Beverly
23.11.2009, 12:28
Vor einigen Wochen sagte eine Freundin zu mir, sie findet es bigott, dass in der BRD viele Leute von den Annehmlichkeiten des Systems profitieren, es aber zugleich ablehnen.
Nun ist es in der Tat schizophren, etwas zu bekämpfen, was einem nützt und ein relativ angenehmes Leben ermöglicht. Aber man muss sich dazu über zwei Dinge im Klaren sein:
1. Was sind die Dinge, die einem das gute Leben ermöglichen?
2. Was sind die Dinge, die man bekämpft, weil man ihnen gleichgültig oder ablehnend gegenüber eingestellt ist oder weil sie einen selbst bedrohen?
Dazu habe ich folgendes Gedankenexperiment gemacht:
Ich habe in meinem Kopf die Geschichte der letzten 500 Jahre - der "Neuzeit" und "Moderne" - ohne wesentliche Fortschritte in Wiessenschaft und Technik ablaufen lassen. Nur Hochseeschiffahrt, ein bisschen Manufakturwesen ein paar Verbesserungen im Ackerbau, etwas Buchdruck - und sonst nix :mad: !
Das ist dann eine Welt, wo man die Sterne nur beobachtet, um auf See zu navigieren und noch das geozentrische Weltbild gilt. Die Erde als Kugel mit einer gläsernen Sphäre, auf der die Gestirne angeheftet sind, ist für Hochseeschiffahrt völlig ausreichend.
Auch höhere Mathematik, philsophische Reflexionen über den Urgrund des Seins und dergleichen habe ich gestrichen. Ist nicht die Wissenschaft die Magd der Theologie? Die Theologen erklären dann, warum die oben oben sind und die unten unten sind.
Die Massen brauchen auch keinen großartigen Konsum und wenn ein Kind an Blinddarmentzündung stirbt, fällt das bei 5 oder 10 Kindern nicht so ins Gewicht.
Nun wären Fahrräder meines Erachtens den Autos vorzuziehen. Aber können wir uns nicht leisten :mad: - schließlich braucht die Erfindung des Herrn Drais halbwegs ebene Straßen und das gemeine Volk muss weiter ohne sie auskommen.
Es gibt nicht nur keine Glühbirnen, sondern es gilt auch der Satz: Straßenbeleuchtung ist gegen den Willen Gottes, weil Gott die Nacht dunkel gemacht hat. (mit dieser Anekdote hat ein arabischer Autor belegt, wie rückständig die Europäer im Mittelalter waren).
Aber Obacht! Abgesehen vom Verzicht auf moderne Technik und Wissenschaft läuft die Geschichte der letzten 500 Jahre so wie wir sie kennen! Das bedeutet:
Die Kulturen der Indianer in Amerika werden vernichtet und sie bis auf klägliche Reste ausgerottet. Nur fahren die Puritaner halt nicht im Cadillac, sondern in Kutschen durch die Gegend.
In den Südstaaten gab es auch die Plantangenwirtschaft und Sklaverei.
Auch in der Welt ohne Technik fielen die Sklavenhändler über Afrika her und verschleppen Millionen Afrikaner nach Amerika.
Allenfalls China mag in einer Welt ohne Technik vom Terror der Europäerverschont geblieben sein. Weil dazu der technologische Vorsprung Europas nicht groß genug war. Japan konnte sich weiter abkapseln und unter dem Tokugawa-Regime vor sich hin stagnieren.
Wie die Geschichte der realen frühen Neuzeit bewiesen hat, reichte den Europäern aber vergleichsweise primitive Technik - Nussschalen von Segelschiffen, ein paar Navigationsgeräte, primitive Kanonen - um Amerika, Afrika und Südasien zu terrorisieren. Das geschieht auch in der Welt ohne Technik.
Wale werden von Segelschiffen aus mit Harpunen mit Explosivgeschossen gejagt. Da geht das Ausrotten nicht so schnell wie mit motorbetriebenen Trawlern, aber es geht auch.
In China der realen Neuzeit hat sich im 18. Jahrhundert die Bevölkerung von 100 auf 400 Millionen Menschen vervierfacht. Das können wir als Maßstab für die demografische Entwicklung eines Europas ohne höhere Technik nehmen. Es leben nicht so viele Menschen wie im realen Europa, aber sie leben ohne höhere Technik viel viel schlechter! Hungersnöte und Seuchen werden von den Herrschenden und ihren Intellektuellen als demografisches Regulativ benutzt.
