland geschickt, um Kontakte zu verbliebenen Oppositionellen zu sammeln, wobei er nach Mehrings Darstellung als herausragendes Talent in die Apostel- und Wundergeschichten aufgenommen werden sollte:

Bewaffnet mit diesem Rundschreiben, hatte Bauer mit seiner Missionsreise nach Deutschland großen Erfolg. Es gelang ihm, zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen und neue Fäden zu spinnen, namentlich großen Einfluß auf die Reste der Arbeiter-, Bauern-, Tagelöhner- und Turnvereine zu gewinnen, die sich noch in allem Wüten der Gegenrevolution erhalten hatten. Auch die einflußreichsten Mitglieder der von Stephan Born gegründeten Arbeiterverbrüderung schlossen sich dem Bunde an, der »alle brauchbaren Kräfte für sich gewonnen« habe, wie Karl Schurz nach Zürich berichtete, als er zu gleicher Zeit im Auftrage einer schweizerischen Flüchtlingsorganisation Deutschland bereiste. In einer zweiten, vom Juni 1850 datierten Ansprache konnte die Zentralbehörde berichten, daß der Bund in einer Reihe deutscher Städte festen Fuß gefaßt und sich leitende Kreise gebildet hätten, in Hamburg für Schleswig-Holstein, in Schwerin für Mecklenburg, in Breslau für Schlesien, in Leipzig für Sachsen und Berlin, in Nürnberg für Bayern, in Köln für Rheinland und Westfalen.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_198.htm#S207

Auch von Friedrich Engels haben wir eine fast gleich lautende Darstellung dieser Erfolge:

Die Missionsreise Heinrich Bauers war von vollständigem Erfolg gekrönt. Der kleine fidele Schuhmacher war ein geborner Diplomat. Er brachte die teils lässig gewordnen, teils auf eigne Rechnung operierenden ehemaligen Bundesglieder wieder in die aktive Organisation, namentlich auch die jetzigen Führer der "Arbeiterverbrüderung". Der Bund fing an, in den Arbeiter-, Bauern- und Turnvereinen in weit größerem Maß als vor 1848 die dominierende Rolle zu spielen, so daß schon die nächste vierteljährliche Ansprache an die Gemeinden vom Juni 1850 konstatieren konnte, der im Interesse der kleinbürgerlichen Demokratie Deutschland bereisende Studiosus Schurz aus Bonn (der spätere amerikanische Exminister) "habe alle brauchbaren Kräfte schon in den Händen des Bundes gefunden". Der Bund war unbedingt die einzige revolutionäre Organisation, die in Deutschland eine Bedeutung hatte.
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Wie hießt es bei derartigen Geschichten immer – „und wahrlich, ich sage Euch:“ - das geht nur, wenn einer von Stadt zu Stadt durch Polizeispitzel weiter gereicht und empfohlen und mit den verdächtigen Personen bekannt gemacht wird, wonach diese die Identitäten noch unbekannter Oppositioneller für die Polizei aufdecken und verhängnisvolle Details preisgeben und sich zu unbedachten Äußerungen und Informationen verleiten lassen, im Glauben, das vertrauenswürdige Mitglied einer einflussreichen Londoner Zentralbehörde bei einem konspirativen Treffen kennen gelernt zu haben.

Andernfalls hätte Heinrich Bauer für so einen Erfolg auf einer Reise schon wie einst die Apostel Wunder auf den öffentlichen Plätzen vollbringen müssen, damit in dieser gefährlichen Zeit die Gegner der Regierung sich überall um ihn versammeln und zu erkennen geben. Ganz zu schweigen von den Nachstellungen der Polizei, deren Spitzel er schon selber sein musste, um ihnen nicht gleich ausgeliefert zu sein bei so einer politischen „Missionsreise“ durch preußische Lande.

Am Inhalt der als „Ansprache der Zentralbehörde“ betitelten Sendbotschaft kann der Erfolg nicht gelegen haben, dazu will ich nur einen Punkt zitieren:

2. Um aber dieser Partei, deren Verrat an den Arbeitern mit der ersten Stunde des Sieges anfangen wird, energisch und drohend entgegentreten zu können, müssen die Arbeiter bewaffnet und organisiert sein. Die Bewaffnung des ganzen Proletariats mit Flinten, Büchsen, Geschützen und Munition muß sofort durchgesetzt, der Wiederbelebung der alten, gegen die Arbeiter gerichteten Bürgerwehr muß entgegengetreten werden. Wo dies letztere aber nicht durchzusetzen ist, müssen die Arbeiter versuchen, sich selbständig als proletarische Garde, mit selbstgewählten Chefs und eigenem selbstgewählten Generalstabe zu organisieren und unter den Befehl, nicht der Staatsgewalt, sondern der von den Arbeitern durchgesetzten revolutionären Gemeinderäte zu treten. Wo Arbeiter für Staatsrechnung beschäftigt werden, müssen sie ihre Bewaffnung und Organisation in ein besonderes Korps mit selbstgewählten Chefs oder als Teil der proletarischen Garde durchsetzen. Die Waffen und die Munition dürfen unter keinem Vorwand aus den Händen gegeben, jeder Entwaffnungsversuch muß nötigenfalls mit Gewalt vereitelt werden. Vernichtung des Einflusses der bürgerlichen Demokraten auf die Arbeiter, sofortige selbständige und bewaffnete Organisation der Arbeiter und Durchsetzung möglichst erschwerender und kompromittierender Bedingungen für die augenblickliche unvermeidliche Herrschaft der bürgerlichen Demokratie, das sind die Hauptpunkte, die das Proletariat und somit der Bund während und nach dem bevorstehenden Aufstand im Auge zu behalten hat.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_244.htm

Gefährlicher Unfug also, wie ihn sich die Führung der Geheimpolizei nicht schöner ersinnen könnte, mit dem man die Anhänger dieses Bundes ins Gefängnis bringt, selbst vor den verständnisvollsten Richtern und Geschworenen.

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Hellmann
20.12.2008, 11:32
Verhaftungen

Nicht Bauer, sondern ein anderes Opfer, der Schneider Nothjung, sollte am 10. Mai 1851 bei einer weiteren Rundreise für den Bund der Kommunisten mit seinen Adressen in Leipzig von der sächsischen Polizei ergriffen werden, was dann die Verhaftungswelle und den Kölner Kommunistenprozess ermöglicht hat. Hier kommt wieder der österreichische Polizeiagent Janos Bangya ins Spiel:

Anfang Mai 1851 eröffnete sich dann für die preußische Polizei die ersehnte Gelegenheit, gegen eine »Befreiungsverschwörung« vorzugehen. Während der Leipziger Messe konnte – aufgrund der Hinweise des ungarischen Offiziers János Bangya, eines Spitzels der österreichischen Polizei in London – der in Mülheim am Rhein geborene Schneider Peter Nothjung verhaftet werden. Nothjung, 1848 einer der Aktivisten des Kölner Arbeitervereins, war als Emissär des Bundes der Kommunisten auf Reisen und führte politische Flugblätter und Erklärungen mit sich. Die preußische Polizei begann eine fieberhafte Aktivität zu entfalten. Einen Monat zuvor hatte sie auf einer Konferenz in Dresden eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei anderer deutscher Staaten verabredet. Diese Absprachen zur Überwachung der flüchtigen Achtundvierziger und der politischen Vereine bewährten sich nun. »Haussuchungen, Verhaftungen, in ganz Deutschland an der Tagesordnung; man hat eine wahre Wuth, Verschwörungspapiere zu finden, und findet keine«, schrieb der liberale Berliner Diplomat und Schriftsteller Varnhagen von Ense in sein Tagebuch. Stieber erhielt den Auftrag, in London gegen die deutschen Emigranten zu ermitteln und den »passenden strafbaren Tatbestand« für einen Hochverratsprozess gegen Nothjung zu liefern.
http://edoc.bbaw.de/oa/articles/reYt5OP3og5IA/PDF/23ZXA0W5qqDLQ.pdf

Im Mai/Juni 1851 befand sich Stieber in London, wo gerade die berühmte Weltausstellung stattfand, um mit seinen Methoden weiteres Beweismaterial zu verschaffen. In seinem Hirngespinst „Spion des Kanzlers“ - mit dem er zum Beispiel Bismarck vor einem Revolverattentat durch Bakunin persönlich von Stieber persönlich retten lässt, woran sich später weder Bismarck noch Bakunin noch sonstwer außer Stieber erinnern konnten, und ähnlichen Schauergeschichten mit bekannten Persönlichkeiten - wird Stieber in London dem Karl Marx unter falschem Namen einen Besuch abstatten und die gesuchten Unterlagen durch eine Täuschung ergaunern. In Wirklichkeit ließ er halt den Schreibtisch des Archivars der Willich-Fraktion durch einen Hausnachbarn aufbrechen und die Papiere stehlen.

Stieber war der vom preußischen König protegierte richtige Mann für einen abscheulichen Prozess gegen zumeist anständige und unschuldige Bürger, die zuerst von Marx zu den Häuptern einer papiernen „Zentralbehörde“ einer internationalen Verschwörung gemacht wurden und von der Polizei als gefährliche Staatsfeinde enttarnt und angeklagt werden sollten, um zuletzt dafür Jahre in Festungshaft zu verbringen.

Stieber mit seinen ebenso bekannten wie dreisten und durchschaubaren Lügereien war dann die Voraussetzung für einen Schauprozess, in dem gerade durch den Kampf der Verteidiger gegen dessen Lügereien mit zahlreicher Unterstützung, von Bürgern Kölns bis zu Emigranten in London, dort vor allem das scheinbare Oberhaupt und der Drahtzieher dieser Verschwörung und große Weltrevolutionär Karl Marx, dieses eigentlich nicht vorhandene Netzwerk einer Verschwörung gerade durch die Verteidigung reale Gestalt annehmen musste.

Dann kam die Verhaftung zuerst Nothjungs, dann Haupts in Hamburg, der zum Verräter wurde, indem er die Namen der Kölner Zentralbehörde angab und im Prozeß als Hauptzeuge dienen sollte; aber seine Verwandten wollten diese Schande nicht erleben und beförderten ihn nach Rio de Janeiro, wo er sich später als Kaufmann etablierte und in Anerkennung seiner Verdienste erst preußischer und dann deutscher Generalkonsul wurde.
http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_206.htm

Zum besseren Verständnis der oben von Mehring und Engels erwähnten „schweizerischen Flüchtlingsorganisation“, als deren Agent Carl Schurz zu gleicher Zeit Deutschland bereiste, hier noch ein etwas längerer Einschub aus der zweiten „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“ vom Juni 1850:

In der Schweiz traten gegen Anfang dieses Jahres mehrere aus den verschiedenen Bewegungen mehr oder weniger bekannte Flüchtlinge zu einer Verbindung zusammen , welche den Zweck hatte, im gelegenen Augenblick zum Sturz der Regierungen mitzuwirken und Männer in Bereitschaft zu halten, welche die Leitung der Bewegung und selbst die Regierung übernehmen sollten. Einen bestimmten Parteicharakter trug diese Verbindung nicht, die buntscheckigen, in ihr vereinigten Elemente ließen dies nicht zu. Die Mitglieder bestanden aus Leuten aller Fraktionen der Bewegungen, von entschiedenen Kommunisten und selbst ehemaligen Bundesmitgliedern bis zu den zaghaftesten kleinbürgerlichen Demokraten und ehemaligen Pfälzer Regierungsmitgliedern.

Für die in der Schweiz damals so zahlreichen badisch-pfälzischen Stellenjager und sonstigen untergeordneten Ambitionen war diese Vereinigung eine erwünschte Gelegenheit, emporzukommen.

Die Instruktionen, die diese Verbindung an ihre Agenten schickte und die der Zentralbehörde vorliegen, waren ebensowenig geeignet, Vertrauen einzuflößen. Der Mangel eines bestimmten Parteistandpunktes, der Versuch, alle vorhandenen oppositionellen Elemente in eine Scheinverbindung zu bringen, ist nur schlecht verdeckt durch eine Masse Detailfragen nach den industriellen, bäuerlichen, politischen und militärischen Verhältnissen der verschiedenen Lokalitäten. Die Kräfte dieser Verbindung waren ebenfalls sehr unbedeutend. Nach der vollständigen Mitgliederliste, die uns vorliegt, bestand die ganze Gesellschaft in der Schweiz in ihrer höchsten Blütezeit aus kaum 30 Mitgliedern. Es ist bezeichnend, daß die Arbeiter unter dieser Zahl fast gar nicht vertreten sind. Es war von jeher eine Armee von lauter Unteroffizieren und Offizieren ohne Soldaten. Darunter befinden sich A. Fries und Greiner aus der Pfalz, Körner aus Elberfeld, Sigel usw.

Nach Deutschland haben sie zwei Agenten geschickt. Der erste, Bruhn aus Holstein, Bundesmitglied, brachte es durch falsche Vorspiegelungen dahin, einzelne Bundesmitglieder und Gemeinden zu bewegen, sich einstweilen an die neue Verbindung anzuschließen, in der sie den wiedererstandenen Bund zu sehen glaubten. Er berichtete zu gleicher Zeit über den Bund an die Schweizer Zentralbehörde in Zürich und über die Schweizer Verbindung an uns. Mit dieser zwischenträgerischen Stellung nicht zufrieden, schrieb er, während er noch mit uns in Korrespondenz stand, an die erwähnten, für die Schweiz gewonnenen Leute nach Frankfurt direkte Verleumdungen und befahl ihnen, sich mit London in keinerlei Verbindungen einzulassen. Er wurde deswegen sogleich aus dem Bunde ausgestoßen. Die Angelegenheit in Frankfurt wurde durch den Bundesemissär geregelt. Im übrigen war Bruhns Wirken für die Schweizer Zentralbehörde erfolglos. Der zweite Agent, Studiosus Schurz aus Bonn, richtete nichts aus, weil, wie er nach Zürich schrieb, "er alle brauchbaren Kräfte schon in Händen des Bundes gefunden habe". Er verließ dann plötzlich Deutschland und treibt sich jetzt in Brüssel und Paris umher, wo er vom Bund überwacht wird. Die Zentralbehörde konnte in dieser neuen Verbindung um so weniger eine Gefahr für den Bund sehn, als im Zentralausschuß derselben ein durchaus zuverlässiges Bundesmitglied <Wilhelm Wolff> sitzt, das den Auftrag hat, die Maßregeln und Pläne dieser Leute, soweit sie gegen den Bund gehn, zu überwachen und mitzuteilen. Sie hat ferner einen Emissär in die Schweiz geschickt, um mit dem vorerwähnten Bundesmitgliede die brauchbaren Kräfte in den Bund zu ziehn und überhaupt den Bund in der Schweiz zu organisieren. Die gegebnen Mitteilungen beruhen auf durchaus authentischen Dokumenten.

Ein anderer Versuch ähnlicher Art ging früher schon von Struve, Sigel und andern aus, die damals in Genf vereinigt waren. Diese Leute haben sich nicht gescheut, ihren Versuch einer Verbindung geradezu für den Bund auszugeben und die Namen von Bundesmitgliedern gerade zu diesem Zwecke zu mißbrauchen. Sie täuschten natürlich niemand mit dieser Lüge. Ihr Versuch war in jeder Beziehung so erfolglos, daß die wenigen in der Schweiz gebliebenen Mitglieder dieser nie zustande gekommenen Verbindung sich schließlich an die ersterwähnte Organisation schließen mußten. Je ohnmächtiger diese Koterie aber war, desto mehr prunkte sie mit hochklingenden Titeln, wie "Zentralausschuß der Europäischen Demokratie" usw. Auch hier in London hat Struve in Verbindung mit einigen anderen enttäuschten großen Männern diese Versuche fortgesetzt. Manifeste und Aufforderungen zum Anschluß an das "Zentralbüro der ganzen deutschen Emigration" und den "Zentralausschuß der Europäischen Demokratie" sind nach allen Teilen Deutschlands geschickt worden, doch auch diesmal ohne den geringsten Erfolg.
http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_306.htm

Nur als ein kleiner Einblick, welch ein professionelles Netzwerk Marx und Engels von London aus schon in kurzer Zeit geschaffen hatten, mit dem sie sogar ihre „kleinbürgerlichen“ Gegenspieler in der Schweiz infiltrieren und überwachen konnten, deren Hintergründe uns aber zu weit weg führen würden. Selbstverständlich konnte auch ein Carl Schurz nach seiner Flucht aus der Festung Rastatt nur mit mächtiger Protektion (Jesuiten?) in Deutschland herumreisen.

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Hellmann
20.12.2008, 11:46
Die Spaltung des Bundes in London

Mit dem selbstbewussten August Willich hatte sich in London ein Mehrheitsflügel gegen Marx und Engels gebildet, der in Richtung Kinkel und Mazzini tendierte. Um eine Übernahme des Bundes durch die Anhänger des Willich zu verhindern, spalteten Marx und Engels am 15. September 1850 den Londoner Bund und verlegten die Zentrale des Bundes überhaupt nach Köln, wo Willich keinen Einfluss besaß. Am 17. September 1850 waren Marx und seine Parteigänger dann auch aus dem in London in der Great Windmill Street ansässigen öffentlichen Arbeiterverein ausgetreten.

Es sollte also in London jetzt zwei getrennte Gruppen des Bundes geben, wobei sich anfangs der altgediente Schapper dem Lager des Willich anschloss, vielleicht auch nur, um es auszuforschen. Von Marx wurde die Spaltung mit dem üblichen theoretischen Brimborium begründet.

Von der abgespaltenen Fraktion Willich-Schapper wurde die in Köln gewählte Zentralbehörde nicht anerkannt, was auch nicht anders zu erwarten war. Gerade diese abgespaltene Fraktion wurde aber zum Ziel der preußischen Polizeiarbeit: die Unterlagen ihres Schriftführers Oswald Dietz wurden im Auftrag Stiebers von dem Polizeispitzel Reuter aus dem aufgebrochenen Schreibtisch entwendet und dienten der Anklage im Kölner Kommunistenprozess. Marx konnte damit jeden Vorwurf gegen sich abweisen, weil er mit den Anhängern Willichs doch nichts mehr zu tun hatte.

Stieber schwört nun, ein Mensch habe sich ihm erbeten, das Archiv für bares Geld von Oswald Dietz zu kaufen. Die Tatsache ist einfach die: Ein gewisser Reuter, preußischer Mouchard, der nie einer kommunistischen Gesellschaft angehört hat, wohnte in demselben Haus mit Dietz, erbrach dessen Pult, während er abwesend war, und stahl seine Papiere.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_414.htm

Die von Marx nachfolgend zitierte Aussage des Stieber, wonach der Hinweis auf das Archiv von Dietz aus den bei Nothjung gefundenen Papieren kam, muss nichts bedeuten. Wer von Stieber selbst etwas gelesen hat, heute vielleicht seine Autobiografie „Spion des Kanzlers“, weiß um die völlig hemmungslosen Lügereien dieses späteren Leiters der preußischen politischen Polizei in Berlin und Feldpolizeidirektors unter Bismarck.

Während Stieber sich im Frühling 1851 in London befand, angeblich die Besucher der Industrieausstellung vor Stiebern und Diebern zu schützen, sandte ihm das Berliner Polizeipräsidium die Kopie der bei Nothjung gefundenen Papiere,

"namentlich", schwört Stieber, "wurde ich auf das Archiv der Verschwörung aufmerksam gemacht, welches nach den bei Nothjung gefundenen Papieren in London bei einem gewissen Oswald Dietz liegen und die ganze Korrespondenz der Bundesmitglieder enthalten mußte".

Das Archiv der Verschwörung? Die ganze Korrespondenz der Bundesmitglieder? Aber Dietz war der Sekretär der Willich-Schapperschen Zentralbehörde. Befand sich also das Archiv einer Verschwörung bei ihm, so war es das Archiv der Willich-Schapperschen Verschwörung. Fand sich bei Dietz eine Bundeskorrespondenz, so konnte es nur die Korrespondenz des den Kölner Angeklagten feindlichen Sonderbundes sein. Aus der Musterung der bei Nothjung vorgefundenen Dokumente folgt indessen noch mehr, nämlich daß nichts darin auf den Oswald Dietz als Archivverwahrer hinwies. Wie sollte Nothjung auch in Leipzig wissen, was der "Partei Marx" zu London selbst unbekannt war.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_414.htm

Der preußische König Wilhelm IV. wurde auch über diese kleinen Details ständig informiert, in diesem Fall von seinem engen Berater, einem Schuldirektor Saegert:

Im August 1851 informierte Saegert den König, »daß St[ieber]s Agent in Windmill-Street No. 14 [London] aus dem Archive des Clubbs [also des Kommunistenbundes] einige 50 Originale an sich genommen hat, von denen ich einen Theil schon gesehen habe«. Und er fügte hinzu: »Außer [Ministerpräsident] Manteuffel weiß Niemand davon, ›es darf also nichts verlauten‹, denn in London würden sie das Diebstahl nennen und unsern Polizeiagent fortjagen; die Acten versprechen viel.«

Saegert an Friedrich Wilhelm IV., 3. August 1851, GStA PK BPH Rep. 192 NL Saegert Nr. 37.
http://edoc.bbaw.de/oa/articles/reYt5OP3og5IA/PDF/23ZXA0W5qqDLQ.pdf

Wer waren die Leute, die in Köln von Marx die unerwartete Ehre bekamen, die Zentralbehörde der kommunistischen Weltverschwörung zu personifizieren, die bald als gefährliche Verschwörer verhaftet und erst nach menschenunwürdiger und gesundheitsschädigender Untersuchungshaft im berüchtigten Kölner Kommunistenprozess vor Gericht standen?

Als im Oktober 1852 endlich die Hauptverhandlung begann, hatten fast alle Angeklagten 15 bis 18 Monate in Einzelhaft verbracht. Der Arzt Roland Daniels, ein enger Freund von Karl Marx, »sah … am schlechtesten aus.« 1855 starb er an Tuberkulose, die er sich in der Untersuchungshaft zugezogen hatte. Selbst die Presse berichtete über das »leidende Aussehen« der Angeklagten aufgrund der »außergewöhnlich strengen« Haft. Hermann Becker schrieb: Seitdem er Gefangener sei, werde das Krankwerden zur Regel. Seine Kölner Zelle habe kein Fenster, sondern nur eine viel zu kleine Maueröffnung knapp über dem Fußboden. Dadurch herrsche in seiner Zelle nur eine Art Dämmerung.
http://edoc.bbaw.de/oa/articles/reYt5OP3og5IA/PDF/23ZXA0W5qqDLQ.pdf

Hermann Heinrich Becker (1820-1885), Gerichtsreferendar, 1849/50 Herausgeber der demokratisch-republikanischen „Westdeutschen Zeitung“ mit bis zu 4000 Abonnenten, plante Aufsätze von Marx zu publizieren, von denen 1851 nur das erste Heft erschien; von 1875 bis 1885 Oberbürgermeister von Köln; 5 Jahre Festungshaft in Weichselmünde; große Differenzen mit Marx, die er auch im Prozess ausführte; er war wohl mit falschen Erwartungen mangels Alternativen in den Kommunistenbund gekommen.

Heinrich Bürgers (1820-1878), Philologe und Journalist, seit 1844 in Paris mit Marx bekannt, 1846/47 in Köln im „Kommunistischen Korrespondenzkomitee“, seit 1847 im Bund der Kommunisten, März/April 1848 Abgeordneter des Vorparlaments, ab Juni 1848 Redakteur der NRhZ, im Kölner Arbeiterverein und Vizepräsident der von Marx geleiteten „Kölner Demokratischen Gesellschaft“, ab September 1850 Mitglied der Zentralbehörde des Bundes; 6 Jahre Festungshaft; anschließend löste er die Beziehungen zu Marx, trat in den 1860er Jahren der Deutschen Fortschrittspartei bei und war von 1877/78 Reichstagsabgeordneter.

Peter Gerhard Röser, Zigarrenmacher und 1849 führend in der deutschlandweiten Zigarrenarbeiter-Assoziation, 1848 im Vorstand des Kölner Arbeitervereins, 1849 Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins und Mitglied im Bund der Kommunisten, Vorsitzender der Zentralbehörde in Köln; 6 Jahre Festungshaft; später beim ADAV; stirbt 1867 verarmt in Mülheim am Rhein;

Peter Nothjung, Schneider, 6 Jahre Festungshaft; später Fotograf; Bevollmächtigter des ADAV in Breslau;

Wilhelm Josef Reiff, Handlungsgehilfe und Schreiber, seit 1848 aktiv im Kölner Arbeiterverein, 1850 vom Bund ausgeschlossen; 5 Jahre Festungshaft;

Carl Wunibald Otto, Chemiker, bestritt die Mitgliedschaft im Bund, 5 Jahre Festungshaft;

Friedrich Leßner, Schneider, hatte 1849 die Leichenrede am Grab des Armenarztes Andreas Gottschalk gehalten; 3 Jahre Festungshaft; ging 1856 nach London; befreundet mit Marx und Engels; aktiv in der Ersten Internationale; 1893 Mitbegründer der Independent Labour Party;

Roland Daniels, 1819-1855, Arzt, bestritt die Mitgliedschaft; Freispruch; starb an der durch die Bedingungen seiner Untersuchungshaft ausgebrochenen Schwindsucht;

Abraham Jacobi, 1830-1919, Arzt, bestritt die Mitgliedschaft im Kommunistenbund, Freispruch, floh 1853 über England in die USA, gründete das erste Kinderkrankenhaus der USA, gilt als „Vater der Kinderheilkunde“.

Dr. Johann Jacob Klein, 1817-1895, Sanitätsrat, bestritt die Mitgliedschaft, Freispruch; Arzt in Köln; 1872-1895 Stadtverordneter in Köln;

Albert Erhard, Bankangestellter, bestritt die Mitgliedschaft; Freispruch; eröffnete später ein Bankgeschäft;

Ferdinand Freiligrath war zwar angeklagt, hatte aber nach London fliehen können.

Das Publikum und die Presse verloren nach den ersten Tagen das Interesse an dem sich über 6 Wochen hinziehenden Prozess. Die Kreuzzeitung und die Kölner Zeitung berichteten über die Verhandlungen und die Aussagen des Stieber sind in der Kölner Zeitung fast autentisch publiziert worden, weil Stieber selber das Blatt Dumonts nach jedem seiner Auftritte mit seinen Unterlagen versorgte. So konnten Marx und Willich in London am übernächsten Tag den Stand der Verhandlungen erfahren.

Am 23. Oktober 1852 wurde vom Polizeirat Stieber dem Gericht das gefälschte Protokollbuch des Bundes der Kommunisten präsentiert. August Willich, nicht Marx mit seinen guten Informationen über die Londoner Verhältnisse, ließ den Fälscher in London von der englischen Polizei verhaften und vor einem englischen Polizeigericht die Fälschung bestätigen. Willich sandte dessen vor der englischen Polizei beglaubigten Aussagen in dreifacher Ausfertigung nach Köln, wo allerdings die Sendungen nicht ankamen und verschollen blieben.
Die üblichen Darstellungen der Vorgänge sind verwirrend und voreingenommen, um hier (von Jürgen Herres) nur ein Beispiel zu zitieren:

Bei dem sog. Originalprotokollbuch handelte es sich tatsächlich um eine Fälschung. Marx konnte noch während des Prozesses von London aus eine Reihe von Beweisen dafür beibringen. Selbst August Willich – ebenfalls Emigrant in London – schaltete sich ein. Er ging mit dem von Stieber bezahlten Fälscher zu einem englischen Polizeigericht, ließ ihn die Fälschung bestätigen und sandte diese Aussage dreifach nach Köln. Leider scheinen sie nie angekommen zu sein.
http://edoc.bbaw.de/oa/articles/reYt5OP3og5IA/PDF/23ZXA0W5qqDLQ.pdf

Was soll „die Reihe von Beweisen“ des Marx im Vergleich zu dem von August Willich erreichten und beim englischen Polizeigericht bestätigten Geständnis des Fälschers?

Der Fälscher war ein bekannter Polizeiagent Wilhelm Hirsch aus Hamburg:

Hirsch meldete sich Anfang Dezember 1851 bei der "Gesellschaft Marx" als kommunistischer Flüchtling. Briefe aus Hamburg denunzierten ihn gleichzeitig als Spion. Man beschloß indes, ihn einstweilen in der Gesellschaft zu dulden, zu überwachen und sich Beweise über seine Schuld oder Unschuld zu verschaffen. In der Zusammenkunft vom 15. Januar 1852 wurde ein Brief aus Köln verlesen, worin ein Freund von Marx der abermaligen Verschleppung des Prozesses gedenkt und der Schwierigkeit, selbst für Verwandte, Zutritt zu den Gefangenen zu erhalten. Bei dieser Gelegenheit wird Frau Dr. Daniels erwähnt. Es fiel auf, daß Hirsch seit dieser Sitzung weder in "unmittelbarer Nähe" noch in der Perspektive erblickt wurde. Am 2. Februar 1852 erhielt Marx von Köln die Anzeige, bei Frau Dr. Daniels sei Haussuchung gehalten worden infolge einer Polizeidenunziation, wonach ein Brief der Frau Daniels an Marx in der Londoner kommunistischen Gesellschaft verlesen und Marx beauftragt worden sei, der Frau Dr. Daniels zu antworten, Marx beschäftige sich damit, den Bund in Deutschland zu reorganisieren usw. Diese Denunziation bildet wörtlich die erste Seite des Originalprotokollbuchs. - Marx antwortete umgehend, da Frau Daniels nie an ihn geschrieben, könne er keinen Brief von ihr verlesen haben. Die ganze Denunziation sei die Erfindung eines gewissen Hirsch, eines lüderlichen jungen Menschen, dem es nicht darauf ankomme, für bares Geld der preußischen Polizei so viele Lügen aufzubinden, als sie wünsche.
(ebenda)

Hirsch tauchte nicht mehr auf, wurde ausgeschlossen, die „Gesellschaft Marx“ wechselte Versammlungslokal und Wochentag von Donnerstags auf Mittwochs, während Hirsch sein „Protokollbuch“ mit den falschen Daten zum Donnerstag produzierte.

Das gefälschte Protokollbuch verwandelt den Prozess von selber in eine Posse:

Die Advokaten waren daher zunächst auf die in Köln selbst sparsam zugänglichen Verteidigungsmittel angewiesen. Stieber erhielt den ersten Stoß von einer Seite, von der er ihn nicht erwartete. Justizrat Müller, der Vater der Frau Dr. Daniels, ein als Jurist geachteter und wegen seiner konservativen Richtung bekannter Bürger, erklärte in der "Kölnischen Zeitung" vom 26. Oktober, daß seine Tochter nie mit Marx korrespondiert habe und daß das Originalbuch des Stieber eine "Mystifikation" sei. Der am 3. Februar 1852 nach Köln gesandte Brief, worin Marx den Hirsch als Mouchard und Fabrikanten falscher Polizeinotizen bezeichnete, wurde zufällig aufgefunden und der Verteidigung zugestellt. In der Austrittserklärung der "Partei Marx" aus dem Great Windmill Verein, die im Archiv Dietz vorlag, fand sich die echte Handschrift des W. Liebknecht. Endlich erhielt Advokat Schneider II von dem Sekretär der Kölnischen Armenverwaltung, Birnbaum, echte Briefe des Liebknecht und von dem Privatschreiber Schmitz echte Briefe des Rings. Auf dem Gerichtssekretariat verglichen die Advokaten das Protokollbuch teils mit Liebknechts Handschrift in der Austrittserklärung, teils mit Briefen von Rings und Liebknecht.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_431.htm

Stieber versuchte nun, den Fälscher Hirsch für einen Meineid nach Köln zu locken:

Die Bloßstellung vor dem Publikum hatte eine gefährliche Höhe erreicht. Polizeileutnant Goldheim wurde daher am 28. Oktober nach London gesandt, um das Vaterland zu retten. Was machte Goldheim in London? Den Versuch, mit Hülfe des Greif und Fleury den Hirsch zu bewegen, nach Köln zu kommen und unter dem Namen H. Liebknecht die Echtheit des Protokollbuchs zu beschwören. Eine förmliche Staatspension wurde dem Hirsch angeboten, aber Hirsch besaß seinen Polizeiinstinkt so gut wie Goldheim. Hirsch wußte, daß er weder Prokurator noch Polizeileutnant, noch Polizeirat, also nicht zum Meineid privilegiert war. Es ahnte dem Hirsch, daß man ihn fallenlassen werde, sobald die Sache schief gehe. Hirsch wollte nicht zum Bock werden, am wenigsten zum Sündenbock. Hirsch schlug rund ab.
(ebenda)

Die Angelegenheit endete als Blamage für die preußische Polizei:

Sonnabend, den 6. November, bekannte W. Hirsch, von Hamburg, an Eides Statt vor dem Magistrat zu Bow Street, London, daß er selbst unter Leitung von Greif und Fleury das in dem Kölner Kommunistenprozeß figurierende Originalprotokollbuch fabriziert habe.

Also erst Originalprotokollbuch der "Partei Marx" - dann Notizbuch des Spions Fleury - endlich Fabrikat der preußischen Polizei, einfaches Polizeifabrikat, Polizeifabrikat sans phrase.

An demselben Tage, wo Hirsch das Geheimnis des Originalprotokollbuches dem englischen Magistrat zu Bow Street verriet, war ein anderer Repräsentant des preußischen Staates zu Kensington im Hause des Fleury damit beschäftigt, diesmal zwar weder gestohlene noch fabrizierte, noch überhaupt Dokumente, wohl aber seine eigenen Habseligkeiten in starke Wachsleinwand zu verpacken. Es war dies niemand anders als Vogel Greif, Pariser Angedenkens, der außerordentliche Kurier nach Köln, der Chef der preußischen Polizeiagenten zu London, der offizielle Dirigent der Mystifikation, der an die preußische Gesandtschaft attachierte Polizeileutnant. Greif hatte von der preußischen Regierung den Befehl erhalten, London sofort zu verlassen. Zeit war nicht zu verlieren.
(ebenda)

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Hellmann
20.12.2008, 12:02
Das gefälschte Protokollbuch spielte dann für die Anklage keine Rolle mehr. Es ist aber merkwürdig, dass noch eine weitere und sehr leicht aufzudeckende Fälschung in das Verfahren eingeflochten wurde. Fast könnte man vermuten, es habe dem Zweck gedient, dem Marx Gelegenheit zu geben, sich als den großen Verteidiger der Angeklagten von London aus aufzuspielen.

Da Marx sich hier bei der Darstellung selber außergewöhnlich kurz gefasst hat, wird der fragliche Punkt ganz deutlich:

In der Sitzung vom 27. Oktober bezeugt der Polizei-Inspektor Junkermann aus Krefeld:

"Er habe ein Paket mit Exemplaren des 'Roten Katechismus' in Beschlag genommen, welches an den Kellner eines Krefelder Gasthofes adressiert und mit dem Poststempel Düsseldorf versehen war. Dabei lag ein Begleitschreiben ohne Unterschrift. Der Absender ist nicht ermittelt worden." "Das Begleitschreiben scheint, wie das öffentliche Ministerium bemerkt, von der Hand des Marx geschrieben."

In der Sitzung vom 28. Oktober ersieht der Sachverständige (???) Renard dem Begleitschreiben die Handschrift des Marx. Dies Begleitschreiben lautet:

"Bürger! Da Sie unser volles Vertrauen besitzen, so überreichen wir Ihnen hiermit 50 Exemplare des 'Roten', die Sie Samstag, den 5. Juni, abends 11 Uhr, unter die Haustüren anerkannt revolutionärer Bürger, am liebsten Arbeiter, zu schieben haben. Wir rechnen mit Bestimmtheit auf Ihre Bürgertugend und erwarten daher Ausführung dieser Vorschrift. Die Revolution ist näher, als mancher glaubt. Es lebe die Revolution!

Berlin, Mai 1852
Gruß und Bruderschaft. Das Revolutionskomitee"
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_455.htm

Dieser wahrlich ungeheuerliche Anklagepunkt, Marx habe eine Schrift des Moses Heß vertrieben, ist eine grobe Beleidigung für Karl Marx:

Moses Heß, der Fraktion angehörig, der Verfasser des "Roten Katechismus", dieser unglücklichen Parodie des "Manifestes der Kommunistischen Partei", Moses Heß, der seine Schriften nicht nur selbst schreibt, sondern auch selbst vertreibt, er wußte genau, an wen er Partien von seinem "Roten" abgelassen hatte. Er wußte, daß Marx ihm den Reichtum an "Rotem" auch nicht um das Maß eines einzigen Exemplars geschmälert hatte. Moses läßt ruhig auf den Angeklagten den Verdacht, als hätte ihre Partei sein "Rotes" mit melodramatischen Begleitschreiben in der Rheinprovinz hausiert.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_458.htm

Und wie jeder mit den Eifersüchteleien des Marx vertraute Bekannte ohne jeden Beweis weiß, frei von der preußischen Polizei erfunden und in allen Bestandteilen zusammengelogen. So etwas kann der aufrechte Karl Marx in London vor aller Öffentlichkeit sofort abschmettern:

Polizeipräsident Hinckeldey von Berlin leitet während der Untersuchungshaft der Kölner Angeklagten die Manöver als Obergeneral. Die Lorbeeren des Maupas lassen ihn nicht schlafen.

