Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Politische... gesellschaftskritische Lyrik


Iphigenie
08.08.2008, 23:51
Die Schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie die Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

~ Heinrich Heine (1797-1853) deutscher Schriftsteller

Iphigenie
09.08.2008, 00:00
Das letzte Kapitel

Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte,
völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.

~Erich Kästner (1899-1974) deutscher Schriftsteller

Iphigenie
09.08.2008, 00:02
Leicht ist Vieles

Leicht ist Vieles,
doch nichts leichter als die Zeit
in der wir leben,
in der wir streben,
Leichtes in uns einzuweben.

Leicht schmiert leichte Frühstücksbutter
sich von selbst ins leichte Brot
und ’ne federleichte Oma freut sich:
„Bald schon 63Jahre
ohne Krieg und Hungersnot!“.

Leicht fliegt eine Segeljacht
Durch des Meeres weite Pracht
obenauf da liegen Modelmädchen,
leicht wie deutsche Wattebrötchen
und der schnieke Käptn, der honette
raucht ’ne superleichte Zigarette.

Leichte Margarine, leichte Vitamine
und auch leicht die Kehrmaschine
Leichte Präser für den Herrn
Leichte Binden für die Dern
daunenleichte Federbetten
Leicht sogar die Schlaftabletten.

Leicht fließt aller Medienbrei ungehindert eins zwei drei
flott in unsere Köpfe
Leicht und ohne Widerstand
Zieh’n Reformen durch das Land
Leicht ist das Entrechten, leicht ist auch das Knechten
Leicht ist stark die Herrscherhand.

Leicht ist Vieles,
doch nichts leichter als die Zeit
in der wir leben,
in der wir streben,
Seichtes in uns einzuweben.

~Iphigenie

Iphigenie
10.08.2008, 09:13
Frankfurter Stadtansichten

Es war ein Tag, so schön wie heute
die ganze Stadt war sexbeflaggt
Am Straßenrand da gafften Leute
- das Weib lag tot und unten nackt.

Der schicke Benz war seitlich eingedellt
er sah wohl nicht den Zebrastreifen
Des Fahrers Hirn war eingestellt
auf einen plötzlich steifen Steifen.

Ein Penner legte seine Schmusedecke
auf diesen wunderschönen toten Po
Tatüüü-tataaa kam rasend um die Ecke
und noch mehr Gaffer sowieso

Ein Krankenwagen fuhr gleich weiter
weil der ’ne Leiche niemals transportiert
Der Fahrer, so geschockt - da weint er
als er so sieht, was er da massakriert

An allen Straßenrändern der Stadt
wirbt ein Bikiniweib mit lüsterndem Blick
Keiner, der’s nicht schon gesehen hat
Keiner, der nicht träumt von einem Fick

„Autofahrer, bitte nicht hingucken!“
-Ein lustiger stilvoller Werbegag
Der Pöbel muß seitwärts rucken
ein Leichenwagen fährt die Leiche weg

Vier Hände öffnen die Zinkwanne
ein wenig Blut auf einer hohen Stirn
…….Blicke fallen rein ins schöne Mädelgesicht
Und ein Gedanke zuckt durch beider Hirn:
„Kenne ich die nicht?1…Kenne ich die nicht?!….Kenne ich die nicht?!“

Iphigenie
10.08.2008, 09:14
Artikel 3 (3)

1
niemand darf wegen
seines geschlechtes
seiner abstammung
seiner rasse
seiner sprache
seiner heimat und herkunft
seines glaubens
seiner religiösen oder
politischen
anschauungen
benachteiligt oder
bevorzugt werden.

2
ein volk von
ex nazis
und ihren
mitläufern
betreibt schon wieder
seinen lieblingssport
die hetzjagd auf
kommunisten
sozialisten
humanisten
dissidenten
linke.

3
wer rechts ist
grinst.

4
beispielsweise
wird eine partei zugelassen
damit man
die existenz
ihrer mitglieder
zerstören kann
eigentlich waren
die nazis ehrlicher

zugegeben
die neue methode ist
cleverer


5
dreißig jahre später
gibt es wieder
sagen wir
zehntausend
die verhören
die neue gestapo

wehrt euch
vielleicht gibt es zeitungen
die eine rubrik einrichten
jeden tag in einem kasten
eine visage
die fotografie einer fresse
die verhört
mit namen
beruf
adresse
sowie
in den meisten fällen
mitgliedsnummer der
nsdap

dann selbstverständlich
keine gewalt
sondern geht hin
und zeichnet
die wohnungstüre
das haus
des folterers
mit hakenkreuzen

ich garantiere euch
der wird es sich
überlegen
ob er noch einmal
verhört

der läuft zu
seinem boss
und sagt
sorry boss
die machen mich
dingfest
der wird mir
zu gefährlich
dem geht der
A**** im grundeis

hört auf zu winseln
wehrt euch
die beste verteidigung ist
der angriff (clausewitz)

