Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : "Wenn die Welt ein Dorf wäre ..." - warum wird aus der Menschheit nichts?


Beverly
07.06.2009, 13:52
Wie es um die Menschheit bestellt ist, zeigt ein Szenario, wo man sich die Welt als Dorf mit 100 Einwohnern vorstellen muss:

Wenn wir die ganze Menschheit auf ein Dorf von 100 Einwohnern reduzieren und auf die Proportionen aller bestehenden Völker achten würden, so wäre dieses Dorf so zusammengestellt:
(...)
6 Personen würden 59% des gesamten Weltreichtums besitzen
und alle 6 Personen kämen aus den USA.

80 hätten keine ausreichenden Wohnverhältnisse
70 wären Analphabeten
50 wären unterernährt
1 würde sterben
2 würden geboren
1 hätte einen PC
1 hätte einen akademischen Abschluss


Quelle und vollständiger Text auf: http://www.orbit9.de/wissen/weltdorf.php

Die Welt und ihre Bewohner auf Dorfgröße zusammengeschrumpft, zeigen wie erbärmlich es um sie bestellt ist. So ist mir aus Diskussionen mit Rechten und Linken, real und virtuell fast niemand bekannt, dessen Ordnungsvorstellungen für ein Dorf zu so einem Horror führen würden.

In der Regel wäre es so:

Alle Bewohner des Dorfes hätten genug zu essen, eine ausreichende Wohnung und könnten lesen und schreiben. Höhere Bildung wäre eine Sache der Begabung und Neigung und nicht der sozialen Herkunft. Im armen, durch die Not bauernkommunistischen Dorf stände der eine PC im Dorfgemeinschaftshaus und alle könnten ihn nutzen. Im reicheren anarchokapitalistisch-technokratischem Dorf hätten 20 bis 60 Personen ihren eigenen PC und die übrigen gingen ins Internet-Café.
Selbst kommunistische Dörfler würden einsehen, dass man nicht alle gleich arm halten kann und es Unterschiede gäbe - Bauer Macke hat einen neuen großen Traktor, Bauer Rose einen kleinen alten etc. "Kapitalistische" Dörfler widerum fänden es nicht sonderlich hip, wenn 6 Leute 60 Prozent alles Besitzes hätten und die Mehrheit im Elend lebt. Macht Kapitalismus nicht mehr Spaß, wenn alle was von haben?

Die diversen Dörfler wären sich in den oben genannten wirtschaftlichen und sozialen Aspekten vermutlich trotz aller Unterschiede zwischen kommunistischen und kapitalistischen Dörfern recht einig. Niemand darf hungern, man darf aber auch niemanden alles wegnehmen, was er oder sie selbst erarbeitet hat und es auf die verteilen, die weniger fleißig waren.

Unterschiede zwischen den Dörfern gäbe es in viele höhrem Maße in der Lebensweise, der Kultur und damit zusammenhängenden Ideologien. Eine Kirche fürs ganze Dorf? Einen Tempel oder eine Moschee? Oder Kirche, Tempel und Moschee im gleichen Dorf? Verträgt sich Bauerkommunismus mit Religion oder sollen Kirchen, Moscheen und Tempel geschleift werden?
Dann sind noch 11 von 100 Dorfbewohner homosexuell. Vielleicht sogar mehr ... wie gehen die und die Heterosexuellen miteinander um?
Was machen die Dorfbewohner, wenn alle materiellen Bedürfnisse gedeckt sind? Sich aus Langeweile mit dem Nachbardorf prügeln ("Krieg")? Sich den schönen Künsten oder der Wissenschaft widmen, weil Krieg unmoralisch und Müßiggang aller Laster Anfang ist? Oder den Lastern frönen - Wein, Weib und Gesang? Im Kapitalistendorf Besitz anhäufen, auch wenn man ihn nicht braucht um im Jubeljahr wieder verschenken oder investieren muss, weil totes Kapital tötet?
Frönen die Dörfler vielleicht im Namen ihres Glaubens perversen oder sadistischen Ritualen wie manche vorkolumabianischen Indianderkulturen?

Wie sieht es mit den Beziehungen zu anderen Dörfern aus? Schottet man sich ab oder ist offen für Neues? Treibt man Handel miteinander oder fasst die Inter-Dorf-Beziehungen als Geflecht komplizierter Intrigen und Konflikte auf wie bei den Stadtstaaten der antiken Griechen und der Mayas. Sollen sich alle Dörfer friedlich vereinen oder wenigstens bei großen Aufgaben zusammenarbeiten?
Vielleicht entwickeln alle Dörfer ungeachtet ihrer Gegensätze, Eigenheiten und Konflikte so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine gemeinsame Identität. So haben sich auch alte Griechen und Mayas als Einheit verstanden, obwohl sie in Kleinstaaten zerfallen waren, die sich ständig in den Haaren lagen. Warum sollte das nicht auch den globalen Dörfern gelingen?

Soweit die Dorf-Metapher. Sie zeigt, dass auch bei anthropoligischem Pessimismus - doch etwas aus der Menschheit hätte werden können. Warum aus der Menschheit in gewissen Sinne "nichts" geworden ist, bedarf einer Erklärung, die über Allgemeinplätze der Form "weil es so gekommen ist, ist es so gekommen" hinausgeht.