Während der Verhandlungen figurieren zwei Polizeidirektoren, ein lebendiger und ein toter, ein Polizeirat - aber der eine war ein Stieber -, zwei Polizeileutnants, wovon der eine beständig von London nach Köln, der andere beständig von Köln nach London reist, Myriaden von Polizeiagenten und Unteragenten, genannte, anonyme, heteronyme, pseudonyme, geschwänzte und ungeschwänzte. Endlich noch ein Polizei-Inspektor.

Sobald die "Kölnische Zeitung" mit den Zeugenverhören vom 27. und 28. Oktober in London eintraf, begab sich Marx zum Magistrat in Marlborough Street, schrieb den in der "Kölnischen Zeitung" gegebenen Text des Begleitschreibens ab, ließ diese Abschrift beglaubigen und zugleich folgende an Eides Statt abgegebene Erklärung:

1. Daß er das fragliche Begleitschreiben nicht geschrieben;
2. daß er die Existenz desselben erst aus der "Kölnischen Zeitung" kennengelernt;
3. daß er den sogenannten "Roten Katechismus" nie gesehen;
4. daß er nie in irgendeiner Weise zur Verbreitung desselben beigetragen.

Im Vorbeigehen sei bemerkt, daß eine solche vor dem Magistrat gegebene Erklärung (declaration), wenn sie falsch ist, in England alle Folgen des Meineids nach sich zieht.

Das obige Dokument wurde an Schneider II geschickt, erschien aber zugleich gedruckt im Londoner "Morning Advertiser", da man sich im Laufe des Prozesses überzeugt hatte, daß die preußische Post mit Beobachtung des Postgeheimnisses die sonderbare Vorstellung verbindet, sie sei verpflichtet, die ihr anvertrauten Briefe vor dem Adressaten geheimzuhalten. Die Oberprokuratur widersetzte sich der Vorlegung des Dokuments, sei es auch nur zur Vergleichung. Die Oberprokuratur wußte, daß ein einziger Blick von dem Originalbegleitschreiben auf die amtlich beglaubigte Abschrift von Marx den Betrug, die absichtliche Nachahmung seiner Schriftzüge, selbst dem Scharfblicke dieser Geschworenen nicht verborgen lassen könnte. Im Interesse der Moralität des preußischen Staates protestierte sie daher gegen jede Vergleichung.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_455.htm

Und wozu sollte die preußische Polizei derartige alberne Fälschungen vor dem Kölner Gericht auftischen, diese Manöver sogar vom Polizeipräsidenten Hinckeldey von Berlin aus geleitet?

Entweder waren die Preußen alle wahnsinnig – oder es galt, ihrem Agenten Karl Marx den großen Auftritt vor breiter Öffentlichkeit mit Hilfe des Kölner Kommunistenprozesses zu verschaffen. Dann bekäme das Affentheater mit den so offensichtlichen Fälschungen einen Sinn und Zweck.

Für die Anklage vor einem bürgerlichen Gericht –so lächerlich das heute klingen mag - hätten das Kommunistische Manifest und die letzten „Ansprachen der Zentralbehörde an den Bund“ zum Beweis der Pläne für einen gewaltsamen Umsturz und der weitreichenden Verschwörung völlig gereicht. Notfalls noch ergänzt durch die letzten Artikel der Neuen Rheinischen Zeitung in Köln von 1849. Da brauchte nichts gefälscht zu werden, nur um Anklage und Gerichtsverfahren unglaubwürdig zu machen.

Warum wird eigentlich der preußische Innenminister, der Schwager von Karl Marx, im Zusammenhang mit dem Kölner Kommunistenprozess nicht erwähnt? Außer von mir jetzt wieder.

Schließlich benutzt Marx den Kommunistenprozess noch für Unterstellungen gegen seinen Konkurrenten August Willich:

Wir haben oben erzählt, daß Hirsch am 6. November vor dem Magistrat zu Bow Street gestand, das Originalprotokollbuch unter Leitung von Greif und Fleury fabriziert zu haben; Willich vermochte ihn zu diesem Schritt, Willich und der Gastwirt Schärttner begleiteten ihn zum Magistrat. Hirschs Bekenntnis wurde in drei verschiedenen Exemplaren ausgefertigt und diese unter verschiedenen Adressen durch die Post nach Köln versandt.

Es war von der höchsten Wichtigkeit, den Hirsch, wie er die Schwelle des Gerichtshofes verließ, sofort zu verhaften. Auf Grund der bei ihm befindlichen, amtlich beglaubigten Aussage konnte der in Köln verlorene Prozeß in London wieder gewonnen werden. Wenn nicht für die Angeklagten, so doch gegen die Regierung. Willich tat dagegen alles, um einen solchen Schritt unmöglich zu machen. Er beobachtet nicht nur gegen die direkt beteiligte "Partei Marx", sondern gegen seine eigenen Leute, sogar gegen Schapper, das tiefste Stillschweigen. Nur Schärttner war in sein Geheimnis eingeweiht. Schärttner erklärt, er und Willich hätten den Hirsch ans Schiff begleitet. Hirsch habe nämlich, Willichs Intention gemäß, in Köln gegen sich selbst Zeugnis ablegen sollen.

Willich unterrichtet den Hirsch von dem Wege, den die Dokumente nehmen werden, Hirsch die preußische Gesandtschaft, die preußische Gesandtschaft die Post. Die Dokumente kommen nicht an ihrem Bestimmungsort an; sie verschwinden. Später taucht der verschwundene Hirsch wieder zu London auf und erklärt in einer öffentlichen Demokratenversammlung, Willich sei sein Komplize.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_458.htm

Die entscheidende Frage bleibt natürlich ungestellt, warum denn Marx, in dessen Fraktion der Hirsch eingetreten war, der über Hirsch als Spion von Anfang an informiert war, nicht selber handfeste Beweise und Geständnisse von Hirsch beschafft hat. Sollte Marx den Hirsch, der ja die Sitzungsprotokolle der Fraktion Marx gefälscht hat und nicht die von Willich, gar nicht angegangen haben?

Die Information der preußischen Gesandtschaft über den Weg der Dokumente könnte von Marx eher als von Willich ausgegangen sein, wie Marx es hier behauptet.

Willich gesteht, auf eine diesbezügliche Interpellation, mit Hirsch, der schon im Jahre 1851 auf seinen Antrag als Spion aus dem Great Windmill Verein ausgestoßen wurde, seit Anfang August 1852 wieder in Verbindung gestanden zu haben. Hirsch habe ihm nämlich den Fleury als preußischen Spion verraten und ihm dann alle an Fleury eingehenden und von ihm ausgehenden Briefe zur Kenntnisnahme mitgeteilt. Er, Willich, habe sich dieses Mittels bedient, um die preußische Polizei zu überwachen.

Willich war notorisch seit ungefähr einem Jahre der intime Freund Fleurys, von dem er Unterstützungen empfing. Wenn aber Willich seit August 1852 wußte, daß er preußischer Spion und zugleich von dessen Treiben unterrichtet war, wie kommt es, daß er das Originalprotokollbuch nicht kannte?

Daß er erst interveniert, nachdem die preußische Regierung selbst den Fleury als Spion verraten hat?

Daß er in einer Weise interveniert, die im besten Falle seinen Verbündeten Hirsch aus England und die amtlich beglaubigten Beweismittel für die Schuld Fleurys aus den Händen der "Partei Marx" schafft?

Daß er fortfuhr, Unterstützungen von Fleury zu beziehen, der mit einem von ihm erhaltenen reçu von 15 Pfund Sterling renommiert?

Daß Fleury in der deutsch-amerikanischen Revolutionsanleihe fortoperiert?

Daß er dem Fleury Lokal und Zusammenkunftsort seiner eigenen geheimen Gesellschaft angibt, so daß preußische Agenten im Nebenzimmer die Debatten zu Protokoll nehmen?

Daß er den Fleury von der Reiseroute des obengenannten Emissärs, des Schneidergesellen, unterrichtet und sogar Geld für diese Missionsreise von ihm empfängt?

Daß er endlich dem Fleury erzählt, er habe den bei ihm wohnenden Hentze instruiert, wie er vor den Kölner Assisen gegen Becker auszusagen habe?
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_458.htm

Fast sollte man glauben, alle außer Marx seien preußische Agenten gewesen.

Zum oben erwähnten preußischen Polizeiagent Fleury gibt es eine treffende Beschreibung durch seinen Chef Stieber:

Es wird nun den Leser interessieren, zu sehn, welches Zeugnis Stieber selbst seinen beiden Spießgesellen Fleury-Krause und Hirsch ausstellt. Über ersteren heißt es im Schwarzen Buch, II, S. 69:

"Nr. 345. Krause, Carl Friedrich August, aus Dresden. Er ist der Sohn des im Jahre 1834 wegen Teilnahme an der Ermordung der Gräfin Schönberg zu Dresden hingerichteten früheren Ökonomen, dann" (nach seiner Hinrichtung?) "Getreidemäklers Friedrich August Krause und der noch lebenden Witwe desselben, Johanna Rosine geb. Göllnitz, und am 9. Januar 1824 in den Weinbergshäusern bei Coswig ohnweit Dresden geboren. Seit 1. Oktober 1832 besuchte er die Armenschule zu Dresden, wurde 1836 in das Waisenhaus zu Antonstadt-Dresden aufgenommen und 1840 konfirmiert. Dann kam er zum Kaufmann Gruhle zu Dresden in die Lehre, im folgenden Jahre aber schon wegen mehrfacher Entwendungen beim Stadtgerichte in Dresden in Untersuchung und Haft, worauf ihm der erlittene Arrest als Strafe angerechnet wurde. Nach der Entlassung hielt er sich bei seiner Mutter geschäftslos auf, kam im März 1842 wegen eines Diebstahls mit Einbruch wieder in Haft und Untersuchung und erlitt eine ihm zuerkannte vierjährige Zuchthausstrafe. Am 23. Oktober 1846 kam er aus der Strafanstalt nach Dresden zurück und verkehrte nun unter den berüchtigtsten Dieben. Darauf nahm der Verein für entlassene Sträflinge sich seiner an und brachte ihn als Zigarrenmacher unter, als welcher er bis März 1848 ohne Unterbrechung mit leidlichem Betragen gearbeitet hat. Doch nun gab er sich von neuem dem Hang zur Arbeitslosigkeit hin und besuchte die politischen Vereine" (als Regierungsspion, wie er selbst dem Hirsch in London gestand, s. oben). "Anfang 1849 wurde er Kolporteur der von dem jetzt in Amerika befindlichen republikanischen Literaten E. L. Wittig aus Dresden redigierten 'Dresdner Zeitung', beteiligte sich im Mai 1849 als Kommandant der Barrikade an der Sophienstraße am Dresdner Aufstand und floh nach Unterdrückung desselben nach Baden, wo er namentlich mit Vollmachten der provisorischen badischen Regierung vom 10. und 23. Juni 1849 behufs Ausführung des Aufgebots zum Landsturm und behufs Erpressung von Lebensmitteln für die Insurgenten auftrat, vom preußischen Militär gefangengenommen wurde, am 8. Oktober 1849 aus Rastatt entsprang." (Ganz wie später Cherval aus Paris "entsprang". Nun kommt aber das echte duftige Polizeiblümlein - man vergesse nicht, daß dies zwei Jahre nach dem Kölner Prozeß gedruckt wurde.) "Zufolge einer in Nr. 39 des 'Berliner Publizisten' vom 15. Mai 1853 enthaltnen Nachricht, welche aus dem in New York im Druck erschienenen Werk des Handlungsdieners Wilhelm Hirsch aus Hamburg 'Die Opfer der Spionage' entnommen ist" (du ahnungsvoller Engel, du Stieber!), "trat Krause Ende 1850 oder anfangs 1851 in London unter dem Namen Charles de Fleury als politischer Flüchtling auf und hat zuerst in ärmlichen Verhältnissen gelebt, ist seit 1851 aber in bessere Lage gekommen, indem er nach seiner Aufnahme in den Kommunistenbund" (die Stieber hinzulügt) "verschiedenen Regierungen als Agent gedient hat, wobei er sich aber mannigfache Schwindeleien hat zuschulden kommen lassen."

So bedankt sich Stieber bei seinem Freund Fleury, der übrigens, wie oben erwähnt, wenige Monate nach dem Kölner Prozeß in London wegen Fälschung zu verschiedenen Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
http://www.mlwerke.de/me/me14/me14_650.htm

Dem gerade angegebenen Link kann man weitere Details der Lebensläufe dieser damaligen Agenten des Stieber entnehmen. Interessant und witzig in unserem Zusammenhang, dass die preußischen Polizeiagenten in London sich stets mit dem Decknamen „Mr. Charles“ ansprechen ließen.

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Hellmann
26.12.2008, 14:34
David Urquhart (1805-1877)


Er ist heute als der Mann bekannt, der die türkischen Bäder im victorianischen England eingeführt hat. Sein Engagement für das Bündnis Englands mit dem Osmanischen Reich und sein Kampf gegen den Lord Palmerston liegen dagegen weitgehend im Dunklen. Dass Karl Marx sein Mitstreiter war, wurde fast verdrängt, obwohl Marx für dessen 1855 gegründete Zeitung „Free Press“ schrieb.

David Urquhart entstammte einer traditionsreichen schottischen Familie, die bereits gegen Oliver Cromwell gekämpft und verloren hatte.

This is a surname originating from the lands of Urquhart on the western shore of Loch Ness. William the Urchard is the first Sheriff of Cromarty on record in the 13th century, with Adam Urquhart having a grant of the Sheriffdom of Cromarty from David II in 1358…

…yet the Urquharts continued to support the Royalist Cause, then took part in the Jacobite Uprisings of 1715 and 1745. Colonel James Urquhart of Cromarty, 16th Chief, was the principal Jacobite agent in Scotland for the de jure James VIII, father of Prince Charles Edward Stuart…
http://www.scotsconnection.com/clan_crests/Urquhart.htm

In dem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die ebenso traditionsreichen britischen Vorfahren der Jenny Marx auf der Gegenseite standen.

Sir Thomas Urquhart of Cromarty (1611-60) who supported Charles I against Oliver Cromwell, moved abroad after his capture at the Battle of Worcester. He translated Rabelais, and wrote Epigrams, Divine and Moral and An Introduction to the Universal Language. David Urquhart (1805-77) was born in Cromarty and became a diplomat, travelling to Turkey with Sir Stafford Canning. Back in England, he founded the Free Press, later called the Diplomatic Review, and opposed Lord Palmerston's foreign policy. He wrote The Pillars of Hercules (1850). Major General Roy Urquhart (1901-88) was the hero of the Battle of Arnhem in the Second World War, and the subject of the film A Bridge Too Far. From 1950 to 1952, he was appointed General Officer Commanding Malaya Command. Sir Brian Urquhart (1919- ) became Under Secretary General of the United Nations.
http://www.scotsconnection.com/clan_crests/Urquhart.htm

Urquhart genoss schon als Kind eine Erziehung im Ausland. Als sein Vater starb, kümmerte sich ein Freund der Familie um die Zukunft des Knaben. Das war der berühmte Jeremy Bentham, als Philosoph der Erfinder des Utilitarismus, Schriftsteller, nach gut informierten Kreisen der britische Kopf hinter der Französischen Revolution und im Foreign Office mit der Reorganisation der britischen Intelligence betraut.

Eine erste Ehrbezeichnung erhielt Bentham aus dem postrevolutionären Frankreich, wo ihm 1792 gemeinsam mit George Washington, Friedrich Schiller und Johann Heinrich Pestalozzi die französische Ehrenstaatsbürgerschaft zuerkannt wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham

Der zeitlebens unverheiratete Bentham war ein „admirer“ begabter junger Knaben, die mit seiner Protektion ihren Weg in die Politik und vor allem in die Außenpolitik fanden. Seine mit dem Utilitarismus argumentierende Verteidigung der Homosexualität wurde erst in unseren Tagen veröffentlicht:

http://www.columbia.edu/cu/lweb/eresources/exhibitions/sw25/bentham/index.html#21

Er vermischt in diesem „Essay on Paederasty“ aus dem Jahr 1785 selbige mit den Beziehungen erwachsener Männer und kann sich keinen Grund denken, warum die Gesellschaft überhaupt privates Luststreben verfolgen sollte.

Das haben die Fürsten und Kapitalisten aber schon immer besser und klarer gesehen, welchen „utilitaristischen Nutzen“ sie von der Unterdrückung der Sexualität ihrer Untertanen und Arbeitskräfte haben, und nicht ohne Grund bis in unsere Tage mit allen Mitteln für die Fortdauer aller Vorurteile und Repressionen gesorgt. Aus persönlicher Betroffenheit wird Benthams Urteil hier wohl gelitten haben, die „nützlichen Gründe“ zur Kenntnis zu nehmen und dann konsequent vertreten zu müssen als Utilitarist.

Bentham ist der Kopf der englischen radicals, des politischen Arms des philosophischen Utilitarismus, der die englische Innenpolitik nachhaltig beeinflusste und später in der Liberal Party aufging. Durch seine Anhänger - darunter James Mill und dessen Sohn John Stuart Mill, David Ricardo und John Austin, hatten seine Lehren grossen politischen Einfluss.
http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham

Das „größte Glück der größten Zahl“ bezog sich nur auf die Mitglieder der vermögenden Klassen; der Einfluss der Anhänger von Jeremy Bentham auf die Armengesetze in England ließ den „Utilitarianism“ beim Volk als „Brutilitarianism“ bekannt werden. Als Robert Owen durch seine erfolgreichen sozialen Verbesserungen in New Lanark berühmt wurde, beteiligte sich Bentham als Aktionär an der Fabrik; woher Bentham als Sohn eines Rechtsanwalts und Philosoph nur das Geld hatte, das dem Fabrikanten Owen fehlte, überlasse ich dem Leser. Wie zu erwarten findet man Bentham überall, wo die Politik gerade einen Brennpunkt hat, und er nimmt darauf Einfluss und hat dafür Zeit und Geld und kann wo nötig seine Anhänger in wichtige Positionen bringen.

Bentham wird der Wegbereiter der „Liberal Party“ in England, findet aber mit seinem Utilitarismus in Deutschland wenig Freunde:

Gegner schuf sich Bentham vor allem in Deutschland. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand Benthams radikaler Atheismus, Materialismus und Demokratismus quer zum romantisch-idealistischen Zeitgeist. Aber auch in der idealistisch und historistisch geprägten Philosophie konnte sich Benthams utilitaristische Ethik nur sehr schwer durchsetzen. Profanes Glücksstreben und Nützlichkeitskalküle standen im Widerspruch zum Zeitgeist der Klassik und des Biedermeier. Goethe bezeichnete als 80-Jähriger den ungefähr gleichaltrigen Bentham etwa als «höchst radikalen Narren» und bemerkte: «In seinem Alter so radikal zu sein, ist der Gipfel aller Tollheit.» Aber auch weniger idealistische Zeitgenossen wie Karl Marx fanden für die Lehren Benthams nur drastische Worte: Im Kapital schreibt Marx: «Wenn ich die Courage meines Freundes H[einrich]. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie der bürgerlichen Dummheit nennen.»
http://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham

Jedenfalls nimmt die politische Laufbahn von David Urquhart im Jahr 1827, Jeremy Bentham war da schon 79 Jahre alt, mit dem Unabhängigkeitskrieg der Griechen ihren Anfang.

Born in Scotland in 1805, educated in France, Switzerland and Spain, Urquhart discovered his long obsession with the East when at the age of twenty-one he sailed—at the suggestion of Jeremy Bentham, an admirer—to take part in the Greek war of independence, and was severely wounded at the siege of Scio. Having caught the attention of Sir Herbert Taylor, private secretary to William IV, he was then dispatched on secret diplomatic missions to Constantinople, where he abruptly changed his allegiance. ‘This chap went to Greece as a Philhellene and, after three years of fighting the Turks, proceeded to Turkey and went into raptures about those selfsame Turks,’ Marx wrote in March 1853 after chuckling over Urquhart’s book Turkey and Its Resources.
http://www.marxists.org/archive/marx/bio/marx/wheen/ch07.htm

Es bleibt selbstverständlich zu fragen, ob Urquhart anfangs wirklich auf Seiten der Griechen stand und ob seine umfangreiche Korrespondenz mit dem Privatsekretär des britischen Königs wirklich nur der Erbauung zu Hofe durch die Erlebnisse in Griechenland diente.

In 1827, Urquhart joined the nationalist cause in the Greek War of Independence. Seriously injured, he spent the next few years championing the Greek cause in letters to the British government, a self-promotion that entailed his appointment in 1831 to Sir Stratford Canning's mission to Constantinople to settle the border between Greece and Turkey.

Urquhart's principal role was to nurture the support of Koca Mustafa Reşid Pasha, intimate advisor to the Sultan Mahmud II. He found himself increasingly attracted towards Turkish civilisation and culture, becoming alarmed at the threat of Russian intervention in the region. Urquhart's campaigning, including publication of Turkey and its Resources, culminated in his appointment on a trade mission to the region in 1833. He struck such an intimate relationship with the government in Constantinople that he became outspoken in his calls for British intervention on behalf of the Sultan against Muhammad Ali of Egypt in opposition to the policy of Canning. He was recalled by Palmerston just as he published his violently anti-Russian pamphlet England, France, Russia and Turkey which brought him into conflict with Richard Cobden.

In 1835 he was appointed secretary of embassy at Constantinople, but an unfortunate attempt to counteract Russian aggressive designs in Circassia, which threatened to lead to an international crisis, again led to his recall in 1837.
http://en.wikipedia.org/wiki/David_Urquhart

Da haben wir dann mit Urquarts Rückruf aus der Türkei durch Palmerston einen Grund seiner folgenden Feindschaft mit diesem Lord Palmerston, der sich Karl Marx aus angeblich eigenen Gründen angeschlossen hat.

Während das englische Wiki den britischen Agenten in Griechenland noch deckt und erst einen mit dem Aufenthalt in der Türkei folgenden Gesinnungswandel unterstellt, können wir zusammen mit dem Rezensenten bei Amazon die Sache anders betrachten.

Nach dem auch in Deutsch erhältlichen Reisebericht ist zu vermuten, dass Urquhart für die türkische Seite die Griechen ausspähte, nach den eigenen Schilderungen sich ständig von den Griechen belästigt fühlend und im Gegensatz dazu die türkischen Sitten und Umgangsformen lobend.

Reisen unter Osmanen und Griechen: Vom Peleponnes zum Olymp in einer ereignisreichen Zeit. Um 1830.

Undercover für die Britische Krone. Am Vorabend der Staatsgründung des modernen Griechenlands unternahm Urquhart eine längere Reise, die ihn von der Peloponnes über Makedonien in das heutige Albanien führte. Offiziell war er als Privatmann unterwegs, inoffiziell jedoch stattete er regelmäßig Berichte nach London über die politische Situation und die sozialen Verhältnisse im Land ab, da England nicht an einer massiven Schwächung des osmanischen Staates und an einem weiteren Vordringen Russlands im Orient interessiert war. Insbesondere die russischen Aktivitäten im heutigen Nordgriechenland beobachtete man in England mit großer Sorge. Sein Tagebuch über seine Reise des Jahres 1830 veröffentliche David Urquhart im Jahr 1838 unter dem englischen Titel The Spirit of the East (dt. Der Geiste des Orients). Eine deutsche Übersetzung erschien bereits im selben Jahr, was die große Bedeutung Urquharts als Politiker und Literat in seiner Zeit unterstreicht. In dem ganzen Bericht scheint seine Skepsis gegenüber dem neuen Griechentum durch, das seiner Meinung nach mit dem der Antike nicht mehr viel zu tun habe. Überall begegnet man schlechtem Benehmen, Betrügereien und Überfällen der allgegenwärtigen »Klephthen«, also räuberischer Diebesbanden, während man in dem türkisch dominierten Norden weit sicherer unterwegs wäre, da dort noch eine staatliche Ordnung existiere. Auch seien die Menschen dort, vor allem natürlich in den größeren Städten, angenehmer und weit gebildeter als im griechischen Süden.
Reisen unter Osmanen und Griechen: Vom Peleponnes zum Olymp in einer ereignisreichen Zeit. Um 1830: Amazon.de: David Urquhart, Lars Hoffmann: B&uuml;cher

David Urquhart war in Griechenland natürlich nicht „in Gesellschaft des Herrn Ross aus Bladensburg“ - also des britischen Generals Robert Ross, der 1814 Washington vorübergehend eingenommen und das Weiße Haus hatte niederbrennen lassen und wenige Tage später in der Schlacht von Baltimore getötet wurde - wie auf Seite 39 des Buches fälschlich behauptet wird, sondern eines Nachfahren dieses Generals.

http://www.eyewitnesstohistory.com/washingtonsack.htm

Robert Ross, der schon in Spanien unter Wellington gekämpft hatte, gilt als der erste britische Kommandeur, der eine ganze Armee der Vereinigten Staaten im Feld geschlagen hat. Seine Familie durfte als Auszeichnung ihren Namen ändern und Urquhart war in Begleitung eines „Ross-of-Bladensburg“ auf seiner Reise durch Griechenland.

http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Ross_(general)

Über den zweiten Teil der Reise gibt es auch ein Buch:

Im wilden Balkan: Vom Berg Olymp bis zur albanischen Adriaküste um 1830

…Insbesondere England sah sich durch eine mögliche Ausdehnung der russischen Interessensgebiete bedroht, sodass man sich in London eher für den Erhalt des Reichs einsetzte, das sich unter Sultan Abdulmecid I. (1839-1861) und dessen auf das Allgemeinwohl hin ausgerichteten Reformen wieder festigen konnte. Zur besseren Beurteilung der Lage brachen wiederholt britische Gesandtschaften nach Konstantinopel auf, und auch Reisende sahen sich in den bedrohten Grenzregionen in teils offiziellem, teils inoffiziellem Auftrag nach den aktuellen politischen Gegebenheiten um. Im Jahr 1830 unternahm der Schotte David Urquhart eine solche Reise, die ihn von der Peloponnes über Mittelgriechenland und Thessaloniki nach Skutari/Skodar im heutigen Albanien führte. Der vorliegende Band hat Urquharts Erlebnisse vom Berg Olymp bis an die albanische Adriaküste zum Inhalt.
Im wilden Balkan: Vom Berg Olymp bis zur albanischen Adriak&uuml;ste um 1830: Amazon.de: David Urquhart, Lars Martin Hoffmann: B&uuml;cher

Im Gegensatz zu den üblichen Darstellungen, wie auch oben durch Marx, dürfte also Urquhart wirklich als britischer Agent in Griechenland gewesen sein, von dem alten Jeremy Bentham persönlich dazu überredet und mit den Verbindungen zur britischen Krone versehen.

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Hellmann
26.12.2008, 14:44
In dem Zusammenhang darf die Rolle des englischen Poeten Lord Byron neu überdacht werden:

Bentham, Byron, and Greece: Constitutionalism, Nationalism, and Early Liberal Political Thought

by F. Rosen (Author), Oxford University Press, USA (April 16, 1992)

Exploring the connection between Bentham and Byron forged by the Greek struggle for independence, this book focuses on the activities of the London Greek Committee, supposedly founded by disciples of Jeremy Bentham, which mounted the expedition on which Lord Byron ultimately met his death in Greece. Rosen's penetrating study provides a new assessment of British philhellenism and examines for the first time the relationship between Bentham's theory of constitutional government and the emerging liberalism of the 1820s. Breaking new ground in the history of political ideas and culture in the early nineteenth century, Rosen advances striking new interpretations based on recently published texts and manuscript sources of the development of constitutional theory from Locke and Montesquieu, the conflicting strands of liberalism in the 1820s, and the response in Britain to strong claims for national self-determination in the Mediterranean basin. He sets out to distinguish between Bentham's theory and the ideological context against which it is usually interpreted.
Amazon.com: Bentham, Byron, and Greece: Constitutionalism, Nationalism, and Early Liberal Political Thought (9780198200789): F. Rosen: Books

Wir stoßen wieder gleich hinter dem Dichter auf den Dienst.

Jeremy Bentham hat unter Lord Shelburne zusammen mit dessen Protegé Lord Palmerston das britische Foreign Office aufgebaut, also den damaligen Intelligence Service des Britischen Empire. Vermutlich durch Jeremy Bentham war der britische Secret Service das Foreign Office für alle jene Dichter und Denker geworden, denen wie dem Lord Byron für ihre sexuellen Vorlieben und Abenteuer in England die öffentliche Hinrichtung gedroht hätte und die daher ein konspiratives Leben im Ausland ohnehin zu führen gezwungen waren.

Das wurde dann Deutschland zum Verhängnis, das erst Ende des 19. Jahrhunderts seinen Geheimdienst ausgerechnet von einer Figur wie Wilhelm Stieber gegründet bekam. In dessen Central-Nachrichten-Bureau sind schon die literarischen Werke der britischen Gegenspieler nicht verstanden worden, ganz zu schweigen von deren politischen Vorhaben, Methoden und Hintergründen oder gar ihren Neigungen und Talenten.

Jedenfalls sollte die wichtige Rolle des Jeremy Bentham in der britischen Intelligence damit aufgezeigt sein; entsprechend auch die Stellung seines Schützlings David Urquhart im Netz des Foreign Office.

Dass Urquhart von Anbeginn als Agent der britischen Krone im türkischen Interesse beteiligt war, geht auch aus einer anderen Stelle bei Karl Marx hervor, dem Artikel VI seiner Schrift gegen Palmerston. Der König Wilhelm IV. hatte Lord Palmerston gezwungen, das von den Polen in Warschau beim Aufstand 1830 erbeutete und Palmerston übergebene russische Archiv an David Urquhart auszuliefern, der diese Dokumente 1835 in seinem „Portfolio“ veröffentlichte. Als entschiedener Feind Russlands habe der König mit Urquhart gegen Lord Palmerston konspiriert. Dass Urquhart in der Türkei erst seine Meinung geändert habe, könnte man ja noch glauben, aber doch sicher nicht die britische Krone:

Zur Zeit des Warschauer Aufstands fielen die Archive des Vizekönigs, die im Palast des Großfürsten Konstantin verwahrt wurden und die die geheime Korrespondenz der russischen Minister und Botschafter vom Beginn dieses Jahrhunderts bis 1830 enthielten, in die Hände der siegreichen Polen. Polnische Flüchtlinge brachten dann diese Dokumente zuerst nach Frankreich, und später übergab sie Graf Zamojski, der Neffe des Fürsten Czartoryski, dem Lord Palmerston, der den Mantel christlicher Liebe über sie deckte. Mit diesen Dokumenten in der Tasche war der edle Viscount nun erst recht darauf erpicht, dem britischen Senat und der ganzen Welt zu verkünden, "wie festgegründet sein Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit des Kaisers von Rußland sei".

Die Schuld des edlen Lords war es nicht, wenn diese aufsehenerregenden Dokumente Ende 1835 durch das wohlbekannte "Portfolio" veröffentlicht wurden. Was auch König Wilhelm IV. in anderer Hinsicht gewesen sein mag, er war ein entschiedener Feind Rußlands. Sein Privatsekretär, Sir Herbert Taylor, war mit David Urquhart intim befreundet und führte diesen Herrn beim König ein. Von diesem Augenblick an konspirierte das Königtum mit diesen beiden Freunden gegen die Politik des "echten englischen" Ministers.

"Wilhelm IV. befahl dem edlen Lord, die obenerwähnten Dokumente auszuliefern. Nach ihrer Ablieferung wurden sie in Windsor Castle geprüft, und es wurde für wünschenswert befunden, sie zu drucken und zu veröffentlichen. Trotz der starken Opposition Palmerstons zwang der König den edlen Lord, dieser Veröffentlichung die Autorität des Ministeriums des Auswärtigen zu leihen, so daß der Herausgeber, der sie für die Presse zu bearbeiten hatte, nicht eine Zeile publizierte, die nicht amtliche Stempel oder Initialen trug. Ich sah selbst die Initialen des edlen Lords unter einem dieser Dokumente, obzwar der edle Lord diese Tatsachen geleugnet hatte. Lord Palmerston sah sich genötigt, die Dokumente zur Veröffentlichung in die Hände des Herrn Urquhart zu legen. Dieser war der wirkliche Herausgeber des 'Portfolio'." (Herr Anstey im Unterhaus, 23. Februar 1848.)
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A6

Nach dem Tod Wilhelm IV. war Victoria Königin geworden und deren Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha setzte die eigenwillige Politik der Krone gegen den Lord Palmerston fort. Das britische Königtum konspirierte nun in den 1850er Jahren mit David Urquhart und Karl Marx gegen den englischen Lord.

Die oben zitierte Schrift entstand von Oktober bis Dezember 1853 und erschien als Artikelserie in „The People`s Paper“ des von Ernest Jones geführten Flügels der Chartisten, das wohl von Urquhart für derartige Veröffentlichungen bezahlt wurde und auf Zuschüsse sehr angewiesen war, und in der „New-York Daily Tribune“, in der Marx gleichfalls gegen Kossuth und Mazzini und für die Positionen Urquharts schrieb. Der „Lord Palmerston“ von Marx wurde 1853 und 1854 zusätzlich noch als Broschüre in London herausgegeben und war so die erste Schmähschrift von Marx mit beachtlicher Verbreitung, jedoch wie man gleich an den ersten Zeilen sieht, ganz im alten Stil des Autors.

http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm

Nach der Veröffentlichung des Portfolio war Urquhart 1836 wieder in der Türkei als Erster Sekretär an der Botschaft in Konstantinopel; diesmal wurde er 1837 wegen seiner Provokation eines diplomatischen Konflikts im Küstengebiet der Tscherkessen zurückgerufen.

Obwohl sie das Gebiet der Tscherkessen noch lange nicht unterworfen hatte, beanspruchte es die russische Regierung als ihr Staatsgebiet, das ihr durch einen Friedensvertrag von den Osmanen abgetreten worden war, und unter dem Vorwand einer im Land ausgebrochenen Seuche wurde eine Seeblockade der tscherkessischen Schwarzmeerküste verhängt.

Die Ansprüche waren von den Briten zwar nicht anerkannt, aber auch nicht bestritten worden, und David Urquhart vermutete wieder einen Verrat der britischen Interessen durch Lord Palmerston. Er überredete eine englische Gesellschaft, eines ihrer Schiffe, es handelte sich um den Schoner Vixen, mit einer Ladung Salz von Konstantinopel nach Sudjuk Kale im Norden der tscherkessischen Küste zu senden.

Als im November 1836 die Vixen aus Konstantinopel auslief, hatte Urquhart mit seinen eingespielten Kontakten zur Presse für die erforderliche Aufmerksamkeit gesorgt, so dass die Russen das britische Handelsschiff nicht einfach übersehen konnten. Nach zwei Handelstagen im Hafen von Sudjuk Kale wurde die Vixen durch den Kommander einer russischen Brig aufgebracht, was die zumeist mit Urquhart befreundeten - beziehungsweise dafür bezahlten - britischen Korrespondenten sofort in dramatischen Berichten nach London meldeten.

Die einflussreiche Zeitung „The Times“, deren Korrespondent J.A. Longworth ein Jahr bei den tscherkessischen Rebellen lebte, griff die Regierung scharf an und die „Edinburgh Review“ befürchtete gar, dass jetzt Persien dem Zaren ausgeliefert wäre und Russland 1200 Meilen näher an die Grenze zu Indien vordringe.

Der britische Außenminister Palmerston wusste selbstverständlich, wem er den Ärger zu verdanken hatte. Gegen seinen Widerstand war Urquhart auf ausdrücklichen Wunsch des Königs Wilhelm IV. nach Konstantinopel beordert worden; das Kabinett hatte Palmerston überstimmt.

Jetzt setzte sich Palmerston sofort für die Abberufung Urquharts aus Konstantinopel ein, bevor die britisch-russischen Beziehungen noch mehr geschädigt würden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die russische Seite öffentlich gegen den Aufenthalt britischer Agenten bei den Tscherkessen protestiert, die den Widerstand gegen Russland ermutigen, als Militärberater wirken und die Tscherkessen mit Waffen und Munition versorgen würden.

Einen Monat nach dem Tod des Königs William IV. verlor David Urquhart 1837 seine Stellung als Erster Sekretär der britischen Botschaft in Konstantinopel durch Palmerston und startete nach seiner Rückkehr nach England nicht nur seine politische Kampagne gegen Palmerston, sondern organisierte den Schmuggel von Waffen für die Tscherkessen. Der Autor John Baddeley warf David Urquhart in einer 1908 publizierten Studie vor, den Krieg, den das tscherkessische Volk nicht gewinnen konnte, verlängert und mit falschen Hoffnungen auf britische Hilfe genährt zu haben (Peter Hopkirk, The Great Game, Oxford 1990, S. 161).