6
als die nazis
während des krieges
in dänemark
den judenstern einführen wollten

trug der könig von dänemark
bei seinem nächsten ausritt
den gelben stern
auf seiner uniform

warum legen
der scheel
der schmidt
der willibrandt
der genscher
der maihofer
nicht den
judenstern an
wenn sie
beim frühstück lesen
daß man schon wieder
eine lehrerin
gefoltert hat

ah ich vergesse
daß sie eine solche meldung
mit der lupe
suchen müßten

wie wär’s denn
bundesdeutsche zeitungen
wenn ihr
den deutschen dissidenten
wenigstens ein zehntel des raums
einräumen würdet
den ihr
den russischen widmet
doch zieht ihr es vor
aus dem glashaus
mit steinen zu schmeißen

die splitter im fremden
anstatt den balken im eigenen
auge zu sehn

7
das neue kz
ist schon errichtet

die radikalen sind ausgeschlossen
vom öffentlichen dienst
also eingeschlossen
ins lager
das errichtet wird
für den gedanken an
die veränderung
öffentlichen dienstes

die gesellschaft ist wieder geteilt
in wächter
und bewachte
wie gehabt

ein geruch breitet sich aus
der geruch einer maschine
die gas erzeugt.

~ Alfred Andersch (1914-1980) deutscher zeitkritischer Erzähler

Iphigenie
10.08.2008, 09:15
Der Tantenmörder

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten Kasten nach

Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, daß sie sich noch härme-
Nacht war es rings um mich her-
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich fasste sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch.-

Ich hab meine Tante geschlachtet
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

~ Frank Wedekind (1864- 1918) deutscher Dichter, Dramaturg, Schauspieler, Schriftsteller

Iphigenie
10.08.2008, 09:16
THIS LAND IS YOUR LAND
words and music by Woody Guthrie

Chorus:
This land is your land, this land is my land
From California, to the New York Island
From the redwood forest, to the gulf stream waters
This land was made for you and me

As I was walking a ribbon of highway
I saw above me an endless skyway
I saw below me a golden valley
This land was made for you and me

Chorus

I've roamed and rambled and I've followed my footsteps
To the sparkling sands of her diamond deserts
And all around me a voice was sounding
This land was made for you and me

Chorus

The sun comes shining as I was strolling
The wheat fields waving and the dust clouds rolling
The fog was lifting a voice come chanting
This land was made for you and me

Chorus

As I was walkin' - I saw a sign there
And that sign said - no tress passin'
But on the other side .... it didn't say nothin!
Now that side was made for you and me!

Chorus

In the squares of the city - In the shadow of the steeple
Near the relief office - I see my people
And some are grumblin' and some are wonderin'
If this land's still made for you and me.

Iphigenie
10.08.2008, 09:16
Hymnus auf die Bankiers

Der kann sich freuen, der die nicht kennt!
Ihr frag noch immer: Wen?
Sie borgen sich Geld für fünf Prozent
und leihen es weiter zu zehn.
Sie haben noch nie mit der Wimper gezuckt,
Ihr Herz stand noch niemals still.
Die Differenzen sind ihr Produkt.
(Das kann man verstehn, wie man will.)
Ihr Appetit ist bodenlos.
Sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Und schwängern ihr eignes Geld.
Sie sind die Hexer in Person
und zaubern aus hohler Hand.
Sie machen Gold am Telefon
und Petroleum aus Sand.
Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den andern die Hälse ab.
Papier ist manchmal scharf.
Sie glauben den Regeln der Regeldetrie
und glauben nicht recht an Gott.
Sie haben nur eine Sympathie.
Sie lieben das Geld. Und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

~Erich Kästner (1899-1974) deutscher Schriftsteller

Iphigenie
10.08.2008, 09:17
Solidaritätslied

Auf, ihr Völker dieser Erde!
Einigt euch in diesem Sinn:
Daß sie jetzt die eure werde
Und die große Nährerin.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber!
Endet ihre Schlächterein
Reden erst die Völker selber,
Werden sie schnell einig sein.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Wollen wir es schnell erreichen
Brauchen wir noch dich und dich
Wer im Stich läßt seinesgleichen
Läßt ja nur sich selbst im Stich.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Unsre Herrn, wer sie auch seien
Sehen unsre Zwietracht gern
Denn so lang sie uns entzweien
Bleiben sie doch unsre Herrn.
Vorwärts und nicht vergessen
Worin unsere Stärke besteht
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts, nie vergessen
Die Solidarität !

Proletarier aller Länder
Einigt euch und ihr seid frei.
Eure großen Regimenter
Brechen jede Tyrannei!
Vorwärts und nie vergessen
Und die Frage konkret gestellt
Beim Hungern und beim Essen:
Wessen Morgen ist der Morgen?
Wessen Welt ist die Welt?

~ Bertholt Brecht (1898 – 1956) deutscher Schriftsteller und Dichter

Iphigenie
10.08.2008, 09:20
Es riecht nach Leben....


Sie lesen
Sie hören
Die Zeichen von früh bis spät
Es riecht nach Leben
Es ist ein freies Land
Mit freien Bürgern
Erzogen in dem Bewusstsein
Zwischen unzähligen Buchtiteln
Unzähligen Filmen
Unzähligen Zeitschriften
Unzähligen Tageszeitungen
Unzähligen Links
Unzähligen Bildern
Unzähligen Fernsehprogrammen
Unzähligen Musikstücken
Unzähligen Computerspielen
Unzähligen Schauspielen
Unzähligen Playstationen
Unzähligen Unzähligem
Frei zu wählen

Erzogen
Frei zu wählen
Was ihre Seele streichelt
Es riecht nach Leben
Sie lesen
Sie hören
Die Zeichen von früh bis spät
Die Zeichen der Zeit
Die Zeichen der Zeichen
Die Zeichen der Reichen
In einem freien Land