Mögliche Antworten auf die Frage, warum aus der Menschheit nichts geworden ist, kreisen um folgende Themenkoplexe:

1. Die anthropologische Antwort

Sie lautet: "Der Mensch ist an die Grenzen des ihm genetisch Möglichen gestoßen und zu mehr nicht in der Lage." Ich halte diese Antwort für problematisch, weil in ihrer Vulgärform alles Elend und jede Schikane letztendlich mit "dem Menschen" oder "der Natur des Menschen" erklärt wird.
Zum einen ist es ein Zirkelschluss, zum anderen wird die Natur des Menschen nicht erklärt.
Man kann gerade mit Bezug auf die ominöse Natur des Menschen diese Antwort sogar umdrehen und hat als Erklärung:

2. Gesellschaften und Ideologien, die nicht mit der Natur des Menschen übereinstimmen

Es fängt damit an, dass 11 der 100 Dorfbewohner homosexuell sind und viele Religionen und (rechte) Ideologien deren Diskriminierung oder gar Ermordung fordern. Zudem sind 52 Dorfbewohner Frauen und Frauen werden in vielen Wertesystemen noch immer drangsaliert und als minderwertig angesehen. Die 48 Männer im Dorf werden durch solche "patriarchalen" Wertesysteme nicht unbedingt zu besseren Menschen oder gar den Machern, die das Dorf in Schwung bringen. Im Gegenteil: 4 oder 5 Männer im patriarchalen Dorf sind bösartige Tunten oder Klemmschwestern, die ihre Mitmenschen tyrannisieren. Als "Männer" im positiven Sinne eine Fehlbesetzung! Mit den übrigen 43 Männern sieht es nicht unbedingt besser aus. 20 malochen wie die Stiere, der Rest ist eher dumm und faul.
Rechtschaffene Männer und Frauen in diesem Dorf fragen sich, womit sie das alles verdient haben, denn

3. Die Menschen leiden nicht entsprechend, sondern wider ihre "Natur"!

Was immer man vom Menschen halten mag, so verfahren doch recht viele nach der Devise "austeilen und einstecken" und wer nicht gern einstecken mag, soll sich auch beim "Austeilen" zurückhalten. Menschen ertragen Entbehrungen und stehen nach Tiefschläger wieder auf, wo man sie schon für tot gehälten hätte.
So zuwider mir diese Vorstellung ist, so mag etwas die Maya-Hochkultur für Leid entsprechend der "menschlichen Natur" stehen. Vor 1000 Jahren fetzten sich sich da, schlachteten sich auf ihren Opfersteinen ab und ließen sich selbst opfern. Als sie keine Lust mehr dazu hatten, gaben sie ihre Städte auf und lebten als Bauern im Dschungel.
Nur scheint es mir heute so: die Menschen sollen leiden, leiden, leiden und werden getadelt, wenn sie darauf keine Lust haben. Von ihnen wird nicht Leid als Konsequenz ihrer Handlungen oder als "Durchgangsstadium" für ein besseres Leben verlangt. Nein, sie sollen immerzu leiden und den Dörflern, wo alle ein Dach über dem Kopf und genug zu essen haben, wird das Dorf, wo 70 von 100 hungern, als Beispiel vorgehalten.
Also sinnloses, nicht der menschlichen Natur entsprechendes Leid.

4. Resultat anonymer gesellschaftlicher Dynamiken

Der Zustand der Welt und der Menschen ist die Folge gesellschaftlicher Prozesse, die "wie Naturgesetze" wirken. Wir selbst tun uns das Leid an, über das wir klagen. Wir tun es oft nicht wissentlich oder vorstätzlich, aber wir tun es als Teil der Interaktionen mit anderen Menschen. Am "Markt" oder anderen Prozessen in der "Massengesellschaft". Es kommt alles von selbst und ist vielleicht auch nicht zu ändern. Der Hartz-IV-Empfänger, der zu faul und bequem für politische Arbeit ist, hat am ganzen Elend ebenso viel Schuld wie Peter Hartz. Wobei es ihm noch besser geht als 70-80 der 100 Dorfbewohner.
Aber der politisch Aktive mit und ohne Hartz IV hat da zwangsläufig Erfahrungen gemacht, die ihn an dieser Sichtweise zweifeln lassen.

5. "Eingriffe von außen" - Verschwörungstheoretiker an die Front!

Es mag die massengesellschaftliche Dynamik geben, wie sie in 4. skizziert wurde. Aber sind nicht alle Beteiligten gleich mächtig, sondern es gibt Hierarchien von Macht und Ohnmacht, von Wirkung und Vergeblichkeit. Peter Hartz hat mehr Macht als seine Opfer, die Erwerbslosen und es gibt - anonyme - Kräfte, die deutlich mehr Macht haben als Peter Hartz.
Last but not least gibt es Mächte, welche Massengesellschaften steuern, ohne selbst ihrer oft selbst für Hochgestellte tödlichen Dynamik unterworfen zu sein. Die, die in "Gated Communities" oder Villen an der Côte d'Azur leben. Die die Länder plünder, auf die sie selbst nie einen Fuß gesetzt haben.
Die, welche Tür an Tür mit denen wohnen mögen, deren Leben sie durch ihre Intrigen zerstören. Die, welche sich mit Vermögen und/oder neuer Stellung ins Exil nach Kalifornien verdrücken, nachdem sie ihr Heimatland kaputt gemacht oder ausgesaugt haben.
"Außen" kann vieles bedeuten und von den "Meistern der Insel" zu irgendwelchen irdischen Verschwörerclicquen ist es da vielleicht kein so großer Schritt.

6. Aus der Menschheit ist doch etwas geworden

... wir merken es nur nicht! Für einen Gelehrten z. B. des späten Mittelalters wäre das 21. Jahrhundert trotz Kritik vielleicht ein großer Erfolg, weil er selbst um 1400 in einem System vegetieren mussten, das nicht einmal die Bedürfnisse einer halben Milliarde Menschen befriedigen konnte. Und wo sich die Herrschenden und ihnen hörige Eliten darum einen Dreck scherten!
Im Dreißigährigen Krieg fiel im Juni Schnee, heute drehen wir bei 10 Grad im Juni die Zentralheizung an. Dieser Tage wurde ein Nazi-Kriegsverbrecher im Alter von 89 Jahren nach Deutschland zur Aburteilung überstellt. In Den Hag schmort derweil diverses Balkan-Kleinzeug im Kriegsverbrecherknast und mag über Ungleichbehandlung jammern. 1648 kam kein Mensch darauf, den Verantwortlichen des Dreißigjährigen Krieges als Großverbrecher den Prozess zu machen.
Das Prinzip der Stufenrakete soll aus dem 16. Jahrhundert stammen, nur fand sein Erfinder damals keine Regierung, die ihn förderte. Schließlich hatten die alle Wichtigeres zu tun - siehe oben Dreißigjähriger Krieg :rolleyes2: Heute bauen wir unter dem Gezeter von Raumfahrt-Gegnern - "die Probleme auf der Erde lösen" - Instrumentenkapseln und Teleskope, um deren Raffinesse uns vielleicht sogar Außerirdische beneiden.