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Hellmann
29.12.2008, 15:04
Geopolitik gegen Russland


Der gemeinsam gegen Napoleon errungene Sieg hatte vor allem Russland gestärkt. Durch die „Heilige Allianz“ im Jahr 1815 zwischen Russland, Österreich und Preußen war es dem Zarenreich gelungen, eine europäische Hegeminialmacht zu werden. Auf dieser Grundlage intervenierten russische Truppen gegen den Aufstand der Ungarn und retteten Österreich 1849 vor dem Zerfall. Die Österreicher dankten es nicht, sondern forderten 1854 den Rückzug der Zarenarmee aus den Donaufürstentümern und besetzten diese anschließend selbst.

Ein Ergebnis der Heiligen Allianz waren die „Karlsbader Beschlüsse“ nach der Ermordung des bekannten Schriftstellers Kotzebue, der von Russland ein Gehalt von 15.000 Rubeln als Generalkonsul bezog, um in Weimar vor allem literarisch gegen Liberalismus und Burschenschaften und die Turnvereinsbewegung zu kämpfen.

Sie hatten Maßnahmen zur Überwachung und Bekämpfung liberaler und nationaler Tendenzen im nach-napoleonischen Deutschland zum Gegenstand. Karlsbad (tschechisch: Karlovy Vary) gehörte zum Habsburgerreich und war als Kurort gut geeignet, das geheime Treffen vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Die Beschlüsse entstanden unter der Ägide des österreichischen Außenministers und späteren Staatskanzlers Metternich.

Anlass für die Karlsbader Beschlüsse war die damals an verschiedenen deutschen Höfen vorherrschende Revolutionsangst. Auslöser und Rechtfertigung für die Karlsbader Beschlüsse war die Ermordung des Schriftstellers und russischen Generalkonsuls August von Kotzebue am 23. März 1819 durch Karl Ludwig Sand, einem Theologiestudenten und Turner.
http://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse

England hatte sich diesem feudalreaktionären Bündnis schon 1815 nicht angeschlossen und befand sich auch alsbald im Interessenkonflikt mit der eurasischen Landmacht Russland. Dem britischen Geschäftsinteresse gestützt auf die britische Beherrschung der Handelswege entsprach die politische Revolution in den kontinentaleuropäischen Ländern: der Sturz der Herrschaft der eigensinnigen Adelshäuser durch Republikaner und Demokraten, deren Parlamentarier für Geld leichter und billiger zu haben waren, als die Fürstenhöfe. Es war das Gegenteil der Ziele der Heiligen Allianz, die sich gegen Liberalismus käuflicher Kaufleute und die entsprechenden revolutionären Bestrebungen richtete.

Die russische Landmacht musste bei weiterer Expansion an ihrer Südflanke auch bald den britischen Seehandel bedrohen. Die Briten sahen die russischen Expansionspläne voraus und fanden ihre Interessen im Iran und langfristig sogar in Indien durch das Zarenreich bedroht. Es war kein weiter Weg mehr für Russland, um westlich von Indien an die Pazifikküste zu stoßen und damit die Handelswege durch Russland zur Konkurrenz der britisch kontrollierten Seewege werden zu lassen. Die Entwicklung der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert wird diese Gefahr immer größer und absehbarer werden lassen und nur der Bolschewismus konnte schließlich verhindern, dass der Fernhandel statt auf dem Seeweg nach Indien auf dem Landweg über Russland abgewickelt wurde.

Die Förderung russischer Revolutionäre zielte anfangs auf die Ermordung besonders fähiger Zaren, wie etwa Alexander II., der 1881 einem Attentat erlag.

Narodnaja Wolja (russisch Народная воля für Volkswille und zugleich Volksfreiheit) war eine konspirative Vereinigung mit demokratischen Zielen in der Geschichte Russlands des 19. Jahrhunderts.

Sie war aus der Spaltung der Bewegung Land und Freiheit (Semlja i wolja) 1879 hervorgegangen, die die Revolution ins Volk tragen wollte (Volkstümler). Ihre Ziele waren die Abschaffung der Alleinherrschaft des Zaren, freie und allgemeine Wahlen, Volksvertreter und Meinungs-, Presse- und Gewissensfreiheit und eine Verfassung. Sie war verantwortlich für das Sprengstoffattentat am 13. März 1881, dem Zar Alexander II. in Sankt Petersburg am Gribojedow-Kanal, dem Ort der späteren Auferstehungskirche, erlag.

Durch einen Denunzianten im Exekutivkomitee der Organisation, Sergei Degajew, der von einem Petersburger Inspektor angeworben worden war, gelang es der Ochrana, Druckereien und Bombenlabors sowie die gesamte Organisation zu zerschlagen. Viele der Mitglieder wurden hingerichtet, verbannt oder starben während langjähriger Festungshaft.

Mitglieder waren u. a. Wera Figner, Ljudmila Wolkenstein, Alexander Uljanow, Alexander Solowjow, Arkadi Tyrkow, Michail Frolenko, Nikolai Kibaltschitsch, Stepan Chalturin und Józef Piłsudski.
http://de.wikipedia.org/wiki/Narodnaja_Wolja

Der 1887 wegen des verratenen Attentatsversuchs auf Alexander III. hingerichtete Alexander Uljanow war der ältere Bruder Lenins.

Kurz vor seiner Verhaftung übersetzte Alexander noch Karl Marx’ Werk Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.
Lenin, der gerade sein Abitur ablegte, erfuhr dies erst nach der Hinrichtung, begann aber sofort, die Übersetzung zu lesen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Iljitsch_Uljanow

Josef Pilsudski war auch an den Vorbereitungen des Sprengstoffattentats beteiligt und wurde verhaftet, kam allerdings mit einer leichten Strafe davon. Später war er meist von Österreich finanziert.

Józef Piłsudski wurde zu 5 Jahren Verbannung verurteilt und in das sibirische Kirensk deportiert.

Im Jahre 1892 beteiligte er sich an der Bildung der Polska Partia Socjalistyczna und ab 1893 war er führendes Mitglied der Partei innerhalb des Russischen Reichs. Ab 1894 übernahm er die Schriftleitung des "Robotnik". Er wurde 1900 in Lodz verhaftet und floh von St.Petersburg nach Krakau. Anschließend reiste er 1904 nach Japan um dort Hilfe für einen poln. Aufstand zu erhalten. Die Anhänger Piłsudskis konnten sich einzig im österreichisch regierten Galizien und in Teilen Schlesiens ungehindert organisieren. Entsprechend stellte Piłsudski 1908 beginnend Schützenverbände auf und kämpfte im Ersten Weltkrieg im Interesse einer polnischen Eigenstaatlichkeit zunächst auf der Seite des Habsburger Reiches.
http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3zef_Pi%C5%82sudski

Seit dem polnischen Aufstand von 1830 befanden sich zahlreiche politische Emigranten in Westeuropa und der Türkei, die sich gegen Russland einsetzen ließen. Die Fäden liefen nach 1830 in Paris beim Fürsten Czartoryski zusammen.

Adam Jerzy Fürst Czartoryski, auch Adam Georg Czartoryski, (* 14. Januar 1770 in Warschau; † 15. Juli 1861 in Montfermeil bei Paris) war russischer Außenminister unter Zar Alexander I. und Regierungschef der polnischen Revolutionsregierung von 1830…

In Warschau war er Mitglied der Loge Les trois frères. Nach dem Scheitern des polnischen Aufstandes von 1830 musste er aus Polen fliehen. Zunächst ging er nach England, ließ sich dann aber dauerhaft in Paris nieder, wo er über seine politischen Kontakte, insbesondere zur englischen Freimaurerloge, dem österreichischen und russischen Vordringen auf dem Balkan entgegenzuarbeiten versuchte. Der Stammsitz der Familie Czartoryski in Paris, das Hôtel Lambert, entwickelte sich zum politischen Zentrum der polnischen Emigration in Europa.
http://de.wikipedia.org/wiki/Adam_Jerzy_F%C3%BCrst_Czartoryski

Nachdem wir den Ereignissen etwas vorgreifen mussten, um sie in den richtigen Zusammenhang einzubetten, kommen wir hier wieder auf David Urquhart zurück. Gegen die russischen Expansionspläne wurde auf dem Balkan versucht, eine von Russland losgelöste slawische Bewegung zu initiieren, wobei der ehemalige russische Außenminister Czartoryski und David Urquhart kooperieren.

Along with regular reports from his representatives - Czaykowski in Constantinople, and Zwierkowski in Belgrade - Czartoryski got additional information about the Serbs from Polish poet Adam Mickiewicz who, in 1841, as a professor of Slavic literature at the College de France, gave a series of lectures on Serbia and Serbian folk poetry. In his Paris office Czartoryski also received a group of Serbian students - the first generation of state scholarship holders sent to study in France in 1839. They informed him about the political situation in Serbia and extended to him greetings from the Constitutionalists. Recent research has shown that David Urquhart … seems to have had a certain impact on the shaping of Czartoryski's policy towards the Balkans Slavs. Urquhart was well acquainted with the situation in Serbia. He established close political relations with Czartoryski during his stay in London where Urquhart published the magazine Portfolio in 1833.

In April 1833 Urquhart toured Serbia, met with Prince Milos Obrenovic and realized that the Principality had a unique position in Southeastern Europe. "I look upon it [Serbia], next to Greece, as the most important portion of Turkey in Europe - its political independence, its future and present influence on the masses of Musselman [Muslims] on its western and southern side, and on the masses of Rayas [Christians] on its eastern and southern, its position between Hungary, Austria, Turkey and on the Danube, are the most important considerations combined with the spirit of the people and the riches of the soil." Urquhart took notice of Russia's efforts to rule Serbia, and Austria's concern for the gradual development and strengthening of an autonomous principality in its closest neighbourhood.

The main ideas for a political course set out by Czartoryski in his Conseils some ten years later, seem to have been defined by Urquhart through his talks with Prince Milos Obrenovic. Pressed by Russia's efforts to put him under its control for the sake of hers own interests in the Balkans, Prince Milos turned to Great Britain and France for support in conducting an independent foreign policy. Urquhart's report on Serbia to the Foreign Office in 1833 contained suggestion that Serbia should be freed from Russia's influence and, with the support of Paris and London, made the centre around which the neighbouring Slavic nations would rally. A transcript of this report had reached Czartoryski's office before he formulated the main courses of the Polish émigrés' policy towards Serbia and the Balkan Slavs. It was in Urquhart's political writings that Czartoryski might have encountered the persistent linking of the Polish and Eastern questions: "The existence of Poland is linked to the existence of Turkey. An iron hand of Russia is holding them both. By becoming free from this power which is slowly wearing out, both sides would simultaneously liven up." For France, as the rival of Austria and Russia, Urquhart had intended the role of a power that would separate them and fill the vacuum in the Balkans.
http://www.rastko.org.yu/istorija/batakovic/batakovic-nacertanije_eng.html

Mit britischer Unterstützung und polnischen Kontakten wurde also versucht, einen slawischen Staat mit dem Zentrum Serbien auf dem Balkan zu schaffen, zur Abwehr des von Russland auf dem Balkan propagierten Panslawismus. Das versprach kein leichtes Spiel zu werden.

The political activities of the Polish émigrés in the East were carefully planned and pragmatically carried out. They organized a branched network of secret diplomatic strongholds, financially and politically supported by French and British diplomacy(7).

7. For their mission in the Ottoman Empire in 1843-1844 Polish representatives obtained 10.000 francs from the French Ministry, raised in 1847 to 28.000 francs. Substantial help was given by the Foreign Office, through an association led by Lord Dudley Stuart. (M. Handelsman, La politique yougoslave du prince Czartoryski entre 1840 et 1848, I. Organisation, in: Bulletin International de l'Acdémie polonaise des sciences et des lettres, no 8, Cracowie 1929, pp. 107-111.)
(ebenda, Anmerkung 7)

Vor allem aber lag an der russischen Südwestgrenze der „kranke Mann am Bosporus“, das von inneren Spannungen geschwächte Osmanische Reich. Das nächste Ziel Russlands musste ein Vordringen an den Bosporus und die Dardanellen sein, mit deren Kontrolle das Schwarze Meer zu einem russischen Binnensee würde, das Mittelmeer von einer russischen Flotte bedroht, deren Schwarzmeerhäfen für die britische Seemacht unerreichbar gewesen wären. Die Durchfahrt durch die Dardanellen und den Bosporus war mit Küstenbatterien für feindliche Schiffe leicht zu sperren.

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Hellmann
29.12.2008, 15:17
Im Zusammenhang mit den geopolitischen, russischen Plänen wurde damals auch der griechische Aufstand gesehen. Beispielhaft hier aus dem Leitartikel von Friedrich Engels der „New-York Daily Tribune“ vom 19. April 1853:

Aber während England, Frankreich und lange Zeit sogar Österreich in ihrer orientalischen Politik im Dunkeln tappten, wurden sie alle von einer anderen Macht überlistet. In Rußland, das seinem Wesen und seiner Lebensart, seinen Traditionen und Einrichtungen nach selbst halbasiatisch ist, fanden sich Leute genug, die für den wahren Zustand und Charakter der Türkei das richtige Verständnis hatten. Sie hatten dieselbe Religion wie neun Zehntel der Bewohner der europäischen Türkei; ihre Sprache war fast dieselbe wie die von sieben Millionen türkischer Untertanen; und die bekannte Leichtigkeit, mit der ein Russe fremde Sprachen sprechen lernt, wenn er sie auch nicht völlig beherrscht, machte es den gut bezahlten russischen Agenten leicht, sich mit den türkischen Angelegenheiten vollständig vertraut zu machen. Und schon früh nutzte die russische Regierung diese ihre so außerordentlich günstige Lage im Südosten Europas aus. Hunderte von russischen Agenten durchzogen die Türkei und lenkten die Aufmerksamkeit der griechischen Christen auf den orthodoxen Herrscher als das Haupt, den natürlichen Beschützer und schließlichen Befreier der unterdrückten orientalischen Kirche; den Südslawen wieder zeigten sie diesen selben Herrscher als den allmächtigen Zaren, der früher oder später alle Stämme der großen slawischen Rasse unter ein Zepter vereinigen und sie zur herrschenden Rasse Europas machen werde. Die Geistlichkeit der griechisch-orthodoxen Kirche bildete bald eine einzige große Verschwörung zur Verbreitung dieser Ideen. Die serbische Erhebung 1804 und die griechische Empörung 1821 waren mehr oder weniger direkt durch russisches Gold und russischen Einfluß angestiftet, und wo immer von türkischen Paschas die Fahne der Empörung gegen die Zentralregierung erhoben wurde, da fehlte es weder an russischen Intrigen noch an russischen Geldern. Und während die westlichen Diplomaten, die von der wirklichen Lage in der Türkei nicht mehr wußten als vom Mann im Monde, sich darüber vergeblich die Köpfe zerbrachen, wurde der Krieg erklärt, marschierten russische Truppen im Balkan ein, wurde Stück für Stück vom Ottomanischen Reich abgerissen.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_022.htm

Nicht nur Marx, der in der Tribune vor allem gegen Kossuth schrieb, sondern gerade Engels hatte sich der antirussischen Kampagne des David Urquhart angeschlossen und beide fanden damit Zugang zu der seinerzeit einflussreichsten Zeitung in den USA. Diese Artikel wurden selbstverständlich nicht wegen ihrer Genialität gedruckt, besonders die ersten Beiträge von Marx sind grausig zu lesen, einige – in der Regel die lesbaren Artikel - wurden allerdings von Engels unter dem Namen Marx verfasst.

http://www.marxists.org/archive/marx/works/subject/newspapers/new-york-tribune.htm

Für die Presse galt damals auch, dass sie zwar den Autoren Honorar gezahlt hat, aber selbst von zahlungskräftigen Interessenten der in den publizierten Artikeln vertretenen Standpunkte für deren Verbreitung honoriert wurde. Die Artikel gegen Kossuth und gegen Russland waren ein Teil des Engagements von Marx und Engels auf der Linie des von der britischen Krone gestützten David Urquhart, also gegen Russland und Palmerston mit seinen Mazzini und Kossuth.

Die immer wieder genährte Vorstellung, es habe sich hier um eine private Marotte eines spleenigen Schotten gehandelt, ist allerdings angesichts des Umfangs und Einflusses seiner Unternehmungen nicht zu halten.

From the early 1830’s until the end of north Caucasian resistance in 1864 British connexions with the area were associated, above all, with the name of David Urquhart (1805-77)…

Since he was a young man, hatred of Russia had been the over mastering passion of Urquhart’s life, which gradually took on the character of a mania bordering on insanity. Everywhere he came to see Russian intrigues: everyone who failed to share his fantasies —Bakunin, Kossuth, Mazzini or, above all, his arch-enemy, Lord Palmerston —became in his eyes a Russian agent, a paid hireling of the Tsar…

Urquhart spent the greater part of the period from 1827 to 1837 in the Near East. Already an ardent Turcophil, in the early 1830’s he visited Circassia for the first time and immediately fell in love with the land, with its exotic highland scenery, with its attractive inhabitants and their romantic medieval customs and manners.
http://www.circassianworld.com/The_Fall_of_Circassia.pdf

Die romantischen mittelalterlichen Gepflogenheiten der Tscherkessen bestanden, wie ich schon weiter oben einmal erwähnt hatte, im Sklaven- und speziell Mädchenhandel für die Harems der türkischen Sultane. Ob Urquharts Begeisterung für die Tscherkessen und Türken irgendwie im Zusammenhang mit diesen Gebräuchen steht, kann man zwar nicht behaupten, aber die „exotic highland scenery“ hätte er auch daheim genießen können. Die Reiseberichte anderer britischer Agenten aus dieser Zeit lesen sich jedenfalls wenig einladend, soweit es nicht um Sklavenmädchen geht.

Vielleicht hat Urquhart aber auch einfach seinen Agentenauftrag zur Passion gemacht, der ihn zuerst nach Griechenland und später als Diplomat in die Türkei und als Agent in das Land der Tscherkessen gebracht hat. Auch die Freundschaft zu den am gleichen Ziel wirkenden Polen stellt sich auftragsgemäß ein.

It was in the mid 1830’s, too, that Urquhart first came into contact with the Polish émigrés who had left their country in 1831 after the final defeat of the November insurrection; and warm ties of friendship were to unite him with the leaders of the aristocratic monarchist party among the Poles, headed by the veteran Prince Adam Czartoryski. Both the Poles and Urquhart were at one in their belief that Russia could only be effectively checked, and thereby Poland’s independence and Turkey’s future secured, if the Circassians were successful in their resistance in the Caucasus. Here, too, in Urquhart’s opinion, was the key to the fate of Persia and India, which would otherwise eventually succumb to the Russians. For Urquhart the Circassians were ‘the defenders of your Indian Empire . . . the doorkeepers of Asia, and the champions of Europe’. ‘The secret of Russia was to be read in the Caucasus.’
http://www.circassianworld.com/The_Fall_of_Circassia.pdf

Hier erkennen wir hinter dem scheinbaren Spleen eines Briten die geopolitische Bedeutung der Unterstützung der Tscherkessen durch die Agenten des britischen Empire, deren lautester und spleenigster Kopf vielleicht Urquhart hieß.

Für den Konflikt zwischen Russland und England um den Einfluss in Zentralasien wurde die Bezeichnung „The Great Game“ von dem 1842 in Afghanistan hingerichteten britischen Geheimdienstoffizier Arthur Conolly geprägt, die in Rudyard Kiplings Roman Kim Verbreitung fand. Die Tscherkessen waren ein wichtiger Teil dieses „Großen Spiels“ der Briten gegen Russland und das Thema einer richtigen Medienkampagne.

It was through the Circassians` place in the grand gambits of the “Great Game” that their reputation as a noble freedom fighters first became cemented in the Western imagination. It is no exaggeration to say that for several decades in the nineteenth century “Circassia” became a household word in many parts of Europe and North America. Correspondents of major newspapers found their way to Circassia or gleaned information from foreign consuls and merchants in Trebizond and Constantinople… For a time in the 1830s British spies crisscrossed the region, seeking to mold the disparate Circassian tribes into a unified military force. In fact, even the Circassian national flag – which bears a stars and arrow design that today can be found flying across the northwest Caucasus and among the Circassian ethnic diaspora – was the handiwork of David Urquhart…
(The Ghost of Freedom, Charles King, Oxford 2008, S. 93)

Der David Urquhart hat sogar die Flagge der Tscherkessen entworfen, aber die Teile Europas und der USA erfassende Kampagne wurde ganz sicher nicht mit seinem eigenen Geld und nur aus einer persönlichen Marotte ausgelöst, wenn er auch deren bekanntester Repräsentant und wichtigster Organisator war.

Aber auch die Bedeutung der polnischen Mitstreiter darf nicht unterschätzt werden.

From the early 1830’s onwards, therefore, Czartoryski had dispatched a series of agents to the mountaineers with the object of confirming them in their resistance. Though until the 1860’s it was the tribesmen of Daghestan and Chechnia who bore the main brunt of the Russian attack, the efforts of the Poles— as of Urquhart— were throughout directed primarily towards the more accessible Circassians. The chief task of Czartoryski’s agents was to attempt to bring some kind of unity among the warring tribes and personal factions. Whenever funds allowed, help in arms and ammunition was also sent. From 1841 the centre of all such activities was the Polish Agency in Constantinople headed by a series of talented agents.
http://www.circassianworld.com/The_Fall_of_Circassia.pdf

Nach all den hier thematisierten engen Verbindungen von Urquhart wie den Polen muss sich auch die Frage stellen, ob der Oberst Bangya bei den Tscherkessen in eine Falle für Kossuth und seine Leute gelockt oder dazu sogar eigens engagiert wurde. Dem David Urquhart mit seinen Beziehungen in die Türkei und zu den Tscherkessen kann der Oberst Bangya ja kaum entgangen sein und über Karl Marx muss er genug über ihn gewusst haben - allerdings würde das hier zu weit weg führen und sei nur kurz angemerkt.

Dieses Kapitel ende mit dem Lobgesang auf David Urquhart durch Friedrich Engels:

Ist nicht die Türkei ein Paradies im Vergleich zu Österreich und Rußland? Besteht dort nicht Sicherheit für Leben und Eigentum? Und ist der englische Handel mit der Türkei nicht größer als der mit Rußland und Österreich zusammengenommen, und wächst er nicht von Jahr zu Jahr? Und so fort in wahren Dithyramben, soweit die "Daily News" dithyramhisch sein kann, und in Apotheosen der Türkei, der Türken und alles Türkischen, die den meisten ihrer Leser ganz unbegreiflich erscheinen müssen.

Den Schlüssel zu diesem seltsamen Enthusiasmus für die Türken findet man in den Werken des Herrn David Urquhart, Mitglied des Parlaments. Dieser Gentleman schottischer Abkunft, voll mittelalterlicher und patriarchalischer Erinnerungen an seine Heimat, doch mit der modernen Erziehung eines zivilisierten Engländers, gelangte, nachdem er drei Jahre in Griechenland gegen die Türken gekämpft hatte, in die Türkei und wurde dort sogleich zu einem ihrer glühendsten Verehrer. Der romantische Hochländer fühlte sich in den Bergschluchten des Pindus und Balkan ganz zu Hause. Seine Werke über die Türkei, obgleich voll wertvoller Informationen, kann man in drei Paradoxe zusammenfassen, die fast wörtlich folgendermaßen lauten: Erstens, wäre Herr Urquhart nicht britischer Untertan, so möchte er gewiß mit Vorliebe Türke sein; zweitens, wäre er nicht presbyterianischer Kalvinist, so möchte er keiner anderen Religion als dem Islam angehören; und drittens, England und die Türkei sind die beiden einzigen Länder der Welt, die sich der Selbstverwaltung und bürgerlicher und religiöser Freiheit erfreuen. Dieser selbe Urquhart ist nun seither die große Autorität in Orientfragen für alle englischen Liberalen geworden, die gegen Palmerston sind, und er ist es auch, der die "Daily News" mit dem Material zu ihren Lobgesängen auf die Türkei versorgt.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_022.htm

Wahrlich, schöner und deutlicher kann man es nicht schreiben. Die „Daily News“ war in der Londoner Presse das Organ der Liberalen und stand konträr zur „Times“, wenn es um die Türkei ging.

Geschickt wie immer greift die "Times" keck die alte diplomatische Tradition des Status quo an und erklärt ihre Fortdauer für unmöglich. Das ganze Talent, das diesem Blatte zur Verfügung steht, wird aufgeboten, um diese Unmöglichkeit unter den verschiedensten Gesichtspunkten darzutun und die britischen Sympathien zu einem neuen Kreuzzug gegen die Überreste der Sarazenen <im Mittelalter Bezeichnung für Mohammedaner, besonders Araber und Türken > aufzubieten. Das Verdienst dieses rücksichtslosen Angriffs gegen eine nichtssagende und altehrwürdige Phrase, die vor zwei Monaten der "Times" selbst noch heilig war, ist nicht zu leugnen. Wer aber diese Zeitung kennt, der weiß auch, daß diese ungewohnte Kühnheit direkt im Interesse Rußlands und Österreichs aufgewandt wird. Die in ihren Spalten vorgebrachten unanfechtbaren Gründe für die vollkommene Unmöglichkeit, die Türkei in ihrem jetzigen Zustand zu erhalten, dienen keinem anderen Zweck, als das englische Publikum und die Welt auf den Augenblick vorzubereiten, wo die wichtigste Verfügung im Testament Peters des Großen - die Eroberung des Bosporus - zur vollendeten Tatsache wird.
(ebenda)

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Hellmann
31.12.2008, 16:55
Lord Palmerston


Die Artikelserie von Marx über Lord Palmerston erschien zwischen Oktober und Dezember 1853 in der Chartistenzeitung „The People`s Paper“, etwas gekürzt von Oktober 1853 bis Januar 1854 als Leitartikel in der „New-York Daily Tribune“ und wurde zusätzlich 1853/54 als Broschüre in einer Reihe mit Schriften des David Urquhart in London herausgegeben.

Im Internet ist die Artikelserie hier zu lesen:

http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A1

David Urquhart wird meistens für etwas verrückt gehalten, weil er dem Lord Palmerston allen Ernstes vorwarf, ein von Russland gekaufter Vertreter der Interessen des Zarenreiches zu sein. Den gleichen Vorwurf hat Karl Marx in seiner Artikelserie „Lord Palmerston“ auch erhoben und der Marx-Biograph Franz Mehring erdreistete sich zu behaupten, Marx sei zu derartigen Ansichten ganz unabhängig von Urquhart gekommen.

Der Berührungspunkt zwischen Marx und Urquhart war der Kampf gegen Palmerston. Ein Artikel gegen diesen Minister, den Marx in der »New-York Daily Tribune« veröffentlicht und ein Glasgower Blatt nachgedruckt hatte, erregte die Aufmerksamkeit Urquharts, und er hatte im Februar 1854 eine Zusammenkunft mit Marx, wobei er diesen mit dem Kompliment empfing, seine Artikel seien so, als ob ein Türke sie geschrieben hätte. Als Marx darauf erklärte, daß er »Revolutionist« sei, fand sich Urquhart sehr enttäuscht, denn es gehörte zu seinen Schrullen, daß die europäischen Revolutionäre bewußte oder unbewußte Werkzeuge des Zarismus seien, um den europäischen Regierungen Schwierigkeiten zu bereiten. »Er ist ein kompletter Monoman«, schrieb Marx nach dieser Unterredung an Engels. Er stimme in nichts mit ihm überein, wie er ihm erklärt habe, außer Palmerston, und zu diesem Punkt habe Urquhart ihm nicht verholfen.

Man wird nun freilich diese vertraulichen Äußerungen nicht allzusehr pressen dürfen. Öffentlich hat Marx bei allen kritischen Vorbehalten die Verdienste Urquharts wiederholt anerkannt und auch kein Hehl daraus gemacht, daß er von Urquhart, wenn auch nicht überzeugt, so doch angeregt worden sei. Er nahm deshalb auch keinen Anstand, für die Organe Urquharts, namentlich die »Free Press« in London, gelegentliche Beiträge zu liefern und die Verbreitung mehrerer seiner Aufsätze aus der »New-York Daily Tribune« in Form von Flugschriften zu gestatten. Diese Palmerston-Pamphlets wurden in verschiedenen Auflagen zu 15.000 bis 30.000 Exemplaren vertrieben und erregten großes Aufsehen. Aber sonst hat Marx bei dem Schotten Urquhart so wenig Seide gesponnen wie bei dem Yankee Dana.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_245.htm#Kap_2

Marx behandelt in seiner Schrift die Außenpolitik des Lord Palmerston (1784-1865), der über Jahrzehnte die britische Politik bestimmen konnte und sich dabei auch viel Feindschaft zuzog.

Durch sein Eingreifen in den Zweiten Carlistenkrieg in Spanien, Militäroperationen gegen Sardinien, die Niederwerfung der Revolutionen in Sizilien und Ungarn, die er begünstigt hatte, sowie die Unterstützung für die Revolution in Ungarn überwarf sich Palmerston mit Frankreich, Spanien, Österreich und Russland, während seine Parteinahme für Dänemark in der schleswig-holsteinischen Frage ihn zu Preußen in Gegensatz brachte.

Palmerstons Außenpolitik wurde von Königin Victoria und Premierminister Russell zunehmend missbilligt. Nachdem Palmerston ohne die Genehmigung der Königin oder des Kabinetts den Staatsstreich Charles-Louis Bonapartes vom 2. Dezember 1851 in Frankreich billigte, zwangen beide ihn zum Rücktritt am 22. Dezember 1851. Palmerston hatte sich jedoch vor allem durch seine nationalistische Position eine Machtbasis in Parlament und Wählerschaft aufgebaut, so dass es ihm am 20. Februar 1852 gelang, die Regierung Russell zu stürzen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_John_Temple,_3._Viscount_Palmerston

Es gab wohl vor allem einen Machtkampf mit der Krone, weil der Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861) selbst großen Einfluss auf die britische Politik gewinnen wollte. Er starb schon jung im Alter von nur 42 Jahren offiziell an Typhus wegen der schlechten sanitären Verhältnisse auf Windsor-Castle, nach neueren Mutmaßungen an Magenkrebs; nach meiner Vermutung sollte Gift nicht ganz ausgeschlossen werden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_von_Sachsen-Coburg_und_Gotha

Wenn wir hier noch einmal die Argumentation von Marx gegen Palmerston behandeln, so dient das auch einem besseren Verständnis der britischen Außenpolitik, ihren geopolitischen Strategien und deren konspirativen Elementen.

Das britische Empire hatte in seinem Kolonialreich wie kein anderes Land der Erde die geopolitischen Zusammenhänge und Entwicklungen zu beachten. Das begann schon beim bloßen Blick auf die Seerouten einerseits und endete nicht mit den Handelsbilanzen im Fernhandel, sondern es erforderte ein weltweites Netz von Informanten und politischen Agenten, die ganze Staaten und Völker nachhaltig zu destabilisieren wie auch künstlich aufzubauen verstanden. Das berüchtigte angloamerikanische „Nation-building“ wird zwar erst im 20. Jahrhundert zum Begriff, aber was hat Urquhart mit der Einführung zentraler Strukturen unter den Stämmen der Tscherkessen, mit der Formulierung ihrer Unabhängigkeitserklärung und der Erfindung ihrer Nationalfahne anderes gemacht?

http://en.wikipedia.org/wiki/Nation-building

Den Höhepunkt des künstlichen „Nation-building“ dürfte das 20. Jahrhundert nach meiner Überzeugung mit der Gründung der UDSSR durch die „marxistische“ Partei der Bolschewiken in Russland erlebt haben.

Der Marxismus in Russland kann nicht mehr unser Thema hier sein, daher sind die Zusammenhänge nur zu skizzieren. Dass Marx damals mit antirussischen Kreisen der britischen Intelligence kooperiert hat, hat die Auswahl des „Marxismus“ als die einigende Ideologie der gegen das Zarenreich arbeitenden und vor allem von den Briten rekrutierten und finanzierten „Revolutionäre“ aus den verschiedensten Völkern nahe gelegt.

Es durfte auf keinen Fall ein Liberalismus sein, weil gerade mit einem liberalen Kapitalismus ein russisches Imperium in Eurasien seine Vollendung erreicht hätte. Die britischen Geopolitiker erwarteten vom Marxismus einen Steinzeitkommunismus, womit Russland keine Gefahr für das britische Empire und kein Bündnispartner für Deutschland oder Frankreich sein sollte.

Lenin wurde in diesem Zusammenhang schon erwähnt und die antirussischen Agenten im Kaukasus, die nicht nur von David Urquhart angeworben und organisiert waren, werden schon in der nächsten Generation als marxistische Kader der Partei des Josef Stalin in Tiflis und in Baku den Kampf gegen den Zarismus an sein Ziel führen.

Zurück zu Lord Palmerston, Karl Marx und den Anfängen des Marxismus.

Im Eifer des Kampfes gegen Russland, den der britische Imperialismus nach dem Wiener Kongress zu seinem Kernthema machte, wurden auch die Mitglieder der Regierungen des britischen Empire nicht vor Verdächtigungen verschont.

Eine Partei klagt ihn an, im Solde Rußlands zu stehen; die andere verdächtigt ihn des Karbonarismus. Hatte er sich 1848 gegen die drohende gerichtliche Anklage zu verteidigen, als ein Minister des Zaren Nikolaus gehandelt zu haben, so hatte er dafür 1850 die Genugtuung, sich von einer ganzen Verschwörung ausländischer Botschafter verfolgt zu sehen, die im Oberhaus den Sieg gegen ihn davontrugen, jedoch im Unterhaus zurückgewiesen wurden…

Henry John Temple, Viscount von Palmerston, dessen Titel aus einer irischen Peerage stammt, wurde 1807 bei der Bildung des Ministeriums des Herzogs von Portland zum Lord der Admiralität ernannt. 1809 wurde er Kriegsminister und blieb auf diesem Posten bis Mai 1828.1830 ging er in äußerst geschickter Weise zu den Whigs über, die ihn zu ihrem permanenten Minister für Auswärtige Angelegenheiten machten. Ohne die Unterbrechungen zu rechnen, in denen die Tories regierten, d.h. von November 1834 bis April 1835 und von 1841 bis 1846, ist er verantwortlich für die ganze auswärtige Politik Englands seit der Revolution von 1830 bis zum Dezember 1851.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A1

Hier haben wir die typischen Vorwürfe des David Urquhart gegen Palmerston, angeblich aber nicht von diesem veranlasst und übernommen; nein, Marx sei ganz unabhängig von Urquhart zu den gleichlautenden Vorwürfen und Anklagen gekommen und habe damit erst die Aufmerksamkeit erlangt und dessen Bekanntschaft gemacht. Ich denke, der „Lord Palmerston“ von Marx spricht deutlich gegen diese naive Sicht.

Andere Vorwürfe gegen Palmerston gehören einfach in die Schublade „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, wie etwa der Überraschungsangriff der englischen Flotte auf Kopenhagen, als im Jahr 1808 die Gefahr bestand, dass Dänemark auf die Seite Napoleons gezwungen wird.

Sein Debüt im parlamentarischen Laben war ganz charakteristisch. Am 3. Februar 1808 nahm er das Wort, um - was? - zu verteidigen: Die Geheimhaltung diplomatischer Verhandlungen und die schmachvollste Handlung, die je eine Nation gegen eine andere beging, nämlich das Bombardement Kopenhagens und die Wegnahme der dänischen Flotte zu einer Zeit, wo England beteuerte, sich im tiefsten Frieden mit Dänemark zu befinden.
(ebenda, Artikel I)

Palmerston hatte den Vorfall als Lord der Admiralität in seiner Jungfernrede im Unterhaus zu verteidigen. 1809 wurde er Staatssekretär im Kriegsministerium.

1820 hatten die Spanier in einer Revolte König Ferdinand VII. gezwungen, die liberale Verfassung von 1812 wieder in Kraft zu setzen. Daraufhin wurde von der Heiligen Allianz auf dem Veroneser Kongress von 1822 Frankreich mit der militärischen Intervention beauftragt, um die absolutistische Herrschaft in Spanien wieder herzustellen. 1823 nahmen die französischen Truppen Madrid und Cadiz ein und Ferdinand VII. führte wieder eine absolutistische Herrschaft und ließ die Revolutionäre trotz vorausgegangener Amnestieversprechen grausam verfolgen.

Als 1823 auf Grund der Beschlüsse des Kongresses von Verona eine französische Armee in Spanien einmarschiert war, um die Verfassung dieses Landes zu beseitigen und es der erbarmungslosen Rache des bourbonischen Idioten <Ferdinand VII.> und seines Gefolges von bigotten Mönchen auszuliefern, da sagte sich Lord Palmerston von "allen Donquichotterien zur Erkämpfung abstrakter Prinzipien" los, da verweigerte er jedes "Eintreten für das Volk", dessen heldenmütiger Widerstand England vor der Übermacht Napoleons gerettet hatte. Die Worte, die er bei diesem Anlaß an seine damaligen Gegner von der Whig-Seite richtete, geben ein treues und lebendiges Bild seiner eigenen Außenpolitik, wie er sie verfolgte, seit er zum permanenten Minister des Auswärtigen geworden.