Sie pusten Geistessamen digital
Oder in Druckerschwärze gegossen
In den Elektronenwind der weiten Welt
- Fruchtbar der Boden, auf den das fällt ?
Sie pusten
Sie pusten


Es riecht nach Leben im Heim der
Alten und Jungen
Frei wählen
Zwischen unzähligen Kreuzworträtseln
Zwischen unzähligen Abstellkammern
Zwischen unzähligen Worten.
Sie lesen
Sie hören
Sie schreiben
Sie lösen
In einem fremden Land
In einer fremden Zeit

Sie lesen
Sie hören
Sie schreiben
Sie lösen
Es riecht nach Leben
In den Särgen der Welt

Und keiner weiß warum
…………..Und keiner weiß warum.

~Iphigenie

Iphigenie
10.08.2008, 09:21
REQUIESCAT IN PACE !

Wenn nur ein Kopf da liegt
Und unterhalb des Kopfes alles gelähmt
Für immer ist
Ist es leicht
Dem Patienten die Wahrheit zu sagen.

Als man ihn behutsam
Auf der Autobahn barg
Hielt er das Mobilphon
Wacker in der Rechten

Jetzt liegt er
Da
Der Kopf
Und hört was Sache ist.
Er glaubt es nicht
Er spürt, daß er etwas nicht spürt
Er weint

Und der Mund bildet die ersten Worte

Ich muß meine Firma anrufen,
Meine Firma braucht mich doch
Siebzig Stunden in der Woche braucht sie mich
Sie lassen mich nicht im Stich
Sie brauchen mich
Verstehen Sie ?
Sie werden mir
Eine Computeranlage beschaffen
Mit meinem Mund kann ich
Einen Stift führen
Meine Firma braucht mich
Ich muß mit meiner Firma reden.
Kann ich mal telefonieren?
Sagen Sie doch etwas
Weiß es meine Frau schon ?

Er liegt da
Der Kopf
Eines wackeren
Deutschen
Managers.

Iphigenie
10.08.2008, 09:24
Die Maßnahmen

Die Faulen werden geschlachtet
die Welt wird fleißig
Die Häßlichen werden geschlachtet
die Welt wird schön
Die Narren werden geschlachtet
die Welt wird weise
Die Kranken werden geschlachtet
die Welt wird gesund
Die Traurigen werden geschlachtet
die Welt wird lustig
Die Alten werden geschlachtet
die Welt wird jung
Die Feinde werden geschlachtet
die Welt wird freundlich
Die Bösen werden geschlachtet
die Welt wird gut

~ Erich Fried (1921-1988) österreichischer Dichter

Iphigenie
10.08.2008, 09:25
Knigge für Unbemittelte

Ans deutsche Volk, von Ulm bis Kiel:
Ihr eßt zu oft, Ihr eßt zuviel!
Ans deutsche Volk, von Thorn bis Trier;
Ihr seid zu faul! Zu faul seid ihr!

Und wenn sie euch den Lohn entzögen!
Und wenn der Schlaf verboten wär!
Und wenn sie euch so sehr belögen,
daß sich des Reiches Balken bögen!
Seid höflich und sagt Dankesehr.

Die Hände an die Hosennaht!
Stellt Kinder her! Die Nacht dem Staat!
Euch liegt der Rohrstock tief im Blut,
Die Augen rechts! Euch geht´s zu gut.

Ihr sollt nicht denken, wenn ihr sprecht!
Gehirn ist nicht für kleine Leute.
Den Millionären geht es schlecht,
Ein neuer Krieg käm ihnen recht.
So macht den Ärmsten doch die Freude!

Ihr seid zu frech und unbegabt!
Seid taktvoll, wenn ihr Hunger habt!
Rasiert euch besser! Werdet zart!
Ihr seid kein Volk von Lebensart!

Und wenn sie euch noch tiefer stießen
Und würfen Steine hinterher!
Und wenn sie euch verhaften ließen
Und würden nach euch Scheibe-schießen!
Sterbt höflich
und sagt Dankesehr.

~ Erich Kästner (1899-1974) deutscher Dichter

Iphigenie
10.08.2008, 09:25
Jedwedes hat seine Zeit

Alles hat seine Stunde
unter dem Himmel

Für jedes Geschehen
gibt es eine bestimmte Zeit

Eine Zeit zum Geborenwerden
und eine Zeit zum Sterben

Eine Zeit zum Pflanzen
und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen

Eine Zeit zum Töten
und eine Zeit zum Heilen

Eine Zeit zum Niederreißen
und eine Zeit zum Bauen

Eine Zeit zum Weinen
und eine Zeit zum Lachen

Eine Zeit für die Klage
und eine Zeit für den Tanz

Eine Zeit zum Steinewerfen
und eine Zeit zum Sammeln der Steine

Eine Zeit zum Umarmen
und eine Zeit die Umarmung zu lösen

Eine Zeit zum Suchen
und eine Zeit zu Verlieren

Eine Zeit zum Behalten
und eine Zeit zum Wegwerfen

Eine Zeit zum Zerreißen
und eine Zeit zum Zusammennähen

Eine Zeit zum Schweigen
und eine Zeit zum Reden

Eine Zeit zum Lieben
und eine Zeit zum Hassen

Eine Zeit für den Krieg
und eine Zeit für den Frieden.