Unter dieser Sichtweise ist es mit "nichts geworden" vielleicht so: Im Laufe der Geschichte ändert sich nicht nur das Leben, sondern auch Maßstäbe und Normen wandeln sich. Heute ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit mit Sicherheit nicht kleiner als im Mittelalter und es mag sogar Dinge geben, wo wir etwas qua demographischer Expansion und technischer Mittel schlimmer sind als die Menschen damals. Aber in anderen sind wir auch besser und wir haben vermutlich - ohne uns dessen bewusst zu sein - mancham sogar strengere Normen als damals. Für den Umgang der Menschen miteinander, für das Handeln des Staates gegen die Menschen etc. Sogar meine christlich-fundamentalistische Sekte warnte vor einer Idealisierung des Mittelalters: damals gab es nicht unbedingt mehr Glauben, sondern auch mehr "Aberglauben".

7. Aus der Menschheit wird noch etwas werden

Nicht die Menschheit und der Mensch, sondern die um 1750 begonnene Epoche ("Moderne") ist an ihre Grenzen gestoßen. Mit heutigen massengesellschaftlichen Strukturen und Verhaltensmustern lässt sich mehr nicht erreichen, aber den Menschen sind andere und bessere Vergesellschaftungsformen möglich.
Es kann auch sein, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die jetzigen Strukturen auf die eine oder andere Art und Weise ad absurdum führt.

8. Der Mensch hat seinen Platz im Kosmos noch nicht gefunden

Soweit ich das überblicken kann, ist das Thema vieler Religionen der Platz des Menschen im Kosmos. Nur verorten die meisten Religionen den Menschen da ganz unten in einem oft kruden oder gar kranken Kosmos. Den meisten Göttern früherer Religionen möchte man nicht unbedingt allein und im Dunkeln begegnen, weil es ... nun ja, Psychopathen sind. Der Regengott der Mayas z. B. erfreute sich am Weinen von Kindern, na klasse :rolleyes2: Auch beim Gott der Juden, Christen und Moslems kommen gewisse Zweifel. In einem anderen Forum schrieb jemand, als sich um die Zeit 1000 vor Christus das Bild des "einzigen Gottes" herauskristallisierte, hätten die Menschen die damaligen Herrscher im Nahen Osten als Vorbild genommen. Und diese Herrscher hätten Ähnlichkeit mit Adolf Hitler gehabt ...
So ist es kein Wunder, dass die Menschen im Zuge der Aufklärung den ihn von den Religionen zugewiesenen Platz im Kosmos nicht mehr akzeptierten. Weil der Platz zu bescheiden war, weil der "König der Welt" (der Koran über Gott) nicht immer gütig, sondern auch jähzornig, rachsüchtig und grausam war. Weil die Religionen ein falsches Bild vom Kosmos malten ...
... nur ist die Aufklärung über ihr Ziel hinausgeschossen. Sie hat eine universelle Moral konzipiert, die außerhalb, ja über jeder Art von Herrschaft steht. Schluss mit den "geoffenbarten" Steinigungen und dergleichen! Die Wissenschaften malten das Bild eines Kosmos, der einem absoluten Gott eigentlich viel würdiger ist als die Käseglocke, in der sich die Menschen im Mittelalter wähnten.
Aber über den Platz des Menschen im neuen Kosmos schweigen sich die Aufklärer weitgehend aus. Bestrebungen, so einen Platz zu finden, werden von ihnen ignoriert oder gar kaltlächelnd abgeschmettert. Nihilismus ist Trumpf und im Werte-Vakuum machen sich Faschisten und Fundamentalisten breit. Ideologien, die im Namen der Ordnung das Chaos noch schlimmer machen.

Hellmann
07.06.2009, 22:05
Ich habe mal dafür gestimmt, dass aus der Menschheit noch etwas werden wird.

Im Moment schaut es allerdings nicht danach aus. :traurig:

Habe allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Warum ist es bisher nicht richtig gelaufen?

1) Wichtigster Punkt: die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft durch den Menschen. Das hatte die Entsolidarisierung der Menschen zur Folge, die Geheimniskrämerei, die gezielte Verblödung der Untertanen durch die Herrschenden mittels Religion, Schule, Universität und Wissenschaft.

Als Kind haben sie einen - zu meiner Zeit - noch mit dem ganzen religiösen Unsinn vollgestopft und ich bin mit der unbeantworteten Frage aufgewachsen, wie die Erwachsenen so einen Scheißdreck glauben können, wie die Geschichten vom Jesulein und der heiligen Jungfrau.

Ob es heute besser ist?

Heute werden die Kinder eher mit Öko indoktriniert und mit Katastrophengeschichten über Klima und dergleichen traumatisiert.

Ohne die Ausbeutung zu beenden, werden wir die Verdummung und unterdrückung nicht beenden können. Aus dem Christentum ist mir noch das Bild vom "guten Hirten" und seinen Schafen in Erinnerung, wie die Herrschenden es gerne von sich zeichnen.

2) Eigentlich bin ich Individualist und Eigenbrötler.