Er sagte:

"Manche hätten gerne gesehen, wenn wir schon bei den Verhandlungen mit Krieg gedroht hätten, ohne auf den Krieg vorbereitet gewesen zu sein, wenn die Verhandlungen gescheitert wären. Hätten wir Krieg gesagt und Neutralität gemeint, hätten wir mit einer Armee gedroht und uns dann hinter irgendwelche offiziellen Dokumente zurückgezogen, hätten wir in der Stunde ruhiger Überlegung herausfordernd das Schwert geschwungen, um uns dann am Schlachttag mit einer Handvoll schriftlicher Proteste zu begnügen, so hätten wir uns wie feige Großsprecher benommen und hätten uns zum Gespött und zum Gelächter von ganz Europa gemacht." (Unterhaus, 30. April 1823.)
(ebenda, Artikel II)

England hatte sich in Verona der Stimme enthalten und die von Spanien abgefallenen Staaten in Lateinamerika anerkannt.

Zu Gunsten der griechischen Revolutionäre bemühte sich England 1827 gemeinsam mit Russen und Franzosen um einen Waffenstillstand, der von türkischer Seite abgelehnt worden war:

Endlich sind noch die Debatten zur griechisch-türkischen Frage zu erwähnen, die Lord Palmerston die erste Gelegenheit verschafften, vor der Öffentlichkeit seine unvergleichlichen Talente als unermüdlicher, unerschütterlicher Anwalt russischer Interessen sowohl im Kabinett als auch im Unterhaus zu entfalten. Sämtliche Stichworte über türkische Grausamkeiten, griechische Zivilisation, Religionsfreiheit, Christentum usw., die Rußland verbreitete, betete er eines nach dem anderen getreulich nach. Als Minister weist er entschieden jeden Versuch eines Tadels zurück, der das "verdienstvolle Verhalten des Admirals Codringron" treffen könnte, durch dessen Schuld die türkische Flotte bei Navarino zerstört wurde, obgleich er zugeben muß, daß "diese Schlacht sich gegen eine Macht richtete, mit der wir uns nicht im Kriegszustand befinden", und daß "es ein unliebsames Ereignis war". (Unterhaus, 31. Januar 1828.)
(ebenda, Artikel II)

In der Bucht von Navarino war 1827 eine Flotte aus 7 britischen, 5 französischen und 8 russischen Linienschiffen und Fregatten zwischen die dort ankernden 22 großen und 35 kleinen Schiffe einer ägyptisch-türkischen Flotte eingelaufen und hatte nach einem Zwischenfall die osmanischen Schiffe zusammengeschossen.

Die Seeschlacht von Navarino war für die weitere Geschichte des osmanischen Reiches und damit sowohl Europas wie auch des Nahen Ostens von entscheidender Bedeutung. Sie machte nicht nur die Bemühungen der Türken zunichte, die griechischen Revolten zu unterdrücken, sondern verursachte auch einen schwer zu reparierenden Bruch in den traditionell guten Beziehungen zwischen England und dem Osmanischen Reich. Seine Auswirkungen zeigten sich in der kritischen Phase des Konflikts zwischen Muhammad Ali Pascha und der Pforte (1831-1841). Navarino beschleunigte den russisch-türkischen Krieg von 1828/29, und die Vernichtung der osmanischen Marine schwächte die Verteidigungskraft der Osmanen gegenüber Russland und später gegenüber Muhammad Ali.
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Navarino

Russland zwang im Krieg von 1828 das osmanische Reich zum Abzug von Truppen aus Griechenland, um dem Vormarsch der russischen Truppen auf Konstantinopel zu begegnen. Im Frieden von Adrianopel 1829 zwang Russland das Osmanische Reich zur Anerkennung der griechischen Unabhängigkeit unter einem eigenen König, die im Jahr 1830 mit der Zustimmung zum Londoner Protokoll erfolgte.

Die damalige Erklärung des Lord Palmerston im Unterhaus, die sich deutlich gegen die Osmanen richtet, zitiert Marx und kommt sofort darauf mit der russischen Expansion gegen Persien; spielt also die Karte der geostrategischen Interessen des Empire.

"Ich für meine Person bin nicht mit einer Anzahl Depeschen der englischen Regierung einverstanden, die zwar ohne Zweifel angenehm und verbindlich lauten und sich bemühen, in allgemeinen Ausdrücken Rußland zu versöhnen, die aber nebenbei starke Ausdrücke der Sympathie Englands für die Türkei enthalten, die, wenn eine daran interessierte Seite sie liest, leicht den Anschein erwecken könnten, als sei viel mehr damit gemeint, als tatsächlich beabsichtigt war ... Ich sähe es am liebsten, wenn England den festen Entschluß faßte - was auch eigentlich fast der einzig einzuschlagende Weg wäre -, unter keinen Umständen und auf keinen Fall in diesem Krieg die Partei der Türkei zu ergreifen, und diesen Entschluß der Türkei frank und frei mitteilte ... Drei Dinge gibt es, die kein Mitleid kennen: die Zeit, das Feuer und der Sultan." (Unterhaus, 16. Februar 1830.)

An dieser Stelle muß ich den Lesern einige historische Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen, um keinen Zweifel darüber walten zu lassen, welcher Art die philhellenischen Gefühle des edlen Lords sind.

Rußland hatte sich Göktschas bemächtigt, eines Streifen Landes am Ufer des Sewansees (unbestrittener persischer Besitz), und als Preis für dessen Räumung die Abtretung der persischen Ansprüche auf ein anderes Stück persischen Gebiets, der Landschaft Kapan, verlangt. Als Persien sich nicht fügte, wurde es mit Krieg überzogen, besiegt und gezwungen, im Februar 1828 den Vertrag von Turkmanschai zu unterzeichnen. Dieser setzte fest, daß Persien eine Entschädigung von 2 Millionen Pfd.St. an Rußland zu zahlen und die Provinzen Eriwan und Nachitschewan, einschließlich der Festungen Eriwan und Abassabad abzutreten habe. Diese Vereinbarung sollte, wie Nikolaus ausdrücklich konstatierte, nur dazu dienen, die gemeinsame Grenze durch den Araxes zu bestimmen, was, wie er vorgab, angeblich das einzige Mittel sei, allen künftigen Streitigkeiten zwischen den beiden Reichen vorzubeugen. Gleichzeitig aber weigerte er sich, Talisch und Mogan zurückzugeben, die auf dem persischen Ufer des Araxes liegen. Persien mußte sich auch schließlich dazu verpflichten, auf dem Kaspischen Meer keine Flotte zu unterhalten. Das war also die Ursache und das Resultat des Russisch-Persischen Kriegs.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A1

Aber auch aus dem Frieden von Adrianopel hatte Russland Vorteile gezogen:

"Durch den Vertrag von Adrianopel gelangte der Zar in den Besitz von Anapa und Poti und eines bedeutenden Teils der Küste des Schwarzen Meeres, dann eines Teils des Paschaliks von Achalzych mit den Festungen Achalkalaki und Achalzych, ferner der durch die Mündung der Donau gebildeten Inseln. Die Zerstörung der türkischen Festung Giurgewo und seitens der Türkei das Aufgeben des rechten Donauufers auf einige Meilen Entfernung vom Fluß wurde festgesetzt ... Viele tausend armenische Familien wurden teils mit Gewalt, teils durch priesterlichen Einfluß aus den türkischen Provinzen in Asien auf das Gebiet des Zaren getrieben ... Seine eigenen Untertanen in der Türkei befreite der Zar von jeder Verantwortlichkeit gegen die Landesbehörden und legte der Pforte unter dem Titel einer Entschädigung für Kriegsausgaben und Handelsverluste eine ungeheure Schuldenlast auf; endlich behielt er die Moldau, Walachei und Silistria als Pfand für die Bezahlung zurück ... Nachdem Rußland durch diesen Vertrag die Türkei zur Annahme des Protokolls vom 22. März gezwungen hatte, wonach der Sultan die Souveränität über Griechenland und einen jährlichen Tribut von diesem Lande erhalten sollte, gebrauchte Rußland seinen ganzen Einfluß, um Griechenland die Unabhängigkeit zu verschaffen. Wirklich wurde Griechenland als unabhängiger Staat erklärt und der Graf Kapodistrias, ein ehemaliger russischer Minister, zum Präsidenten ernannt."

Dies sind die Tatsachen. Sehen wir uns an, was Lord Palmerstons Meisterhand für ein Gemälde daraus fabriziert:

"Es ist vollkommen richtig, daß der Russisch-Türkische Krieg aus Vertragsbrüchen und Übergriffen entstand, die sich die Türkei gegen Rußlands Handel und Rußlands Rechte zuschulden kommen ließ." (Unterhaus, 16. Februar 1830.)
(ebenda, Artikel II)

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Hellmann
31.12.2008, 17:08
Der erste Präsident Griechenlands war tatsächlich in russischen Diensten zu Rang und Einfluss gekommen:

1809 erhielt er einen Ruf in das russische Außenministerium nach Sankt Petersburg. 1811 wurde er an die russische Gesandtschaft in Wien versetzt und 1812 zum Hauptquartier der russischen Donauarmee. 1813 begleitete er Kaiser Alexander als Chef der Kanzlei in den Krieg gegen Napoleon I., gewann dessen Vertrauen und wurde in der Folge mit wichtigen diplomatischen Missionen beauftragt: Noch im November 1813 als Gesandter in der Schweiz, wo er deren Beitritt zur Allianz gegen Napoleon I. erreichte und auf dem Wiener Kongress, wo er russischer Bevollmächtigter war. Dabei bewirkte er auch die Wiederherstellung der Ionischen Inselrepublik unter Englands ausschließlichem Schutz. Er unterzeichnete für Russland den Zweiten Pariser Frieden vom 20. November 1815. 1816 wurde er zum Staatssekretär ernannt und verwaltete zusammen mit Graf Karl Robert von Nesselrode die auswärtigen Angelegenheiten Russlands, außerdem die neue Provinz Bessarabien.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ioannis_Kapodistrias

Er war im April 1828 durch die griechische Nationalversammlung für sieben Jahre zum Präsidenten gewählt worden, sicher nicht ohne die Unterstützung des russischen Einflusses; er geriet allerdings bald mit seinem den Griechen ungewohnt harten Regierungsstil in Konflikte und wurde im Oktober 1831 ermordet.

Nun könnte man den Freiheitskampf der Griechen selbstverständlich auch als Beleg für die fortschrittliche Politik des Zaren bemühen, der unterdrückten Völkern hilft, sich vom türkischen Joch zu lösen. Das Vorgehen der türkischen und vor allem der ägyptischen Soldaten gegen die griechische Bevölkerung schockierte das europäische Publikum derart, dass es eben sogar zu einem gemeinsamen Vorgehen der englischen, französischen und russischen Flotte gegen die türkisch-ägyptische Flotte kam. Für Marx gibt es mit seiner Parteinahme keinen Zweifel.

"Das ehrenwerte und tapfere Mitglied des Hauses" (Oberst Evans) "hat Rußlands Vorgehen so hingestellt, als ob es seit 1815 bis zum heutigen Tage in unveränderlicher Angriffsstellung gegen die übrigen Staaten beharre. Er wies besonders auf die Kriege Rußlands mit Persien und der Türkei hin. Rußland war in keinem der beiden Fälle der Angreifer, und wenn auch eine Vergrößerung seiner Macht die Folge des persischen Krieges war, so war das doch nicht von Rußland beabsichtigt gewesen ... Auch im türkischen Feldzug war Rußland nicht der Angreifer. Ich will das Haus nicht durch die Aufzählung aller Provokationen ermüden, die sich die Türkei gegen Rußland zuschulden kommen ließ; aber es läßt sich nicht leugnen, daß sie russische Untertanen <368> von ihrem Gebiet verbannte, russische Schiffe festhielt, alle Artikel des Vertrags von Akkerman nicht einhielt und, nach gemachten Vorhaltungen, die Sühne dafür verweigerte. Wenn es also je gerechte Gründe für einen Krieg gab, so hatte sie Rußland für den Krieg mit der Türkei. Trotzdem eignete es sich, wenigstens in Europa, keine neuen Gebiete an. Ich weiß wohl, daß gewisse Punkte andauernd besetzt waren" - (die Moldau und Walachei sind nur Punkte, und die Mündungen der Donau sind nur Lappalien!) - "und daß einige Nebenerwerbungen am Schwarzen Meer in Asien gemacht wurden. Aber Rußland war mit den anderen europäischen Mächten dahin übereingekommen. daß ein Erfolg in diesem Krieg zu keinerlei Gebietsvergrößerung Rußlands in Europa führen sollte." (Unterhaus, 7. August 1832.)

Ihre Leser werden es jetzt begreifen, wenn Sir Robert Peel dem edlen Lord in öffentlicher Sitzung des Hauses erklärte, "er wisse nicht, wessen Vertreter er eigentlich sei".
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A1

Marx wirft Lord Palmerston hier allen Ernstes vor, nicht ausschließlich der verbohrte Vertreter der britischen Imperialinteressen gegen Russland gewesen zu sein, sondern sich im Fall des griechischen Freiheitskampfes gegen das Osmanenreich gestellt zu haben.

Aber wie man sieht, war Marx hier im Einklang mit einflussreichen Kreisen des britischen Empire, wie dem oben genannten Robert Peel; fragt sich nur noch, wie der Chartistenflügel des Ernest Jones, des Sohnes des Ehrenmajors des Königs von Hannover, derartige Positionen in seiner Zeitung "The People's Paper" verantworten mochte, das Geld dafür konnte die Zeitung sicher brauchen. Der Abdruck in der „New-York Daily Tribune“ wird von den interessierten Kreisen ebenfalls gut honoriert und durchgesetzt worden sein.

Palmerston hatte schließlich auch seinen internationalen Einfluss, da hätte ein braver Kommunist Marx für seine ehrliche Überzeugung keine mutige Zeitung zur Publikation gefunden; vor allem, da die Opposition gegen den in fast allen Journalen gefeierten Freiheitskampf der Griechen derart unpopulär gewesen ist.

Zu den unbeugsamen Gegnern Russlands, die selbst vom Schicksal der Griechen nicht gerührt werden konnten, gehörten selbstverständlich die Polen. Im Artikel III greift Marx Palmerston wegen der unterlassenen Hilfe für die Polen an:

Als Lord Palmerston im November 1830 sein Amt antrat, waren die Polen bereits seit etwa einem Monat unter Waffen. Am 8. August 1831 legte Herr Hunt dem Hause eine Petition der Westminster Union zugunsten der Polen vor, die zugleich "die Entlassung Lord Palmerstons aus dem Kabinett Seiner Majestät" forderte. Herr Hume stellte an demselben Tage fest, er entnehme aus dem Schweigen des edlen Lords, daß die Regierung "für die Polen nichts zu tun gedenke und sie auf Gnade und Ungnade den Russen überlassen wolle". Darauf erwiderte Lord Palmerston,

"alle wie immer gearteten Verpflichtungen, die durch bestehende Vertrage auferlegt wären, würden jederzeit der Aufmerksamkeit der Regierung sicher sein"

Worin bestanden seiner Meinung nach die Verpflichtungen, die England durch bestehende Verträge auferlegt wurden? Er sagt es uns selbst:

"Die Ansprüche Rußlands auf den Besitz von Polen tragen das Datum des Wiener Vertrags." (Unterhaus, 9. Juli 1833.)
Aber dieser Vertrag macht den Besitz von Polen abhängig von der Einhaltung der polnischen Konstitution durch den Zaren.
(ebenda, Artikel III)

Hätten die Engländer nun für Polen in Russland einfallen sollen? Und wenn ja: womit?

Er hatte also mit Ruhe den Fall Polens vorweggenommen und diese günstige Gelegenheit dazu ausgenützt, eine Ansicht über gewisse Artikel des Wiener Vertrags zu haben und zu äußern, überzeugt davon daß der großmütige Zar bloß warte, bis das polnische Volk durch seine bewaffnete Macht gänzlich zerschmettert sei, um dann einer Konstitution zu huldigen, die er mit Füßen getreten hatte, als das Volk noch volle Widerstandskraft besaß. Gleichzeitig klagte der edle Lord die Polen an,

"den unerwünschten und seiner Meinung nach nicht zu rechtfertigenden Schritt der Entthronung des Kaisers getan zu haben". (Unterhaus, 9. Juli 1833.)

"Er könne auch versichern, daß die Polen die Angreifer gewesen seien, denn sie hätten den Streit begonnen." (Unterhaus, 7. August 1832.)

Als die Befürchtungen, Polen könne vernichtet werden, immer allgemeiner und beunruhigender wurden, erklärte er,
"die Vernichtung Polens sei sowohl moralisch als politisch so vollkommen undurchführbar, daß er glaube, jede Befürchtung eines derartigen Versuchs sei überflüssig". (Unterhaus, 28. Juni 1832.)
(ebenda, Artikel III)

Palmerston hielt auch die Idee der österreichischen Regierung, mit Russland wegen einer Wiederherstellung Polens zu verhandeln, für aussichtslos; was ihm Marx wieder ankreidet:

Nachdem die polnische Revolution ausgebrochen war, verließ der österreichische Konsul Warschau nicht, und die österreichische Regierung ging so weit, einen polnischen Agenten, Herrn Walewski, nach Paris zu schicken, der die Mission hatte, mit den Regierungen von England und Frankreich über die Wiederherstellung eines polnischen Königtums zu verhandeln. Der Hof der Tuilerien erklärte, "er sei bereit, sich England anzuschließen, wenn es dem Plan zustimmte". Lord Palmerston wies das Anerbieten zurück, 1831 schlug Herr von Talleyrand, der französische Gesandte am Hofe von Saint James, einen Plan des gemeinsamen Vorgehens für Frankreich und England vor, erhielt aber von dem edlen Lord eine deutliche Absage und eine schriftliche Note des Inhalts,

"daß eine gütliche Vermittlung in der polnischen Frage von Rußland abgelehnt werden würde; daß die Mächte soeben ein ähnliches Angebot Frankreichs abgelehnt hätten; daß die beiden Höfe von Frankreich und England im Falle einer Weigerung Rußlands nur mit Gewalt intervenieren könnten und daß die herzlichen und zufriedenstellenden Beziehungen zwischen den Kabinetten von Saint James und St. Petersburg Seiner Majestät dem König eine derartige Einmischung nicht gestatteten. Die Zeit sei noch nicht gekommen, wo ein derartiger Schritt mit Erfolg gegen den Willen eines Herrschers unternommen werden dürfe, dessen Rechte unanfechtbare seien."
(ebenda, Artikel III)

Auch die Schweden und der persische Hof, die den polnischen Aufstand für sich nutzen wollten, wurden durch Palmerston nicht unterstützt:

Damit nicht genug. Am 23. Februar 1848 gab Herr Anstey im Unterhaus folgende Erklärung ab:

"Schweden rüstet seine Flotte, um zugunsten Polens einen Scheinangriff zu unternehmen und um seine Provinzen in der Ostsee wiederzugewinnen, die ihm im letzten Krieg so ungerechterweise entrissen worden sind. Unser Botschafter am schwedischen Hofe erhielt von dem edlen Lord Instruktionen im entgegengesetzten Sinn, und Schweden unterbrach seine Rüstungen. Der persische Hof hatte in der gleichen Absicht eine Armee unter dem Befehl des persischen Kronprinzen abgeschickt, die sich seit drei Tagen auf dem Marsch an die russische Grenze befindet. Der Legationssekretär am Hof von Teheran, Sir John McNeill, folgte dem Prinzen und holte ihn trotz einer Distanz von drei Tagereisen vom Hauptquartier aus ein, um gemäß den Instruktionen des edlen Lords und im Namen Englands Persien mit Krieg zu drohen, wenn der Prinz noch einen Schritt weiter gegen die russische Grenze vorrücke. Die gleichen Mittel wendete der edle Lord an, um die Türkei daran zu hindern, ihrerseits den Krieg wieder zu beginnen."
(ebenda, Artikel III)

Der schändliche Palmerston wollte wegen Polen keinen großen Krieg beginnen. Auch wegen Krakau nicht:

Unmittelbar nach der Beendigung des polnischen Aufstands von 1830/31 zogen plötzlich russische Truppen in Krakau ein, und diese Okkupation dauerte zwei Monate. Doch wurde dies als eine vorübergehende, durch den Krieg notwendig gemachte Maßnahme betrachtet und war im Sturm und Drang jener Zeiten bald vergessen.

1836 wurde Krakau wieder von österreichischen, russischen und preußischen Truppen okkupiert, um, wie es hieß, die Behörden Krakaus zu zwingen, diejenigen Personen auszuliefern, die an der polnischen Revolution vor fünf Jahren teilgenommen hatten. Die Konstitution Krakaus wurde abgeschafft, und die drei dort residierenden Konsuln maßten sich die höchste Autorität an; die Polizei wurde österreichischen Spionen anvertraut, der Senat gestürzt, die Gerichte suspendiert, die Universität durch das Verbot der Immatrikulation von Studenten aus den benachbarten Provinzen lahmgelegt und der Handel der freien Stadt mit den umgebenden Ländern zerstört.
(ebenda, Artikel III)

Palmerston wollte auch keinen englischen Konsul nach Krakau entsenden, was im Unterhaus von der Opposition gefordert wurde.

Die "zeitweilige" Okkupation Krakaus dauerte auch noch 1840 fort, und die Bevölkerung richtete daher an die Regierungen Frankreichs und Englands ein Memorandum, das unter anderem folgenden Passus enthält:

"Das Unglück, das die freie Stadt Krakau und ihre Bewohner heimgesucht hat, hat einen derartigen Umfang angenommen, daß die Unterzeichneten für sich und ihre Mitbürger keine andere Zuflucht mehr sehen als bei den erlauchten Regierungen von Frankreich und England. Die Situation, in der sie sich gegenwärtig befinden, berechtigt sie, sich an alle jene Mächte zu wenden, die den Wiener Vertrag mitunterschrieben haben."

Als der edle Viscount am 13. Juli 1840 wegen dieser Krakauer Petition befragt wurde, erklärte er:

"Zwischen Österreich und der britischen Regierung ist die Räumung Krakaus nur mehr eine Frage der Zeit."

Was den Bruch des Wiener Vertrags anbelangt,

"so gäbe es keine Möglichkeit, Englands Ansichten gewaltsam durchzusetzen, selbst wenn dieses Land bereit wäre, zu den Waffen zu greifen, denn Krakau sei augenscheinlich ein Ort, wo eine englische Aktion unmöglich stattfinden könne".
Man beachte, daß zwei Tage nach dieser Erklärung der edle Lord mit Rußland, Österreich und Preußen einen Vertrag schloß, der der englischen Flotte das Schwarze Meer versperrte, vielleicht damit auch dort keine englische Aktion sich entfalten könne. Genau zu derselben Zeit erneuerte der edle Lord die Heilige Allianz Englands mit diesen Mächten gegen Frankreich. Über die Handelsverluste, die England infolge der Okkupation von Krakau erlitt, ließ sich der edle Lord folgendermaßen aus: "der allgemeine Export nach Deutschland ist nicht gesunken", worauf Sir Robert Peel richtig bemerkte, das habe mit Krakau gar nichts zu tun.
(ebenda, Artikel III)

In der Auseinandersetzung zwischen dem Vertreter der Interessen des britischen Empire, Lord Palmerston, und der Opposition im Unterhaus, die die Interessen des Empire nicht genug vertreten fand, steht Marx auf Seiten dieser Opposition.

Nach dem erfolgreichen Freiheitskampf der Griechen kam es sofort zu weiteren Aufständen im Osmanenreich, in deren Folge sich die Hohe Pforte sogar an Russland um Hilfe wenden musste und russische Truppen Konstantinopel besetzten. Der Pascha von Ägypten rebellierte und dessen Sohn zog mit seiner Armee gegen Istanbul:

Infolge des unglücklichen Kriegs von 1828/29 hatte die Pforte ihr Prestige in den Augen der eigenen Untertanen verloren. Und so brachen - wie es in orientalischen Staaten stets zu sein pflegt, wenn die oberste Macht geschwächt ist - auch hier erfolgreiche Revolten der Paschas aus. Schon im Oktober 1831 begann der Konflikt zwischen dem Sultan <Machmud II.> und Mechmed Ali, dem Pascha von Ägypten, der die Pforte während des griechischen Aufstands unterstützt hatte. Im Frühling 1832 marschierte dessen Sohn Ibrahim Pascha mit seiner Armee in Syrien ein, eroberte diese Provinz durch die Schlacht von Homs, überstieg den Taurus, vernichtete die türkische Armee in der Schlacht von Konia und marschierte auf Stambul.

Der Sultan mußte sich am 2. Februar 1833 nach St. Petersburg um Hilfe wenden. Am 17. Februar kam der französische Admiral Roussin in Konstantinopel an, wurde zwei Tage später bei der Pforte vorstellig und bemühte sich um den Rückzug des Paschas unter gewissen Bedingungen, einschließlich der Abweisung der Hilfe Rußlands. Da Roussin aber ganz allein stand, so konnte er mit Rußland selbstverständlich nicht fertig werden. "Du hast gebeten und ich bin erschienen." Am 20. Februar brach ein großes russisches Geschwader von Sewastopol auf, schiffte eine große Zahl russischer Truppen an der Küste des Bosporus aus und belagerte die Hauptstadt. So erpicht war Rußland auf die Beschützung der Türkei, daß es gleichzeitig an den <383> Pascha von Trapezunt wie an den von Erzerum russische Offiziere sandte, die ihnen melden sollten, daß diese beiden Orte ab sofort unter dem Schutz einer russischen Armee stehen würden, falls Ibrahims Truppen gegen Erzerum vorrücken sollten. Ende Mai 1833 kam Graf Orlow aus Petersburg und gab dem Sultan zu verstehen, daß er ein kleines Blatt Papier mitgebracht habe, welches der Sultan, ohne sich mit seinen Ministern zu beraten und ohne Wissen irgendeines bei der Pforte akkreditierten diplomatischen Vertreters, unterschreiben solle. So kam der famose Vertrag von Hunkiar-Iskelessi zustande, der auf acht Jahre abgeschlossen ward. Darin ging die Pforte ein Defensiv- und Offensivbündnis mit Rußland ein, verzichtete auf das Recht, mit anderen Mächten irgendwelche neuen Verträge zu schließen, außer wenn Rußland daran beteiligt sei, und bestätigte die früheren russisch-türkischen Verträge, besonders den von Adrianopel. Durch eine dem Vertrag beigefügte Geheimklausel verpflichtete sich die Pforte,

"zugunsten des kaiserlichen Hofes von Rußland die Meerenge der Dardanellen zu schließen, d.h., nicht zu gestatten, daß ein fremdes Kriegsschiff unter einem wie immer gearteten Vorwand dort einfahre".
(ebenda, Artikel IV)

Und wer hatte daran alle Schuld?

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Hellmann
31.12.2008, 17:20
Wem verdankte es der Zar, daß er Konstantinopel mit seinen Truppen besetzen und kraft des Vertrags von Hunkiar-Iskelessi den obersten Sitz des Ottomanischen Reichs von Konstantinopel nach St. Petersburg verlegen durfte? Wem anders als dem sehr ehrenwerten Henry John Viscount Palmerston, Baron Temple, Peer von Irland, Mitglied des höchst ehrenwerten Staatsrats Seiner Majestät, Ritter des Großkreuzes des höchst ehrenwerten Bathordens, Mitglied des Parlaments und Seiner Majestät oberster Minister für Auswärtige Angelegenheiten.
(ebenda)

Die Osmanen hatten sich zuerst nach England um Hilfe gewandt und erst in letzter Verzweiflung an Russland, das allerdings eher über die nötigen Möglichkeiten verfügte.

Der edle Lord ist über das Datum, an dem die Pforte seine Hilfe anflehte, genauso unsicher, wie Falstaff unsicher war über die Zahl der Schelme in Steifleinen, in hellgrünen Röcken, die ihn überfallen hatten. Doch ist er nicht geneigt, zu leugnen, daß die von Rußland angebotene bewaffnete Hilfe von der Pforte abgelehnt wurde und daß diese sich an ihn, Lord Palmerston, wandte. Er schlug die Bitten der Pforte ab. Die Pforte wandte sich von neuem an den edlen Lord, sandte zuerst Herrn Maurogeni, dann Namyk Pascha nach London, die inständig um Unterstützung durch ein Geschwader baten, unter der Bedingung, daß der Sultan die ganzen Kosten für dieses Geschwader tragen werde, und sich überdies den britischen Untertanen in der Türkei für diesen Sukkurs durch Gewährung neuer Handelsprivilegien und Vorteile erkenntlich zu zeigen versprachen. So sicher war Rußland, daß der edle Lord sich weigern würde, daß es sich sogar dem türkischen Abgesandten in seiner Bitte an Seine Lordschaft um Sukkurs anschloß. Er sagt uns selbst:

"Die Gerechtigkeit gebiete ihm, festzustellen, daß Rußland, weit entfernt, in der Gewährung dieser Hilfe durch England einen Grund zur Eifersucht zu sehen, ihm, als die Sache noch schwebte, durch seinen Botschafter offiziell mitteilen ließ, daß es von diesem Ansuchen der Türkei erfahren habe und daß bei dem Interesse, das Rußland an dem Bestehen und der Erhaltung des Türkischen Reichs nähme, es sehr befriedigt davon wäre, wenn sich die Minister dazu verstehen könnten, diesem Ansuchen zu entsprechen." (Unterhaus, 28. August 1833.)

Der edle Lord blieb jedoch unerbittlich und taub allen Vorstellungen der Pforte gegenüber, obgleich diese doch an dem uneigennützigen Rußland selbst einen Fürsprecher fand. Da begann die Pforte zu begreifen, was man von ihr erwartete. Sie verstand, daß sie dazu verurteilt war, den Bock zum Gärtner zu machen. Noch immer schwankte sie, und erst drei Monate später entschloß sie sich, Rußlands Hilfe anzunehmen.

"Großbritannien", sagte der edle Lord, "hat sich nie darüber beschwert, daß Rußland diese Hilfe gewährte, sondern wir waren im Gegenteil froh, daß die Türkei von irgendwoher wirksame Unterstützung bekam." (Unterhaus, 17. März 1834.)
(ebenda)

Nun wussten die Russen im Gegensatz zu Marx und der britischen Opposition die Lage sicher richtig einzuschätzen, dass die Briten nicht schnell und wirksam genug zu einem Eingreifen vor Konstantinopel in der Lage waren.

Allerdings glaubte sogar der Herzog von Wellington, dass ein britisches Wort schon gereicht hätte:

Ferner äußerte der Herzog von Wellington:

"Hätte man während der Sessionen von 1832 oder 1833 Mechmed Ali klar und deutlich gesagt, er solle seine Kämpfe in Kleinasien und Syrien einstellen, so wäre dadurch dem Krieg ein Ende gesetzt worden, ohne daß man riskiert hätte, daß der Kaiser von Rußland eine Flotte und eine Armee nach Konstantinopel schicken durfte." (Oberhaus, 4. Februar 1834.)
(ebenda, Artikel IV)

Die Ansichten in der Politik gehen eben auseinander, aber Marx an der Seite des Herzogs von Wellington?

Es waren also nach Lord Derbys und Lord Palmerstons eigenem Ausspruch nicht Rußlands Flotte und Armee in Konstantinopel, sondern die entschiedene Erklärung des britischen Konsularagenten in Alexandria, die Ibrahims Siegesmarsch nach Konstantinopel zum Stillstand und das Abkommen von Kutahia zuwege brachte, durch das Mechmed Ali neben Ägypten noch das Paschalik von Syrien und das von Adana sowie andere Orte als Zugabe erhielt. Der edle Lord hielt es jedoch für angezeigt, daß sein Konsul in Alexandria diese ausdrückliche Erklärung nicht früher abgeben durfte, als bis die türkische Armee zerstört, Konstantinopel von den Kosaken gestürmt, der Vertrag von Hunkiar-Iskelessi vom Sultan unterzeichnet und vom Zaren in die Schublade gelegt wurde.
(ebenda)

Dabei übertrifft Marx jederzeit mit Leichtigkeit die Russophobie des David Urquhart:

In dem russischen Vokabularium existiert das Wort "Ehre" nicht. Der Begriff selbst wird als eine französische Illusion hingestellt. "Tschto takoje honneur? Eto franzusskaja chimère" <"Was ist das Ehre? Es ist französische Chimäre." [Im englischen Text: Schto takoi honneur? Ett Fransusski chimere]> lautet ein russisches Sprichwort. Die Entdeckung der russischen Ehre verdankt die Welt ausschließlich Mylord Palmerston, der sich ein volles Vierteljahrhundert lang in jedem kritischen Augenblick höchst emphatisch für die "Ehre" des Zaren zu verbürgen pflegte.

Er tat es 1853 am Schluß der Session, wie er es schon 1833 am Schluß der Session getan hatte.

Der Zufall aber will es, daß der edle Lord eben, während er "sein vollstes Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit und in die Redlichkeit" des Zaren versicherte, in den Besitz von Dokumenten gelangt war, die vor der übrigen Welt geheimgehalten wurden und die keinen Zweifel darüber ließen, wenn ein solcher bestand, wie es um die Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit Rußlands bestellt sei. Er brauchte den Moskowiter nicht einmal zu kratzen, um den Tataren zu finden. Er fand den Tataren <Wortspiel: "to catch a Tartar". Im übertragenen Sinne: an den unrechten kommen, übel ankommen> gleich in seiner ganzen nackten Scheußlichkeit. Er gelangte nämlich in den Besitz der Selbstbekenntnisse der führenden russischen Minister und Diplomaten, die ihre Hüllen abwarfen, ihre geheimsten Gedanken bloßlegten, ihre Eroberungs- und Unterjochungspläne hemmungslos entwickelten und die törichte Leichtgläubigkeit der europäischen Höfe und Minister verhöhnten, indem sie sich über die Villèles, Metternichs, Aberdeens, Cannings und Wellingtons weidlich lustig machten und mit dem rohen, durch die grausame Ironie des Höflings kaum verhüllten Zynismus des Barbaren gemeinsam darüber berieten, wie sie in Paris gegen England, in London gegen Österreich, in Wien gegen London Mißtrauen säen, alle untereinander verhetzen und aus allen bloße Werkzeuge Rußlands machen könnten.

Zur Zeit des Warschauer Aufstands fielen die Archive des Vizekönigs, die im Palast des Großfürsten Konstantin verwahrt wurden und die die geheime Korrespondenz der russischen Minister und Botschafter vom Beginn dieses Jahrhunderts bis 1830 enthielten, in die Hände der siegreichen Polen.
(ebenda, Artikel VI)

Nun werden derartige Archive aller Staaten das diplomatische Doppelspiel ihrer Regierungen und Agenten beweisen. Wir hatten diese Papiere schon oben erwähnt, die durch den englischen König von Palmerston an David Urquhart übergeben werden mussten, der sie dann in seinem „Portfolio“ veröffentlicht hat im Zusammenhang seiner Kampagne gegen Palmerston.

Dabei scheint es auch noch Dokumente gegeben zu haben, die Urquhart von der Krone erhalten hatte und in Reserve hielt:

Die Dokumente, die der verstorbene König und sein Sekretär, der verstorbene Sir Herbert Taylor, Herrn Urquhart anvertraut hatten, "damit er bei passender Gelegenheit das Andenken Wilhelms IV. reinwasche", werden bei ihrer Veröffentlichung ein neues Licht auf die frühere Laufbahn des edlen Lords und der Whig-Oligarchie werfen, von der das Publikum im allgemeinen nicht viel mehr kennt als die Geschichte ihrer Ansprüche, ihrer Phrasen und ihrer sogenannten Grundsätze - mit einem Wort die theatralische und trügerische Seite - die Maske.

Es ist hier die beste Gelegenheit, Herrn David Urquhart Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der zwanzig Jahre lang der schärfste Widersacher Lord Palmerstons war, dem er stets als offener Feind entgegentrat, den keine Furcht zum Schweigen brachte, keine Bestechung zur Nachgiebigkeit bewog und keine Schmeichelei zur Anhängerschaft verführte, während Alcine-Palmerston es sonst doch fertig brachte, alle anderen Feinde, sei es mit Schmeichelreden, sei es durch Verführungskünste, kirre zu machen. Wir haben soeben aus Herrn Ansteys Munde die stürmische Anklage gegen Seine Lordschaft gehört, hören wir jetzt, was Herr Urquhart sagt.
"Ein höchst bedeutsamer Umstand ist es, daß der angeklagte Minister das Mitglied des Hauses" - d.h. Herrn Anstey - "aufsuchte und sich mit dem Anerbieten seiner Mitarbeit und privaten Freundschaft zufriedengab, ohne auf der Förmlichkeit eines Widerrufs oder einer Entschuldigung zu bestehen ... Herrn Ansteys kürzlich in aller Form erfolgte Anstellung bei der jetzigen Regierung spricht für sich selbst." (D. Urquharts "Rußlands Vordringen".)

Am 8. Februar 1848 hatte derselbe Herr Anstey den edlen Lord mit

"dem infamen Marquis von Carmarthen, dem Staatssekretär Wilhelms III., verglichen, den Zar Peter I. während seines Besuchs am englischen Hof mit dem Gold britischer Kaufleute für seine Interessen zu erkaufen vermocht hatte". (Unterhaus, 8. Februar 1848.)