Quelle: Altes Testament: Prediger Salomon

Iphigenie
10.08.2008, 09:26
Saal der kreißenden Frauen

Die ärmsten Frauen von Berlin
- dreizehn Kinder in anderthalb Zimmern,
Huren, Gefangene, Ausgestoßene-
Krümmen hier ihren Leib und wimmern.
Es wird nirgends so viel geschrien.
Es wird nirgends Schmerzen und Leid
So ganz und gar nicht wie hier beachtet,
weil hier eben immer was schreit.

„Pressen Sie, Frau! Verstehn Sie, ja?
Sie sind nicht zum Vergnügen da.
Ziehn Sie die Sache nicht in die Länge.
Kommt auch Kot bei dem Gedränge!
Sie sind nicht da um auszuruhn.
Es kommt nicht selbst. Sie müssen was tun!“
Schließlich kommt es: bläulich und klein.
Urin und Stuhlgang salben es ein.

Aus elf Betten mit Tränen und Blut
Grüßt es ein Wimmern als Salut.
Nur aus zwei Augen bricht ein Chor
Von Jubilaten zum Himmel empor.

Durch dieses kleine fleischerne Stück
Wird alles gehen: Jammern und Glück.
Und stirbt es dermaleinst in Röcheln und Qual,
liegen zwölf andere in diesem Saal.

~ Gottfried Benn (1886-1956) deutscher Dichter

Iphigenie
10.08.2008, 09:27
I am gross and perverted

I am gross and perverted
Im obsessed n deranged
I have existed for years
But very little had changed
I am the tool of the government
And industry too
For I am destined to rule
And regulate you

I may be vile and pernicious
But you cant look away
I make you think Im delicious
With the stuff that I say
I am the best you can get
Have you guessed me yet?
I am the slime oozin out
From your tv set

You will obey me while I lead you
And eat the garbage that I feed you
Until the day that we dont need you
Dont got for help...no one will heed you
Your mind is totally controlled
It has been stuffed into my mold
And you will do as you are told
Until the rights to you are sold

Thats right, folks..
Dont touch that dial

Well, I am the slime from your video
Oozin along on your livinroom floor

I am the slime from your video
Cant stop the slime, people, lookit me go

~Frank Zappa (1940-1993) amerikanischer Sänger und Texter

Iphigenie
10.08.2008, 09:28
Schöne neue Nullenwelt oder aus dem Wörterbuch des Null-Menschen

Die Großmächte suchen die Null-Verständigung.
Die Regierungen streben nach Null-Abkommen.
Die Militärblöcke führen Null-Abrüstungsgespräche.
Die Blockfreien finden zum Null-Konsens.

Nullen gibt es zu Genüge.
Nullen statt Verständigung.
Und auf jede Nullenlüge
Folgt die Null-Entschuldung.

Die Wirtschaft lebt mit dem Null-Wachstum.
Die Arbeitnehmer mit der Null-Beschäftigung.
Die Jugend steht mit Null-Bock vor der Tür.
Die Etablierten haben dafür Null-Verständnis.

Die Vergangenheit erfährt die Null-Bewältigung.
Die Gegenwart gestattet den vollen Null-Durchblick.
Die Zukunft garantiert das Totale Null-Future.

Hin sind alle Hoffnungsträume,
dass die Welt zusammenhält.
Dafür schafft man Null-Freiräume.
Schöne neue Nullenwelt!

Die Kirche predigt den neuen Null-Glauben.
Die Bundeswehr stärkt ihre Null-Bereitschaft.
Die Justiz sorgt für die Null-Gerechtigkeit.

Die Banken bieten die Null-Sicherheit.
Der Handel steigert die Null-Umsätze.
Die Landwirtschaft erbringt Null-Rekorderträge.

Kommen Nullen in Bredouille,
greifen sie zur Nullenlist:
Wann gestände eine Null je
selbst, dass sie eine ist!

Die Presse beweißt ihre Null-Freiheit.
Das TV erfüllt den Null-Programmauftrag.
Die Satire belacht ihre Null-Wirkung.

Das Schauspielhaus feiert Null-Triumphe.
Die Oper hat ihren Null-Skandal.
In Kassel ist die Null-Art zu sehen.
Im Kabarett eine Null-Mann-Show aus Null-York.
Auf Sylt der erste Null-Nackedei.

Null-Sein ist der letzte Null Modeschrei.
Und noch aus dem Meer von Nullen
tönt es „Null-Lösung in Sicht“!,
um uns Nullen einzulullen –
bis der letzte Strohhalm bricht.

- Dieter Höss (*1935) Textautor, Graphiker und Maler

Iphigenie
10.08.2008, 09:32
Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.

Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, sein Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

~ Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) deutsche Dichterin und Schriftstellerin

Iphigenie
10.08.2008, 09:33
Die Welt ist grau

Die Welt ist grau, mein Kind
Das schöne Erdenrund
liegt krank darnieder
Die Lüfte sind verseucht, mein Kind
die Vögel singen Klagelieder

Die Welt ist trist, mein Kind
die großen Flüsse tragen Trauerflor
Das was du isst, mein Kind
das zaubert die Chemie hervor

Die Welt ist siech, mein Kind
lebende Pest rüstet auf zum großen Krieg
Sie wollen unseren Tod, mein Kind
Auf unseren Leichen schreien sie dann: „Sieg!“

Die Welt ist morsch, mein Kind
und bald schon könnte brechen
sie entzwei
Der neoliberalen Pest, mein Kind
Sind diese Dinge einerlei.