Dass schon "Naturvölker" Mittel zur Geburtenkontrolle kannten und die Frauen anderswo in der Welt entsetzt darüber waren, dass die Europäerinnen 5 bis 10 Kinder hatten, wird in dieser Parallelwelt unter den Teppich gekehrt. Die Naturvölker gibt es auch bald nicht mehr, weil europäische Siedler ihren Platz einnehmen :rolleyes2:
An dieser Stelle breche ich das Gedankenexperiment ab. Ich ziehe daraus diese Schlüsse:
1. Die Entwicklung der letzten 500 Jahre war so, dass jeder redlich denkende Mensch sie verwerfen und verurteilen muss!
Obwohl die außereuropäischen Kulturen schwere Mängel hatten - Klitorisbeschneidung in Afrika, Menschenopfer und Tyrannei der Azteken, Erstarrung und rigide Hierarchien in China und Japan ... - gab nichts den Europäern das Recht, sie als minderwertig zu diffaminieren, zu unterjochen, zu zerstören und auszurotten.
2. Wissenschaft und Technik sind zweifellos Mittel der Destruktion, aber nicht ihre Ursache.
Die Destruktion fand schon mit vergleichsweise einfachen Mitteln - Selgeschiffe - statt und so wurde oft von ungebildeten Menschen betrieben. Pizarro, der das Inkareich zerstörte, soll ein Schweinehirt gewesen sein.
3. Ohne höhrere Wissenschaft und Technik hätte die Destruktion auch stattgefunden.
Hiroshima wäre in eine Welt ohne Technik nicht durch eine Atombombe zerstört worden. Aber vor Hioshima gab es hunderte Städte, die mit einfachen Mitteln und unvorstellbarer Graumsamkeit dem Erdboden gleich gemacht worden sind. Die Spanier brauchten für Tenochtitlan auch keine Atombombe.
4. Was wir an Wohlleben haben, verdanken wir in erster Linie Wissenschaft und Technik.
Das gilt nur sehr eingeschränkt, weil bis heute nur eine Minderheit der Menschheit wirklich von Wissenschaft und Technik profitiert. Aber ohne schnurlose Telefone, Computer, Glühbirnen, Eisenbahnen, Impfungen gegen Infektionskrankheiten und dergleichen mehr wäre das Leben in Europa und Nordamerika so die Hölle wie es das in Afrika zum Teil ist.
Die politischen, kulturellen und geistigen Entitäten, die viele Menschen so hoch halten, versagen zu großen Teilen dabei, ein menschenwürdiges Leben zu schaffen.
Nun mag man einwenden, dass Technizismus pur ohne Bezug auf tradierte Kultur, die Muttersprache, das über Generationen gewachsene Volk und seinen Glauben zu einer Gesellschaft nach dem Muster der Borg aus Star Trek führt. Nur werden all diese Entitäten so gnadenlos in den Dienst von Ausbeutung und Unterdrückung genommen, dass auch und gerade mit ihnen Gesellschaften nach Borg-Art entstehen. "Wir sind die Borg, sie werden islamisiert werden", habe ich einmal einer sturen Islamistin geschrieben. Was unterscheidet den Konformismus im Gottesstaat eigentlich vom Borg-Kollektiv? Wären da nicht die entstellenden Implantate, würde ich das Kollektiv der Borg schon allein wegen der Möglichkeit wissenschaftlicher Studien vorziehen.
5. Nur freies Denken hilft uns aus der Misere
Der nächste Einwand ist, dass "Technikgläubigkeit" ebenso ein Glauben ist wie etwa der Islam oder das Christentum. Tatsächlich gibt es viele Beispiele für peinlichen technizistischen Obskurantismus. Sei es "Scientology", sei es der Aberglaube der Nazi-Technokraten an die Züchtung einer "höheren Rasse", seien es die Wirtschaftswissenschaften, die so gar nichts wirklich erklären oder gar verbessern können.
Da hilft IMHO nur eine Geisteshaltung, die ich als "freies Denken" um Unterschied sowohl zur "Aufklärung" als auch zur blinden Unterwerfung unter Wertesysteme bezeichnen möchte. Freies Denken beinhaltet das Streben nach Erkenntnis, neuen Erfindungen und dergleichen mehr. Aber Wissenschaft und Technik sind da nicht Selbstzweck, sondern sollen das Leben der Menschen einfacher machen. Vermutlich hat es das "freie Denken" in der einen oder anderen Form gegeben, seitdem es Menschen gibt.
Nur haben es die Herrschenden immer wieder unterdrückt, weil sich dumme und ängstliche Menschen leichter beherrschen lassen. Im Zeichen der "Aufklärung" wurde dann etwas als große Neuentdeckung ausgegeben, was vor der geistigen Unterjochung durch Kirche und co. eine Binsenweisheit war: den eigenen Verstand zu benutzen.