Wer verteidigte Lord Palmerston bei dieser Gelegenheit gegen Herrn Ansteys Anklagen? Herr Sheil, derselbe Herr Sheil, der 1833 beim Abschluß des Vertrags von Hunkiar-Iskelessi dieselbe Rolle des Anklägers gegen Seine Lordschaft gespielt hatte wie Herr Anstey 1848. Herr Roebuck, einst sein schärfster Gegner, verschaffte ihm 1850 das Vertrauensvotum. Sir Stratford Canning, der durch ein volles Dezennium die Nachgiebigkeit des edlen Lords gegen den Zaren gegeißelt hatte, war es zufrieden, daß man sich ihn durch seine Berufung auf den Botschafterposten in Konstantinopel vom Halse geschafft hatte. Selbst der dem edlen Lord so teure Dudley Stuart wurde für einige Jahre aus dem Parlament hinausintrigiert, weil er gewagt hatte, gegen den edlen Lord zu opponieren. Als er wieder zurückkehrte, wurde er zur âme damnée <auf Gedeih und Verderb [mit Palmerston] verbundene Kreatur> des "echten englischen" Ministers. Kossuth, der aus den Blaubüchern hätte wissen können, daß Ungarn vom edlen Viscount verraten worden war, nannte ihn bei seiner Landung in Southampton "seinen teuren Busenfreund".
(ebenda, Artikel VI)

Nur die britischen Tories scheinen ehrliche und aufrichtige Männer zu sein, wenn man Marx hier folgen will.

Aber nachdem Marx sogar die von Urquhart noch nicht veröffentlichten Dokumente schon kennen will, müssen wir die Kontakte zwischen Marx und den Kreisen des David Urquhart schon vor den Zeitraum dieser oben zitierten Artikel setzen. Marx hat sich hier ganz einfach und sicher für viel Geld von den britischen Rechten zum Kampf gegen Palmerston einspannen lassen. Zusätzliche Informationen, Verbindungen und Zugang zu Presseorganen hat ihm das auch eingetragen.
Sein „Lord Palmerston“ wird in einer Schriftenreihe des David Urquhart in hoher Auflage als Broschüre verbreitet.

Im Folgenden erfahren wir nun auch noch, wie der Zwischenfall mit dem Schoner Vixen an der tscherkessischen Küste „diplomatisch“ vorbereitet wurde, um Palmerston für die absehbare Beschlagnahme des Schiffes im englischen Parlament anzuklagen.

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Hellmann
31.12.2008, 17:31
Herr Roebuck konstatierte, daß sich Herr Bell, ehe er die "Vixen" nach Tscherkessien abfahren ließ, an den edlen Lord gewendet hatte, um sich zu vergewissern, ob irgendeine Unzuträglichkeit oder Gefahr zu befürchten wäre, wenn ein Schiff an irgendeinen Teil Tscherkessiens Waren brächte, und daß das Außenministerium mit Nein geantwortet hatte. Nun sah sich Lord Palmerston genötigt, dem Hause seine Korrespondenz mit Herrn Bell vorzulesen. Wenn man ihm dabei zuhörte, so hatte man die Empfindung, als läse er ein spanisches Mantel- und Degenstück, nicht aber eine offizielle Korrespondenz zwischen einem Minister und einem Kaufmann vor. Als Daniel O'Connell hörte, daß der edle Lord die Briefe über die Kaperung der "Vixen" vorgelesen, rief er aus: "Wie recht hat doch Talleyrand, wenn er sagt, die Sprache sei dazu erfunden, die Gedanken zu verbergen!"

So fragte Herr Bell zum Beispiel an, ob "irgendwelche Beschränkungen des Handels existierten, die von Seiner Majestät Regierung anerkannt sind? Wäre das nicht der Fall, dann wolle er ein mit Salz beladenes Schiff dorthin schicken." Lord Palmerston erwidert: "Sie fragen mich, ob es vorteilhaft für Sie wäre, sich in eine Spekulation mit Salz einzulassen?" und fügt hinzu:

"Handelshäuser müssen selbst wissen, ob sie sich in eine Spekulation einlassen dürfen oder nicht." "Danach habe ich nicht gefragt", antwortet Bell, "ich will nur wissen, ob die Regierung Seiner Majestät die russische Blockade auf dem Schwarzen Meer bis südlich gegen den Fluß Kuban anerkennt?" "Sie müssen in der 'London Gazette' nachsehen", erwidert der edle Lord, "dort sind alle derartigen Bekanntmachungen, wie Sie sie meinen, verzeichnet." Die "London Gazette" war nun allerdings für einen britischen Kaufmann eine geeignetere Quelle, um sich solche Informationen zu holen, als die Ukase des Kaisers von Rußland. Und da Herr Bell keine wie immer geartete Notiz über die Anerkennung der Blockade oder über sonstige Einschränkungen in der "Gazette" fand, so sandte er sein Schiff ab. Das Ergebnis war, daß er sich nach kurzer Zeit selbst in der "Gazette" erwähnt fand.

"Ich verwies Herrn Bell", sagte Lord Palmerston, "auf die 'Gazette', wo er fand, daß die russische Regierung unserem Lande eine Blockade weder mitgeteilt noch erklärt hatte, folglich gab es auch keine anzuerkennen."

Wenn Lord Palmerston Herrn Bell an die "Gazette" verwies, so leugnete er damit nicht nur die Anerkennung einer russischen Blockade durch Großbritannien, sondern er bestätigte gleichzeitig auch, daß seiner Meinung nach die tscherkessische Küste kein Teil des russischen Gebiets ist, denn die "Gazette" veröffentlicht nichts darüber, wenn ein fremder Staat ein Stück des eigenen Gebiets blockiert - z.B. gegen aufständische Untertanen. Da Tscherkessien nicht einen Teil Rußlands bildet, konnte es also auch nicht in die russischen Zollvorschriften miteingeschlossen sein. Nach seinem eigenen Eingeständnis sprach also Lord Palmerston in seinen Briefen an Herrn Beil Rußland das Recht ab, die tscherkessische Küste zu blockieren oder sie kommerziellen Einschränkungen zu unterwerfen. Wahr ist allerdings, daß er während seiner ganzen Rede bestrebt war, das Haus dahin zu bringen, es als gegeben hinzunehmen, daß Rußland von Tscherkessien Besitz ergriffen hat. Andrerseits aber konstatierte er unumwunden,

"die Ausdehnung der russischen Grenze bis an die Donaumündung, im Süden des Kaukasus und an den Ufern des Schwarzen Meeres ist sicherlich nicht vereinbar mit der feierlichen Erklärung, die Rußland vor ganz Europa abgab, ehe der Türkische Krieg begann".
(ebenda, Artikel VI)

Aber da kann man eben manchmal politisch nichts machen, was einem Politiker die Opposition und die radikalen Imperialisten dann im Parlament ankreiden.

Die fast wortgleichen Vorwürfe gegen Palmerston können wir auch bei John Stuart Mill lesen, dem Sohn des „Benthamite“ James Mill.

The subject of the above works has acquired a very great momentary interest, from the late seizure of a British vessel by the Russians on the coast of Circassia. The capture of the Vixen has been known in this country for two months: but since that period the public has been vainly looking to its ministers for any vindication of the national interests, or any explanation of the apparent wrong done to them. The matter has been frequently urged on the notice of the House of Commons, in the shape of questions and passing remarks…

We have not yet learned from Lord Palmerston the ground on which this seizure of British property, this interruption of British commerce, are justified. The Vixen has been seized, and condemned: this we know; but for what offence, and by what authority, and with what right, we know not. We know not whether the Russian Government defends this act on the fact of its being done in the course of a blockade of a hostile country, and the consequent application of those principles of maritime blockade, which this country laboured to establish during the last war…

John Stuart Mill, The Collected Works of John Stuart Mill, Volume XXXI - Miscellaneous Writings [1827], London 1989, Appendix B: The Vixen, and Circassia APRIL 1837.
http://oll.libertyfund.org/?option=com_staticxt&staticfile=show.php%3Ftitle=238&chapter=53609&layout=html&Itemid=27

Eine Story über die Reise der Vixen kann man bei Google-Books online im „The Portfolio“, herausgegeben von David Urquhart, nachlesen:

http://books.google.de/books?id=2sALAAAAYAAJ&pg=PA262&lpg=PA262&dq=circassia+%22george+bell%22&source=bl&ots=a7x1X0Z5W1&sig=H4kJ1ieRpWAtUUWxhdV0Lah1U2s&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=4&ct=result#PPA262,M1

Wer sich für das Portfolio näher interessiert, kann eine PDF-Version downloaden:

http://books.google.de/books/pdf/The_Portfolio__Or__a_Collection_of_State.pdf?id=2s ALAAAAYAAJ&output=pdf&sig=ACfU3U3aMr2AS7o0m5vT8bk9FrMl32kohA

Dass der eigentliche Anstifter dieser Reise des Schoners Vixen der britische König Wilhelm IV. war, sei hier noch zitiert:

König Wilhelm IV. hatte Herrn Bell insgeheim angestiftet, die "Vixen" an die tscherkessische Küste zu senden. Als der edle Lord die Unterhandlungen hinauszog, erfreute sich der König noch seiner vollen Gesundheit. Als Lord Palmerston dieselben so jählings abschloß, lag der König in den letzten Zügen, und der edle Lord verfügte so absolut über das Ministerium des Auswärtigen, als wäre er der absolute Monarch von Großbritannien. War es nicht ein Meisterstück des spaßhaften Lords, mit einem Federstrich den Vertrag von Adrianopel, Rußlands Besitzrecht auf Tscherkessien und die Konfiskation der "Vixen" formell anzuerkennen, und zwar im Namen des sterbenden Königs, der selbst die trotzige "Vixen" ausgesandt hatte, in der bestimmten Absicht, den Zaren zu ärgern, den Vertrag von Adrianopel zu mißachten und die Unabhängigkeit von Tscherkessien zu bestätigen?

Herr Bell kam also, wie schon gesagt, in die "Gazette", und Herr Urquhart, damals erster Botschaftssekretär in Konstantinopel, wurde zurückberufen, weil er "Herrn Bell zur Ausführung der Expedition der 'Vixen' überredet habe".

Solange König Wilhelm IV. am Leben war, wagte Lord Palmerston nicht, sich offen der Expedition der "Vixen" entgegenzustellen, wie dies klar bewiesen wird erstens durch die Unabhängigkeitserklärung Tscherkessiens, die im "Portfolio" veröffentlicht wurde; ferner durch die tscherkessische Landkarte, die Seine Lordschaft durchgesehen hatte; durch seine jeder Bestimmtheit ermangelnde Korrespondenz mit Herrn Bell; durch seine vagen Erklärungen vor dem Unterhaus; schließlich bekam Herrn Bells Bruder, der Superkargo der "Vixen", bei der Ausreise Depeschen vom Ministerium des Auswärtigen an die Botschaft in Konstantinopel mit, und von Lord Ponsonby, dem britischen Botschafter bei der Hohen Pforte, wurde ihm direkte Ermutigung zuteil.

Zu Beginn der Regierung der Königin Victoria schien der Einfluß der Whigs gesicherter denn je zu sein, und demgemäß änderte sich auch plötzlich die Sprache des ritterlichen Viscounts. Aus Verteidigung und Schmeichelei wurden mit einem Male Hochmut und Verachtung. Als ihn Herr T. H. Attwood am 14. Dezember 1837 über die "Vixen" und Tscherkessien befragte, meinte er:

"In betreff der 'Vixen' habe Rußland derartige Erklärungen über sein Vorgehen abgegeben, daß sich die Regierung unseres Landes damit zufriedengeben könne. Das Schiff sei nicht während einer Blockade genommen worden. Man habe es nur deshalb ergriffen, weil die mit seiner Leitung betrauten Personen den Munizipal- und Zollverordnungen Rußlands zuwidergehandelt hätten."
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A1

Allerdings wendete sich das politische Blatt wieder zugunsten der Tories, deren Interessen uns Karl Marx hier so verständnisvoll und teilnehmend schildert:

1838 hatte sich die Konstellation der Parteien erneut geändert, und die Tories waren wieder zu Einfluß gelangt. Sie richteten gegen Lord Palmerston am 21. Juni eine scharfe Anklage. Der nunmehrige Botschafter in Konstantinopel, Sir Stratford Canning, beantragte eine besonders gewählte Kommission, die die Beschuldigungen Herrn George Bells gegen den edlen Lord und seine Entschädigungsansprüche prüfen sollte. Zuerst zeigte sich Seine Lordschaft höchlichst erstaunt, daß Sir Stratfords Antrag "solch kleinlichen Charakter trage".
"Sie sind", rief ihm darauf Sir Robert Peel zu, "der erste englische Minister, der es wagt, den Schutz des britischen Eigentums und Handels eine kleinliche Angelegenheit zu nennen."
(ebenda, Artikel VIII)

Palmerston hatte keinen leichten Stand mehr im Parlament:

Im Verlauf dieser Debatten (am 21 Juni 1838) kam endlich das große Geheimnis ans Licht. Wenn der edle Lord sogar willens gewesen wäre, im Jahre 1836 den Ansprüchen Rußlands zu widerstreben, so hätte er es nicht mehr gekonnt…

Indem man Rußland gestattete, an der tscherkessischen Küste sogenannte Gesundheitsbestimmungen und Zollverordnungen einzuführen, die sonst nirgends existierten als in dem obenerwähnten Schreiben, wurden die russischen Ansprüche auf den Kaukasus anerkannt und damit auch der Vertrag von Adrianopel, auf den sie begründet waren…

An diesem Tage entging der spaßhafte Lord nur mit 16 Stimmen einer Verurteilung: 184 stimmten gegen, 200 für ihn. Diese 16 Stimmen werden weder die Geschichte übertönen noch die Bergbewohner zum Schweigen bringen, deren Waffengeklirr der Welt beweist, daß der Kaukasus nicht "jetzt zu Rußland gehört, wie Graf Nesselrode behauptet" und wie Lord Palmerston es nachbetet!

Karl Marx
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_353.htm#A1

Vermutlich haben die britischen Benthamites sich dafür bedankt, indem sie das totalitäre Regime, das ihre Agenten über Russland noch verhängen sollten, zu Ehren dieses ihres Mitstreiters „Marxismus“ nannten.

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Hellmann
08.01.2009, 15:56
Marx als Korrespondent, Kossuth und die Schießpulver-Verschwörung


Von der umfangreichen Korrespondenz von Marx und Engels in der New-York Daily Tribune werde ich einige besonders charakteristische Höhepunkte nachfolgend kurz zusammenfassen. Umfangreiche Zitate sind wegen der bekannt ausschweifenden und langatmigen Ausführungen vor allem bei Marx von wenigen Ausnahmen abgesehen kaum sinnvoll und würden hier den Rahmen der Darstellung sprengen; wer möchte, kann ja die Korrespondenzen selber nachlesen.

Marx und Engels haben in ihrer Korrespondenz hauptsächlich Kriegspropaganda gegen Russland und für die Osmanen betrieben. Weil gleichzeitig harte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen vor allem in England eingestreut ist, kam die Korrespondenz in den USA bei der Leserschaft sicher sehr gut an, weil ja nicht wenige Leser diese Verhältnisse kannten und ihretwegen in die USA emigriert waren. Andere Autoren aus dem Umkreis von David Urquhart hätten genau diese Gesellschaftskritik nicht bringen können und wären dann auch mit antirussischer Kriegspropaganda auf Ablehnung gestoßen. Trotz aller Mängel im Stil – die auch aus seinen Büchern wie dem Kapital bekannte umständliche und geschraubte Abhandlung der Themen ist nicht einem Zeilenhonorar zuzuschreiben – war Marx genau der richtige Mann für die Aufgabe, auch das Publikum der USA mit der sonst auf Europa konzentrierten Medienkampagne gegen Russland zu beeinflussen.

Weniger häufig, aber doch regelmäßig findet sich in den Artikeln Kritik an Kossuth und Mazzini oder anderen Emigranten, lobend erwähnt sind oft die polnischen Emigranten als die zuverlässigsten Gegner Russlands.

Im August 1852 hatte die Korrespondenz mit Artikeln über die Wahlen in England und der besonderen Erwähnung des Chartisten Ernest Jones – einschließlich der Wiedergabe einer ellenlangen Wahlrede - begonnen, der sich seinerseits in die Kampagne der Urquhartisten einspannen ließ und im folgenden Jahr in seinem „The People's Paper“ das Pamphlet gegen Palmerston drucken sollte.

Im Oktober 1852 verfasste Marx einen Beitrag über die „Machenschaften Mazzinis und Kossuths“ und Palmerston.

Die folgenden Begebenheiten sind authentische Tatsachen und beziehen sich auf die Machenschaften innerhalb der italienischen und ungarischen Emigration.

Im Auftrage von Kossuth und Mazzini bereiste vor einiger Zeit der ungarische General Vetter ganz Italien auf den Paß eines Malers, der Bürger der Vereinigten Staaten ist. Er war begleitet von der ungarischen Sängerin Madame Ferenczi, die Konzerte gab. Auf diese Weise drang er in die höheren offiziellen Kreise ein, während ihm die Mitteilungen Mazzinis, die er zu überbringen hatte, die Türen öffneten zu den geheimen Gesellschaften. Er durchquerte das ganze Land von Turin und Genua über Mailand bis Rom und Neapel. Kürzlich ist er nach England zurückgekehrt und hat Bericht erstattet - zum großen Erstaunen Mazzinis, des Erzengels der Demokratie. Der Kern von Vetters Ausführungen ist kurz der: Italien sei völlig materialistisch geworden, der Handel mit Seide, Öl und anderen Erzeugnissen des Landes sei derart zum alleinigen Inhalt der Tagesgespräche geworden und die Bourgeoisie (Mazzinis große Stütze) berechne die Ausgaben und Verluste, die die Revolution mit sich gebracht, mit so erschreckender Genauigkeit und suche sie durch eifrigste industrielle Tätigkeit wettzumachen, daß der Gedanke, Italien rufe demnächst eine revolutionäre Bewegung ins Leben, völlig irreal sei.



Kossuth schickte im Einvernehmen mit Mazzini einen gewissen Kiss nach Paris, um Verbindungen mit den Bonapartisten aufzunehmen. Kiss kannte von früher her die Söhne von Jérôme Bonaparte. Er amüsiert sich in Paris, in Kaffeehäusern und in andern Häusern, er geht Pierre Bonaparte nicht von der Seite, beweihräuchert ihn und schreibt großartige Berichte an Kossuth. Jetzt sei an der Befreiung Ungarns durch die Firma L.-Napoleon und Kossuth nicht länger mehr zu zweifeln. Das Haupt der Revolutionäre sei ein Bündnis auf Leben und Tod mit dem "Tyrannen" eingegangen.

Bevor all das geschehen, waren der alte Lelewel, der Pole, und Thaddäus Gorzowski, ein russischer Priester, im Namen der sogenannten Zentralisation der Polen nach London gekommen und hatten Kossuth und Mazzini den Plan eines Aufstandes vorgelegt, dessen Angelpunkt in der Zusammenarbeit mit Bonaparte liegen sollte. Ihr spezieller Freund in London war ein Graf Lanckoronski, der obendrein ein kaiserlich-russischer Agent ist, und ihrem Plan war die hohe Ehre widerfahren, in St. Petersburg überarbeitet und verbessert worden zu sein, nachdem er vorgelegen. Besagter Graf Lanckoronski ist jetzt in Paris, um Kiss nicht aus den Augen zu lassen, und von dort wird er nach Ostende gehen, um neue Instruktionen aus St. Petersburg zu empfangen.



Die Gräfin Visconti, eine der Heroinen der letzten Episode des italienischen Freiheitskampfes, ist vor kurzem hier gewesen und hat eine lange Unterredung mit Lord Palmerston gehabt. Seine Lordschaft sagte ihr, daß er hoffe, noch vor Ende dieses Jahres an der Spitze der britischen Regierung zu stehen, und daß Europa dann einer schnellen Umwandlung entgegengehen würde. Besonders Italien könne man nicht länger in den Klauen Österreichs belassen, weil auf die Dauer kein Land mit Pulver und Blei regiert werden könne. Dabei gab Palmerston zu verstehen, daß er in Frankreich seinen Verbündeten zu finden hoffe. Er wünsche jedoch, daß die Lombardei im Falle einer allgemeinen Erhebung sofort an Piemont angeschlossen werde und daß man die Frage, ob daraus eine Republik werde, völlig der Zukunft überlassen müsse.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_364.htm

Dieser Beitrag gegen Kossuth hatte heftige Widersprüche ausgelöst und Marx musste der Tribune eine Erklärung abgeben.

An den Redakteur der "New-York Tribune"

Sir,
mein Brief vom 28. September dieses Jahres, der Enthüllungen über die Tätigkeit von Kossuth und Mazzini enthielt, hat, wie ich sehe, beträchtliche Proteste hervorgerufen und der demokratischen Presse Gelegenheit gegeben zu einer Unmenge von überflüssigem Deklamieren, Schimpfen und Poltern.

Ich habe festgestellt, daß Kossuth sich an diesem Geschrei in keiner Weise beteiligt hat. Hätte er selbst den Mut gehabt, meine Behauptungen zu dementieren, so hätte ich die Frage wieder aufgegriffen und hätte unwiderlegbare Beweise für die angeführten Tatsachen erbracht.

Mein Brief war jedoch nicht als Angriff auf Kossuth gedacht, sondern sollte vielmehr eine Warnung sein…
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_392.htm

Und so hat er sich darum gedrückt, zur Sache weiter Stellung zu nehmen. Kossuth war erst am Jahresanfang 1852 auf seiner USA-Reise enthusiastisch empfangen worden.

His ship was greeted with a hundred-gun salute when it passed Jersey City and hundreds of thousands of people came to see him set foot in New York. Heralded as the Hungarian Washington, he was given a congressional Banquet and received at the White House and the House of Representatives.
http://en.wikipedia.org/wiki/Lajos_Kossuth

Kossuth hoffte auf finanzielle Unterstützung durch seine Anhänger in den USA, daher waren die in der New-York Daily Tribune publizierten Attacken durch Marx so wichtig für dessen Feinde.

Im Februar 1853 berichtet Marx vom niedergeschlagenen Aufstand in Mailand mit den Proklamationen im Namen von Mazzini und Kossuth und über die Unruhen in anderen Städten Italiens. Das gibt ihm wieder Gelegenheit, selber ganz revolutionär zu tun und dabei über Mazzini und Kossuth herzuziehen und noch von Differenzen zwischen ihnen und mit Frankreich zu fabulieren.

Die Mailänder Erhebung ist bedeutsam als Symptom der nahenden revolutionären Krise auf dem ganzen europäischen Kontinent. Und bewunderswert ist sie als Akt des Heroismus einiger weniger Proletarier, die, nur mit Messern bewaffnet, einen Angriff gegen die Zitadelle einer Garnison und gegen eine Armee von 40.000 Mann der besten Truppen ganz Europas wagten, indes die Söhne Mammons inmitten des Blutes und der Tränen ihrer erniedrigten und gemarterten Nation tanzten, sangen und tafelten. Armselig erscheint sie allerdings, wenn sie das Endergebnis der ewigen Verschwörung Mazzinis, seiner bombastischen Proklamationen und seiner anmaßenden Kapuzinaden gegen das französische Volk bilden soll. Hoffen wir, daß die révolutions improvisées, wie die Franzosen sie nennen, nunmehr zu Ende sind. Hat man je gehört, daß große Improvisatoren auch große Dichter sind? Und wie in der Poesie so in der Politik. Revolutionen werden nicht auf Befehl gemacht. Seit den schrecklichen Erfahrungen von 1848 und 1849 braucht man etwas mehr als papierne Erlasse von entfernten Führern, um nationale Revolutionen heraufzubeschwören. Kossuth hat die Gelegenheit benützt, um öffentlich die Insurrektion im allgemeinen und die in seinem Namen veröffentlichte Proklamation im besonderen zu verleugnen. Gleichwohl sieht es einigermaßen verdächtig aus, daß er post factum für sich eine Überlegenheit über seinen Freund Mazzini als Politiker beansprucht.
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_526.htm

Das sind so die Artikel, welche die Österreichische Staatspolizei mit Begeisterung notiert hat, wie im Kapitel über den Oberst Bangya schon einmal zitiert wurde.

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Hellmann
08.01.2009, 16:05
In zwei Artikeln im März 1853 wird von Marx die Geschichte vom Streit zwischen Kossuth und Mazzini und deren Verantwortung für den Mailänder Aufstand weiter verfolgt. Marx berichtet von der Ankunft des Fürsten Menschikow in Konstantinopel.

Ihm wurde von seiten der griechischen und russischen Einwohner ein solcher Empfang zuteil, als wäre er der rechtgläubige Zar selbst, der gekommen war, um "Zarigrad" dem wahren Glauben wiederzugeben. Es erregte hier in London und in Paris die größte Sensation, als man erfuhr, daß Fürst Menschikow, nicht zufrieden mit der Entlassung Fuad Efendis, vom Sultan noch gefordert hatte, er möge dem russischen Kaiser nicht nur das Protektorat über sämtliche Christen in der Türkei zuerkennen, sondern auch das Recht, den griechischen Patriarchen zu ernennen; daß der Sultan den Schutz Frankreichs und Englands angerufen habe, daß Oberst Rose, der britische Geschäftsträger, den Dampfer "Wasp" eiligst nach Malta gesandt habe, um die sofortige Anwesenheit der englischen Flotte im Archipelagus zu fordern, und daß russische Schiffe bei Kilia, nahe den Dardanellen, Anker geworfen hatten. Der Pariser "Moniteur" teilt mit, das französische Geschwader in Toulon sei in die griechischen Gewässer beordert worden.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_003.htm

Dazu folgen von Marx wenig günstige Aussagen über die Türkei und deren politische Zukunft, ein Briefing durch David Urquhart stand ihm wohl erst noch bevor.

Den Status quo in der Türkei erhalten! Ebensogut könnte man versuchen, den Kadaver eines toten Pferdes in einem bestimmten Stadium der Fäulnis zu erhalten, in dem er sich befindet, ehe die vollständige Verwesung erfolgt. Die Türkei verfault und wird immer mehr verfaulen, solange das jetzige System des "europäischen Gleichgewichts" und die Aufrechterhaltung des Status quo andauern...

Sehen wir uns einmal an, um was es geht. Die Türkei besteht aus drei gänzlich verschiedenen Teilen: den afrikanischen Vasallenstaaten, Ägypten und Tunis, der asiatischen Türkei und der europäischen Türkei. Die afrikanischen Besitzungen, von denen allein Ägypten als dem Sultan wirklich untertan betrachtet werden kann, wollen wir einstweilen aus dem Spiele lassen. Ägypten jedoch gehört mehr als irgend jemand anderem den Engländern; es wird und muß notwendigerweise ihnen bei einer künftigen Teilung der Türkei zufallen.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_003.htm

Im europäischen Teil der Türkei sei mit dem Aufkommen einer antirussischen Partei zu rechnen, falls der slawisch-griechische Bevölkerungsteil die Vorherrschaft erlange.

Gleich darauf im April 1853 schreibt Friedrich Engels unter dem Titel „Worum es in der Türkei wirklich geht“, der ganz auf die Interessen des britischen Empire und natürlich gegen Russland bezogen ist.

Wir sind erstaunt, daß bei der gegenwärtigen Diskussion über die orientalische Frage die englischen Zeitungen nicht schärfer die lebenswichtigen Interessen hervorgehoben haben, die Großbritannien zum unerbittlichen und unnachgiebigen Gegner der russischen Annexions- und Expansionsgelüste machen sollten. England kann es sich nicht leisten, zuzulassen, daß Rußland zum Beherrscher der Dardanellen und des Bosporus wird. In kommerzieller wie auch in politischer Hinsicht würde solch ein Ereignis der britischen Machtstellung einen heftigen, wenn nicht tödlichen Stoß versetzen. Wir brauchen nur einen Blick auf Englands Handelsbeziehungen mit der Türkei zu werfen.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_013.htm

Selbstverständlich ginge es ihm nur um die europäische Revolution und der britische Imperialismus erscheint Engels dabei als deren fahnenschwingende Jungfrau.

Wir meinen die europäische Revolution, die Explosivkraft der demokratischen Ideen und den der Menschheit angeborenen Drang nach Freiheit. Seit jener Epoche gab es tatsächlich bloß zwei Mächte auf dem europäischen Kontinent: Rußland mit seinem Absolutismus auf der einen Seite, die Revolution mit der Demokratie auf der andern.
(ebenda)

Die antirussische Kampagne bekommt sogar die Londoner Times zu spüren, wovon Marx in seinem Artikel zur Londoner Presse berichtet (Brunnow war russischer Botschafter in London).

Die gesamte Londoner Presse, die Morgen- und die Abendzeitungen, die Tages- und die Wochenblätter, erhob sich wie ein Mann gegen ihr "führendes Organ". Die "Morning Post" macht sich über ihre Kollegen von der "Times" lustig, die sie der Verbreitung absichtlich falscher und absurder Nachrichten bezichtigt. Der "Morning Herald" nennt die "Times" "unsere hebräisch-österreichisch-russische contemporary". Die "Daily News" spricht kurz vom "Brunnow-Organ". Ihr Zwillingsbruder "Morning Chronicle" schlägt in folgender Weise auf sie los:

"Die Journalisten, die um der kommerziellen Bedeutung eines Dutzends großer englisch-griechischer Firmen willen vorschlugen, das Türkische Reich an Rußland auszuliefern, dürfen mit Recht für sich das Monopol auf glänzenden Geist in Anspruch nehmen!"

Der "Morning Advertiser" sagte:

"Die 'Times' hat recht, wenn sie behauptet, mit ihrer Verfechtung der russischen Interessen allein zu stehen ... Sie wird zwar in englischer Sprache gedruckt, aber das ist auch das einzige Englische an ihr. Wo Rußland in Frage kommt, ist sie durch und durch russisch."

Zweifellos wird der russische Bär seine Pranken nicht einziehen, solange er nicht überzeugt ist, daß eine momentane "Entente cordiale" zwischen England und Frankreich eintritt…
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_018.htm

Nicht nur Urquhart und seine Mitstreiter Marx und Engels, sondern fast die gesamte Presse sind in dieser Kampagne gegen Russland engagiert, die man für völlig überzogen und verrückt halten könnte, wenn sie nicht gerade typisch für die seitdem übliche angloamerikanische Kriegspropaganda wäre, wie man sie bis heute kennt.

Sogar der britische Bundesgenosse Louis-Napoleon wird für sein Zögern von Marx sofort der Vorliebe für den russischen Autokraten bezichtigt.

In einem Beitrag vom April 1853 über die Errichtung eines unabhängige Polizeiministeriums in Preußen 1853 informiert Marx seine Leser sogar, dass der preußische Innenminister sein Schwager ist, nennt ihn jedoch im gleichen Satz einen „schwachköpfigen und fanatischen Reaktionär“, was die Leser täuschen mag, aber den preußischen Interessen nichts schadet.

Hinckeldey wandte sich an den Innenminister, Herrn von Westphalen, und gab diesem schwachköpfigen und fanatischen Reaktionär (da Herr von Westphalen mein Schwager ist, hatte ich genügend Gelegenheit, die Geisteskraft dieses Mannes kennenzulernen) falsche Berichte, um die Notwendigkeit zu begründen, die ganze Polizeimacht des preußischen Staates in den Händen des Polizeipräsidenten von Berlin zu konzentrieren. Er behauptete, daß die Polizei, um ihr ein schnelleres Eingreifen zu ermöglichen, vom Innenminister unabhängig gemacht und ausschließlich ihm selbst, nämlich Hinckeldey, unterstellt werden müsse. Der Minister Herr von Westphalen vertritt die ultrapreußische Aristokratie, während Herr von Manteuffel, der Ministerpräsident, die alte Bürokratie vertritt; beide sind Rivalen, und ersterer sah in dem Vorschlag Hinckeldeys, obwohl er offensichtlich den Wirkungskreis seines Ministeriums einschränkte, ein Mittel, seinem Rivalen einen Schlag zu versetzen, dessen Bruder, Herr von Manteuffel, Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern, im besonderen mit der Kontrolle der gesamten Polizei beauftragt war. Deshalb unterbreitete Herr von Westphalen seinen Vorschlag einem Staatsrat, dessen Vorsitz der König <Friedrich Wilhelm IV.> selbst hatte.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_028.htm

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Hellmann
08.01.2009, 16:29
Im folgenden Monat kann Marx in seinen Beiträgen eine Verbindung zwischen Kossuth und der „Raketenaffäre“ eines englischen Fabrikanten publizieren und dabei mit „privaten Quellen“ seine Leser beeindrucken.

Vor wenigen Tagen traf hier aus Berlin kommend der berüchtigte Polizeidirektor Stieber in Begleitung von Polizeileutnant Goldheim und Kriminalrat Nörner mit dem speziellen Auftrag ein, die Schießpulver-Verschwörung von Rotherhithe mit der Kalabreserhut-Verschwörung in Berlin in Zusammenhang zu bringen. Mir ist aus privater Quelle bekannt, daß sie im Hause Fleurys in Kensington zusammenkamen und bei dieser Zusammenkunft auch der ehemalige Handlungsgehilfe Hirsch anwesend war. Einen Tag später hatte besagter Hirsch eine geheime Unterredung mit dem russischen Konsul, Herrn Kremer. Wenn sich Ihre Leser meines Artikels anläßlich des Kölner Prozesses erinnern, werden sie sofort merken, daß dieselben Leute, welche die damalige Verschwörung ausheckten, wieder am Werke sind.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_083.htm

Was der russische Konsul mit der Geschichte zu tun haben soll, bleibt dabei so streng geheim, wie die Umstände, durch die Marx von der Unterredung erfahren haben könnte.

Jedenfalls kommt es vor Gericht zu Beschuldigungen gegen Kossuth, die Marx in seinem Artikel gleich in die USA verbreitet.

Der Sergeant der Geheimpolizei J. Saunders berichtete, er habe "1.543 geladene Raketen, 3.629 Raketenköpfe, 2.482 Unterteile, 1.955 leere Raketen, 2 eiserne Geschosse und 22 Abschußgeräte für Raketen" beschlagnahmt. Als nächster erschien der Zeuge Herr Uzner, der, wie er aussagte, 15 Jahre Offizier in der preußischen Artillerie gewesen sei und während des ungarischen Krieges als Stabsmajor gedient habe…

"Herr Kossuth war es, der mich bei den Hales eingeführt hatte. Das erste Mal traf ich Herrn Kossuth aus diesem Anlaß im vergangenen Sommer nach seiner Rückkehr aus Amerika. Etwa Mitte September sah ich den älteren Herrn Hale in Gesellschaft von Herrn Kossuth in dessen Hause; sein Adjutant, ein Ungar, war ebenfalls zugegen. Herr Kossuth sagte hinsichtlich meiner Person zu Herrn Hale: 'Dieser Mann diente in der ungarischen Armee; er ist ein ehemaliger preußischer Artillerieoffizier, und ich kann ihn ihnen für Ihre Arbeit empfehlen, um unsere oder Ihre Raketen anfertigen zu helfen.' Ich kann mich nicht der genauen Worte erinnern, die er gebrauchte. Herr Kossuth sagte, mein Lohn werde wöchentlich 18 sh. betragen, und empfahl mir, die Angelegenheit völlig geheimzuhalten. Herr Hale, sagte er, würde mir Anweisung geben, was ich zu tun habe. Herr Kossuth sprach zum Teil Ungarisch und zum Teil Englisch. Ich glaube, Herr Hale versteht kein Deutsch. Das Wort geheim sagte man mir auf deutsch. Von R. Hale wurde ich nach Pimlico geschickt, um Herrn Kossuth aufzusuchen. Ich traf ihn in Pickering Place. W. Hale und ein anderer Ungar waren ebenfalls dort. Wir trafen uns, um eine Maschine zum Abfeuern der Raketen zu erproben. Als wir uns alle versammelt hatten, wurde die Maschine aufgestellt, und es wurde ein Versuch mit den Raketen gemacht. Die Unterhaltung wurde zum Teil in englischer Sprache geführt und drehte sich hauptsächlich um die Qualität der Raketen usw. Wir blieben etwa eineinhalb Stunden, und als alles vorbei war, bestanden Herr Kossuth und Herr Hale darauf, daß wir das Haus vorsichtig und einer nach dem anderen verlassen. An der Straßenecke kam Herr Kossuth zu uns, und bei dieser Gelegenheit bat er uns wiederholt, seine Beziehung zu den Raketen geheimzuhalten."
(ebenda)

Lajos Kossuth hat jegliche Beteiligung an der Sache bestritten, was Marx auch schreibt, was aber nach dem vorangegangenen nicht mehr überzeugend klingt.