Die Welt ist schön, mein Kind
die Angst vor Krieg
darf nicht dein Herz zerfressen,
Dass du das HEUTE lebst, mein Kind
das darfst du nie vergessen!

~ Iphigenie

Iphigenie
10.08.2008, 09:37
An meine Landsleute


Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten
Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Kriege nicht - ihr Armen
Als ob die alten nicht gelanget hätten:
Ich bitte euch - habet mit euch selbst Erbarmen!

Ihr Männer - greift zur Kelle - nicht zum Messer:
Ihr säßet unter Dächern schließlich jetzt
Hättet ihr auf das Messer nicht gesetzt
Und unter Dächern sitzt es sich doch besser:
Ich bitte euch - greift zur Kelle - nicht zum Messer!

Ihr Kinder - daß sie euch mit Krieg verschonen
Müßt ihr um Einsicht eure Eltern bitten.
Sagt laut, ihr wollt nicht in Ruinen wohnen
Und nicht das leiden - was sie selber litten:
Ihr Kinder - daß sie euch mit Krieg verschonen!

Ihr Mütter - da es euch anheimgegeben
Den Krieg zu dulden oder nicht zu dulden.
Ich bitte euch -lasset eure Kinder leben!
Daß sie euch die Geburt und nicht den Tod dann schulden:
Ihr Mütter - lasset eure Kinder leben! (Oktober 1949)

~ Berthold Brecht (1898-1956) deutscher Dichter

Iphigenie
10.08.2008, 09:37
Risikobiografie

Verirrt im eigenen Treppenhaus,
in der ersten Morgenbrise.
Ich hab nichts gegen eine Nachricht.
Bloß nicht schon wieder diese.

Was soll das heißen hier, ich krieg nichts mehr?
Ich bin bankrott - Na und? Und ihr?
Keine Lust mich überhaupt darum zu kümmern.
Diese Scheiße mit dem Geld und ihr Verlauf, reibt dich nur auf.

Ich esse eure Suppe nicht.
Nein, eure Suppe esse ich nicht.
Schon lieber mache ich haufenweise Miese
und fahr die neugekaufte Karre auf die Wiese.

Daß es Dresche gibt dafür, war immer klar.
Die lachen sich doch tot, wenn sich so'n Typ wie ich beschwert.
Und lächeln immer noch, wenn er krepiert.

Allein - machen sie dich ein.

~ Die Sterne, aus dem Album “Posen”

Iphigenie
14.08.2008, 20:26
Menschlichkeit

Soldaten peitschten eine Hochschwangere zu Tode
Sie hatten sie verdächtigt
zu wissen
wo die feigen mordrünstigen
Selbstmordattentäter sich aufhielten
Sie schmissen die Frau zu Boden
um das Schweigen aus ihr herauszufoltern

Als die Welt davon erfuhr
rechtfertigte der Ministerpräsident
die Tat,
sagte, dass es ja allein dem freien Willen der Frau oblag
zu reden
um ihr Leben
und das ihres Ungeborenen
zu retten

Und im übrigen müsse die Welt den Soldaten
zu Gute halten
daß sie sich menschlich verhalten haben
Haben sie doch unter erschwerten Bedingungen
ein Loch in das felsige Gestein gegraben
um die Leibesfrucht
geschützt hineinzulegen
Eine Fürsorge, die die menschenfeindlichen Terroristen
niemals einer Hochschwangeren
seines leidgeprüften Volkes
hätten angedeihen lassen.

~ Iphigenie

Iphigenie
14.08.2008, 20:28
Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf Euren Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.

Ihr sollt alles weiter dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein.
Wir wollen freie Wirtschafter sein!

Wir diktieren die Preise und die Verträge -
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.

Ihr braucht keine Heime für Eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr sollt Euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!

Ihr sollt nicht mehr zusammenstehen -
Wollt Ihr wohl aus einander gehen!

Ihr sagt: Die Wirtschaft müsse bestehen.
Eine schöne Wirtschaft! Für wen? Für wen?

Das laufende Band, das sich weiterschiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
Eure eigene Kundschaft kaputtgemacht.
Denn Deutschland besteht -
Millionäre sind selten -
aus Arbeitern und Angestellten!

Und Eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.
Während Millionen stempeln gehen.
Die wissen, für wen!
(1930)

~Kurt Tucholsky (1890-1935 Selbstmord) deutscher Schriftsteller

Iphigenie
14.08.2008, 21:10
Universal Soldier

(By Buffy Sainte-Marie)

He's five feet two and he's six feet four
He fights with missiles and with spears
He's all of 31 and he's only 17
He's been a soldier for a thousand years

He's a Catholic, a Hindu, an athiest, a Jain,
a Buddhist and a Baptist and a Jew
and he knows he shouldn't kill
and he knows he always will
kill you for me my friend and me for you

And he's fighting for Canada,
he's fighting for France,
he's fighting for the USA,
and he's fighting for the Russians
and he's fighting for Japan,
and he thinks we'll put an end to war this way

And he's fighting for Democracy
and fighting for the Reds
He says it's for the peace of all
He's the one who must decide
who's to live and who's to die
and he never sees the writing on the walls

But without him how would Hitler have
condemned him at Dachau
Without him Caesar would have stood alone
He's the one who gives his body
as a weapon to a war
and without him all this killing can't go on

He's the universal soldier and he
really is to blame
His orders come from far away no more
They come from him, and you, and me
and brothers can't you see
this is not the way we put an end to war.