Nun ist es in der Tat schizophren, etwas zu bekämpfen, was einem nützt und ein relativ angenehmes Leben ermöglicht. Aber man muss sich dazu über zwei Dinge im Klaren sein:
1. Was sind die Dinge, die einem das gute Leben ermöglichen?
2. Was sind die Dinge, die man bekämpft, weil man ihnen gleichgültig oder ablehnend gegenüber eingestellt ist oder weil sie einen selbst bedrohen?
Dazu habe ich folgendes Gedankenexperiment gemacht:
Ich habe in meinem Kopf die Geschichte der letzten 500 Jahre - der "Neuzeit" und "Moderne" - ohne wesentliche Fortschritte in Wiessenschaft und Technik ablaufen lassen. Nur Hochseeschiffahrt, ein bisschen Manufakturwesen ein paar Verbesserungen im Ackerbau, etwas Buchdruck - und sonst nix :mad: !
Das ist dann eine Welt, wo man die Sterne nur beobachtet, um auf See zu navigieren und noch das geozentrische Weltbild gilt. Die Erde als Kugel mit einer gläsernen Sphäre, auf der die Gestirne angeheftet sind, ist für Hochseeschiffahrt völlig ausreichend.
Auch höhere Mathematik, philsophische Reflexionen über den Urgrund des Seins und dergleichen habe ich gestrichen. Ist nicht die Wissenschaft die Magd der Theologie? Die Theologen erklären dann, warum die oben oben sind und die unten unten sind.
Die Massen brauchen auch keinen großartigen Konsum und wenn ein Kind an Blinddarmentzündung stirbt, fällt das bei 5 oder 10 Kindern nicht so ins Gewicht.
Nun wären Fahrräder meines Erachtens den Autos vorzuziehen. Aber können wir uns nicht leisten :mad: - schließlich braucht die Erfindung des Herrn Drais halbwegs ebene Straßen und das gemeine Volk muss weiter ohne sie auskommen.
Es gibt nicht nur keine Glühbirnen, sondern es gilt auch der Satz: Straßenbeleuchtung ist gegen den Willen Gottes, weil Gott die Nacht dunkel gemacht hat. (mit dieser Anekdote hat ein arabischer Autor belegt, wie rückständig die Europäer im Mittelalter waren).
Aber Obacht! Abgesehen vom Verzicht auf moderne Technik und Wissenschaft läuft die Geschichte der letzten 500 Jahre so wie wir sie kennen! Das bedeutet:
Die Kulturen der Indianer in Amerika werden vernichtet und sie bis auf klägliche Reste ausgerottet. Nur fahren die Puritaner halt nicht im Cadillac, sondern in Kutschen durch die Gegend.
In den Südstaaten gab es auch die Plantangenwirtschaft und Sklaverei.
Auch in der Welt ohne Technik fielen die Sklavenhändler über Afrika her und verschleppen Millionen Afrikaner nach Amerika.
Allenfalls China mag in einer Welt ohne Technik vom Terror der Europäerverschont geblieben sein. Weil dazu der technologische Vorsprung Europas nicht groß genug war. Japan konnte sich weiter abkapseln und unter dem Tokugawa-Regime vor sich hin stagnieren.
Wie die Geschichte der realen frühen Neuzeit bewiesen hat, reichte den Europäern aber vergleichsweise primitive Technik - Nussschalen von Segelschiffen, ein paar Navigationsgeräte, primitive Kanonen - um Amerika, Afrika und Südasien zu terrorisieren. Das geschieht auch in der Welt ohne Technik.
Wale werden von Segelschiffen aus mit Harpunen mit Explosivgeschossen gejagt. Da geht das Ausrotten nicht so schnell wie mit motorbetriebenen Trawlern, aber es geht auch.
In China der realen Neuzeit hat sich im 18. Jahrhundert die Bevölkerung von 100 auf 400 Millionen Menschen vervierfacht. Das können wir als Maßstab für die demografische Entwicklung eines Europas ohne höhere Technik nehmen. Es leben nicht so viele Menschen wie im realen Europa, aber sie leben ohne höhere Technik viel viel schlechter! Hungersnöte und Seuchen werden von den Herrschenden und ihren Intellektuellen als demografisches Regulativ benutzt.