Dass die Menschen sich freiwillig nicht organisieren können, scheint mir der zweite wichtigste Punkt. Da zieht jeder herum und ist nur mit seinem privaten Krimskrams beschäftigt. Jeder überlegt unablässig seinen persönlichen Vorteil, wie er die anderen über den Tisch ziehen kann, wie er sich verkaufen kann zum höchstmöglichen Preis.

Da ist ein Riesenreich wie China untergegangen, weil die sich nicht gegen die britischen Drogendealer organisieren konnten. Dabei hätten die besseren Waffen der Europäer gegen die Überzahl der Chinesen nichts genützt. Die Folge der Unterwerfung Chinas waren Abermillionen Tote, von der Eroberung durch Japan über die Zeit der Warlords bis zum "Marxismus".

Jedesmal kann eine Handvoll Verbrecher ungestört seine Interessen durchsetzen, weil die Massen noch nicht einmal zum Zuhören und Aufmerken fähig sind, wenn man ihnen erklärt, was da gerade passiert.

3) Und doch bin ich zuversichtlich, dass es klappen wird, gelingen muss, dass die Menschheit in Zukunft nicht mehr nur ein großer Haufen von Idioten sein wird. :rolleyes2:

Randle P. McMurphy
08.06.2009, 09:26
Mir fällt zu diesem Thema immer nur der Turmbau zu Babel ein.
Ludwig Hirsch hat mal ein Lied drüber gesungen - das Hoffnung
gibt - trotz unserer Realität- mir gefällt es immer noch.




Der Turm



lch weiß noch genau, ich war vielleicht fünf Jahre alt,
da hab' ich mir von Mutter einen Strumpf über den Kopf gezogen,
bin damit runter zur Milchfrau und hab' gebrüllt:
"Fruchtjoghurt oder Leben!"

Sie haben mich zur Strafe den ganzen Tag in mein Zimmer
gesperrt,
haben die Vorhänge zugezogen, die Glühbirne aus der Fassung
geschraubt
und mich mit der Dunkelheit und einer Fliege,
die da irgendwo zwischen Vorhang und Fenster herumlärmte,
allein gelassen.

Ich hab' mich hing'setzt und hab' begonnen, aus meinen Träumen
einen Turm zu errichten.
Einen Turm, bis zum Himmel hoch.

Und ich und meine Freunde, der Franz, der Jakob, der Thomas und
auch die kleine Hildi,
wir zogen durch die Straßen und riefen alle Kinder der Welt
zusammen und luden sie ein,
mit uns in den Turm zu ziehen. Ja, und das taten sie dann auch.

Und wir sprachen alle die gleiche Sprache, lebten in Frieden,
waren frei und glücklich bis zum Himmel hoch, und niemand konnte
uns stören dabei,
denn vor dem großen Eingangstor war eine gewaltige,
feuerspeiende Fliege postiert,
die uns beschützte.

Und ich weiß noch genau, plötzlich polterte mein Vater ins Zimmer,
mit seinen schwarzen, schweren Schuhen, die er immer trug.
Er riß die Vorhänge auf, schraubte die Glühbirne in die Fassung,
erschlug die Fliege und rief: "Ausgeträumt mein Sohn! Raus!"

Da fiel mein Turm in sich zusammen, und alle Kinder der Welt
waren wieder,
wie auf einen Schlag, über die ganze Erde zerstreut,
und keiner verstand mehr die Sprache des anderen.

Und ich ging runter auf die Straße, traf dort den Franz, den Jakob,
den Thomas
und die kleine Hildi und erzählte ihnen meine Traumgeschichte.

Und an diesem Nachmittag beschloss der Franz, nicht
Verhaltensforscher,
sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern
Technischer Zeichner zu werden,
der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hildi
wollte sowieso immer Maurer lernen,
und ich beschloss, ganz einfach Träumeerzähler zu werden.

Und wir schworen uns hoch und heilig: "Bald, sehr bald bauen wir
einen Turm. Einen Turm, bis zum Himmel hoch!"



http://www.ludwighirsch.at/textindex.htm

Cheops
08.06.2009, 10:25
Auch dieses Thema ist nur ein weiterer Beleg, wie wenig Politik es in Deutschland gibt, über die man in einem Politikforum reden könnte.:nono:

Randle P. McMurphy
08.06.2009, 11:45
Hat meiner Meinung weniger mit Politik zu tun als mit der Natur des Menschen.

Beverly
08.06.2009, 15:20
Auch dieses Thema ist nur ein weiterer Beleg, wie wenig Politik es in Deutschland gibt, über die man in einem Politikforum reden könnte.:nono:

Wenn die Fragen in diesem Strang nicht Grundsatzfragen auf für Politik sind, dann taugt die Politik nichts. Und sie mag sogar deshalb im Kleinen so oft und so peinlich scheitern, weil die das Große und Grundlegende sträflich ignoriert. Und entweder keine oder grauenhafte "Werte" vertritt.

Beverly
08.06.2009, 15:21
Hat meiner Meinung weniger mit Politik zu tun als mit der Natur des Menschen.

Ein Pudding lässt sich leichter definieren als die "Natur" des Menschen.

Beverly
08.06.2009, 15:30
Jedesmal kann eine Handvoll Verbrecher ungestört seine Interessen durchsetzen, weil die Massen noch nicht einmal zum Zuhören und Aufmerken fähig sind, wenn man ihnen erklärt, was da gerade passiert.

Einer dieser Verbrecher hat bei seiner Festnahem gesagt: "Wenigstens 12 Jahre gut gelebt." Das war Hermann Görin und so dachten die Nazis alle: 12 Jahre große Party und alles andere war im Grunde Wurscht!