Turandot
16.08.2008, 10:14
America



America I've given you all and now I'm nothing.
America two dollars and twentyseven cents January
17, 1956.
I can't stand my own mind.
America when will we end the human war?
Go fuck yourself with your atom bomb.
I don't feel good don't bother me.
I won't write my poem till I'm in my right mind.
America when will you be angelic?
When will you take off your clothes?
When will you look at yourself through the grave?
When will you be worthy of your million Trotskyites?
America why are your libraries full of tears?
America when will you send your eggs to India?
I'm sick of your insane demands.
When can I go into the supermarket and buy what I
need with my good looks?
America after all it is you and I who are perfect not
the next world.
Your machinery is too much for me.
You made me want to be a saint.
There must be some other way to settle this argument.
Burroughs is in Tangiers I don't think he'll come back
it's sinister.
Are you being sinister or is this some form of practical
joke?
I'm trying to come to the point.
I refuse to give up my obsession.
America stop pushing I know what I'm doing.
America the plum blossoms are falling.
I haven't read the newspapers for months, everyday
somebody goes on trial for murder.
America I feel sentimental about the Wobblies.
America I used to be a communist when I was a kid
I'm not sorry.
I smoke marijuana every chance I get.
I sit in my house for days on end and stare at the roses
in the closet.
When I go to Chinatown I get drunk and never get laid.
My mind is made up there's going to be trouble.
You should have seen me reading Marx.
My psychoanalyst thinks I'm perfectly right.
I won't say the Lord's Prayer.
I have mystical visions and cosmic vibrations.
America I still haven't told you what you did to Uncle
Max after he came over from Russia.

I'm addressing you.
Are you going to let your emotional life be run by
Time Magazine?
I'm obsessed by Time Magazine.
I read it every week.
Its cover stares at me every time I slink past the corner
candystore.
I read it in the basement of the Berkeley Public Library.
It's always telling me about responsibility. Business-
men are serious. Movie producers are serious.
Everybody's serious but me.
It occurs to me that I am America.
I am talking to myself again.

Asia is rising against me.
I haven't got a chinaman's chance.
I'd better consider my national resources.
My national resources consist of two joints of
marijuana millions of genitals an unpublishable
private literature that goes 1400 miles an hour
and twenty-five-thousand mental institutions.
I say nothing about my prisons nor the millions of
underprivileged who live in my flowerpots
under the light of five hundred suns.
I have abolished the whorehouses of France, Tangiers
is the next to go.
My ambition is to be President despite the fact that
I'm a Catholic.
America how can I write a holy litany in your silly
mood?
I will continue like Henry Ford my strophes are as
individual as his automobiles more so they're
all different sexes.
America I will sell you strophes $2500 apiece $500
down on your old strophe
America free Tom Mooney
America save the Spanish Loyalists
America Sacco & Vanzetti must not die
America I am the Scottsboro boys.
America when I was seven momma took me to Com-
munist Cell meetings they sold us garbanzos a
handful per ticket a ticket costs a nickel and the
speeches were free everybody was angelic and
sentimental about the workers it was all so sin-
cere you have no idea what a good thing the
party was in 1835 Scott Nearing was a grand
old man a real mensch Mother Bloor made me
cry I once saw Israel Amter plain. Everybody
must have been a spy.
America you don't really want to go to war.
America it's them bad Russians.
Them Russians them Russians and them Chinamen.
And them Russians.
The Russia wants to eat us alive. The Russia's power
mad. She wants to take our cars from out our
garages.
Her wants to grab Chicago. Her needs a Red Readers'
Digest. Her wants our auto plants in Siberia.
Him big bureaucracy running our fillingsta-
tions.
That no good. Ugh. Him make Indians learn read.
Him need big black niggers. Hah. Her make us
all work sixteen hours a day. Help.
America this is quite serious.
America this is the impression I get from looking in
the television set.
America is this correct?
I'd better get right down to the job.
It's true I don't want to join the Army or turn lathes
in precision parts factories, I'm nearsighted and
psychopathic anyway.
America I'm putting my queer shoulder to the wheel.

Berkeley, January 17, 1956







Ginsberg reading:

YouTube- allen ginsberg: america

Iphigenie
29.08.2008, 09:59
Die Gewalt fängt nicht an

Die Gewalt fängt nicht an,
wenn einer einen erwürgt,
sie fängt an, wenn einer sagt:
Ich liebe dich, du gehörst mir!
Die Gewalt fängt nicht an,
wenn Kranke getötet werden,
sie fängt an, wenn einer sagt:
Du bist krank, du musst tun, was ich sage!
Die Gewalt fängt an,
wenn Eltern ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päpste und Lehrer und Eltern Selbstbeherrschung verlangen.
Die Gewalt herrscht,
wo irgendwer oder irgendwas
zu hoch ist oder zu heilig ist,
um noch kritisiert zu werden.
Oder wo die Kritik nichts tun darf,
sondern nur reden
und die Heiligen oder die Hohen
mehr tun dürfen als reden.