Es ist klar, daß die Aussagen der Zeugen in heftigem Widerspruch zum Brief des Herrn Hale senior stehen, dessen Inhalt ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, und auch zu den Briefen, die Kossuth an Captain Mayne Reid und an Lord Dudley Stuart gerichtet hat, in denen er versichert, er wisse weder etwas von einem Herrn Hale noch von dessen Raketen. Es wäre jedoch ungerecht, aus diesen Umständen irgendwelche Schlußfolgerungen zu ziehen, ehe weitere Erklärungen von Herrn Kossuth abgegeben worden sind. Doch ist es nicht eine Schande, daß ein so begabter Landsmann von uns im Exil, wie Herr Uzner, der durchaus gewillt ist zu arbeiten, was die Tatsache beweist, daß er sich bereit erklärte, als einfacher Arbeiter für 18 Schilling wöchentlich zu arbeiten, gezwungen war, wegen völliger Mittellosigkeit zu stehlen, während gewisse deutsche Flüchtlinge, notorische Faulenzer, sich das Recht anmaßen, die geringen Mittel, die für die Revolutionäre bestimmt sind, mit ihren selbstgesuchten Missionsreisen, lächerlichen Verschwörungen und Wirtshausversammlungen zu verschwenden?
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_083.htm

Im Prinzip ging es vor Gericht um eine lächerliche Geldstrafe für den Raketenfabrikanten, so dass die Sache nur durch ihre breite Darstellung in der Presse Gewicht bekam. Es gab nämlich ein altes Gesetz, nach dem im Umkreis von 3 Meilen um London nur 200 Pfund „Gunpowder“ an einer Stelle aufbewahrt werden durften. Der Streit ging nun vor Gericht darum, ob das Raketentreibmittel in der Fabrik von Hale auch als „Gunpowder“ zu betrachten sei, womit das Gesetz verletzt worden wäre, was für die von der Polizei entdeckten 57 Pfund über dem Limit der 200 Pfund zwei Shilling Strafe je Pfund zur Folge haben würde. Nach einem noch älteren Gesetz, das damals bereits 120 Jahre zurück lag, war sogar die Herstellung von Raketen völlig untersagt, es wurde aber nicht mehr beachtet.

In der Presse, führend von Seiten der Londoner Times, ging es aber darum, Kossuth als den eigentlichen Eigentümer und Auftraggeber der Fabrik hinzustellen, der seinen Aufenthalt in England zur Produktion von Kriegswaffen gegen Länder in Europa benutze, mit denen England in guten diplomatischen Beziehungen steht. In einer ersten Erklärung vor dem Parlament hatte Palmerston noch behauptet, das „Gunpowder“ sei in einem Haus von Kossuth gefunden worden, was er später ausdrücklich als Irrtum bezeichnete.

Siehe hier den Artikel vom 29. April 1853 mit den Korrespondentenberichten der New York Daily Tribune (original eingescannt), in dem es darum ging, dass Kossuth dem Fabrikanten Hale Arbeit suchende Emigranten vor allem ungarische Landsleute vermittelt habe, womit eine weitere dunkle Beziehung zwischen dem Fabrikanten Hale und Kossuth von der Presse herzustellen versucht wurde.

http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=9505E2D91438E334BC4E52DFB3668388649FDE

An obigem Beispiel kann man auch sehen, wie die verschiedenen Berichte der Korrespondenten von der Redaktion zu einer Sammlung von Ereignissen in Europa vermischt wurden, so dass von dem eingereichten Artikel eines einzelnen Autors wie unserem Karl Marx oft nicht mehr viel zu erkennen war. Die hier auch verlinkten Korrespondenzen von Marx an die Tribune sind also nicht so abgedruckt worden, aber sie zeigen, wie er es gern publiziert gehabt hätte. Was die Zeitung dann aus seinen Texten gemacht hat, ist für unsere Fragestellung weniger wesentlich.

Nun eine weitere Quelle von der Auseinandersetzung vor Gericht:

The "Gunpowder" at Rotherhithe
Source: The Illustrated London News, April 30, 1853

On Thursday, Mr. Henry, the magistrate, delivered his judgment in this case against Mr. Hale. His worship quoted the act of Parliament, and various works, on gunpowder, at some length; but the section of the act, the 11th, the one under which the defendant was summoned, provides—

That no person shall have, or keep at any one time, in any place within three miles of the cities of London or Westminster, or within one mile of any other borough or market-town, a greater quantity than 200 pounds in weight if he be a dealer in gunpowder, or than fifty pounds if not a dealer, on pain of forfeiting all above the allowed quantity, and also two shillings for every pound of the excess." I am of opinion, that whether the powder be granulated, or meal powder, and whether it be for gun, rocket, or mining use, it is equally gunpowder within the provisions of that section, and within the mischief which it was intended to guard against. I therefore adjudge, that all the powder seized beyond the allowed quantity shall be forfeited, and that the defendant shall pay two schillings for every pound beyond each allowed quantity; and I adjudge that the excessive quantity of gunpowder to be fifty-seven pounds in weight.

Mr. Bodkin applied to have the penalties enforced against the defendant, because Mr. Henry had decided that the composition which had been used was in fact gunpowder, and there could be no doubt that the rockets had been implements of war. Evidence was given to prove that Mr. Hale and his people had been found manufacturing the rockets; among others, a Major Usever, a Hungarian, who was introduced to Mr. Hale by M. Kossuth. He stated that—

During the time I was working in the factory I was sent to Kossuth, near Pimlico, about the middle of October. I saw Kossuth at the factory, where I saw Mr. Hale and the late Hungarian contractor. After some conversation, Kossuth and Hale told us then to go, and it was then that Kossuth told us to keep the affair secret. A little later I was sent by Mr. Robert to the father, and said he would tell him what was to be done. I saw Mr. Hate the elder, and he sent me to Kossuth. In consequence, I went to Kossuth, and saw him in his own room. When I left the work I told Mr. Hale what Kossuth said to me. Mr Robert Hale said to myself and my fellow workmen on several occasions, in public houses and other places, that we must not betray the Hungarian war or the name of Hungary. I have often worked in what was called the Magazine.

Cross-examined by Mr. Clarkson: I obtained this employment after (I) came out of Maidstone jail for theft. I was in jail for about half a year. W. Gerlack, a German, gave similar evidence. The Magistrate said there was sufficient evidence to send the case before another tribunal, and committed the defendants, bail being taken for their appearance.
http://www.londonancestor.com/iln/rotherhithe-gunpowder.htm

So wurde aus dieser eigentlich lächerlichen Angelegenheit noch eine große Parlamentsdebatte zwischen dem damaligen Innenminister Lord Palmerston und einigen engagierten Verteidigern des Kossuth wie vor allem dem bekannten Liberalen und Freihandelspropagandisten Richard Cobden und dessen Mitstreiter gegen die Kornzölle John Bright.

Auszüge aus der Parlamentsdebatte:

SEIZURE OF WARLIKE STORES—M. KOSSUTH.

http://hansard.millbanksystems.com/commons/1853/may/05/seizure-of-warlike-stores-m-kossuth

MR. T. DUNCOMBE

… The first seizure of Mr. William Hale's property was made on the 14th of last month, and on the following day, the 15th, an article on the subject appeared in; the Times. It commenced as follows:— The British Government has not waited long for an opportunity of proving to all the world the sincerity of its resolution to put the law rigorously in force against such foreign refugees residing in this country as have abused the tolerant hospitality of England by carrying on conspiracies against other States. We believe that we are correctly informed when he state that, upon intelligence received by the Secretary of State for the Home Department and the Commissioners of Police for the Metropolis, active measures have been taken to substantiate the charges which have long been vaguely preferred against M. Kossuth and his adherents. Upon this legal information a house in the occupation of M. Kossuth was searched yesterday morning at an early hour by the competent authorities, acting, we presume, under the Secretary of State's warrant, and the result of this investigation was the discovery of a large store of arms, ammunition, and materials of war, which may be the stock in trade of a political incendiary, but certainly form no part of the household goods of a private gentleman living in pacific retirement.

Der Abgeordnete zitiert hier die Vorwürfe aus der Londoner Times gegen Kossuth und verteidigt diesen dann:

...Still I retain my favourable opinion of the noble Lord, and, whatever the Times may say, I think the noble Lord is not "the Minister of Austria." In another article the Times says the proceedings against the Hales are not for paltry penalties, but are for other State purposes...

Der Abgeordnete trug vor, dass die Augsburger Zeitung schon vor der Durchsuchung der Räume in London Andeutungen gemacht hatte:

But now I am to show that Austria had really something to do with these seizures at Rotherhithe. In the Augsburg Gazette, of the 14th April—remember Mr. Hale's property was seized on the 13th—there appeared an article, dated Munich, April 12, and expressed in the following terms:—"At London revolution is allowed to take counsel and fill her arsenals with destructive weapons, rockets," & c. Now, I think it is natural to infer from this that some communication had passed between certain parties in authority here and the informants of the Augsburg Gazette. So, Sir, the Times was not, after all, far wrong when it said—I forget the precise terms—that the Government of this country had been urged by Austria to look after the refugees, and that it was determined to show its willingness to do so. Now, Sir, I think Her Majesty's Ministers, when they are applied to by Austria or any other Foreign Power on the subject of political fugitives, ought to tell the Government appealing to them to look at the free institutions of this country—ought to remind them of the confiscations of Lombardy, and the cruelties and tortures that recently disgraced Milan and Mantua—ought to let them know that such is not the way to gain the affections of their subjects—and ought to return for answer to their request, that interference with refugees in this country will never be submitted to by the people of England. No, we want none of their Radetskys here.

Das war der Abgeordnete Duncombe im britischen Unterhaus. Auch Bright und Cobden standen in ihrem Engagement für Kossuth dem nicht nach:

MR. BRIGHT

...The Times newspaper is a great power in a mask—we do not see the person who writes the articles—there is not a man in England calling himself a gentleman who would dare to have put his signature to the article which has been referred to. There is a Gentleman—an hon. Member of this House—he is not present, I dare say; but if he were, I would say what I am about to say now—that he durst not—I am speaking of a Gentleman intimately connected with the paper—that he durst not put his signature to the article in which these charges were conveyed against M. Kossuth. And I can tell the Times that it was precisely conduct like this by which scandalous and lying charges were brought against honourable men, that the press of France lost all character with the French people, and that induced the people of Paris during the republic to look with disregard—almost with pleasure—when, one after the other, the newspapers were brought under penalties of the law, and which induced them to look on without discontent when newspaper writers were compelled to attach their signatures to every article they wrote, and when at length three-fourths of the newspapers were suppressed...

MR. COBDEN

..I wish to impress upon the House that we are not here dealing with the ordinary case of an ordinary person. We are dealing with the case of the ex-Governor of Hungary—a man who was long engaged in maintaining in his own country the legality of the constitution of that country, and he was supported by the whole body, not of the poorer classes merely, but of the whole of the aristrocracy of that country. I say that when such a man comes to this country, having held that distinguished post of honour, his case is not that of an ordinary refugee, but it is that of a man placed under the safeguard of this country, the incidents of whose life are minutely watched by the world, and will be as minutely recorded in the history of the times; and as he is treated by us, will honour or discredit attach to us in reference to him. I have little personal knowledge of M. Kossuth; but when I first read of this matter, and when I first read the statement in the Times, I thought it my duty to call on M. Kossuth, and ask him if there was any foundation for that statement; and he gave me his word, as a man of honour, that he had no more concern with the transactions referred to by the writer in that paper, than had the Speaker of the House of Commons. It was true, he said, he had recommended a foreign refugee (one who had not done him much credit) to Mr. Hale for employment, but he had no connexion with Mr. Hale, or with the manufacture carried on by him. He was invited to call on Mr. Hale to go over his factory, as I might have been, and as I hare been invited to go over Mr. Warner or Colt's factory; and I might as well be charged with being connected with Colonel Colt on that ground, as M. Kossuth was charged with being connected with Mr. Hale. And with regard to recommending a man for employment, M. Kossuth has numerous unfortunate refugees constantly calling upon him to aid them in obtaining employment; and I am speaking within the mark when I say I have had at least a dozen applications from M. Kossuth to assist his countrymen in that way; and I have no doubt my noble Friend (Lord D. Stuart) could speak much more on this subject. This is the whole basis of the charge. Some prying individual found that a Hungarian was working at Mr. Hale's, and because M. Kossuth recommended him, he connected that gentleman with the rocket manufacture carried on by Mr. Hale, for the purpose of making war in Hungary on the Austrian Government...

Man muss ergänzen, dass auch Palmerston der Times und anderen Interessenten an einer Verdächtigung des Kossuth mit seiner Darstellung die Grundlagen entzog, wie man in dem zitierten Parlamentsbericht nachlesen kann.

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Hellmann
14.01.2009, 17:16
Der Krimkrieg


Katholische und griechische Mönche stritten traditionell und nicht selten handgreiflich um Privilegien beim Zugang zu den gemeinsamen heiligen Stätten in Jerusalem und Bethlehem. Nach alten Verträgen waren die lateinischen Mönche privilegiert und standen unter dem Schutz Frankreichs, Russland erklärte sich zum Protektor der griechischen Kirche. Die politische Schwäche Frankreichs nach dem Wiener Kongress hatte zur Folge, dass zum Zeitpunkt der Präsidentschaft Luis Napoleons die Verwaltung der Heiligen Stätten in der Hand der Griechen lag. Am 15. Juli 1851 wurde vom Sultan auf Verlangen Frankreichs eine Kommission berufen, um die Ansprüche der Griechen und Lateiner zu prüfen.

Im Februar 1852 ging der Bericht der Kommission zu Gunsten der katholischen Ansprüche aus, aber Russland drohte der Hohen Pforte, falls sie den Forderungen der Lateiner nachgeben sollte. Der Zar beanspruchte zusätzlich das Protektorat nicht nur für die griechischen Mönche, sondern für alle Untertanen mit griechisch-orthodoxem Glauben im Osmanischen Reich. Die Franzosen sandten ihr Flaggschiff Charlemagne nach Konstantinopel und ein Geschwader in die Bucht von Tripolis und drohten mit militärischen Maßnahmen, so dass die Hohe Pforte im Dezember 1852 sich den Forderungen der Franzosen beugte.

Zar Nikolaus rechnete mit der Dankbarkeit Österreichs für seine Hilfe im Ungarn und mit der alten Freundschaft zu Wilhelm IV. von Preußen und begann im Januar 1853 Geheimgespräche mit dem britischen Botschafter Hamilton Seymour über die Aufteilung der Gebiete des osmanischen Reichs. Nach russischem Vorschlag sollten Bulgarien, Moldavien und die Wallachei unabhängig werden, Serbien unter dem Protektorat des Zaren stehen, Österreich die Gebiete an der Adria erhalten, England Kreta und Ägypten.

Der Zar glaubte sich dabei auf das Nesselrode-Memorandum von 1844 stützen zu können, in dem verabredet worden war, dass bei einem drohenden Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft Russland mit England geheim und einvernehmlich die Aufteilung seiner Gebiete regeln würden. Russland bekundete, die Besetzung von Konstantinopel durch England nicht zuzulassen und selbst ebenfalls darauf zu verzichten.

Die Briten veröffentlichten den Inhalt dieser Gespräche als Beweis für die finsteren Absichten des Zaren. Das Osmanische Reich war zum Hauptabnehmer britischer Industriewaren geworden, der Export war innerhalb eines Vierteljahrhunderts um den Faktor 8 gestiegen; außerdem fürchtete England um seine Einflüsse in Arabien, Persien und Indien.

Der Zar mobilisierte im Februar 1853 zwei Armeekorps und entsandte Fürst Menschikow nach Konstantinopel zu Verhandlungen, bei denen es nicht nur um die Rechte der Orthodoxen in Jerusalem ging, sondern auch um russische Schutzrechte für orthodoxe Gläubige auf dem Gebiet des osmanischen Reichs.

Anfang Mai 1853 gelang eine Einigung über die religiösen Streitfragen, die Krise schien überwunden; jedoch mit Unterstützung des britischen Botschafters weist der Sultan die Forderungen des Zaren nach Protektoratsrechten für sämtliche orthodoxen Bürger unter den Osmanen zurück. Am 21. Mai 1853 bricht Fürst Menschikow die Verhandlungen mit der Türkei durch seine Abreise ab.

Der Zar befiehlt am 2.7.1853 russischen Truppen, etwa 80.000 Mann, die Moldau-Fürstentümer zu besetzen.

Am 29.09.1853 analysiert Friedrich Engels für die Tribune die militärische Lage und empfiehlt der Türken eine Verteidigungsstrategie. Diese soll nicht gleich das Überschreiten der Donau verhindern wollen, sondern den Russen das Vorrücken auf die Gebirgspässe nur mit hinhaltendem Widerstand wehren.

Wenn die Russen die Gelegenheit zur Offensive ergreifen, so müssen sie zwei natürliche Hindernisse überwinden, ehe sie zum Herzen des Türkischen Reiches vordringen; zuerst die Donau und dann den Balkan. Das Überqueren eines breiten Stromes, selbst angesichts einer feindlichen Armee, ist ein militärisches Unternehmen, das im Laufe der Revolutionskriege und der napoleonischen Kriege so oft vollbracht worden ist, daß heutzutage jeder Leutnant weiß, wie man so etwas macht. Ein paar Scheinmanöver, ein gut ausgerüsteter Pontontrain, einige Batterien zur Sicherung der Brücken, wohlüberlegte Maßnahmen zur Sicherung des Rückzugs und eine tapfere Avantgarde, das sind ungefähr alle erforderlichen Bedingungen. Aber das Überschreiten eines großen Gebirgszuges und besonders eines mit so wenigen Pässen und gangbaren Straßen wie der Balkan, ist ein ernsteres Unternehmen. Wenn dieser Gebirgszug in einer Entfernung von nicht mehr als 40 bis 60 Meilen parallel zu einem Fluß verläuft wie der Balkan zur Donau, dann wird die Angelegenheit noch ernster, denn ein in den Bergen geschlagenes Korps kann bei aktiver Verfolgung von seinen Brücken abgeschnitten und in den Strom getrieben werden, ehe Unterstützung eintreffen kann; eine auf diese Weise in einer großen Schlacht geschlagene Armee wäre unvermeidlich verloren. Gerade diese geringe Entfernung zwischen Donau und Balkan und ihr paralleler Verlauf machen die natürliche militärische Stärke der Türkei aus…

1828 setzten die Türken in dieser Stellung ihre Hauptmacht aufs Spiel. Sie wurden bei Kulewtscha geschlagen; Varna und Schumla wurden genommen, die Verteidigung des Balkans war nur schwach, und die Russen erreichten, wenn auch sehr geschwächt, Adrianopel, aber ohne auf Widerstand gestoßen zu sein, da sich die türkische Armee völlig aufgelöst hatte und nicht eine Brigade zur Verteidigung Konstantinopels zur Verfügung stand. Die Türken begingen damals einen großen Fehler. Jeder Offizier weiß, daß man eine Gebirgskette nicht durch eine davorliegende Defensivstellung verteidigt und auch nicht durch Teilen der Defensivkräfte, um alle Pässe zu sperren, sondern indem man eine zentrale Position dahinter einnimmt, alle Pässe ständig beobachtet und - wenn die Absichten des Feindes klar zutage getreten sind - sich mit massierter Wucht auf die Spitzen seiner Kolonnen wirft, sobald sie aus den verschiedenen Schluchten der Gebirgskette herauskommen. Die starke Stellung quer zur russischen Operationslinie zwischen Varna und Schumla verleitete die Türken dazu, dort den entschiedenen Widerstand zu leisten, den sie in der Ebene von Adrianopel mit konzentrierteren Kräften gegen einen notwendigerweise durch Krankheit und Detachierungen geschwächten Feind hätte bieten müssen.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_347.htm

Das war eine gute Analyse, aber es sollte ganz anders kommen, weil die Russen nach dem Eingreifen der Engländer und Franzosen die Fürstentümer umgehend räumen und sich hinter ihre alten Grenzen zurückziehen sollten. Aber im Sandkasten hätte sich Friedrich Engels - der für derartige Texte von Marx und Familie „General“ genannt wurde - den ersten Preis verdient.

Am 9.10.1853 stellt die Türkei Russland ein Ultimatum zur Räumung der Fürstentümer und droht mit Krieg.

Fürst Gortschakow wurde daher aufgefordert, die Donauprovinzen zu räumen. Sollte er fünfzehn Tage nach dieser Mitteilung ablehnend antworten, so wird Omer Pascha die Feindseligkeiten eröffnen, haben die russischen Geschäftsträger die ottomanischen Staaten zu verlassen und werden die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern abgebrochen. Über die russischen Handelsschiffe jedoch soll kein Embargo verhängt werden; sie werden aber Order bekommen, die türkischen Häfen zu verlassen. Die Meerengen werden für die Handelsschiffe der befreundeten Mächte offen bleiben.

Das ist der wesentliche Inhalt des Manifestes des Sultans. Das türkische Ultimatum wurde dem Fürsten Gortschakow am 9. Oktober mitgeteilt. Die Frist zur Räumung der Fürstentümer läuft also am 25. Oktober ab. Die Drohung mit der Eröffnung der Feindseligkeiten ist jedoch nicht so wörtlich zu nehmen, da Omer Pascha natürlich seine starken Stellungen nicht verlassen wird, um die Russen anzugreifen.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_428.htm

Friedrich Engels vermutet in einem Leitartikel für die Tribune, dass es vorerst zu keinen größeren Kampfhandlungen kommen werde.

Aber es gibt einen Umstand, den wir nicht vergessen dürfen. Die russische Armee ist und war schon immer langsam und vorsichtig in ihren Bewegungen. Sie wird höchstwahrscheinlich während des Winters nichts unternehmen. Es mag ein paar Gefechte geben, um diese oder jene Donauinsel für die eine oder andere Partei zu gewinnen. Doch falls der Zar nicht eine ganz außerordentliche Aktivität befehlen sollte - wobei jedoch die Ausführung eines solchen Befehls sehr wahrscheinlich durch die passive Pedanterie seiner Generale vereitelt werden würde -, gibt es sehr wenig Aussicht auf entscheidende Manöver vor Anbruch des Frühlings. Die Donau könnte überquert, doch der Balkan kann nicht überschritten werden, und zwischen den beiden wäre die Lage der Russen äußerst gefährlich.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_436.htm

Zwei Wochen später überschreiten gegen die Empfehlungen des „Generals“ die türkischen Truppen die Donau. Dazu wieder Friedrich Engels in einem Leitartikel für die Tribune:

Nun hat endlich der Krieg an der Donau begonnen - ein Krieg des religiösen Fanatismus auf beiden Seiten, ein Krieg traditioneller Bestrebungen bei den Russen, ein Krieg auf Leben und Tod bei den Türken. Wie erwartet, war es Omer Pascha, der die Kampfhandlungen eröffnete; pflichtgemäß mußte er wenigstens so tun, als ob er die Eindringlinge mit Waffengewalt von ottomanischem Gebiet vertriebe. Keineswegs aber ist es sicher, daß er 30.000 bis 50.000 Mann über die Donau geworfen hat, wie von Wien das Gerücht ausgeht; und wenn er es doch getan hat, so muß man mit Recht befürchten, daß er einen verhängnisvollen Fehler begangen hat. Das Ufer, das er verläßt, bietet ihm genügend Verteidigungsmöglichkeiten und eine gute Position; das Ufer, dem er zustrebt, gewährt nur geringe Angriffsmöglichkeit, und im Falle des Mißlingens kann er sich nicht zurückziehen. Man muß daher die Nachricht von seinem Übergang in solchen Massen so lange bezweifeln, bis wir Genaueres erfahren.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_442.htm

Die Gerüchte vom Vorrücken der türkischen Truppen werden bestätigt.

Alle Zeitungen aus Wien und Berlin bestätigen die Nachricht, daß starke Divisionen der türkischen Armee die Donau überquert haben. Der "Oesterreichischen Correspondenz" zufolge sind die Türken von den Russen in der Kleinen Walachei zurückgeschlagen worden. Eine telegraphische Depesche bestätigt, daß es zwischen den beiden Armeen in Asien am 21. Oktober zu einem ernsthaften Gefecht gekommen ist. Wir müssen auf ausführlichere und authentischere Nachricht warten, um die Umstände erklären zu können, die den türkischen Oberbefehlshaber veranlaßt haben mögen, bei Widdin die Donau zu überschreiten, ein Manöver, das auf den ersten Blick hin als ein grober Fehler betrachtet werden muß.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_456.htm

Von 1836 bis 1839 war Graf von Moltke vom preußischen Großen Generalstab Instrukteur der türkischen Truppen gewesen und das sollte sich jetzt bemerkbar machen.

1838 fühlte sich das Osmanische Reich stark genug, den Kampf gegen die ägyptischen Truppen Mehmet Alis, unter dessen Sohn Ibrahim Pascha in Syrien, wiederaufzunehmen. Moltke beteiligte sich auch an diesem Feldzug und nahm dabei auch an der entscheidenden Schlacht von Nizip, am 24. Juni 1839, teil. Die Eindrücke seiner Jahre im Osmanischen Reich hat Moltke in seinem Werk Unter dem Halbmond mit dem Untertitel Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839 aufgezeichnet.
http://de.wikipedia.org/wiki/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke

Die türkischen Truppen erringen kleinere Siege, wie Engels an die Tribune schreibt:

Soviel ist jedenfalls klar, daß die Türken mit einem solchen Maß an Geschicklichkeit geführt worden sind und mit einer derartig anhaltenden Begeisterung gekämpft haben, die die Lobpreisungen ihrer wärmsten Bewunderer rechtfertigt - Lobpreisungen, die von der Masse der kühlen und unparteiischen Beobachter als übertrieben betrachtet wurden. Das Resultat ist eine allgemeine Überraschung. Jedermann war darauf vorbereitet, von Omer Paschas Talenten als Feldherr die glänzendsten Beweise zu erhalten; aber der Wert seiner Armee wurde weder von den westlichen Journalisten noch von den Staatsmännern richtig eingeschätzt. Es trifft zu: ihre Reihen setzen sich aus Türken zusammen, aber diese sind ganz andere Soldaten als jene, die Diebitsch 1829 zu Paaren trieb. Sie schlugen die Russen trotz deren großer Überlegenheit und unter ungünstigen Umständen.
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_469.htm

Entscheidender ist aber am 30.11.1853 die Seeschlacht von Sinope, bei der die türkische Flotte im Hafen in Brand geschossen wird. Nach diesem russischen Sieg fordert eine massive politische Kampagne in England und Frankreich den Krieg gegen Russland.

Am 16. Dezember 1853 kommentiert Marx den Rücktritt des Lord Palmerston aus der Regierung unter Lord Aberdeen mit den üblichen Verdächtigungen:

Lord Palmerston rettet jedoch nicht nur seine Popularität und sichert sich einen hervorragenden Platz in der neuen Regierung, er nützt auch noch direkt der Sache Rußlands, wenn er sich in diesem ungemein kritischen Augenblick zurückzieht… Eine uneinige, unpopuläre Regierung, der die eignen Freunde nicht vertrauen und die die Feinde nicht respektieren, eine Regierung, die nur als eine rein provisorische betrachtet wird, deren Auflösung jeden Moment erfolgen kann, an deren wirklichem Vorhandensein man sogar zweifelt - eine solche Regierung ist am wenigsten dazu geeignet, dem Einfluß Großbritanniens unter den übrigen Mächten Europas Gewicht zu verschaffen. Der Rücktritt Lord Palmerstons verwandelt das Koalitionsministerium und mit ihm England in eine Null, was die Außenpolitik anbelangt; und noch niemals hat das Verschwinden Englands von der politischen Arena, sei es nur für ein oder zwei Wochen, solch eine immense Bedeutung für den russischen Despoten gehabt…

Außer den von uns aufgezählten allgemeinen Ursachen hatte Lord Palmerston noch einen besonderen Grund, die Welt durch seinen letzten Akt der patriotischen Selbstaufopferung zu überraschen: man ist ihm auf die Schliche gekommen. Sein Prestige beginnt zu schwinden, seine frühere Karriere wird der Öffentlichkeit bekannt. Dem englischen Volk, dem durch die eingestandene Teilnahme Palmerstons an der Verschwörung des 2. Dezember, die die Französische Republik stürzte, und durch seine Schießpulver-Verschwörungs-Komödie die Augen noch nicht geöffnet waren, ist durch die Enthüllungen des Herrn David Urquhart aufgerüttelt worden, der Seine Lordschaft tüchtig gezaust hat. Herr Urquhart hat in seinem kürzlich erschienenen Werk "Rußlands Vordringen", in Artikeln der englischen Presse, besonders aber durch Reden in antirussischen Meetings im ganzen Königreich der politischen Reputation Palmerstons einen Schlag versetzt, den die zukünftige Geschichte nur bestätigen wird. Unser eigenes Wirken für die Sache der historischen Gerechtigkeit trug weit mehr als wir erwarteten dazu bei, diesen geschäftstüchtigen und arglistigen Staatsmann der öffentlichen Meinung Englands in einem neuen Lichte zu zeigen.

Völlig unerwartet erfahren wir aus London, daß Herr Tucker dort 50.000 Exemplare des umfangreichen Artikels nachgedruckt und gratis verteilt hat, in welchem wir vor etwa zwei Monaten Seiner Lordschaft die Maske vom Gesicht rissen und seine politische Karriere im richtigen Licht zeigten…
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_555.htm

Der zuletzt zitierte Satz bezieht sich auf die bereits behandelte Veröffentlichung der Artikelserie von Marx über den Lord Palmerston als Propagandabroschüre in einer Schriftenserie des David Urquhart.

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Hellmann
14.01.2009, 18:01
In seinem Leitartikel am 9.Januar in der Tribune finden wir Friedrich Engels ganz als „Verschwörungstheoretiker“ bei der Erklärung der türkischen Niederlage in Sinope:

Die Schlacht bei Sinope war das Ergebnis einer so einzig dastehenden Reihe von Fehlern der Türken, daß man sich die ganze Geschichte nur erklären kann, wenn man an eine unheilvolle Einmischung der westlichen Diplomatie oder an ein geheimes Einverständnis der Russen mit gewissen Kreisen in Konstantinopel glaubt, die mit der französischen und der englischen Botschaft in Verbindung stehen. Die ganze türkische und ägyptische Flotte begab sich im November nach dem Schwarzen Meer, um die Aufmerksamkeit der russischen Admirale von einer Expedition abzulenken, die mit Waffen und Munition für die aufständischen Bergbewohner an der kaukasischen Küste landen sollte. Die Flotte blieb achtzehn Tage auf See, ohne einem einzigen russischen Kriegsschiff zu begegnen. Nach einer Version soll das russische Geschwader Sewastopol während der ganzen Zeit nicht verlassen haben, wodurch es der Expedition zum Kaukasus ermöglicht war, ihre Aufgabe zu erfüllen; nach einer anderen Version sollten die von den türkischen Plänen wohlunterrichteten Russen sich nach Osten zurückgezogen haben, von wo aus sie die Transportschiffe lediglich beobachteten, die infolgedessen die kaukasische Küste nie erreichten und nach Sinope zurückkehren mußten, während die Hauptflotte wieder in den Bosporus segelte. Der große Pulvervorrat an Bord des Sinope-Geschwaders, der zu einem verhältnismäßig frühen Zeitpunkt des Zusammenstoßes zur Explosion einiger Schiffe führte, scheint ein Beweis für die Richtigkeit der letzten Version zu sein.

So blieben sieben türkische Fregatten, zwei Dampfer, drei Korvetten und ein oder zwei kleinere Schiffe mit einigen Transportschiffen im Hafen von Sinope sich selbst überlassen. Dieser Hafen ist nicht viel mehr als eine offene Reede, die aus einer nach dem Meere zu offenen Bucht gebildet und von einigen vernachlässigten, schlecht angelegten Batterien geschützt wird; die beste davon war in einem Kastell untergebracht, das zur Zeit der griechischen Kaiser erbaut wurde, also wahrscheinlich, ehe man in Europa etwas von Artillerie wußte. Wie es geschehen konnte, daß ein Geschwader mit etwa dreihundert Geschützen meist kleineren Kalibers auf Gnade und Ungnade einer dreimal größeren und stärkeren Flotte ausgeliefert wurde, noch dazu an einem Punkt der türkischen Küste, der wegen der Nähe Sewastopols russischen Angriffen am meisten ausgesetzt ist, während die Hauptflotte sich beschaulich auf dem Bosporus wiegte, das müssen wir erst noch erfahren.



Während des Kampfes wurden drei türkische Fregatten verbrannt, vier wurden zum Stranden gebracht und später mit einem Dampfer und den kleinen Fahrzeugen zusammen verbrannt. Das Dampfboot "Taif" kappte jedoch seine Ankertaue, fuhr kühn zwischen den russischen Schiffen durch und entkam nach Konstantinopel, obgleich es von drei russischen Dampfern unter Admiral Kornilow verfolgt wurde. Angesichts der Schwerfälligkeit der Russen zur See, der ungünstigen Position der türkischen Flotte vor ihren eigenen Batterien und innerhalb deren Feuerbereich, und vor allem angesichts der absoluten Gewißheit der Niederlage wäre es wohl besser gewesen, das ganze türkische Geschwader hätte die Anker gelichtet und wäre auf den Feind losgesegelt, soweit es der Wind gestattete. Wenigstens wäre dann vielleicht durch die nicht zu vermeidende Preisgabe einiger Schiffe ein Teil des Geschwaders gerettet worden. Natürlich wäre für ein derartiges Manöver die herrschende Windrichtung maßgebend gewesen; aber es erscheint zweifelhaft, ob Osman Pascha überhaupt an einen derartigen Schritt gedacht hat.

Der Sieg von Sinope ist kein Ruhmestitel für die Russen; die Türken aber kämpften mit unerhörter Tapferkeit. Auch nicht ein Schiff hat während des ganzen Kampfes die Flagge gestrichen. Diesen Verlust eines wichtigen Teils ihrer Seemacht, die zeitweilige Eroberung des Schwarzen Meers durch die Russen und die niederdrückenden moralischen Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf das türkische Volk, die Armee und die Marine hat die Türkei ausschließlich den "guten Diensten" der westlichen Diplomatie zu verdanken, die die türkische Flotte an der Ausfahrt und somit auch daran hinderte, das Geschwader von Sinope zu schützen oder es heimzuholen. Und ebenso hat sie es nur deren geheimen Informationen an Rußland zu verdanken, daß Rußland in den Stand gesetzt war, den Streich mit solcher Gefahrlosigkeit und Gewißheit zu führen.

Der zweite Sieg, dessen sich die Russen rühmen, wurde bei Achalzych in Armenien erfochten. Die Türken sind schon seit einiger Zeit in ihren Offensivbewegungen an der Grenze von Georgien gehemmt worden. Seit sie Scheftakil oder den Hafen St. Nikolaja genommen hatten, war kein Ort von irgendwelcher Bedeutung erobert, noch ein einziger Sieg von mehr als kurzlebiger Bedeutung errungen worden. Und dies in einem Lande, wo die Russen unter den ungünstigsten Umständen zu kämpfen haben; wo ihre Landverbindungen mit Rußland auf zwei Straßen beschränkt sind, die von aufrührerischen Tscherkessen unsicher gemacht werden; wo ihre Verbindungen zur See leicht abgeschnitten oder gefährdet werden können und wo das ganze von den Russen besetzte transkaukasische Gebiet mit dem Zentrum Tiflis eher als ein unabhängiger Staat denn als Bestandteil eines mächtigen Reiches gelten kann. Wie soll man diese Unterbrechung des türkischen Vormarsches erklären? Die Türken klagen Abdi Pascha des Verrats an und haben ihn zurückberufen; und es ist in der Tat sehr sonderbar, daß Abdi Pascha der einzige türkische General in Asien ist, dem die Russen gestatteten, Teilsiege von lokaler Bedeutung zu erringen…
http://www.mlwerke.de/me/me09/me09_559.htm

Unter Verrätern scheint es nur den Glauben an Verrat als geschichtsbestimmende Kraft zu geben, könnte man bei Friedrich Engels hier vermuten; auch sein Kollege Marx hält ständig alle Leute für gekaufte Agenten, wenn er nicht gerade die Wertform analysiert.

Im Januar 1854 dringt die englische und französische Flotte durch den Bosporus ins Schwarze Meer ein. Es folgt ein Ultimatum an den Zaren, die Moldau-Fürstentümer innerhalb von 2 Monaten zu räumen.

Friedrich Engels hofft auf den Krieg gegen Russland:

Endlich scheint die schon so lange schwebende türkische Frage ein Stadium erreicht zu haben, in dem die Diplomatie nicht länger mehr imstande sein wird, mit ihrer immer sich ändernden, ewig zaghaften und ewig resultatlosen Tätigkeit das Feld zu beherrschen. Die französische und die britische Flotte sind in das Schwarze Meer vorgedrungen, um Angriffe des russischen Geschwaders auf die türkische Flotte oder die türkische Küste zu verhindern. Zar Nikolaus hat vor langer Zeit erklärt, daß ein solcher Schritt für ihn das Signal zu einer Kriegserklärung wäre. Wird er ihn nun ruhig hinnehmen?