Dass schon "Naturvölker" Mittel zur Geburtenkontrolle kannten und die Frauen anderswo in der Welt entsetzt darüber waren, dass die Europäerinnen 5 bis 10 Kinder hatten, wird in dieser Parallelwelt unter den Teppich gekehrt. Die Naturvölker gibt es auch bald nicht mehr, weil europäische Siedler ihren Platz einnehmen :rolleyes2:
An dieser Stelle breche ich das Gedankenexperiment ab. Ich ziehe daraus diese Schlüsse:
1. Die Entwicklung der letzten 500 Jahre war so, dass jeder redlich denkende Mensch sie verwerfen und verurteilen muss!
Obwohl die außereuropäischen Kulturen schwere Mängel hatten - Klitorisbeschneidung in Afrika, Menschenopfer und Tyrannei der Azteken, Erstarrung und rigide Hierarchien in China und Japan ... - gab nichts den Europäern das Recht, sie als minderwertig zu diffaminieren, zu unterjochen, zu zerstören und auszurotten.
2. Wissenschaft und Technik sind zweifellos Mittel der Destruktion, aber nicht ihre Ursache.
Die Destruktion fand schon mit vergleichsweise einfachen Mitteln - Selgeschiffe - statt und so wurde oft von ungebildeten Menschen betrieben. Pizarro, der das Inkareich zerstörte, soll ein Schweinehirt gewesen sein.
3. Ohne höhrere Wissenschaft und Technik hätte die Destruktion auch stattgefunden.
Hiroshima wäre in eine Welt ohne Technik nicht durch eine Atombombe zerstört worden. Aber vor Hioshima gab es hunderte Städte, die mit einfachen Mitteln und unvorstellbarer Graumsamkeit dem Erdboden gleich gemacht worden sind. Die Spanier brauchten für Tenochtitlan auch keine Atombombe.
4. Was wir an Wohlleben haben, verdanken wir in erster Linie Wissenschaft und Technik.
Das gilt nur sehr eingeschränkt, weil bis heute nur eine Minderheit der Menschheit wirklich von Wissenschaft und Technik profitiert. Aber ohne schnurlose Telefone, Computer, Glühbirnen, Eisenbahnen, Impfungen gegen Infektionskrankheiten und dergleichen mehr wäre das Leben in Europa und Nordamerika so die Hölle wie es das in Afrika zum Teil ist.
Die politischen, kulturellen und geistigen Entitäten, die viele Menschen so hoch halten, versagen zu großen Teilen dabei, ein menschenwürdiges Leben zu schaffen.
Nun mag man einwenden, dass Technizismus pur ohne Bezug auf tradierte Kultur, die Muttersprache, das über Generationen gewachsene Volk und seinen Glauben zu einer Gesellschaft nach dem Muster der Borg aus Star Trek führt. Nur werden all diese Entitäten so gnadenlos in den Dienst von Ausbeutung und Unterdrückung genommen, dass auch und gerade mit ihnen Gesellschaften nach Borg-Art entstehen. "Wir sind die Borg, sie werden islamisiert werden", habe ich einmal einer sturen Islamistin geschrieben. Was unterscheidet den Konformismus im Gottesstaat eigentlich vom Borg-Kollektiv? Wären da nicht die entstellenden Implantate, würde ich das Kollektiv der Borg schon allein wegen der Möglichkeit wissenschaftlicher Studien vorziehen.
5. Nur freies Denken hilft uns aus der Misere
Der nächste Einwand ist, dass "Technikgläubigkeit" ebenso ein Glauben ist wie etwa der Islam oder das Christentum. Tatsächlich gibt es viele Beispiele für peinlichen technizistischen Obskurantismus. Sei es "Scientology", sei es der Aberglaube der Nazi-Technokraten an die Züchtung einer "höheren Rasse", seien es die Wirtschaftswissenschaften, die so gar nichts wirklich erklären oder gar verbessern können.
Da hilft IMHO nur eine Geisteshaltung, die ich als "freies Denken" um Unterschied sowohl zur "Aufklärung" als auch zur blinden Unterwerfung unter Wertesysteme bezeichnen möchte. Freies Denken beinhaltet das Streben nach Erkenntnis, neuen Erfindungen und dergleichen mehr. Aber Wissenschaft und Technik sind da nicht Selbstzweck, sondern sollen das Leben der Menschen einfacher machen. Vermutlich hat es das "freie Denken" in der einen oder anderen Form gegeben, seitdem es Menschen gibt.
Nur haben es die Herrschenden immer wieder unterdrückt, weil sich dumme und ängstliche Menschen leichter beherrschen lassen. Im Zeichen der "Aufklärung" wurde dann etwas als große Neuentdeckung ausgegeben, was vor der geistigen Unterjochung durch Kirche und co. eine Binsenweisheit war: den eigenen Verstand zu benutzen.