~ Erich Fried

Myron
29.08.2008, 23:55
leicht abgewandeltes Zitat von A. Gindsberg

Und ich fragte mich, war ich verrückt oder Amerika*.
Ich tippte auf Amerika. Und ich hatte wieder mal Recht.

Iphigenie
01.09.2008, 22:05
Schwarze Serenade

Ich hoffe, Sie werden das alles verkraften, meine Herrschaften, den ganzen Weltuntergang - und zwar von Anfang an.
Und dann, natürlich dann ein Knall,
der bald im All verklingt, als sei nichts gewesen,
weder Tiere noch Pflanzen noch menschliche Wesen. Zwischen Sonne und Mond ist die Stille größer denn je. Und wir, meine Herrschaften,
begleitet von den Ewigkeiten der Erinnerung, beenden die Geschichtsschreibung.

Eine Sintflut, nicht wahr, wäre doch ungerecht angesichts so vieler unsinkbarer Schiffe. Und sicher können einige Jungfrauen zum fraglichen Zeitpunkt plötzlich fliegen.
Überhaupt sind an so eine Katastrophe auch Hoffnungen
geknüpft: das Ende der Zivilisation, immerhin auch ein Fortschritt - Geldverfall, das Ende zweifelhafter Karrieren, die Intimsphäre ein Schmarren und Barrieren überflüssig.

Selbst Selbstmörder haben jetzt andere Sorgen. Das geht alle an. Jetzt sind alle dran.
Wir werden uns anschauen, entsetzt, hilfesuchend
zum letzten Mal.
Dann krachen die Achttausender zu Tal. Die Kugel bricht.
Der letzte Gott bleibt unsichtbar.
Ein Irrer spricht ganz plötzlich wunderbar vernünftig.

Gerade war es noch so nett, mein Herr. Jetzt splittert das Parkett, mein Herr. Was kann das sein?

Unter den Schuhsohlen bewegt sich etwas von Tokio
bis Caracas.

Rodin's Denker fällt vom Stein. Alles stürzt ins Freie,
aber auch über das Freie stürzt es von oben herein,
platzende Safes, verkohlte Cafes, überall Leichen
und das symbolische Panorama der Andromeda, soweit die Augen reichen.
Der Himalaya flach wie ein Teich.
Nur die Gläubigen singen, vom Ungeheuerlichen gesegnet, ihr letztes Halleluja auf Gottes Reich.
Aber was nützt die Kraft von Psalmen auf überspülten Hochgebirgsalmen?
Und was ein Vater unser im freien Fall? Sei's drum, verehrtes Publikum.
Noch steht der Storch auf einem Bein, doch morgen kann das anders sein.

Nun hat ja das Warten auf die Explosion bei uns schon Tradition:
daß die Welt untergeht, haben vor uns schon andere gesehn, zum Beispiel beim Anblick tropfender Kerzen die Dichter _ und die Menschen beim Anblick anderer Menschen.
Beim eiskalten Drink, dem letzten Vergnügen,
sich mit dem Rätselbild vom Untergang begnügen _
wie angenehm!

Ein Gespräch über das Ende von allem, das nukleare Halali.
die Austrocknungsthese. die Vereisungs theorie -
und das jetzt, wo die Wand einstürzt und weltweit die Welt untergeht. Entsetzlich viele Menschen, entsetzlich hoffnungslos.

Öde Optimisten, schlechte Luft, graue Häuser, mein Kopf, mein Gott, meine Geliebte, Freunde des Atomzeitalters,
die hundert Paläste der Bitterkeit und die Liebe, da ist sie wieder, nutzlos und unangefochten
als Idee.


Selbst das blaue Wunder geht unter.
Stunde Null. Tanzendes Eisen. Tödlicher Beton. Das kennen wir natürlich schon.
Die Phantasie geht in die Knie,
am Abendhimmel zeigt sich ein Komet. Das geht alle an. Jetzt sind alle dran. Jetzt phantasiert nur noch die Realität. Europa - knietief radioaktiv!
Deutschland - endlich uninteressant! Ein Fetzen Glut mit Staub drauf von kosmischen Gestirnen. Amerikanische Wolkenkratzer - nur ein Stockwerk hoch. Die Satelliten funken Funkstille.
Im All verhallt der Knall; von dort stammt die Idee.
Wieder eine Sauriergeneration ausgestorben. Alle tot, Herrschaften, alle -
ein demokratischer Anblick.

Und die Erde weht wie Abfall ans Ende einer Milchstraße.
Gerade war es noch so nett, mein Herr. Jetzt splittert das Parkett, mein Herr.
Entsetzlicher Gedanke, plötzlich frieren beim Küssen und mitten im Tanz aufbören müssen,
ohne Chance.
Jetzt ein Kunststück - und wir wären gerettet!
Wozu taugt denn die Kunst? Nur Kunst? Nur Fragen? Nur Niederlagen?

~ Wolf Wondratschek (*1943) deutscher Dichter und Schriftsteller

hartmut
02.09.2008, 23:09
heinrich Heine: An einen politischen Dichter

Du singst, wie einst Tyrtäus sang,

Von Heldenmut beseelet,

Doch hast du schlecht dein Publikum

Und deine Zeit gewählet.


Beifällig horchen sie dir zwar,

Und loben, schier begeistert:

Wie edel dein Gedankenflug,

Wie du die Form bemeistert.