Es ist nicht zu erwarten, daß die vereinigten Flotten sogleich das russische Geschwader oder die Befestigungen und Schiffswerften von Sewastopol angreifen und zerstören werden. Im Gegenteil, wir können uns darauf verlassen, daß die Instruktionen der Diplomatie für die beiden Admirale so ausgeklügelt sind, daß möglichst jede Kollision vermieden wird…

Bevor nicht wenigstens eine der deutschen Mächte in einen europäischen Krieg verwickelt ist, kann der Kampf nur in der Türkei, im Schwarzen Meer und in der Ostsee um sich greifen. Während dieser Periode muß der Seekrieg das Wichtigste sein. Daß die verbündeten Flotten Sewastopol zerstören und die russische Schwarzmeerflotte vernichten, daß sie die Krim nehmen und halten können, Odessa besetzen, das Asowsche Meer blockieren und die Bergbewohner des Kaukasus entfesseln können, daran ist nicht zu zweifeln. Nichts ist leichter als das, wenn rasch und energisch gehandelt wird. Angenommen, darüber verginge der erste Monat der aktiven Operationen, so könnte schon der nächste Monat die Dampfschiffe der vereinigten Flotten nach dem britischen Kanal bringen, während die Segelschiffe nachfolgen; denn was im Schwarzen Meer dann noch zu tun ist, das könnte durch die türkische Flotte besorgt werden. Rechnet man weitere vierzehn Tage, um im Kanal Kohlen zu fassen und andere Vorbereitungen zu treffen, so könnten sie, vereinigt mit der atlantischen Flotte und der Kanalflotte Frankreichs und Großbritanniens, vor Ende Mai in solcher Stärke vor der Reede von Kronstadt erscheinen, daß der Erfolg eines Angriffs gesichert wäre…
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_003.htm

In diesem Leitartikel für die Tribune vom 2. Februar 1854 geht jetzt die Phantasie völlig mit dem „General“ durch. Er sieht den kommenden Kampf um die russische Festung Sewastopol auf der Halbinsel Krim richtig voraus, aber nicht die Dauer der Belagerung.

Vielmehr sieht er Russland schon überwunden:

Odessa, Kronstadt, Riga, Sewastopol genommen, Finnland befreit, eine feindliche Armee vor den Toren der Hauptstadt, alle seine Flüsse und Häfen gesperrt - was bliebe von Rußland?
(ebenda)

Ja eben – Russland bliebe, nach dem Sturz des Zaren womöglich ein revolutionäres Russland, wie einst Frankreich, oder ein liberalkapitalistisches, eurasisches Imperium; beides eine Gefahr für England, dessen herrschende Klasse mit dem Empire auch geopolitisch zu denken gewohnt war.

Aber wenn Engels schon beim Träumen ist, dann träumt er gleich auch noch von der Revolution. Ob er den nachfolgend zitierten Absatz wirklich ernst gemeint hat, kann ich mir aber nicht vorstellen:

Doch wir dürfen nicht vergessen, daß in Europa noch eine sechste Macht existiert, die in bestimmten Augenblicken ihre Herrschaft über die gesamten fünf sogenannten Großmächte behauptet und jede von ihnen erzittern läßt. Diese Macht ist die Revolution. Nachdem sie sich lange still und zurückgezogen verhalten hat, wird sie jetzt durch die Handelskrise und die Lebensmittelknappheit wieder auf den Kampfplatz gerufen. Von Manchester bis Rom, von Paris bis Warschau und Pest ist sie allgegenwärtig, erhebt ihr Haupt und erwacht vom Schlummer. Mannigfach sind die Symptome ihres wiederkehrenden Lebens; überall sind sie erkennbar in der Unruhe und Aufregung, die die proletarische Klasse ergriffen hat. Es bedarf nur eines Signals, und die sechste und größte europäische Macht tritt hervor in glänzender Rüstung, das Schwert in der Hand, wie Minerva aus dem Haupte des Olympiers. Dieses Signal wird der drohende europäische Krieg geben…
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_003.htm

Mit der Erwartung einer Revolution lag Engels nicht ganz falsch: sie sollte sich aber auf Italien beschränken. Sie wird auch nicht von der proletarischen Klasse kommen, sondern das Königreich Sardinien-Piemont erhält für seine Beteiligung am Krimkrieg von England und Frankreich Unterstützung bei der Einigung Italiens.

Wie Revolutionen halt so in Wirklichkeit ablaufen, was Marx und Engels aber schon wussten, denn Marx berichtet von einer entsprechenden Drohung Frankreichs gegen Österreich:

Man sagt, Louis Bonaparte habe der österreichischen Regierung zu verstehen gegeben, daß die französische Regierung - falls es zu einem Konflikt mit Rußland komme und Österreich dessen Partei ergreifen sollte - sich die aufständischen Elemente zunutze machen werde, die in Italien und Polen nur eines Funkens bedürften, um wieder zur verheerenden Flamme angefacht zu werden, und daß Frankreich alsdann die Wiederherstellung der italienischen und polnischen Nation anstreben werde. Die österreichische Regierung jedoch, dessen können wir sicher sein, wird sich mehr durch ihre eigenen finanziellen Schwierigkeiten als durch die Drohungen Bonapartes beeinflussen lassen.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_020.htm

England und Frankreich erklären Russland am 27.03.1854 den Krieg. Im April schließen Preußen und Österreich eine Neutralitätsallianz, obwohl besonders in Österreich eine einflussreiche Fraktion den Krieg gegen Russland forderte.

London, Dienstag, 28. März 1854

Endlich ist der Krieg erklärt worden…

Die Veröffentlichung der Geheimkorrespondenz zwischen dem Zaren und der englischen Regierung hat incredibile dictu, anstatt einen Ausbruch öffentlicher Entrüstung gegen letztere hervorzurufen, die gesamte Tages- und Wochenpresse veranlaßt, England zu seinem wahrhaft nationalen Ministerium zu beglückwünschen. Mir ist jedoch bekannt, daß man eine Versammlung einberufen will, um der verblendeten britischen Öffentlichkeit die Augen zu öffnen über die wirkliche Haltung der Regierung. Sie soll nächsten Donnerstag in der Music-Hall, Store Street, stattfinden, und man erwartet, daß Lord Ponsonby, Herr Layard, Herr Urquhart etc. an ihr teilnehmen.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_168.htm

Auch an andere bekannte Zeitungen fließt Geld für Artikel gegen Russland:

London, Dienstag, 2. Mai 1854.

In der "Augsburger Zeitung" ist eine Reihe außerordentlich feindseliger Artikel gegen Rußland erschienen, die großes Aufsehen in Deutschland erregt haben, da diese Zeitung bis jetzt überaus eifrig russische Interessen vertrat und, wie außerdem bekannt ist, ihre Anregungen vom österreichischen Kabinett erhält. Österreich, wird in diesen Artikeln erklärt, sei infolge der Enthüllungen, die die vertrauliche Korrespondenz Sir H. Seymours enthalte, seiner Verpflichtungen gegenüber Rußland enthoben.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_216.htm

Nach der Landung der Briten und Franzosen bei Warna, einer Hafenstadt an der bulgarischen Schwarzmeerküste, am 31. Mai 1854 und einer österreichischen Drohung am 3.6.1854 ziehen sich die russischen Truppen über die Donau und den Pruth zurück. Anschließend besetzen die Österreicher die beiden Fürstentümer.

Marx vermutet natürlich, dass Österreich und Russland heimlich im Einvernehmen sind:

Die Rückzugsbewegung der Russen in der Türkei ist weit vollständiger, als wir es erwartet hatten, und vollständiger, als es selbst im schlimmsten Falle jetzt vom militärischen Standpunkt aus notwendig erscheint. Offenbar beinhalten die Zusicherung des Zaren an den Kaiser von Österreich und die Befehl, an seine Generale auch die völlige Räumung der Moldau und der Walachei, wobei keine russischen Soldaten auf türkischem Boden verbleiben, hingegen eine starke österreichische Streitmacht deren Stelle sofort einnehmen und die vor kurzem noch einander bekämpfenden Gegner trennen wird. Es wäre jedoch ein Irrtum, anzunehmen, daß sich die Russen wegen ihrer Niederlage vor Silistria zurückziehen… Die Wahrheit ist offensichtlich, daß die Russen sich vor Silistria letztlich einfach deshalb zurückzogen, weil der Zar mit Österreich übereingekommen war, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sämtliche Truppen aus den Fürstentümern abzuziehen.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_294.htm

Briten und Franzosen beschließen den Angriff auf Sewastopol, um gegen den Zaren einen deutlichen Sieg zu erringen. Die Österreicher bleiben zwar neutral, aber im Oktober 1854 marschieren 300.000 österreichische Soldaten an der Grenze zu Russland auf und binden damit einen erheblichen Teil der russischen Kräfte.

Karl Marx ist misstrauisch und wittert Halbheiten und Verrat:

In einem vom "Moniteur" veröffentlichten Artikel, worin die Aussichten der Expedition erörtert werden, erscheint eine merkwürdige Stelle.

"Wenn", sagt der Moniteur", "wenn die Zahl der auf der Krim stationierten russischen Truppen sich als beträchtlicher erweisen sollte, als uns frühere Berichts glauben machten, wenn die Streitmacht Sewastopols zäheren Widerstand leisten sollte, wenn die Jahreszeit uns Hindernisse in den Weg legen sollte, wenn es schließlich gelingen sollte, die Krim durch eine bedeutende russische Armee zu verstärken, werden wir das diesmal mit einer einfachen Wiedereinschiffung bezahlen, und der Angriff auf Sewastopol würde im Frühling wieder aufgenommen werden."

Mit einem Wort: Wenn jene "mächtige Armada mit ihrer tausendfach wirksamen Zerstörung" auf irgendwelche ernsthaften Schwierigkeiten stoßen sollte, wird sie schnell zum Bosporus zurückkehren. Auf jeden Fall wird es nicht ihre Schuld sein, wenn solche Schwierigkeiten nicht auftauchen sollten, da der Zar schon seit Monaten über diese Expedition gebührend informiert war und da man sie bis auf die allerletzten Tage der günstigen Jahreszeit hinausgezögert hatte…
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_498.htm

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Hellmann
14.01.2009, 18:16
Ab dem 12.09.1854 landen 27.000 Engländer, 25.000 Franzosen und 7.000 Türken auf der Krim nördlich der Festung Sewastopol. Der Herausgeber der Times, John Thadeus Delane, hatte erreicht, dass ein Sonderkorrespondent der Times die Truppen begleiten durfte. Es war William Howard Russell:

Nach dem Kriegseintritt Großbritanniens wurde er Sonderkorrespondent auf der Krim. Für die europäischen Zeitungsleser war der Krimkrieg der erste Krieg, den sie durch neue Technologien wie den Telegrafen und die Fotografie unmittelbar von zuhause miterleben konnten. Russell machte sich die schnelle Nachrichtenübermittlung zunutze. Seitens der britischen Armee wurde die Anwesenheit von Kriegskorrespondenten ungern gesehen. Russell war dafür bekannt, seine Ansichten - auch über Inkompetenz der Armeeführung und mangelhafte Versorgung der Soldaten - offen einem breiten Publikum zu schildern…

Eine spätere Konsequenz seiner Artikel war die Einführung der Militärzensur durch den Oberbefehlshaber William John Codrington am 25. Februar 1856.
http://de.wikipedia.org/wiki/William_Howard_Russell

Der Korrespondent der „Times“ berichtete umgehend von der schlimmen Versorgungslage der Truppen; nicht einmal die Zelte konnten an Land gebracht werden, weil Transportmittel fehlten, die Soldaten lagerten bei Regen in den Pfützen:

„Der Leser“, berichtet er im September, „stelle sich die alten Generale und jungen Lords und Gentlemen vor, die Stunde um Stunde der gnadenlosen Macht des Unwetters ausgesetzt, ohne Bett waren, auf durchweichten Decken oder nutzlosen wasserdichten Umhängen in stinkenden Pfützen lagen, und die rund zwanzigtausend armen Teufel, die gar keinen Fußbreit trockenen Boden hatten und sich genötigt sahen, in Tümpeln oder Bächen zu schlafen oder es immerhin zu versuchen, ohne ein wärmendes Feuer, ohne heißen Grog und ohne Aussicht auf ein Frühstück – all das stelle sich der Leser vor … und er wird zugeben, daß diese ,Akklimatisierung‘ durchaus barbarisch war…“
http://www.zeit.de/2003/33/A-Krimkrieg?page=3

Die schlechte Organisation des britischen Heeres sollte noch zum Sturz der Regierung Aberdeen im Januar 1855 führen und zum bleibenden Schaden für das Andenken des am 14. September 1852 verstorbenen Herzogs von Wellington, der über 25 Jahre der Oberbefehlshaber des Heeres gewesen war.
Die Berichterstattung in der Presse erreichte auch die damals berühmt gewordene Florence Nightingale:

In der Presse erschienen 1853 Berichte über die katastrophale Situation der im Krimkrieg verwundeten Briten…

Florence Nightingale bot der britischen Regierung ihre Hilfe an. Mit 38 Krankenschwestern einschließlich ihrer Tante Mai Smith, medizinischen Gerätschaften und Medikamenten reiste sie mit dem offiziellen Auftrag von Sidney Herbert, dem Staatssekretär des Kriegsministeriums, in Richtung Krim, genauer ins Lazarett von Scutari (heute Üsküdar in Istanbul, Türkei). Die Zustände, die Florence Nightingale dort vorfand, waren tatsächlich katastrophal. Die Verwundeten und Kranken lagen in schlecht belüfteten, rattenverseuchten Stationen nahezu ohne hygienische Einrichtungen. Da sich für verwundete Soldaten niemand zuständig fühlte, waren die Kranken häufig nicht einmal mit dem Nötigsten versorgt…
Ihr unermüdlicher Einsatz aber regte unter anderem später Henry Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes an. Auch die Genfer Konvention des Jahres 1864, die völkerrechtlich verbindliche Regeln für die Versorgung von Kranken und Verwundeten in Kriegszeiten festschreibt, dürfte durch Nightingales berühmt gewordenen Einsatz auf der Krim beeinflusst worden sein.
http://de.wikipedia.org/wiki/Florence_Nightingale

Beim Korrespondenten Karl Marx der New-York Daily Tribune werden wir davon nicht viel lesen.

Am 6.10.1854 berichtet Marx über die Freilassung eines französischen Revolutionsführers, der sich in einem Brief für die russischen Dekabristen engagiert hatte,

http://de.wikipedia.org/wiki/Dekabristen

die einst im Dezember 1825 einen Aufstand gegen Zar Nikolaus I. gewagt hatten.

Der "Moniteur" vom 5. Oktober teilt mit, daß Barbès, seit den letzten drei Jahren ein Gefangener in Belle-Île, auf Befehl Bonapartes bedingungslos in Freiheit gesetzt wurde, auf Grund eines Briefes, in dem er lebhafte Gefühle der Hoffnung auf den Erfolg der dezembristischen Zivilisation über die moskowitische Zivilisation äußerte; erstere ist, nebenbei gesagt, vor kurzem in Athen in Erscheinung getreten, als sie die Junitage 1849 wieder ins Gedächtnis zurückrief - indem die französische Soldateska dort einen "verdächtigen" Herausgeber einer Zeitung ergriff, seine Bücher und Briefe verbrannte und ihn ins Gefängnis warf. Von diesem Augenblick an hat Barbès aufgehört, einer der revolutionären Führer Frankreichs zu sein. Durch seine Sympathieerklärung für die französischen Waffen, gleich, aus welchem Grund und unter welchem Kommando sie auch eingesetzt werden mögen, hat er sich unweigerlich selbst mit den Moskowitern gleichgestellt, indem er deren Gleichgültigkeit gegenüber dem Ziel ihrer Feldzüge teilt. Barbès und Blanqui haben sich lange Zeit den Vorrang um die wirkliche Führung des revolutionären Frankreich streitig gemacht. Barbès hörte im Einvernehmen mit der Regierung niemals auf, Blanqui zu verleumden und zu verdächtigen. Die Tatsache seines Briefes und des Befehls von Bonaparte entscheidet die Frage, wer der Mann der Revolution ist und wer nicht.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_527.htm

Nun war Marx sonst nachsichtig mit allen Feinden des Zaren, hatte sich sogar mit dem britischen Reaktionär David Urquhart verständigt, aber in den Bund mit einem Bonaparte durfte der echte Revolutionär nicht treten.

Friedrich Engels ist in seinem Leitartikel für die Tribune vom Oktober 1854 über die Schlacht an der Alma, bei der die Allierten den Durchbruch nach Sewastopol geschafft hatten, ganz der unparteiische Militärsachverständige:

Fürst Menschikow hatte seine Stellung gut gewählt. Er scheint jedoch seine Kavallerie nicht so voll eingesetzt zu haben, wie er es hätte tun können. Warum stand auf dem linken Flügel keine Kavallerie, um Bosquets isolierte Brigade von den Felsen wieder hinunterzujagen, sobald sie sich zu formieren versuchte? Der Abbruch der Schlacht, das Zurückziehen der Truppen aus der Feuerzone, der Abtransport der Artillerie sowie der Rückzug überhaupt scheinen sehr rühmlich vor sich gegangen zu sein und gereichen Menschikow als Feldherrn mehr zur Ehre als den alliierten Generalen der Sieg...

Das Ergebnis der Schlacht, obwohl moralisch von großem Wert für die Alliierten, kann in der russischen Armee kaum starke Niedergeschlagenheit hervorrufen. Es ist ein Rückzug wie bei Lützen oder Bautzen; und wenn Menschikow es versteht, von seiner Flankenstellung bei Bachtschissarai aus die Alliierten hinter sich herzuziehen, so wie es Blücher vor der Schlacht an der Katzbach verstanden hat, dann werden sie noch erfahren, daß solche fruchtlosen Siege dem Gewinner keinen großen Nutzen bringen. Menschikow befindet sich noch in voller Stärke in ihrem Rücken, und bevor sie ihn nicht ein zweites Mal geschlagen und völlig vertrieben haben, wird er immer noch zu fürchten sein.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_531.htm

Obwohl die Allierten Truppen im Norden von Sewastopol gelandet waren, umgingen sie die starken Befestigungen im Norden der Stadt und schlossen sie von der Südseite her ein, wobei Sewastopol niemals vollständig eingeschlossen wurde.

Als die Belagerung beginnt, kritisiert Engels den großen Abstand der britischen Geschütze zu den russischen Befestigungen wie ein echter Sandkastenstratege:

Mangel an Energie und System, besonders beim Zusammenwirken der verschiedenen Ämter der britischen Land- und Seestreitkräfte, Geländeschwierigkeiten und vor allem der nicht totzukriegende Routinegeist, der den planenden und operativen Abteilungen der britischen Verwaltung anscheinend eigen ist, verzögerten den Beginn der eigentlichen Belagerung bis zum 9. Oktober. An diesem Tag endlich wurden die Gräben in der ungeheuren Entfernung von 1.500 bis 2.500 Yards vor den russischen Befestigungsanlagen eröffnet. Bei keiner früheren Belagerung hat man so etwas je erlebt. Das zeigt, daß die Russen noch immer das Gelände der Festung in einem Umkreis von mindestens einer Meile halten konnten, und sie behaupteten es wirklich bis zum 17. Oktober. Am Morgen dieses Tages waren die Belagerungsarbeiten so weit fortgeschritten, daß die Alliierten ihr Feuer eröffnen konnten. Wahrscheinlich hätte man damit noch ein paar Tage gewartet, da die Alliierten an dem Tage keineswegs in der Lage waren, dies mit Erfolg durchzuführen, wäre nicht die glorreiche Nachricht eingetroffen, daß ganz England und Frankreich voller Freude seien über die für den 25. Oktober vorausgesagte Eroberung von Sewastopol. Diese Nachricht erbitterte natürlich die Truppen, und man mußte das Feuer eröffnen, um sie zu beruhigen. Aber es stellte sich heraus, daß die Alliierten nur 126 Geschütze hatten gegenüber 200 bis 250 feindlichen.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_547.htm

Im folgenden Leitartikel vom Ende November ist dann doch einmal die Rede von der menschlichen Seite des Krieges, wenn auch nur in einem Halbsatz:

Durch die Ankunft der "Africa" erhielten wir Meldungen über drei weitere Tage in Europa, die jedoch nichts weiter Interessantes vom Kriegsschauplatz enthielten außer einer entsetzlichen Episode darüber, daß in einem Lazarett eine sehr große Anzahl von Kranken und Verwundeten bei lebendigem Leibe verbrannten, und Berichte von Leiden, die man nicht mit Worten zu schildern vermag. Über die blutige und unentschiedene Schlacht am 5. November, von der die "Baltic" eine kurze Mitteilung brachte, haben wir jetzt Lord Raglans knappen Bericht, doch noch nicht die üblichen umfangreichen und spannenden Schilderungen von Korrespondenten, die als Teilnehmer oder Zuschauer dort anwesend waren…
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_555.htm

Am 14. November sollte ein Sturm noch das Schiff mit der gesamten Winterausrüstung der britischen Truppen versenken, was Engels aus einem anderen Blatt in seinem Dezember-Leitartikel zitiert:

Dieselbe Zeitung teilt uns auch mit, daß

"die 'Prince', ein großartiger neuer Schraubendampfer mit 2.700 Tonnen, neulich nach Balaklawa abfuhr. An Bord befand sich das 46. Regiment, die gesamte Winterkleidung für die Belagerungstruppen, darunter 40.000 Überröcke, Flanellanzüge, Unterwäsche, Socken und Handschuhe, Rindfleisch, Schweinefleisch und andere Lebensmittel, Krankenhausbedarf für Skutari und eine große Menge Kugeln und Granaten zur Fortsetzung der Belagerung. Das ist alles verlorengegangen. Die 'Resolute' mit 900 Tannen Schießpulver ist ebenfalls untergegangen. Folglich hat es den Anschein, als ob alle Materialien zur Fortsetzung der Belagerung und zum Schutz vor dem strengen Winter mit einem Schlag verlorengegangen sind; und selbst wenn wir gedenken, uns damit zufriedenzugeben, lediglich unsere Stellung auf den Höhen vor Sewastopol zu halten, ist es offensichtlich, daß wir nicht in der Lage sind, unserem schlimmsten Feind standzuhalten - dem kommenden Winter."
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_569.htm

In einem Artikel für die „Neue Oder-Zeitung“ im Januar 1855 summiert Marx in wenigen Worten die Lage auf der Krim:

London, 3. Januar.

"Der Kaiser von Rußland", berichtet ein Korrespondent der "Times" aus dem Lager vor Sewastopol, "soll sich erboten haben, alles, was von unserer Armee bis Anfang Mai noch am Leben sein wird, auf einem einzigen Kriegsschiff nach England zurückzuspedieren."

Folgt dann eine graphische Beschreibung der Sterblichkeit, Not, Unordnung, Auflösung, die im englischen Lager herrschen…
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_593.htm

Vor allem aber droht die Ernennung des Palmerston zum Premierminister:

Mit anderen Worten: macht Palmerston zum Premierminister. Er ist der offizielle Herkules, von dem die "Daily News" geträumt hat - derselbe Palmerston, den Lord Melbourne 1830 auf Vorschlag der russischen Prinzessin Lieven zum auswärtigen Minister ernannte; der eine britische Armee im Afghanenkriege 1851 in so rätselhafter Weise opferte, daß ihm Sir Robert Peel in öffentlicher Parlamentssitzung mit "Enthüllungen" drohte, wenn er ihn durch seine Renommistereien zu reizen fortfahre; derselbe Palmerston, der die 1839 von Frankreich vorgeschlagene und schon scheinbar ins Werk gesetzte Offensivallianz gegen Rußland so geschickt zu lenken verstand, daß sie an einem schönen Morgen des Jahres 1840 sich in eine englisch-russische Allianz gegen Frankreich verwandelt hatte. Obgleich Palmerston das einflußreichste Mitglied der gegenwärtigen Administration ist und in allen parlamentarischen Kreisen als deren Vorkämpfer auftritt und auftreten muß, bietet er fortwährend alle diplomatischen Künste in der Presse auf, um in gespanntem Gegensatz zu Aberdeen zu erscheinen und so seine Popularität aus dem etwaigen Schiffbruch der Koalition zu retten.
http://www.mlwerke.de/me/me10/me10_593.htm

Man kann David Urquhart ja noch verstehen, der durch Palmerston zweimal seine Position in Konstantinopel verloren hatte. Aber Marx? Anders, als dass man ihn für solche Verdächtigungen gegen den Lord Palmerston honoriert hat, lässt sich das gar nicht erklären. Palmerston hatte natürlich einflussreiche Feinde und womöglich litt selbst Urquhart nicht so sehr unter persönlich begründetem Hass auf Palmerston, wie unter den Bedingungen seiner Geldgeber.

Der nächste Bericht von den Machenschaften des Palmerston folgt in der Tribune vom 17. Februar 1855:

Und dieser unbeständigste aller englischen Staatsmänner, der niemals weder eine Verhandlung noch eine Bill im Parlament zu einem befriedigenden Resultat führen konnte, dieser Politiker, der sich nur zum Zeitvertreib betätigt und dessen Maßnahmen immer damit enden, daß man sie sanft einschlafen läßt - dieser selbe Palmerston wurde zum einzigen Mann ausposaunt, auf den sein Land sich in schwierigen Fällen verlassen könne. In Wahrheit trug er selbst ein gut Teil zu dieser marktschreierischen Reklame bei. Nicht zufrieden damit, Mitbesitzer der "Morning Post" zu sein, wo er tagtäglich als der künftige Retter seines Landes gepriesen wurde, mietete er auch noch Gesellen wie den Chevalier Wikoff, die seinen Ruhm in Frankreich und Amerika verbreiten mußten, bestach er vor einigen Monaten die "Daily News", indem er ihr telegraphische Depeschen übermittelte und sonstige nützliche Winke gab, und hatte seine Hand in der Leitung fast jedes Londoner Blattes. Die schlechte Führung des Krieges führte jene schwierige Lage herbei, in der er auf den Ruinen der Koalition groß, unerreicht und unerreichbar sich zu erheben beabsichtigte. In diesem entscheidenden Moment verschaffte er sich die rückhaltlose Unterstützung der "Times". Wie er das zuwege brachte, welchen Vertrag er mit Herrn Delane abschloß, können wir natürlich nicht sagen. Aber am Tage nach der Abstimmung rief die ganze Londoner Tagespresse, mit der einzigen Ausnahme des "Herald", einstimmig nach Palmerston als Premier; und wir nehmen an, er dachte, jetzt das Ziel seiner Wünsche erreicht zu haben. Zum Unglück hat die Königin von dem wahrhaft englischen Minister zu viel gesehen und wird ihm nicht nachgeben, wenn sie es verhindern kann.
Karl Marx
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_033.htm

Da schafft es der Lord Palmerston mit finsteren Machenschaften fast die gesamte Presse hinter sich zu bringen und wir fragen uns, welche Machenschaften den Karl Marx befähigen, sich gegen Palmerston in einer der einflussreichsten Zeitungen der USA betätigen zu können, denn sicher geht es in der Presse so zu, wie es der große Meister Marx beschreibt, solange von Lord Palmerston und nicht von Marx und seinen Artikeln die Rede ist.

Sollte etwa die britische Krone versucht haben, Lord Palmerston als Premier zu verhindern? Mit David Urquhart, dem ehemaligen Protegé des Königs Wilhelm IV., und Karl Marx im Bunde? Auch die Gegnerschaft zum Franzosenkaiser Napoleon III. könnte auf die Krone deuten.

Auch als Innenminister behielt Palmerston großen Einfluss auf die britische Außenpolitik und setzte sich vor allem für einen Eintritt des Landes in den Krimkrieg ein. Als 1855 über diese Frage die Regierung Aberdeen stürzte, übernahm Palmerston die Bildung eines neuen Kabinetts, in dem er selbst Premierminister war. Unmittelbar auf den Krimkrieg folgte der Indische Aufstand. Nach dem Attentat auf Napoléon III. durch Felice Orsini versuchte Palmerston ein Gesetz durchzusetzen, das verhindern sollte, dass in England Attentate im Ausland vorbereitet würden. Da das Parlament diese Vorlage als zu Napoleon-freundlich ablehnte, stürzte die Regierung Palmerston am 20. Februar 1858. Trotzdem trat er schon 1859 nach der Ablehnung von Lord Derbys Reformgesetz zum zweiten mal an die Spitze der Regierung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_John_Temple,_3._Viscount_Palmerston

Die ständigen Vorwürfe von Urquhart und Marx gegen Palmerston, er würde im Bunde mit dem Zaren stehen, sind ja unverständlich, wenn sie auch damals sehr wirkungsvoll gewesen sein mögen, um Propaganda gegen ihn zu betreiben. Das Interesse der britischen Krone würde die Politik gegen den Zaren, gegen Palmerston, gegen Napoleon und selbstverständlich gegen Mazzini und Kossuth auf einen gemeinsamen Nenner stellen – wie man so sagt.

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Hellmann
14.01.2009, 18:28
Im Leitartikel zum 26. Februar 1855 in der Tribune berichtet Engels von der Lage auf der Krim:

Die britische Streitkraft, so informiert man uns jetzt, hat aufgehört als Armee zu bestehen. Von 54.000 sind noch einige wenige tausend Mann unter Waffen, und selbst sie werden nur deshalb als "dienstfähig" aufgeführt, weil in den Hospitälern kein Raum für sie zum Sterben vorhanden ist. Von den Franzosen mögen jetzt noch einige 50.000 von der doppelten Anzahl unter Waffen stehen. Auf alle Fälle haben sie es fertiggebracht, im Verhältnis zu den Briten mindestens fünfmal soviel Soldaten in einem kampffähigen Zustand zu halten. Was aber sind schon fünfzig- oder sechzigtausend Mann, um den Herakleatischen Chersones den Winter über zu halten, Sewastopol auf der Südseite zu blockieren, die Laufgräben zu verteidigen und - mit dem, was von ihnen noch übriggeblieben sein mag - im Frühling die Offensive zu ergreifen?

Einstweilen haben die Briten aufgehört, Verstärkungen zu schicken. Tatsächlich scheint Raglan, der seine Armee aufgegeben hat, auch keine zu wünschen, da er nicht weiß, wie er selbst den ihm verbliebenen Rest verpflegen, unterbringen und beschäftigen soll. Die Franzosen mögen neue Divisionen für Verschiffung im März bereithalten, aber sie haben hinreichend zu tun, um im Falle einer großen Frühlingskampagne auf dem Kontinent gerüstet zu sein. Übrigens stehen zehn Chancen gegen eine, daß das, was sie schicken, entweder zu schwach sein oder zu spät anlangen wird. Diesem Umstand abzuhelfen, wurden zwei Schritte unternommen, und beide zeugen von der völligen Hilflosigkeit der Alliierten, das Verhängnis abzuwenden, das langsam, aber unausweichlich auf ihre Armeen auf der Krim zukommt. Erstens, um den kolossalen Fehler, diese Expedition vier Monate zu spät unternommen zu haben, wiedergutzumachen, begehen sie den unvergleichlich größeren Fehler, vier Monate nach ihrem eigenen Eintreffen, im tiefsten Winter den einzigen Überrest einer anständigen Armee, den die Türkei noch besitzt, nach der Krim zu senden. Diese Armee, schon ruiniert und in der Auflösung begriffen zu Schumla infolge der Nachlässigkeit, Unfähigkeit und Korruption der türkischen Regierung, wird, einmal auf der Krim gelandet, durch Kälte und Hunger in einem Verhältnis zusammenschmelzen, das selbst die Leistungen des englischen Kriegsministeriums auf diesem Gebiet verblassen läßt…
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_050.htm

Das italienische Königreich Sardinien-Piemont sandte Soldaten auf die Krim, um später als Gegenleistung die Unterstützung Englands und Frankreichs bei der Einigung Italiens zu erhalten.

Alsdann haben die Alliierten 15.000-20.000 Piemontesen in ihren Sold genommen - nur so kann man das ausdrücken -, die die dünnen Reihen der britischen Armee auffüllen und von dem britischen Kommissariat genährt werden sollen. Die Piemontesen haben sich als tapfere und gute Soldaten während 1848 und 1849 gezeigt. Meist Gebirgsbewohner, besitzen sie eine Infanterie, die für das Plänkeln und Fechten auf durchbrochenem Grunde sogar in einem höheren Grade als die der Franzosen geeignet ist, während die Ebenen des Po eine Kavallerie liefern, deren hochgewachsene, wohlproportionierte Gestalten einen an die Eliteregimenter der britischen Horse Guards erinnern.
(ebenda)

Im Leitartikel vom 24. März 1855 meldet Marx mit einem Satz den Tod des Zaren Nikolaus I.:

Der Tod des Zaren und die Wirkung dieses Ereignisses auf die schwebenden Verwicklungen dürfte unstreitig der interessanteste Teil der Nachrichten aus Europa sein, die uns die "Atlantic" brachte. Indessen, so wichtig auch die Kunde über dieses Thema oder über andere kontinentale Angelegenheiten ist, so kann sie in ihrem Interesse für den aufmerksamen Beobachter wohl kaum die fortlaufenden Anzeichen und Entwicklungen jener folgenschweren politischen Krise übertreffen…
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_100.htm

Es gab außerdem wieder Absatzprobleme für die englischen Fabriken und Händler und Marx fabuliert wieder von der großen Revolution:

In wenigen Monaten wird die Krise an einem Höhepunkt angelangt sein, den sie in England seit 1846, vielleicht seit 1842 nicht mehr erreicht hat. Wenn die Arbeiterklasse beginnt, ihre Auswirkungen in vollem Umfange zu spüren, dann wird jene politische Bewegung von neuem beginnen, die sechs Jahre lang schlummerte. Dann werden sich die Arbeitsmänner Englands wieder erheben und die Bourgeoisie gerade zu der Zeit bedrohen, da sie endgültig die Aristokratie von der Macht vertreibt. Dann wird die Maske, die bisher die wirklichen Züge der politischen Physiognomie Großbritanniens verbarg, heruntergerissen werden und die beiden wirklich kämpfenden Parteien in diesem Lande sich Auge in Auge gegenübertreten - die Mittelklasse und die Arbeiterklasse, die Bourgeoisie und das Proletariat, und England wird dann endlich gezwungen sein, an den allgemeinen sozialen Entwicklungen der europäischen Gesellschaft teilzunehmen. Als England das Bündnis mit Frankreich einging, gab es endgültig jene isolierte Stellung auf, die seine insulare Lage geschaffen hatte, die jedoch der Welthandel und die wachsenden Verkehrsmöglichkeiten schon seit langem unterminierten. Von nun an wird England wohl kaum umhin können, die großen inneren Bewegungen der anderen europäischen Nationen durchzumachen.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_100.htm

Nun kann man sich streiten, ob die Tribune diesen Marx trotz oder wegen solcher in kurzer Zeit widerlegter Prognosen abgedruckt habe. Marx musste selbstverständlich dauernd als Revolutionär schreiben und die ständige Ankündigung der großen Revolution mit der nächsten „unvermeidbaren“(!) Krise des Kapitalismus kennen wir von den Marxisten seit Marx wenigstens alle zehn Jahre. Das brauchen die Kapitalisten nicht zu fürchten, im Gegenteil, es macht alle Hoffnungen und Erwartungen ihrer Kritiker nur unglaubwürdig und lächerlich.

Während auf der Krim sich die Belagerung hinzieht, schreibt Friedrich Engels für die „Neue Oder-Zeitung“ einen Grundsatzartikel über den Panslawismus:

Es wird aus bester Quelle versichert, daß der jetzige Kaiser von Rußland gewissen Höfen eine Depesche hat zukommen lassen, worin es u.a. lautet:

"Den Augenblick, wo Österreich sich unwiderruflich mit dem Westen alliiere oder irgendeinen offen feindlichen Akt gegen Rußland begehe, werde Alexander II. sich selbst an die Spitze der panslawistischen Bewegung stellen und seinen jetzigen Titel: Kaiser aller Reußen in den eines Kaisers aller Slawen verwandeln" (?).