Cheops
08.06.2009, 15:38
Wenn die Fragen in diesem Strang nicht Grundsatzfragen auf für Politik sind, dann taugt die Politik nichts. Und sie mag sogar deshalb im Kleinen so oft und so peinlich scheitern, weil die das Große und Grundlegende sträflich ignoriert. Und entweder keine oder grauenhafte "Werte" vertritt. Eine Politik, die beim Urschleim der Motivation des Menschen anfängt und sich nicht an der Lösung ganz praktischer Probleme orientiert, die muss ganz einfach scheitern. Das habe ich jetzt seit 2005 lange genug gehabt!

Randle P. McMurphy
08.06.2009, 16:40
Einer dieser Verbrecher hat bei seiner Festnahem gesagt: "Wenigstens 12 Jahre gut gelebt." Das war Hermann Görin und so dachten die Nazis alle: 12 Jahre große Party und alles andere war im Grunde Wurscht!

Glaub ich nicht. Die dachten alle Ihr Reich würde 1000 Jahre bestand haben. :kopfkratz:

Beverly
09.06.2009, 09:10
Eine Politik, die beim Urschleim der Motivation des Menschen anfängt und sich nicht an der Lösung ganz praktischer Probleme orientiert, die muss ganz einfach scheitern. Das habe ich jetzt seit 2005 lange genug gehabt!

Ich kann mich nicht entsinnen, dass sich Merkel und co. irgendwie mit Grundsatzfragen beschäftigt haben. Wenn es darum geht, beschwören sie immer "christliche Werte" herauf und das auf eine peinliche und bigotte Art und Weise.

Beverly
09.06.2009, 09:16
Mir fällt zu diesem Thema immer nur der Turmbau zu Babel ein.
Ludwig Hirsch hat mal ein Lied drüber gesungen - das Hoffnung
gibt - trotz unserer Realität- mir gefällt es immer noch.




Der Turm



lch weiß noch genau, ich war vielleicht fünf Jahre alt,
da hab' ich mir von Mutter einen Strumpf über den Kopf gezogen,
bin damit runter zur Milchfrau und hab' gebrüllt:
"Fruchtjoghurt oder Leben!"

Sie haben mich zur Strafe den ganzen Tag in mein Zimmer
gesperrt,
haben die Vorhänge zugezogen, die Glühbirne aus der Fassung
geschraubt
und mich mit der Dunkelheit und einer Fliege,
die da irgendwo zwischen Vorhang und Fenster herumlärmte,
allein gelassen.

Ich hab' mich hing'setzt und hab' begonnen, aus meinen Träumen
einen Turm zu errichten.
Einen Turm, bis zum Himmel hoch.

Und ich und meine Freunde, der Franz, der Jakob, der Thomas und
auch die kleine Hildi,
wir zogen durch die Straßen und riefen alle Kinder der Welt
zusammen und luden sie ein,
mit uns in den Turm zu ziehen. Ja, und das taten sie dann auch.

Und wir sprachen alle die gleiche Sprache, lebten in Frieden,
waren frei und glücklich bis zum Himmel hoch, und niemand konnte
uns stören dabei,
denn vor dem großen Eingangstor war eine gewaltige,
feuerspeiende Fliege postiert,
die uns beschützte.

Und ich weiß noch genau, plötzlich polterte mein Vater ins Zimmer,
mit seinen schwarzen, schweren Schuhen, die er immer trug.
Er riß die Vorhänge auf, schraubte die Glühbirne in die Fassung,
erschlug die Fliege und rief: "Ausgeträumt mein Sohn! Raus!"

Da fiel mein Turm in sich zusammen, und alle Kinder der Welt
waren wieder,
wie auf einen Schlag, über die ganze Erde zerstreut,
und keiner verstand mehr die Sprache des anderen.

Und ich ging runter auf die Straße, traf dort den Franz, den Jakob,
den Thomas
und die kleine Hildi und erzählte ihnen meine Traumgeschichte.

Und an diesem Nachmittag beschloss der Franz, nicht
Verhaltensforscher,
sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern
Technischer Zeichner zu werden,
der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hildi
wollte sowieso immer Maurer lernen,
und ich beschloss, ganz einfach Träumeerzähler zu werden.

Und wir schworen uns hoch und heilig: "Bald, sehr bald bauen wir
einen Turm. Einen Turm, bis zum Himmel hoch!"



http://www.ludwighirsch.at/textindex.htm

In Dubai steht das höchste Hochhaus der Welt (http://de.wikipedia.org/wiki/Burj_Dubai) und obwohl ich deren System kritisch sehe - weil ultrakapitalistisch - ist mir die darin zum Ausdruck kommende Geisteshaltung lieber als unsere falsche und bigotte Bescheidenheit. Unsere Reichen und Superreichen bauen doch nur deshalb nicht solche Türme, weil sie sich lieber an den Starnberger See oder ins Tessin verdrücken.

Cheops
09.06.2009, 09:16
Ich kann mich nicht entsinnen, dass sich Merkel und co. irgendwie mit Grundsatzfragen beschäftigt haben. Wenn es darum geht, beschwören sie immer "christliche Werte" herauf und das auf eine peinliche und bigotte Art und Weise. Davon rede ich doch. Wenn sie mal gar nicht weiter weiß, beschwört sie christliche Werte oder verflucht den Sozialismus in der DDR. Das sind Grundsatzfragen, aber die anstehenden Probleme werden trotzdem nicht gelöst.
Außerdem werkelt Merkel vor sich hin und macht keine Politik. Sie kommt nur damit durch und dass ist von Übel für Land und Volk!

Randle P. McMurphy
09.06.2009, 09:19
Sorry Babe - Du hast meine Methaper leider nicht verstanden.
Der Turmbau ist ein Symbol für den Glauben an die Einheit, Frieden
und die Vernunft der Menschen welche es letztendlich gar nicht gibt.

Beverly
09.06.2009, 13:40
Wenn sie mal gar nicht weiter weiß, beschwört sie christliche Werte oder verflucht den Sozialismus in der DDR. Das sind Grundsatzfragen(...)
Nur aber völlig untaugliche.