Sie pflegen auch beim Glase Wein

Ein Vivat dir zu bringen

Und manchen Schlachtgesang von dir

Lautbrüllend nachzusingen.


Der Knecht singt gern ein Freiheitslied

Des Abends in der Schenke:

Das fördert die Verdauungskraft,

Und würzet die Getränke.

Iphigenie
07.09.2008, 17:15
Der Revoluzzer

Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: 'Ich revolüzze!'
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonst unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupft man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer Schrie:
'Ich bin der Lampenputzer
Diesen guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehen, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!'

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich wie man revoluzzt
Und dabei noch Lampen putzt.

~ Erich Mühsam:

Iphigenie
05.10.2008, 19:42
Wir sind wir

ich bin ich und du bist wir
und er ist wir und sie ist wir
wir vier sind wir
so ist das hier
doch die von da und der von da
sind nicht von hier und nicht wie wir
denn ich und du und er und sie
wir vier sind eben nicht wie die
und weder die noch der von da
kann sein wie wir das ist doch klar
selbst wenn er irgendwann vergisst
dass er von ganz woanders ist
und glaubt er wäre jetzt von hier
und wär jetzt auch genau wie wir
dann geht das nicht
denn wir bin ich und wir bist du
und er gehört da nicht dazu
und so zu sein wie du und ich
das will er in der regel nicht
und das ist ja auch richtig
und unwahrscheinlich wichtig
dass jeder weiß
wer er ist
und niemals vergisst
dass da da und hier hier
und die die und wir wir
weil das ist klar
dass die von da
und wir halt von hier
und zwar alle vier
ich
du
er und sie
und wären wir wie die
dann wären wir ja von da
und daran scheitert's ja
wärn wir von da und die von hier
dann wärn die wir und wir wärn die
und wir wüssten nie
wie es ist dieses hier sein
dieses ganz und gar wir sein
und weil nicht sein darf was nicht sein kann
fang' wir das das erst gar nicht an
ich bleib ich
du bleibst du
er bleibt er
und sie bleibt sie
wir vier bleiben wir
und die bleiben die
und so bleibt alles irgendwie
genauso wie es immer war

na wunderbar

~ Wilfried Schmickler (*1954) deutscher Kabarretist

Iphigenie
05.10.2008, 20:45
Carne valet 08

1.
An einem blauen Sommertach
Da kommt der große Bankenkrach
Die Blase der Spekulation
zerplatzt, so wie ein Luftballon
Am Bankomat gibt's auch nix mehr
Wo krieg' ich jetzt die Kohle her?
Die Panik kommt, wenn nix mehr geht
Für alles ist es nun zu spät
Carne valet
Null acht!


2.
Wohl dem, der einen Sparstrumpf hat
Mit dem bist du noch nicht schachmatt
Jedoch der Supermarkt ist leer
Der Lieferwagen fährt nicht mehr
Nun geht's mit dem Rest Sprit im Tank
Zur Hamsterfahrt aufs weite Land
Der Bauer lässt die Hunde los
Da wir die Panik riesengroß
Carne valet
Null acht!

3.
In unsrem stolzen Bundestach
Herrscht nicht mal mehr Parteienkrach
Per Notverordnung wird regiert
Nun sind wir erst recht angeschmiert
Das Ding mit Geld und mit den Zinsen
Ging exponentiell in die Binsen
Und keiner weiß, wie's weitergeht
Für alles ist es nun zu spät
Carne valet
Null acht!

~ SF-Karnevals-Boogie , der auf www.groovty.de im Januar 2008 erschien:

Myron
06.10.2008, 20:13
Und wichtiger als Geld ist alles andere auf der Welt.

Iphigenie
26.11.2008, 15:45
Die Lösung

Wenn was nicht klappt, wenn was nicht klappt,
dann wird vor allem mal nicht berappt.
Wir setzen frisch und munter
die Löhne, die Löhne herunter -
immer runter!

Wir haben bis über die Ohren
bei unsern Geschäften verloren …
Unser Geld ist in allen Welten:
Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:

Den, der sich nicht mehr wehren kann,
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muß man keltern.
Wir sparen an den Gehältern -
immer runter!

Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!

Was braucht ihr eignen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen,
Wir mußten das Risiko tragen …
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.

Was macht man mit Arbeitermassen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eignen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wußten Sie das nicht schon früher -?
Gott segne die Wirtschaftsverführer!

Kurt Tucholsky. Gesammelte Werke 9 - 1931. Rowohlt
Taschenbuch GmbH. Reinbeck bei Hamburg. 1993. S. 269

Iphigenie
06.03.2009, 13:34
Bundeslied

"Bet' und arbeit'!" ruft die Welt.
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
bete kurz!, denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst, und du säst,
und du nietest, und du nähst,
und du hämmerst, und du spinnst
¬sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
füllst des Überflusses Horn,
füllst es hoch mit Wein und Korn. -

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid ?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich,
alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
die dem Geist die Flügel knickt,
die am Fuß des Kindes schon
klirrt - o Volk, das ist dein Lohn.

Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht;
was ihr webt, es ist der Fluch
für euch selbst - ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
.hat's für euch und kein Gemach;
was ihr kleidet und beschuht,
tritt auf euch voll Übermut.


Menschenbienen, die Natur,
gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
wenn du, müde deiner Last,
in die Ecke lehnst den Pflug,
wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

~ Georg Herwegh (1817-1875)