Diese Erklärung Alexanders, wenn authentisch, ist das erste gerade Wort seit Beginn des Krieges. Es ist der erste Schritt, dem Kriege den europäischen Charakter zu geben, der bisher hinter allen Arten von Vorwänden und Vorgeben, Protokollen und Verträgen lauerte… Die slawische Race, lang geteilt durch innere Zwiste, nach dem Osten zurückgetrieben durch die Deutschen, unterjocht, zum Teil von Deutschen, Türken und Ungarn, still ihre Zweige wiedervereinend, nach 1815, durch das allmähliche Wachstum des Panslawismus, sie versichert nun zum erstenmal ihre Einheit und erklärt damit Krieg auf den Tod den römisch-keltischen und deutschen Racen, die bisher in Europa geherrscht haben. Panslawismus ist eine Bewegung nicht nur für nationale Unabhängigkeit; er ist eine Bewegung, die ungeschehen zu machen strebt, was eine Geschichte von tausend Jahren geschaffen hat, die sich nicht verwirklichen kann, ohne die Türkei, Ungarn und eine Hälfte Deutschlands von der Karte von Europa wegzufegen, die, sollte sie dies Resultat erreichen, seine Dauer nicht sichern kann außer durch die Unterjochung Europas. Panslawismus hat sich jetzt umgewandelt aus einem Glaubensbekenntnis in ein politisches Programm, mit 800.000 Bajonetten zu seiner Verfügung. Er läßt Europa nur eine Alternative: Unterjochung durch die Slawen oder Zerstörung für immer des Zentrums ihrer Offensivkraft - Rußlands.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_193.htm

Von Marx findet man in der „Neue Oder-Zeitung“ vom Juni 1855 eine ganz nette politische Beschreibung des David Urquhart:

Neben den ganz- und halboffiziellen Parteien, wie neben den Chartisten, macht sich in England noch eine Clique von "Weisen" bemerkbar, ebenso unzufrieden mit der Regierung und den herrschenden Klassen wie mit den Chartisten. Was wollen die Chartisten? rufen sie aus. Die parlamentarische Allmacht erhöhen und erweitern, indem sie sie zur Volksmacht erheben. Sie brechen nicht den Parlamentarismus, sie erheben ihn zu einer höhern Potenz. Das Wahre ist, das Repräsentativwesen zu brechen! Ein Weiser aus dem Morgenlande, David Urquhart, steht an der Spitze dieser Clique. David will zum Common Law (gemeinen Recht) von England zurückkehren. Er will das Statute Law (das geschriebene Gesetz) in seine Grenzen zurückweisen. Er will lokalisieren, statt zu zentralisieren. Er will "die alten echten Rechtsquellen angelsächsischer Zeit" aus dem Schutt wieder hervorgraben. Dann werden sie von selbst springen und das umliegende Land bewässern und befruchten. Aber David ist wenigstens konsequent. David will auch die moderne Teilung der Arbeit und die Konzentration des Kapitals auf den alten angelsächsischen oder noch lieber orientalischen Stand zurückführen. Geborner Hochschotte, adoptierter Tscherkesse und Türke aus freier Wahl, ist er fähig, die Zivilisation mit allen ihren Geschwüren zu verurteilen und von Zeit zu Zeit selbst zu beurteilen. Aber er ist nicht fade wie die Sublimen, die die modernen Staatsformen von der modernen Gesellschaft trennen, die von lokaler Selbständigkeit fabeln, zusammen mit Konzentration der Kapitalien, von individueller Einzigkeit zusammen mit anti-individualisierender Teilung der Arbeit. David ist ein rückwärts gewandter Prophet, antiquarisch verzückt im Hinblick von Alt-England. Er muß es daher in der Ordnung finden, daß Neu-England vorübergeht und ihn stehenläßt, wie dringend überzeugt er auch rufen mag: "David Urquhart ist der einzige Mann, der euch retten kann!" So noch vor einigen Tagen auf einem Meeting in Stafford.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_266.htm

In seiner Einstellung zur Bourgeoisie war Urquhart sogar sehr einsichtig: vor der industriellen Revolution sei das Volk besser genährt und besser gekleidet gewesen. Leider hat ihm Marx genau in dem Punkt nicht folgen wollen und immer die Interessen der Bourgeoisie als identisch mit dem Fortschritt der Gesellschaft gepriesen, der zuletzt und erst nach der Verelendung des Proletariats in der unvermeidbaren Krise des Kapitalismus dann endlich zum Sozialismus führen werde. Ein dorniger Weg für Revolutionäre.

Am 20. Juli schreibt Friedrich Engels einen Leitartikel für die New-York Daily Tribune über die „Perspektiven des Krieges“, in dem er wieder völlig falsche Vorhersagen macht.

Die Einnahme der Südseite von Sewastopol für dieses Jahr ist eine Vorstellung, die jetzt selbst von der englischen Presse aufgegeben wurde. Ihnen ist nur die Hoffnung geblieben, die Stadt Stück für Stück niederzuwerfen, und wenn sie es durchsetzen, mit derselben Eile vorzugehen wie bisher, wird die Belagerung in ihrer Dauer die von Troja erreichen. Es ist durchaus kein Grund für den Glauben vorhanden, daß sie ihr Werk in beschleunigter Geschwindigkeit vollbringen werden, denn wir sind jetzt so gut wie offiziell unterrichtet, daß das bisher befolgte fehlerhafte System hartnäckig fortgesetzt werden soll. Der Krim-Korrespondent des Pariser "Constitutionnel", ein Mann von hohem Rang in der französischen Armee - man glaubt, daß es General Regnault deSaint-Jean-d'Angely, Kommandant der Garden ist -, hat klar ausgesprochen, das Publikum könne sich die Mühe sparen, sich in Spekulationen über eine Kampagne im freien Feld und die eventuelle Einschließung der Nordseite von Sewastopol zu ergehen. Unter den gegenwärtigen Umständen, sagt er, könne das nicht geschehen ohne Aufhebung der Belagerung und ohne Überlassung des ganzen Plateaus an die Russen. Es sei daher entschieden worden, so hart als möglich auf die einmal angegriffene Position loszuhämmern, bis zu ihrer völligen Zerstörung. Nun, auf die Ankündigungen dieses Briefes kann man sich stützen, da jeder Grund vorhanden ist, zu glauben, nicht nur, daß der französische Kaiser sie billigt, sondern selbst, daß er jeden Bericht aus dieser Quelle vor dem Drucke revidiert. Dabei ist Regnault einer seiner speziellen Günstlinge.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_368.htm

Nur die zitierte Information des Korrespondenten der Pariser Zeitung ist zutreffend; die umfangreichen Spekulationen von Engels habe ich dem Leser jetzt erspart.

Es gibt jedoch eine Chance, daß etwas Entscheidendes eintritt. Wenn es die Russen fertigbringen könnten, außer den schon herangebrachten Truppen noch weitere 50.000 Mann heranzubringen, um so ihrer Armee ein unumstößliches Übergewicht zu sichern, könnten sie den Alliierten ernste Niederlagen beibringen und sie so zwingen, sich wieder einzuschiffen. Um diese Möglichkeit zu beurteilen, müssen wir die Kräfte betrachten, die die Russen an ihrer ganzen ausgedehnten Grenze unter Waffen halten…
(ebenda)

Schade um das Papier. Die Überlegungen des „Generals“ werden von der Realität immer schnell eingeholt, da hätte man ja auch jeden anderen Phantasten in der Tribune publizieren lassen können.

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Hellmann
14.01.2009, 18:39
Im August berichtet Marx in der „Neuen Oder-Zeitung“ vom großen Polen-Meeting in London und weiht den Leser in die Hintergründe des politischen Geschäfts im Exil in England ein. Was man ja nicht oft genug zur Lehre für angehende Revolutionäre in den Blick rücken könnte; leider liegt genau dieses nicht im Interesse der üblichen Vordenker des Marxismus heute, da gibt es dann eher wieder eine Runde „Wertformanalyse“ zur Schulung der Anhänger:

London, 13. August. Die wiederholten ärgerlichen Ausfälle der Regierungsblätter auf das große Polenmeeting, das vergangenen Mittwoch in St. Martins Hall abgehalten wurde, machen einige Randglossen nötig. Die Initiative des Meetings ging offenbar vom Ministerium selbst aus. Vorgeschoben war die "Literarische Gesellschaft der Freunde Polens", eine Gesellschaft, gebildet aus Anhängern Czartoryskis einerseits und der polenfreundlichen englischen Aristokratie andererseits. Seit ihrem Entstehen war diese Gesellschaft ein blindes Werkzeug in der Hand Palmerstons, der sie vermittelst des kürzlich verstorbenen Lord Dudley Stuart handhabte und kontrollierte. Die Polenadressen und Deputationen, die sie jährlich Palmerston zusandte, waren eins der großen Mittel, seinen "antirussischen" Ruf am Leben zu erhalten. Die Anhänger Czartoryskis zogen ihrerseits aus dieser Verbindung wichtige Vorteile: Als die einzig respektablen, sozusagen "offiziellen" Repräsentanten der polnischen Auswanderung zu figurieren, die demokratische Partei der Emigration niederzuhalten und über die bedeutenden materiellen Hilfsmittel der Gesellschaft als Werbegelder für ihre eigne Partei zu verfügen. Heftig und langwährend ist der Zwist zwischen der Literarischen Gesellschaft und der "Zentralisation" der demokratischen Polengesellschaft. Im Jahre 1839 hielt letztere ein großes öffentliches Meeting zu London, worin sie die Intrigen der "Literarischen" Gesellschaft enthüllte, daß die historische Vergangenheit der Czartoryskis entrollte (dies geschah von Ostrowski, Verfasser einer englisch geschriebenen Geschichte Polens) und ihren Gegensatz zu den diplomatisch-aristokratischen "Wiederherstellern" Polens laut kundgab. Von diesem Augenblicke war die usurpierte Stellung der "Literarischen" Gesellschaft erschüttert. Im Vorbeigehen sei noch bemerkt, daß die Ereignisse der Jahre 1846 und 1848/1849 ein drittes Element der Polenemigration hinzufügten, eine sozialistische Fraktion, die indes mit der demokratischen gemeinschaftlich der Czartoryski-Partei entgegenwirkt.

Der Zweck des von der Regierung veranlaßten Meetings war ein dreifacher: Bildung einer Polenlegion, um sich in der Krim eines Teils des "polnischen Auslandes" zu entledigen; Wiederauffrischung von Palmerstons Popularität; endlich Überlieferung jeder etwaigen Polenbewegung in seine und Bonapartes Hände. Die Regierungsblätter behaupten, eine tiefgelegte Konspiration, von russischen Agenten ausgehend, habe den Zweck des Meetings vereitelt. Nichts lächerlicher als diese Behauptung. Die Mehrzahl der Audienz in St. Martins Hall bestand aus Londoner Chartisten. Das regierungsfeindliche Amendement (1) wurde von einem Urquhartisten gestellt und von einem Urquhartisten unterstützt - von Collett und Hart. Die im Saale verteilten Druckzettel des Inhalts:

"Das Meeting sei von englischen Aristokraten berufen, die nur das alte britische Regierungssystem zu halten strebten usw.", "Polen verdamme jede Allianz mit den jetzigen Machthabern Europas, wolle von keiner der bestehenden Regierungen hergestellt sein, nicht zum Werkzeug diplomatischer Intrigen herabsinken usw."

Diese Druckzettel waren unterzeichnet vom Präsidenten und Sekretär des "polnisch-demokratischen Komitees". Bedenkt man nun, daß zu London Chartisten, Urquhartisten und die eigentlich "demokratisch"-polnische Emigration, alle drei zueinander in nicht weniger als freundschaftlichen Beziehungen stehen, so fällt jeder Verdacht einer "Verschwörung" weg.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_486.htm

Ja - so geht es zu in der Politik und mit Karl Marx und Friedrich Engels haben wir einen organisierter Teil dieser Konspirationen mit den zu erwartenden Urquhartisten und Chartisten im Bunde. Die „Neue Oder-Zeitung“ zielte wohl auf polnische Leser und daher war das Thema interessant und wer es wie darstellen würde.

Nach fast einjähriger Belagerung gelang am 8. September 1855 nach dreitägigem schwerem Kanonenbeschuss und einem Sturmangriff von fünf französischen und britischen Divisionen auf verschiedene Teile des Verteidigungsgürtels die Einnahme der strategisch wichtigen Bastion am Malachowturm. Fürst Michael Gortschakow gab daraufhin den Befehl zur Räumung von Sewastopol und in der Nacht zum 9. September zogen die 40.000 russischen Soldaten über eine vorbereitete Brücke über die Bucht nach Norden ab und die Festungsanlagen wurden von Pionieren gesprengt.

Fast 160.000 Soldaten waren auf beiden Seiten gefallen, mehr als die Hälfte davon durch Kälte, Mangelernährung, schlechtes Trinkwasser und die Zustände in den Lazaretten bedingt an Ruhr, Cholera und anderen Krankheiten gestorben.

Friedrich Engels berichtet für die „Neue Oder-Zeitung“ vom 14. September 1855:

London, 11. September. Die Kanonen des James' Parks und des Towers kündigten London gestern abend 9 Uhr den Fall der Südseite von Sewastopol an. In den Lyceum-, Haymarket-, Adelphi-Theatern hatten die Schauspieldirektoren endlich die Genugtuung, die Hurras, die "God save the Queen" und die "Partant pour la Syrie" auf offizielle Depeschen statt wie bisher auf falsche Vorwände hin herauszufordern.

Der Krimfeldzug hat endlich seinen Wendepunkt erreicht. Seit ungefähr einer Woche gaben die russischen Telegraphen zu, daß das alliierte Feuer den Linien von Sewastopol beträchtlichen Schaden zugefügt habe und daß der Schaden "soviel als möglich", also nicht völlig, ausgeglichen sei. Wir erfuhren dann gestern, daß Sonnabend, den 8. September, um Nachmittag die Alliierten 4 Bastionen gestürmt hätten, vor einem derselben geschlagen wurden, zwei wegnahmen, eins davon wieder räumen mußten, schließlich aber das vierte und wichtigste behaupteten, den Malachowturm (Kornilow-Bastion), dessen Verlust die Russen zur Zerstörung und Räumung der Südseite zwang.



Die Einnahme des Malachow-Hügels bildete sofort den Wendepunkt der Belagerung. Der Malachow kommandiert vollständig die Karabelnaja und den östlichen Abhang des Hügels, worauf die Stadt Sewastopol erbaut ist. Er nimmt in den Rücken die Seeforts auf der südlichen Seite des Hafens und macht den ganzen innern Hafen und den größeren Teil des äußeren Hafens unhaltbar für die russischen Kriegsschiffe.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_525.htm

Die Meisterleistung des ungestörten, sofortigen Rückzugs der russischen Truppen aus dem gesamten Festungswerk mag Engels nicht anerkennen. In seinem Leitartikel für die Tribune vom 1. Oktober 1855 heißt es:

Es gibt nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder war die morale der russischen Soldaten so sehr zerrüttet, daß es unmöglich gewesen wäre, sie hinter der inneren Verteidigungslinie einigermaßen geordnet wieder zu sammeln, um den Kampf weiterzuführen, oder der Mangel an Proviant begann nicht nur in Sewastopol, sondern auch draußen im Lager sich empfindlich bemerkbar zu machen. Die fast ununterbrochene Reihe von Niederlagen, die der russischen Armee beigebracht wurden - von Oltenitza und Cetate bis zur Schlacht an der Tschornaja und dem Sturm vom 8. September -, muß sicherlich den Mut der Verteidiger von Sewastopol völlig gebrochen haben, um so mehr, da sich diese hauptsächlich aus den gleichen Truppen zusammensetzten, die an der Donau und später bei Inkerman geschlagen worden waren. Die Russen haben ein ziemlich träges Empfinden im Ertragen von Widerwärtigkeiten und Gefahren und können länger als die meisten anderen Truppen Niederlagen ertragen; aber keine Armee in der Welt kann bis in die Ewigkeit zusammenhalten, wenn sie von jedem Feind, auf den sie stößt, geschlagen wird, und wenn sie einer langen Kette von Niederlagen nichts anderes entgegenzustellen hat als die negative Genugtuung ihres hartnäckigen und langen Widerstandes und ein einziges Beispiel erfolgreicher, aktiver Verteidigung wie die vom 18. Juni. Aber ein solcher Widerstand in einer belagerten Festung hat auf die Dauer schon von selbst eine demoralisierende Wirkung.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_530.htm

So kann einer nur schreiben, wenn er entweder von militärischen Fragen wirklich keine Ahnung hat oder einfach speziell dafür angeheuert ist, die russische Seite in der Presse anzuschmieren.

Ziemlich gegenstandslos ist auch die Erörterung der Lage Russlands für die „Neue Oder-Zeitung“ von Engels:

Die Reise des Kaisers von Rußland nach Odessa; die Übersiedelung seiner Gemahlin von Petersburg nach dem Herzen des heiligen Rußland, nach Moskau; die Zurücklassung Konstantins, des kriegerischsten seiner Brüder, am Sitz der Regierung; alle die Umstände gelten als so viel Beweise, daß Rußland zum äußersten Widerstand entschlossen ist. Nikolajew und Cherson, die zwei meist befestigten Punkte Südrußlands, bilden jetzt das Zentrum einer Reservearmee, die in diesem Augenblicke in den Gouvernements von Taurien und Cherson zusammengezogen wird. Neben den Armeereserven (Mannschaften, den 5., 6., 7. und 8. Bataillons angehörig), deren Anzahl unbestimmbar, sollen 40.000 Milizen in Nikolajew konzentriert sein, während sich zu Odessa ungefähr 25.000 Mann befinden. Es ist unmöglich, die Richtigkeit dieser Angaben zu prüfen. Soviel ist sicher: beträchtliche Streitkräfte konzentrieren sich in Südrußland.

Der strategische Plan Rußlands zieht nicht nur den Verlust der Krim in Erwägung, sondern selbst einen feindlichen Einfall in Südrußland…
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_542.htm

Der Wintereinbruch stand bevor, das hätte Engels auch in England am Kalender ablesen können. Die Allierten hatten ihr teuer genug erkauftes Ziel erreicht, mit der Einnahme von Sewastopol einen Sieg über den Zaren zu erringen, und vor allem stand die Lage der Türken im Osten sehr schlecht; bald sollte noch die belagerte Festung Kars vor den Russen kapitulieren.

Die kaukasische Armee des Zaren hatte im Sommer 1855 die armenischen Gebiete der Türkei erobert, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurde, und danach die Festung Kars eingeschlossen. Die 30.000 von dem britischen Oberst Williams befehligten türkischen Soldaten in Kars mussten am 29. November vor den 40.000 Mann des russischen Generals Murawjew kapitulieren, weil ihnen die Lebensmittel ausgegangen und die Cholera ausgebrochen war.

Dadurch konnte Russland trotz der Niederlage von Sewastopol aus einer wieder gestärkten Position heraus die Friedensverhandlungen führen, die über den Winter ohne weitere wichtige Ereignisse bis ins Frühjahr 1856 dauerten.

Am 30. März 1856 beendete der Dritte Pariser Frieden den Krimkrieg. Die Unabhängigkeit der Türkei wurde von allen Unterzeichnern garantiert und das Schwarze Meer für neutral erklärt: alle Nationen durften Handelsschiffe entsenden, aber keine Kriegsschiffe, und Russland durfte keine Festungen an der Schwarzmeerküste bauen.

Mit der Einnahme von Sewastopol enden auch die bisher umfangreichen Korrespondenzen von Marx und Engels in der New-York Daily Tribune und für die „Neue Oder-Zeitung“. Im Oktober, November und Dezember 1855 findet sich jeweils nur eine Korrespondenz in der Tribune.

http://www.mlwerke.de/me/me_ak55.htm

Auch im folgenden Jahr werden die Artikel und Korrespondenzen rar:

http://www.mlwerke.de/me/me_ak56.htm

Man könnte hier glauben, außer Kriegsberichtserstattung hätten die beiden Autoren kein Thema gewusst oder zumindest war dann niemand interessiert, es ihnen abzudrucken.

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Hellmann
14.01.2009, 18:51
Im April 1856 kann Marx etwas im „The People's Paper" der Chartisten zur Kapitulation der Festung Kars schreiben:

Der Fall von Kars ist der Wendepunkt in der Geschichte des Scheinkrieges gegen Rußland. Ohne den Fall von Kars keine fünf Punkte, keine Konferenzen, kein Vertrag von Paris, mit einem Worte, kein Scheinfrieden. Denn, wenn wir aus den Blaubüchern der Regierung selbst beweisen können - und seien sie auch noch so sorgfältig zusammengebraut, durch Auszüge verstümmelt, durch Weglassungen verunstaltet und durch Fälschungen gefärbt und geflickt -, daß das Kabinett Lord Palmerstons den Fall von Kars von Anfang an geplant und bis ans Ende systematisch durchgeführt hat, dann lüftet sich der Schleier, und das Drama des Orientkrieges mit all seinen staunenerregenden Zwischenfällen löst sich aus den Nebeln, in die es bis jetzt diplomatisch eingehüllt war.http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_601.htm

Seine Werttheorie ist ein Nichts, aber seine Verschwörungstheorien gegen den alten Lord Palmerston sind immer wieder ein Kunstwerk:

Gegen Ende Mai 1855 berichtet General Williams Lord Redcliffe, der wiederum an Lord Clarendon berichtet, daß

"bei Gumry eine starke Streitmacht, bestehend aus 28.000 Mann Infanterie, 7.500 Mann Kavallerie und 64 Geschützen der Artillerie, zusammengezogen sei, und daß der Muschir die Nachricht erhalten habe von der Absicht des Feindes, Kars zu attackieren. In diesem befestigten Lager haben wir 13.900 Mann Infanterie, 1.500 Mann Kavallerie und 42 Feldgeschütze."

Sieben Tage später, am 3. Juni, meldet Williams an Clarendon:

"Ich habe jetzt noch für vier Monate Proviant in der Garnison Kars, und ich hoffe zuversichtlich, daß die Zentralregierung und die Alliierten diesem Überbleibsel einer Armee bald beweisen werden, daß es nicht ganz von ihnen vergessen ist."

Diese Depesche (siehe die Akten von Kars, Nr. 231) wurde am 25. Juni in der Downing Street empfangen. Die britische Regierung erfuhr also an diesem Tage, daß Kars am 3. Oktober fallen mußte, wenn es keine Hilfe erhielt, darauf baute sie nun ihre weiteren Operationen auf…
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_601.htm

Den Rest der spannenden Verschwörungsgeschichte lese man bei Bedarf selbst und ziehe die naheliegenden Schlüsse.

Die Beziehung von Marx zu David Urquhart war mit dem Krimkrieg nicht zu Ende und David Urquhart sollte noch 1860 ein einflussreicher Mann sein, als in Berlin die Herausgabe einer Zeitung durch den Urquhart-Anhänger Eduard Fischel geplant war. Der Rechtsanwalt Fischel war in Berlin Assessor am Stadtgericht und Publizist für Urquhart und bat Marx in einem Brief vom 30. Mai 1860 um Mitarbeit an dieser „Deutschen Zeitung“, für die nach Angaben von Marx reichliche finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Der Eduard Fischel soll nach Mehring zur „literarischen Leibgarde des Herzogs von Coburg“ gehört haben, die einen übelsten Ruf genoss, und sein früher Tod muss nicht unbedingt ein Unfall gewesen sein.

Fischel, Eduard, Publizist, geb. 1826 zu Danzig, studierte Jurisprudenz und war seit 1858 Assessor beim Stadtgericht in Berlin. Zugleich als politischer Schriftsteller thätig, erregte er besonders Aufsehen durch die vom Herzog von Koburg angeregte Schrift "Despoten als Revolutionäre" (Berl. 1859), welche vielfach dem Herzog von Koburg selbst beigelegt wurde und in England eine Gegenschrift von Ismael hervorrief, hinter dem man einen der Publizisten Palmerstons vermutete. Durch scharfe Polemik gegen die Politik Napoleons III. zeichnete sich seine Schrift "Gallischer Judaskuß" (Antwort auf Edmond Abouts Schrift "Preußen im Jahr 1860") aus. Daneben beleuchtete F. in "Preußens Aufgabe in Deutschland" (Berl. 1859) und "Männer und Maßregeln" (das. 1861) die innern Zustände Preußens und wies auf die Notwendigkeit und die Wege einer Selbstregierung hin. Diesen und andern Flugschriften folgte ein größeres Werk: "Die Verfassung Englands" (Berl. 1862, 2. Aufl. 1864), das, obschon nicht durchaus richtig und zuverlässig, durch klare und geistvolle Darstellung fesselt. Zu weiterer Verfolgung seiner Arbeiten ging F. nach Paris, ward aber bald nach seiner Ankunft 9. Juli 1863 überfahren und getötet.
http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=105741

Also auch ein Gegner des Lord Palmerston und des Napoleon III. und ein Mitstreiter des David Urquhart wie Marx und Engels. Ernst II. Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha - Eduard Fischel war zeitweise dessen Sekretär und verfasste mehrere Schriften mit dem und für den Herzog – förderte Ende der 1850er und in den 1860er Jahren die liberale Einigungsbewegung in Deutschland.

Da dieser Gothaer zur englischen Dynastie gehört, die Urquhart gegen Palmerston und die Ministerusurpation überhaupt verwendet, … so konnte ihm nichts gelegner sein, als unter dessen Namen in Deutschland gegen Rußland u. Palmerston opponiren zu lassen. Fischel`s Broschüre „Despoten als Revolutionäre“ wurde daher ins Englische übersetzt als „The Duke of Coburg`s Pamphlet“ u. erschien Palmerston doch wichtig genug eigenhändig in einem Pamphlet (anonym) zu antworten, das ihn sehr compromittirt hat.
(Marx an Lassalle, 1./2. Juni 1860)

Die übliche Darstellung von Marx selbst, als würde hier eine „Partei der Kommunisten“ gleichberechtigt mit den Urquhartisten einen politisch notwendigen Kampf gegen Russland führen, hat die wissenschaftliche Marxforschung umgehend übernommen. Dabei liegt doch ganz offen, dass hier ein einflussreicher Flügel der britischen Dynastie mit Hilfe ihres Agenten David Urquhart und dessen Unteragenten Karl Marx den Kampf gegen den Lord Palmerston und dessen Anhang im Parlament und außerhalb, wie Mazzini und Kossuth, führt.

In einem Beitrag für die Tribune vom 25. Februar 1856 zieht Marx wieder einmal deutlich über die „käufliche Regierungspresse“ her, ohne seine Leser über die eigenen Hintergründe diesbezüglich zu unterrichten:

London, Freitag, 8. Februar 1856

Wenn man absieht von der käuflichen Sippschaft der Regierungspresse, scheint niemand in England sonderlich an eine englisch-amerikanische Spannung zu glauben. Die einen halten sie für einen Trick, um die Aufmerksamkeit von den Friedensverhandlungen abzulenken. Andere geben vor, daß Palmerston eine gegenseitige Abberufung der Botschafter betreiben wird, wenn er ausscheidet, wie das Pitt vor dem Frieden von Amiens getan hat, um zurückzukehren, wenn wiederum ein wahrhaft englischer Minister benötigt wird. Aus der Art und Weise, wie der Disput geführt wird, schließen sehr kluge Leute, daß das Ganze nur ein gewöhnlicher Wahltrick des Präsidenten <Pierce> ist. Die demokratische Presse sieht, wie Bonaparte sich hinter den Kulissen damit vergnügt, mörderischen Krieg zwischen den Angelsachsen auf beiden Seiten des Atlantik zu schüren. Sonst ist jeder völlig davon überzeugt, daß, wie scharf die offizielle Sprache auch immer sein mag, auch nicht die geringste Aussicht besteht für die Eröffnung von Feindseligkeiten. Wir konnten feststellen, daß diese Ansicht auch von dem französischen Regierungsblatt, dem "Constitutionnel", geteilt wird, das seinen Herrn und Meister sowohl der Neuen als auch der Alten Welt als Friedensstifter anpreist.

Der Hauptumstand, den man bei der Einschätzung dieser Affäre nicht aus den Augen verlieren sollte, ist das fast völlige Erlöschen der Entente cordiale zwischen England und Frankreich, das von der englischen Presse mehr oder weniger offen zugegeben wird. Sehen wir uns z.B. die Londoner "Times" an, das Blatt, das noch vor kurzem diesen Bonaparte als einen viel größeren Mann als den eigentlichen Napoleon pries, und das vorschlug, alle übelgesinnten Leute auszuweisen, die diese Glaubenslehre nicht anerkennen. In einem Leitartikel meint es nun, daß das einzige Hindernis, das dem Frieden im Wege steht, Bonapartes Übereifer ist, den Frieden zu erhalten. Diesem Artikel folgte ein anderer, der darauf anspielt, daß das "auserwählte Werkzeug der Vorsehung" in letzter Instanz ein bloßer pis-aller der französischen Gesellschaft ist, den man gelten läßt, "weil kein einziger Mann zu finden war, in den die Nation ihr Vertrauen und ihre Achtung setzen konnte". In einem dritten Artikel beschimpft das Blatt Bonapartes ganzen Stab von Generalen, Ministern, Beamten usw. als eine buntscheckige Bande von Börsenspekulanten und Glücksrittern. Die Sprache der englischen Provinzpresse ist noch weniger reserviert. Man betrachte andererseits den veränderten Ton der französischen Zeitungen - ihre widerliche Speichelleckerei und Schmeichelei Rußland gegenüber, die so sehr von ihrer gemäßigten Antipathie England gegenüber absticht. Fernerhin beachte man die recht bestimmten Drohungen, eine allgemeine kontinentale Koalition zu bilden, die von österreichischen, belgischen und preußischen Blättern geäußert werden. Und nehmen wir schließlich die russische Presse, die sich in ihren Friedenshomilien ostentativ ausschließlich an Frankreich wendet, ohne England auch nur zu nennen.
http://www.mlwerke.de/me/me11/me11_588.htm

Ja, so steht es um die Presse noch heute und mit allen ihren Korrespondenten.

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Hellmann
17.01.2009, 15:04
Zur Kritik der politischen Ökonomie


Ein Produkt der reinen Hirnweberei, um einen bekannten Ausdruck von Marx dafür zu verwenden, war diese im Jahr 1859 als erstes Heft bei Franz Duncker in Berlin veröffentlichte Vorarbeit zum späteren Kapital. Eine kurze Zusammenfassung von Mehring dürfte den Inhalt ausreichend beschreiben:

Nun ist die Ware unmittelbare Einheit von Gebrauchs- und Tauschwert, und zugleich ist sie Ware nur in Beziehung auf die anderen Waren. Die wirkliche Beziehung der Waren aufeinander ist der Austauschprozeß. In diesem Prozeß, den die voneinander unabhängigen Individuen eingehen, muß sich die Ware darstellen zugleich als Gebrauchs- und als Tauschwert, als besondere Arbeit, die besondere Bedürfnisse befriedigt und als allgemeine Arbeit, die austauschbar ist gegen gleiche Mengen allgemeiner Arbeit. Der Austauschprozeß der Waren muß den Widerspruch entwickeln und lösen, daß die individuelle Arbeit, die in einer besonderen Ware vergegenständlicht ist, unmittelbar den Charakter der Allgemeinheit haben soll.

Als Tauschwert wird jede einzelne Ware zum Maße der Werte aller anderen Waren. Umgekehrt aber wird jede einzelne Ware, in der alle andern Waren ihren Wert messen, adäquates Dasein des Tauschwerts, wird somit der Tauschwert eine besondere ausschließliche Ware, die durch Verwandlung aller anderen Waren in sie unmittelbar die allgemeine Arbeitszeit des Geldes vergegenständlicht. So ist in der einen Ware der Widerspruch gelöst, den die Ware als solche einschließt, als besonderer Gebrauchswert allgemeines Äquivalent und daher Gebrauchswert für jeden, allgemeiner Gebrauchswert zu sein. Und diese eine Ware ist - Geld.
http://www.mlwerke.de/fm/fm03/fm03_245.htm#Kap_5

Weil sich hoffentlich jeder fragen wird, wer den Quatsch in Umlauf gesetzt hat und das noch ausgerechnet in Berlin kurz nach dem Kommunistenprozess von Köln, werfen wir gleich einen Blick auf das königlich-preußische Verlagswesen in Berlin.

Der Verleger Franz Duncker, bei dem seinerzeit auch Lassalle publizierte, war der Sohn des Verlegers Carl Friedrich Wilhelm Duncker, der eine Tochter des Bankiers und preußischen Heereslieferanten Wolff Levy geehelicht hatte. Zu den ersten Autoren des Verlages zählte Johann Wolfgang von Goethe und später verlegte Duncker Leopold von Ranke und gab sämtliche Werke von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heraus. Ein Bruder des Franz Duncker, Alexander Duncker, ebenfalls Verleger, stand mit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in regem Briefwechsel und trug seit 1841 den Titel „Königlicher Hofbuchhändler“. Franz Duncker selbst war 1859 Mitbegründer des Deutschen Nationalvereins, der sich für einen kleindeutschen Staat unter preußischer Führung einsetzte und gegen Österreich.

Franz Duncker und Ferdinand Lassalle standen in engem gesellschaftlichem Kontakt und trafen sich in den Salons der Varnhagen oder im Hause des Bankiers Joseph Mendelssohn mit Leuten wie Alexander von Humboldt, Hans von Bülow oder dem General von Pfuel. Zeitweise wohnte Lassalle im Haus von Duncker.

Nach einer Prügelei mit einem Intendanturrat im Tiergarten war Lassalle zwar aus Berlin ausgewiesen worden und hatte mit den beiden Brüdern Duncker eine Reise durch die Schweiz unternommen, durfte aber gleich nach der Entlassung des Ministeriums Manteuffel-Westphalen mit dem Regentschaftsantritt des Prinzen und durch dessen Entscheidung, „daß die von dem Literaten Ferdinand Lassalle beantragte Niederlassung in Berlin polizeilich nicht mehr weiter gehindert werde", wieder in Berlin wohnen. 1857 war der König Wilhelm IV. schwer erkrankt und die Regentschaft war am 7. Oktober 1858 an dessen Bruder Wilhelm I. übergeben worden.

Wir sehen also, wie eng die Verbindungen zwischen den Revolutionären und den Königshäusern und ihren Regierungen immer waren, trotz aller persönlichen Fehden, die da natürlich auch ausgetragen wurden. Ob Lassalle nun ursprünglich gehofft hatte, dass ein gutes Verhältnis zu Marx ihm bei Ferdinand von Westphalen wieder helfen könnte, darf man annehmen, wenn man nicht an wilde Zufälle menschlicher Beziehungen glauben mag.

Der 1825 geborene Ferdinand Lassalle war im Alter von 20 Jahren vom Obersten Graf Keyserling mit der doppelt so alten Sophie Gräfin von Hatzfeldt bekannt gemacht worden, die sich gegen den Wunsch ihrer Familie von ihrem Mann trennen wollte. Über Jahre zogen sich die Gerichtsprozesse und Skandale hin, wobei Lassalle wegen gestohlener Kassetten selbst von Februar bis August 1848 inhaftiert war, aber von den Geschworenen freigesprochen wurde, was man heute mit seiner „Eloquenz“ zu erklären pflegt, wofür sich allerdings kein Geschworener etwas kaufen kann. Seien wir also nicht naiv, wenn wir uns schon dem materialistischen Denken bei der historisch-politischen Analyse verschrieben haben.

Als Marx nach Köln kam, war Lassalle im Gefängnis, die Gräfin mittellos und in großer Aufregung um ihren Sohn. Marx nahm sich ihrer an, lieh ihr Geld, verkehrte in ihrem Düsseldorfer Haus, demonstrierte mit ihr öffentlich zugunsten des eingesperrten Lassalle – eine der äußerst seltenen Manifestationen dieser Art in Marx Leben.
(Raddatz, a.a.O. S. 215)

Diese „seltene Manifestation“ würde sich wohl besser damit erklären, dass Marx, der ja im Jahr 1848 in Köln auch noch andere Verpflichtungen hatte, wohl wieder nicht durch Zufall und Langeweile und Überfluss an finanziellen Mitteln in diesen Bekanntenkreis geriet, sondern die Gräfin zu betreuen hatte und dafür mit den erforderlichen Geldern versorgt wurde, wodurch sich die Bekanntschaft mit der gerade finanzbedürftigen Gräfin leicht herstellen ließ. Man kann das natürlich auch alles mit dem bekannten Charme und Genie und Selbstlosigkeit unseres großen Denkers Marx erklären wollen.

Im Juli 1849 kam es dann doch noch zur Verurteilung des Lassalle und zusätzlichen sechs Monaten Haft, weil er zu gewaltsamem Aufstand aufgerufen hatte:

Als der offne Kampf zwischen der seligen Nationalversammlung und der Krone jeden Tag ausbrechen konnte, war Düsseldorf bekanntlich eine der agitiertesten Städte der Rheinprovinz. Hier war die Bürgerwehr ganz auf Seite der Nationalversammlung und außerdem von einem Demokraten angeführt. Sie war bereit, den passiven Widerstand in den aktiven zu verwandeln, sobald von Berlin aus das Signal dazu gegeben war. Waffen und Munition waren vorhanden. Lassalle und Cantador standen an der Spitze der ganzen Bewegung. Sie forderten die Bürger nicht bloß auf, sich gegen das Ministerium Manteuffel zu bewaffnen, sie bewaffneten wirklich.
http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_454.htm

Der Prozess war eine Farce, weil der Mitangeklagte Cantador wegen seines starken Rückhalts im rheinischen Bürgertum nicht verurteilt werden und Lassalle nicht freigesprochen werden durfte. Im Hintergrund dürfte es immer noch um die Gräfin Hatzfeldt gegangen sein, deren Ehegatte in Düsseldorf reich und einflussreich war.

Im August 1854 erzielte die 1851 geschiedenen Gräfin mit ihrem Gatten einen Vergleich und konnte nun über ein Vermögen von 300.000 Talern verfügen; Lassalle bekam eine lebenslängliche Rente und lebte noch bis 1856 bei ihr in Düsseldorf bis die Gräfin nach Berlin zog.

Marx kam schon im Dezember 1857 in einem Brief an Engels auf die Idee, dass Lassalle sich ihm in Berlin für sein Buch nützlich machen könne; er dürfte dabei schon geahnt haben, dass es sich kaum von selbst verkaufen würde, sondern nur mit entsprechenden Empfehlungen und in einem bekannten und einflussreichen Verlag. Warum Marx so kurz nach dem Kölner Kommunistenprozess die preußische Zensur nicht gefürchtet hat, können wir uns sicher inzwischen leicht ausmalen. Jedenfalls wurde eine anonyme Veröffentlichung nicht diskutiert.

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