Wobei ich aus der Existenz untauglicher Grundsätze aber nicht folgern mag, dass wir überhaupt keien Grundsätze und Grundsatzdebatten brauchen.

Cheops
09.06.2009, 13:51
Nur aber völlig untaugliche.

Wobei ich aus der Existenz untauglicher Grundsätze aber nicht folgern mag, dass wir überhaupt keien Grundsätze und Grundsatzdebatten brauchen. Solange anstehende Probleme nicht gelöst werden und das ist ja der Status Quo, sind Grundsatzdebatten nur Ablenkung. Ich hab von 1990 bis 94 auf Stadtbezirksebene Politik gemacht und da haben genau solche Grundsatzdebatten nur den Ablauf und die Umsetzung gestört.

Randle P. McMurphy
09.06.2009, 16:06
Nur aber völlig untaugliche.

Wobei ich aus der Existenz untauglicher Grundsätze aber nicht folgern mag, dass wir überhaupt keien Grundsätze und Grundsatzdebatten brauchen.

Nun es ist das Wesen einer Demokartie das es mehrere Ansichten
zu tauglich und untauglichen Grundsätzen geben "darf". :irre:

Paladin1988
14.06.2009, 14:20
ich bin davon überzeugt, dass, so wie nichts auf ewig ist, ist auch die Menschheit kein Ewigkeitsprojekt.

Entweder finden wir irgendwann unsere eigene Zerstörung oder man findet eine für die Menschheit, wie eine Schicksalsuhrzeit.

:(

Randle P. McMurphy
15.06.2009, 14:46
Das ist der Herzschlag des Universums. :D

Paladin1988
15.06.2009, 15:18
Das ist der Herzschlag des Universums. :D

Der Teufelskreislauf?

So wie die Dinos ihre Aussterbung fanden, werden auch wir "unseren" entdecken? Und irgendwann wird die nachfolger Zivilisation, wer auch immer das dann sein soll, dann sehen und sagen "vor 500.000 Jahren lebten hier Menschen, Pyramiden und Tempeln sind noch ihre ewig haltenden Denkmäler"

Randle P. McMurphy
15.06.2009, 16:23
Nun das Verschwinden von Spezies ist ein natürlicher Vorgang. :)

Cheops
15.06.2009, 18:38
Nun das Verschwinden von Spezies ist ein natürlicher Vorgang. :) Wenn dem so wäre, warum sterben dann die Idioten nie aus? Soweit ich das sehe, läuft GIGA noch immer..:rolleyes2:

Beverly
05.07.2009, 13:40
Ich hatte oft Diskussionen, bei denen ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten sich alle darin einig waren, dass zumindest in den Industrieländern die Menschen alles zum Leben materiell Notwendige doch schon haben. Die Konflikte sind keine Verteilungskämpfe um knappe Güter, sondern um all die Dinge, die jenseits des rein Materiellen liegen. Etwa, wie man Wirtschaft und Gesellschaft so organisiert, dass alle von materiellen Reichtung profitieren. Oder was die Menschen mit dem neu gewonnenen Freiraum machen.

Perfiderweise gab es aber in den letzten hundert Jahren IMHO mehrfach "Kehrwendungen", wo das Erreichen einer materiellen Sättigung nicht neue Möglichkeiten eröffnete, sondern ihm der Absturz folgte.

"Die goldenen Zwanziger"

In den 1920er Jahren war zumindest in den USA die Rede davon, dass man nun dicht vor dem Sieg über die Armut steht. Die USA waren der eigentliche und einzige Sieger des Ersten Weltkrieges, in ihren Städten wuchsen die Wolkenkratzer und Henry Fort entwickelte das Prinzip der Massenproduktion am Fließband weiter.
Doch 1929 kam der sattsam bekannte Absturz und nach Präsident Hoover wurden Zeltstädte von Obdachlos Gewordenen benannt. Erst die Nachfrage nach Rüstungsgütern durch den Zweiten Weltkrieg soll die Rezssion überwunden haben - nachdem die Menschen durch sie wieder zurück geworfen wurden! Geistig und kulturell ebenso wie materiell!

Berichte aus der Zeit so zwischen 1910 und 1940 legen für mich den Schluss nahe, dass damals auch in Deutschland bei realistischer Kalkulation der Sieg über die materielle Not schon möglich gewesen wäre. Zwar nicht mit Privatautos und Kreuzfahrten ins Mittelmeer, aber so, dass jeder genug zu essen und eine bescheidene, aber sichere Lebensperspektive hat.
Die beiden Weltkriege und die Wirtschaftskrise von 1929 machten dann den Sieg über die Not auch in Deutschland zunichte! Nach 1945 sollen die meisten Deutschen unterernährt gewesen sein und die meisten Schwangerschaften endeten mit einer Abtreibung.

Nach dem "Wirtschaftswunder"

Bei Diskussionen über mein Leben komme ich zu dem Schluss, dass wir um 1970 schon alles materiell zum Leben Notwendige hatten. Im übrigen auch ohne Auto, Reisen ins Ausland und Luxuskonsum, den es in meiner Familie nicht gab. Wachstum war überflüssig geworden bzw. etwas für Dritte-Welt-Länder. Die Grünen forderten, sich auf das Nullwachstum einzustellen und sie hatten Recht!
Aber anstatt neuer Perspektiven gab es wieder eine "Krise". Diesmal schleichend, kein so rabiater Schnitt wie 1929, sondern ein allmählicher Prozess, der sich zwischen 1973 und '83 über viele Jahre und an vielen Schauplätzen hinzog.

Aufschwung im Abschwung

Weil die Krise so schleichend war - eher ein langsamer Niedergang als ein plötzlicher Sturz - gab es auch Gegenkräfte oder schlicht Bestrebungen, es sich einzurichten und z. B. die Ära Kohl selbst auszusitzen. So eine Art Aufschwung im Abschwung, dessen Höhepunkt zwischen 1998 und 2000 war.
Danach ging es wieder bergab. Die Wahl von Bush in den USA, die Hartz-Gesetze in Deutschland, die Eskalation im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ... die "Finanzkrise" von 2008 hat ein langes Vorspiel.

Mir scheint es immer das gleiche Prinzip zu sein: haben sich die Menschen trotz Widrigkeiten aufgerappelt und von der letzten "Krise" erholt, kommt die nächste Krise. Warum?

deserd
05.07.2009, 19:25
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Nach dem "Wirtschaftswunder"

Bei Diskussionen über mein Leben komme ich zu dem Schluss, dass wir um 1970 schon alles materiell zum Leben Notwendige hatten. Im übrigen auch ohne Auto, Reisen ins Ausland und Luxuskonsum, den es in meiner Familie nicht gab. Wachstum war überflüssig geworden bzw. etwas für Dritte-Welt-Länder. Die Grünen forderten, sich auf das Nullwachstum einzustellen und sie hatten Recht!
Aber anstatt neuer Perspektiven gab es wieder eine "Krise". Diesmal schleichend, kein so rabiater Schnitt wie 1929, sondern ein allmählicher Prozess, der sich zwischen 1973 und '83 über viele Jahre und an vielen Schauplätzen hinzog.

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Mir scheint es immer das gleiche Prinzip zu sein: haben sich die Menschen trotz Widrigkeiten aufgerappelt und von der letzten "Krise" erholt, kommt die nächste Krise. Warum?


Also, ein paar notwendige Ergänzungen - die möglicherweise deine Beobachtungen und Fragen ergänzen

1) Aber die viele Kritik an den Grünen hat sich auch in deren Wahlergebnissen niedergeschlagen ... und das wohl auch nicht zu unrecht ... wie bei der SPD sehr ähnlich ... schließlich bist du doch auch du gegen die Hartz-4-Reform !?
- Ich selber habe in Bezug auf auf Hartz-4 eine zwiespältige Sicht, die natürlich auch mich, aber auch andere betrifft ... ist Hartz-4 nun gut, schlecht, oder bösartig - und wie verknüpft man das jetzt mit einer -wie auch immer gearteten Sichtweise der Grünen - ??! = Hier ist definitiv der Top-Konflikt, der nicht einfach erläutert werden kann.

2) Es sind natürlich immer ökonomische Krisen, die durch extreme Spekulationen etc entstehen, die sich natürlich auch in mehr Ungerechtigkeit ausdrücken

3) der Ideologie-Faktor versus 0-%-Wachstum-Forderung (oder auch Ideologie)
Hier wird zuviel ausgeklammert, und darin liegen (auch) die Erklärungen dafür, warum 0-%-Wachstum nicht funktioniert.

Ich bin ganz ehrlich der Meinung, dass 0-%-Wachstum nur unter ganz besonderen Umständen für das Volk wenigstens zufriedenstellend sein wird.
Und wenn nicht, dann Depressionen aller Art. Es geht nicht nur um ökonomische Depressionen, sondern um menschliche Depressionen überhaupt.
Dagegen kann die 0-%-Forderung nicht im geringsten anstinken !!
- Der Mensch will sich entwickeln, sich entfalten, und auch dazu ist irgendwie Wachstum notwendig.
- Die 0-%-Wachstum-Forderung wird aus meiner Sicht niemals funktionieren - wer anderer Meinung ist, möge das bitte einigermaßen detailliert erläutern und aufdröseln .....

Beverly, es betrifft dich und natürlich nicht nur: Wer davon träumt, das Weltraum zu erkunden und neue Welten erschließen will, wird definitiv Wachstum brauchen.

Fazit daraus eben ist, dass die gewollte Art des Wachstum definiert wird. Und die kann sich erst einmal daran abarbeiten, ob man die derzeitige Kapital-Akkumulation nicht lieber in von allen befürworteten Entwicklungen steckt.

Beverly
06.07.2009, 15:44
Beverly, es betrifft dich und natürlich nicht nur: Wer davon träumt, das Weltraum zu erkunden und neue Welten erschließen will, wird definitiv Wachstum brauchen.

Fazit daraus eben ist, dass die gewollte Art des Wachstum definiert wird. Und die kann sich erst einmal daran abarbeiten, ob man die derzeitige Kapital-Akkumulation nicht lieber in von allen befürworteten Entwicklungen steckt.

Das Wachstum wie wir es jetzt haben, ist einerseits wie eine abhängig machende Droge und andererseits oft so sinnvoll, wie der Zwang, einen Luftballon so lange aufzublasen, bis er platzt.
Der Zwang besteht darin, jedes Jahr idealerweise zwischen 5 bis 10 Prozent Steigerung des Brottosozialproduktes realisieren zu müssen, weil sonst
- viele Menschen ihre Arbeit verlieren
- bei den Verteilungskämpfen die Oben stehenden den Unten stehenden wieder etwas wegnehmen
Die Sinnlosigkeit besteht darin, dass es - formal gesprochen - nur noch auf den Tauschwert der Jahr für Jahr mehr erzeugten Güter ankommt und nach ihrem Gebrauchswert ("Sinn") keiner fragt.

Und das System stößr dadurch schnell an seine Grenzen.
10 Prozent Wachstum lassen sich in einem sehr armen Land leicht realisieren. Die Bezugsgröße ist ja das Bruttoszialprodukt des letzten Jahres und wenn das niedrig ist, lassen sich auch leicht 10 Prozent hinzufügen. Wenn der Kapitalismus nicht so menschenverachtend wäre, dann würden auch die Güter erzeugt, die einen hohen Gebrauchswert haben - Dinge des täglichen Bedarfs, die es vorher nicht gab.
Wenn das Land aber reich ist, dann entsprechen 10 Prozent mehr BSP dem, was es vielleicht vor ein oder zwei Generationen insgesamt produziert hat. Für diese 10 Prozent müssen aber ebenso viele Ressourcen verbracht werden wie vor einen Menschenalter für die ganze Produktion.
Zudem haben die Menschen schon das, was sie zum Leben brauchen, und die Mehrproduktion macht immer weniger Sinn.

Raumfahrt hätte da den Vorteil, dass man nicht mehr nur einen, sondern viele Himmelskörper hat, wo sich der Wachstumszwang noch eine Zeitlang austoben kann, um dann zum Erliegen zu kommen. Weil er als Dauerzustand für das Sonnensystem, die Milchstraße und das gesamte Universum zu viel ist.
Weil er mit seiner zwanghaften Erzeugung von mehr Tauschwert und der Vernachlässigung des Gebrauchswertes im Kosmos ebenso wenig Sinn macht wie auf der Erde.
Und zu sagen, man gibt in einem reichen Land pro Kopf der Bevölkerung anstaat 7 Dollar 70 Dollar für Raumfahrt aus, ist etwas ganz Anderes als den prozentualen Wachstumszwang zu bedienen. Ich bin für ein langfristiges Konzept für Raumfahrt und ihre Integration in "erdgebundene" Bildung und Wissenschaft zwecks Nutzenmaximierung. Aber ich kann beim besten Willen nicht versprechen, dass 10mal so viel Geld für die Raumfahrt in der BRD dieser BRD wieder wie vor dreißig oder mehr Jahren 10 Prozent Wachstum bringen können.

naiv
06.07.2009, 16:29
Ich hatte oft Diskussionen, bei denen ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten sich alle darin einig waren, dass zumindest in den Industrieländern die Menschen alles zum Leben materiell Notwendige doch schon haben. Die Konflikte sind keine Verteilungskämpfe um knappe Güter, sondern um all die Dinge, die jenseits des rein Materiellen liegen. Etwa, wie man Wirtschaft und Gesellschaft so organisiert, dass alle von materiellen Reichtung profitieren. Oder was die Menschen mit dem neu gewonnenen Freiraum machen.

Perfiderweise gab es aber in den letzten hundert Jahren IMHO mehrfach "Kehrwendungen", wo das Erreichen einer materiellen Sättigung nicht neue Möglichkeiten eröffnete, sondern ihm der Absturz folgte.

"Die goldenen Zwanziger"

In den 1920er Jahren war zumindest in den USA die Rede davon, dass man nun dicht vor dem Sieg über die Armut steht. Die USA waren der eigentliche und einzige Sieger des Ersten Weltkrieges, in ihren Städten wuchsen die Wolkenkratzer und Henry Fort entwickelte das Prinzip der Massenproduktion am Fließband weiter.
Doch 1929 kam der sattsam bekannte Absturz und nach Präsident Hoover wurden Zeltstädte von Obdachlos Gewordenen benannt. Erst die Nachfrage nach Rüstungsgütern durch den Zweiten Weltkrieg soll die Rezssion überwunden haben - nachdem die Menschen durch sie wieder zurück geworfen wurden! Geistig und kulturell ebenso wie materiell!

Berichte aus der Zeit so zwischen 1910 und 1940 legen für mich den Schluss nahe, dass damals auch in Deutschland bei realistischer Kalkulation der Sieg über die materielle Not schon möglich gewesen wäre. Zwar nicht mit Privatautos und Kreuzfahrten ins Mittelmeer, aber so, dass jeder genug zu essen und eine bescheidene, aber sichere Lebensperspektive hat.
Die beiden Weltkriege und die Wirtschaftskrise von 1929 machten dann den Sieg über die Not auch in Deutschland zunichte! Nach 1945 sollen die meisten Deutschen unterernährt gewesen sein und die meisten Schwangerschaften endeten mit einer Abtreibung.

Nach dem "Wirtschaftswunder"

Bei Diskussionen über mein Leben komme ich zu dem Schluss, dass wir um 1970 schon alles materiell zum Leben Notwendige hatten. Im übrigen auch ohne Auto, Reisen ins Ausland und Luxuskonsum, den es in meiner Familie nicht gab. Wachstum war überflüssig geworden bzw. etwas für Dritte-Welt-Länder. Die Grünen forderten, sich auf das Nullwachstum einzustellen und sie hatten Recht!
Aber anstatt neuer Perspektiven gab es wieder eine "Krise". Diesmal schleichend, kein so rabiater Schnitt wie 1929, sondern ein allmählicher Prozess, der sich zwischen 1973 und '83 über viele Jahre und an vielen Schauplätzen hinzog.

Aufschwung im Abschwung

Weil die Krise so schleichend war - eher ein langsamer Niedergang als ein plötzlicher Sturz - gab es auch Gegenkräfte oder schlicht Bestrebungen, es sich einzurichten und z. B. die Ära Kohl selbst auszusitzen. So eine Art Aufschwung im Abschwung, dessen Höhepunkt zwischen 1998 und 2000 war.
Danach ging es wieder bergab. Die Wahl von Bush in den USA, die Hartz-Gesetze in Deutschland, die Eskalation im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ... die "Finanzkrise" von 2008 hat ein langes Vorspiel.

Mir scheint es immer das gleiche Prinzip zu sein: haben sich die Menschen trotz Widrigkeiten aufgerappelt und von der letzten "Krise" erholt, kommt die nächste Krise. Warum?

Tut mir leid, aber es gab kein Wirtschaftswunder. Wenn ich dir morgen 1 Mrd. € in die Hand drücke, bist du auch ein "Wunder". Du könntest in den ärmsten Stadteil Berlins ziehen und Hunderten, vielleicht Tausenden Arbeit und Beschäftigung, womit auch immer, geben. Ein Wunder ? Nein, meine Finanzierung.

Deutsche, die 1949 in den Trümmern standen haben was bewirkt ... ?